Fürst Alexander von Kroy.“

„Und weshalb trennten Sie sich von dem Fürsten, wenn die Frage erlaubt

ist, Herr Baron?“ warf Herr Knoop hin, während er mit einer

verbindlichen Geste das Schriftstück in die Hände Herrn von Klamms

zurücklegte.

„Ich wünschte den Fürsten zu verlassen, weil ich mich verlobt und den

Besitz meiner Braut mit Zustimmung meiner Schwiegereltern selbst zu

verwalten die Absicht hatte.“

„Hm. — Und das hat sich nicht nach Ihren Voraussetzungen vollzogen?“

„Nein! Meine Braut starb kurz vor der Hochzeit. Inzwischen war die

Stellung anderweitig besetzt, und überdies — ich habe mich neuerdings

wieder verlobt, und warte nur des Augenblicks, heiraten zu können —

paßte dann das alles nicht mehr zusammen.“

Herr Knoop bewegte nach diesen Worten den Kopf mit der Miene einer

Person, die einer Rede mit großem Interesse zugehört hat und sich durch

ihren Inhalt durchaus befriedigt fühlt.

Dann sagte er:

„Glauben Sie zu wissen, wenn ich fragen darf, wer den anonymen Brief

geschrieben hat, Herr Baron? Ich komme darauf zurück, weil Sie das

Eintreffen eines solchen schon voraussetzten!“

„Gewiß! Allerdings, Herr Knoop! Ich vermute, daß die Urheberin dieser

und ähnlicher Verdächtigungen, mit denen ich seit Jahresfrist verfolgt

werde, eine jetzt in Dresden lebende Dame der vornehmen Gesellschaft

ist, der ich den Hof machte, von der ich mich aber zurückzog, weil ich

ihren Charakter zur rechten Zeit durchschaute. Seitdem übt sie diese

Infamien gegen mich mit einer vollendeten Geschicklichkeit aus, weiß

mich, wo ich mich befinde, mit ihren Kundschaftern zu umstellen, und

Personen, zu denen ich in Beziehung trat oder treten will, vor mir zu

warnen.“

„Hm! So! Das ist ja eine sehr fatale Sache. Und dann noch gegen solche

Bosheiten wehrlos zu sein! Ich bedaure Sie aufrichtig, Herr von Klamm.

Das muß ja eine ganz miserable Person sein, die fortgesetzt an einem

Nebenmenschen — es sei vorgefallen was will — derart Rache übt. Ich habe

kein Verständnis für solche Charaktere —“

„Und doch sind sie weit verbreiteter, als man glaubt. Man begreift

bisweilen nicht, weshalb Personen plötzlich eine andere Haltung

annehmen. Man schiebt ihnen, wenn keine Erklärungen erfolgen, Launen zu.

In Wirklichkeit hat irgend ein Mißgünstiger ein Minierwerk begonnen, und

mit Erfolg! — Ich bin überzeugt, daß es Leute giebt, die aus purem Neid

jahraus, jahrein, ohne Aufhören täglich an der Untergrabung des Ansehens

anderer arbeiten, die sich dabei noch weit raffinierterer Mittel

bedienen, als meine einstige Freundin. So geschickt auch solche

anonymen Briefe abgefaßt sind, der vornehm und der einsichtsvoll

Urteilende wird sie stets als ein Produkt niedriger Motive betrachten,

und sie in die Rumpelkammer werfen.“

Herr Knoop pflichtete wiederum durch eine Kopfbewegung bei, dann sagte

er:

„Und Ihr Fräulein Braut, Herr Baron? Sie lebt auch in Dresden?“

„Ja, Herr Knoop! Sie bleibt dort, bis wir heiraten können —“

„Nun, jedenfalls bitte ich, meine beste Gratulation entgegen zu nehmen,

Herr von Klamm. Im übrigen! Wenn es Ihnen jetzt gefällig ist, mit mir

einen Gang durch mein Geschäft anzutreten? Nachdem konveniert Ihnen

vielleicht ein kleines Frühstück bei uns! Meine Frau und Tochter werden

sich über Ihren Besuch sehr freuen.“

Baron von Klamm verbeugte sich mit kavaliermäßiger Höflichkeit.

„Ich danke verbindlichst, Herr Knoop. Sie kommen meinen Wünschen zuvor!

Ich wollte soeben auch diese Vergünstigung von Ihnen erbitten —“

Zunächst betraten die Herren das Vorzimmer. Von dort nahmen sie den Weg

in die Setzersäle, und zwar zuerst in diejenigen, in welchen die täglich

in einer sehr starken Auflage erscheinende Tageszeitung hergestellt

wurde. Zahlreiche Arbeiter standen an Pulten mit kleinen Kästen.

Herr von Klamm war erstaunt, mit welcher Fingerfertigkeit die Leute

arbeiteten, wie einige eifrig, ohne aufzusehen, oder wie andere, noch

Geschultere, gleichsam spielend, ihre Thätigkeit ausübten. Ferner

überraschte ihn, wie geschickt und exakt die Metteure, diejenigen, die

den fertigen Satz für die Druckpressen vorbereiteten, ihr Werk

handhabten.

Zwischen ihnen durch wandelte der Faktor, der Anweisungen erteilte, den

Setzern ein neues Manuskript überwies, oder, an sein Pult zurückkehrend,

das durch kleine Boten eben aus der Redaktion herbeigebrachte Material

zu gleichen Zwecken vorzubereiten begann.

Das war ein Bild emsigen Arbeitsfleißes!

