Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß.
Der Felder gelbe Winde schlafen still.
Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will.
Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.
Die blauen Lider schatten sanft herab.
Und bei der Sensen blanken Melodien
Träumt sie von eines Kusses Karmoisin
Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.
Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt
Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt
Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt
Mit weitem Echo. Wo herunter tönt
Hall voller Straßen, Glocken und Geläut.
Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht
In blinde Scheiben dumpfes Abendrot,
In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,
Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann,
Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien.
Last schwerer Brücken, die darüber ziehn
Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.
Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit,
Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm
Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm,
Der schattet über beide Ufer breit.
Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht
Der westlich hohe Tag des Sommers spät,
Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht
Des fernen Abends zarte Müdigkeit.
Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht,
Durch manchen Winters trauervollen Port.
Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort,
Davon der Horizont wie Feuer raucht.
Deine Wimpern, die langen ...
Deine Wimpern, die langen,
Deiner Augen dunkle Wasser,
Laß mich tauchen darein,
Laß mich zur Tiefe gehn.
Steigt der Bergmann zum Schacht
Und schwankt seine trübe Lampe
Über der Erze Tor,
Hoch an der Schattenwand,
Sieh, ich steige hinab,
In deinem Schoß zu vergessen,
Fern was von oben dröhnt,
Helle und Qual und Tag.
An den Feldern verwächst,
Wo der Wind steht, trunken vom Korn,
Hoher Dorn, hoch und krank
Gegen das Himmelsblau.
Gib mir die Hand,
Wir wollen einander verwachsen,
Einem Wind Beute,
Einsamer Vögel Flug,
Hören im Sommer
Die Orgel der matten Gewitter,
Baden in Herbsteslicht,
Am Ufer des blauen Tags.
Manchmal wollen wir stehn
Am Rand des dunklen Brunnens,
Tief in die Stille zu sehn,
Unsere Liebe zu suchen.
Oder wir treten hinaus
Vom Schatten der goldenen Wälder,
Groß in ein Abendrot,
Das dir berührt sanft die Stirn.
Göttliche Trauer,
Schweige der ewigen Liebe.
Hebe den Krug herauf,
Trinke den Schlaf.
Einmal am Ende zu stehen,
Wo Meer in gelblichen Flecken
Leise schwimmt schon herein
Zu der September Bucht.
Oben zu ruhn
Im Hause der dürftigen Blumen,
Über die Felsen hinab
Singt und zittert der Wind.
Doch von der Pappel,
Die ragt im Ewigen Blauen,
Fällt schon ein braunes Blatt,
Ruht auf dem Nacken dir aus.
Peter Hille.
Geboren am 11. September 1854 zu Erwitzen in Westfalen, wurde
Schriftsteller, führte ein unruhiges Leben, hielt sich in London und
Holland auf und lebte dann zumeist in Berlin. Er starb zu Schlachtensee
bei Berlin am 7. Mai 1904. -- Gesammelte Werke 1904.
Maienwind.
Mutwillige Mädchenwünsche
Haben Flieder
Niedergebogen,
Blauen und weißen.
Wie Tauben sind sie weitergeflogen,
Mit Wangen, wilden und heißen.
Hoch in warmen, schelmischen Händen
Haschender Sonne
Geschwungene Strahlen.
Hellbehende Wonne
Weißer Kleider
Weht.
Mutwillige Mädchenwünsche
Haben sich Flieder
Niedergebogen,
Blauen und weißen, --
Sind weitergezogen ...
Brautseele.
Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm deiner Liebe,
Wie tief im Hain
Das Herz des Frühlings zittert.
Ja, du mein heftiges Herz,
Wir haben Frühling!
Auf einmal ist nun alles Blühen da!
Meine freudigen Wangen
Sind aufgegangen
Fromm nach deinen Küssen.
Gefährlich bist du, o Frühling,
Und verwirrt;
Wie von heftiger Süße
Prangenden Weines
Pocht meine Seele.
Wie er so sinnend mich streichelt
Mit seinen Strahlen allen,
Und schlafen möchte ich
Immerzu.
So träume ich vom eigenen Blute
Und bin so wach
Von mir,
So erschrocken,
Wie man wohl aufhorcht
Im flüsternden Herzen der Nacht.
Wie Sterne, die nicht schlafen können,
Stehn meine Augen!
Und bin doch so müde,
So sonderbar müde.
Sind wir Mädchen nicht alle so sonderbar müde
Um diese Zeit?
Das macht, du bist um uns,
Du bist ein Zauberer.
