Im Sklavendienst der Lüge
Hab' ich den Tag verbracht ...
Nun hat den Gnadenschleier leis
Herabgesenkt die Nacht.
Es schweigt verträumt die Runde,
Nur raunend der Nachtwind rauscht --
Ich aber mit brennendem Munde
Habe Stunde um Stunde
Mit Geistern aus nächtigem Grunde
Wilde Zwiesprach' getauscht!
Hei! Wie er mich umflattert,
Der Geister toller Schwarm!
Wie er mich preßt mit dunkler Lust
In seinen Riesenarm!
Wie Frage er auf Frage
In meine Seele schreit!
Und ob ich bang verzage,
Die Brust mir blutig schlage
Und bete, daß es tage:
Wie ist der Tag so weit!
Sommerrosen.
Ich wollte dich mit Rosen überschütten,
Mit roten Rosen dein goldbraunes Haar
Und deines Mieders Knospenrundung schmücken ...
Als noch der Lenz mit süßem Veilchenodem,
Ein milder Sieger, durch die Lande schritt,
Sprach ich zu dir: Geliebte! Hat sein Mund
Mit letztem heißem Abschiedskuß die Rose,
Die rote Sommerrose, aufgebrochen,
Dann will ich zu dir kommen und mit Rosen,
Mit roten Rosen deine Schönheit krönen ...
Nun kam der Sommer ... Und der Rosen Fülle
Seh' ich allorts und alle Stunden blühn ...
Die ganze Welt scheint ihrer Macht verfallen,
Und ihre Keusche wirbt Vasallen um Vasallen ...
Selbst einen Bettler sah ich heute lächeln,
Als sein vertränter Blick von ungefähr
Auf einen Korb mit roten Rosen fiel ...
Ich kauf' sie in der ganzen Stadt zusammen
Und schütte sie auf tote Liebesflammen ...
-- -- --
Nun schmückt ein andrer wohl dein Knospenmieder,
Und morgen wohl begegne ich euch beiden ...
Ich blick' euch lächelnd nach ...
Und denke ganz aus Zufall
Bei der Gelegenheit an einen Frühlingstag,
Da wir uns sahn ... Am Abend dann
Schlug uns die Nachtigall in ihren Bann,
Umduftete uns süß der Flieder ...
Wir aber liebten uns ...
-- -- --
Lenz.
Wie ich mich auf den Frühling freue!
Wie mir das Alte und doch so Neue
Schon im tiefsten Winter die Seele bewegt!
Noch ist's erst Weihnacht! Noch atmet der Winter
Aus vollen Lungen!
Und doch ist's mir, als ob schon dahinter
Sehnsuchtsbezwungen
Leise, ganz leise der Lenz sich regt ...
Mein Blick, nun weide dich ...
Mein Blick, nun weide dich zum letztenmal
An dieses Frühlings satter Blütenfülle!
Voll Inbrunst sauge dieser Sonne Strahl --
Mein Herz, sei stille! ...
Erschweig bewundernd vor dem Werdedrang!
Was dich erfüllt, den Winden gib's zum Raube! ...
Ob dir der Hoffnung goldnes Sieb zersprang --
Dir blieb der Glaube! ...
O glaube eine winzige Weile nur,
Daß diese Botschaft auch für dich gebracht ward!
Umfaß noch einmal trunken die Natur,
Bevor es Nacht ward! ...
Auf meinen Scheitel streut der Frühlingswind
Mattweiße Blüten -- eine letzte Krönung -- -- --
Ich bin so fromm und heiter wie ein Kind ...
Und voll Versöhnung ...
Die müde schon verglühte ...
Die müde schon verglühte,
Die leise schon verklang,
Jach ist sie wieder aufgeflammt
In jauchzendem Gesang!
Wie Zimbelton, wie Lautenschlag
Ward meine Liebe wieder wach,
Die müde schon verglühte,
Die leise schon verklang ...
Und heller tönt ihr Rauschen,
Wie junger Frühlingswind,
Wenn er in heißem Schöpferdrang
Die Welt dem Licht gewinnt!