„Im übrigen für die Beschäftigten ein sehr undankbares Geschäft, von

aller menschlichen Thätigkeit das undankbarste!“ erörterte Herr Knoop,

während sie die oben belegenen, teils dem Zeitungssatz, teils den

Accidenzarbeiten dienenden Säle betraten.

„Sobald das von den Setzern mühsam geförderte Werk seine Bestimmung in

den Maschinen erfüllt hat, wird es wieder zerstört. Die Buchstaben

erhalten von neuem ihren Platz in den Schriftkästen, und von neuem

beginnt, was am Abend abermals aufgelöst wird.“

„Und so fort und so fort, bis die Lettern durch den Druck der Maschinen

so abgenutzt sind, daß sie keine genügenden Dienste mehr leisten können.

„Der Maschinist,“ ergänzte Herr Knoop, als sie nach geraumer Zeit

vermittelst Fahrstuhl zur Besichtigung der Druckpressen die

Souterrainräume erreicht und betreten hatten — „hat geholfen, etwas

Bleibendes herzustellen. Das Ergebnis seiner Arbeitsmühen hat Bestand,

oft Jahrhunderte lang. Der Setzer ist — obschon ein weit größerer

Künstler — lediglich ein Handlanger.“

Baron Klamm fragte, weshalb eine Anzahl Maschinen still ständen, während

sich andere von dem schnurrenden Geräusch der Transmissionsriemen

begleitet, und von Bogenfängerinnen bedient, in unruhiger Bewegung

befanden.

„Die außer Thätigkeit gesetzten Maschinen warten der Arbeit für die

Zeitung; diese hier drucken komplizierteren Satz,“ erwiderte Herr Knoop,

und nötigte nunmehr seinen Besuch aus den von dem Geruch des

Maschinenöls und der Druckerschwärze erfüllten Räumen in den

Papierlagerkeller einzutreten.

Endlich durchschritten die Herren auch noch die Gelasse der Buchbinderei

und der Stereotypie, bis sie dann wieder in die Parterrelokalitäten

gelangten und sich nach einem Besuch in den Redaktionsgemächern und

Kontoren, in denen ebenfalls ein zahlreiches Personal emsig bei der

Arbeit war, in die Familienwohnung begaben.

„Wie viele Menschen beschäftigen Sie, Herr Knoop?“ fragte Baron Klamm,

der seiner Bewunderung über dieses großartige Räderwerk und über die

überall herrschende Strenge Ordnung Ausdruck verlieh.

„Zweihundertundachtzig Personen erhalten Wochen- oder Monatslohn im Jahr

bei mir!“ erwiderte Herr Knoop, löste die Brille von den Augen, bewegte,

während er Antwort erteilte und mit einem seidenen Tuch die Gläser

wischte, mit einem Ausdruck berechtigter Selbstbefriedigung das Haupt.

„Und ich habe alles selbst geschaffen,“ ergänzte er. „Mit Kleinem habe

ich begonnen. Das ist mein Stolz! Gewiß! Es giebt noch umfangreichere

Etablissements, aber dies ist auch etwas!“

Und nach kurzer Pause fuhr er fort:

„Ich habe auch eine Idee, wie ich Ihnen — wenn es wirklich in der That

in Ihrer Absicht liegt — eine Thätigkeit anbieten könnte, Herr von

Klamm. Allerdings müßten Sie sich in den Geschäftsrahmen hineinfügen,

wie jeder andere!“

Die Rede wurde unterbrochen, weil Frau Knoop mit lebhaft zuvorkommender

Miene ins Zimmer trat, und nun die Vorstellung erfolgte.

Gleich darauf erschien auch Margarete, ein brünettes junges Mädchen, mit

etwas bürgerlichen Zügen, aber schönen, sogar blendenden Farben,

vollendetem Wuchs, und mit einer angenehm wirkenden freimütigen

Lebendigkeit.

Nach kurzem Plaudern traten sie in den Speisesalon, in dem ein blitzend

sauberer Frühstückstisch mit äußerst einladenden Gerichten gedeckt war.

Neben Portwein, Thee und kräftigen Bieren, präsentierte das Hausmädchen

auch Champagner, dem Baron Klamm kräftig zusprach, während sich Herr

Knoop auf ein sehr kleines Quantum beschränkte, und die Damen überhaupt

auf Wein verzichteten.

„Auf Ihr und auf das Wohl Ihres Fräulein Braut,“ begann Herr Knoop,

ergriff das Glas, und stieß mit dem Baron an.

Er sah wohl, daß Margarete aufmerkte, und daß auch seine Frau überrascht

wurde.

Nach Aufhebung der Tafel, und nach allerlei anregenden Gesprächen, die

Klamm mit Margarete führte, für die er ein lebhaftes Interesse an den

Tag legte, begleitete Herr Knoop den Gast auf die Straße. Er machte

ohnehin stets um diese Zeit einen Spaziergang und besuchte eine

Weinstube.

Dies letzte Zusammensein benutzte Herr Knoop, um Herrn von Klamm mit

den für ihn in Betracht gezogenen Plänen bekannt zu machen.

„Ueberlegen Sie,“ warf er hin, „ob Sie Lust und Neigung haben würden, in

die Redaktion einzutreten, um für eine von mir neu zu errichtende

Rubrik: „Hof und Gesellschaft“ Thätigkeit und Verantwortung zu

übernehmen.

