EINUNDDREISSIGSTES HEFT:

DER

FALL OTTO WEININGER.

EINE PSYCHIATRISCHE STUDIE

VON

DR. FERDINAND PROBST,

ASSISTENZARZT AN DER KREISIRRENANSTALT MÜNCHEN.

WIESBADEN.

VERLAG VON J. F. BERGMANN.

1904.

#Nachdruck verboten.#

#Übersetzungen, auch ins Ungarische, vorbehalten.#

Druck der Kgl. Universitätsdruckerei von ~H. Stürtz~ in Würzburg.

»Was wird aus dem Gedanken, der unter den Druck der Krankheit

gebracht wird? Dies ist die Frage, die den Psychologen angeht, und

hier ist das Experiment möglich.«

~Nietzsche~, Vorwort zur II. Auflage der »Fröhlichen Wissenschaft«.

»Wer aber die Logik negiert, den hat sie bereits verlassen, der ist

auf dem Wege zum Irrsinn.«

~Weininger~, »Über die letzten Dinge«.

Einleitung[1].

Am 4. Oktober 1903 erschoss sich zu Wien der dreiundzwanzigjährige ~Otto

Weininger~, Doktor der Philosophie. Von ihm stammen zwei Bücher:

»Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung«, das kurz vor

seinem Tode erschien und »Über die letzten Dinge«, das Ende 1903 von

seinem Freunde ~Moriz Rappaport~ als Nachlass herausgegeben wurde, beide

im ~Braumüller~schen Verlag zu Wien.

[1] ~Anmerkung des Herausgebers.~ Die Publikationen des

verstorbenen Dr. O. ~Weininger~ erregten alsbald nach deren

Erscheinen meine Aufmerksamkeit, und ihr Inhalt liess mir keinen

Zweifel, dass dieselben unter dem Einflusse eines krankhaften

Geisteszustandes entstanden waren. Von welcher Art dieser war,

ergab sich jedoch nicht ohne Weiteres, und so beschloss ich, den

Fall O. ~Weininger~ eingehender zu studieren und das Ergebnis in

den »Grenzfragen« zu veröffentlichen. Dieser Entschluss veranlasste

mich zunächst, biographisches Material über den Verstorbenen zu

sammeln, und ich fand bei diesem Bemühen bei dem Vater O.

~Weiningers~ das freundlichste und vertrauenvollste Entgegenkommen,

wofür ich ihm auch an dieser Stelle meinen Dank ausspreche.

Anderweitige Obliegenheiten verhinderten mich jedoch an der

Fortführung der geplanten Arbeit. Als ich in der Folge aus der

Münchener medizinischen Wochenschrift ersah, dass mein Münchener

Kollege Dr. ~Probst~ für die Jahresversammlung der bayerischen

Irrenärzte in Ansbach einen Vortrag über O. ~Weininger~ angekündigt

hatte, setzte ich mich mit demselben in Verbindung und überliess

ihm das gesamte von mir gesammelte biographische Material, soweit

ich über dasselbe zu verfügen berechtigt war, zur Verwertung für

die vorliegende Arbeit.

_L. Loewenfeld._

Besonders »Geschlecht und Charakter«, das eine Lösung der Frauenfrage in

höherem Sinne darstellen sollte, hat allgemeines Aufsehen hervorgerufen;

es hat eine Reihe von begeisterten Lobrednern gefunden; auch an lebhaftem

und energischem Widerspruche hat es nicht gefehlt.

~Strindberg~ begrüsste z. B. das Buch mit den Worten: »Ein furchtbares

Buch, das aber wahrscheinlich das schwerste aller Probleme gelöst hat«

und ruft aus: »Ich buchstabierte, aber ~Weininger~ setzte

zusammen. Voilà un homme!«

Diesem ersten Werke wird »unheimliche Geschlossenheit und funkelnder

Geist« nachgerühmt; die Resultate desselben wurden »betäubend,

niederschmetternd« genannt. Die »Letzten Dinge« bezeichnete ~Nordhausen~

als das »köstliche Testament des dreiundzwanzigjährigen Grossen« und

behauptete »reicher an Anregungen, an Blitzlichtern und kostbaren

Goldfunden ist kein Buch unserer Tage.«

In Wien selbst, der Zentrale der modernen Dekadenz, der Vaterstadt des

»Philosophen«, scheint ~Weininger~ sogar eine Art von religiöser Gemeinde

zu besitzen. Die Vorrede, die sein Freund ~Rappaport~ zu den »Letzten

Dingen« geschrieben hat, enthält folgende Stelle: »Es sei hier erwähnt,

dass zur Zeit seines Leichenbegängnisses eine nur in Wien sichtbare

partielle Mondfinsternis stattfand, die genau in dem Moment endigte, als

sein Leib in die Erde gesenkt wurde.« Nur beim Tode Christi und angeblich

auch beim Begräbnis des Philosophen ~Karneades~ haben sich ähnliche

Vorgänge in der Natur gezeigt, Äusserungen übernatürlicher Wesen, die auf

diese Weise die göttliche Anteilnahme dokumentieren. Die Geschichte mit

der weissen Wolke beim Begräbnis ~Kants~, die ~Rappaport~ dabei anführt,

ist nichts wie eine pietätvolle Auslegung eines sehr gewöhnlichen

Vorkommnisses; sie kann nur von einem Mystiker ernst genommen werden.

Immerhin wird ~Weininger~ auch mit ~Kant~ dadurch in Parallele gebracht.

Es wird also dem nicht gut ergehen, der es wagen wird, diesem Heiland die

von seinen Jüngern verlangte Ehrfurcht zu versagen, wie es bereits

~Moebius~ erfahren hat, dem gegenüber sich ~Weiningers~ Freunde gar nicht

wegwerfend genug aussprechen können. Ich masse auch mir nicht an mit

meinen Auseinandersetzungen sowohl auf jene als auch auf die weitere

grosse Masse der Kritikunfähigen einen Einfluss auszuüben, auf jene

Menge, die ~Weiningers~ Gedanken anstaunt und zum mindesten mit einer

gewissen scheuen Hochachtung von dem grossen Manne redet. Auch haben die

wenig zahlreichen Vernünftigen sich bereits ihre Meinung gebildet. (Am

besten hat sich Dr. ~Hirth~ in der Jugend ausgesprochen; sehr gut ist

auch eine Kritik in der »Beilage zur allgemeinen Zeitung« (Nr. 292, 1903)

von Dr. ~Schneider~), der zu dem Urteil kam, »dass ein nicht ganz

normales Fühlen in sexueller und vielleicht auch in mancher sonstigen

Hinsicht im Verfasser zum mindesten mit hoher Wahrscheinlichkeit

angenommen werden darf.« Was ich im folgenden bieten will, soll lediglich

eine psychiatrische Studie sein; denn ich halte ~Weininger~ und seine

Bücher für eine hochinteressante Erscheinung, der in den Annalen der

Psychiatrie wohl ein dauernder Platz eingeräumt werden wird. Leider bin

ich nicht in der Lage, aus dem mir von dem Herrn Herausgeber in

liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellten anamnestischen Material

genügende Daten zur Beantwortung der Frage erblicher Belastung zu

entnehmen, so dass eine bedauerliche Lücke bleibt, die auszufüllen einer

späteren Zeit obliegen wird. Die anamnestischen Angaben stammen

grossenteils vom Vater ~Weiningers~, der sie in bereitwilligster und

zuvorkommendster Weise gab, ferner von Wiener Bekannten und aus der

Biographie ~Weiningers~ von ~Rappaport~. Letztere habe ich mit einer

gewissen Vorsicht benutzt, da sie selbst einen exquisit pathologischen

Charakter trägt; ich habe ihr das entnommen, was untrüglich mit den

eigenen Äusserungen und dem Bilde ~Weiningers~ zusammenstimmt und das ist

viel, viel mehr, als der Vater ~Weiningers~ glauben will. Dieser hält

seinen Sohn für ein »Phänomen«, ein Genie einzigster Art und bestreitet

die Angaben ~Rappaports~ aufs heftigste; er wird auch mit meinen

Deduktionen nicht einverstanden sein, da sie ihm Schmerz verursachen

müssen. Ich bedauere das tief, denn ich schätze ihn persönlich sehr. Er

wünschte eine psychiatrische Betrachtung, weil er überzeugt war, dass

kein Nervenarzt im stande sein werde, eine geistige Störung bei seinem

Sohne nachzuweisen. Da das Gegenteil der Erwartung folgt, so wird

natürlich das psychiatrische Urteil verächtlich behandelt und mir das

Recht abgesprochen werden, in so hohen und erhabenen Dingen überhaupt

mitzusprechen. »In tyrannos« sagt ~Jentsch~ in solchem Falle. So heisst

es von ~Moebius~ (~v. Appel~, Neue Bahnen 1904. IV. 214), es sei

psychologisch ja sehr begreiflich, dass der Leipziger Materialist

Vogtscher Färbung den Dualisten ~Weininger~ nicht verstehen könnte, und

er wird zum »ideellen latenten Sadisten« gestempelt. Da man mir, wollte

ich mit philosophischem Wissen kritisch auftreten, als Psychiater doch

sofort entgegenhalten würde, dass ich eo ipso nichts von philosophischem

Denken verstünde, so will ich in meinen Auseinandersetzungen versuchen,

möglichst »hausbacken«, möglichst klar und einfach zu sein; man kann

nämlich die Ideen, die speziell ~Weiningers~ Eigenes sind, viel klarer

sehen, wenn man das »philosophische Mäntelchen« weglässt, das er ihnen

umgehängt hat. Auch habe ich es für gut gehalten, möglichst viele Stellen

aus den Büchern ~Weiningers~ wörtlich wiederzugeben, wie ja auch die

Krankenjournale die besten sind, in denen sich die Aussprüche der Kranken

nach Stenogrammen wörtlich verzeichnet finden.

Die Anamnese.

~Otto Weininger~ ist am 3. IV. 1880 als das zweite Kind eines

Kunsthandwerkers zu Wien geboren. Der Vater ist ein auffallend begabter,

gebildeter und vielseitiger Mann, der nach seiner Angabe sich mehr mit

seinen Kindern beschäftigte, als gewöhnlich vorzukommen pflegt. Er giebt

an, dass sich in ~Weiningers Ascendenz~ keine Fälle geistiger Störung

befunden hätten, soweit er zurückdenken könne. Das ist natürlich cum

grano salis zu nehmen. Nichts ist unzuverlässiger als eine

Hereditätsanamnese, selbst die im besten Glauben von Laienseite gemachte;

als Jude hat ~Weininger~ jedenfalls das eine voraus, dass er einem Stamme

angehört, der nach ~Charcot~ »das Vorrecht zu besitzen scheint, alles was

man sich von Neuropathien vorstellen kann, in höchster Ausbildung zu

zeigen.«

Die lebenden Geschwister ~Weiningers~, es sind vier, sollen geistig und

körperlich gesund sein; zwei starben an Diphtherie resp.

Blinddarmentzündung. ~Weininger~ kam ohne Kunsthilfe nach normal

verlaufener Schwangerschaft zur Welt. Der Vater giebt an, die körperliche

Entwickelung sei eine vollständig normale gewesen; »man konnte ihn eher

zu den kräftigeren Kindern zählen. Mit vierzehn Monaten sprach er in

höchster Deutlichkeit sein Deutsch, wozu er allerdings im Hause gut

angehalten wurde. Er zeichnete sich bald durch geistige Frühreife aus,

aber nicht im Sinne der Altklugheit.« »Mit fünfzehn Monaten ging er

sicher allein fest auf den Beinen. In der Volksschule machte er sich den

Lehrern oft unangenehm durch einen seinem Alter weit vorauseilenden

Wissensdrang und sogar schon durch Bethätigung desselben auf Gebieten,

die ihm fernab hätten liegen sollen; auch übte er zuweilen Kritik an den

Äusserungen seiner Lehrer. Er erhielt gute Noten, meist sehr gut; nur in

der Sittennote war er selten der erste, weil er sich in den

Unterrichtsgegenständen der Disziplin nicht fügen und seinen eigenen Weg

gehen wollte.« In den Jahren 1890-1898 besuchte er das Gymnasium. Auch

hier war er stets einer der Besten, in Sprachen stets der Beste, ebenso

in Geschichte, Litteratur, Logik und Philosophie. »Und doch machte er

sich fast sämtlichen Lehrpersonen missliebig; es gab sogar zwei- bis

dreimal heftige Auftritte in der Schule. Er machte die Arbeiten stets wie

er, selten wie die Lehrer wollten, kümmerte sich manchmal nicht um den

Unterricht, sondern ignorierte ihn und beschäftigte sich mit seinen

Büchern, schrieb auch in der Klasse, was gar nicht im Zusammenhang mit

dem Gegenstand des Unterrichtes war.« Zum Verdrusse des Vaters bewies der

junge Gymnasiast ferner »eine gewisse Geringschätzung für die geistige

und wissenschaftliche Kapazität einiger seiner Professoren und das

brachte ihm schlechte Sittennoten ein, wiewohl er eigentlich

»Sittenloses« sich nie weder in der Schule noch später zu schulden kommen

liess. In Französisch, Englisch und Spanisch wusste er enorm viel.« Diese

drei Sprachen erlernte ~Weininger~ bei seinem Vater. Er überraschte

diesen durch die ungeheuere Leichtigkeit seiner Auffassung und durch sein

erstaunliches Gedächtnis, obwohl der Vater ausdrücklich von sich bemerkt,

dass er für ziemlich streng und anspruchsvoll gelte. Für

Naturwissenschaft und Mathematik hatte ~Weininger~ in seinen

Gymnasialjahren wenig Interesse, daher auch weniger gute Noten; erst in

den Universitätsjahren erwachte auch für diese Gegenstände grosse Neigung

in ihm.

Im Oktober 1898, in einem Alter von 18-1/2 Jahren, bezog er die

Universität Wien; er war ausschliesslich in Wien immatrikuliert.

Als Kind und Knabe soll ~Weininger~ keine Abweichungen in seinem

Verhalten von dem seiner Altersgenossen gezeigt haben. »Sein Verhalten

gegen die Mitschüler wich nicht sonderlich von der allgemeinen

Gepflogenheit ab. Mit zweien oder dreien pflegte er in der Klasse

intimeren Verkehr zum Gedankenaustausch und diese waren auch seine

Freunde. Er nahm als Knabe in ganz normaler Weise an den Spielen seiner

Kameraden teil. Nur mit seinen Büchern isolierte er sich gern. Aber er

verschmähte in der Schule und besonders im Untergymnasium nie die

Teilnahme am Spiel. Im Obergymnasium allerdings wurde das seltener. Bis

zu seinem 21. Lebensjahre betrug er sich gegen seinen Vater und seine

Geschwister nicht abweichend von anderen Kindern und jungen Menschen

seines Alters; doch machte er Unterschiede und fühlte sich mehr angezogen

von den strengen, verlässlichen Charakteren seiner Geschwister und

abgestossen von den schwächlichen Charakteren unter ihnen.«

Den Verhältnissen seines Vaters, der, wenn auch gut situiert, doch nicht

über Reichtümer verfügte, trug der Sohn stets Rechnung; der Vater

erzählt, dass er mit Ausnahme seiner Ausgaben für Bücher sehr sparsam

gewesen sei. Dem Vater scheint er schwärmerisch zugethan gewesen zu sein.