In Bäumen und Menschen
Zauberst du
Ein Sehnen und Dehnen,
Ein müdes, verlangendes Gähnen.
Ja, ja, ihr Gespielinnen,
Der kennt euch!
Vor ihm kann kein Geheimnis bestehen,
Er ist ja Weib wie ihr
Und eine heimliche, schelmische Stärke.
Frühling, sag, was machst du mit uns,
Daß wir alle so sprossend müde sind?
Wir fühlen dich ganz in uns.
Du durchtönst uns,
Tust mit uns ganz das Leben!
Ja, wir beben Leben!
Fromm atmet in uns eine Andacht,
Und wohlig will es werden
Rings auf der sprossenden Erden.
Wie wir uns regen,
Da ist immer ein heimliches Bewegen.
Da ist die Quelle ein rieselnder Spiegel,
Der uns erquickt und uns darreicht,
Da ist der Spiegel eine bleibende Quelle,
Und immer wird uns leise
Süß von uns;
So zeigt es uns, verrät es uns,
Wie süß wir sind
Für den einen, andern.
O komm!
Ich bin ja so süß
Nach dir!
O komm!
Ich bin ja so schön
Nach dir!
Ich, deine lebendige,
Deine wartende Zier,
Vergehe nach dir!
Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken, --
O komm!
Komm du dem Alter, dem Welken zuvor!
Ein Sehnen geht in allen Blumen
Und will dich holen mit Farben und Duft,
Und alles, was schön ist auf dieser Weltwiese,
Ist nur aus Sehnen und Liebe schön.
Lieblich schlau
Üben wir Schönheit
So lange vor euch,
Bis daß ihr kommt!
Schüchtern, schelmisch
Spielt sich unsere arme
Lodernde Seele
Hin vor euch!
Dann, dann!
Dann kommen zwei lodernde Sonnen
In meinen Tag;
Du mein doppelter Tag
Mit deinen beiden Sonnen!
Du! du!
Und deine Hand!
Meines Mundes duftende Blüte
Vergeht vor deiner Güte.
Und meine Wangen
Sind aufgegangen,
Wie meine Flechten
Vor deiner Rechten!
Ja, du hast recht, glätte sie nur,
Du meine wirrglühende Sonne!
Rufe, locke alles heraus
Aus deiner Erde, du mein Lenz!
Du hast ja gleich zwei Sonnen,
Und eine brauchen wir nur am Himmel.
Und diese beiden Sonnen erzählen dich mir
Wie du aufgewachsen und wo du
Gewachsen für mich!
Wie der heilige Wein Palästinas
Den Heiland mir ansagt,
Sein Seelenfrühlicht,
Sein wärmendes Wandeln.
O, wie da alles aufsteht!
Feierlich, rauschend!
Vorbereitend!
O komm!
Ich bin ja so schön nach dir!
O laß mich weinen
Tränen der Braut,
Tränen, du Böser,
Daß ich so lange warten mußte auf dich!
Das tut so wohl!
Meine Seele badet.
Dann kommt sie zu dir.
Ja?
[Illustration: Arno Holz]
Waldesstimme.
Wie deine grüngoldnen Augen funkeln,
Wald, du mosiger Träumer!
Wie deine Gedanken dunkeln,
Einsiedel, schwer von Leben,
Saftseufzender Tagesversäumer!
Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben
Wie's Atem holt und voller wogt und braust
Und weiter zieht --
und stille wird --
und saust.
Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben
Hoch droben steht ein ernster Ton,
Dem lauschten tausend Jahre schon
Und werden tausend Jahre lauschen ...
Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.
An Gott.
Deine Himmel sind mir viel zu süß:
Gib mir, mit freier Brust zu ragen,
Mit dir die Welten zu ertragen,
Wo du bist!
Abbild.
Seele meines Weibes, wie zartes Silber bist du.
Zwei flinke Fittiche weißer Möwen
Deine beiden Füße.
Und dir im lieben Blute auf
Steigt ein blauer Hauch
Und sind die Dinge darin
Alle ein Wunder.
Prometheus.
Entgegengeschmiedet
Auf schroffem Fels
Den Pfeilen der Sonne,
Dem Hagelgeprassel,
Trotz' ich, Olympier, dir.
Der wiederwachsenden Leber
Zuckende Fibern
Hackt mir des Geiers Biß
Aus klaffender Wunde.
Ein Wimmern, glaubtest,
Olympier, du,
Würden die rauschenden Winde
Ins hochaufhorchende
Ohr dir tragen?
