Und es rauscht nur und weht.
Es liegt eine Insel, wohl zwischen grauen Wogen;
Es kommen wohl Vögel durch die Glut geflogen,
Die blaue Glut, die stumm und stet
Die Dünen umschlingt.
Da gebiert die Erde im stillen wohl ihr Empfinden
Und nimmt ihre Träume und gibt sie den Wellen, den Winden.
Die Seele eines Weibes singt:
O laß mich still so liegen,
An deiner Brust, die Augen zu.
Ich sehe zwei Wolken fliegen,
Die eine Sonne wiegen;
Wo sind wir, du? --
Und es rauscht und weht.
Es liegt eine Düne, wohl zwischen tausend andern.
Es werden wohl Sterne den blauen Raum durchwandern,
Der über den bleichen wilden Hügeln steht
Und golden schwingt.
Die Seele eines Mannes singt:
Still, laß uns weiterfliegen,
Beide die Augen zu.
Ich sehe zwei Meere liegen,
Die einen Himmel wiegen.
O du --
Es rauscht, es weht;
Über die heißen Höhenzüge geht
Höher und höher der goldne Schein
Ins Blaue hinein,
Wo das Dunkel schwebt.
Und aus dem Dunkel herüber, auf großen Wogen,
Kommt die Einsamkeit gezogen.
Und zwei Seelen singen: Eine Seele lebt,
Wohl zwischen den Sternen, den Sonnen, den Himmeln, den Erden,
Die will uns wohl endlich leibeigen werden:
Es schwellen die Wogen herüber, wie Herzen klingen,
Menschenherzen! -- Zwei Seelen singen --
Adolph Donath.
Geboren am 9. Dezember 1876 zu Kremsier in Mähren. -- Tage und Nächte
1898. Judenlieder 1899. Mensch und Liebe 1901.
Tränen.
Wenn ich leide, wenn ich dulde,
Wandern meine kranken Tränen
Fort in meine ferne Heimat,
Wo die gute Mutter wohnt.
Und die gute Mutter öffnet
Ihre kleinen weichen Hände,
Betet für den schwachen Dulder,
Der die Tränen heimgesandt.
Segnend legt sie dann die kranken
In ein stilles, feines Kästchen,
Das aus Seele sie gezimmert,
Das nur sie erschließen kann,
Und sie pflegt die kranken Tränen
Wie ein Gärtner, der sein Leben,
Seine edle, stumme Güte
Zarten Blütenknospen weiht ...
Wenn ich einst in Freudestunden
Zitternd nach den Tränen frage,
Küßt mir meine gute Mutter
Schnell den Dank vom Herzen weg.
Albert Ehrenstein.
Geboren am 23. Dezember 1886 zu Wien. -- Die weiße Zeit, 1914. Der
Mensch schreit, 1916. Die rote Zeit, 1917. Den ermordeten Brüdern, 1918.
Die Gedichte, Gesamtausgabe, 1920.
Auf der hartherzigen Erde.
Dem Rauch einer Lokomotive juble ich zu,
Mich freut der weiße Tanz der Gestirne,
Hell aufglänzend der Huf eines Pferdes,
Mich freut den Baum hinanblitzend ein Eichhorn,
Oder kalten Silbers ein See, Forellen im Bache,
Schwatzen der Spatzen auf dürrem Gezweig.
Aber nicht blüht mir Freund noch Feind auf der Erde,
Ferne Wege gehe ich durch das Feld hin.
Ich zertrat das Gebot:
»Ringe, o Mensch, dich zu freuen und Freude zu geben den andern!«
Düster umwandle ich mich,
Vermeidend die Mädchen und Männer,
Seit mein weiches, bluttränendes Herz
Im Staube zerstießen, die ich verehrte.
Nie neigte sich meinem einsam jammernden Sinn
Die Liebe der Frauen, denen ihr Atmen ich dankte.
Ich, der Fröstelnde, lebe dies weiter. Lange noch.
Ferne Wege schluchze ich durch die Wüste.
Verzweiflung.
Wochen, Wochen sprach ich kein Wort;
Ich lebe einsam, verdorrt.
Am Himmel zwitschert kein Stern.
Ich stürbe so gern.
Meine Augen betrübt die Enge,
Ich verkrieche mich in einen Winkel,
Klein möchte ich sein wie eine Spinne,
Aber niemand zerdrückt mich.
Keinem habe ich Schlimmes getan,
Allen Guten half ich ein wenig.
Glück, dich soll ich nicht haben.
Man will mich nicht lebend begraben.
Friede.
Die Bäume lauschen dem Regenbogen,
Tauquelle grünt in junge Stille,
Drei Lämmer weiden ihre Weiße,
Sanftbach schlürft Mädchen in sein Bad.
Rotsonne rollt sich abendnieder,
Flaumwolken ihr Traumfeuer sterben.
Dunkel über Flut und Flur.
Froschwanderer springt großen Auges,
Die graue Wiese hüpft leis mit.
Im tiefen Brunnen klingen meine Sterne.
Der Heimwehwind weht gute Nacht.
Coyllur.
Grenz ich an dich im Grenzenlosen?
Retten mich aus Todestosen Mädchenrosen?
Ihr Küsse fern, wild ringend Kosen
-- Steht schon still die Liebesuhr?
Coyllur!
Die, ein Kind, bei mir geruht,
O, wie warst du traulich-gut!
Gift vergällte mein Herzblut,
Seit dein Schweigen mich durchfuhr,
Coyllur!
Nacht um Nacht ich nie entschlief,
Wochenewig tränkte mich kein Brief,
Auf eine Karte wartend tief
Meiner harrte harte Kur,
Coyllur!
Wort starb mir im toten Hain.
Bei Wasser, Tinte, Blut und Wein
Dacht ich dein.
Jenseits der Zeit zersehnt die Seele sich dein Troubadour,
Coyllur!
Wanderers Lied.
Meine Freunde sind schwank wie Rohr,
Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz,
Keuschheit kennen sie nicht;
Tanzen möchte ich auf ihren Häuptern.
Mädchen, das ich liebe,
Seele der Seelen du,
Auserwählte, Lichtgeschaffene,
Nie sahst du mich an,
Dein Schoß war nicht bereit,
Zu Asche brannte mein Herz.
Ich kenne die Zähne der Hunde,
In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich,
Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte,
Schimmel freut sich an den Wänden,
Gute Ritzen sind für den Regen da.
»Töte dich!« spricht mein Messer zu mir.
Im Kote liege ich;
Hoch über mir, in Karossen befahren
Meine Feinde den Mondregenbogen.
Blind.
Tag um Tag
Stirbt -- ich bin?
Wo geht meine Zeit denn hin?
Traum versank,
Nacht ist Spiel,
Schlaf das Gut,
Tod das Ziel.
Erde, Stern
Klingt nur so,
Ort ist Ort, wer weiß wo?
Dunkel.
Wie lang schon darb ich vor dem Paradiese,
Schlichte Sehnsucht nach der guten Wiese,
Bravem Schlaf in treuer Bucht.
Herr, gib mir die Blüte, mir die Frucht.
Willst du, o Gott, mich niemals gütig grüßen?
Almosen gibst du Bettlern, Söhnen des Weges,
Kühles Wasser der Forelle,
Seelenantlitz einem Mädchen.
Mir nur, daß ich Trän an Träne weine,
Eule unter Käuzen werde --
Selig kleine Schottersteine
Mütterlich umwärmt sie Erde.
Ratten! Fresset meine Eingeweide!
Zerspell mich, Fels, ertränk mich, Furt!
Was starb ich nicht vor der Geburt?
Aufstrahlt mir nie das Land der Freude.
Franz Evers.
Geboren am 10. Juli 1871 zu Winsen a. d. Luhe. -- Fundamente 1892. Eva
1893. Königslieder 1894. Deutsche Lieder 1895. Hohe Lieder 1896.
Paradiese 1897. Der Halbgott 1900. Erntelieder 1901.