»Ich vernichtete aus seinen letzten Schriften ein Blatt,« schreibt der

Vater, »das zu meiner Verherrlichung dienen sollte.« Nach

~Schopenhauer~schem Vorbild. Schade, dass es vernichtet ist. Grosse

Verehrung soll ~Weininger~ auch für seine älteste Schwester gehegt haben;

erst während der letzten zehn Monate seines Lebens sei eine Abkehr auch

von ihr eingetreten. Der Vater schiebt dieselbe auf äussere, fremde

Einflüsse; sie wird sich aber wohl folgerichtig erklären aus der

geistigen Verfassung ~Weiningers~, wie später gezeigt werden soll.

Im Sommer 1900 äusserte ~Weininger~ seinem Vater gegenüber, dass er zum

Christentum übertreten wolle. Der Vater war damals absolut nicht damit

einverstanden. »Damals war von christlichem Sinn bei meinem Sohn keine

Rede und ich hielt dafür, dass er aus materiellen Interessen Konvertit

werden wollte,« sagt der Vater und fährt fort: »hätte ich damals Spuren

der herrlichen Wandlung (!) entdeckt, die er später durchmachte, ich wäre

dem Gedanken ganz versöhnlich gegenübergestanden, wie es thatsächlich der

Fall war, als ich im Sommer 1902 den Religionswechsel erfuhr, also

fünfzehn Monate vor seinem Tode, und nie liebten wir einander mehr als

diese fünfzehn Monate.« Am 21. VII. 02, dem Tage seiner Promotion, war

~Weininger~ nämlich zum Protestantismus übergetreten. Der Vater erfuhr

den Übertritt nachträglich. Im September 1901 bereits hatte ~Weininger~

das elterliche Haus verlassen und in der Stadt ein Zimmer für sich

bezogen; er kam von da ab nur zwei- bis dreimal wöchentlich zu den

Mahlzeiten nach Hause. Die »herrliche Wandlung« hatte sich also nicht so

eigentlich unter den Augen des Vaters abgespielt und sind die Angaben

desselben über die letzten zwei Lebensjahre seines Sohnes zwar in gutem

Glauben gemacht, aber deutlich einer bestimmten Absicht unterworfen und

hypothetisch. Der Vater hält Dinge in den beiden letzten Jahren für

unmöglich, nur weil er in den vorhergegangenen keine ähnlichen

Wahrnehmungen gemacht hatte.

Für geselligen Verkehr scheint der Student ~Weininger~ keinen Sinn gehabt

zu haben; der Vater berichtet darüber: »Etwa ein Jahr, vom 20.-21. Jahre,

verschmähte er auch nicht, einen Abend bei einem oder zwei Glas Bier im

Gasthaus mit Freunden zuzubringen, begleitete sogar drei- oder viermal

Mutter oder Schwester (weil ich für derlei Dinge nicht zu haben war) zu

Tanzkränzchen. Er schämte sich dessen später und als ich ihm einige Tage

vor seinem Tode eine stilistisch verbesserungsbedürftige Stelle in seinem

Werke bezeichnete, sagte er: »Du hast Recht, Vater; ich schrieb dies, als

ich tief stand,« mit direktem Hinweis auf jene Epoche.

Über das sexuelle Leben seines Sohnes versucht der Vater ebenfalls nach

Möglichkeit Aufschluss zu geben; man muss sich aber hier vor Augen

halten, dass ~Weininger~ zwei Jahre fern vom Vater lebte und dass es

überhaupt wohl wenig Väter geben wird, die von ihren jungen Söhnen zu

Vertrauten des sexuellen Empfindens derselben gemacht werden. Der Vater

will keinerlei sexuelle Abnormität am Sohne wahrgenommen haben; er sagt:

»Ich schreibe, was er mir selbst diesbezüglich sagte und zu einer Zeit,

wo er schon von ausserordentlicher Wahrheitsliebe durchdrungen war (!).«

Er glaubt, dass sein Sohn erst sehr spät, etwa mit zwanzig Jahren, in

geschlechtlichen Verkehr mit Frauen getreten und dabei sehr mässig

geblieben sei; auch ist dem Vater nicht bekannt, dass der Sohn je in ein

Mädchen verliebt gewesen sei. »Er verkehrte gewiss mit sehr wenigen

weiblichen Wesen.« Als ihm der Vater einmal einwandte, wie er bei so

geringer Erfahrung zu so vernichtendem Urteil über die Frau habe gelangen

können, antwortete der Sohn, es sei ein grosser Irrtum, von der Erfahrung

die richtige Erkenntnis zu erwarten. Ich möchte nach dem Inhalt der Werke

und den Worten seines Freundes eher glauben, dass ~Weininger~ von Hause

aus stark erotisch veranlagt war. Davon später.

~Weininger~ war »früher gegen Untergebene stets sanft, z. B. gegen

Dienstboten und Menschen von niederer Lebensstellung; gegen Autoritäten

aber zuweilen aufbrausend und zornig.« Hartherzigkeit und Geiz seien ihm

fremd gewesen. Sehr interessant ist die Angabe des Vaters, dass

~Weininger~ die letzten zwei Jahre seines Lebens »von einer rührenden

Demut gegen alle« gewesen sei. »Ich hiess ihn innerlich einen Heiligen;

doch war er gewiss sehr stolz auf seine Fähigkeiten, wie er überhaupt nie

gelten liess, dass grosse Menschen, die Grosses geleistet hätten,

bescheiden gewesen wären, höchstens nach aussen hin seien sie es

gewesen.« Mit dieser Wandlung zur Demut mag wohl die Angabe ~Rappaports~

im Zusammenhang stehen, dass ~Weininger~ keinem Bettler eine Gabe

reichte, ohne den Hut zu ziehen und über keine Wiese ging, um keinen

Lebenskeim zu zerstören; der Vater bestreitet übrigens die Richtigkeit

dieser Angaben; vor den Lebenskeimen hat ja ~Weininger~ thatsächlich in

seinen Werken keinerlei Respekt gezeigt; aber es ist wohl möglich, dass

er einmal in irgend einem Gefühlsüberschwang Derartiges that.

Über die Stimmungen seines Sohnes berichtet der Vater: »Bei aller Tiefe

seines Denkens war er bis zum vollendeten 21. Lebensjahre eher heiter als

trübselig und nur beim Studium und Musikgenuss von grossem Ernst. Erst

knapp ein Jahr vor seinem Tode verdüsterte sich sein Gemüt, aber auch

nicht gerade besorgniserregend, mit Ausnahme einer kurzen Zeit im

November 1902, also elf Monate vor seinem Tode, zu der ich allerdings

besorgt war; es ging aber vorüber und wurde wieder viel besser, so dass

ich gleichen Verlauf für jene zweite Krise erwartete.« Leider enthält

sich der Vater jeder Angabe über die Vorstellungen, die den Sohn während

seiner melancholischen Verstimmung beschäftigten. ~Rappaport~, wie ich

gleich hier einschieben will, giebt an, dass ~Weininger~ schon im Herbst

1902 vor der Ausarbeitung von »Geschlecht und Charakter« sich eine

Zeitlang mit Selbstmordgedanken getragen habe, und dass das Unglück

damals nur durch Zureden seiner Freunde verhindert worden sei. Diese

Angabe deckt sich so mit der des Vaters, dass wohl auch die anderen

bestrittenen Mitteilungen nicht aus der Luft gegriffen sind.

Im Juni 1903 gab ~Weininger~ seine eigene Wohnung auf, brachte sechs

Wochen mit seiner Familie in Brunn bei Mödling zu und reiste Ende Juli

nach Italien, wo er bis Ende September blieb. Anscheinend war bei Beginn

der Reise schon wieder eine Depression im Anzuge; bei seiner Rückkehr am

29. IX. 03 nach Wien war er in düsterster Stimmung. Er verblieb zunächst

fünf Tage im Hause des Vaters, das er am Abend des 3. X. verliess, um

sich in Beethovens Sterbehaus ein Zimmer zu nehmen, in dem er dann seinem

Leben ein Ende machte.

»In diesen fünf Tagen«, berichtet der Vater, »war seine Stimmung eine

ausserordentlich gedrückte, aber nicht sehr abweichend von der vor elf

Monaten an ihm beobachteten. Meine Frage, ob er körperlich litte,

verneinte er entschieden und ich halte es für lautere Wahrheit. Ich

fragte, ob er irgend eine Seelenpein durch äussere Vorgänge erdulde,

etwa durch eine Beziehung zu irgend einem weiblichen Wesen; er verneinte

und ich zweifle keinen Augenblick an der Wahrheit seiner Äusserung.«

Von seinem Werke »Geschlecht und Charakter« habe ~Weininger~ dem Vater

gegenüber wenig gesprochen; hie und da habe er wohl dessen Ansicht über

die eine oder andere Lebensfrage eingeholt. Vollständig lernte der Vater

das Buch erst kennen, als es zur Drucklegung kam und der Sohn ihn bat,

ihm »hie und da stilistische Wendungen, die dem Vater missfielen,

kundzugeben zur Ausbesserung.« Der erste Teil des Buches hatte als

Promotionsschrift gedient; von etwa Ende November 1902 bis Anfang Juli

1903 wurde dann das eigentliche Buch ausgearbeitet. Nach Angabe des

Vaters hat ~Weininger~ an dem Werk etwa 18 Monate (den ersten Teil

wahrscheinlich inbegriffen) »aber mit geradezu furchtbarem Fleisse«

gearbeitet. Er habe ordentliche Mahlzeiten sicher nur zwei- bis dreimal

wöchentlich, wenn er eben zu hause ass, gehalten; sonst habe er nur das

Notwendigste zu sich genommen. Er habe oft die Einnahme des Nachtessens

vergessen; es sei am Morgen häufig unberührt vorgefunden worden. Über

Kritiken seines Werkes habe er sich gar nicht alteriert; »er belächelte

und missachtete sie. Nur die Beschuldigung von ~Moebius~ ärgerte ihn«.

~Moebius~ hatte nämlich in einer Besprechung des ~Weininger~schen Buches

(in »~Schmidts~ Jahrbüchern für die gesamte Medizin«. Augustheft 1903)

den jungen Autor tief gekränkt, indem er nachzuweisen suchte, dass alles

Tatsächliche bereits in seinem »physiologischen Schwachsinn des Weibes«

und anderen seiner Schriften enthalten sei und dass das ~Weininger~sche

Buch ihm wie eine groteske Verzerrung seiner eigenen Äusserungen

erscheine; sogar der Titel sei einer Titelreihe von ihm nachgemacht. Und

~Weininger~ hatte doch ausdrücklich gegen eine Verwechslung seiner

Ausführungen mit den »hausbackenen« von ~Moebius~ von vornherein

protestiert! Es kränkte ihn um so mehr, als selbstverständlich das 1901

erschienene Werkchen von ~Moebius~ grossen Einfluss auf ihn gehabt hatte.

Unterm 17. VIII. 03 schrieb ~Weininger~ aus Syrakus an ~Moebius~ einen

»langen, etwas formlosen Brief« des Inhaltes, ~Moebius~ müsse entweder

beweisen, was er gesagt, oder öffentlich widerrufen; er gebe ihm drei

Wochen Bedenkzeit, dann werde er ihn wegen böswilliger Verleumdung

gerichtlich belangen. ~Moebius~ nahm den »hingeworfenen Handschuh«, wie

sich ~Weininger~ ausdrückte, in seiner Broschüre »Geschlecht und

Unbescheidenheit«[2] auf, die aber sein Gegner nicht mehr erlebte.

[2] Halle. Bei ~Marhold~ 1904. Zuerst im Druck erschienen November

1903, dann auf die Nachricht vom Tode ~Weiningers~ von ~Moebius~

selbst unterdrückt und erst später doch herausgegeben in der

richtigen Erwägung, dass es nun erst recht nötig sei, das schlechte

Buch zu bekämpfen. Es ist sehr komisch, zu sehen, wie auf Grund

dieser Broschüre die »Freunde« über ~Moebius~ herziehen, während

doch aus dem Schriftchen unverkennbar hervorgeht, dass dieser sogar

ein gewisses Faible für ~Weininger~ hatte.

In einem Nachtrage berichtet der Vater noch zwei sehr bezeichnende

Episoden. »Ein Wiener Literat und scharfer Denker schrieb ihm (dem Sohn)

von enthusiastischer Huldigung für das geniale Werk und da ich nicht

durch meinen Sohn, sondern durch Zufall davon erfuhr und es ihm vorhielt,

murmelte er vor sich hin: »Ich habe ein Buch für die Jahrtausende

geschrieben, werde aber noch nicht verstanden«. Das sagte er alles in

stiller Demut (!), trotz des ungeheuren Selbstgefühles, welches aus den

Worten spricht. Im Sommer, vor seiner Abreise nach Italien, sagte er mir

auch, es sei geradezu ausgeschlossen, dass ein Weib sein Buch je

verstünde.« Auf diese beiden Äusserungen können sich ja seine Freunde

berufen; sie sind treffliche Beweismittel.

Körperlich habe ~Weininger~ nichts Auffallendes gezeigt; er sei immer

gesund gewesen, habe besonders einen vorzüglichen Schlaf und gute

Verdauung gehabt. Der Biograph ~Rappaport~ erzählt von epileptischen

Anfällen ~Weiningers~; er will selbst solche Anfälle bei ~Weininger~ mit

angesehen haben; ich komme bald darauf zurück. Der Vater stellt alles,

was mit Epilepsie zusammenhängen könnte, bei seinem Sohn in Abrede; er

legt auch ein hausärztliches Zeugnis vor, dass dem Arzt der Familie

nichts von solchen Anfällen bei ~Weininger~ bekannt sei. Er ist der

Ansicht, dass der Kreis von Freunden die Epilepsie konstruiert habe, weil

Epilepsie und Genie zusammengehörten; auch waren ja nach ~Weiningers~

Ansicht alle Religionsstifter, sogar Luther, Epileptiker. Der Vater

schreibt: »Otto sagte z. B. zu mir und einigen Freunden, ich glaube gar,

ich werde ein Epileptiker. Auf meine erstaunte Frage kam heraus, er

bekäme des Nachts meist knapp vor dem Einschlafen einen Wurf, einen

Schmiss, eine Sache, die jeder auch nur ein bischen Nervöse unzähligemal

erfährt.« Nicht einmal die Symptome seien vorhanden gewesen, die

Epilepsie »vortäuschen«.