Nicht reut mich der Mensch,
Der Leben und Feuer mir dankt,
Nicht fleh' ich Entfeßlung von dir.
Jahrhunderte will ich
Felsentrotzig durchdauern,
Jahrtausende,
Wenn dir die Lust nicht schwindet,
Wenn der Trotzende nicht
Zu glücklich dir scheint.
Abendröte.
Sieh da droben die Rosen! Ein glüher Jubel!
Die Wangen der Nacht
In Scharlach und Purpurpracht.
Nun ist da droben Hochzeit:
Die Königskinder des Himmelreiches.
Strenge Augen erster Schönheit,
Frieden frierend,
Wie vor kämpfend heißen Rosen
Wundern an den schweren Schmuck goldspielender Brokate,
Des Samtes tiefenweiches Blut,
Gebettet in des Schnees nachtgeflammte,
Flockenzarte Wärme: den hehren Hermelin.
Die Kränze nehmen sie von herben Scheiteln ab
Und heben Bechertau an ihres Lebens
Rötlich reine Kelche,
Und verwunden
Die Verklärung
Saftigherber Früchte.
Des strengen Lagers scheue Falten warten ..
Wie entsetzlich ist Schönheit! ..
Wie eine Siegesfahne hält
Der Himmel
Des Lebens leuchtendrote Brunst mit aller seiner Adlermacht.
Der Sieger sinkt.
Die Nacht fällt in den Wein.
Selige Grüße.
Bläulicher Flieder.
Ist das ein Grüßen!
Wirbelnde Lieder
Wehen herüber, --
Stürben lieber.
Seligsein -- und das heißt büßen.
Hugo von Hofmannsthal.
Geboren am 1. Februar 1874 in Wien. -- Gesammelte Gedichte 1907.
Vorfrühling.
Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.
Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.
Er schüttelte nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten,
Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt,
Er glitt durch die Flöte
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei,
Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte mit Neigen
Der Ampel Schimmer.
Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.
Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehen
Blasse Schatten
Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern nacht.
Die Beiden.
Sie trug den Becher in der Hand,
Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand.
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.
So leicht und fest war seine Hand:
Er saß auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, daß es zitternd stand.
Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es beiden allzu schwer:
Denn beide bebten sie so sehr,
Daß keine Hand die andre fand
Und dunkler Wein am Boden rollte.
Ballade des äußeren Lebens.
Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
Und alle Menschen gehen ihrer Wege.
Und süße Früchte werden aus den herben
Und fallen nachts wie tote Vögel nieder
Und liegen wenig Tage und verderben.
Und immer weht der Wind, und immer wieder
Vernehmen wir und reden viele Worte
Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.
Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen
Und drohende, und totenhaft verdorrte ...
Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen
Einander nie? und sind unzählig viele?
Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?
Was frommt das alles uns und diese Spiele,
Die wir doch groß und ewig einsam sind
Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben?
Und dennoch sagt der viel, der »Abend« sagt,
Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.
Manche freilich ...
Manche freilich müssen drunten sterben,
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.
Manche liegen immer mit schweren Gliedern
Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Andern sind die Stühle gerichtet
Bei den Sibyllen, den Königinnen,
Und da sitzen sie wie zu Hause,
Leichten Hauptes und leichter Hände.
Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
Wie an Luft und Erde gebunden:
Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
Noch weghalten von der erschrockenen Seele
Stummes Niederfallen ferner Sterne.
Viele Geschicke weben neben dem meinen,
Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.
Terzinen über Vergänglichkeit.
Noch spür' ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?
Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
Daß alles gleitet und vorüberrinnt
Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,
Herüberglitt aus einem kleinen Kind,
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.
Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war,
Und meine Ahnen, die im Totenhemd,
Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar.
So eins mit mir als wie mein eignes Haar.
Erlebnis.
Mit silbergrauem Dufte war das Tal
Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond
Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.
Mit silbergrauem Duft des dunkeln Tales
Verschwammen meine dämmernden Gedanken,
Und still versank ich in dem webenden
Durchsicht'gen Meere und verließ das Leben.
Wie wunderbare Blumen waren da,
Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht,
Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen
In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze
War angefüllt mit einem tiefen Schwellen
Schwermütiger Musik. Und dieses wußt' ich,
Obgleich ich's nicht begreife, doch ich wußt' es:
Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,
Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend,
Verwandt der tiefsten Schwermut.
Aber seltsam!
Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
In meiner Seele nach dem Leben, weinte,
Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff
Mit gelben Riesensegeln gegen Abend
Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,
Der Vaterstadt vorüberfährt. Da sieht er
Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht
Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber
Ein Kind am Ufer stehn, mit Kindesaugen,
Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht
Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer --
Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter,
Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend
Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.
Dein Antlitz ...
Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen.
Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben.
Wie stieg das auf! daß ich mich einmal schon
In frühern Nächten völlig hingegeben
Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal,
Wo auf den leeren Hängen auseinander
Die magern Bäume standen und dazwischen
Die niedern kleinen Nebelwolken gingen
Und durch die Stille hin die immer frischen
Und immer fremden silberweißen Wasser
Der Fluß hinrauschen ließ, wie stieg das auf!
Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen
Und ihrer Schönheit, die unfruchtbar war,
Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz,
Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar
Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!
Terzinen.
Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,
Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf
Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
.. Nicht anders tauchen unsre Träume auf,
Sind da und leben, wie ein Kind, das lacht,
Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.
Das Innerste ist offen ihrem Weben,
Wie Geisterhände in versperrtem Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.
Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.
Der Jüngling in der Landschaft.
Die Gärtner legten ihre Beete frei,
Und viele Bettler waren überall,
Mit schwarzverbundnen Augen und mit Krücken,
Doch auch mit Harfen und den neuen Blumen,
Dem starken Duft der schwachen Frühlingsblumen.
Die nackten Bäume ließen alles frei:
Man sah den Fluß hinab und sah den Markt
Und viele Kinder spielen längs den Teichen.
Durch diese Landschaft ging er langsam hin
Und fühlte ihre Macht und wußte, daß
Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen.
Auf jene fremden Kinder ging er zu
Und war bereit, an unbekannter Schwelle
Ein neues Leben dienend hinzubringen.
Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele,
Die frühern Wege und Erinnerung
Verschlungner Finger und getauschter Seelen
Für mehr als nichtigen Besitz zu achten.
Der Duft der Blumen redete ihm nur
Von fremder Schönheit, und die neue Luft
Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht:
Nur daß er dienen durfte, freute ihn.
Aus »Der Tod des Tizian«.
_Gianino_ spricht:
Mir war, als ginge durch die blaue Nacht,
Die atmende, ein rätselhaftes Rufen.
Und nirgends war ein Schlaf in der Natur.
Mit Atemholen tief und feuchten Lippen,
So lag sie, horchend in das große Dunkel,
Und lauschte auf geheimer Dinge Spur.
Und sickernd, rieselnd kam das Sterngefunkel
Hernieder auf die weiche, wache Flur.
Und alle Früchte schweren Blutes schwollen
Im gelben Mond und seinem Glanz, dem vollen,
Und alle Brunnen glänzten seinem Ziehn,
Und es erwachten schwere Harmonien.
Und wo die Wolkenschatten hastig glitten,
War wie ein Laut von weichen, nackten Tritten ...
Leis stand ich auf -- ich war an dich geschmiegt --
Da schwebte durch die Nacht ein süßes Tönen,
Als hörte man die Flöte leise stöhnen,
Die in der Hand aus Marmor sinnend wiegt
Der Faun, der da im schwarzen Lorbeer steht,
Gleich nebenan, beim Nachtviolenbeet.
Ich sah ihn stehen still und marmorn leuchten;
Und um ihn her im silbrig Blauen, Feuchten,
Wo sich die offenen Granaten wiegen,
Da sah ich deutlich viele Bienen fliegen,
Und viele saugen, auf das Rot gesunken,
Von nächt'gem Duft und reifem Safte trunken.
Und wie des Dunkels leiser Atemzug
Den Duft des Gartens um die Stirn mir trug,
Da schien es mir wie das Vorüberschweifen
Von einem weichen, wogenden Gewand
Und die Berührung einer warmen Hand.
In weißen, seidig weißen Mondesstreifen
War liebestoller Mücken dichter Tanz,
Und auf dem Teiche lag ein weicher Glanz
Und plätscherte und blinkte auf und nieder.
Ich weiß es heut nicht, ob's die Schwäne waren,
Ob badender Najaden weiße Glieder,
Und wie ein süßer Duft von Frauenhaaren
Vermischte sich dem Duft der Aloe ...
Und was da war, ist mir in eins verflossen:
In eine überstarke, schwere Pracht,
Die Sinne stumm und Worte sinnlos macht.
Aus »Der Abenteurer und die Sängerin«.
Der _Baron_ spricht:
Ich will hier Feste geben. Schaff mir Löwen,
Die Blumensträuße aus dem Rachen werfen!
