Deine feinen Hände
Greifen den Atem der Rosen, die dich lieben.
An deinen feinen Brüsten
Hängt der Abend in Glanz und Demut.
Aus deinen verdunkelten Augen
Weht Kühle mich an.
Die Kühle deines Herzens weht mich an
Aus deinen Augen bei Abend.
Wir wehen ...
Wir wehen durch die Lüfte,
Grau wie Regen weht,
Zart wie Düfte der Blumen,
Bang wie der Flöte Lied.
Wehen mit Eile, sinken
Nieder in einem Feld,
Abend hüllt kühl uns ein,
Nacht ist so märchenschön.
Manche erheben wieder
Ihre Flügel, wehen
Weiter, düstere Wolken
Oder Gerüche der Flur.
Andere bleiben liegen
In den Hainen und Gärten,
Werden Erde und Halme,
Spielend im Frühlingshauch.
Hörst du ein Seufzen im Abend?
Und ein Lachen im Wind.
Wer da wehte vorüber
Ach -- und wohin? wohin?
Vision.
Im Schimmer des Mondes standest aufrecht du,
Erzitternd gleich dem jungen Laub der Birken.
Du hobst den Arm, du dehntest die Brust, du standst
Auf den verwilderten Gärten, ein Traumgebild
Der Lenznacht, lockend, schwankend, verführerisch --
Bis daß der Nebel stieg von den Wiesen her
Und du auslöschtest, so wie ein Lied auslöscht,
Und rings lag öde, schmachtende Finsternis,
Und Weinen war im Gezweig, und alle Blumen
Riefen nach dir, o Mondenhauch!
Hinschlendern.
Traumhaft hinschlendern, ach, um kein Wohin
Besorgt sein, das Woher ist schon vergessen,
Ein Gruß den Mädchen mit den edlen Busen,
Ein Gruß dem Wein, den Blumen und dem Mond,
Ein stiller Gruß den Kranken und Zerwühlten,
Hinschlendern, traumhaft, Licht einatmen, lauschen
Den Wolken und dem Winde und dem Meer,
Und schlafen, schlafen ... Und in lindem Traume
Entgleitet alles, und die schönste Stunde
Wird aschfahl, wenn sie auch aus Rosen kam.
Dasein.
Mond und Liebe und dann
Ein Schluck Wein ab und an
Und dann --
Herz, warum so trübe?
Und dann
Mond und dann Wein
Und Liebe, -- herbsttrübe
Verrinnt das Sein.
Aber manchmal aufglüht
Ein berauschender Funken,
Dann taumeln wir trunken,
Bis der Funken versprüht.
Dann das alte Lied:
Mond und Liebe und dann
Ein Schluck Wein ab und an.
Otto Julius Bierbaum.
Geboren am 28. Juni 1865 zu Grünberg in Schlesien, absolvierte das
Gymnasium in Wurzen, besuchte die Universitäten Zürich, Leipzig, Berlin,
München, war Redakteur der »Neuen deutschen Rundschau«, des »Pan« und
der »Insel« und lebte zuletzt in Dresden, wo er am 1. Februar 1910
starb. -- Erlebte Gedichte 1892. Nemt, Frouwe, disen Kranz 1894.
Irrgarten der Liebe 1901. Das seidene Buch 1903. Maultrommel und Flöte
1907.
Tanzlied.
Es ist ein Reihen geschlungen,
Ein Reihen auf dem grünen Plan,
Und ist ein Lied gesungen,
Das hebt mit Sehnen an,
Mit Sehnen, also süße,
Daß Weinen sich mit Lachen paart:
Hebt, hebt im Tanz die Füße
Auf lenzeliche Art!
[Illustration: Max Dauthendey]
Freundliche Vision.
Nicht im Schlafe hab' ich das geträumt,
Hell am Tage sah ich's schön vor mir:
Eine Wiese voller Margeriten;
Tief ein weißes Haus in grünen Büschen;
Götterbilder leuchten aus dem Laube.
Und ich geh' mit Einer, die mich lieb hat,
Ruhigen Gemütes in die Kühle
Dieses weißen Hauses, in den Frieden,
Der voll Schönheit wartet, daß wir kommen.
Die Kranke.
Ich fühle keinen Schmerz und bin doch krank;
Mir ist die Kraft genommen, ich bin leer.