Als die Ursache des Selbstmordes sieht der Vater vor allem falschen Stolz

an; ~Weininger~ habe nach Wiener Kaffeehausmanier Selbstmordgedanken

geäussert, von seinen Freunden Abschied genommen und dann den lediglich

unüberlegten, mehr renommistischen, induzierten Äusserungen die That

folgen lassen, weil er sich geschämt habe, sich wieder den Freunden zu

zeigen; der Mangel an Familiensinn, den ~Weininger~ gehabt habe, habe das

Seinige beigetragen. Damit geschieht aber thatsächlich dem Unglücklichen

meiner Ansicht nach Unrecht.

Soweit die Angaben des Vaters; sie lassen deutlich erkennen, dass er über

die letzten beiden Jahre seines Sohnes nur wenig weiss. Hier sind die

Angaben ~Rappaports~ von grossem Werte. Der Vater bestreitet, wie

gesagt, ihre Richtigkeit, aber lediglich, weil er über mehr Kritik

verfügend das Krankhafte erkennt, das diese Schilderungen überall klar

zeigen, was nach der väterlichen Anschauung aber falsch sein muss, weil

der Sohn nur ein Genie, kein Geisteskranker gewesen sein kann. Deshalb

macht er auch dem Biographen den Vorwurf, dass dieser durch die

Veröffentlichung des Nachlasses und sein Vorwort den Leuten in die Hände

gearbeitet habe, die alles Geniale für irrsinnig erklärten. Der Vorwurf

ist ungerecht. Es soll sich doch um Feststellung der Wahrheit handeln;

und dazu sind gerade die Niederschriften ~Weiningers~ aus seiner letzten

Epoche, auch wenn es sich nur um »Keime für spätere Ausarbeitung«

handelte, äusserst wichtig, wie sich zeigen wird. ~Rappaport~ berichtet

über ~Weininger~: »Von sehr grosser, hagerer Statur, ohne besondere

Muskelkraft, besass er doch eine äusserst zähe Gesundheit. Seine Nerven

überwandten alle Anstrengungen, wenn er auch viel Nervöses in seinem

Wesen hatte, wenn er auch ein tiefes Verständnis für die Neurasthenie (!)

besass. Neurasthenisch war er nicht; auch zum Irrsinn war keine

ausgesprochene Disposition vorhanden. Nur (!) unter schweren Herzkrämpfen

und unter epileptischen Anfällen hatte er öfters zu leiden; die ersteren

stellten sich immer nach grossen psychischen Anstrengungen ein.« Aus

dieser recht konfusen Darlegung kann man leider sehr wenig Objektives

entnehmen. Über die Art der Anfälle (Zahl, Vorläufer, Verlauf derselben)

müsste sich ~Rappaport~ wohl noch etwas genauer äussern; auch verschweigt

er ganz, wann solche Anfälle zum ersten Male in Erscheinung traten;

dieselben müssten sich doch wohl erst entwickelt haben, nachdem

~Weininger~ das elterliche Haus verlassen?

Mit Bewunderung spricht ~Rappaport~ von der kolossalen Arbeitskraft, den

umfassenden Kenntnissen und Interessen seines Freundes; in einer Fussnote

der ersten Seite schreibt er sogar mit komischer Wichtigkeit: »Er

(~Weininger~) hat auch einmal ein Gehirn seziert!«

~Weininger~ war anfangs ein begeisterter Anhänger des Empiriokritizismus

von ~Avenarius~. »Den Gottesbegriff lehnte er mit Entschiedenheit ab.

Aber das änderte sich bald.« Der totale Umschwung sei durch ethische

Probleme herbeigeführt worden, die ~Weininger~ zum Anhänger ~Kants~

machten und »im Laufe zweier Jahre die Metamorphose zum vollen Mystiker

vollzogen« (~Jodl~).

Sehr interessant ist, was ~Rappaport~ über das Verhältnis ~Weiningers~

zur Musik berichtet; das ist so charakteristisch, dass es gar nicht

erfunden, nicht einmal entstellt sein kann. ~Weininger~ fühlte bei jeder

einzelnen Melodie ein psychisches Phänomen, eine landschaftliche

Stimmung, welche eindeutig und bestimmt dieser Melodie zugeordnet schien,

so dass er von einem Motiv des Herzschlages, von einem Motiv der

Willensstärke, von einer Melodie der Kälte im leeren Raum sprechen

konnte. Diese Visionen waren aber keineswegs auf Gefühle und Stimmungen

beschränkt; sie erhoben sich sehr oft zum Anblick der höchsten und

allgemeinsten Probleme ..... so empfand ~Weininger~ »in diesem Motiv den

spielenden Monismus, in jenem die resignierte Trennung vom Absoluten, in

einem dritten die Erbsünde u. s. w.« Die A-Dur-Melodie der ~Grieg~schen

Peer Gynt-Suite nannte ~Weininger~ »die grösste Luftverdünnung, die

jemals erreicht worden ist.«

Das fühle einmal Jemand nach.

Für ~Wagner~ hatte ~Weininger~ ursprünglich keine Zuneigung; es war dies

noch in der Avenariusperiode, vor der Umwandlung; er äusserte sich sogar

noch ziemlich geringschätzig über ~Wagner~. »Aber in der grossen

Umwandlung, die er etwa zwei Jahre vor seinem Tode mitmachte, änderte

sich auch das gewaltig.« ~Richard Wagner~ wurde nun für ~Weininger~ der

Künstler überhaupt; warum, werde ich noch zeigen. »Am allermeisten

schätzte er textlich den Parzifal«. Die ungeheuerste Wirkung übte nach

~Rappaport~ das Liebeswonne-Motiv auf ihn aus (»Du Wecker des Lebens,

siegendes Licht«); ~Weininger~ nannte es »die Resorption des Horizontes«.

Nach jener grossen Umwandlung seiner Persönlichkeit war ~Weininger~

allmählich auch zur Natur in ein anderes Verhältnis getreten; »alles

Sinnliche wurde ihm zum Symbol eines Geistigen«, »alles Sichtbare als das

Symbol einer ethischen und psychischen Realität aufgefasst«. »Sein erstes

Symbol-Erlebnis war die Vision vom Licht als dem Ausdruck der

Sittlichkeit; er schloss daraus, dass die Tiefseefauna die Inkarnation

von verbrecherischen Prinzipien sein müsse, da sie den Aufenthalt so

ferne vom Licht gewählt habe ..... Mit einer merkwürdigen Sicherheit (!)

wurden da Pferd und Hund, Cypresse und Veilchen, Fluss und See, Sonne und

Sterne als Symbole der Ethik erkannt ..... Es ist die alte Lehre vom

Menschen als dem Mikrokosmos, die hier wieder einmal fruchtbar geworden

ist.« Der Biograph weiss auch von einem sehr starken Reisebedürfnis

~Weiningers~ zu berichten.

Im persönlichen Umgang machte ~Weininger~, wie ich vernahm, vielen einen

unsympathischen Eindruck durch sein hastiges, nervöses Wesen und sein

über alle Massen grosses Selbstgefühl. ~Rappaport~ schreibt dazu:

»Gutmütig im gewöhnlichen Sinne, d. h. duldsam gegen alle jene gemeinen

Züge, die zum Lebensgenusse beitragen, ohne anderen Menschen direkt zu

schaden, war er nicht; damit dürfte es auch zusammenhängen, dass er

niemals >gemütlich< war.«

Von seinem ungemütlichen Selbstgefühl geben folgende Briefstellen vom

August 1902 (an ~Arthur Gerber~) Zeugnis: »Ich habe jetzt die

Überzeugung, dass ich zum Musiker geboren bin. Noch am ehesten

wenigstens. Ich habe heute eine spezifisch musikalische Phantasie an mir

entdeckt, die ich mir nie zugetraut hätte und die mich mit tiefem

Respekt erfüllt .... Nach vierzehnstündiger Seefahrt .. bin seefest! wie

ich von mir auch nicht anders erwartet hatte. Ich glaube, durch nichts

kann die Würde des Menschen so leiden, als durch die Seekrankheit.

Bezeichnend genug ist, dass die Frauen alle seekrank werden.«

Wenn man das Wesen ~Weiningers~ verstehen wolle, meint sein Interprete,

müsse man den Dualismus und seine Projektion auf die menschliche Psyche,

das Prinzip des Gegensatzes im Bewusstsein verstehen. Es werde kaum je

einen Menschen gegeben haben, bei dem der Dualismus in einem so

furchtbaren inneren Kampfe unablässig zum Ausdruck gekommen wäre wie bei

ihm. ~Weininger~ verstand unter Dualismus den ethischen Dualismus, dass

der Mensch zum Teil von Gott, zum Teil vom Staube stamme. Die »Lehre«

~Weiningers~ lässt sich nach ~Rappaport~ folgendermassen darstellen:

»Jeder Mensch enthält etwas vom Nichts, vom Chaos, vom Teufel, der für

~Weininger~ das personifizierte Nichts ist, und etwas vom All, vom

Kosmos, von der Gottheit ... Das Genie ist nicht eine Art von Irrsinn

oder Verbrechen, sondern deren vollkommene Überwindung, deren grösster

Gegensatz.« Da in ~Weininger~ diese Gegensätze äusserst intensiv

empfunden wurden, so musste er »einen Kampf bestehen, der an Intensität,

an unablässiger höchster Gefahr vielleicht nicht seinesgleichen hatte«!!

~Weininger~ habe einmal gesagt, wenn er siege, so werde das der grösste

Sieg sein, den jemals ein Mensch errungen. Diese Äusserung ist unbedingt

echt; sie deckt sich mit allem, was aus den schriftlichen Äusserungen

~Weiningers~ hervorgeht.

Zur grossen Umwandlung gehörte auch geschlechtliche Enthaltsamkeit. Ein

Hauptteil der »Lehre« war nämlich, dass das Weib eine Verkörperung des

Nichts und der Koitus das Sündhafteste überhaupt sei. Während ~Weininger~

von Hause aus »sehr erotisch und sehr sinnlich veranlagt war, lebte er

doch in der letzten Zeit vollkommen keusch«.

Wie bereits erwähnt, hatte ~Weininger~ vor der Verwandlung den

Gottesbegriff negiert; später aber war er »fest überzeugt davon, dass die

Person und die Motive Jesu Christi noch niemand so verstanden habe wie

er. Der Gedanke der universellen Verantwortlichkeit: alles Böse der Welt

als eigene Schuld empfinden, ging ihm ausserordentlich nahe.« Nach

~Rappaport~ war ~Weininger~ als dualistisch empfindende Persönlichkeit

zugleich Verbrecher und Heiliger; ~Weininger~ selbst hat in seinen

Schriften der Überzeugung Ausdruck gegeben, dass der Religionsstifter,

der Heiligste, der Höhepunkt des Genies sei, weil er das grösste zu

überwinden habe. Als in ~Weininger~ das Böse die Übermacht zu erlangen

schien -- in den Tagen der Depression --, da beging er den Selbstmord, in

einem »Akt des höchsten Heroismus«, »um nicht dem Bösen zu verfallen, um

nicht einen anderen töten zu müssen«. Seine verzweifelte Stimmung trieb

ihn auf Reisen. Sehr charakteristisch sind die Briefe, die er an seine

Freunde schrieb und aus denen ich folgende Stellen anführen will (aus der

Zeit vom VIII.-IX. 1903): »Auf dem Ätna hat mir am meisten die imposante

Schamlosigkeit des Kraters zu denken gegeben; ein Krater erinnert an den

Hintern des Mandrill .. Zur Beschäftigung mit ~Beethoven~ rate ich Dir

nur sehr; er ist das absolute Gegenteil ~Shakespeares~ und ~Shakespeare~

oder die ~Shakespeare~-Ähnlichkeit ist etwas, worüber jeder Grössere

hinauskommen muss und hinauskommt ... Die Ruinen des alten griechischen

Theaters (in Syrakus), jene Stätte, wo der Sonnenuntergang unter allen

Punkten, die ich kenne, am ehesten zu ertragen ist ... Sind die

Pferdebremse und der Floh und die Wanze auch von Gott geschaffen? Das

will und kann man nicht annehmen. Sie sind das Symbol von etwas wovon

Gott sich abgekehrt hat ... aber wenn das Stinktier und der Schwefel

nicht von Gott geschaffen sind, so entfällt auch das prinzipielle

Bedenken beim Vogel und beim Baume: auch diese sind nur Symbole von

Menschlichem, Allzumenschlichem ... Gott kann in keinem Einzeldinge

stecken; denn Gott ist das Gute; und Gott schafft nur sich selbst und

nichts anderes ... Alle Krankheit ist hässlich; darin liegt, dass sie

Schuld sein muss ... Es steht viel schlimmer, als ich selbst vor zwei

Tagen dachte, beinahe hoffnungslos ...«

Der Vater ~Weiningers~ meint mit Recht, dass ein Einsichtiger auf Grund

dieser Briefe hätte ein »Alarmsignal« geben müssen. Als ~Weininger~ in

den letzten Septembertagen 1903 nach Wien zurückkehrte, war er wohl schon

zum Selbstmord entschlossen. In welchem Zustande sich der Ärmste befunden

haben mag, geht aus den kuriosen Worten seines Biographen hervor: »In der

letzten Zeit wirkten Durchblicke durch enge Öffnungen auf hellerleuchtete

Ferne am besten auf ihn.« Über die letzten Tage berichtet ~Rappaport~,

dass ~Weininger~ noch zwei ganze Nächte ununterbrochen an den »letzten

Aphorismen« geschrieben habe; seine Stimmung habe bereits die

herannahende Katastrophe verkündigt. »Völlige Dunkelheit brach über ihn

herein; ein abgründlicher Pessimismus, den er auch als Schuld empfand,

bemächtigte sich seiner.« »Alles was ich geschaffen habe, wird zugrunde

gehen müssen, weil es mit bösem Willen geschaffen wurde, vielleicht mit

Ausnahme davon, dass Gott oder das Gute in keinem Einzelgegenstand der

Natur enthalten ist ... Vielleicht ist alles verflucht, was je mit mir in

Berührung gekommen ist.« Ferner: »Meine Rückkehr nach Wien hätte eine

zweite Inkarnation sein sollen.« Am 3. X. 03 mietete ~Weininger~ dann,

wie schon erwähnt, ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus, verbrachte dort

die Nacht und tötete sich am Morgen des 4. X. 03 durch einen Schuss in

die Brust. ~Moebius'~ Worte, es werde ihm vielleicht noch einmal bei

seiner Gottähnlichkeit bange werden, hatten sich an ~Weininger~ in

tragischer Weise nur allzuschnell erfüllt.