Vergoldete Delphine stell vors Tor,
Die roten Wein ins grüne Wasser spein!
Nicht drei, nicht fünf, zehn Diener nimm mir auf
Und schaff Livreen. An den Treppen sollen
Drei Gondeln hängen voller Musikanten
In meinen Farben.
Ich will den Kampanile um und um
In Rosen und Narzissen wickeln. Droben
Auf seiner höchsten Spitze sollen Flammen
Von Sandelholz, genährt mit Rosenöl,
Den Leib der Nacht mit Riesenarmen fassen.
Ich mach' aus dem Kanal ein fließend Feuer,
Streu so viel Blumen aus, daß alle Tauben
Betäubt am Boden flattern, so viel Fackeln,
Daß sich die Fische angstvoll in den Grund
Des Meeres bohren, daß Europa sich
Mit ihren nackten Nymphen aufgescheucht
In einem dunkleren Gemach versteckt
Und daß ihr Stier geblendet laut aufbrüllt!
Mach Dichterträume wahr, stampf aus dem Grab
Den Veronese und den Aretin,
Spann Greise vor, bau eine Pyramide
Aus Leibern junger Mädchen, welche singen!
Die Pferde von Sankt Markus sollen wiehern
Und ihre ehrnen Nüstern blähn vor Lust!
Die oben liegen in den bleiernen Kammern
Und ihre Nägel bohren in die Wand,
Die sollen innehalten und schon meinen,
Der Jüngste Tag ist da, und daß die Engel
Mit rosenen Händen und dem wilden Duft
Der Schwingen niederstürzend jetzt das Dach
Von Blei hinweg, herein den Himmel reißen! ...
* * *
_Derselbe_ spricht:
O hättest du gelernt wie ich zu leben,
Dir wäre wohl.
Ich achte diese Welt nach ihrem Wert,
Ein Ding, auf das ich mich mit sieben Sinnen
So lange werfen soll, als Tag' und Nächte
Mich wie ein ächzend Fahrzeug noch ertragen.
Leben! Gefangen liegen, schon den Tritt
Des Henkers schlürfen hörn im Morgengrauen
Und sich zusammenziehen wie ein Igel,
Gesträubt vor Angst und starrend noch von Leben!
Dann wieder frei sein! atmen! wie ein Schwamm
Die Welt einsaugen, über Berge hin!
Die Städte drunten, funkeln wie die Augen!
Die Segel draußen, vollgebläht wie Brüste!
Die weißen Arme! Die von Schluchzen dunklen
Verführten Kehlen! Dann die Herzoginnen
Im Spitzenbette weinen lassen und
Den dumpfen Weg zur Magd, du glaubst mir nicht?
Ich sage dir, es gibt nichts Lustigres
Als hier im Zimmer auf und nieder gehn,
Sich Wein einschenken, essen, schlafen, küssen
Und draußen an der Tür den wilden Atem
Von _einem_ gehen hören oder _einer_,
Die lauert und in der geballten Faust
Den Tod hält, deinen oder ihren Tod! ...
Arno Holz.
Geboren am 26. April 1863 zu Rastenburg in Ostpreußen. Lebt seit 1875 in
Berlin. -- Buch der Zeit 1885. Phantasus I und II 1898 und 1899. Große
»Insel«-Ausgabe 1916. Des berühmbten Schäffers Dafnis sälbst
verfärtigte, sämbtliche Freß- Sauffund Venus-Lieder benebst angehänckten
Auffrichtigen und Reuemächtigen Buß-Thränen 1904. Das ausgewählte Werk
1919.
Ein Abschied.
Sein Freund, der Türmer, war noch wach,
wie Silber gleißte das Rathausdach,
und drüber stand der Mond.
Er wußte kaum, wie schwer er litt,
doch schlug ihm das Herz bei jedem Schritt,
und das Ränzel drückte ihn.
Die Gasse war so lang, so lang,
und dazu noch die Stimme, die über ihm sang:
Wann's Mailüfterl weht!
Jetzt bog sich ein Fliederstrauch über den Zaun,
und die Mutter Gottes, aus Stein gehaun,
stand weiß vor dem Domportal.
Hier stand er eine Weile still
und hörte, wie eine Dohle schrill
hoch oben ums Turmkreuz pfiff.
Dann löschte links in dem kleinen Haus
der Löwenwirt seine Lichter aus,
und die Domuhr schlug langsam zehn.