Rosenglut.
An manchem Abend weht mich Sehnsucht an,
Dann fühl' ich, wie du liebend zu mir strebst,
Und halberregte Wünsche spür' ich dann
Und wie du nach mir bebst.
Dann muß dein Blut von neuen Wundern träumen,
Weil so das meine klingt und loht,
Vor meinem Haus, von allen Bäumen
Lockt glühender das Abendrot.
Wenn dann die Wächter von den Türmen blasen,
Will ganz mein Herz nach dir vergehn ..
Ich glaube dich über den stillen Rasen
Mit lauter Rosen kommen zu sehn ...
Jugend.
Am Schlehdorn, am Schlehdorn --
Wißt ihr, wo der steht?
Da sprach der Hirtenknabe
Sein Morgengebet.
Trieb die Schafe dann auf die Weide
Hin durch den sonnigen Raum;
Über die blühende Heide
Träumte sein junger Traum.
Am Schlehdorn, am Schlehdorn --
Wißt ihr, wo der steht?
Da sprach eine junge Dirne
Ihr Abendgebet.
Und der Wind kam von der Heiden
Und küßte ihres Kleides Saum ..
Die beiden, die beiden
Träumten den ersten Traum.
Abendlied.
Du ferne Flöte
Hinter dem Hügel dort,
Wie sprichst du glühenden Klangs,
Was mein Herz verschweigen muß,
Wie bebst du zitternd dahin
Über die Apfelblüten im Mondlicht,
Daß die Schatten der Bäume
Zu schwinden scheinen
Und alles in Glanz getauchte
Selige Sehnsucht wird,
Aus Menschenschmerz leise sich ringend:
Selige Lebensglut.
Einsame Stimme du
Hinter dem Hügel dort,
Mein Herz, mein Herz sprichst du aus.
Ein Gastgeschenk.
Mit leisem Herzen trat ich in dein Zimmer;
Die Rosen blühten auf; das Fenster klang.
Und von den Gärten draußen kam noch immer
Der weiche sehnsuchtsvolle Jünglingssang.
Du hingst an mir, und deine Augen glänzten;
Dein Haar verwirrte sich in meiner Hand ...
Und Abendlichter, die dich rot umkränzten,
Und selige Sehnsucht, die dich mir verband.
Und nichts als goldne Fülle um uns beide:
Die bebenden Hände und der taumelnde Mund ...
Der junge Gärtner draußen sang sein Lied vom Leide,
Das zitterte von dir und war so wund --
Du aber lächeltest.
Der Künstler.
»Es liegt ein Plan in einem weiten Tal,
Wo nur die Lautersten zu wandeln wagen
Und selig sind. Und du verfehlst ihn leicht.
Der schwarze Wald, der ihn vom Leben scheidet,
Ist so von ungekanntem Sehnen schwer,
Daß du dich kaum hindurchzufinden wagst.
Der Plan ist voll von Wiesen, die nicht welken,
Von einer Ruhe, die du kaum empfunden,
In einem Licht, das Farben voller macht.
Die schmalen Wege sind mit Kies bestreut,
Auf daß es doch vertraute Laute wecke,
Wenn hohe Menschen wandeln diesen Pfad.
Denn weich und mild ist nebenan der Rasen,
Der weithin das Geräusch des Lebens dämpft.
Inmitten, wo drei alte Rieseneschen
Mit vollem Laub dem leisen Grund entragen,
Raucht ein Altar aus Buchs und Rosenbüschen.
Da bringen Menschen ihre Sehnsucht dar
Und knieen dann. Und wenn es Abend ist,
Empfangen sie den Tau der Gnadensonne,
Die sacht und sicher ihre Stirnen klärt,
Die weißen Menschenstirnen. Heil den Helden,
Die ihre Sehnsucht opferten! Sie leben!«
So kündete der alte Sänger mir,
Der zu der Harfe sang. Das war erst gestern;
Und heute schon fand ich die klaren Wege.
Ich bin allein. Von fern, aus dunklem Wald
Bläst nur ein Hirte noch, und hin und wieder
Scheint es von Schritten in der Luft zu liegen,
Die mir zu folgen wünschen. Sonst ist Ruhe.
Ich sehe schon den graden Rauch der Weihe,
Der sich in bleichem bläulichem Zerschweben
Im Laub der Eschen fängt. Der Abend duftet.
Der Rasen ruht in weichem Schlummer da.
Mein Mantel drückt so schwer in diesem Land,
Ich leg' ihn ab. Nackt geh ich zum Altar,
Ich bringe meine Menschensehnsucht dar,
Und fühle meine Seele ganz erwachen.
Und wie die Rosen stärker sich entfachen
Im Abendglühn, sinkt nun auf mein entblößtes
Geneigtes Haupt der Tau, der Segen ist ...
Ich sehe, was mein Auge nicht vergißt,
Und was ich schaue, ist der Wunder größtes:
Dich, du formender Gott!
Gustav Falke.
Geboren am 11. Januar 1853 zu Lübeck; war Musiklehrer in Hamburg, wo er
am 8. Februar 1916 starb. -- Mynheer der Tod 1891. Tanz und Andacht
1893. Zwischen zwei Nächten 1894. Neue Fahrt 1897. Mit dem Leben 1899.
Hohe Sommertage 1902. Die Auswahl 1910.
Das Mohnfeld.
Es war einmal, ich weiß nicht wann
Und weiß nicht wo. Vielleicht ein Traum.
Ich trat aus einem schwarzen Tann
An einen stillen Wiesensaum.
Und auf der stillen Wiese stand
Rings Mohn bei Mohn und unbewegt,
Und war bis an den fernsten Rand
Der rote Teppich hingelegt.
Und auf dem roten Teppich lag,
Von tausend Blumen angeblickt,
Ein schöner, müder Sommertag,
Im ersten Schlummer eingenickt.
Ein Hase kam im Sprung. Erschreckt
Hat er sich tief ins Kraut geduckt,
Bis an die Löffel zugedeckt,
Nur einer hat herausgeguckt.
Kein Hauch. Kein Laut. Ein Vogelflug
Bewegte kaum die Abendluft.
Ich sah kaum, wie der Flügel schlug,
Ein schwarzer Strich im Dämmerduft.
Es war einmal, ich weiß nicht wo.
Ein Traum vielleicht. Lang' ist es her.
Ich seh' nur noch, und immer so,
Das stille, rote Blumenmeer.
Märchen.
In deiner lieben Nähe
Bin ich so glücklich. Ich mein',
Ich müßte wieder der wilde,
Selige Knabe sein.
Das macht deiner süßen Jugend
Sonniger Frühlingshauch.
Ich hab' dich so lieb. Und draußen
Blühen die Rosen ja auch.
O Traum der goldenen Tage!
Herz, es war einmal.
Abendwolken wandern
Über mein Jugendtal.
Daß der Tod uns heiter finde.
Laßt uns Blumen pflücken gehn,
Letzte Astern, späte Rosen.
Morgen werden Stürme tosen
Und den bunten Schmuck verwehn.
Auch den Becher holt hervor,
Fröhlich laßt uns sein und trinken.
Morgen werden Schatten sinken,
Und es schweigt der laute Chor.
Wißt ihr wo ein holdes Kind,
Teilt mit ihm die letzten Blüten!
Die noch heut in Liebe glühten,
Morgen sind die Augen blind.
Scherzt und küßt und trinkt und lacht,
Eh' wir uns zum Abschied rüsten.
Drüben winkt von fremden Küsten
Eine sternenlose Nacht.
Horch. Schon meldet sich ihr Wehn.
Daß der Tod uns heiter finde!
Singend unterm Kranzgewinde
Laßt uns ihm entgegengehn.
Stranddistel.
Das Fräulein ging am Meeresstrand
Durch weißen, bleichen Sand, bis rot
Ein schüchtern Blümchen sich ihr bot,
Sie brach's und warf es aus der Hand.