Weder der Vater noch der Freund haben bei ~Weininger~ jemals

Halluzinationen wahrgenommen. Aus den schriftlichen Äusserungen

~Weiningers~ geht aber hervor, dass er z. B. schwarze Hunde mit

Feuerscheinen sah. In »Über die letzten Dinge« heisst es Seite 122: »Der

Hund hat eine merkwürdige Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund

Problem geworden, sass ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem

Zimmer des Münchener Gasthofes und dachte an verschiedenes und über

verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz

eigentümlichen Weise bellen und hatte im gleichen Moment das Gefühl, dass

gerade im Augenblick jemand sterbe. Monate nachher hörte ich in der

furchtbarsten Nacht meines Lebens, da ich ohne krank zu sein,

buchstäblich mit dem Tode rang, gerade als ich zu unterliegen dachte,

einen Hund in ähnlicher Weise bellen wie damals in München; dieser Hund

bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen anders. Ich bemerkte,

dass ich in diesem Moment mit den Zähnen mich ins Leintuch festbiss eben

wie ein Sterbender ... Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich

mehrfach die Vision, die ~Goethe~, nach dem Faust zu schliessen, gehabt

haben muss: einigemal, wenn ich einen schwarzen Hund sah, schien mir ein

Feuerschein ihn zu begleiten. Die Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen

und Gedanken war so gross, dass ich mich an den Faust erinnerte, jene

Stellen hervorsuchte und nun zum erstenmal, vielleicht als erster

überhaupt, ganz verstand«.

Zum Schlusse der Anamnese will ich noch die Angaben zweier Wiener

Gewährsmänner bringen, die absolut einwandsfrei und zuverlässig sind.

~Weininger~ promovierte mit dem ersten Teil von »Geschlecht und

Charakter«, der bei weitem kleineren und relativ nüchternen Hälfte des

Buches. In der Vorrede zu dem fertigen Werke bedankt sich ~Weininger~ bei

den Professoren ~Jodl~ und ~Müllner~ für das freundliche Interesse, das

sie an seinen Arbeiten genommen. Nun hatte aber ~Weininger~ beinahe ein

ganzes Jahr nach seiner Promotion an dem allein den Professoren

vorgelegenen ersten Teil weiter gearbeitet und keiner von beiden hatte

das Manuskript in seiner letzten Gestalt gesehen. Ein Wiener Neurologe

beschrieb die äussere Erscheinung ~Weiningers~ wie folgt: »Ein schlank

gewachsener Jüngling mit ernsthaften Gesichtszügen, einem etwas

verschleierten Blick, fast schön zu nennen; ich konnte mich auch des

Eindruckes, eine ans Geniale streifende Persönlichkeit vor mir zu haben,

nicht erwehren.«

Die Werke.

Die beiden Bücher, die die absolut sichere und hauptsächliche Grundlage

der Beurteilung von ~Weiningers~ Geisteszustand bilden, sind »Geschlecht

und Charakter« und »Über die letzten Dinge«. Das erstere besteht aus zwei

Teilen, einem kleinen, einleitenden, der Anfang 1902 entstanden ist und

als Dissertationsschrift diente, und einem zweiten grossen Teil, der im

Herbst 1902 nach Ablauf der ersten Depression begonnen wurde. Ȇber die

letzten Dinge« enthält eine Reihe von Aufsätzen und Fragmenten, die nach

~Weiningers~ Tode nach dessen testamentarischer Anordnung von seinem

Freunde ~Moriz Rappaport~ herausgegeben worden sind. Ausser einigen

wenigen Stücken wurde der Inhalt des Buches während der italienischen

Reise ausgearbeitet. Ich will im folgenden den Inhalt besonders des

ersten Werkes systematisch besprechen und lasse, da er als eine Art

Exploration gelten soll, ~Weininger~ soviel als möglich in seinen eigenen

Worten seine Ideen vorbringen.

Schon der Untertitel des Hauptwerkes, »eine prinzipielle Untersuchung«

verrät die hohe Selbsteinschätzung des jungen Autors. Wie er selbst über

das Werk dachte, beweist seine Selbstanzeige in der »Zukunft« vom

22. VIII. 1903: »Ich glaube in diesem Buch das psychologische Problem des

Geschlechtsgegensatzes gelöst und eine abschliessende Antwort auf die

sogenannte Frauenfrage gegeben zu haben: eine völlig phrasenfreie, bis

zum letzten Ende menschlichen Wissens (!) geführte Erforschung des Wesens

der Frau und die Erhöhung der Streitfrage auf ein Niveau, auf dem die

bisherigen Erörterungen sich nicht bewegt haben.« Von Bescheidenheit wird

da wohl niemand etwas verspüren.

Der erste Teil, betitelt »Die sexuelle Mannigfaltigkeit«, umfasst nur

knapp 93 Seiten des ohne Anmerkungen 461 Seiten dicken Buches; es ist aus

der Dissertation zu einer biologisch-psychologischen Einleitung geworden

zum zweiten Teil, den »sexuellen Typen.« Dieser erste Teil ist eine

Studentenarbeit voll Härten und Extremen, zusammengetragen wie die

allermeisten Dissertationen, aber sehr fleissig gearbeitet und grosses

Wissen zeigend; der Einfluss der kurz vorher erschienenen Arbeiten von

~Moebius~ ist hier ganz unverkennbar. Ich will mich hier nicht vertiefen

in die allgemein bekannten Fragen, zu denen ~Weininger~ mit grosser

Belesenheit Ansichten gesammelt und gesichtet hat z. B. wo die

Geschlechtlichkeit im Körper stecke; nicht darauf kommt es an, was an

Wissen, Ansichten und Schlüssen anderer in dem Buche mitläuft und manche

blendet, sondern auf die Schlüsse, die ~Weininger~ selbst zieht; wenn die

Schlussfolgerungen, die einer aus seinem Denken zieht, pathologische

sind, so hilft einem alles gesammelte Wissen des Autors darüber nicht

hinweg. Was herauskommt, wenn man das Eigene ~Weiningers~ herausschält,

will ich nun zeigen.

Es gibt nach ~Weininger~ eine Reihe bestimmter Eigenschaften, die rein

männlich sind; das sind alle die grossen, guten, mächtigen

Eigenschaften; sind diese vereinigt, so entsteht der ideale, allerdings

nur hypothetische Mann (absoluter M), der aus lauter + = Eigenschaften

besteht; leider giebt es diesen nicht, weil auch dem höchstpotenzierten

Manne immer etwas von Minuseigenschaften beigegeben ist; den

Pluseigenschaften steht nämlich eine Reihe gegenüber, die man mit

Minuseigenschaften bezeichnen könnte und deren reine Summe das absolute

Weib (W) wäre. Da es nach ~Weininger~ die beiden Idealpole nicht giebt,

so ist jeder Mensch aus männlichen und weiblichen Eigenschaften

zusammengesetzt, das Reich der sexuellen Zwischenstufen somit eigentlich

zur Norm erklärt. Je nach dem Überwiegen der M = oder W = Bestandteile

ist man, was man unter dem landläufigen Begriffe Mann und Weib versteht.

Jedes Individuum hat soviel W, als ihm M gebricht und sucht durch eine

Art geheimnisvoller Affinität nach mathematischen Grundsätzen das

Fehlende durch ein anderes Wesen zu ergänzen, so dass in der Vereinigung

die Summe von 1 M + 1 W entsteht. Die Entdeckung des grossen Gesetzes,

nach dem die Geschlechter sich anziehen, ist gefunden, verkündet

~Weininger~. Dass ~Schopenhauer~ schon dies alles kurz und vernünftig

ausgesprochen hat, that der Entdeckung keinen Eintrag; ~Schopenhauer~ hat

dieses grosse Gesetz nur »geahnt« und der Entdecker will diese Ahnung

~Schopenhauers~ erst zu Gesicht bekommen haben, als sein Buch fertig war.

Das ist natürlich, wenn nicht direkt erfunden, zum mindesten eine

Erinnerungstäuschung, wie ~Moebius~ ganz richtig annimmt; ~Weininger~

hatte eben eine Menge zusammen gelesen und wusste im besten Fall nicht

mehr, ob Erinnerung oder eigener Gedanke vorliege. Ich werde noch auf

mehrere solche Dinge bei ~Weininger~ hinweisen können, wo der Ursprung

seiner Ideen sich klarlegen lässt trotz der Verzerrung, die den

ursprünglichen, fremden Gedanken angethan worden ist.

~Der Hauptfehler des Weiningerschen Systems liegt darin, dass er etwas

als Thatsache annimmt, was er erst beweisen sollte, und dann von falschen

Prämissen ausgehend, zu den kühnsten Schlüssen kommt; ferner dass er, wie

Moebius sagt, »dadurch zu sachlichen Kenntnissen zu kommen sucht, dass er

ohne Rücksicht auf die Erfahrung verallgemeinert und das, was

bedingungsweise gilt, für bedingungslos erklärt.«~ Was der

wissenschaftlich Forschende in mühsamem Streben erst zu erreichen sucht,

bildet für ihn den Ausgangspunkt; was erst, wenn überhaupt möglich, zu

erhärten gewesen wäre, nimmt er beweislos oder nach einem kurzen

Scheinbeweis als etwas Feststehendes an und zwar nicht etwa infolge einer

Art Intuition oder Inspiration, sondern weil, wie wir sehen werden, die

Annahme von allem früher Angenommenen meilenweit sich entfernt und aus

derselben sich eine Fülle auf den ersten Blick verblüffender Folgerungen

ziehen lässt. Was ~Weininger~ in seinem Vorwort zur 1. Auflage mitteilt,

bestätigt diese aus dem Inhalt der Schrift sich ergebende Auffassung

vollkommen. Hier bemerkt er nämlich: »Es sollen nicht möglichst viele

einzelne Charakterzüge aneinander gereiht, nicht die Ergebnisse der

bisherigen wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt,

sondern die Zurückführung alles Gegensatzes von Mann und Weib auf ein

einziges Prinzip versucht werden. Hierdurch unterscheidet es sich von

allen anderen Büchern dieser Art ...« Schon hier ist, allerdings unklar,

angedeutet, dass eine aprioristische Annahme und zwar eine solche von

grösster Tragweite das Leitmotiv der ganzen Arbeit bildet. Es liegt ja

nahe, dass das einzige Prinzip, auf welches ~Weininger~ alle Gegensätze

von Mann und Weib zurückzuführen unternahm, bei ihm schon feststand,

bevor er an die Durchführung der Arbeit ging. Noch deutlicher wird dies

durch eine Bemerkung an einer späteren Stelle des Vorwortes, in welcher

er sich bemüht, als das Ziel seiner Arbeit etwas weit höheres als die

Charakterisierung der Geschlechtsunterschiede hinzustellen. »Sollte es

den philosophischen Leser peinlich berühren«, heisst es da, »dass die

Behandlung der letzten und höchsten Fragen hier gleichsam in den Dienst

eines Spezialproblems von nicht grosser Dignität gestellt scheint: so

teile ich mit ihm das Unangenehme dieser Empfindung. Doch darf ich sagen,

dass durchaus das Einzelproblem des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den

~Ausgangspunkt~ als das Ziel des tieferen Eindringens bildet.« Das ist

wenigstens klar; was »das Ziel des tieferen Eindringens« bildet, wird

sich bald zeigen.

Doch nun wieder zum Inhalt von »Geschlecht und Charakter«. ~Weininger~

fasst kindlich das ganze Gebiet der Sexualität wie einen Baukasten auf;

alles lässt sich auf einfachste Weise konstruieren; jede sexuelle Frage

lässt sich mit dem Zauberschlüssel der ~Weininger~schen Lehre lösen:

Homosexualität, Genie, Frauenfrage; so einfach wie nur möglich. »In dem

Gesetz der sexuellen Anziehung ist zugleich die langgesuchte Theorie der

konträren Sexualempfindung enthalten.« Hat nämlich ein Mann

geschlechtliche Neigung zu Angehörigen des eigenen Geschlechtes, so hat

er eben eine relativ hohe Summe von W in sich; er wird also beim Suchen

nach seinem Komplement zu M hingezogen; Homosexualität bei der Frau, Amor

lesbicus, ist natürlich »Ausfluss ihrer Männlichkeit«; da diese aber

»Bedingung ihres Höherstehens« ist, so kann man sich, aus der falschen

Voraussetzung, dass M und gut identisch seien, die Folgerung denken; da

kommt schon der erste grosse Unsinn: das homosexuelle Weib steht über dem

normalsexuellen: das ist natürlich eine logische Konsequenz.

Periodisch scheint nach ~Weininger~ in gewissen Zeiträumen eine starke

Vermehrung jener Zwittergeschöpfe einzutreten, die sich dicht an den

Grenzen, wo M und W ineinander überfliessen, herumtreiben; auf diese

z. Z. wieder vorhandene Flut wird das Gigerltum und die

Frauenemancipation zurückgeführt; beide sind Parallelerscheinungen,

derselben Ursache entsprungen! Was das Emancipationsbedürfnis und die

Emancipationsfähigkeit einer Frau anbetrifft, so liegen dieselben »nur in

dem Anteil an M begründet, den sie hat .... Nur den vorgerückteren

sexuellen Zwischenstufen, die gerade noch den Weibern beigezählt werden,

entstammen jene Frauen der Vergangenheit und Gegenwart, die von

männlichen und weiblichen Vorkämpfern der Emancipationsbestrebungen zum

Beweis für grosse Leistungen der Frau immer mit Namen angeführt werden.«

Was also die emancipierten Frauen betrifft, »nur der Mann in ihnen ist

es, der sich emancipieren will.« Die Frauenfrage ist demnach höchst

einfach dahin gelöst, dass es überhaupt keine solche Frage giebt; das

thatsächliche Weib ist absolut unfähig zu jeder Emancipation; es ist

sogar die grösste Feindin derselben.

Damit sind wir schon über den ersten Teil von »Geschlecht und Charakter«

hinaus und steuern nun ins wilde Meer der krassesten Behauptungen und des

wildesten Unsinns. Es werden zunächst die Unterschiede zwischen M und W

gründlich festgestellt; wie W dabei wegkommen muss, ist von vornherein

bereits erwiesen.