Die Brunnen rauschten wie im Traum,
die Nachtigall schlug im Lindenbaum,
und alles war wie sonst!
Da riß er die Rose sich aus dem Rock
und stieß sie ins Pflaster mit seinem Stock,
daß die Funken stoben, und ging.
Das Lämpchen flackerte rot überm Tor,
und der Wald, in den sich sein Weg verlor,
stand schwarz im Mondlicht da.
Er schritt und schritt, ein Käuzchen schrie,
die Farren reichten ihm bis übers Knie,
und der Sankt-Jakobs-Quell plätscherte ...
Erst droben auf dem Heiligenstein
fiel ihm noch einmal alles ein,
als der Weg um die Buche bog.
Die Blätter rauschten, er stand und stand
und sah hinunter unverwandt,
wo die Dächer funkelten!
Dort stand der Garten und dort das Haus,
und jetzt war das aus, und jetzt war das aus,
und -- die Dächer funkelten!
Sein Herz schlug wild, sein Herz schlug nicht fromm:
Wann i komm, wann i komm, wann i wiederkomm!
Doch er kam nie wieder.
[Illustration: Ricarda Ceconi-Huch]
Ninon.
Ninon heißt sie. Ihre Mutter
handelt nachts mit Apfelsinen
an der Weidendammer Brücke.
Doch sie selbst ist Kammerkätzchen.
Stöckelschühchen. Sehr kokett.
Sehr kokett sitzt auch ihr Häubchen,
das auf ihrem krausen Köpfchen
weiß und niedlich balanciert.
Doch der kleine Marmorschlingel,
der dem Spiegel visavis
grad vor einem Makartstrauß hockt,
läßt sich dadurch nicht verblüffen.
Immer, wenn ihr Pfauenwedel
ihn frühmorgens abstäubt, lacht er.
Ja, die Stutzuhr kann sogar
deutlich hören, was er sagt:
»Tu mir den Gefallen, Kind, und
kokettiere nicht so viel!
Ninon nennt die gnädige Frau dich?
Geh, du heißt ja gar nicht so!
Martha heißt du. Dein Papa
war der gnädige Herr von Dingsda.
Vor drei Wochen in Neuyork
starb er als Konditorlehrling.
Deine Mutter lebt. Sie schielt,
hinkt und schnupft. Im übrigen
handelt sie mit Apfelsinen
an der Weidendammer Brücke.«
Aus »Phantasus«.
Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne,
vom Hof her stampfte die Fabrik.
Es war die richtige Mietskaserne
mit Flur- und Leiermannsmusik!
Im Keller nistete die Ratte,
Parterre gab's Branntwein, Grog und Bier,
und bis ins fünfte Stockwerk hatte
das Vorstadtelend sein Quartier.
Dort saß er nachts vor seinem Lichte
-- duck nieder, nieder, wilder Hohn! --
und fieberte und schrieb Gedichte,
ein Träumer, ein verlorner Sohn!
Sein Stübchen konnte grade fassen
ein Tischchen und ein schmales Bett;
er war so arm und so verlassen,
wie jener Gott aus Nazareth!
Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,
die Welt, ihn aus: Er ist verrückt! --
ihm hatte leuchtend auf die Stirne
der Genius seinen Kuß gedrückt!
Und wenn, vom holden Wahnsinn trunken,
er zitternd Vers an Vers gereiht,
dann schien auf ewig ihm versunken
die Welt und ihre Nüchternheit.
In Fetzen hing ihm seine Bluse,
sein Nachbar lieh ihm trocknes Brot,
er aber stammelte: O Muse!
und wußte nichts von seiner Not.
Er saß nur still vor seinem Lichte,
allnächtlich, wenn der Tag entflohn,
und fieberte und schrieb Gedichte,
ein Träumer, ein verlorner Sohn!
* * *
Die Nacht liegt in den letzten Zügen,
der Regen tropft, der Nebel spinnt ...
O, daß die Märchen immer lügen,
die Märchen, die die Jugend sinnt!
Wie lieblich hat sich einst getrunken
der Hoffnung goldner Feuerwein!
Und jetzt? Erbarmungslos versunken
in dieses Elend der Spelunken --
O Sonnenschein! O Sonnenschein!
Nur einmal, einmal noch im Traume
laßt mich hinaus, o Gott, hinaus!
Denn süß rauscht's nachts im Lindenbaume
vor meines Vaters Försterhaus.
Der Mond lugt golden um den Giebel,
der Vater träumt von Mars-la-Tour,
lieb Mütterchen studiert die Bibel,
ihr Nestling koloriert die Fibel,
und leise, leise tickt die Uhr.