Ich lebe ab, so wie ein Rad abläuft,
Das von der Feder, die es trieb und hielt,
Gelöst ward. -- Ach, sie pflegen mich so lieb,
Und dennoch weiß ich's, balde ist's vorbei.
Und bin nicht traurig. Ruhe wird mein Teil.
Ich werde ruhig blühn in leichtem Wind,
Wie meine Blumen, die im Garten sind.
Im Wirbel fort.
Moosgrün aus Samt ein Band im blonden Haar.
Ein Färblein rosarot dazwischen war,
Das ganze Kind war ganze sechzehn Jahr,
Und es war Mai.
So kam's, daß uns mit Strahlen flitterfein
Umfädelte der sanfte Sonnenschein;
Die Knospe sprang, ach Gott, es war im Mai'n.
Die Knospe sprang.
Ich hätte gern in Treuen sie gehegt,
Ich hätte gern sie mir ans Herz gelegt,
Da hat ein Wind sie wirbelnd weggefegt.
Wem blüht sie nun?
Gigerlette.
Fräulein Gigerlette
Lud mich ein zum Tee,
Ihre Toilette
War gestimmt auf Schnee;
Ganz wie Pierrette
War sie angetan.
Selbst ein Mönch, ich wette,
Sähe Gigerlette
Wohlgefällig an.
War ein rotes Zimmer,
Drin sie mich empfing,
Gelber Kerzenschimmer
In dem Raume hing.
Und sie war wie immer
Leben und Esprit.
Nie vergess' ich's, nimmer:
Weinrot war das Zimmer,
Blütenweiß war sie.
Und im Trab mit Vieren
Fuhren wir zu zweit
In das Land spazieren,
Das heißt Heiterkeit.
Daß wir nicht verlieren
Zügel, Ziel und Lauf,
Saß bei dem Kutschieren
Mit den heißen Vieren
Amor hinten auf.
Traum durch die Dämmerung.
Weite Wiesen im Dämmergrau!
Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn:
Nun geh' ich zu der schönsten Frau,
Weit über Wiesen im Dämmergrau,
Tief in den Busch von Jasmin.
Durch Dämmergrau in der Liebe Land;
Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht;
Mich zieht ein weiches, samtenes Band
Durch Dämmergrau in der Liebe Land,
In ein blaues, mildes Licht.
Jeannette.
Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank,
Und mittendrin ein Mädel schlank,
Meine lustige, liebe Jeannette.
Braune Augen hat sie, wunderbar,
In wilden Ringeln hellbraunes Haar,
Kirschroter Lippen ein schwellend Paar, --
Jeannette! Jeannette!
Am Fensterbrett ein Efeu steht,
Durchs grüne Geranke die Liebe späht,
Meine lustige, liebe Jeannette.
Türe auf! Da liegt mir am Halse das Kind.
Alleine wir beiden, es singt der Wind
Das Lied von zweien, die selig sind, --
Jeannette! Jeannette!
Die schwarze Laute.
Aus dem Rosenstocke
Vom Grabe des Christ
Eine schwarze Laute
Gebauet ist;
Der wurden grüne Reben
Zu Saiten
Gegeben.
O wehe du, wie selig sang,
So erossüß, so jesusbang,
Die schwarze Rosenlaute.
Ich hörte sie singen
In mailichter Nacht,
Da bin ich zur Liebe
In Schmerzen erwacht,
Da wurde meinem Leben
Die Sehnsucht
Gegeben.
O wehe du, wie selig sang,
So jesussüß, so erosbang,
Die schwarze Rosenlaute.
Oft in der stillen Nacht.
Oft in der stillen Nacht,
Wenn zag der Atem geht
Und sichelblank der Mond
Am schwarzen Himmel steht,
Wenn alles ruhig ist
Und kein Begehren schreit,
Führt meine Seele mich
In Kindeslande weit.
Dann seh' ich, wie ich schritt
Unfest mit Füßen klein,
Und seh' mein Kindesaug'
Und seh' die Hände mein,
Und höre meinen Mund,
Wie lauter klar er sprach,
Und senke meinen Kopf
Und denk' mein Leben nach:
Bist du, bist du allweg
Gegangen also rein,
Wie du gegangen bist
Auf Kindesfüßen klein?
Hast du, hast du allweg
Gesprochen also klar,
Wie einsten deines Munds
Lautleise Stimme war?