„Sie müßten — ich würde Sie dazu in den Stand setzen — an all

dergleichen Veranstaltungen teilnehmen, in Klubs eintreten,

Festlichkeiten besuchen, Personalien über besonders hervorragende

Persönlichkeiten zu erlangen suchen, und das alles in einer anziehenden

Form in die Täglichen Nachrichten bringen.“

Zu Herrn Knoops Enttäuschung stimmte Baron Klamm nicht so lebhaft zu,

wie er erwartet hatte.

„Sehr vortrefflich — sehr dankbar, Herr Knoop. Ich verkenne Ihre gütigen

Absichten für mich keineswegs. Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden.

„Aber wenn ich ganz offen sein darf: — ich möchte am liebsten eine

Kontorthätigkeit ausüben, in der mir die Aufgabe würde, für die immer

noch größere Ausdehnung des Geschäftes zu wirken, die Auflage der

Zeitung und die Anzeigen zu vermehren, Verbindungen anknüpfen, die der

Druckerei Aufträge zuführen, und insofern auch der Redaktion in die Hand

arbeiten, als ich ihr die Thüren zu den Ministerien und höheren

Behörden öffnen helfe.

„Einblicke in das Getriebe eines Geschäfts, wie das Ihrige, habe ich

nämlich schon empfangen. Eben daraus ist der Wunsch in mir rege

geworden, mich in Zukunft vorzugsweise auf diesem Gebiet zu versuchen.“

So sprach Herr von Klamm, und Herr Knoop, für den dieses Mitglied des

Adels plötzlich in ein völlig anderes Licht gerückt wurde, erhob nicht

ohne starke Beifälligkeit das Haupt.

„Hm — hm — so — so! Das sind Ihre Pläne, Herr von Klamm. Gewiß, auch das

läßt sich hören. Freilich, etwas drängt sich mir dabei auf. Sie glauben,

daß Sie sich in all diese, Ihnen doch in der Praxis noch fremden Dinge

würden hineinarbeiten können?

„Gewiß, gewiß! Das ist ja auch zu machen, und wenn die Saat gut war,

weshalb sollte nicht kräftiger Weizen aufgehen? Es ist aber noch ein

Umstand da! Mein Sohn ist draußen, um sich noch in unserm Geschäft

weiter zu bilden. Nach übersehbarer Frist wird er zurückkehren. Dann

sollte ihm eben das obliegen, was Sie im Auge haben. — Ich bin also

grade bezüglich einer solchen Thätigkeit, wie Sie sie planen, in Zukunft

versehen!

„Sie verstehen. — Hier liegt eine Schwierigkeit, Ihren Absichten

Vorschub zu leisten, schon von vorneherein!“

„Ich glaube nicht, Herr Knoop,“ fiel Klamm mit imponierender

Entschiedenheit ein. „In einem Geschäft, wie das Ihrige, können Sie ein

halbes Dutzend Leute gebrauchen, wie Ihr Herr Sohn einer ist, und wie

ich es hoffentlich mit Ihrer Unterstützung sein werde! Warum wollen Sie

nicht ein Geschäft in allergrößtem Stil aufbauen? Sie wollen doch nicht

stehen bleiben! Für jede Abteilung denke ich mir, müßte eine

Persönlichkeit thätig sein, die, mit einem besonderen Maß von

Intelligenz und Machtvollkommenheit ausgerüstet, sich eben diesem

Geschäftszweig mit besonderer Energie widmet! Die Mehrkosten würden sich

nicht gleich, aber mit der Zeit sicher einbringen.“

„Den Wert Ihrer Ausführungen verkenne ich nicht,“ entgegnete Herr Knoop.

„Aber Sie urteilen und ziehen Ihre Schlüsse zu sehr auf Grund von

Vorstellungen. Alle Geschäfte setzen sich mehr oder minder aus Kleinwerk

zusammen. Für jeden Erfolg sind ausnahmslos Abgaben zu entrichten.

Geschäftsausdehnungen müssen sich langsam vollziehen! Man muß die

Betriebskapitalien prüfen, man hat in Kreditgewährung mit Vorsicht zu

verfahren! Ohne solche giebt's keine Kundschaft. — Man darf nichts

beginnen, wobei man Gefahr läuft, die Kräfte und den Ueberblick zu

verlieren.

„Langsam, bedächtig nimmt der Gebirgsbote täglich seine Tagestouren.

Wollte er sie laufen, würde er bald zusammenbrechen!“

Die Herren waren bei ihrem Gespräch vom Wege ganz abgekommen. Sie

befanden sich, ohne darauf geachtet zu haben, im Tiergarten und hielten

nun, aufschauend, still, und wanderten, auch ferner denselben Gegenstand

erörternd, auf dem nämlichen Pfade in die innere Stadt zurück. Erst beim

Wrangelbrunnen trennten sie sich, nachdem vorher noch für einen der

nächsten Tage eine neue Zusammenkunft verabredet worden war, mit warmem

Händedruck. Herr Knoop begab sich in die Behrenstraße, in eine von ihm

täglich besuchte Weinstube, und Herr von Klamm fuhr mit der Pferdebahn

nach der Bellealliancestraße.

Hier befand sich ein alter, hochstöckiger Bau, der von mehreren Parteien

bewohnt wurde, und diesen betrat Herr von Klamm.

Zur Rechten, im Flügel, drei Treppen hoch, zog er an einer Klingel, und

nach kurzen Worten wurde ihm von einer gebückten, trotz einfacher

Kleidung sehr vornehm aussehenden Dame geöffnet.

„Ach du, mein lieber Junge,“ stieß sie in glücklich gehobenem Ton

heraus und schritt ihm in ein zweifenstriges, mit sauberen Mietmöbeln

besetztes Wohnzimmer voran.