Und bückte nach der Distel sich,
Die rauh und grau daneben stand.
Die trotzte ihrer kleinen Hand
Und wehrte sich mit scharfem Stich.
Sie brach sie doch und ging und sang
Ein müdes Lied mit müdem Mund,
Das überm abendschwarzen Sund
Im Wind verwehte und verklang.
Das Grab.
Ein frischer Hügel ist's, darauf
Drei rote Tulpen flammen.
Zwei schwarze Taxusstauden stehn
Und stecken die Köpfe zusammen.
Und tuscheln über ein weißes Kreuz,
Darauf mit Gold geschrieben
Ein Mädchenname, darunter ein
Spruch vom himmlischen Lieben.
Wer hat das junge Ding gekannt?
Wer zündete die drei roten
Flammen über ihr Bettlein an? --
Was kümmern mich die Toten.
Ich hab' zu Haus ein krankes Weib,
Der will ich drei Rosen bringen,
Drei rote Rosen, und will ihr leis
Ein Lied vom Leben singen.
Späte Rosen.
Jahrelang sehnten wir uns,
Einen Garten unser zu nennen,
Darin eine kühle Laube steht
Und rote Rosen brennen.
Nun steht das Gärtchen im ersten Grün,
Die Laube in dichten Reben.
Und die erste Rose will
Uns all ihre Schönheit geben.
Wie sind nun deine Wangen so blaß
Und so müde deine Hände.
Wenn ich nun aus den Rosen dir
Ein rotes Kränzlein bände,
Und setzte es auf dein schwarzes Haar,
Wie sollt' ich es ertragen,
Wenn unter den leuchtenden Rosen hervor
Zwei stille Augen klagen.
Zwei.
Drüben du, mir deine weiße
Rose übers Wasser zeigend,
Hüben ich, dir meine dunkle
Sehnsüchtig entgegenneigend.
In dem breiten Strome, der uns
Scheidet, zittern unsre blassen
Schatten, die vergebens suchen
Sich zu finden, sich zu fassen.
Und so stehn wir, unser Stammeln
Stirbt im Wind, im Wellenrauschen,
Und wir können nichts als unsre
Stummen Sehnsuchtswinke tauschen.
Leis, gespenstisch, zwischen unsern
Dunklen Ufern schwimmt ein wilder
Schwarzer Schwan, und seltsam schwanken
Unsre blassen Spiegelbilder.
Ludwig Finckh.
Geboren am 21. März 1876 zu Reutlingen. -- Fraue du, du Süße 1900. Rosen
1905.
Einer Frau.
Das dank' ich dir:
Ein Lächeln auf dem Munde,
Die Rosen da, und hier
Die leise Wunde.
Das dank' ich dir,
Ein Glück im Todeshauche:
Daß ich mich nicht vor mir
Zu schämen brauche.
Abendhimmel.
Tiefdunkelroter Scharlachschein
Versickerte an Wolkenreihn,
Die klar von Silber flossen.
Der Himmel war wie roter Wein.
Was mochte dort zu feiern sein?
Wer hat den Wein vergossen?
Geschenk.
Dies schick' ich dir, mein Liebling, zum Geburtstag.
Zwei weiße Tauben, deren weich Gefieder
In einem Tempel Indiens geleuchtet,
Und deren Kropf mit edlem Hanf gefüllt war,
Den braune Mädchen auf den Feldern pflückten.
Sie sangen leise, dachten an den Liebsten.
Sei diesen Tauben gut, sie sind wie Schneefall,
Bevor er noch die weiße Erde küßte,
Und ohne Makel, nimm sie auf die Schulter,
Beglücke sie an deiner Wang' zu schlafen,
Die weich und schneeig ist wie ihr Gefieder,
Und sich im Nest zu träumen in der Heimat.
Nimm Wischi und Schiwinda gütig auf.
In Simla waren sie der Liebe Götter,
Und alles Volk lag täglich auf den Knien
Und betete. Sie schnäbelten sich zärtlich.
Ich raubte sie, an deine Wange denkend.
Dies schick' ich dir, mein Liebling, heute früh
Durch einen braunen Boten, windbeflügelt
Und stumm, mit einem Körbchen morgenfrischer
Feuriger Küsse. Laß sie dir gut munden.
Cäsar Flaischlen.
Geboren am 12. Mai 1864 zu Stuttgart; lebte in Berlin, wo er am 16.
Oktober 1920 starb. -- Nachtschatten 1884. Vom Haselnußroi 1891. Von
Alltag und Sonne 1898. Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens 1900.
So regnet es sich langsam ein ...
So regnet es sich langsam ein und immer kürzer
wird der Tag und immer seltener der Sonnenschein.
Ich sah am Waldrand gestern ein paar Rosen
stehn ..
gib mir die Hand und komm ... wir wollen sie
uns pflücken gehn ..
Es werden wohl die letzten sein!
Hab Sonne ...
Hab Sonne im Herzen,
Ob's stürmt oder schneit,
Ob der Himmel voll Wolken,
Die Erde voll Streit!
Hab Sonne im Herzen,
Dann komme was mag!
Das leuchtet voll Licht dir
Den dunkelsten Tag!
Hab ein Lied auf den Lippen,
Mit fröhlichem Klang,
Und macht auch des Alltags
Gedränge dich bang!
Hab ein Lied auf den Lippen,
Dann komme was mag!
Das hilft dir verwinden
Den einsamsten Tag!
Hab ein Wort auch für andre
In Sorg' und in Pein
Und sag, was dich selber
So frohgemut läßt sein:
Hab ein Lied auf den Lippen,
Verlier nie den Mut,
Hab Sonne im Herzen,
Und alles wird gut!
Ich habe Nächte ...
Ich habe Nächte dafür geopfert,
Ich habe Herzblut daran gegeben,
Und feige Buben nun kommen und heben
Die Hand auf gegen das fertige Werk.
-- -- --
Das schmerzt!
Und doch:
Glückt euch, es wirklich zu zertrümmern, ... gut!
Dann war's nicht echt!
Dann glückte mir nicht, was ich wollte ...
Und .. ihr .. habt .. recht!
Einem Kinde.
Sei nicht traurig,
Sei nicht traurig ...
Es ist heute nur
So trübe,
Es ist heute nur
So schwer!
Morgen blitzt die Sonne wieder,
Rosen leuchten weiß und rot,
Und mit lauter Lerchenliedern
Jubelt's in den hellen Morgen,
Jubelt's in den blauen Himmel
Siegreich über Leid und Not ...
Quillt und schwillt mit jungen Kräften,
Quillt und schwillt mit junger Lust
Lebenswarm dir in die Brust;
Weckt und wappnet deine Seele
Glaubensfroh zu neuer Wehr ...
Sei nicht zag drum,
Sei nicht traurig ...
Es ist heute nur
So trübe,
Es ist heute nur
So schwer!
Februarschnee ...
Februarschnee
Tut nicht mehr weh,
Denn der März ist in der Näh'!
Aber im März
Hüte das Herz,
Daß es zu früh nicht knospen will!
Warte, warte und sei still!
Und wär' der sonnigste Sonnenschein,
Und wär' es noch so grün auf Erden,
Warte, warte und sei still:
Es muß erst April gewesen sein,
Bevor es Mai kann werden!
Ganz still zuweilen ...
Ganz still zuweilen wie ein Traum
Klingt in dir auf ein fernes Lied ..
Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
Du weißt nicht, was es von dir will ...
Und wie ein Traum ganz leis und still
Verklingt es wieder, wie es kam ...
Wie plötzlich mitten im Gewühl
Der Straße, mitten oft im Winter
Ein Hauch von Rosen dich umweht,
Oder wie dann und wann ein Bild
Aus längstvergessenen Kindertagen
Mit fragenden Augen vor dir steht ...
Ganz still und leise, wie ein Traum ...
Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
Du weißt nicht, was es von dir will,
Und wie ein Traum ganz leis und still
Verblaßt es wieder, wie es kam.
Spruch.
Lieber auf eigene Rechnung
Ein Lump sein,
Als ein feiner Herr
Auf Pump sein!
Dieweil:
Wer ein solcher auf Pump ist,
Nicht 'mal ein ehrlicher Lump ist.
Irene Forbes-Mosse.
Geboren am 5. August 1864 in Baden-Baden. -- Mezzavoce 1901. Peregrinas
Sommerabende 1904. Das Rosentor 1905.
Gehen und Bleiben.
Mancher ist betrübt gegangen
In die Winternacht hinaus,
Sah mit zehrendem Verlangen
Heller Fenster freundlich Prangen,
Lichterfülltes, warmes Haus.
Hinter jenen hellen Scheiben
Sah ein anderer ihm nach,
Starrte in das Flockentreiben ...
»Freiheit«, seufzt er, aber »Bleiben,
Bleiben« stöhnt das schwere Dach!
Eine Widmung.
Mein Herz so ganz in dir beglückt,
Mit Märchenblumen ausgeschmückt,
Ein dir geweihter Schrein:
Wenn auch die Früchte nicht gereift,
Weil sie der Frost zu früh gestreift,
Die Blüten waren dein, mein Herz,
Die Blüten waren dein.
Die fremde Blume.
So lange blieb sie festgeschlossen, stille,
Als wäre alle Kraft in ihr erstorben,
Es fehlte ihr zum Blühen Lust und Wille,
Seit der berühmte Gärtner sie erworben.
Sie stand im Garten rein und wohlgehalten,
Ein Paradies mit grünlackierten Kannen,
Wo alle Blumen pünktlich sich entfalten
Und Menschenhände sie auf Stäbe spannen.
Man warf sie endlich fort, ein armes Mädchen
Stellt' sie aufs Fensterbrett im kleinen Zimmer,
Die Tauben gurrten dort am grünen Lädchen,
Der Kirchturm schien so nah im Abendflimmer,
Doch Menschenstimmen klangen nur von ferne,
Und rings versank des Lebens Hast und Mühen,
Ein warmer Regen fiel, dann zündeten die Sterne
Ihr Freundeslicht ... da fing sie an zu blühen!
Der Brunnen.
Ich saß im Glühn der toten Mittagsstunde,
Und alles Leben schien so blaß und weit,
Die Götter träumten um mich in der Runde,
Der Brunnen flüsterte: »Trink und gesunde,
Ich bin das Wasser der Vergessenheit!«
Ich saß in Nacht und schickte die Gedanken
In jene Tage, da wir froh und jung,
Ich sah den Silberstrahl im Mondlicht schwanken:
»Trinkt nicht, trinkt nicht, ihr armen Fieberkranken,
Ich bin das Wasser der Erinnerung!«
Madlena.
Das Kind Madlena hat so hell gesungen,
Als sie im Haselholz sich Nüsse las,
Wie eine Spindel sich im Tanz geschwungen
Bei Glühwurms Leuchten, überm Wiesengras.
Das Kind Madlena hörte fremde Zungen,
Als sie im Mittagsschein beim Springbrunn saß ...
Die düstern Gärten haben sie verschlungen,
Fern tönt ihr Stimmchen wie gesprungnes Glas!
Leo Greiner.
Geboren am 1. April 1876 zu Brünn in Mähren. -- Das Tagebuch 1906.
Liebe.
Wir sind zwei Schatten, die aus Welt und Welt
An einem Eschenbaum zusammentrafen.
Wir glitten einsam im entrückten Feld
Und suchten späte Herberg, um zu schlafen.
Und standen _einen_ tiefen Augenblick
Uralt bekannt uns gegenüber
Und grüßten uns und wuchsen bis ans Glück.
Dann sanken wir hinüber und herüber,
Zerfallend in die alte Nacht zurück.
Unter den Menschen.
Ich hab' es nie so tief gewußt,
Was heimlich webt, wo Menschen mich umdrängen:
Was ich im Wind verschüttet, Rausch und Lust,
Was ich an Leid begrub auf stillen Gängen,
Flutet von euch zurück in meine Brust.
Dann bin ich wie ein Baum im Abendwehn,
Von dem ein trunkner Schatten niederschwebt,
Ich seh' verworrn in meinem Schatten gehn
Viel Menschenleben, die ich selbst gelebt:
Ein wildes Jahr, im Rausch zu Grab gelenkt,
Ein Wintermond, drin Herdschein mir gefunkelt,
Ein grauer Tag, den ich an Gott verschenkt,
Ein goldner Abend, trauerüberdunkelt.
Was ich im Wein vergaß, im Abend litt,
Trägt Brust um Brust in ihre Stille mit.
Und leis zerrinnt des Schattens blaue Pracht
Und einsam wie ein Wald rauscht tiefe Nacht.
[Illustration: Hugo v. Hofmannsthal]
Leben.
Und immer fremder sind mir Tag und Räume ...
Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort.
Was rauscht um mich? Man sagt: die dunkeln Bäume,
Die rauschen noch seit deiner Kindheit fort.
Und Gärten stehn im abendlichen Land,
Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt.
Ich aber wandre dunkel fort, im Innern
Ein uralt Schattenbild, das leise weint.
Die nenn' ich Mutter, diesen nenn' ich Freund
Und lächle tief und kann mich nicht erinnern.
Regenabend.
Wenn kalt der Regen um die Fenster stiebt,
Der Nebel wankend übern Berg gefunden,
Der Sumpf die Schatten meiner Wiesen trübt,
Spür' ich: in diesen grau-verschlafnen Stunden
Nimmt vieles Abschied, das ich sehr geliebt,
Ich kann die Wanderstimmen nicht erkennen,
Die dunkle Worte rufen über Feld,
Das Sterben nicht mit Namen nennen,
Das jetzt verhüllt durchwandert meine Welt.
Ich weiß nur: irgendwo im Sternenschein
Neigt ein geliebtes Haupt sich dunkler Sünde,
Ein Herz wird kalt, ein Baum verlischt im Winde,
In einem Becher welkt der kühle Wein,
Und alles geht und winkt und schwindet fern,
Im Grau verrieselt auch der letzte Stern.
Der Schatten.
Zwischen mir und meinem trunknen Leben
Wärmt ein Schatten sich an meiner Glut.
Wünschend saust mein ungestilltes Blut,
Doch er raubt mir schon im Niederschweben
Jeden Traum und jedes goldne Gut.
Meiner Schätze waren funkelnd viele,
Doch ich fühl' an meines Bechers Rand
_Seines_ Schattenmundes wilde Kühle
Und am Griffe _seine_ Schattenhand.
Schritt ich so verloren in die Lande,
Ließ mein Wandern keine Spur zurück.
_Seine_ Spuren, halb verweht im Sande,
Sah mein schauernd rückgewandter Blick.
Selbst von meines Schlummers Grunde heben
Seine Hände jeden Schatz der Lust:
Schlafen muß ich steinern, traumbewußt
Zwischen mir und meinem trunknen Leben.
Reife.
Nacht, die aus den Sternen quillt,
Schmieg dich fester um mein Leben!
Was genommen und gegeben,
Ist vollendet und erfüllt.
Wie ein Brunnen ist mein Blick:
Alle Eimer, die sich hoben,
Kehren überfüllt von oben
Mit gekühltem Licht zurück.
Otto Erich Hartleben.
Geboren am 3. Juni 1864 zu Clausthal am Harz, studierte Jura, wurde
Referendar, gab die juristische Laufbahn auf und lebte, nachdem er
seinen Aufenthalt früher zumeist in Berlin gehabt hatte, zuletzt am
Gardasee, wo er als Präsident der Akademie für unangewandte
Wissenschaften zu Salò am 11. Februar 1905 starb. -- +Pierrot lunaire+
1892. Meine Verse 1895. Von reifen Früchten 1903. Der Halkyonier 1903.
Funkelt dein Auge noch?