»Das Weib ist fortwährend, der Mann nur intermittierend sexuell.« »Der

Mann hat gleichen psychischen Inhalt wie das Weib in artikulierter Form;

wo sie mehr oder weniger in Heniden denkt, dort denkt er bereits in

klaren, distinkten Vorstellungen, an die sich ausgesprochen und stets die

Absonderung von den Dingen gestattende Gefühle knüpfen. Bei W sind Denken

und Fühlen eins (= Henide), ungeschieden, für M sind sie

auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse in Henidenform, wenn bei

M längst Klärung erfolgt ist. Darum ist W sentimental und kennt das Weib

nur die Rührung, nicht die Erschütterung. Es lebt also der Mann bewusst,

das Weib unbewusst.«

Hier dürfte eine kurze Bemerkung am Platze sein. Unter Henide versteht

~Weininger~ das Verschmolzensein von Denken und Fühlen in Eins, im

weiteren Sinne aber die unentwickelten, primitiven psychischen Data. Nach

~Weininger~ liegt es im Begriffe der Henide, dass sie sich nicht näher

beschreiben lässt; trotzdem giebt er von derselben eine Reihe von

Charakteren an. »Sie unterscheidet sich von dem artikulierten Inhalt

d. h. der entwickelten Vorstellung durch den geringeren Grad an

Bewusstheit, den Mangel an Reliefierung, durch das Verschmolzensein von

Folie und Hauptsache, durch den Mangel eines Blickpunktes im Blickfelde.«

Ich will hier nicht näher auf die Henidentheorie ~Weiningers~ eingehen,

auch mich nicht mit einer Prüfung der Frage aufhalten, wieweit die von

ihm behaupteten Unterschiede im Vorstellen von Mann und Frau den

thatsächlichen Verhältnissen entsprechen, sondern lediglich das

Jongleurkunststück hervorheben, das er am Schlusse seiner Erörterungen

über das männliche und weibliche Bewusstsein ausführt. Während der

scharfe Logiker zunächst dem Weibe mit dem Denken in Heniden nur ein

minder scharfes Denken zuerkennt, spricht er ihm gleich darauf das

Bewusstsein überhaupt ab. Wäre ~Weininger~ psychologisch ungebildet, so

könnte man diese Behauptung auf Mangel einer richtigen Vorstellung über

das Phänomen des Bewusstseins zurückführen. Er war aber genügend

psychologisch geschult, um zu wissen, was unter bewusst und unbewusst

wissenschaftlich zu verstehen ist, und so charakterisiert sich seine

Behauptung als ein Nonsens, vor dem er lediglich deshalb nicht

zurückscheute, weil er ihm als Anknüpfungspunkt für weitere ähnliche

ungeheuerliche Aufstellungen zu dienen geeignet erschien.

Nachdem also ~Weininger~ bis zu der Erkenntnis der Unbewusstheit des

Weibes vorgedrungen, schiebt er ein grosses Kapitel über das Wesen des

Genies ein. Er setzt sich sogleich ins gehörige Licht als der endgültige

Löser auch dieser schwierigen Frage, indem er mit der ihm nun einmal

eigenen Bescheidenheit verkündet: »Alle bisherigen Erörterungen über das

Wesen des Genius sind entweder biologisch-klinischer Natur und erklären

mit lächerlicher Anmassung das bischen Wissen auf diesem Gebiete zur

Beantwortung der schwierigsten und tiefsten psychologischen Fragen für

hinreichend. Oder sie steigen von der Höhe eines metaphysischen

Standpunktes herab, um die Genialität in ihr System aufzunehmen.«

~Weininger~ giebt die Lösung, wie nach dem bisher Entwickelten zu

erwarten: »Es ist das geniale Bewusstsein am weitesten vom Henidenstadium

entfernt; es hat vielmehr die grösste, grellste Klarheit und Helle.

Genialität offenbart sich hier bereits als eine Art höhere Männlichkeit

und darum kann W nicht genial sein.« Selbstverständlich ist W auch nicht

in der Lage, das Genie auch nur im entferntesten zu verstehen. »Den

Frauen gilt der geistreiche als der geniale, Nietzsche als der Typus des

Genies. Und doch hat, was mit seinen Einfällen jongliert, alles

Franzosentum des Geistes mit wahrer geistiger Höhe nicht die entfernteste

Verwandtschaft.« Man sieht hier bereits klar, dass ~Weininger~ sich

selbst für das Genie par excellence hielt, als er jenes Kapitel schrieb,

nach dem logischen Schlusse, der sich auch aus seinen eigenen Worten

ergiebt, dass wohl nie ein Weib im stande sein werde, ihn zu verstehen.

Des weiteren verfügt W »nur über eine Klasse von Erinnerungen: es sind

die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängenden.«

»Da das Weib ohne Kontinuität ist, kann es auch nicht pietätvoll sein; in

der That ist Pietät eine durchaus männliche Tugend«. »Damit nämlich, ob

ein Mensch überhaupt ein Verhältnis zu seiner Vergangenheit hat oder

nicht, hängt es ausserordentlich innig zusammen, ob er ein Bedürfnis nach

Unsterblichkeit fühlen, oder ob ihn der Gedanke des Todes gleichgültig

lassen wird.« Daraus folgt: »Den Frauen geht das Unsterblichkeitsbedürfnis

ab.« Nun geht es bereits über in mystische Gefilde. Man beachte die Art

des logischen Konstruierens in den folgenden Sätzen; sie ist durchaus

typisch für die ganze Art ~Weininger~schen Denkens; in dem Kapitel

»Begabung und Gedächtnis« heisst es: »Der Wert ist also das Zeitlose;

und umgekehrt: ein Ding hat desto mehr Wert, je weniger es

Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit sich ändert.

In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur soviel Wert ein, als es

zeitlos ist; nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet. Dies ist, wie

ich glaube, noch nicht die tiefste und allgemeinste Definition des Wertes

und keine völlige Erschöpfung, doch das erste spezielle Gesetz aller

Werttheorie.« Nun: »Die Thaten des Genius leben ewig; an ihnen wird durch

die Zeit nichts geändert.« Genie ist aber höchst potenzierte

Männlichkeit, also ist nachgewiesen, dass M zeitlos, ewig ist. Ganz

zwanglos ergiebt sich das; für W natürlich das Gegenteil.

Im nächsten Kapitel »Gedächtnis, Logik, Ethik« steht dann unser

Taschenkünstler der Logik nicht an zu erklären: »Die Frau erbittert die

Zumutung, ihr Denken von der Logik ausnahmslos abhängig zu machen. Ihr

mangelt das intellektuelle Gewissen. Man könnte bei ihr von »logical

insanity« sprechen.« Beim Weibe kann man ferner »nicht von

antimoralischem, sondern nur von amoralischem Sein sprechen. Das Weib ist

amoralisch.« So ähnlich wie das Völkerchaos von H. St. ~Chamberlain~, wo

sich diese Gegenüberstellung findet. Im 11. Kapitel »Männliche und

weibliche Psychologie« geht ~Weininger~ mit »eherner Geschlossenheit«,

wie einer seiner Verehrer schrieb, an die äussersten Konsequenzen. »Worum

es sich handelt, ist in Kürze dies. Es wurde gefunden, dass das logische

und das ethische Phänomen, beide im Begriff der Wahrheit zum höchsten

Werte sich zusammenschliessend, zur Annahme eines intelligiblen Ich oder

einer Seele als eines Seienden von höchster hyperempirischer Realität

zwingen. Bei einem Wesen, dem wie W das logische und ethische Phänomen

mangeln, entfällt auch der Grund, jene Annahme zu machen. Das vollkommen

weibliche Wesen kennt weder den logischen noch den moralischen Imperativ

und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht, Pflicht gegen sich selbst, ist das

Wort, das ihm am fremdesten klingt. Es ist der Schluss vollkommen

berechtigt, dass ihm auch die übersinnliche Persönlichkeit fehlt. Das

absolute Weib hat kein Ich, keine Seele!« Nun könnte wohl jemand

einwenden, das absolute Weib sei ja nur eine logische Hypothese, während

die existierenden Frauen alle nicht absolute Weiber seien, sondern doch

zum mindesten ein dürftiges Körnchen M in sich herumtragen; ~Weininger~

macht aber da selbst keinen exakten Unterschied und wirft diese Begriffe

immer wieder durcheinander, was u. a. auch aus einem späteren Passus über

die rechtliche Gleichstellung beider Geschlechter klar hervorgeht. Es

wird feierlich verkündet: »Die Frau kann nie zum Manne werden ... während

es anatomisch Männer giebt, die psychologisch Weiber sind, giebt es keine

Personen, die körperlich weiblich und doch psychisch Männer sind.«

Konsequent nach ~Weiningers~ Theorie gedacht, müsste man glauben, dass es

doch so sein müsste; aber hier kann er eben die Mathematik nicht

brauchen.

Das Mitleid des Weibes wird ins Reich der Fabel verwiesen. Der Beweis,

dass das Mitleid keine weibliche Tugend sei, ist höchst einfach: »Im

alten Weib ist nie (!) auch nur ein Funke jener angeblichen Güte mehr und

so liefert das Greisenalter der Frau den indirekten Beweis, wie all ihr

Mitleid nur eine Form sexueller Verschmolzenheit war, selbst wenn es auf

ein gleichgeschlechtliches Wesen sich bezog.« Es kommt aber noch besser.

»Der absolute Beweis für die Schamlosigkeit der Frauen liegt darin, dass

Frauen untereinander sich immer ungescheut völlig entblössen, während

Männer voreinander stets ihre Nacktheit zu bedecken suchen ... Der

einzelne Mann hat kein Interesse für die Nacktheit des zweiten Mannes,

während jede Frau auch die andere Frau in Gedanken stets entkleidet und

dann hierdurch die allgemeine interindividuelle Schamlosigkeit des

Geschlechtes beweist.« Der zwanzigjährige »Grosse« muss eigentümlichen

Verkehr gehabt haben; diese Behauptungen werden ihm doch sicher nur die

allerkritiklosesten seiner Verehrer nachbeten können. Aber auch hier

zeigt sich auch wieder aufs durchsichtigste die Art, wie ~Weininger~

denkt; um die allgemeine Schamlosigkeit der Frauen (NB.! nicht des

absoluten W also) folgern zu können, muss er die Behauptung als bewiesen

aufstellen, dass sich die Frauen ungeniert voreinander entblössen, die

Männer dagegen nicht.

In einem grossen Kapitel »Mutterschaft und Prostitution« vernichtet dann

~Weininger~ auch noch das letzte, was ein »hausbackener« Mensch zur

Verteidigung der Frau anführen könnte: Mutterschaft und Mutterliebe, und

zwar, wie man zugeben muss, ganz konsequent logisch ausgehend von seinen

falschen Voraussetzungen, die er sich absolut willkürlich zurecht gelegt,

um zu dem mystischen Ziele zu gelangen, das sich nun allmählich enthüllt.

Die Frauen zerfallen nach ~Weininger~ in zwei Klassen: Dirnen und Mütter;

die Anlage hierzu sei von Geburt an organisch in jeder Frau vorhanden.

Ich lasse hier eine Blütenlese der in dem Kapitel, das ~Moebius~ ekelhaft

nennt, angesammelten Behauptungen und Schlüsse folgen:

»In der That muss ich die allgemeine Ansicht, welche ich lange geteilt

habe, völlig verfehlt nennen, die Ansicht, dass das Weib monogam und der

Mann polygam sei. Das Umgekehrte ist der Fall.« Besser, es muss der Fall

sein, sonst würde es ja nicht zur Rechnung passen. »Für die Frau ist der

Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke der Sittlichkeit

gar nicht, nur die Motive der Sicherheit und des Rufes mitsprechen. Es

gibt kein Weib, das in Gedanken ihrem Manne nie untreu geworden wäre,

ohne dass es darum dieses auch schon sich vorwürfe. Denn das Weib geht

die Ehe zitternd und voll unbewusster Gier ein und bricht sie, da es kein

der Zeitlichkeit entrücktes Ich hat, so erwartungsvoll und gedankenlos,

wie es sie geschlossen hat.« »Das Verhältnis der Mutter zum Kinde ist in

alle Ewigkeit ein System von reflexartigen Verbindungen ..... eine nie

unterbrochene Leitung zwischen der Mutter und allem, was je durch eine

Nabelschnur mit ihr verbunden war: das ist das Wesen der Mutterschaft,

und ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe nicht

einstimmen, sondern muss gerade das an ihr verwerflich finden, was an ihr

so oft gepriesen wird, ihre Wahllosigkeit.« Das Höchste leistet er dann

mit den Worten: »Ihre Stellung ausserhalb des Gattungszweckes stellt die

Hetäre in gewisser Beziehung über die Mutter, soweit dort von ethisch

höherem Standort überhaupt die Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber

handelt.« (!) »Nur solche Männer fühlen sich von der Mutter angezogen,

die kein Bedürfnis nach geistiger Produktivität haben. Bedeutende

Menschen haben stets nur Prostituierte geliebt.« In einem späteren

Kapitel heisst es auch: »Unendlich viel in der Frauenbewegung ist nur ein

Hinüberwollen von der Mutterschaft zur Prostitution; sie ist als ganzes

mehr Dirnenemancipation als Frauenemancipation und sicherlich ihren

wirklichen Resultaten nach vor allem ein mutigeres Hervortreten des

kokottenhaften Elementes im Weibe.« Weiter: »Die Sensationen des Koitus

sind prinzipiell keine anderen Empfindungen, als wie sie das Weib sonst

kennt; sie zeigen dieselben nur in höchster Intensifikation; das ganze

Sein des Weibes offenbart sich im K., aufs höchste potenziert.« »Der lügt

oder hat nie gewusst, was Liebe ist, der behauptet, eine Frau noch zu

lieben, die er begehrt: so verschieden sind Liebe und Geschlechtstrieb.

Darum wird es auch fast immer als eine Heuchelei empfunden, wenn einer

von Liebe in der Ehe spricht.« »Ich möchte sogar sagen, es gibt nur

platonische Liebe. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das

Reich der Säue.« (!) Man wird nun bereits merken, worauf die Sache

hinausgeht. In dem »Erotik und Ästhetik« betitelten Kapitel wird zunächst

natürlich der Frau auch jedes Gefühl für Ästhetik abgesprochen. »Das Weib

besitzt keinen freien Willen und so kann ihm auch nicht die Fähigkeit

verliehen sein, Schönheit in den Raum zu projizieren. Damit ist aber auch

gesagt, dass die Frau nicht lieben kann.«

Trotzdem ~Weininger~ der Frau den freien Willen, jene erste juristische

Voraussetzung, genommen hat, betont er drei Seiten später mit rührender

Naivität: »Die rechtliche Gleichstellung von Mann und Weib kann man sehr

wohl verlangen, ohne darum an die moralische und intellektuelle

Gleichheit zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher Zeit

jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht verdammt und

braucht doch der ungeheuerste kosmische Gegensatz und Wesensunterschied

nicht verkannt zu werden. Denn der tiefstehendste Mann steht noch

unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe.« Wo hier wohl die Logik

bleibt? Das ~Weininger~sche weibliche Wesen ist ja forensisch absolut

unzurechnungsfähig; eine freie Willensbestimmung ist ja total

ausgeschlossen; man müsste schleunigst über sämtliche Frauen Kuratel

verhängen. Man denke sich nur ein solches Weib nach ~Weininger~ als

Zeugin; wie soll man sie denn als gleichberechtigt nehmen, wenn sie, »die

abgrundtiefe Verlogenheit« repräsentierend, doch erst weit hinter dem

tiefstehendsten Manne kommt? Ein Weib mit starkem W-Gehalt würde einem

kompletten Idioten gleichkommen. Wenn ~Weininger~ konsequent gewesen

wäre, hätte er das weibliche Geschlecht ausnahmslos aus dem Gerichtssaale

verbannen müssen.