Nachdem Klamm seiner Mutter Wange sanft gestreichelt hatte, und sie sich

beide gesetzt hatten, sagte er auf ihre stark belebte Frage:

„Nun? Nun? Wie ist's ausgefallen, Alfred? Du kommet doch von Herrn

Koop?“

„Knoop, Mama — nicht Koop,“ berichtigte Klamm.

„Es verlief alles gut, aber ich bin doch mit mir sehr unzufrieden. Ich

habe eine Unwahrheit gesagt, die ich vielleicht — hätte vermeiden

können. Ich schäme mich, daß es geschehen ist. Was bleibt von dem

Menschen, wenn er sich zur Erreichung seiner Zwecke inkorrekter Mittel

bedient!“

„Was ist's denn, Alfred! Lasse mich alles wissen! Vielleicht kannst du

noch wieder gut machen,“ fiel die alte Dame, liebevoll sprechend, ein.

„Ich tastete hin, ob nicht auch Herr Knoop möglicherweise den üblichen

Verleumdungsbrief von Frau von Krätz erhalten habe.“

„Es war der Fall! Sie hat ihn geschrieben! Er ließ mich das immer

gleichlautende Schriftstück lesen.

„Und gleich entging mir nicht, daß sich ein starkes Vorurteil gegen

meine Person in ihm bereits festgesetzt hatte.“

„Er nahm an, daß ich ein bloßer Abenteurer sei, der sich in sein Haus

eindrängen wolle, um seine Tochter zu heiraten. Da griff ich zu dem

Mittel, das ihn von vornherein eines anderen belehrte, warf hin, daß ich

verlobt wäre, und gab ihm auch den Eindruck, daß wir wohlsituiert

seien.“

„Im Nu veränderte das die Sachlage. So glaubte er mir! So war ich im

stande, das durch das Schreiben hervorgerufene Mißtrauen zu zerstreuen.“

„Ich war gezwungen, so zu handeln! Es hilft doch nichts! Ich muß

vorwärts, ich muß etwas finden, wenn wir nicht in schwerste Not geraten

sollen!“

Klamm ließ, nachdem er gesprochen hatte, unwillkürlich das Haupt sinken

und schaute trübe vor sich hin. Die alte Frau aber überkam ebenfalls ein

Gefühl der Bedrückung.

„Erzähle weiter, Alfred!“ hub sie dann, sich fassend, an.

Klamm that ihr Bescheid. Er berichtete über alles, was vorgefallen war,

und schloß:

„Ich bin überzeugt, daß ich eine Stellung bei Herrn Knoop erhalte. Die

Frage ist nur, wie lange ich ohne Entgelt arbeiten muß. Woher sollen wir

für die nächsten Wochen die Mittel nehmen?

„Ah!“ fuhr er beschwert fort, schnellte empor und maß das Gemach mit

Schritten, die seine Erregung bekundeten.

„Wenn ich die Schurken, die uns um alles betrogen haben, aber auch die

Person, die mich mit ihrem Haß verfolgt, mich dadurch bisher an meinen

Erfolgen gehindert hat, — hier hätte, ich könnte ihnen die Seele aus dem

Leibe reißen.

„Da muß man fortwährend Komödie spielen, und sogar zu Unwahrheiten die

Zuflucht nehmen, um sich nur zu schützen, um blos eine Existenz zu

finden!“

„Beruhige dich, lieber Alfred, du kannst später erklären, daß uns

gewissenlose Menschen um unser Vermögen gebracht haben, daß die

Verlobung zurückgegangen sei. — Der Himmel wird's dir nicht anrechnen!“

„Ja, ich kann's, und ich hoffe auf seine Nachsicht, aber ich werde es,

wenn auch alles gut verläuft, schwer überwinden, mich mit einer

Unwahrheit eingeführt zu haben. Ich schäme mich vor mir selbst. Es liegt

wie ein Makel auf mir!“

„Es giebt größere Vergehen, mein Junge! Mehr werden täglich Unwahrheiten

gesprochen, als sich Riegel auf den Dächern befinden, und die Welt hebt

sich doch nicht aus den Angeln.

„Dich entlasten die Umstände: du handelst im Zwang — um den Wirkungen

einer Infamie zu begegnen. Giebt's denn gar kein Mittel, Frau von Krätz

zu besänftigen! Das heißt, wenn sie es wirklich ist. Hältst du es für

ausgemacht, daß sie die Briefschreiberin?“

„Wer könnte es sonst sein, Mama. Alles deutet darauf hin. Sie hat es mir

nicht verziehen, daß ich mich noch kurz vor der Verlobung mit ihr

besonnen. Sie rächt sich mit der Unversöhnlichkeit einer Frau, und

scheut selbst solche Mittel der Vergeltung nicht. Natürlich, absolute

Beweise habe ich für meine Annahme nicht. Wenn ich die hätte, würde ich

schon lange gehandelt haben. Und eben, ihr nicht beikommen zu können,

ist das schlimmste von allem Unglück.“

Klamm ballte die Hände, und seine Augen funkelten.

Noch einmal sprach die erfahrene Frau besänftigend auf ihren Sohn ein.

Dann sagte sie:

„Noch etwas, Alfred! Ich habe noch die Ringe und den Schmuck von meiner

Mutter. Nimm heute alles mit und veräußere es. Das giebt uns

Lebensunterhalt für die nächste Zeit!