Die du so fern bist in der großen Stadt,
Ich grüße dich, die mein vergessen hat.
Einst hast du meiner Tag und Nacht gedacht,
Stunden des Glücks mit mir verbracht, verlacht;
Froh unter Scherzen schlossen wir den Bund --
Funkelt dein Auge noch, und lacht dein Mund?
Lili.
... Als ich dann wieder in die Heimat kam --
Im Frühling war's, die Hyazinthen blühten --
Da war sie tot -- von fremden, kalten Menschen
Hinausgetragen in ein kahles Grab. -- --
Ich fand es nicht. Langsam ging ich zurück
In ihre Wohnung. Ihre feiste Wirtin
Sprach schmunzelnd: »Gott! Die Menschen sind nicht rar.
Nicht eine Woche stand ihr Zimmer leer!
Jetzt wohnt ein allerliebstes Chansonettlein
Darin -- ganz jung noch -- mit so lustigen Füßchen.
Woll'n Sie sie sehn?«
-- --
Und ich erfuhr, wie sie gestorben war.
Vor ihren Augen, während sie in Qualen
Ohnmächtig dalag, hatten -- ihre Schwestern
Begierig ihrer Habe sich bemächtigt:
Sparkassenbücher, Kleider, Schmuck und Wäsche
Aus allen Kästen sich hervorgesucht
Und umgepackt in einen großen Korb. --
Da .. hatte sie den bleichen Kopf erhoben
Von ihrem Kissen, hatte sich verwundert
Mit großen, schwarzen Augen umgeschaut
Und hatte .. gelächelt ...
-- --
Mir ist .. als ob ich dieses Lächeln sähe!
Die jubelnd nie ...
Die jubelnd nie den überschäumten Becher
Gehoben in der heiligen Mitternacht,
Und denen nie ein dunkles Mädchenauge,
Zur Sünde lockend, sprühend zugelacht --
Die nie den ernsten Tand der Welt vergaßen
Und freudig nie dem Strudel sich vertraut --
O sie sind klug, sie bringen's weit im Leben ...
Ich kann nicht sagen, wie mir davor graut!
Ellen.
Mein armer Kopf lag still in deinem Schoß
Und dachte, dachte, bis er müde wurde.
Du hattest deine leichte, milde Hand
Auf meine Stirn gelegt und warst entschlafen;
Und gar ein Zauber schien mir auszugehn
Von deinen weißen Fingern: Frieden sandten
Sie nieder in mein Hirn, und allgemach
Sah ich den Schlaf in heitrer Ruhe nahn,
Und mir ward leicht, als schlief' ich in den Tod.
Das welke Blatt.
In ihren Locken haftete ein welkes Blatt,
Als ich mit ihr den alten Berg herniederstieg
Zum letztenmal. Verstohlne Freude war es mir,
Das braune Blatt im wirren braunen Haar zu sehn,
Den stillen Zeugen stillgenoßner, heiliger Lust,
Und heimlich, glücklich lächelnd schritt ich neben ihr,
Indes ein schwellend Säuseln durch die Kronen ging.
Und eh' wir noch das erste Haus der Stadt erreicht,
Stahl ich ihr sacht das braune Blatt vom stolzen Haupt.
Und da ich nun nach ihren lieben Augen sah,
Die ehrsam schon und sittig wieder schauten drein,
Hob fragend sie den Blick empor: was nahmst du da?
Ich zeigt' es schweigend. -- Eine dunkle Welle Bluts
Floß über ihr schamhaftes Antlitz. Aber dann
Schien plötzlich sie der heißen Wünsche eingedenk --
Ein jäher Blitz hingebungsschwüler, starker Glut
Traf mich, es zitterten die offenen Lippen ihr,
Und überwältigt bebte mir das bange Herz!
Ich faßte zuckend ihre Hand und preßte sie
An meinen Mund und küßte sie zum letztenmal,
Indes ein schwellend Säuseln durch die Kronen ging.
Liebesode.
Im Arm der Liebe schliefen wir selig ein.
Am offnen Fenster lauschte der Sommerwind,
Und unsrer Atemzüge Frieden
Trug er hinaus in die helle Mondnacht. --
Und aus dem Garten tastete zagend sich
Ein Rosenduft an unserer Liebe Bett
Und gab uns wundervolle Träume,
Träume des Rausches -- so reich an Sehnsucht!
Gesang des Lebens.
Groß ist das Leben und reich!
Ewige Götter schenkten es uns,
Lächelnder Güte voll,
Uns den Sterblichen, Freudegeschaffnen.
Aber arm ist des Menschen Herz!
Schnell verzagt, vergißt es der reifenden Früchte.
Immer wieder mit leeren Händen
Sitzt der Bettler an staubiger Straße,
Drauf das Glück mit den tönenden Rädern
Leuchtend vorbeifuhr.
Im Lande der Torheit.
Im Lande der Torheit küßt' ich die Hände der schönen Fraun,
Sie waren schmeichelnd und weiß, mit blitzenden Ringen geschmückt.
Ich lachte wohl auch beim lieblich klingenden, lockenden Wort,
Und eitel genoß ich des eigenen spielenden Übermuts.
Doch immer wieder irrte mein Blick ins Leere ab:
Ich sah und fühlte die Hände meiner lieben Frau,
Die weich und still in ruhender Güte sich nach mir
Hersehnen aus der Ferne -- deine Hände, die
Allein die Wirrnis dumpfen Wollens je gebannt --
Und ich gedachte jener Stunde, da mir einst
Im Tode diese Hände stummen Trost verleihn.
Denkst du daran ...
Denkst du daran, wie du zum erstenmal
Aus deiner Heimatberge düsterm Forst
Aus dunklem Tannengrün des hohen Harzes
Als Knabe niederschautest in die Ebne? --
Die Welt ist bunt! so riefst du jauchzend aus.
Da dehnten sich die farbigen Felderstreifen
Vor dir hinab wie Blätter eines Fächers,
Entfaltet an den runden, sanften Hügeln --
Und also farbig rings die weite Welt!
Und reichlicher und dreimal leuchtender
Als drinnen in den schwarzen Tannenwäldern
Schien drüberhin das Sonnengold zu gluten ...
Die Welt ist bunt! -- O wär' sie bunt geblieben.
Der Abenteurer.
Hier ist das Land. So rudert denn den Kahn zurück
Und meldet den Gefährten: Ich betrat mein Reich,
Als Fürsten sehen sie mich wieder, oder nie. --
Was steht ihr noch und zaudert? Laßt mich nun allein,
Allein mit meinem guten Schwert und meinem Roß --
Nun werb' ich in der Fremde mir die eigene Schar. --
Lebt wohl! -- dem wandelbaren Meere kehr' ich heut
Den Rücken zu -- mein Auge sucht die Burgen auf,
In deren Mauern sich der Feige sicher fühlt.
Mein Auge sucht am Horizonte seinen Feind. --
Der Huftritt meines Rosses klingt an morsch Gebein,
An Menschenschädel -- mich zu schrecken sind sie wohl
Vom Schicksal auf des Reiches Schwelle ausgestreut?
Zerstampfe sie, mein Schwarzer, stampfe über sie hinweg:
Sie waren nicht, der ich bin -- darum fielen sie.
Elegie.
Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du,
Die du verstohlen nur die dunklen Blicke schenkst,
O laß aus deinen schweren Flechten braune Nacht
Um meine Sinne strömen -- laß Vergessenheit
Sich breiten über niegestillte Lust und Qual.
Ich seh' uns wandeln unterm kahlen Winterwald,
Ins Morgenrot, durch streifende Lüfte ging der Weg.
Wir Frohen schritten Hand in Hand und beteten stumm
Und glaubten an den Frühling, als der Schnee noch lag ...