Um hinter den eigentlichen Zweck des weiblichen Seins zu kommen, führt

~Weininger~ in einem Kapitel »das Wesen des Weibes und seine Stellung im

Universum« fort, müsse von einem Phänomen ausgegangen werden, das, so alt

und bekannt es sei, noch nirgends und niemals einer Beachtung oder gar

Würdigung wert befunden worden sei. Es sei das Phänomen der Kuppelei,

welches den eigentlichsten, den tiefsten Einblick in die Natur des Weibes

gestatte. »Das Bedürfnis selbst k....[3] zu werden, ist zwar das

heftigste Bedürfnis der Frau, aber es ist nur ein Spezialfall ihres

tiefsten, ihres einzigen vitalen Interesses, das nach dem K.... überhaupt

geht, des Wunsches, dass möglichst viel, von wem immer, wo immer, wann

immer k...... werde.« »Mit Verheirateten (Männern) wird darum so selten

Ehebruch begangen, weil diese der Idee, welche in der Kuppelei liegt,

bereits genügen.« »Es lässt sich absolut nichts anderes als die positive

allgemeine weibliche Eigenschaft prädizieren als die Kuppelei, das ist

die Thätigkeit im Dienste der Idee des K...... überhaupt.« Das System

entwickelt sich, wie man sieht. »Wenn Weiblichkeit Kuppelei ist (und das

hat der Philosoph ja eben bewiesen), so ist Weiblichkeit universelle

Sexualität. Der Geschlechtsverkehr ist der höchste Wert der Frau; ihn

sucht sie immer und überall zu verwirklichen.« Demnach erhält das Weib

Existenz und Bedeutung nur, indem der Mann sexuell wird. Damit ist die

Stellung des Weibes im Universum fixiert; sie ist lediglich Verkörperung

der allgemeinen Sexualität, die nach ~Weininger~ Unsittlichkeit ist.

»Einen wahrhaft bedeutenden Menschen, der im Geschlechtsverkehr mehr

sähe, als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt oder gar in ihm

das tiefste heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es niemals

geben«, ruft er aus. Dementsprechend kann er z. B. von ~Wilhelm Bölsche~

gar nicht verachtungsvoll genug reden: »Die grosse Vereinigung von

natürlicher Zuchtwahl und natürlicher Unzuchtswahl, deren schmählicher

Apostel sich ~Wilhelm Bölsche~ nennt« schreibt ~Weininger~ einmal. Mit so

absoluter Sicherheit predigt er seine Lehre, dass er sich zu der

Behauptung versteigen kann: »Es ist klar, dass wenn auch nur ein

einziges, sehr weibliches Wesen innerlich asexuell wäre oder in einem

wahrhaften Verhältnis zur Idee des sittlichen Eigenwertes stünde, alles

was hier von der Frau gesagt wurde, seine allgemeine Gültigkeit als

psychisches Charakteristikum ihres Geschlechtes sofort unmittelbar

verlieren müsste.« »Das absolute Weib, dem Individualität und Wille

mangeln, das keinen Teil am Werte und an der Liebe hat, ist vom höheren

transscendenten, metaphysischen Sein ausgeschlossen. Die intelligible,

hyperempirische Existenz des Mannes ist erhaben über Stoff, Raum und

Zeit; in ihm ist Sterbliches genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat

die Möglichkeit zwischen beiden zu wählen: zwischen jenem Leben, das mit

dem Tode vergeht und jenem, für welches dieser erst eine Herstellung in

gänzlicher Reine bedeutet.« »Der Mann birgt in sich die Möglichkeit zum

absoluten Etwas (= Gott) und zum absoluten Nichts ... Das Weib sündigt

nicht; denn es ist selbst die Sünde als Möglichkeit im Manne. Der reine

Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten Etwas, das Weib, auch das

Weib im Manne, ist das Symbol des Nichts: Das ist die Bedeutung des

Weibes im Universum und so ergänzen sich Mann und Weib.« »Die Frauen

haben keine Existenz und keine Essenz; sie sind nicht, sie sind nichts.

Man ist Mann oder man ist Weib, je nachdem man wer ist oder nichts.« »Das

Weib ist nicht Mikrokosmos; es ist nicht nach dem Ebenbilde der Gottheit

entstanden. Ist es also noch Mensch? Oder ist es Tier? Oder Pflanze?« Es

kann mir natürlich nicht einfallen, mich des Langen über diesen Unsinn zu

ergehen; diese Sätze sprechen ja wohl für sich selbst. Ich kann es aber

dem Leser nicht ersparen, mit mir weiter durch diese Flut von Unsinn zu

waten; denn nur so entwickelt sich das ganze System ~Weiningers~ klar.

Ich bin selbst mehrmals daran gewesen, die Feder wegzulegen, weil mir

meine Zeit leid that; nur der Gedanke, vielleicht doch etwas zu nützen,

liess mich dann weiterfahren. ~Moebius~ sagt, beim 13. Kapitel habe »die

Übelkeit über seinen guten Willen gesiegt.« Man wird ihm dies nachfühlen

können; wers nicht kann, dem ist wohl nicht zu helfen. Nach dieser

kleinen Pause will ich weiter an die Arbeit gehen.

[3] Da sich unsere Sammlung an breitere Schichten wendet, so haben

wir auf wörtliche Wiedergabe besonders schamloser Stellen

verzichtet. D. H.

~Weininger~ proklamiert also: Das Weib besitzt keine Seele. »Vielleicht

hat der Mann bei der Menschwerdung durch einen metaphysischen,

ausserzeitlichen Akt das Göttliche, die Seele, für sich allein behalten?«

Nun kommt das dicke Ende. Das Weib, die Verkörperung des Bösen, ist eine

Folge des männlichen Wunsches nach dem K...., folglich eine Schuld des

Mannes; das Weib muss also erlöst werden. Alles, was ~Weininger~ bisher

gesagt, war nur die Einleitung zur Hauptsache, zur Erlöseridee des

Weibes. ~Weininger~ als der Erlöser! »Darum ist dieses Buch die grösste

Ehre, welche den Frauen je erwiesen worden ist.« Es ist allerdings recht

schwierig, das arme Weib nun zu erlösen, nachdem es so tief gestürzt

worden ist; man sollte sogar glauben, als Verkörperung des Nichts,

sei es nicht wandlungsfähig; das scheint aber nur so; ein

Taschenspielerkunststückchen und dann ein bischen Logik und die Sache ist

gemacht; man höre: »Das Weib ist nichts und darum, nur darum, kann es

alles werden; während der Mann stets nur werden kann, was er ist.« Und

nun zur Erlösung:

»Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille des

Mannes. Als der Mann sexuell ward, schuf er das Weib. Dass das Weib da

ist, heisst also nichts anderes, als dass vom Manne die

Geschlechtlichkeit bejaht wurde .... Der Mann hat das Weib geschaffen und

schafft es immer neu, so lange er noch sexuell ist .... Indem er auf den

Geschlechtsverkehr nicht verzichtet, ruft er das Weib hervor. Das Weib

ist die Schuld des Mannes.« Daraus dann die logische Glanzleistung: »Wenn

Weib Schuld ist und Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, so nur, weil alle

Schuld von selbst sich zu vermehren trachtet.« Der Gipfel des Systems ist

nun erstiegen: »Der Mann kann das ethische Problem für seine Person nicht

lösen, wenn er in der Frau die Idee der Menschheit immer wieder negiert,

indem er sie als Genussmittel benützt ... Die Frau muss dem

Geschlechtsverkehr innerlich und wahrhaftig aus freien Stücken entsagen.

Das bedeutet nun allerdings: das Weib muss als solches untergehen, und es

ist keine Möglichkeit für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden

(!), ehe dies nicht geschieht .... Hiermit erst, auf dem höchsten

Gesichtspunkt des Frauen- als des Menschheitsproblems ist die Forderung

der Enthaltsamkeit für beide Geschlechter gänzlich begründet.« Das ist

des Pudels Kern. Sollte jemand wagen, die Befürchtung auszusprechen, dass

ja bei allgemeiner totaler Abstinenz vom Geschlechtsverkehr die

Menschheit aufhören müsste, zu existieren, dem antwortet der Träger des

neuen Heils voll Verachtung: »In dieser merkwürdigen Befürchtung, welcher

der schrecklichste Gedanke der zu sein scheint, dass die Gattung

aussterben könnte, liegt nicht allein äusserster Unglaube an die

individuelle Unsterblichkeit und ein ewiges Leben der sittlichen

Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt irreligiös: man beweist mit

ihr zugleich seinen Kleinmut, seine Unfähigkeit ausser der Herde zu

leben ...« Wer seine (~Weiningers~) Lehre klar erfasst habe, »der würde

den leiblichen Tod nicht fürchten und nicht für den mangelnden Glauben

an das ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der Gewissheit des

Weiterbestehens der Gattung suchen.«

Übrigens ist ~Weininger~ nicht so grausam, als es auf den ersten Blick

scheinen möchte; der gewöhnliche Mensch könnte meinen, mit dem Aufhören

der menschlichen Gattung sei eine unendliche Reihe von kommenden

Individuen vernichtet; das ist aber falsch; in Wirklichkeit wird durch

allgemeine sexuelle Abstinenz keine einzige Individualität vernichtet. In

den »letzten Dingen« offenbart nämlich ~Weininger~ die Existenz der Seele

vor der Geburt. Folgende Aussprüche werden genügen: »Man liebt seine

physischen Eltern; darin liegt wohl ein Hinweis darauf, dass man sie

erwählt hat.« »Die Geburt ist eine Feigheit: Verknüpfung mit anderen

Menschen, weil man nicht den Mut zu sich selbst hat. Darum sucht man

Schutz im Mutterleibe.« »Aus unserem Zustande vor der Geburt ist

vielleicht darum keine Erinnerung möglich, weil wir so tief gesunken sind

durch die Geburt: wir haben das Bewusstsein verloren und gänzlich

triebartig geboren zu werden verlangt, ohne vernünftigen Entschluss und

ohne Wissen und darum wissen wir gar nichts von dieser Vergangenheit.«

»Hätte der Mensch sich nicht verloren bei der Geburt, so müsste er sich

nicht suchen und wieder finden.«

Damit wäre das System der ~Weininger~schen »Philosophie« dargestellt. Ein

Kapitel in dem Hauptwerke habe ich bis jetzt übergangen, das Kapitel über

das Judentum. ~Moebius~ sagt, dass es ebenso gut hätte wegbleiben können.

Für die Beurteilung des Falles halte ich aber dieses Kapitel für ganz

besonders wertvoll; ~Moebius~ kannte zur Zeit, als er über das Buch

schrieb, zu wenig Daten und vor allem die »letzten Dinge« und das Ende

des Verfassers nicht, sonst würde er wohl in dem Kapitel bedeutsame

Fingerzeige gesehen haben. Es ist nämlich eine vollkommene Beweisführung,

warum er, ~Weininger~, ein neuer Messias sei, in diesem Kapitel

enthalten. Auch kann man an diesem Kapitel so gut wie kaum sonst die

ursprüngliche Quelle nachweisen. H. St. ~Chamberlain~ widmet in seinen

»Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts« (~Bruckmann~, München 1900) dem

Wesen des Juden- und Christentums grosse Beachtung; die betreffenden

Kapitel (bes. Bd. I, 206-458) haben ungeheueren Einfluss auf ~Weininger~

ausgeübt; nur hat sich ~Weininger~ die ausgezeichneten Ausführungen

~Chamberlains~ über das Judentum und über Christus für sein eigenes

System zurechtgemodelt und entstellt. ~Chamberlain~ sagt, dass Christus

der Überwinder des Judentumes sei, dass er Herr des alten Adams geworden

sei durch eine mächtige Umkehr des Willens. Es heisst dort z. B. I, 206:

»Jene Umkehr des Willens aber, jener Eintritt in das verborgene Reich

Gottes, jenes von neuem Geborenwerden, welches die Summe von Christi

Beispiel ausmacht, bedingt ohne weiteres eine völlige Umkehr der

Empfindungen.« Ferner: »Die Erscheinung Christi auf Erden hat die

Menschheit in zwei Klassen gespalten. Sie erst schuf den wahren Adel und

zwar echten Geburtsadel; denn nur, wer erwählt ist, kann Christ sein.«

Von grossem Einfluss auf ~Weininger~, als er noch nicht in die herrliche

Wandlung eingetreten war, dürften folgende Worte ~Chamberlains~ gewesen

sein, die vielleicht sogar direkt den Konvertierungsgedanken bei

~Weininger~ anregten: »Es wäre sinnlos, einen Israeliten echtester

Abstammung, dem es gelungen wäre, die Fesseln Esras und Nehemias

abzuwerfen, in dessen Kopf die Gesetze Moses und in dessen Herz die

Verachtung anderer keine Stätte mehr findet, einen Juden zu nennen« (I.

458). Denn nach Paulus sei nur das ein Jude, das inwendig verborgen sei.

~Chamberlain~ ist aber dafür auch so ziemlich der einzige aller Lebenden,

dem ~Weininger~ anscheinend unbedingte Hochachtung zollt, abgesehen von

~Ibsen~ und den Wiener Neurologen ~Freud~ und ~Breuer~. Wenigstens

liefert ~Weininger~ einmal eine schauerliche Abhandlung über die

Hysterie, wo er in analoger Weise wie beim Judentum die Ansichten

~Freuds~ in wirklich komischer Weise entstellt auftischt und denselben

nachsichtig auf einige Irrtümer aufmerksam macht. Doch nun zu

~Weiningers~ Kapitel des Judentums. »Man darf das Judentum nur für eine

Geistesrichtung, für eine psychische Konstitution halten, welche für alle

Menschen eine Möglichkeit bildet und im historischen Judentum bloss die

grandioseste Verwirklichung gefunden hat. Dass dem so ist, wird durch

nichts anderes bewiesen als durch den Antisemitismus ... Im aggressiven

Antisemiten wird man immer selbst gewisse jüdische Eigenschaften

wahrnehmen ... Wie man am anderen nur liebt, was man gerne ganz sein

möchte und doch nie ganz ist, so hasst man im anderen nur, was man nimmer

sein will und doch immer zum Teil noch ist. So erklärt es sich, dass die

allerschärfsten Antisemiten unter den Juden zu finden sind.« Diese

grundlegenden Sätze werden als Thatsachen aufgestellt; nimmt man sie als

bewiesen, so können die kühnsten Schlüsse erfolgen. Das alte Spiel, das

sehr an die Geschichte von den Kretensern und vom Lügen erinnert.

~Weininger~ ist selbst der schärfste Antisemit. »Der echte Jude wie das

echte Weib leben beide nur in der Gattung, nicht als Individualitäten.

