Rainer Maria Rilke
Nach einer Bronzebüste von Fritz Huf (Museum zu Winterthur, Schweiz)
Franz Werfel
Nach einer künstlerischen Photographie des Ateliers d'Ora, Wien I,
Wipplingerstr. 26
Peter Altenberg.
Geboren am 9. März 1859 zu Wien, wo er den größten Teil seines Lebens
verbrachte und am 8. Januar 1919 starb.
Liebesgedicht.
Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen --
Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen --
Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen,
Ich sah dich in Gesellschaft unadeliger Menschen erbleichen.
Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert nackt zeigen,
Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen.
Ich sah dich mit deinem geliebten Papagei wie mit einem
Freunde sprechen,
Ich sah dich mit einem Manne wegen eines geringen
Taktfehlers für ewig brechen -- -- --.
Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen,
Ich sah dich der Stille eines Sommerabends lauschen.
Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen,
Ich sah dich traurig stehn vor trüben Gaslaternen.
Ich sah dich dein Leben spinnen wie die Spinne ihr
mysteriöses Gewebe -- -- --
Ich schlich mich abseits, um dich nicht zu stören.
Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!
Das Bangen.
Mir bangt um dich, Anna -- -- --.
Weshalb mir bang ist, weiß ich nicht,
Ich weiß nur, daß mir bang ist.
Mir ist bang!
Wie einer Mutter bang ist ohne Grund,
Noch sind sie alle munter und gesund -- -- --!
Und wie dem Schiffer bang ist, bange, bange,
Während die anderen noch lange
Den wolkenlosen Himmel blöd betrachten
Und den Warner ob seiner Weisheit nur verachten.
Mir bangt, wie einem bangt,
Der Kinder auf dem Meer-Sand-Hügel spielen sieht
Und weiß, daß nun die Flut vom Land sie abtrennt -- flieht!
Mir bangt, wie einem bangt,
Der weiß, er wird gehenkt um sieben Uhr früh.
So, so bangt mir um dich -- -- --
Du bist _mein Leben_, es bangt mir um _mich_;
Du aber, du gehst deinen Weg von mir,
Nicht bangt vor meinem bangen Bangen dir,
Dem neuen Schicksal treibst du jach entgegen -- -- --
Und perlt mein Todesschweiß auf deinen Pfad hernieder,
Nimmst du's als Tau auf neuen Morgenwegen!
Ljuba.
Die da nicht kommen an deinen Tisch,
Die sind _klüger_ als ich!
Die schützen sich!
Ich aber, gleich der Motte im Lichte,
Mache meinen Selbsterhaltungstrieb zunichte!
Ich will lieber in Licht und Hitze sterben,
Als gesichert um Anna oder Grete werben!
Die da nicht kommen an deinen Tisch,
Die sind _dümmer_ als ich!
Sie schützen sich!
Was kann er für sie tun?!?
Was kann ich für dich tun?!?
Ich kann auf dem Spaziergang deinen Mantel tragen --
Ich kann dich, wie du gestern schliefest, fragen -- --.
Ich kann, wenn man dir widerspricht, mit meinem Blicke
sagen:
»Du hast recht, nur du!«
Ich kann, wenn du nicht da bist, bedrückt und kränklich
sein -- -- -- --
Ich kann vor Glück erbeben, trittst du ein -- --.
Ich kann mein Opernglas dir leihen im Theater
Und Komplimente über seine Tochter machen deinem
Vater.
Ich kann dir süße Mandarinen bringen.
Und manche kleine Aufmerksamkeit wird mir gelingen.
Mein Herz jedoch wird unerbittlich fragen, ohne zu ruhn:
»Was kann ich für sie tun?!?«
Wilhelm Arent.
Geboren am 7. März 1864 zu Berlin, wurde Schauspieler und gab, vielfach
unter Pseudonymen, mehr als zwanzig Gedichtbücher heraus. Er ist in
Berlin verstorben.
Das Weltgeheimnis.
Sie fanden ihn -- von düstrer Falte
Durchfurcht die hohe Denkerstirn --,
Schlaff hing die Hand, die marmorkalte,
Verloht die heilige Glut im Hirn;
Die Augen waren sanft geschlossen --
Ein Lächeln spielte um den Mund --
Als hätt' er jede Huld genossen
Und jedes Rätsel wär' ihm kund ...
Zwei Glückliche.
Und sie herzten sich
Und küßten sich
Lange;
Endlich schliefen sie ein.
Lächelnd träumten sie
Arm in Arm,
Bis rauh
Der Morgen kam.
Melancholie.
Meiner Jugend Träume,
Wo seid ihr hin?
Ihr himmlischen Räume,
Wie fern ich euch bin!
Draußen grünen die Bäume,
Flur in Blüte steht --
Meine Lieder sind Schäume,
Die der Wind verweht ...
Peter Baum.
Geboren am 30. September 1869 zu Elberfeld, lebte als Schriftsteller in
Berlin, fiel in Frankreich im Sommer 1916. -- Gott und die Träume 1901.
Grauen.
Das ist das Furchtbare,
Daß ich oft glaube,
Ich trüge deine Augen und deine Haare.
Daß meine Hände dann hilflos suchen
Ganz wie die deinen
Und meine Lippen mich so verfluchen
Und weinen.
Jeden Abend überkommst du mich so.
Zwei ganz gleiche Totenvögel
Fliegen dann über den Kirchhof.
Liebespsalmen.