„Du kannst dann auch deine Hotelwohnung beibehalten und dich in der

Gesellschaft bewegen, bis dir deine Pläne bei Herrn Knoop gelingen.“

„Wie? Du bist noch in Besitz von Schmuck, Mama!? Das ist ja eine

ausrichtende Nachricht — du sagtest es mir nicht.“

„Ich that's nicht, um dir's vorzuenthalten, sondern für den

alleräußersten Fall.“

Sie sprach's mit liebevollem Blick, und er küßte sie. Dann besah er den

Inhalt des kleinen Kästchens, das sie aus der Kommode hervorholte.

Bevor Klamm von seiner Mutter Abschied nahm, sagte sie:

„Es ist eigentlich verkehrt, daß wir nicht zusammen wohnen, Alfred.

Könntest du nicht ein Logis für uns beide dort mieten? Hier unter diesen

Menschen ist's nicht angenehm! Meine Wirtin ist neugierig und

zudringlich, die übrige Umgebung stößt mich sehr ab.“

„Ich nahm nur erstmal, was sich bot, Mama. Alle Wohnungen in den

besseren Vierteln kosten das Dreifache.“

„Ich blieb nur im Hotel, weil ich dem Wirt noch verschuldet bin. — Ich

mußte und muß dort vorläufig wohnen! Ich will indessen heute mit dem

Besitzer sprechen. Vielleicht läßt sich deine Uebersiedelung machen. Ich

würde nur zu glücklich sein, dich bei mir zu haben. Vielleicht gelingen

auch meine Pläne bei Herrn Knoop rascher, als ich annehme. Habe ich

erst ein festes Einkommen, miete ich für uns eine Wohnung im Westen.

„Ach, Mama — wäre ich erst so weit, wie anders würde mir zu Mute sein!“

Nach diesen Worten schlang der Mann seinen Arm um die Gestalt der

zartgebauten Dame, versprach am folgenden Tage wiederzukommen und stieg

eilend die Treppe herab.

* * * * *

Als am folgenden Vormittag Fräulein von Oderkranz mit ihrer Nichte im

Vorraum des Privatkontors des Herrn Knoop eintrat, glich dieses,

bezüglich der Fülle der Wartenden, dem Sprechzimmer eines

vielbeschäftigten Arztes. Alle Plätze waren besetzt, und Adolf mußte

Sessel aus dem Hauptkontor holen, damit wenigstens die Damen nicht zu

stehen brauchten. Als sie nach einstündigem Warten endlich vorgelassen

wurden, entschuldigte sich Herr Knoop, seiner Art nach, mit kurzen,

knappen Worten, und die Unterredung nahm auch bald die Wendung, daß er

der jungen Dame seine Absicht aussprach, sie für seine Tochter Margarete

zu verpflichten.

„Natürlich setze ich voraus, daß Sie sich gegenseitig gefallen, und um

dieses festzustellen, erlaube ich mir den Vorschlag, daß Sie uns den

heutigen Tag schenken. Am Abend lasse ich Sie dann in meinem Wagen nach

Hause fahren,“ schloß der Chef des Hauses.

Nach diesen Worten richtete Herr Knoop einen auffordernden Blick auf die

beiden Damen, dem Fräulein Ileisa auch mit gehobener Miene begegnete,

während bei ihrer Tante eine deutliche Enttäuschung darüber hervortrat,

daß nicht auch an sie eine solche Einladung gerichtet wurde.

Wenigstens deutete Herr Knoop in solcher Weise den spröden Ausdruck in

den Gesichtszügen des Fräulein von Oderkranz.

Es drängte sich ihm auch gleich der Gedanke auf, daß die alte Dame

möglicherweise später mit allerlei sehr wenig bequemen Ansprüchen lästig

fallen könne, und er nahm deshalb gleich das Wort und sagte:

„Ich hoffe, mein Fräulein, daß Sie meinem Vorschlag zustimmen.

Ueberhaupt darf ich gleich bemerken, daß ich bei einem Inkrafttreten

unserer Pläne voraussetzen muß, daß unsere künftige Hausgenossin ihre

bisherigen Beziehungen in dem Sinne löst, daß sie lediglich zu uns hält.

Mit ihrem Eintritt in unser Haus haben wir nur mehr mit ihr zu thun.

Natürlich schließt das gelegentliche Besuche bei Ihnen nicht aus!“

Diese Rede war so deutlich und enttäuschend, daß Fräulein von Oderkranz

zunächst erbleichte und unwillkürlich die Augen schloß. Dennoch faßte

sie sich ebenso rasch wieder, wußte sich sogar durch ihre Worte und eine

seine steife Würde das Uebergewicht zu verschaffen und sagte:

„Da ich Mutterstelle bei Ileisa vertrete, hatte ich nur den wohl

begreiflichen Wunsch, mich Ihren verehrten Damen vorzustellen. Einen

weiteren Anspruch habe ich nicht erhoben, und werde ich nicht erheben,

Herr Knoop! Sie dürfen darüber völlig beruhigt sein!“

„Vortrefflich, vortrefflich! Also ganz einig!“ entgegnete Herr Knoop,

wiederum seinerseits in einem Ton, als ob er ihre gereizte Stimmung und

die Lehre, die sie ihm hatte erteilen wollen, garnicht herausgefühlt

habe.

Ileisa aber fiel ausgleichend ein:

„Ich werde heute gleich fragen, liebe Tante, wann den Damen dein Besuch

angenehm ist. Der gütigen Aufforderung des Herrn Knoop folge ich

natürlich mit größtem Dank!“

Auf diese Rede nickte das Fräulein notgedrungen. Auch knöpfte sie ihren

unmodischen Mantel zusammen, trat Herrn Knoop näher und sagte:

„Ja, den allergrößten Dank schulden wir Ihnen, Herr Knoop, daß Sie

selbst meiner Nichte zur Erlangung einer Stellung die Hand bieten

wollen.