-- Du sollst nicht weinen -- gib mir deine liebe Hand! --
Der Frühling kam, uns beide fand er nicht vereint;
In Sommernächten duftete süß der Lindenbaum --
Wir aber durften nicht in Liebe beisammen sein.
Nun ward es wieder Winter und es starrt der Schnee.
Doch still aus Schmerzen sprießt uns wohl ein spätes Glück,
Das leise webt und langsam um uns beide her.
Laß uns umhüllt von deinen braunen Haaren sein,
Du meines Blutes Unruh', heimliche Liebste du.
Kinderköpfchen.
In scheuer Lust -- doch nimmermehr verschämt --
Hobst du die runden, weißen Arme auf
Und dehntest sie empor und suchtest blinzelnd
Dein Bild im Spiegel ...
Ich aber stand entfesselt hinter dir
Und sah in deinen vollen, blanken Schultern
Die beiden Grübchen ...
Da beugt' ich mich auf diesen Nacken nieder
Zum Kuß ...
Es ward mir klar, wie du den Göttern still
Vertraut -- gar innig wohl befreundet bist.
Wenn sie dir nahen, tupfen sie dir leise
Mit leichtem Finger auf dies schwellende Rund --
Und also lieblich, Menschensinn verwirrend,
Blieb ihres Grußes Spur in deinem Fleisch.
Walter Hasenclever.
Geboren am 8. Juli 1890 zu Aachen. -- Der Jüngling 1913. Tod und
Auferstehung 1917.
Die Todesanzeige.
Als ich erwachte heut morgen aus dumpf bekümmertem Traum,
Schwebte ein leiser Engel im Dunkel durch meinen Raum.
Ich las einer Mutter Wort, wo die Todesberichte sind:
»Mein irrgeleitetes, desto inniger geliebtes Kind.«
Da neigte zu meinem Bette sich viele Trauer hin:
Ich weiß, daß ich auch verirrt, das Kind einer Mutter bin.
Da sah ich den Scheitel des andern, der hilflos ins Elend sank.
Ich sah ihn verliebt, betrunken, von schrecklichem Aussatz krank.
Ist er nicht auch gestanden in Nacht und Vorstadt allein,
Hat aus heißen Augen geweint in den Fluß hinein?
Ist oft durch Gassen geschlichen, wo Rotes und Grünes glüht,
Fröhlich am Abend gezogen, gestorben am Morgen müd.
Mußte in Häusern essen mit Menschen, feindlich und fremd,
Schlafen in kalten Gemächern, frierend, ohne Hemd, --
Die Mutter hat ihm geholfen mit Wäsche und etwas Geld;
Alles ist gut geworden. Sie hat ihn geliebt auf der Welt.
Mein Bruder unter den Sternen: Ich hab deine Armut erkannt.
Begnadet hast du dich zu mir in dieser Stunde gewandt.
Nun strömt dein lächelnder Atem nicht mehr in Gold und Polar,
Nicht mehr im Sturm der Gewitter entzündet sich kindlich dein Haar;
Sieh -- in der Todesstunde deiner Mutter ewiges Wort;
Es trägt auf silbernen Flügeln dich aus der Vergessenheit fort.
Eh ich nun öffne die Läden nach schwerer, trauriger Nacht:
Mein Bruder unter den Sternen! Wie hast du mich glücklich gemacht.
Mein Jüngling, du ...
Mein Jüngling, du, ich liebe dich vor allen,
Du bist mein eigen Bild, das mir erscheint!
Ich sehe dich in manchen Teufelskrallen;
Gewiß, du bist nicht glücklich, hast geweint.
Du liebst zu schmerzlich oder harrst vergebens,
Dein Vater, deine Wirtin macht dir Qual,
Du zuckst in der Verwildrung deines Lebens,
Dein Geist wird bürgerlich, dein Kopf wird kahl.
Willst du nicht mit mir gehn und mich erhören!
Sieh, auf die gleichen Klippen schwimm ich ein.
Einst auf Prärien, jetzt in Geisterchören
Will ich dich rufen und will bei dir sein!
Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett.
Kleine Schwester Irene,
Bei den Cholerakranken;
Lila Blumen sanken
Auf Abendkähne.
Särge wachsen. Sturm.
Antreten. Trommel. Tod.
Offizier an Grabes Turm
Schnarrt Ehre, Gebot.
Weißer hinter Hügeln
Lemberg, Freude scheint.
Automobile flügeln.
Baracken blutbeweint.
Ärzte ohne Narkose,
Beine ab, zerstampft.
Kleine Schwester, Rose,
Sei den Toten sanft!
Weiß ich, daß Stunden ...
Weiß ich, daß Stunden, in ungezählten,
Pariserinnen sind auf den Boulevards;
Daß klein in Zimmern und gequälten,
Eine Arbeiterin steht, goldenen Haars?
Ist mir im Park, durch den ich gehe,
Ein Gefühl von Rot oder Blau --
Berg und Fluß mit sinkender Nähe,
Das Gesicht einer alternden Frau?
Bei der Baronin Porzellan und Eise
Hypnotisiert mich elektrischer Draht;
Kirmes dreht sich, Feuerwerksrad,
Denn es münden in gleiche Kreise
Meer und Spur und kindliche Weise,
Die man am Abend vernommen hat.
Aber keine der funkelnden Gesten
Wird mich erhalten, wird mich betrügen;
Bin ich ein Vogel, müde von Flügen,
Schwebend in der Wolke des Falls:
Steigen unten aus Tänzen und Festen
Die verschlungenen Kurven des Alls.
Daß von Geheimnissen ...
Daß von Geheimnissen, die uns umtönten,
Keins mehr in dem vergangenen Geiste lebt;
Daß von Begierden, Tanz und Mädchen, denen wir frönten,
Kaum ein Strumpf noch, ein Busen an uns vorüberschwebt.
Daß wir nie mehr unsern ersten Band Gedichte
Wachsen sehn aus den Buchläden der heimischen Stadt,
Als der Ruhm schon unsterblich die großen Gesichte
Im Käfig des kleinen, blauen Umschlags entzündet hat.
Freunde! Wir standen in Liverpool auf den Brücken,
Sahen die transatlantischen Dampfer im Riesenmeer;
Saßen im Damensalon und atmeten mit Entzücken
Goldne Tische gekräuselt im Dufte von Rosen und Teer.
Dann fuhr die gewaltige Fracht des Ozeaniden
Langsam aus wehenden Tüchern, Musik, vielen Tränen fort,
Wir erlebten in Versen die Abenteuer und schieden;
Schlummer, Schultag wieder empfing uns am alten Ort.
Sind wir die gleichen Straßen wie jene gezogen?
Ferne schon den stürmenden Kränzen entrückt,
In eroberter Stadt auf dem höchsten Bogen
Stehn wir, über die fliehende Wolke unsrer Erinnerung gebückt.
Südseeinseln sind uns gebaut auf spiegelndem Grunde,
Nah ist Liebe und Schmerz, die Flucht aus des Vaters Haus,
Es steigen in einer begeisterten Stunde
Viele Verlorene dankbar aus den Kanälen heraus.
Wenn der Leuchttürme einst entzündetes Feuer
Nicht mehr durch die toten Gefilde bricht:
Ihr Gefährten des Lebens, wie seid ihr uns teuer,
Da wir wandeln in des entfremdeten Mondes Licht.
1917.
Halte wach den Haß. Halte wach das Leid.
Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit.
Glaub nicht, wenn du liest auf deinem Papier,
Ein Mensch ist getötet, er gleicht nicht dir.
Glaub nicht, wenn du siehst den entsetzlichen Zug
Einer Mutter, die ihre Kleinen trug
Aus dem rauchenden Kessel der brüllenden Schlacht,
Das Unglück ist nicht von dir gemacht.
Heran zu dem elenden Leichenschrein,
Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein.
Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt,
Falle nieder, du, sei angeklagt.
Empfange die ungeliebte Qual
Aller Verstoßnen in diesem Mal.