Hieraus erklärt sich, dass die Familie (als biologischer, nicht als

rechtlicher Komplex) bei keinem Volk auf der Welt eine so grosse Rolle

spielte wie bei den Juden; die Familie in diesem Sinne ist eben

weiblichen, mütterlichen Ursprungs[4] und hat mit dem Staate, mit der

Gesellschaftsbildung nichts zu thun. Die Zusammengehörigkeit der

Familienmitglieder nur als Folge des gemeinsamen Dunstkreises ist am

engsten bei den Juden. Jedem indogermanischen Mann, dem begabteren stets

mehr als dem mittelmässigen, aber auch dem gewöhnlichsten noch, ist dies

eigen, dass er sich mit seinem Vater nie völlig verträgt: weil ein jeder

einen, wenn auch noch so leisen, unbewussten oder bewussten Zorn auf

denjenigen Menschen empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben

genötigt ...« Weiter: der Jude steckt also nicht nur am tiefsten in der

Familie, sondern er ist auch »stets lüsterner, geiler, wenn auch

merkwürdigerweise im Zusammenhang mit seiner nicht eigentlichen

antimoralischen Natur, sexuell weniger potent als der arische Mann. Nur

Juden sind echte Heiratsvermittler.« Natürlich: Kuppelei = W = Nichts =

Jude, woraus die Analogie zum Weib hergestellt ist; »der absolute Jude

ist seelenlos.« »Aus ihrem Mangel an Tiefe wird auch klar, weshalb die

Juden keine ganz grossen Männer hervorbringen können, weshalb dem

Judentum wie dem Weibe die höchste Genialität versagt ist.« »Der Jude ist

der unfromme Mensch im weitesten Sinne.« »Das Judentum ist das Böseste

überhaupt[5].« Nun wird der Gegensatz intoniert: »Der Jude freilich, der

überwunden hätte, der Jude, der Christ geworden wäre, besässe allerdings

auch das volle Recht, vom Arier als Einzelner genommen und nicht nach

einer Rassenangehörigkeit mehr beurteilt zu werden, über die ihn sein

moralisches Streben längst hinausgehoben hätte.« Und weiter: »Jene

unbegreifliche Möglichkeit der vollständigen Wiedergeburt eines Menschen,

der alle Jahre und Tage seines früheren Lebens als böser Mensch gelebt

hat, dieses hohe Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen

verwirklicht, welche die grossen Religionen der Menschen gegründet haben.

Hierdurch scheiden sie sich vom eigentlichen Genie: In diesem überwiegt

von Geburt an die Anlage zum Guten. Alle Genialität ist nur höchste

Freiheit vom Naturgesetz. Wenn sich dies so verhält, dann ist der

Religionsstifter der genialste Mensch. Denn er hat am meisten

überwunden.« ~Weininger~, früher der böse Mensch, wird Überwinder und

lehrt eine neue Religion. Wers noch nicht glaubt, dem gehen vielleicht

bei den nächsten Äusserungen die Augen auf: »Christus ist der Mensch, der

die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet und so die

stärkste Position, das Christentum, als das dem Judentum Entgegengesetzte

schafft.« ~Weininger~ hat ebenfalls das Judentum überwunden und ausserdem

die noch stärkere Negation, das Weib. Dass die Juden eigentlich doch auch

Männer sind, bildet den Pferdefuss in der Deduktion; aber sie sind eben

eine Ausnahme von W nur dadurch, dass sie »gut begrifflich« veranlagt

seien. Natürlich vermag ~Weininger~, wie er sich ausdrückt, nicht mit

~Chamberlain~ zu glauben, dass die Geburt des Heilands in Palästina ein

blosser Zufall sein könne (NB. behauptet das aber ~Chamberlain~ gar

nicht cf. z. B. Grundlagen I, 249). »Christus war ein Jude«, erklärt

~Weininger~, »aber nur um das Judentum in sich am vollständigsten zu

überwinden; denn wer über den mächtigsten Zweifel gesiegt hat, der ist

der gläubigste, wer über die ödeste Negation sich erhoben, der positivste

Bejaher. Christus ist der grösste Mensch, weil er am grössten Gegner sich

gemessen hat. Vielleicht ist er der einzige Jude und wird es bleiben, dem

dieser Sieg über das Judentum gelungen: der erste Jude wäre der letzte,

der ganz und gar Christ geworden ist; vielleicht liegt aber auch heute

noch im Judentum die Möglichkeit, den Christ hervorzubringen; vielleicht

sogar muss auch der nächste Religionsstifter abermals durch das Judentum

hindurchgehen.« (!) Ausdrücklich weist ~Weininger~ dann darauf hin, dass

»unsere Zeit nicht nur die jüdischste, sondern auch die weibischste aller

Zeiten sei,« um dann zu erklären: »Dem neuen Judentum (!) entgegen drängt

ein neues Christentum zum Licht; die Menschheit harrt des neuen

Religionsstifters und der Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre

Eins.« Kommentar ist überflüssig.

[4] Diese Stelle führe ich, vielleicht irrtümlich, auf

~Chamberlain~ Grundlagen I, 133 zurück, wo von Familie als

ursprünglichem Matriarchat die Rede ist.

[5] Letzte Dinge 180.

Mit seiner Erlöseridee hängt es auch zusammen, dass seine Stellung zu

~Wagner~ sich so gründlich änderte; ~Weininger~ erblickte nämlich in

~Wagners~ Parzifal, den er auch deshalb »die tiefste Dichtung der

Weltlitteratur« nennt, Christus und seine eigene Person.

Das bis jetzt zusammengestellte Material ist genügend zur Beantwortung

der Hauptfrage, ob ~Weininger~ geisteskrank und welcher Art diese

geistige Störung gewesen sei. Somit könnte die Exploration in einem

gewissen Sinne für abgeschlossen erklärt werden. Trotzdem würde die

Untersuchung nicht vollständig sein, wenn sie nicht noch einige andere

Gebiete streifte. Ich will daher noch durch Citate aus ~Weiningers~

Schriften den Stand seiner sonstigen Kenntnisse und Anschauungen darlegen

und endlich zum Schlusse die Elaborate seiner letzten Lebenstage

vorführen, die wohl keinen Vernünftigen zweifeln lassen werden, dass sie

von keinem geistig Gesunden stammen.

Wie in allen Dingen, so ist ~Weininger~ auch in Litteratur mit einem sehr

scharfen Urteil begabt. Neben dem Text von ~Wagners~ »Parzifal« steht ihm

am höchsten ~Ibsens~ »Peer Gynt«. Warum, kann man sich denken. »Es ist

ein Erlösungsdrama und zwar der grössten eines, um es nur gleich zu

sagen. Tiefer und allumfassender als irgend ein Drama ~Shakespeares~,

ohne an Schönheit hinter diesen zurückzubleiben, an sinnlichem Glanze

allen anderen Werken ~Ibsens~ überlegen, steht es an Bedeutung der

Konzeption ebenbürtig neben, an Gewalt der Durchführung weit über

~Goethes~ »Faust« und reicht beinahe hinan zu den Höhen des »Tristan« und

des »Parzifal« von ~Wagner~.« ~Hanslick~ sagt einmal (»Aus meinem Leben«

1894, II, 234), dass man in fünfzig Jahren die Schriften der Wagnerianer

als Monumente einer geistigen Epidemie anstaunen werde. So weit ich mich

erinnere, hat sich aber kaum einer zu solcher Höhe verstiegen wie

~Weininger~. Nach ihm ist »~Wagner~ der Mensch mit dem grössten

Naturempfinden, das je ein Mensch besessen hat. Gegen sein »Rheingold«

gehalten, verblassen selbst ~Goethes~ Lieder von allem Wasser in Nebel,

Wolken und Fluss ...« Die ~Wagner~sche Dichtung (NB. nicht die Musik) ist

»der Tiefe der Konzeption nach die grösste Dichtung der Welt. Es sind die

gewaltigsten Probleme, die je ein Künstler sich zum Vorwurf gewählt hat,

bedeutender noch als die Probleme des ~Aischylos~ und ~Dante~, ~Goethes~,

~Ibsens~ und ~Dostojewskis~, um von den Problemen ~Shakespeares~ zu

schweigen ... Das alles stellt ~Wagner~ hoch über ~Goethe~, dessen

letztes Wort doch nur das vom »Ewig-Weiblichen«, die Erlösung des Mannes

durch das Weib ist.« Man wird wohl merken, warum ~Goethe~ und

~Shakespeare~ so wenig bei ~Weininger~ gelten. An anderer Stelle

(»Geschlecht und Charakter« 408/409) findet sich noch folgendes über

~Wagner~: »~Richard Wagner~, der tiefste Antisemit, ist von einem Beisatz

von Judentum selbst in seiner Kunst nicht freizusprechen, so gewiss er

neben ~Michelangelo~ der grösste Künstler aller Zeiten ist, so

wahrscheinlich er geradezu den Künstler in der Menschheit überhaupt

repräsentiert. Ihm war das Judentum die grosse Hilfe, um zur klaren

Erkenntnis und Bejahung des anderen Poles in sich zu gelangen, zum

Siegfried und Parzifal sich durchzuringen und dem Germanentum den

höchsten Ausdruck zu geben, den es wohl je in der Geschichte gefunden

hat.«

~Heine~ entbehrt natürlich fast jeder Grösse, aber nur weil er Jude ist.

~Keller~ und ~Storm~ werden ebenfalls »jeder Grösse entbehrende

Idylliker« genannt. Ganz unleidlich ist für ~Weininger~ der arme

~Schiller~; er gehört zu den Juden und wird in einem kleinen Aufsatz in

den »letzten Dingen« einfach vernichtet: »Was ist es doch, das an jenen

Gedichten so beleidigt? Es ist das Verletzende an ~Schiller~ überhaupt;

es ist seine Freude am Chor, an der Herde; sein ganz ungeniales

Glücksgefühl, gerade in der Zeit zu leben, in der er lebte ... Er ist

auch der eigentliche Schöpfer des Ästhetentums, das unter den modernen

Juden die meisten Anhänger zählt: es flüchtet vor aller Tiefe oder

heuchelt Tiefe, um den Schein retten zu können ... Einen Journalisten

dürfte ich ihn mit Grund nennen ... Was ihn aber endgültig zum

Journalisten stempelt, ist seine Rührseligkeit, die von einem tragischen

Geschehnis schwätzt, wenn ein Mensch auf der Gasse überfahren wird; und

es ist vor allem jene Bindung an den Tag und die Stunde, jene

Philistrosität, die sich am kosmischesten gestimmt dann fühlt, wenn ein

Jahrhundertwechsel vor sich geht. In ~Schiller~ hasst die journalistische

Moderne nur sich selbst.« Und ~Moebius~ hatte gewagt, ~Weininger~ den Rat

zu geben, Feuilletons zu schreiben! Man begreift der Freunde Ingrimm ob

so gänzlicher Verkennung. ~Spinoza~, als Jude, ist ebenfalls »riesig

überschätzt«. Die englischen Philosophen sind sämtlich Flachköpfe,

natürlich »weil aus England die seelenlose Psychologie gekommen ist«; »es

gehört zwar nicht eben viel dazu, der grösste englische Philosoph zu

sein; aber ~Hume~ hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten

Anspruch.«

Sehr niedlich sind auch die Belehrungen, die wir über ~Nietzsche~

empfangen. »~Nietzsche~ war lange Sucher; erst als Zarathustra that er

den Priestermantel um und da stiegen nun jene Reden vom Berge herunter,

die bezeugen, wie viel Sicherheit er durch die Verwandlung gewonnen hat.«

Man sieht, viel Kritik hat ~Weininger~ eben nicht besessen; hier läuft er

mit der von ihm so sehr gehassten Herde. Das Gesamturteil des jungen

Mannes über ~Nietzsche~ dürfte auch ein neues Licht auf dessen

Todesursache werfen: »~Nietzsche~ war nicht gross genug, um sich

selbständig aus eigener Kraft in Reinheit zu ~Kant~ durchzuringen, den er

nie gelesen hatte. Darum ist er nie bis zur Religion gelangt: als er das

Leben am leidenschaftlichsten bejahte, da verneinte das Leben ihn --

jenes Leben nämlich, das sich nicht belügen lässt. Aus dem Mangel an

Religion erklärt sich ~Nietzsches~ Untergang. Ein Mensch kann an nichts

anderem zu Grunde gehen als an einem Mangel an Religion ...«

Für die Modernen hat ~Weininger~ übrigens nichts übrig; so spricht er

z. B. von ihrer »Schuljungenopposition gegen alle Grössen der Historie.«

Alle Sprachkritiker, »von ~Baco~ bis auf ~Fritz Mauthner~« sind nach

seiner Ansicht »Flachköpfe«.

Besonders lehrreich sind auch ~Weiningers~ Anschauungen über die

Naturwissenschaften und über die Medizin. Nach seiner Ansicht hat das

Judentum die Wissenschaft ruiniert; er predigt die Rückkehr zur

Naturheilkunde und enthüllt in seiner letzten Zeit die sonderbarsten

Theorien über Entstehung und Wesen von Krankheiten. »Machen, das ist das

Wort für den heutigen Fabrikbetrieb des Erkennens, in welchem die

Vorsteher der grossen Laboratorien und Seminarien die Funktionen

kapitalistischer Industriebarone vortrefflich ausfüllen. »Quellen« heisst

es in der Geschichtsforschung, »Versuchsreihen« in der exakten

Wissenschaft. Despotisch herrschen die Zahl, die Statistik, die

Fehlermethode, die genaue Gewichtsanalyse. Nicht ohne tiefe Berechtigung

hat diese Wissenschaft alle ihre Feststellungen als gleich wichtig

verkündet. Die Akademien der Wissenschaften sind die mächtige Gerusia des

Staates, die fürchterlichen Grossmütter der europäischen Kultur und sie

hüten und mehren das Erbe.« So kann der alte ~Schopenhauer~ reden; im

Munde des Jünglings nehmen sich die Worte sonderbar aus; aber man darf

eben nie vergessen, dass er von Erfahrung absieht und dass er bei seinem

turmhohen Standpunkt anders beurteilt werden muss. »Die Totengräber

~Darwins~ sind schon am Werke«, erklärt er mit Ruhe. »Die biologische

Betrachtungsweise, wie man sie heute versteht, ist nichts anderes als

eine utilitaristische; sie erweitert die utilitaristischen

Gesellschaftsprinzipien berühmter englischer Flachköpfe zu einer des

Pflanzen-und Tierreiches.« »Wie die Juden am eifrigsten den Darwinismus

und die lächerliche Theorie von der Affenabstammung des Menschen

aufgriffen, so wurden sie beinahe schöpferisch als Begründer jener

ökonomischen Auffassung des menschlichen Geschlechtes, welche den Geist

aus der Entwickelung des Menschengeschlechtes am vollständigsten

streicht. Früher die enragiertesten Anhänger ~Büchners~, sind sie jetzt

die begeistertsten Vorkämpfer ~Ostwalds~.« Erst durch die Juden ist »das

unkeusche Anpacken der Dinge in die Naturwissenschaft gekommen.« »Mit dem

Einfluss jüdischen Geistes hängt es auch zusammen, dass die Medizin,

welcher ja die Juden so scharenweise sich zuwenden, ihre heutige

Entwickelung genommen hat. Stets von den Wilden bis zur heutigen

Naturheilbewegung, von der sich die Juden bezeichnenderweise gänzlich

fern gehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religiöses, war der

Medizinmann ein Priester. Die bloss chemische Richtung in der Heilkunde,

das ist das Judentum.« Und doch ist »mit der Chemie nur den Exkrementen

des Lebenden beizukommen.« ~Weininger~ ipse sacerdos medicusque; wir

werden gleich sehen:

»Die heutige Gesundheitspflege und Therapie ist eine unsittliche und

darum erfolglose; sie sucht von aussen nach innen, statt von innen nach

aussen zu wirken. Sie entspricht dem Tätowieren des Verbrechers: Dieser

verändert sein Äusseres von aussen her, statt durch eine Änderung der

Gesinnung. Jede Krankheit hat psychische Ursachen und jede muss vom

Menschen selbst, durch seinen Willen, geheilt werden; er muss sein

Inneres selbst zu erkennen suchen. Alle Krankheit, nicht nur die

Hysterie, ist nur unbewusst geworden, in den Körper gefahrenes

Psychische; so wie dieses in das Bewusstsein hinaufgehoben wird, ist die

Krankheit geheilt.« »Jede Krankheit ist Schuld und Strafe; alle Medizin

muss Psychiatrie und Seelsorge werden. Es ist irgend etwas Unmoralisches,

d. h. Unbewusstes, das zur Krankheit führt; und jede Krankheit ist

geheilt, sobald sie vom Kranken als innerlich erkannt und verstanden ist.