O goldne Lenznacht der Jasminen,
o wär ich niemals dir entrückt!
Das ewige Rädern der Maschinen
hat mir das Hirn zerpflückt, zerstückt!
Einst schlich ich aus dem Haus der Väter
nachts in die Welt mich, wie ein Dieb,
und heut -- drei kurze Jährchen später! --
wie ein geschlagener Missetäter,
schluchz ich: Vergib, o Gott, vergib!
Wozu dein armes Hirn zerwühlen?
Du grübelst, und die Weltlust lacht!
Denn von Gedanken, von Gefühlen
hat noch kein Mensch sich satt gemacht!
Ja, recht hat, o du süße Mutter,
dein Spruch, vor dem's mir stets gegraust:
Was soll uns Shakespeare, Kant und Luther?
Dem Elend dünkt ein Stückchen Butter
erhabner als der ganze Faust!
Vor meinem Fenster ...
Vor meinem Fenster
singt ein Vogel.
Still hör ich zu; mein Herz vergeht.
Er singt,
was ich als Kind ... so ganz besaß
und dann -- vergessen!
Rote Rosen ...
Rote Rosen
winden sich um meine düstre Lanze.
Durch weiße Lilienwälder
schnaubt mein Hengst.
Aus grünen Seeen,
Schilf im Haar,
tauchen schlanke, schleierlose Jungfraun.
Ich reite wie aus Erz.
Immer,
dicht vor mir,
fliegt der Vogel Phönix
und singt.
In einem Garten ...
In einem Garten, unter dunklen Bäumen,
erwarten wir
die Frühlingsnacht.
Noch
glänzt kein Stern.
Die Büsche schweigen.
Plötzlich,
aus einem Fenster,
leise,
getragen, schwellend,
die tiefen, klaren, reinen, lichten,
glutend golddurchwirkten
Töne
einer Geige.
Der Goldregen blinkt,
der Flieder duftet,
in unseren Herzen -- geht der Mond auf!
Aus weißen Wolken ...
Aus weißen Wolken,
schwebend, schweigend, strahlend ins blitzende Blau hochsteigend,
schimmernd, flimmernd, baut sich ein Schloß!
Spiegelnde Seeen, selige Wiesen,
singende Brunnen aus tiefstem Smaragd!
In seinen hohen, gleißenden, glitzernden Hallen
wohnen
die alten Götter!
Noch immer,
abends,
wenn die Sonne purpurn sinkt,
glühn seine Gärten;
vor ihren Wundern bebt mein Herz
und lange ... steh ich.
Sehnsüchtig!
Dann naht die Nacht,
die Luft verlischt,
wie zitterndes Silber blinkt das Meer,
und über die ganze Welt hin
webt ein Duft ... wie von Rosen!
Ricarda Huch.
Geboren am 18. Juli 1864 in Braunschweig, studierte in Zürich und wurde
dort 1891 als eine der ersten Frauen zum +Dr. phil.+ promoviert. --
Gedichte 1891. Neue Gedichte 1907.
Sehnsucht.
Um bei dir zu sein,
Trüg' ich Not und Fährde,
Ließ' ich Freund und Haus
Und die Fülle der Erde.
Mich verlangt nach dir,
Wie die Flut nach dem Strande,
Wie die Schwalbe im Herbst
Nach dem südlichen Lande.
Wie den Alpsohn heim,
Wenn er denkt, nachts alleine,
An die Berge voll Schnee
Im Mondenscheine.
Unersättlich.
Ganz mit Frühling und Sonnenstrahl,
Klang und duftendem Blütenguß
Mein verlangendes Herz einmal
Füll mir, seliger Überfluß!
Gib mir ewiger Jugend Glanz,
Gib mir ewigen Lebens Kraft,
Gib im flüchtigen Stundentanz
Ewig wirkende Leidenschaft!
Aus dem Meere des Wissens laß
Satt mich trinken in tiefem Zug!
Gib von Liebe und gib von Haß
Meiner Seele einmal genug.
Gib, daß Tau der Erfüllung mir
In die Schale des Herzens fließt,
Bis sie, selber verschwendend, ihr
Überschäumendes Glück ergießt!
Du.
Seit du mir ferne bist,
Hab' ich nur Leid,
Weiß ich, was Sehnsucht ist
Und freudenlose Zeit.
Ich hab' an dich gedacht
Ohn' Unterlaß
Und weine jede Nacht
Nach dir mein Kissen naß.