Sahst du, sahst du allweg
So klar ins Angesicht
Der Sonne, wie dereinst
Der Kindesaugen Licht?
Ich blicke, Sichel, auf
Zu deiner weißen Pracht;
Tief, tief bin ich betrübt
Oft in der stillen Nacht.
Emanuel von Bodman.
Geboren am 23. Januar 1874 zu Friedrichshafen am Bodensee. -- Erde 1896.
Neue Lieder 1902. Der Wanderer und der Weg 1908.
Der Garten.
Das rote Weinlaub hängt von Sonne voll,
Ich trete ohne Schmerz in deinen Garten,
Nach langer Zeit. Auf dieser Holzbank schwoll
Einst unser junges Sehnen, und wir starrten
In manche blaue Nacht. Nun bist du tot
Drei bunte Jahre. Die Kastanien fallen.
Nun ist mir, fühle ich ihr braunes Rot,
Es müßten deine leichten Tritte hallen.
Noch fließt der alte Tropfsteinquell so klar,
Und mächtig drückt mich eine süße Schwere,
Als ob der irre Duft von deinem Haar
Noch irgendwo in diesen Büschen wäre.
Meine Mutter ...
Meine Mutter sang
Über meine Wiege,
Bis zu Flur und Stiege
Flog der süße Klang.
Meine Mutter wand
Garn im Sonnenscheine,
Und sie hatte eine
Zarte weiße Hand.
Mutter war sehr schön,
Hör' ich alle sagen,
Und ich will nicht klagen,
Daß ich's nicht gesehn.
Flocken.
Leise, leise fallen weiße Flocken,
Fall'n wie einstens, als dein Fuß mit Beben
In mein Haus trat, als ich hell erschrocken
Ahnte, daß ein Wunder sich begeben ...
Als der Nachthauch unsre Pulse kühlte,
Droben lichte Kinderstimmen klangen ...
Als ich deine schauernden Arme fühlte,
Die so einzig meinen Hals umschlangen ...
Als ein trunkner Schrei aus meiner Kehle
Fuhr, der lang' in meinem Haus gewaltet ...
Als zum ersten Male deine Seele
Ihre Zitterflügel froh entfaltet ...
Wandlung.
Das Leben, glaubte ich, sei rot von Rosen,
Man brauche nur in sein Gestrüpp zu greifen,
Um hunderte an einem Tag zu streifen ...
Wohl griff ich Rosen, mehr noch Herbstzeitlosen.
Die Wünsche warf ich weg; sie narrn mich nimmer.
Ist so mein Herz um manche Hoffnung leerer,
Ist es dafür um eine Weisheit schwerer,
Und mich belebt ein heller, harter Schimmer.
Ich blicke kälter. Doch: schenkt mir im Wandern
Das Leben plötzlich eine Rose wieder,
Dann blicke ich wie trunken auf sie nieder:
Sie glänzt ja röter als die hundert andern.
Walter Calé.
Geboren am 8. Dezember 1881 zu Berlin. Gestorben ebenda am 3. November
1904. -- Nachgelassene Schriften 1907.
Wir tauchten aus dem Strom ...
Wir tauchten aus dem Strom, der jenseit fließt,
Und wo wir eines waren willenlos,
Und wandeln nun für eine kurze Weile
In argen Fesseln unter Raum und Stunden,
Wir gehen Wege, welche weit getrennt sind,
Und nur mit Blicken, welche trösten sollen,
Von fern uns winkend -- eine kurze Weile,
Bis daß wir wieder zu dem Strome tauchen
Und wieder eines sind und willenlos.
Der Tod wird uns ...
Der Tod wird uns an seine Hände nehmen,
Ein Führer jener Seelen, welche irrten,
Und sprechen: »Dieses ist der rechte Weg!«
Und weiter sprechen: »Dieses ist das Land,
Nach welchem ihr Verlangen habt und Tränen.«
Dann aber werden wir die Blicke senken
Und voller Trauer fragen: »Dieses nur?«
Es rinnen rote Quellen ...
Es rinnen rote Quellen
Um mein gesegnet Haus;
Es tränkt ein schwarzer Reiter
Sein schwarzes Roß daraus.
Er lehnt schon hundert Jahre
Vor meinem runden Tor;
Die Zeit wird ihm nicht lange,
Ich komme nie hervor.