Und das Prophetenwort erläßt,
Daß nun der Menschheit Osterfest --
Ja! Heller tönt ihr Rauschen,
Wie junger Frühlingswind!
Und wie durch Nebelschleier
Die Sonne siegreich bricht,
Der jungen Flur ein goldnes Band
Ums Lockenantlitz flicht:
So überglänzt mit Purpurschein
Die Liebe nun mein ganzes Sein,
Gießt goldne Feuer nieder
Und wirbt um neue Lieder ...
Und nah und ferne quellen
Blitzende Wellen empor
An meinem Lebenshorizont
Aus Dunst und Wolkenflor!
Gedanken, die mir nie genaht,
Und Pfade, die ich nie betrat,
Entsteigen verborgenen Gründen,
Heilige Kraft zu entzünden!
Die leise schon verklungen,
Die müde schon verglüht:
Wild ist sie wieder aufgeflammt,
Im Lenzsturm stark erblüht!
Und lag ich nieder staubbedeckt,
So hab' ich mich nun aufgereckt,
Und die Gedanken schweifen
In großem Weltbegreifen!
Im Vorüberfluge.
Mit metallhartem Rotgelb
Hat sich des Himmels
Westliche Wölbung beflammt.
Mein Auge starrt staunend
In die leuchtende Blende,
Die wachsend fortglüht,
Als sei nimmer ihr Ende
Die lichtlose Nacht ...
Da streift die brennende
Lichtwand ein Fittich --
Der nachtschwarze Fittich
Eines Dämmerungsvogels ...
Eine kleine Spanne --
Und die Weite verschlang ihn.
Also trägt auch der Mensch
Mit schwankem Fittich
Sein zwielichtbefangenes Sein
Vorüber an der stetig leuchtenden
Kristallwand der Ewigkeit ...
Er huscht dahin
Ein Traum -- ein Wahn --
Auf schmaler Bahn --
So bald -- so bald
Raubt seiner Gestalt
Schattengefüge
Des Nichtseins
Farblose Wahrheitslüge.
Aber im Fluge --
Im Vorüberfluge --
Ahnt er das Rätsel
Der stetig und still
In sattem Glanze
Fortdauernden Ewigkeit ...
Theodor Däubler.
Geboren am 17. August 1876 zu Triest. -- Das Nordlicht 1910. Der
sternhelle Weg 1915. Hymne an Italien 1916. Das Sternenkind 1917.
Weg.
Mit dem Monde will ich wandeln:
Schlangenwege über Berge
Führen Träume, bringen Schritte
Durch den Wald dem Monde zu.
Durch Zypressen staunt er plötzlich,
Daß ich ihm entgegengeh,
Aus dem Ölbaum blaut er lächelnd,
Wenn mich's friedlich talwärts zieht.
Schlangenwege durch die Wälder
Bringen mich zum Silbersee:
Nur ein Nachen auf dem Wasser,
Heilig oben unser Mond.
Schlangenwege durch die Wälder
Führen mich zu einem Berg.
Oben steht der Mond und wartet,
Und ich steige leicht empor.
Die Buche.
Die Buche sagt: Mein Walten bleibt das Laub.
Ich bin kein Baum mit sprechenden Gedanken,
Mein Ausdruck wird ein Ästeüberranken,
Ich bin das Laub, die Krone überm Staub.
Dem warmen Aufruf mag ich rasch vertraun
Ich fang im Frühling selig an zu reden,
Ich wende mich in schlichter Art an jeden:
Du staunst, denn ich beginne rostigbraun!
Mein Waldgehaben zeigt sich sommerfroh.
Ich will, daß Nebel sich um Äste legen,
Ich mag das Naß, ich selber bin der Regen.
Die Hitze stirbt: ich grüne lichterloh!
Die Winterspflicht erfüll' ich ernst und grau.
Doch schütt' ich erst den Herbst aus meinem Wesen.
Er ist noch niemals ohne mich gewesen.
Da werd' ich Teppich, sammetrote Au.
