III.

Einen guten Grund hat's, daß mein Liebchen

Über alles schön und herrlich ist geraten:

Denn mit Lenztau ward getauft das Bübchen,

Mond und Sonne waren seine Paten.

Sonne setzt' ins Aug' ihm goldne Kerzen:

Wenn er aufschaut, glühen alle Herzen.

Und der Mond küßt' ihm den Mund von ferne:

Wenn er lächelt, klingen alle Sterne.

Isolde Kurz.

Geboren am 21. Dezember 1853 zu Stuttgart als Tochter des Dichters

Hermann Kurz; lebt, unvermählt, seit dem Jahre 1877 zumeist in Florenz.

-- Gedichte 1889. Neue Gedichte 1905.

Südliche Weise.

Du sprichst von Sünde gleich und ew'gen Flammen,

Will ich ein Stündchen nur mit dir verkosen,

Weil noch kein Priesterwort uns gab zusammen.

Doch neulich sprach der Pfaff beim Messelesen, --

Er sprach Latein, drum blieb der Sinn dir dunkel,

Ich aber bin einst Ministrant gewesen.

Er sagte: Fromme Christen, laßt euch raten!

Ihr müßt für jeden ungeküßten Kuß

Einhundert Jährlein in der Hölle braten.

Die erste Nacht.

Jetzt kommt die Nacht, die erste Nacht im Grab.

O, wo ist aller Glanz, der dich umgab?

In kalter Erde ist dein Bett gemacht.

Wie wirst du schlummern diese erste Nacht?

Vom letzten Regen ist dein Kissen feucht,

Nachtvögel schrein, vom Wind emporgescheucht,

Kein Lämpchen brennt dir mehr, nur kalt und fahl

Spielt auf der Schlummerstatt der Mondenstrahl.

Die Stunden schleichen -- schläfst du bis zum Tag?

Horchst du wie ich auf jeden Glockenschlag?

Wie kann ich ruhn und schlummern kurze Frist,

Wenn du, mein Lieb, so schlecht gebettet bist?

Mädchenliebe.

Nächtlich war's am stillen Weiher,

Wo ich ihm zur Seite stand,

Als im Wind mein langer Schleier

Sich um seinen Nacken wand.

Ach, was ließ ich's nur geschehen!

Daß er fest den Knoten schlang,

Mich an seiner Hand zu gehen,

Ein gefangnes Füllen, zwang!

Denn seitdem auf allen Wegen

Fühlt' ich unzerreißlich stets

Über mich und ihn sich legen

Magisch jenes Schleiers Netz.

Seit mich gar sein Arm umwindet,

Schwand der Freiheit letzter Rest.

Fessel, die uns beide bindet,

Liebe Fessel, halte fest!

Die Nicht-Gewesenen.

Über ein Glück, das du flüchtig besessen,

Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen,

Tröstet die alles heilende Zeit.

Aber die Träume, die nie errungnen,

Nie vergeßnen und nie bezwungnen,

Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid.

Else Lasker-Schüler.

Gedichte aus den gesammelten Büchern im Verlag Paul Cassirer in Berlin.

Wir beide.

Der Abend weht Sehnen aus Blütensüße,

Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif,

Und Engelköpfchen gucken überm Himmelsstreif,

Und wir beide sind im Paradiese.

Und uns gehört das ganze bunte Leben,

Das blaue, große Bilderbuch mit Sternen,

Mit Wolkentieren, die sich jagen in den Fernen

Und hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben!

Der liebe Gott träumt seinen Kindertraum

Vom Paradies -- von seinen zwei Gespielen,

Und große Blumen sehn uns an von Dornenstielen ...

Die düstere Erde hing noch grün am Baum.

Mairosen.

Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen,

Mich nicht zu verführen,

Zwischen Mairosen hätte er fast

Sein Wort gebrochen,

Aber er machte drei Kreuze

Und ich glaubte heiß zu erfrieren.

Nun lieg' ich im düstern Nadelwald,

Und der Herbst saust kalte Nordostlieder

Über meine Lenzglieder.