Ein letztes Aug', das am Äther trinkt,
Den Ruf, der in Verdammnis sinkt;
Die brennende Wildnis der schreienden Luft,
Den rohen Stoß in die kalte Gruft.
Wenn etwas in deiner Seele bebt,
Das dies Grauen noch überlebt,
So laß es wachsen, auferstehn
Zum Sturm, wenn die Zeiten untergehn.
Tritt mit der Posaune des Jüngsten Gerichts
Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts!
Wenn die Schergen dich schleppen aufs Schafott,
Halte fest die Macht! Vertrau auf Gott:
Daß in der Menschen Mord, Verrat
Einst wieder leuchte die gute Tat;
Des Herzens Kraft, der Edlen Sinn
Schweb am gestirnten Himmel hin.
Daß die Sonn, die auf Gute und Böse scheint,
Durch soviel Ströme der Welt geweint,
Gepulst durch unser aller Schlag,
Einst wieder strahle gerechtem Tag.
Halte wach den Haß. Halte wach das Leid.
Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit.
Adolf von Hatzfeld.
Geboren am 3. September 1892 zu Olpe i. W. -- »An Gott« 1919.
Die letzte Nacht.
Jetzt, da ich zehn Jahrtausende durchwacht,
Empfängt mich endlich meine letzte Nacht.
Es rauscht ein Meer. Das Land ist warm und weit.
Der Wind ist nur ein Hauch der Ewigkeit.
Es kreist ein Mond geheimnisvoll nach oben,
Er hat sich sanft aus meinem Herzen losgehoben.
Jetzt, da ich zehn Jahrtausende vollbracht,
Ist mir der Sinn nur Schlaf und dunkle Nacht.
Die Zeit, die ging, ist dunkel wie die Nacht.
Sie fiel ins Meer. Ein tiefes Wort, das kam,
Ist tiefster Trug und angefüllt von Scham.
Ich wache in des Weltalls Atem diese Nacht
Und werde wieder Acker, draus mich Gott gemacht.
Ich höre, wie die Sonne rast zum Rand der Nacht.
Da fangen viele Sonnen an, aus mir sich loszuheben.
Und kreisen leicht aus meinem letzten Leben.
Es wächst ein großer Schein auf allen Wegen,
Und zu der Erde spreche ich den letzten Segen:
»O Erde, Erde, die du trankst mein Blut,
Wie warst du voller Süße und wie gut,
Daß du mich mit den Händen an die Pole angeschlagen,
Und ich dich wie ein Kreuz durchs Leben mußte tragen.
Ich war dein Acker, du Erde, du pflügtest ihn gut.
Aus allen Poren erschoß mein Blut.
Jahrtausende rollten, zerrissen das Herz in der Brust,
Zerrissen die Liebe, die Qual, den Stolz und die Lust,
Bis ich um deines Erdinnern Feuer gewußt,
Bis ich den großen Planeten in Liebe umpreßt.
Noch über mein letztes Sterben halt ich dich fest.
So nehmt, ihr springenden Bäche, aus mir euern Lauf.
Es blühen aus meinem Blute alle Blumen auf.
Ich grüne und dufte aus jedem Rosenstrauch
Und bin die Frucht in dem goldenen Sonnenrauch,
Und bin das Eine, das All, bin Tod und Geburt.
O sing meinen Dank, du kleine Hummel, die surrt,
Umfliege dankend die Erde, die mich getragen hat.
Sieh, meine Seele ist müde wie ein herbstliches Blatt.
Gesegnet seist du Welt, gesegnet jeder Strauch,
In dem jetzt Gott verbrennt im roten Rauch.«
Grüner Sommer.
Die Hand ganz lang im Grase ausgebreitet
Und hoch vor ihr die Welt, sich selbst geschenkt.
Es steigt mein Blut, es sinkt mein Blut,
Zu fernem Meere tief verbunden hingelenkt.
Wie tut das Blut sich gut in dieser ausgeschwärmten Ruhe.
So flach ist mein Gesicht, ganz ausgeweitet.
Gott selbst liegt neben mir und ruht sich aus.
Auf mich senkt sich die Müdigkeit des Blaus,
Und in dem Sonnenfieber meiner Sinne
Staut schläfrig sich das dunkle Blut.
Wie einer Grille Geigen klingt mir Gottes Wort,
Wie Bachgelächter hier: »Die Welt ist gut«,
Und lächelnd trägt es mich ins Träumen fort.
Gott rekelt sich in dieser ausgeschwärmten Ruhe.
Ein Reh kommt sanft an ihm vorbeigezogen.
Ein Käfer ist ihm ins Gesicht geflogen.
Heupferdchen springt vom Gras auf seine Schuhe
Und zirpt an ihm vorbei: »Erschrick, erschrick!«
Gott aber ist nach tausend Schöpfungsjahren
Zum ersten Tag der Ruhe ausgefahren,
Und lächelnd ruht auf seiner Welt der Blick.
Ich wache auf. Der Donner grollt.
Mein Blut hat ausgetollt.
Mein Mut wird nicht verführt. Es schweigt der Wille.
Und eine Grille geigt von neuem mich in eine grüne Stille.
Frühlingsmond.
Noch hängt ein scheues Vogellied im dünnen Laubgeäste
Und wird ein großer Wind. Mit mächtiger Gebärde
Stößt die Erde, die längst den heißen Saft
In Millionen Samenkörner preßte,
Geburten aus in Mutterleidenschaft
Und trägt den ewigen Rhythmus ihrer Riesenkraft,
Die ewige Not, zum Jubel eines ewigeren Werde.
Jetzt bäumen Meere ihre Pantherleiber.
Die Sterne stürzen zum Planetenball.
In diesen Nächten stöhnen tausend Weiber
Und werfen tausend Kinder in das All.
Der Hochgebirge Wollust sind Lawinen.
Die Quellen sind der Täler Blütenlauf.
Den Duft von Wäldern tragen junge Bienen,
Und Tage tauen blau zu Blumen auf.
Geliebte gehn mit weißen Brüstehügeln
Und einem Lächeln, das von selbst begann,
Durch süße Nächte, gehen wie mit Flügeln
Und tragen sich wie ein Geschenk zum Mann.
Ein scheues Vogellied hängt noch im Laubgeäste.
Vom Horizonte schwebt der junge Mond
Wie eine Knospe, die sich zärtlich schont,
Und horch, der Vogel ruht in seinem Neste.
Der Knospenmond blüht erst zum Sommerfeste.
So schwimmt er sanft auf taubenblauem Dunst.
Der Abend, der die Seelensehnsucht an ihn preßte,
Verheißt uns schon die Rose seiner Gunst.
Abend am See.
Schon taucht der Mond aus dem entzückten Bade
Der Wellen leis zur Silberbahn empor.
In unsern Herzen schwingt die große Gnade.
Wir sitzen seligruhend am Gestade
Und leihn dem Schweigen das geweihte Ohr.
O wunschlos stille Stunde, die ich fast verlor
In meines Lebens Kampf und Qual und Hast,
Sieh unser Herz in Demut eingefaßt
Und sei der Seelen seltner schöner Gast.
Die Nacht erduftet von des Mondes Blüte
So grenzenlos. Andächtig atmen wir.
Der Sternenhimmel deiner großen Güte
Ist sanft wie sie und leise über mir.
Aus wunden Händen haben wir die Ruder
Zurückgelegt in das bewegte Boot.
Nach unsres Lebens Haß und Schuld und Not
Nennst den Geliebten still du deinen Bruder.
Du Gott.
Du Gott, ich hasse dich in meinen schwersten Stunden,
Der wie Gebirge mir auf meiner Seele wuchtet.
Die Erde meines Leibes reißt du auf in Wunden.
Zu tiefer Täler hartem Abgrund schluchtet
Mir deine schwere Hand die schönen runden
Kugeln der leichten Tage. Die ihr Gott verfluchtet,
In jeder Not von tausend Todesstunden
Steht Gott vor euch, den ihr so leicht versuchtet.