„Lassen Sie mich denn hoffen, daß sich alles nach gegenseitigen Wünschen

vollziehen möge, und empfehlen Sie mich, ich bitte, einstweilen Ihren

verehrten Damen!“

Nach diesen in einem zwar gezwungenen, aber vollendet höflichen Tone

gesprochenen Worten, reichte sie Herrn Knoop die Hand, drückte sodann

Ileisa die Rechte und entfernte sich.

Ileisa aber sagte, nachdem die alte Dame gegangen war:

„Meine Tante ist etwas empfindlich, Herr Knoop. Sehen Sie es ihr, ich

bitte, nach. Sie lebte früher in so reichlichen Verhältnissen, daß ihr

die Einfügung in andere, leider jetzt sehr beschränkte, außerordentlich

schwer wird. Im Grunde ist sie eine vornehme, wahrhaft edeldenkende

Natur.“

„Habe ich auch so aufgefaßt!“ bestätigte Herr Knoop in einem derb

gemütlichen Ton, und von Ileisas Wesen angenehm berührt. Auch bat er sie

dann gleich, mit ihm in die Wohnung zu treten, und machte sie dort mit

seinen Damen bekannt.

* * * * *

Sechs Monate waren vergangen. Fräulein von Oderkranz befand sich als

Gesellschafterin im Knoopschen Hause. Aber auch Herr von Klamm war ein

Mitglied des Knoopschen Geschäftes geworden. Er schrieb

Zeitungsartikel, für die er die Fähigkeit in sich fühlte, und übte nach

anderer Richtung eine Thätigkeit au, die dem Unternehmen nutzbringend

war. — Der Kontrakt, der zwischen ihm und Herrn Knoop abgeschlossen,

besaß nur zwei Paragraphen:

„Herr von Klamm tritt vom heutigen Tage mit einem Monatsgehalt von 450

Mark und unter gegenseitiger vierteljährlicher Kündigung zunächst

probeweise in das Geschäft des Herrn Friedrich Knoop in Berlin, ein.

Genannter übernimmt fortan einen zwischen ihnen festgestellten Teil der

Theater-, Konzert- und Kunstkritiken, und wird eventuell auch unter der

Zustimmung des Herrn Chefredakteurs, Doktor Strantz, andere in den

Rahmen der Täglichen Nachrichten passende Beiträge liefern.

Zur Vorbereitung einer gleichzeitig in Aussicht genommenen

geschäftlichen Thätigkeit wird sich Herr von Klamm mit den übrigen

Zweigen des Unternehmens bekannt machen und schon jetzt bemüht sein, der

Firma Verbindungen zuzuführen.“

Außerordentlich überrascht war Herr Knoop von dem Ideenreichtum seines

Mitarbeiters, nachdem sich dieser in das Geschäft eingearbeitet hatte.

Bald regte er an, daß man sich um eine Druckarbeit in den Ministerien,

bald um eine solche bei großen Instituten und angesehenen Geschäften

bewerbe. Auch wies er auf auswärtige Firmen hin, denen man feste

Kontrakte bezüglich der Aufnahme von ständigen Inseraten für die

Täglichen Nachrichten anbieten solle.

Wenn irgendwo ein neues Unternehmen ins Leben trat, sann er sofort

darüber nach, ob dieses nicht irgend einen von der Druckerei zu

befriedigenden Bedarf haben könne. Auch trieb er die Redaktion an,

Fühlung mit den bedeutenden Tagespersönlichkeiten zu suchen, um durch

eine Verbindung mit ihnen den Täglichen Nachrichten fortdauernd

interessanten Stoff zuzuführen.

Arbeitskraft und unermüdliche Regsamkeit reichten sich die Hand. Er war

gegenwärtig die Triebfeder im Geschäft. Bald hier, bald dort hielt er

Rücksprache, und immer wußte er bisher die ihm weniger Wohlgesinnten

durch sein gewandtes Wesen gefügiger zu machen.

Weniger ihm Wohlgesinnte waren bereits recht viele vorhanden.

Teils wirkte der Aerger, daß ein bisher so gering Eingeweihter und

Erfahrener so Tüchtiges leistete, bald machte sich ein sehr starker Neid

geltend.

Es stieg die unruhige Befürchtung in dem Personal auf, daß Klamm bald da

sitzen oder dort ein anderer sitzen werde, wo der Betreffende selbst

bisher sein unbeschränktes Herrschertum ausgeübt hatte. Der

Chefredakteur, Doktor Strantz, sowie der erste Disponent im Hauptkontor

und der Geschäftsführer in der Expeditionsabteilung waren schon, ohne

daß sie noch die Maske gelüstet hatten, seine erklärten Gegner.

Immer wieder regte sich bei ihnen die Ueberlegung, wie es eigentlich

möglich sei, daß ein früherer Offizier, daß dieses in der Welt hin und

her verschlagene Mitglied der Gesellschaft, daß dieser mit

geschäftlichen Dingen doch bisher nur sehr oberflächlich vertraute

Lebemann eine solche intelligente Regsamkeit, solche Umsicht, und

überdies eine solche Gleichgültigkeit gegen seine bisherigen

gesellschaftlichen Beziehungen zum Ausdruck brachte.