Aber wenn es wieder warm wird,

Wünsch' ich den heiligen Schwestern beid' Hochzeit

Und wir -- spielen dann unter den Mairosen ...

Chaos.

Die Sterne fliehen schreckensbleich

Vom Himmel meiner Einsamkeit,

Und das schwarze Auge der Mitternacht

Starrt näher und näher.

Ich finde mich nicht wieder

In dieser Todverlassenheit!

Mir ist, ich lieg' von mir weltenweit

Zwischen grauer Nacht der Urangst ...

Ich wollte, ein Schmerzen rege sich

Und stürze mich grausam nieder

Und riß mich jäh an mich!

Und es lege eine Schöpferlust

Mich wieder in meine Heimat

Unter der Mutterbrust.

Meine Mutterheimat ist seeleleer,

Es blühen dort keine Rosen

Im warmen Odem mehr. --

... Möcht' einen Herzallerliebsten haben!

Und mich in seinem Fleisch vergraben.

[Illustration: Else Lasker-Schüler]

Die Liebe.

Es rauscht durch unseren Schlaf

Ein feines Wehen wie Seide,

Wie pochendes Erblühen

Über uns beide.

Und ich werde heimwärts

Von deinem Atem getragen,

Durch verzauberte Märchen,

Durch verschüttete Sagen.

Und mein Dornenlächeln spielt

Mit deinen urtiefen Zügen,

Und es kommen die Erden

Sich an uns zu schmiegen.

Es rauscht durch unseren Schlaf

Ein feines Wehen wie Seide --

Der weltalte Traum

Segnet uns beide.

Liebesflug.

Drei Stürme liebt' ich ihn eher wie er mich,

Jäh schrien seine Lippen,

Wie der geöffnete Erdmund!

Und Gärten berauschten am Mairegen sich.

Und wir griffen unsere Hände,

Die verlöteten wie Ringe sich.

Und er sprang mit mir auf die Lüfte

Gotthin, bis der Atem verstrich.

Dann kam ein leuchtender Sommertag

Wie eine glückselige Mutter.

Und die Mädchen blickten schwärmerisch,

Nur meine Seele lag müd' und zag.

Eva.

Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt,

Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren,

Und deine Lippen sind von rosiger Sonnenweichheit

Wie die Blüten der Bäume Edens waren.

Und die keimende Liebe ist meine Seele,

O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen,

Und du zitterst von Ahnungen

Und weißt nicht, warum deine Träume stöhnen.

Und ich liege schwer auf deinem Leben,

Wie eine tausendstämmige Erinnerung.

Und du bist so blindjung, so adamjung ...

Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt.

Mein Volk.

Der Fels wird morsch,

Dem ich entspringe

Und meine Gotteslieder singe ...

Jäh stürz' ich vom Weg

Und riesele ganz in mir

Fernab, allein über Klagegestein

Dem Meer zu.

Hab' mich so abgeströmt

Von meines Blutes

Mostvergorenheit.

Und immer, immer noch der Widerhall

In mir,

Wenn schauerlich gen Ost

Das morsche Felsgebein,

Mein Volk,

Zu Gott schreit.

Mein Liebeslied.

Wie ein heimlicher Brunnen

Murmelt mein Blut,

Immer von dir, immer von mir.

Unter dem taumelnden Mond

Tanzen meine nackten, suchenden Träume,

Nachtwandelnde, fiebernde Kinder,

Leise über düstere Hecken.

O, deine Lippen sind sonnig ...

Diese Rauschedüfte deiner Lippen ...

Und aus blauen Dolden, silberumringt

Lächelst du ... du, du.

Immer das schlängelnde Geriesel

Auf meiner Haut

Über die Schultern hinweg --

Ich lausche ...

Wie ein heimlicher Brunnen

Murmelt mein Blut ...

Mein Wanderlied.

Zwölf Morgenhellen weit

Verschallt der Geist der Mitternacht,

Und meine Lippen haben ausgedacht

In stolzer Linie mit der Ewigkeit.