Die Droschke.
Ein Wagen steht vor einer finstern Schenke.
Das viele Mondlicht wird dem Pferd zu schwer.
Die Droschke und die Gassenflucht sind leer;
Oft stampft das Tier, daß seiner wer gedenke.
Es halten diese Mähre halb nur die Gelenke,
Denn an der Deichsel hängt sie immer mehr.
Sie baumelt mit dem Kopfe hin und her,
Daß sie zum Warten sich zusammenrenke.
Aus ihrem Traume scheucht sie das Gezänke
Und oft das geile Lachen aus der Schenke.
Da macht sie einen Schritt, zur Fahrt bereit.
Dann meint sie schlafhaft, daß sie heimwärts lenke
Und hängt sich an sich selbst aus Schläfrigkeit,
Noch einmal poltern da die Droschkenbänke.
Heidentum.
Ich möchte wandern. Nackt verschwinden, schwimmen.
Stets weiterschwimmen, Frauen treffen, minnen.
Mich geben wie das Wasser: abwärtsrinnen.
Die Flut befragen. Schwimmend immer weiter klimmen.
Im weichen Wasser wohnen Wunderstimmen.
Sie wollen mich für ihre Glut gewinnen.
Sie sind im Nebel. Noch im Tropfen drinnen.
Ganz innen kann auch kaltes Wasser glimmen.
Die Wellen wollen sich in mich verlieben.
Wer ist bei mir geheimnisvoll zugegen?
Nur wir! wenn alle Wünsche leicht zerstieben.
Ich will mich in der Flut zur Ruhe legen,
Die Wellen tragen meine Kunden weiter:
Selbst alle Schwermut überschäumt sich heiter.
Die Russin.
Ich sah sie einst. Sie stand auf dem Mondlichtbalkone.
Der Frühling verblühte in Beeten und Töpfen.
Ihr goldenes Haar, eine luftige Krone,
Verrankte, verlor sich in offenen Zöpfen.
Ihr griechisches Doppelkreuz grüßte die Brüste,
Die immer zum Kreuz hinan wogten und wallten,
Als ob es die Seele sanft wachhalten müßte.
Der Mondschimmer kam, ihren Traum zu erhalten.
Bald lachten die Sicheln fast männlicher Zähne.
Sie glänzten hinaus zu den horchenden Sternen.
Es trug schon die Nacht ihre feurige Mähne,
Sie schwang sich als Stute durch Steppen und Fernen.
Die Augen der Russin vermuteten Meere.
Sie regten sich stets in der furchtbaren Stille.
Es nahte ein Augenblick schrecklicher Leere,
Doch unentwegt zuckte die goldne Pupille.
Dann schenkte die Ebne sich kühlende Winde.
Die Russin erwachte und spürte die Kälte.
Zitternd zerband sie die Fenstergewinde,
Versperrte sich, schwand. Und ein ferner Hund bellte.
Max Dauthendey.
Geboren am 25. Juli 1867 zu Würzburg, gestorben im Herbst 1918 auf Java.
-- Reliquien 1900. Singsangbuch 1907. Insichversunkene Lieder im Laub
1908. Der weiße Schlaf 1909. Lusamgärtlein 1909. Weltspuk 1910. Des
großen Krieges Not 1915.
Laß mich in deinem stillen Auge ...
Laß mich in deinem stillen Auge ruhen,
Dein Auge ist der stillste Fleck auf Erden.
Es liegt sich gut in deinem dunkeln Blick,
Dein Blick ist gütig wie der weiche Abend.
Vom dunkeln Horizont der Erde
Ist nur ein Schritt hinüber in den Himmel,
In deinem Auge endet meine Erde.
Graue Engel ...
Graue Engel gehen um mich,
Sehen trauernd auf dich, meine Seele,
Sie stehen mit lahmen Flügeln
An Aschenhügeln und sinnen;
Draußen und drinnen ist es Abend, meine Seele.
Am süßen lila Kleefeld ...