Und schließt mein Auge zu
Des Schlafes Band,
So wähn' ich, das tust du
Mit deiner weichen Hand.
Heimatlos.
Hör mich, Mutter, höre mich in deinem dunkeln Grabe,
Sage mir, wo ich Verirrter meine Heimat habe.
Wenn ich schlafe unter deinem Trauerweidenbaume,
Zeige mir das Land, das süße Vaterland, im Traume.
Laß mich meine Sterne sehen, eine milde Sonne
Durch das Meer des Himmels segeln, junger Saaten Wonne,
Und die Wasser jubelnd hoch von meinen Bergen stieben!
Meine Brüder, meine Schwestern zeig mir, die mich lieben.
Wär' der Weg auch noch so weit, ich will ihn gerne gehen;
Wär' er noch so hoch und steil, ich will ihn gern bestehen.
Denn ich mag nicht, mag nicht länger in der Fremde weilen,
Ich bin krank im Herzen, nur die Heimat kann mich heilen.
Käm' ich auch als Bettler zu der vielgeliebten Stelle,
Legen will ich mich auf meines Vaterhauses Schwelle;
Küsse werden, Tränen auf die alten Steine brennen,
Die mich besser als die Menschen in der Fremde kennen.
-- »Kind, dein Vaterland ist ferne, und der Weg ist weiter,
Als die Erde weit ist, und die Nacht ist dein Begleiter.
An der Pforte wird die Ewigkeit dich still begrüßen
Und die Wanderschuh' dir lösen von den wunden Füßen.« --
Erinnerung.
Einmal vor manchem Jahre
War ich ein Baum am Bergesrand,
Und meine Birkenhaare
Kämmte der Mond mit weißer Hand.
Hoch überm Abgrund hing ich
Windebewegt auf schroffem Stein.
Tanzende Wolken fing ich
Mir als vergänglich Spielzeug ein.
Fühlte nichts im Gemüte
Weder von Wonne noch von Leid,
Rauschte, verwelkte, blühte,
In meinem Schatten schlief die Zeit.
Verstoßen.
Ich weiß, daß ich sterben muß
An deinem Lieben.
Du hast mich ins Elend getrieben
Mit deinem Kuß.
Ich irre verbannt, allein
Und ohne Frieden,
Seit ich von der Welt mich geschieden,
Um dein zu sein.
Nie werd' ich mein Vaterland,
Das süße, schauen;
Nie wirst du den Herd für uns bauen
Mit froher Hand.
Oft streckst du die Arme aus,
Wenn ich dir fehle.
So fern bin ich; nur meine Seele
Irrt um dein Haus.
Herbst.
Herbst ist es, siehst du die Blätter fallen?
Nicht wie die Welkenden fromm
Wollen wir beide zu Tode wallen --
Küsse mich, komm!
Wolkenjagd oben in fernen Räumen!
Köstlich und wonnevoll
Ist es, die Perlen vom Wein zu schäumen,
Übermutstoll.
Aber noch herrlicher ist's, zu schlürfen
Alles in einem Zug!
Größeste Fülle, doch dem Bedürfen
Nimmer genug!
Laß uns das weinleere Glas zerschmettern,
Komm von dem Gipfel ins Grab,
Gleich unverletzlichen ewigen Göttern
Lächelnd hinab!
Ankunft im Hades.
In des Hades Grüfte trat ein neuer Gast.
»Sei, Genosse, uns willkommen!
Sprich, was du vernommen
Auf der Erde schönen Fluren hast.
Sprich uns von der vielgeliebten Sonne Glanz
Und von rosenroten Wangen;
Sag, ob fröhlich schwangen
Kleine Mücken den geschwinden Tanz.
Sahst du Liebchen Hand in Hand beim Abendmond?
Über unsern Leichensteinen
Sahst du uns beweinen
Jene Schar, die froh im Lichte wohnt?
Ihnen strömt der Tränen holder Tau,
Der befreit und löst die Schmerzen,
Wie das Eis im Märzen
Frühlingswinde wonnevoll und lau.«
-- »Lenz war droben, da von dannen ich gemußt.
Mit hinab in eure Grüfte
Nahm ich Veilchendüfte:
Diesen vollen Strauß an meiner Brust.« --
Seht, da ruhn die Danaiden; von der Qual
Muß auch Tantalus sich wenden;
Jäh aus müß'gen Händen
Stürzt der Stein des Sisyphus zu Tal.
Liebesreime.