Torabwärts schreitet das Verflossene,

Indessen meine Seele sich im Glanz der Lösung bricht,

Ihr tausendheißes, weißes Licht

Scheint mir voran ins Ungegossene.

Und ich wachse über all Erinnern weit.

So fern Musik ... und zwischen Kampf und Frieden

Steigen meine Blicke hoch wie Pyramiden,

Und sind die Ziele hinter aller Zeit.

O, meine schmerzliche Lust.

Mein Traum ist eine junge, wilde Weide

Und schmachtet in der Dürre.

Wie die Kleider um den Tag brennen ...

Alle Lande bäumen sich.

Soll ich dich locken mit dem Liede der Lerche

Oder soll ich dich rufen wie der Feldvogel

Tuuh! Tuuh!

Wie die Silberähren

Um meine Füße sieden ...

O, meine schmerzliche Lust

Weint wie ein Kind.

Maienregen.

Du hast deine warme Seele

Um mein verwittertes Herz geschlungen,

Und all seine dunkeln Töne

Sind wie ferne Donner verklungen.

Aber es kann nicht mehr jauchzen

Mit seiner wilden Wunde,

Und wunschlos in deinem Arme

Liegt mein Mund auf deinem Munde.

Und ich höre dich leise weinen,

Und es ist -- die Nacht bewegt sich kaum --

Als fiele ein Maienregen

Auf meinen greisen Traum.

Weltende.

Es ist ein Weinen in der Welt,

Als ob der liebe Gott gestorben wär',

Und der bleierne Schatten, der niederfällt,

Lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen ...

Das Leben liegt in Aller Herzen

Wie in Särgen.

Du! wir wollen uns tief küssen ...

Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,

An der wir sterben müssen.

Mein Liebeslied.

Auf deinen Wangen liegen

Goldene Tauben.

Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,

Dein Blut rauscht, wie mein Blut --

Süß

An Himbeersträuchern vorbei.

O, ich denke an dich -- --

Die Nacht frage nur.

Niemand kann so schön

Mit deinen Händen spielen,

Schlösser bauen, wie ich

Aus Goldfinger;

Burgen mit hohen Türmen!

Strandräuber sind wir dann.

Wenn du da bist,

Bin ich immer reich.

Du nimmst mich so zu dir,

Ich sehe dein Herz sternen.

Schillernde Eidechsen

Sind dein Geweide.

Du bist ganz aus Gold --

Alle Lippen halten den Atem an.

Detlev von Liliencron.

Geboren am 3. Juni 1844 zu Kiel, besuchte die Gelehrte Schule seiner

Vaterstadt, trat 1863 beim westfälischen Füsilierregiment Nr. 37 in

Mainz ein, nahm an den Kriegen 1866 und 1870-71 teil, wurde mehrmals

verwundet, nahm seinen Abschied, ging auf kurze Zeit nach Amerika,

kehrte zurück, wurde Deichhauptmann und Hardesvogt auf Pellworm, wo er

die »Adjutantenritte« schrieb, und lebte zuletzt, nachdem er längere

Zeit in Altona gewohnt hatte, als Hauptmann a. D. in Alt-Rahlstedt bei

Hamburg. Er starb dort am 22. Juli 1909. -- Seine früher unter andern

Titeln erschienenen Gedichtbücher heißen jetzt: Kampf und Spiele. Kämpfe

und Ziele. Nebel und Sonne. Bunte Beute. Ausgewählte Gedichte. Poggfred.

Gute Nacht.

Rückblick.

Eh mir aus der Scheide schoß

Blitz und blank der Degen,

Ließ noch einmal Mann und Roß

Kurzer Rast ich pflegen.

Und die Hand als Augenschild,

Meine Lider sanken,

Rasch vorbei, ein wechselnd Bild,

Flogen die Gedanken.

Kinderland, du Zauberland,

Haus und Hof und Hecken.

Hinter blauer Wälderwand

Spielt die Welt Verstecken.

Weiter nun in bunten Reihn

Zog mein wüstes Leben.

Wenig Taten, vieler Schein,

Windige Spinneweben.