Am süßen lila Kleefeld vorbei,
Zu den Tannen, den zwei,
Mit der Bank inmitten,
Dort zieht wie ein weicher Flötenlaut
Der sanfte Fjord,
Blau im Schilfgrün ausgeschnitten.
Gib mir die Hand.
Die beiden Tannen stehen so still,
Ich will dir sagen,
Was die Stille rings verschweigen will.
Gib mir die Hand ...
Gib mir in deiner Hand dein Herz.
Winde quälen die Bäume ...
Winde quälen die Bäume,
Die Blätter frieren und gilben.
Menschen, noch braun die Sommerwangen,
Aber die Lippen sangen die letzten Silben.
Bald ist das Lied zergangen.
Die Amseln haben ...
Die Amseln haben Sonne getrunken,
Aus allen Gärten strahlen die Lieder,
In allen Herzen nisten die Amseln,
Und alle Herzen werden zu Gärten
Und blühen wieder.
Nun wachsen der Erde die großen Flügel,
Und allen Träumen neues Gefieder,
Alle Menschen werden wie Vögel
Und bauen Nester im Blauen.
Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge,
Und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
In allen Seelen badet die Sonne,
Alle Wasser stehen in Flammen,
Frühling bringt Wasser und Feuer
Liebend zusammen.
Die Luft so schwer ...
Die Luft so schwer,
Wolken stehen weiß und still,
Der Himmel hohl und aschenleer,
Ein Rabenschrei --,
Und kreischt vorbei.
Die Bäume stehen kalt umher,
Es ist, als ob das letzte Herz gestorben sei.
Auf deinem Haupt ...
Auf deinem Haupt schmolz eine goldenrote Krone,
Davon glüht nun dein Haar so goldenrot und stolz.
Aus deinen Augen zieht das stille herbe Lied
Der tiefen ungeweinten Tränen.
Schliefen denn niemals Sonnenstrahlen auf deinen Lippen?
Man könnte wähnen,
Du habest nie dich selbst gesehn,
So arm bist du.
In deinem Angesicht ...
In deinem Angesicht
Schwebt Stille.
Stille, welche in sommerschweren Wäldern lebt,
Auf abendblauem Berge,
Und im Blumenkelche.
Eine Stille, warm und licht,
Die ohne Laut vornehme Laute spricht.
Unsere Augen ...
Unsere Augen so leer,
Unsere Küsse so welk,
Wir weinen und schweigen,
Unsere Herzen schlagen nicht mehr.
Die Schwalben sammeln sich draußen am Meer
Die Schwalben scheiden,
Sie kommen wieder,
Aber nie mehr uns beiden.
Stille weht ...
Stille weht in das Haus,
Fühlst du den Atem des Mondes,
Löse dein Haar,
Lege dein Haupt in den Blauschein hinaus.
Hörst du, das Meer unten am Strand
Wirft die Schätze ans Land;
Sonst wuchsen im Mond Wünsche, ein Heer,
Seit ich dein Auge gesehn, ist die Mondnacht wunschleer.
Die Sommernacht ...
Die Sommernacht, und andachtvoll der dunkle Garten
Und schwer zufrieden mit den reichen Bäumen.
Derselbe Mond, der all die großen Bäume klein gesehen,
Vor dem die dunkeln Blätter staunend glänzen,
Unwissend stumm gekommen, unwissend stumm vergehen.
Der dunkle Garten, draus ein kalter Atem weht,
Sehr kühl vom kaltgewordnen Schweiß der Erde.
Und immer kommt und geht darin der Mond
Und wird nicht müde, nie, und kommt und geht.
Doch auszudenken, daß wir müde einst
Für immer gehn, unwissend mit uns selbst.
Drinnen im Strauß.
Der Abendhimmel leuchtet wie ein Blumenstrauß,
Wie rosige Wicken und rosa Klee sehen die Wolken aus.
Den Strauß umschließen die grünen Bäume und Wiesen,
Und leicht schwebt über der goldenen Helle
Des Mondes Sichel wie eine silberne Libelle.
Die Menschen aber gehen versunken tief drinnen im Strauß,
Wie die Käfer trunken, und finden nicht mehr heraus.
Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein.
Ich möchte mir Freuden wie aus roten Steinbrüchen brechen,
Möchte Brücken schlagen tief in die Wolken hinein;
Möchte mit Bergen sprechen wie Glocken in hohen Türmen,
Wie Laubbäume ragen und mit den Frühlingen stürmen
Und wie ein dunkler Strom der Ufer Schattenwelt tragen.
Fiel gern als Abenddunkel in alle Gassen hinein,
Drinnen Burschen die Mädchen suchen und fassen.
Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein
Und von Liebe und Sehnsucht niemals vergessen.
Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht.
Die Dunkelheit hat alle Wege mit Toren zugemacht:
Wie eine dumpfe Stube steht die Sommernacht.
Die Sterne kommen still den Berg ganz nah herauf,
Manchmal da atmet tief ein Sternlicht auf.
Ein großer Baum streckt seine Krone himmelan,
Als ob die Nacht ihn weit fortrücken kann.
Doch alle Dinge sind nur wie die Schatten
Vom Tag und von Gedanken und von Taten.
Und alle Dinge sind stumm und verblichen,
Als wären sie verstohlen ausgewichen.
Sie alle haben nur verschwinden müssen,
Damit die scheuen Lippen sich finden und küssen.
Der Mond ist wie eine feurige Ros'.
Der Mond geht groß aus dem Abend hervor,
Steht über dem Schloß und dem Gartentor
Und läßt sanft glühend die Erde los.
Der Mond ist wie eine feurige Ros',
Die meine Liebste im Garten verlor.
Mein Schatten an den steinernen Wänden
Geht hinter mir wie ein dienender Mohr.
Ich werde den Mohren hinsenden,
Er hebe die Rose vorsichtig auf
Und bringe sie ihr in den dunklen Händen.
Nachtstürme reiten die Bäume krumm.
Statt der Blumen und Blätter, die sich sonst regen,
Steht Reisigholz stumm auf allen Wegen.
Am Himmel gehen Nebel und Nässe um,
Und Nachtstürme reiten die Bäume krumm.
Ich stehe hinter Fensterscheiben verloren,
Die alten Lieder sind nur Träume hinter sieben Toren.
Die Geliebte ging weit in den Nebel fort,
Nichts blieb als in den Ohren ihr Liebeswort.
Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier?
Wer hat die Wolken zerbeult?
Wer heult vom Berg wie von einem Turm?
Wer hat in der Brust solch zwiefachen Sturm?
Wer jagt den Fluß vor sich her wie ein Tier?
Wer ist es, der draußen wild aufstöhnen muß?
Wem ist seine Qual hell wütend Genuß?
Und wer verflucht sich finster und stier?
Ist es die Nacht?
Oder ein Stück Schatten von mir?
Die Berge werden wie dunkle Kissen.
In der gelben und grünlichen Abendhelle
Gehn finsternde Wolken nicht von der Stelle.
Übern Fluß kommt der Hunde verhetztes Gebelle.
Noch immer sind Schritte am Pflaster draußen.
Sie kommen und gehen in kurzen Pausen,
Als ob da Schritte ohne Menschen hausen.
Die Berge werden wie dunkle Kissen,
Drauf ruhn die Abendstunden, welche die Sonne vermissen.
Der Himmel steht wie ein sehnsüchtig Aug' hell aufgerissen.
Jakob Julius David.
Geboren am 6. Februar 1859 zu Weißkirchen in Mähren, studierte deutsche
Philologie in Wien, lebte daselbst als Schriftsteller und starb am 20.
November 1906. -- Gedichte 1892.
Mein Lied.
Ich weiß, mein Lied wird nie gesungen
Von jungen Stimmen hell im Chor;
Doch sagt's, vom Dämmern lind bezwungen,
Vielleicht ein Träumer gern sich vor.
Ob vieles zur Vollendung fehle,
Er hört, in Lauten trüb und bang,
Das Atmen einer müden Seele,
Die hart um Licht und Leben rang.