Es braucht nur dreier Schritte,
So kann ich bei ihm stehn,
So kann ich mit ihm reiten,
Wie meine Wünsche gehn.
Das ist so schön zu wissen!
Ich sag' es tausendmal:
»Es wartet einer draußen!«
Und bleibe doch im Saal.
Der Reiter schläft im Schatten,
Sein Panzerhemd blinkt gut;
Dem Rappen ist sehr schläfrig,
Mir ist sehr froh zumut!
Zwiegespräch.
Der Sänger:
Die andern sprachen deinem Herzen vieles,
Nur meine Lippen blieben stumm, vergib,
Vor lauter Seligkeiten, da du kamest.
Beatrix:
Du irrest, Bruder, und ich hörte dich!
Der Sänger:
Ich irre nicht, die Lippen blieben stumm,
Vor lauter Seligkeiten ohne Worte.
Beatrix:
Du irrest, Bruder, und ich hörte dich:
Die Lippen nicht, ich hörte deine Seele.
Der Sänger:
Ich irre nicht, die Seele blieb verstummt,
Und keine Worte kamen von der Seele.
Beatrix:
Du irrest, Bruder, und ich hörte dich,
Ich hörte deine stumme Seele singen.
Du träumtest ...
Du träumtest dieses Lebens Wirren ferne,
Und durch den Traum nur drang ein Laut der Erde
Und kam und ging gleich einem Wanderer,
Von dessen Schritte nachts die Straßen hallen,
Der deinem Fenster so vorübergeht,
Daß nur ein Hallen dir von ihm bekannt,
Sein Antlitz nicht und seines Leibes Wuchs
Und seine Seele nicht und seine Stimme;
Er geht vorüber, und der Schritt verhallt,
Auf deinem Lager horchst du eine Weile:
»Wer ging vorüber ..?« -- Dann entschlummerst du.
Der Heimweg führte mich ...
Der Heimweg führte mich in dieser Nacht
Zum Parke, welcher voller Stille lag,
Und viele dürre Blätter raschelten.
Und zwischen zweien hohen dunkeln Stämmen
Erschien es mir und war mir wohlbekannt
Und weinte auch und nickt' und lockte sehr;
Doch als der Wind ein wenig lauter klagte,
Zerrann es ...
Am Flusse.
Trauernd stehst du an des Flusses Rande,
Trauernd führt mein Weg am andern Ufer:
Keiner weiß, ob ihn der andre riefe;
Allzu heftig rauschen die Gewässer.
Wollen wir ein Boot vom Strande ketten,
Du vom rechten, ich vom linken Strande?
Wollen wir dann in des Stromes Mitte
Leichten Ruderschlages uns begrüßen?
Wollen wir die Wasser abwärts gleiten,
Boot an Boot, und nur gelinde lächelnd,
Bis das Meer in großem Glanz sich auftut
Und wir stehn und beide weinen müssen?
Und abermals wirst du ...
Und abermals wirst du geboren werden
Auf andern Sternen, deiner selbst nicht kundig,
Und wirst die Wege gehen allen Lebens,
In Schmerzen bald und manches Mal in Lächeln.
Doch steigt aus Dämmerungen einer Nacht
Gleichwie aus Schächten, die verschüttet sind,
Ein Bildnis auf, ein Schatten und ein Ruf,
So wisse du: Der Bruder ruft nach dir,
Der abermals dem Tode sich entrang
Gleich dir und abermals das Leben wandelt
Auf andern Sternen fern und trauervoll.
Die Andern.
Wir haben wohl ein Lachen um die Lippen
Und gehen gleichen Mutes durch das Leben,
Und ihr in Tränen und Erschütterung;
Und eines Tages ist es dann geschehen:
Als eure Tränen immer heißer strömten,
Die müden Häupter immer tiefer sanken,
Da waren euch die Schwingen längst gewachsen,
Da waret ihr im Äther längst entschwunden,
Da wußten wir und brannten allzu wissend:
Daß Glückes mehr in euern Tränen sei
Als in dem Lachen unsrer armen Seele.
Hermann Conradi.
Geboren am 12. Juli 1862 zu Jeßnitz in Anhalt, studierte in Berlin,
Leipzig und Würzburg besonders Philosophie und Germanistik und starb in
Würzburg am 8. März 1890. -- Lieder eines Sünders 1887.
Aus den »Schwarzen Blättern«.