Würfel, Weiber, Wein, Gesang,

Jugendrasche Quelle,

Und im wilden Wogendrang

Schwamm ich mit der Welle ...

Doch Dragoner glänzen hell

Dort an jenem Hügel.

An die Pferde! Fertig! Schnell

Klebt der Sporn am Bügel.

Zügel fest, Fanfarenruf,

Donnernd schwappt der Rasen.

Bald sind wir mit flüchtigem Huf

An den Feind geblasen.

Anprall, Fluch und Stoß und Hieb,

Kann den Arm nicht sparen,

Wo mir Helm und Handschuh blieb,

Hab' ich nicht erfahren.

Sattelleere, Sturz und Staub,

Klingenkreuz und Scharten.

Trunken schwenkt die Faust den Raub

Flatternd der Standarten.

Täuschend gleicht des Feindes Flucht

Tollgehetzten Hammeln.

Freudig ruft in Wald und Schlucht

Mein Signal zum Sammeln.

Schweiß und Blut an Stirn und Schwert,

Laß es tropfen, tropfen.

Dankbar muß ich meinem Pferd

Hals und Mähne klopfen.

Nächtens dann beim Feuerschein,

Nach des Kampfes Mühe,

Fielen mir Gedanken ein

Aus des Tages Frühe.

Schwamm ich viele Jahre lang

Steuerlos im Leben,

Hat mir heut der scharfe Gang

Wink und Ziel gegeben.

Tod in Ähren.

Im Weizenfeld, in Korn und Mohn,

Liegt ein Soldat, unaufgefunden,

Zwei Tage schon, zwei Nächte schon,

Mit schweren Wunden, unverbunden.

Durstüberquält und fieberwild,

Im Todeskampf den Kopf erhoben.

Ein letzter Traum, ein letztes Bild,

Sein brechend Auge schlägt nach oben.

Die Sense sirrt im Ährenfeld,

Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden,

Ade, ade, du Heimatwelt --

Und beugt das Haupt, und ist verschieden.

Am Strande.

Der lange Junitag war heiß gewesen,

Ich saß im Garten einer Fischerhütte,

Wo schlicht auf Beeten, zierlich eingerahmt

Von Muscheln, Buchs und glatten Kieselsteinen,

Der Goldlack blüht, und Tulpen, Mohn und Rosen

In bäurisch buntem Durcheinander prunken.

Es war die Nacht schon im Begriff, dem Tage

Die Riegel vorzuschieben; stiller ward

Im Umkreis alles; Schwalben jagten sich

In hoher Luft; und aus der Nähe schlug

Ans Ohr das Rollen auf der Kegelbahn.

Im Gutenacht der Sonne blinkerten

Die Scheiben kleiner Häuser auf der Insel,

Die jenseit lag, wie blanke Messingplatten.

Den Strom hinab glitt feierlich und stumm,

Gleich einer Königin, voll hoher Würde,

Ein Riesenschiff, auf dessen Vorderdeck

Die Menschen Kopf an Kopf versammelt stehn.

Sie alle winken ihre letzten Grüße

Den letzten Streifen ihrer Heimat zu.

In manchen Bart mag nun die Mannesträne,

So selten sonst, unaufgehalten tropfen.

In manches Herz, das längst im Sturz und Stoß

Der Lebenswellen hart und starr geworden,

Klingt einmal noch ein altes Kinderlied.

Doch vorwärts, vorwärts ins gelobte Land!

Die Pflicht befiehlt zu leben und zu kämpfen,

Befiehlt dem einen, für sein Weib zu sorgen,

Und für sich selbst dem andern. Jeder so

Hat seiner Ketten schwere Last zu tragen,

Die, allzu schwer, ihn in die Tiefe zieht.

Geboren werden, leiden dann und sterben,

Es zeigt das Leben doch nur scharfe Scherben.

Vielleicht? Vielleicht auch jetzt gelingt es nicht,

Auf fremdem Erdenraum, mit letzter Kraft,

Ein oft geträumtes, großes Glück zu finden.