Es dunkelt. Und wenn lind und leise
So Form wie Farbe rings verschwimmt,
Erklingt in meiner Brust die Weise,
So dämmerfroh und unbestimmt.
Und wenn dann, tief in seinem Innern,
Ein Abglanz meines Leids ersteht,
Soll er des Dichters sich erinnern,
Des Name längst im Wind verweht ...
Im Volkston.
Ich hab' kein Haus, ich hab' kein Nest,
Ich hab' kein Hochzeit und kein Fest;
Ich hab' kein Hof, ich hab' kein Feld,
Ich hab' kein Heimat auf der Welt.
Am Himmel selbst der Schauerstrich,
Den fürchten sie nicht so wie mich;
Mir geht's nicht gut, mir geht's nicht schlecht --
Und so, gerade so ist's recht ...
Nacht.
Schon deckt beschattend dein Gefieder
Des Tages Licht, du nahst mit Macht.
Auf starken Schwingen steigst du nieder,
Du meine Mutter, stolze Nacht!
Nun öffnen sich der Seele Pforten,
So streng geschlossen kaum zuvor,
Und meinem Weh und seinen Worten
Leihst du dein mir geneigtes Ohr.
Nun stehn die Gassen öd' und düster
Und, wie in ewig regem Leid,
Haucht sein verhallendes Geflüster
Dein Wind durch deine Einsamkeit;
Nun birgt das Kleine ernst dein Schleier --
Den Blick beirrt' es kaum zuvor --
Doch riesenhaft und ungeheuer
Wächst wahrhaft Großes nun empor.
Ich liebe dich, bin dir entsprungen,
Und feind dem Tag, so laut und dreist!
Das Wenige, das mir gelungen,
Du gabst es dem verwandten Geist;
Dein Anhauch ist es, der zur Lohe
Der Seele trübes Licht entfacht --
Sei mir willkommen, ernste hohe,
Sei mir gegrüßt, ersehnte Nacht!
Richard Dehmel.
Geboren am 18. Nov. 1863 zu Wendisch-Hermsdorf in der Mark Brandenburg.
Absolvierte das Gymnasium zu Danzig, studierte 1882-87 Philosophie,
Naturwissenschaft und Sozialökonomie, wohnte zunächst in Berlin, reiste
dann im Ausland, lebte in Blankenese bei Hamburg und starb dort am 8.
Februar 1920. -- Erlösungen 1891. Aber die Liebe 1893. Lebensblätter
1895. Weib und Welt 1896. Ausgewählte Gedichte 1901. Zwei Menschen 1903.
Verwandlungen der Venus 1907. Schöne wilde Welt 1913.
Die Harfe.
Unruhig steht der hohe Kiefernforst;
Die Wolken wälzen sich von Ost nach Westen.
Lautlos und hastig ziehn die Krähn zu Horst;
Dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen,
Und dumpfer tönt mein Schritt.
Hier über diese Hügel ging ich schon,
Als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte,
Noch nicht bei euerm urweltlichen Ton
Die Arme hob und ins Erhabne spannte,
Ihr Riesenstämme rings.
In großen Zwischenräumen, kaum bewegt,
Erheben sich die graugewordnen Schäfte;
Durch ihre grüngebliebnen Kronen fegt
Die Wucht der lauten und verhaltnen Kräfte
Wie damals.
Und _eine_ steht, wie eines Erdgotts Hand
In fünf gewaltige Finger hochgespalten;
Die glänzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand
Und langt noch höher als die starren alten
Einsamen Stämme.
Durch die fünf Finger geht ein zäher Kampf,
Als wollten sie sich aneinanderzwängen;
Durch ihre Kuppen wühlt und spielt ein Krampf,
Als rissen sie mit Inbrunst an den Strängen
Einer verwunschnen Harfe.
Und von der Harfe kommt ein Himmelston
Und pflanzt sich mächtig fort von Ost nach Westen.
Den kenn' ich tief seit meiner Jugend schon:
Dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen:
Komm, Sturm, erhöre mich!