Aber sie zogen aus diesen Umständen nicht den Schluß, daß es eben

Ausnahmen giebt, daß tüchtige Menschen sich energisch aufzuraffen

vermögen, daß sie das kräftig abthun, was sich ihnen nur durch die

Verhältnisse aufgedrängt hat, sondern sie suchten nach irgend einem

unlauteren Grunde.

Bei Gelegenheit einer monatlich einmal stattfindenden Zusammenkunft der

Redaktions- und Geschäftsmitglieder wußte der Chefredakteur, Doktor

Strantz, ein Mann mit einem ungewöhnlich hageren Gesicht und langem

Vollbart, bereits das Allerneueste zu berichten, daß nämlich schon ein

fester Kontrakt zwischen Herrn Knoop und Klamm zu stande gekommen sei.

Demzufolge solle Klamm nicht nur Stellvertreter des Chefs werden,

sondern auch die Hauptzügel in der Redaktion in die Hand bekommen. Ihrer

aller Stellung sei gefährdet, seitdem dieser Herr in das Geschäft

eingetreten sei.

In dem Hinterzimmer eines mit alten, guten Bildern geschmückten

Bierlokals in der Kronenstraße saßen sie beisammen, und von kaum etwas

anderem wurde geredet, als über Herrn von Klamm.

„Was er wohl sonst treibe?“ warf einer der Herren, ein Herr Krammhöver,

nach solchen längeren, stark mißfälligen und abfälligen Aeußerungen hin.

„Er wäre ihm,“ bemerkte er, „schon zweimal abends nachgegangen. Da sei

er in ein Haus in der Kurfürstenstraße eingetreten. Er, Krammhöver, habe

durch die großen Spiegelscheiben der Haus- und Hinterthür beobachtet,

daß Klamm in eine Gartenwohnung hinaufgestiegen sei. Ob er aber dort

logiere oder eine ‚Freundin‘ besitze, wisse er nicht.“

Darauf hatte keiner etwas zu sagen, aber die Rede gefiel. Niemandem war

bekannt, wo Klamm wohnte. Ueberhaupt hielt er sich nicht mit Reden, und

noch weniger mit Offenherzigkeiten auf. Er kam, griff gleich ein,

arbeitete oder machte Besuche, und blieb als letzter abends im Geschäft.

„Ob er wohl bei Knoops im Hause verkehre?“

Darauf konnte Doktor Strantz antworten.

„Und ob! Es sei in den nächsten Tagen beim Chef wieder ein Ball, und er,

Strantz, habe von Adolf gehört, daß Klamm den Tanz leiten und überhaupt

dort alles in die Hand nehmen solle.“

„Und Sie sind nicht eingeladen?“

Strantz zog abfällig die Lippen.

„Ja, natürlich! Habe aber abgelehnt; bin kein Freund von derartigen

großen Abfütterungen!“ warf er hin, und weckte durch diese, seiner

Eitelkeit entspringende Antwort (er hatte keine Aufforderung erhalten)

einen natürlichen Neid bei den fünf übrigen Mitgliedern der Redaktion.

Die Geschäfts-Disponenten wurden überhaupt zu solchen Vergnügungen nicht

geladen. Sie erhielten Aufforderungen zu kleinen Mittagessen, woselbst

sie Gleichgestellte fanden, und bei denen es dann sehr gemütlich

herging. —

Während in solcher Weise über Klamm in dem Wirtshaus „Zur gemütlichen

Ecke“ verhandelt wurde, saßen die Knoopschen Familienmitglieder beim

Abendbrot und unterhielten sich gleichfalls über dieselbe

Persönlichkeit.

Wie immer erging sich Herr Knoop in ein uneingeschränktes Lob über ihn.

Er habe am vorgestrigen Tage der Buchdruckerei einen Auftrag von über

50000 Mark zugeführt. Eines der großen Versandgeschäfte habe einen

illustrierten Katalog in einer ganz beträchtlichen Höhe bestellt. Auch

habe er durch eine besondere Einrichtung in der Inseratenabteilung den

Anzeigespalten der Täglichen Nachrichten eine erhebliche Vermehrung

zugeführt. Am legten Sonntag hätten zwei Bogen mehr gedruckt werden

müssen.

Das sei eine Inseratenfülle gewesen, wie sie in einem solchen Umfange

kaum zur Weihnachtszeit vorkomme. Es sei unglaublich, was Klamm alles

austüftle, wie er den Leuten beizukommen wisse, wie er Bedürfnisse

ausspüre oder anzuregen wisse.

„Wie geht's denn mit ihm und dem Personal jetzt? Kann er sich mit ihnen

stellen?“ warf die in alles eingeweihte Frau des Hauses hin. Sie sah

überhaupt weiter als die meisten, nahm die Dinge niemals, wie sie

erschienen, sondern wie sie sich ihr durch ihr kluges Nachdenken

darstellten.

„Er thut, als ob er Unwillfährigkeit und Gegnerschaft gar nicht bemerkt.

Es gehört eben auch zu seinen hervorragenden Eigenschaften, daß er sich

zu beherrschen, zu verstecken weiß —“

„Verstecken!“ sagst du, Friedrich! Der Ausdruck stimmt mit der Warnung,

die dir bei seinem ersten Besuch wurde!“

Nun meldete sich bei Frau Fanny doch wieder die Frau. Wenn Mütter

sehen, daß Männer, auf die sie für ihre Töchter rechnen, diese nicht

bevorzugen, haben sie stets eine starke Neigung, ihnen etwas am Zeuge zu

flicken. Sie bauen sich dadurch Brücken, um ihrer Enttäuschung besser

Herr zu werden.