Das Glück heißt Gold, und Gold heißt ruhig leben:

Vom sichern Sitze des Amphitheaters

In die Arena lächelnd niederschaun,

Wo, dichtgeschart, der Mob zerrissen wird

Vom Tigertier der Armut und der Schulden ...

Das Schiff ist längst getaucht ins tiefe Dunkel.

Bleischwere Stille gräbt sich in den Strom,

Indessen aus der Kegelbahn im Dorf

Beim Schein der Lampe noch die Gäste zechen.

In gleichen Zwischenräumen bellt ein Hund,

Und eine Wiege knarrt im Nachbarhause.

Letzter Gruß.

Herbsttag, und doch wie weiches Frühlingswetter,

Ich schlenderte langseits der Friedhofshecke,

Ein Sarg schien unter Gramgeläut zu sinken,

Dann bog ich auf dem Wege um die Ecke.

Da kamst du, keine Täuschung, mir entgegen,

Wir hatten gestern Abschied schon genommen,

Du gingst zur Bahn, begleitet von Geschwistern,

Was mußte noch einmal die Marter kommen.

Ich grüßte dich, und sah dein freundlich Danken;

Die mit dir schritten, haben's nicht beachtet.

Und ich blieb stehn, du wandtest dich verstohlen,

Von Leid war meine Seele dicht umnachtet.

Im Schmerz grub ich die Linke in den Dornbusch

Und ließ die Stacheln tief ins Fleisch mir dringen,

Ein letzter Gruß von dir, von mir -- vorüber,

Die Hand im Strauch will fest die Qual bezwingen.

Es tat nicht weh, ich hab' in Wachs gegriffen,

Kein Tropfen sprang, es hat nicht warm geflutet,

Die roten Ströme sind zurückgeflossen,

Es hat mein Herz, mein Herz nur hat geblutet.

Der Ländler.

Auf die Terrasse war ich hinbefohlen,

Der jugendfrischen, schönen, geistvollen,

Holdseligen Prinzessin vorzulesen.

Ich wählte Tasso.

Durch den Sommerabend

Umschwirrt' uns schon das erste Nachtinsekt.

Die Sonne war gesunken. Rot Gewölk

Stand hellgetönt, mit Blau vermischt, im Westen.

Der Garten vor uns, tief gelegen, hüllt

Sich ein in dunkle Schatten mehr und mehr.

Und eine Nachtigall beginnt.

Der Diener

Setzt auf den Tisch die Lampen, deren Licht

Nicht durch den schwächsten Zug ins Flackern kommt.

Von unten, aus dem Dorfe, klingt Musik.

Und deutlich aus der Finsternis heraus,

Leuchtstriche, blitzen eines Tanzsaals Fenster.

Die Paare huschen schnell vorbei in ihnen.

Zuweilen, wenn die Tür geöffnet steht,

Erschallt Gestampf, der Brummbaß, Kreischen, Jauchzen.

Unbändig scheint die Freude dort zu herrschen.

Ich trage unterdessen weiter vor,

Wie flüchtige Bilder, unbewußt, den Trubel

Im Tal an mir vorüberziehen lassend,

Und jene Verse hab' ich grad getroffen:

»Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein,

Der schäumend wallt und brausend überquillt?«

Als ich die Lider hob und die Prinzeß,

Die säumig ihre Linke dem Geländer

Hinüber ruhen läßt, erblicke, wie sie,

Nicht meiner Lesung achtend, niederschaut,

Das braune Auge träumerisch, sehnsüchtig

Hinuntersendet auf den fröhlichen Ländler.

»Wie wär' es, fänden wohl Durchlaucht Vergnügen,

Dem frohen Reigen dort sich anzuschließen?«

Und sie, ein Seufzer: »Ach, ich tät's so gern!«

Wenn ich's nur bringen könnte, wiedergeben,

Wie jenes Wort von ihr gesprochen ward,

Das »so«, das »gern«, wenn ich's nur treffen könnte,

Wie sie das sagte: »Ach, ich tät's so gern!«

Wer weiß wo.

Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm,

Auf roßzerstampften Sommerhalm

Die Sonne schien.

Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus,

Und mancher kehrte nicht nach Haus

Einst von Kolin.

Ein Junker auch, ein Knabe noch,

Der heut das erste Pulver roch,

Er mußt' dahin.

Wie hoch er auch die Fahne schwang,

Der Tod in seinen Arm ihn zwang.

Er mußt' dahin.

Ihm nahe lag ein frommes Buch,

Das stets der Junker bei sich trug,

Am Degenknauf.

Ein Grenadier von Bevern fand

Den kleinen erdbeschmutzten Band

Und hob ihn auf.

Und brachte heim mit schnellem Fuß

Dem Vater diesen letzten Gruß,

Der klang nicht froh.

Dann schrieb hinein die Zitterhand:

»Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand.

Wer weiß wo.«

Und der gesungen dieses Lied,

Und der es liest, im Leben zieht

Noch frisch und froh.

Doch einst bin ich, und bist auch du,

Verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh',

Wer weiß wo.

In einer großen Stadt.

Es treibt vorüber mir im Meer der Stadt

Bald der, bald jener, einer nach dem andern.

Ein Blick ins Auge, und vorüber schon.

Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Es tropft vorüber mir ins Meer des Nichts

Bald der, bald jener, einer nach dem andern.

Ein Blick auf seinen Sarg, vorüber schon.

Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt.

Querweg die Menschen, einer nach dem andern.

Ein Blick auf meinen Sarg, vorüber schon.

Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Vor Last und Lärm.

Die frühste Sonne legt sich übers Feld,

Und steigt empor; und schweigend dampft der Morgen.

Aus dem im letzten Traum verstrickten Städtchen

Bin ich dem Tore schon weitab entrückt.

Wen seh' ich dort im nassen Graben liegen?

Ein Bauer, der zu viel getrunken hatte,

Ist hier die Nacht gefallen, unter Disteln.

Das linke Knie hat er herangezogen;

Mit offnen Lippen schnarcht der wüste Kerl.

Vorüber -- schon verliert sich das Geräusch.

Was ist denn das dort rechts am Meilenstein?

Ein kleiner, weißer Bologneserhund

Mit blutgeröteten Behangesspitzen,

Von tauerweichter Erde arg beschmutzt.

Wie kommt der hierher, frag' ich mich vergebens.

Ist's Tante Minnas süßer Liebling nicht?

Wenn die das wüßte, was Bijou ergötzt:

Er wühlt mit seinem Schnäuzchen emsiglich

Im Eingeweide eines toten Fuchses.

Als ich ihm in die Näh' gekommen, drückt er

Ein Vorderpfötchen auf den Balg des Aases

Und duckt den Kopf und äugt mich mürrisch an;

Sein ganzer Körper bleibt unregbar stehn,

Nur seine Augen folgen meinem Schritt.

Vorüber -- lautlos alles noch und ruhig.

Auf einer Pflugschar gleißt im grellsten Weiß

Das Taggestirn, als brennte dort sich's fest.

Da schallt der erste Ton, vom Lager klingt er,

Das meinem Blick zwei Meilen abseits leuchtet.

Unendlich schwach hör' ich die Trommeln wirbeln,

Die Hörner: Habt -- ihr noch -- nicht lang -- genug --

Geschla -- -- -- fen.

Die Straße, die mein Fuß lebendig geht,

Zieht sich in schnurgerader Linie hin,

Auf zehn Minuten hab' ich Übersicht.

Just, wo für mich der Weg den Anfang nimmt,

Erscheint ein Punkt, der größer wird und größer.

Hurra! Sie ist's! Hurra, hurra! Sie ist's!

Rasch zieh' und hastig ich mein Taschentuch

Und winke, und ein Fähnchen zeigt sich auch

In ihrer Hand; und muntrer greif' ich aus.

An meinen Stock knüpf' ich das Banner an,

Und an den Sonnenschirm das ihre sie.

Und nun ein Hin und Her, ein Schwenken, Kreisen,

Als wollten Tauben wir vom Dache scheuchen.