Wie hab' ich mich nach einer Hand gesehnt,
Die mächtig ganz in meine würde passen!
Wie hab' ich mir die Finger wund gedehnt!
Die ganze Hand, die konnte niemand fassen!
Da ballt' ich sie zur Faust.
Ich habe mit Inbrünsten jeder Art
Mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen.
Ich steh' und prüfe die bestandne Fahrt:
Nur _eine_ Inbrunst läßt sich treu ertragen:
Zur ganzen Welt.
Komm, Sturm der Allmacht, schüttel den starren Forst!
Schüttelst auch mich, du urweltliches Treiben.
In scheuen Haufen ziehn die Krähn zu Horst;
Gib mir die Kraft, einsam zu bleiben,
Welt! --
Sommerabend.
Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur;
Fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert,
Im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur,
Ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert.
Vom Wiesengrunde naht ein Glockenton,
Ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde;
Im stillen Walde steht die Dämmrung schon,
Der Hirte sammelt seine satte Herde.
Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm,
Die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden;
Nur noch die Grillen geigen ihren Psalm.
So sei doch _froh_, mein Herz, in all dem Frieden!
Aus banger Brust.
Die Rosen leuchten immer noch,
Die dunkeln Blätter zittern sacht;
Ich bin im Grase aufgewacht,
O kämst du doch,
Es ist so tiefe Mitternacht.
Den Mond verdeckt das Gartentor,
Sein Licht fließt über in den See,
Die Weiden warten still empor,
Mein Nacken wühlt im feuchten Klee;
So liebt' ich dich noch nie zuvor!
So hab' ich es noch nie gewußt,
So oft ich deinen Hals umschloß
Und blind dein Innerstes genoß,
Warum du so aus banger Brust
Aufstöhntest, wenn ich überfloß.
O jetzt, o hättest du gesehn,
Wie dort das Glühwurmpärchen kroch!
Ich will nie wieder von dir gehn!
O kämst du doch!
Die Rosen leuchten immer noch.
[Illustration: Richard Dehmel]
Ein Stelldichein.
So war's auch damals schon. So lautlos
Verhing die dumpfe Luft das Land,
Und unterm Dach der Trauerbuche
Verfingen sich am Gartenrand
Die Blütendünste des Holunders;
Stumm nahm sie meine schwüle Hand,
Stumm vor Glück.
Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld!
Du blasses Licht da drüben im Geschwele,
Was stehst du wie ein Geist im Leichentuch --
Lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!
Was starrst du mich so gottesäugig an?
Ich brach sie nicht! sie tat es selbst! Was quäle
Ich mich mit fremdem Unglück ab ...
Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
Die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
Der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.
Still hängt das Laub am feuchten Strauch,
Als hätten alle Blätter Gift getrunken;
So still liegt sie nun auch.
Ich wünsche mir den Tod.
Ein Grab.
Das sind die Abende, die bleich verfrühten.
Die Georginen, die im Sonnenscheine
Wie rot und gelbe letzte Rosen glühten,
Stehn fahl, Rosetten aus verfärbtem Steine.
Der Nebel klebt an unsern Hüten.
Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz
Umgittert _eine_, die zu früh verblich.
Komm heim; mich friert. Sie liebte mich.
Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz;
Still tat sie wohl, still litt sie Schmerz.
Stiller Gang.
Der Abend graut; Herbstfeuer brennen.
Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei.
Kaum ist mein Weg noch zu erkennen.
Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen.
Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei.
Vorbei.
Die stille Stadt.
Liegt eine Stadt im Tale,
Ein blasser Tag vergeht;
Es wird nicht lange dauern mehr,
Bis weder Mond noch Sterne,
Nur Nacht am Himmel steht.
Von allen Bergen drücken
Nebel auf die Stadt;
Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,
Kein Laut aus ihrem Rauch heraus,
Kaum Türme noch und Brücken.
Doch als den Wandrer graute,
Da ging ein Lichtlein auf im Grund;
Und durch den Rauch und Nebel
Begann ein leiser Lobgesang
Aus Kindermund.
Manche Nacht.