Die beiden jungen Mädchen waren nur Zuhörende, sie äußerten sich nicht.

Sie versteckten sich ebenfalls. Beide hatte eine stille, aber

leidenschaftliche Liebe für Klamm erfaßt. Grete schwieg darüber, weil

sie zu stolz war, davon zu reden, und Ileisa hütete sich zufolge ihrer

Stellung, für Klamm irgendwelches Interesse an den Tag zu legen. Sie

hatte genügend beobachtet, wie sehr Frau Knoop enttäuscht war, daß Klamm

für Margarete verloren schien.

„Weißt du, was mir auffällig ist,“ äußerte kurz darauf die Frau des

Hauses.

„Hm?“ warf Herr Knoop, der eben nach der Abendzeitung der Täglichen

Nachrichten gegriffen hatte, zerstreut hin.

„Ja nun! Daß Klamm nie von seiner Braut spricht, daß er sie noch immer

nicht vorgestellt hat. Sie muß entweder ein Bild der Häßlichkeit sein,

oder es muß sonst etwas vorliegen, was nicht ganz richtig ist. Sonst

kann ich mir sein Verhalten absolut nicht erklären.“

„I was,“ fiel Herr Knoop, gleich stark betonend ein. „Er hat ja

wiederholt erklärt, daß sie schwer erkrankt sei, daß darin der Grund zu

suchen wäre, daß er sie uns bisher noch nicht habe zuführen können.“

„Ich bat ihn aber schon wiederholt, einmal ihr Bild mitzubringen,“

bestätigte Margarete, die nun auch hervortrat.

„Niemals hat er Wort gehalten. — Nicht wahr, Ileisa?“ fügte sie hinzu

und wandte sich zu der eifrig über ihre Arbeit gebückten Hausgenossin.

„Du warst dabei!“

Die beiden jungen Mädchen, die sich vortrefflich verbanden, ja, ganz in

einander aufgingen, duzten sich schon seit längerer Zeit und besprachen

— mit Ausnahme ihrer geheimen Liebe — alles miteinander, was sie irgend

anging.

Ileisa betätigte nur mit leichtem Kopfneigen, aber weil ihre Gedanken

und Sinne durch dieses Gespräch schon stark angeregt worden waren, wußte

sie den Ausdruck einer starken Befangenheit äußerlich nur sehr schwer zu

unterdrücken. Sie ließ deshalb die Stickerei, an der sie arbeitete, wie

zufällig aus ihrer Hand fallen, bückte sich danach, und wußte dadurch

den Anwesenden ihre Gesichtszüge bis zur Wiederbeherrschung ihres Innern

zu entziehen.

„Ich bin begierig, ob Klamms Braut unsere Einladung nicht auch selbst

beantworten wird. Ich gab Herrn von Klamm auf seinen Wunsch die

Einladungskarte. Wir wissen ja noch nicht einmal, wie sie mit Vor- und

Zunamen heißt. Danach will ich ihn doch bei erster Gelegenheit fragen.“

Das Gespräch empfing eine Unterbrechung, weil Adolf eintrat und Herrn

Knoop ein Schreiben überreichte.

Schon während er es entgegennahm, verfinsterten sich die Züge des Chefs

des Hausen in einer Art, daß Frau Fanny, die bei Briefen stets ängstlich

die Mienen ihres Mannes beobachtete, gleich besorgt das Wort nahm.

„Etwas Unangenehmes, Friedrich?“ fragte sie.

„Ah — ah!“ stieß der Mann heraus und knirschte mit den Zähnen. „Wieder

von Theodor! Immer Theodor!“ Aber als er dann gar die Zuschrift gelesen

hatte, zitterten seine Hände vor Erregung.

„Ach — die ewige, unglückliche Plage,“ seufzte Frau Fanny, ohne auf

Ileisas Anwesenheit Rücksicht zu nehmen. „Was hat er denn nun abermals?

Hast du ihm nicht erst neulich wieder Geld gesandt?“

Knoop verneinte erst stumm. Dann sagte er:

„Ich habe ihm auf seine drei letzten Briefe gar nicht geantwortet. Thäte

ich es, würde ich ja noch weniger Ruhe haben. Freilich, jetzt geht er

bis an die äußerste Grenze. Nun — nun — droht er! Wahrhaftig! Wäre er

nicht mein — mein — Bruder, so würde ich ihn auf Grund dieser Zeilen der

Staatsanwaltschaft überliefern.“

„Lies vor, Friedrich! Wir haben ja vor Ileisa keine Geheimnisse. Wir

wissen, daß sie das, was sie für sich zu behalten hat, sicher in sich

verschließt!“

„Sie dürfen dessen versichert sein, gnädige Frau!“ bestätigte Ileisa,

das Auge frei aufschlagend, in einem einfachen, Vertrauen erweckenden

Tone.

Und Herr Knoop las:

„Wenn ich nicht bis übermorgen vormittag zehn Uhr einen

Postrestantebrief (Hauptpostamt Unter den Linden) mit dreitausend Mark

unter T.K. vorfinde, geschieht etwas! Was aus dem Verzweiflungsakt

entsteht, ist mir gleichgültig. Ich habe dann wenigstens ein Obdach!

Falls Du aber diese Kleinigkeit Deinem weniger vom Glück begünstigten

Bruder zuwendest, ihm dadurch wieder zu einer dauernden,

menschenwürdigen Existenz verhilfst, so wird er nicht nur alle

Kränkungen vergessen, sondern Dich niemals wieder behelligen. Nun

entscheide!

Charaktere und Schicksale · 第 5 / 21 题