Indessen trommelt's immer fort: Wacht auf;

Und tutet: Habt -- ihr noch -- nicht lang -- genug --

Geschla -- -- -- fen.

Mein Antlitz glüht in freudigster Erwartung,

Die Kehle ist mir fast wie zugeschnürt,

Wie schlägt mein Herz, wie atmet meine Brust.

Nun sind wir sprechweit nah, und dann, und dann,

Wie sonderbar, verkürzt sich unsre Eile.

Sind wir beschämt? Auf ihren Wangen flog

Ein Purpur hin wie schneller Wolkenschatten.

Nun lächelt sie. Das Köpfchen biegt sich etwas

Nach rechts und rückwärts; ja, und dann, und dann --

Indessen brechen Horn und Trommel ab --

Stumm wie der mönchverlaßne Klostergang

Liegt rings um uns des Morgens heilige Stille.

Weite Aussicht.

Steht eine Mühle am Himmelsrand,

Scharfgezeichnet gegen mäusegraue Wetterwand,

Und mahlt immerzu, immerzu.

Hinter der Mühle am Himmelsrand,

Ohne Himmelsrand, mahlt eine Mühle, allbekannt,

Mahlt immerzu, immerzu.

Erinnerung.

Die großen Feuer warfen ihren Schein

Hell lodernd in ein lustig Biwaktreiben.

Wir Offiziere saßen um den Holzstoß

Und tranken Glühwein, sternenüberscheitelt.

So manches Wort, das in der Sommernacht

Im Flüstern oder laut gesprochen wird,

Verweht der Wind, begräbt das stille Feld.

Die Musketiere sangen: »Stra -- a -- ßburg.

O Stra -- a -- ßburg ...« Da fühlt' ich eine Hand,

Die leise sich auf meine Schulter legte.

Ich wandte rasch den Kopf, und sah den Lehrer,

Bei dem ich, freundlich aufgenommen, gestern

Quartier gehabt; der nun, verabredet,

Mit seinem Töchterchen gekommen war.

Ein Mädel, jung gleich einer Apfelblüte,

Die niemals noch der Morgenwind geschaukelt.

Der Alte mußte neben uns sich setzen,

Und während ihm das Glas die Freunde füllten,

Führt' ich, von allem ihr Erklärung gebend,

Das Mädchen langsam durch die Lagerreihen.

Sie sprach kein Wort, doch lautlos sprach ihr Mund,

Ihr lächelnd und ihr staunend großes Auge.

Wie schön sie war, wenn sie beim Feuer stand,

Und rote Funken knisternd uns umtanzten.

Es hob sich die Gestalt vom dunklen Himmel

Scharf ausgeschnitten aus dem schwarzen Rahmen.

Und einmal, als Soldaten, ausstaffiert

Als Storch und Bär, uns ihre Künste zeigten,

Da lehnte flüchtig sie, beinah erschrocken,

An meine Brust ihr frommes Kinderantlitz.

Wir traten zögernd dann den Rückweg an,

-- Es stahl der Mond sich eben in die Bäume,

Und in der Ferne, bei den Doppelposten,

Fiel dumpf verhallend durch den Wald ein Schuß. --

Wir gingen Hand in Hand,

Und so, halb stehend, halb im Weitergehn,

Bog ich mein Haupt hinunter zu dem ihren.

Ich fühlte, wie die jungen Lippen mir

Entgegenkamen, und ich seh' noch heut

Ihr dunkles Auge in die Sterne leuchten ...

Als längst der Alte mit ihr weggegangen,

Saß ich im Kreise meiner Kameraden

Und dachte voller Sehnsucht an das Mädchen,

Bis mir zuletzt die schweren Lider sanken.

Mein treuer Bursche trug mich in mein Zelt

Und deckte sorgsam mir den Mantel über.

Seitdem bin ich durch manches Land gezogen,

Doch unvergessen bleibt mir jene Nacht.

Kalter Augusttag.

Deutsche Lyrik seit Liliencron · 第 30 / 42 题