Und dieses weiß ich, daß ich dein bin, dein, ganz dein.
Was frommt es, zu entfliehn zu leichten Tänzerein,
Zur Heiterkeit der Fraun, zu einem Fest?
Aus meinem Haß hörst du nur Liebe schrein,
Daß ich ganz dein bin, dein in Pein und Tänzerein,
Daß ich dein Acker bin, dein Feind, dein Glanz und Fest.
Der Teich.
Nur der Wind weiß, wie ich einsam leide,
Wie die Luft, der Himmel mich beschwert.
Bruder Wind, wir flogen einmal beide
Durch die Luft und durch den Himmel hin.
Unsres Fliegens Wollust war gemeinsam.
Ewige Fernen haben uns genährt.
Wasserwolken haben mich getragen,
Bis in Regenfunken ewig einsam
Ich vom Wolkenflug zur Erde glitt.
Bruder Wind, nimm du jetzt meine Klagen,
Wie die leichten Wolken meine Seele,
Meine schöne Seele, mit.
Max Herrmann.
Geboren am 23. Mai 1886 zu Neiße. -- Verbannung 1919.
Dein Haar hat Lieder ...
Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
Und sanfte Abende am Meer --
O glückte mir die Welt! O bliebe
Mein Tag nicht stets unselig leer!
So kann ich nichts, als matt verlegen
Vertrösten oder wehe tun,
Und von den wundersamsten Wegen
Bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.
Und meine Träume sind wie Diebe,
Und meine Freuden frieren sehr --
Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
Und sanfte Abende am Meer.
Osterlied.
Alle Frühlingsbläue,
Jedes frische Feld,
Wenn ich ohne Reue
Schwärmend mich erfreue
An der warmen Welt:
Wird in deinen lichten
Gliedern höchstes Glück,
Und in himmlisch schlichten,
Dämmernden Gedichten
Bleibt sein Duft zurück!
Trostlied der bangen Regennacht.
Keine Furcht der Erde
Kann uns bange tun:
Sieh, wie sanft die Pferde
Wang' an Wange ruhn!
Ganz allein gelassen
In der bittern Nacht,
Wo der Wind die blassen
Weiden zittern macht,
Wo ein siecher Regen
Bös, sehnsüchtig rinnt,
An viel fremden Wegen
Bettler flüchtig sind,
Ruhn sie Wang' an Wange,
Wie Erlöste ruhn,
Keine Furcht kann bange
Ihrer Inbrunst tun.
Alles, was sie leiden,
Schlummert Haupt an Haupt --
Und die blassen Weiden
Stehn wie lenzbelaubt.
Liebe nur kann ewig sein.
Gottes Krallenhand zerreißt den kranken
Abendhimmel der verhaßten Stadt,
Aus der Sterne welken Rosenranken
Schüttelt er des Monds vergilbtes Blatt.
Jäh ist wie von fieberschweren Fäusten
Alles Licht der Straßen abgewürgt,
In den goldnen Augen seiner treusten
Türme sich das letzte Dunkel birgt.
Der Paläste fahles Glas erblindet,
Und der Park bricht taumelnd in die Knie,
Mit entseeltem Todesseufzer schwindet
Der zermalmten Plätze Melodie.
Und das Schlüpfrige verfemter Keller
Speit sein krüppelhaftes Krächzen aus --
Gottes Heilandshand bedeckt mit schneller
Zärtlichkeit das letzte Vorstadthaus.
Wird zum Streicheln über der Ruine
Einer Schädelstätte, die ihn rührt,
Daß zum Aufgang seiner Liebesmiene
Eines Segnenden Gebärde führt.
Hermann Hesse.
Geboren am 2. Juli 1877 zu Calw im Schwarzwald. -- Gedichte 1902. Musik
des Einsamen 1915.
Der schwarze Ritter.
Ich reite stumm aus dem Turnier,
Ich trage aller Siege Namen.
Ich neige mich vor dem Balkon der Damen
Tief. Aber keine winkt nach mir.
Ich singe zu der Harfe Ton,
Aus der die tiefen Laute steigen.
Alle Harfner lauschen und schweigen,
Aber die holden Frauen sind entflohn.
In meines Wappens schwarzem Feld
Sind hundert Kränze aufgehangen,
Die gold von hundert Siegen prangen.
Aber der Kranz der Liebe fehlt.
An meinem Sarge werden sich bücken
Ritter und Sänger und werden ihn
Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin,
Aber keine Rose wird ihn schmücken.
Nach Paul Verlaine.
Ich träume wieder von der Unbekannten,
Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.
Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.
Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen
Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.
Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.
Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.
Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt
Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt --
Wie _eines_ Name, den du Liebling heißt
Und den du ferne und verloren weißt.
Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.
Elisabeth.
Ich soll erzählen,
Die Nacht ist schon spät --
Willst du mich quälen,
Schöne Elisabeth?
Daran ich dichte
Und du dazu,
Meine Liebesgeschichte
Ist dieser Abend und du.
Du mußt nicht stören,
Die Reime verwehn.
Bald wirst du sie hören,
Hören und nicht verstehn.
Die frühe Stunde.
Silbern überflogen
Ruhet das Feld und schweigt,
Ein Jäger hebt seinen Bogen,
Der Wald rauscht und eine Lerche steigt.
Der Wald rauscht und eine zweite
Steigt auf und fällt.
Ein Jäger hebt seine Beute,
Und der Tag tritt in die Welt.
Lady Rosa.
Du mit der Stirne voller Licht,
Du mit den wunderbaren
Braunaugen und den seidnen Haaren,
Ich kenne dich! Du aber kennst mich nicht.
Du mit dem klaren Angesicht,
Du Zarte mit deinen leisen,
Fremdländischen, süßen Liederweisen,
Ich liebe dich! Du aber kennst mich nicht.
Fiesole.
Über mir im Blauen reisen
Wolken, die mich heimwärts weisen.
Heimwärts in die namenlose Ferne,
In das Land des Friedens und der Sterne.
Heimat! Soll ich deine blauen
Schönen Ufer niemals schauen?
Dennoch ist mir, hier im Süden müßten
Nah sein und erreichbar deine Küsten.
Georg Heym.
Geboren am 30. Oktober 1887 zu Hirschberg in Schlesien; ertrank am 16.
Januar 1912 beim Eislaufen in der Havel bei Schwanenwerder, in der
Umgebung Berlins. -- Der ewige Tag 1911. +Umbra vitae+ 1912.
Die Seefahrer.
Die Stirnen der Länder, rot und edel wie Kronen,
Sahen wir schwinden dahin im versinkenden Tag,
Und die rauschenden Kränze der Wälder thronen
Unter des Feuers dröhnendem Flügelschlag.
Die zerflackenden Bäume mit Trauer zu schwärzen,
Brauste ein Sturm. Sie verbrannten wie Blut,
Untergehend, schon fern. Wie über sterbenden Herzen
Einmal noch hebt sich der Liebe verlodernde Glut.
Aber wir trieben dahin, hinaus in den Abend der Meere.
Unsere Hände brannten wie Kerzen an.
Und wir sahen die Adern darin, und das schwere
Blut vor der Sonne, das dumpf in den Fingern zerrann.
Nacht begann. Einer weinte im Dunkel. Wir schwammen
Trostlos mit schrägem Segel ins Weite hinaus.
Aber wir standen am Borde im Schweigen beisammen,
In das Finstre zu starren. Und das Licht ging uns aus.
Eine Wolke nur stand in den Weiten noch lange,
Ehe die Nacht begann in dem ewigen Raum,
Purpurn schwebend im All, wie mit schönem Gesange
Über den klingenden Gründen der Seele ein Traum.
Alle Landschaften haben ...
Alle Landschaften haben
Sich mit Blau erfüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.
Leichte Geschwader, Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels dahinter
Zergehen in Wind und Licht.
Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.
Zimbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.
Ophelia.