Wenn die Felder sich verdunkeln,
Fühl' ich, wird mein Auge heller;
Schon versucht ein Stern zu funkeln,
Und die Grillen wispern schneller.
Jeder Laut wird bilderreicher,
Das Gewohnte sonderbarer,
Hinterm Wald der Himmel bleicher,
Jeder Wipfel hebt sich klarer.
Und du merkst es nicht im Schreiten,
Wie das Licht verhundertfältigt
Sich entringt den Dunkelheiten.
Plötzlich stehst du überwältigt.
Geheimnis.
In die dunkle Bergschlucht
Kehrt der Mond zurück.
Eine Stimme singt am Wassersturz:
O Geliebtes,
Deine höchste Wonne
Und dein tiefster Schmerz
Sind mein Glück --
Morgenstunde.
Ob du wohl auch so schlaflos liegst
Und dich in wachen Träumen wiegst,
Vor Glück, wie sehr die Sehnsucht brennt?
Ich starr ins dunkle Firmament:
Der Morgenstern, in großem Bogen,
Ist langsam längst heraufgezogen
Und läßt mich lächelnd fühlen, was uns trennt.
Vor meinen schwachen Augen
-- Nun weiß ich doch, zu was sie taugen --
Strahlt er, je höher her, je flimmernder.
Weihnächtig glänzt die graue Stille.
O zögre, Alltag! Ohne Brille
Sieht man die Welt unendlich schimmernder.
Schon aber glitzert sein Gezitter blasser;
Nun steh' ich auf und geb' der Lilie Wasser,
Die du mir gestern heimlich brachtest.
Und wenn du mich dafür auslachtest:
Sanft nehm' ich sie von ihrer Stätte
Und leg' sie auf mein warmes Bette
Und fühle lächelnd, wie du nach mir schmachtest.
Erhebung.
Gib mir nur die Hand,
Nur den Finger, dann
Seh' ich diesen ganzen Erdkreis
Als mein Eigen an!
O, wie blüht mein Land!
Sieh dir's doch nur an,
Daß es mit uns über die Wolken
In die Sonne kann!
Bewegte See.
Noch _einmal so_! Im Nebel durch den Sturm:
Das Segel knatterte, die Schiffer schrien,
Am Bugspriet stand das Wasser wie ein Turm,
Ich fühlte deine Angst in meinen Knien
Und sah dein stolz und fremd Gesicht.
Noch einmal wollte mir dein Auge drohn,
Wie eine Flamme stand dein Haar im Winde,
Doch in den Wellen rang ein Ton
Wie das Gewein von einem Kinde --
Da wehrtest du mir nicht:
Um meine Lippen lag dein naß wild Haar,
Um deine Schulter lag mein Arm gezogen,
Und unsern Kuß versüßte wunderbar
Der Schaum der salzigen Sturzwogen --
Da schrie ich laut vor Freude auf.
Noch _einmal so_! Was tust du jetzt so kalt,
Hast du denn Furcht vorm offnen Meere!
Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald!
Im Hafennebel tanzt die Fähre --
Hinaus! hinauf!
Nachtgebet der Braut.
O mein Geliebter -- in die Kissen
Bet' ich nach dir, ins Firmament!
O könnt' ich sagen, dürft' er wissen,
Wie meine Einsamkeit mich brennt!
O Welt, wann darf ich ihn umschlingen!
O laß ihn mir im Traume nahn,
Mich wie die Erde um ihn schwingen
Und seinen Sonnenkuß empfahn
Und seine Flammenkräfte trinken,
Ihm Flammen, Flammen wiedersprühn,
O Welt, bis wir zusammensinken
In überirdischem Erglühn!
O Welt des Lichtes, Welt der Wonne!
O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual!
O Traum der Erde: Sonne, Sonne!
O mein Geliebter -- mein Gemahl --
Ideale Landschaft.
Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn,
Und eine hohe Abendklarheit war,
Und sahst nur immer weg von mir,
Ins Licht, ins Licht --
Und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.
Aus »Zwei Menschen«.