»Krankheiten sind vielleicht alle nur Vergiftungen; der Seele fehlt der

Mut, das Gift ins Bewusstsein zu heben und dort im Kampfe unschädlich zu

machen. Darum wirkt es im Körper weiter. Eine solche Vergiftung ist wohl

sicher die Gicht; sie dürfte stets auf unmoralische Sexualität

zurückgehen.« Diese ganze Lehre findet sich in den »Letzten Dingen«;

glatter Wahnsinn spricht aus den beiden folgenden Äusserungen, die

~Weininger~ in den letzten Tagen vor seinem Tode geschrieben: »Krankheit

ist ein Spezialfall von Neurasthenie. Krankheit ist Neurasthenie im

Körper.« »Den Übergang von Neurasthenie zur Krankheit muss Hautkrankheit

bilden.« Wichtig für Psychiater ist auch die Erkenntnis: »Aller Wahnsinn

entsteht nur aus der Unerträglichkeit des an alle Bewusstheit geknüpften

Schmerzes.« Auch dass die Engländer »sämtlich Masochisten« seien, dürfte

interessieren. »Dass ein Mensch irrsinnig wird, ist nur durch eigene

Schuld möglich.« Über die Hysterie stellt ~Weininger~ Behauptungen auf,

die umwälzend sein sollen. Ohne Erfahrung weiss er da alles besser. »Die

hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur des

Weibes ist die Hysterie; sie ist die organische Krisis der organischen

Verlogenheit des Weibes.« Dies die Quintessenz; wer den Blödsinn in

extenso geniessen will, kann ihn in »Geschlecht und Charakter« S. 357-375

nachlesen.

Aus den vielen Äusserungen, die ~Weininger~ über Epilepsie, besonders in

seiner letzten Periode, macht, möchte man annehmen, dass er sich für

einen Epileptiker gehalten habe. »Der epileptische Anfall ist an das

momentane Erlöschen der Fähigkeit zur Apperzeption geknüpft, und wenn es

heisst, dass Verbrechen oft im epileptischen Anfall begangen werden, so

sollte es wohl umgekehrt ausgedrückt werden: sie werden gegen den

epileptischen Anfall begangen, dessen drohende Nähe verspürt wird ....

Gegen die furchtbarste Hilflosigkeit, welche in der Epilepsie zum

Ausdruck kommt, flüchtet er in den Mord -- oft auch in die Frömmelei und

Bigotterie .... Ist die Epilepsie nicht die Einsamkeit des Verbrechers?

Fällt er nicht, weil er nichts mehr hat, an das er sich anhalten könnte?«

»Epilepsie ist völlige Hilflosigkeit, Fallsucht, weil der Verbrecher

Spielball der Gravitation geworden ist. Der Verbrecher tritt nicht auf

(sic). Gefühl des Epileptikers: Wie wenn das Licht erlischt und völlig

jeder äussere Halt fehlt. Ohrensausen beim Anfall: Vielleicht tritt, wenn

das Licht fehlt, Schall ein? »Der Epileptiker hat Visionen von roter

Farbe: Hölle, Feuer.«

Wie schon früher erwähnt, erschien für ~Weininger~ in seiner letzten Zeit

alles Symbol, alles von geheimer Bedeutung durchdrungen. In den »letzten

Dingen« befinden sich unter »Tierpsychologie« und »letzten Aphorismen«

fast lauter diesbezügliche Gedanken. Aus ihnen leuchtet aber der helle

Wahnsinn; der Vater des Armen hält sie für »Keime zu einer späteren

Ausarbeitung« und hätte ihre Veröffentlichung am liebsten unterdrückt

gesehen. Einige Proben werden genügen:

»Das Auge des Hundes ruft den Eindruck hervor, dass der Hund etwas

verloren habe ... Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die

Freiheit.« »Die Furcht vor dem Hunde ist ein Problem; warum giebt es

keine Furcht vor dem Pferde, vor der Taube? Es ist die Furcht vor dem

Verbrecher. Der Feuerschein, der dem schwarzen Hunde folgt (!), ist das

Feuer, die Vernichtung, die Strafe, das Schicksal des Bösen.« »Die

Hundswut ist eine merkwürdige Form; vielleicht der Epilepsie verwandt,

in welcher dem Menschen ebenfalls Schaum vor den Mund tritt.« Man bemerke

den dahinter steckenden Schluss. Der in Depression befindliche Kranke

schliesst, da er sich für epileptisch hält: Hund = Symbol des Bösen =

Epilepsie = ~Weininger~. »Lange nicht mit gleicher Sicherheit wie beim

Hund, aber doch als aufklärender Gedanke, kam mir der Einfall, dass das

Pferd den Irrsinn repräsentiere. Hierfür spricht das Alogische im

Benehmen des Pferdes, das Nervöse und Neurasthenische, das dem Irrsinn

verwandt ist ..... Der Hund bellt das Pferd an: weil der Böse das Gute

anbellt.« »Der Vogel ist die Sehnsucht der Schildkröte (des

verschlossenen Menschen, der die Umkehr vollzieht, aber noch immer nicht

fliegt).« »Entspricht nicht das pflanzenhafte Sein der Neurasthenie? Den

Mangel an Bewegungsfähigkeit im Neurastheniker würde das wohl erklären.

Der Neurastheniker ist anämisch: mangelnde Centralisation der Pflanze:

schliesslich hat die Pflanze keine Sinnesorgane (Mangel an Aufmerksamkeit

beim Neurastheniker).« Nicht minder bezeichnend sind die beiden folgenden

Keime: »Das Rot der Hölle ist das Gegenteil vom Blau des Himmels. Sehr

tief liegt, dass der Rauch das Auge schmerzt.« »Alle Tiere sind Symbole

verbrecherischer, alle Pflanzen Symbole neurasthenischer Phänomene in der

Psyche.« Das ist geradezu haarsträubend. Der Rauch als ein Symbol des

Bösen thut natürlich dem Auge, als einem Symbol des Guten, da es mit dem

Lichte zusammenhängt, weh!! »Die Malaria ist ein Sinnbild innerer

Versumpfung.« »Der Wirbel ist die Eitelkeit des Wassers und sein

Kreisegoismus.« »Der Sündenfall ist die Individualität und sein Symbol

die Sternschnuppe.« »Das Symbol des Jüdischen ist die Fliege. Dafür

spricht vielerlei: Zucker, Massenhaftigkeit, Summen, Zudringlichkeit,

Überallsein, scheinbare Treue der Augen.« Das Fliegensymbol dürfte wohl

auf eine Reminiscenz aus ~Schopenhauers~ »Gleichnissen, Parabeln und

Fabeln« zurückgehen, wo es heisst: »Zum Symbol der Unverschämtheit und

Dummdreistigkeit sollte man die Fliege nehmen. Denn während alle Tiere

den Menschen über alles scheuen ....., setzt sie sich ihm auf die Nase.«

Als Finale:

»Im Augenblick, da das Fliegenartige (Jüdische?) in mir unbewusst wird,

d. h. ich fliegenartige »Züge« habe, ich hierin unfrei bin, wird es zur

Erscheinung der Fliege, der gegenüber als einer Empfindung ich unfrei

bin: im selben Augenblick ist der Raum da. So zeigt sich das Problem der

Externalisation, der Projektion des Raumes als die andere Seite des

Problems der Tierpsychologie, der Natursymbolik. Der Verbrecher

halluciniert die giftige Mücke und stirbt an falscher Furcht durch

Herzschlag.«

Hoffentlich stirbt kein Leser an dieser letzten Zumutung infolge

Entsetzens und Schreckens sowohl über den abgründlichen Blödsinn, der in

diesen Citaten aufgespeichert ist, als auch darüber, dass es Leute giebt,

die sie als »Goldfunde und Blitzlichter« bezeichnen.

Die Krankheit.

Nach dem so ausführlich dargelegten Material wird wohl kaum jemand

zweifeln können, dass man es bei ~Weininger~ nicht mit einem

geistesgesunden philosophischen Phänomen zu thun habe, sondern dass es

sich bei ihm lediglich um eine eigenartige geistige Störung handle. Es

wäre sicher von hohem Interesse, den Persönlichkeiten nachzugehen, durch

deren Blutmischungen eine Gestalt wie die ~Weiningers~ entstehen konnte;

leider fehlt gerade hier das Material; selbstverständlich kommt es da

nicht so sehr auf geistige Störungen an, die man in der Ascendenz

bedeutender Menschen eigentlich relativ selten findet, als vielmehr auf

geistige Abnormitäten, prononzierte Individualitäten mit ausgeprägten

Talenten und Eigenheiten. Der Vater ~Weiningers~ ist jedenfalls ein

ungewöhnlich veranlagter Mann. ~Weininger~ selbst trägt unverkennbar von

Hause aus alle Zeichen eines sogenannten Entarteten, eines Dégénéré

(Magnans Dégénéré supérieur) und zwar mit einem starken Beigeschmack von

Hysterie. Man muss nur nicht glauben, dass das Wort Entarteter in dem

Sinne zu verstehen sei, wie der gewöhnliche Sprachgebrauch es nimmt; ein

Degenerierter im psychiatrischen Sinne ist lediglich ein von Geburt an

bedeutend von der Norm seiner Art abweichender Mensch, der Idiot wie

Genie sein kann; je grösser und abnormer die geistige Begabung, desto

grösser natürlich auch die Gefahren, die dieser Entartung entspringen und

von denen der Durchschnittspfahlbürger verschont bleibt. So gehört

~Schopenhauer~ »zur Klasse der Deséquilibrés, in der sich bekanntlich die

feinen Köpfe zusammenfinden« (~Moebius~).

Als Kind zeigte ~Weininger~ schon seine abnorme Beanlagung; bereits mit

vierzehn Monaten »sprach er mit höchster Deutlichkeit sein Deutsch«. Als

junger Mensch zeigte er regstes Interesse für alles, eine sehr lebhafte

Auffassung, eine intensive Lernbegierde, einen Wissensdrang, der seinen

Lehrern oft Verlegenheit bereitete, und ein ganz ausserordentliches

Gedächtnis besonders für Sprachen. Von Anbeginn aber ist auch schon ein

ungemeines Selbstgefühl ausgeprägt, das ihn sehr frühe vielen Menschen

unangenehm machte. Auch war er ziemlich erotisch veranlagt und hat sich

allem Anschein nach sehr frühe schon über die einschlägigen Fragen

orientiert. Seinen Lehrern scheint er ein Greuel gewesen zu sein durch

sein vorlautes, eigenmächtiges Wesen, seine Insubordinationen, seinen

Dünkel; über seine Lehrer machte er sich im besten Falle lustig; es kam

zu mehreren heftigen Auftritten; dass er z. B. während der Lehrstunden

sich mit anderen Dingen beschäftigte, dass er gegebene Aufgaben machte,

wie es ihm beliebt, nicht wie vorgeschrieben, beweist deutlich, wie stark

er seine eigene Persönlichkeit empfand; den Begriff Pflicht empfand er

nicht; nur den der Pflicht gegen sich selbst, wie er sich später

ausdrückte. Er hatte daher auch keinen Familiensinn, wie sein eigener

Vater hervorhebt. Welch grosse Bedeutung sonst alltägliche Ereignisse für

ihn gewinnen konnten, beweist der Eindruck, den der notgedrungene Besuch

von ein paar Tanzkränzchen auf ihn machte.

Einen kolossalen Einfluss übte die Lektüre auf ihn aus; er las enorm viel

und man kann ganz gut verfolgen, wie ihn ~Nietzsche~, ~Schopenhauer~,

~Tolstoi~, ~Dostojewski~, ~Ibsen~, ~Chamberlain~ jeder eine Zeit lang

förmlich erfüllte, bis ~Kant~ und ~Wagner~ kamen. Schon gegen Ende seiner

Gymnasialzeit schloss er sich mehr und mehr von gewöhnlicher Geselligkeit

ab und arbeitete mit grosser Energie. Während seiner etwa 2-3 Jahre

dauernden ersten Studentenzeit lebte er »in der schwülen Treibhausluft des

Wiener Lebens« (~Schneider~, Allg. Ztg. Beil. 1903, 292), in der Zentrale

der sublimsten Dekadenze, die schon so viele frühreife Litteraturheilande

hervorgebracht hat und von der die Rede geht, dass ihre echtesten Söhne

bereits mit pessimistischem Stirnrunzeln zur Welt kommen, mit zehn Jahren

zur Erkenntnis gelangen, dass ~Michelangelo~ eigentlich ein Troddel gewesen

sei, um Anfang der Zwanziger sich dann selbst mikrokosmisch als den

Mittelpunkt der Welt zu empfinden. Neben der Eigenart der Persönlichkeit

~Weiningers~, die seiner Psychose das so besondere individuelle Moment

verleiht, ist eben dieser Wiener Nährboden von gar nicht zu

unterschätzender Bedeutung. In Berührung mit allerlei Elementen dieser

Gesellschaft von Mattoiden (Lombroso) scheint dann bei ~Weininger~ auf der

Basis der psychopathischen Entartung eine Geistesstörung eingesetzt zu

haben, die ganz unzweifelhaft alle Charakteristika der Hysterie[6] trägt

und ausgezeichnet ist durch einen exquisit manisch-depressiven Charakter

d. h. sie verlief in Perioden abwechselnd von heiterer und gedrückter

Gemütsstimmung. ~Kraepelin~ sagt: »Da die Hysterie mit einer Umwandlung der

ganzen psychischen Persönlichkeit einhergeht, werden natürlich auch die

verschiedenartigsten, nicht eigentlich hysterischen Psychosen auf dieser

Grundlage durch Beimischung einzelner besonderer Züge eine eigenartige

Färbung annehmen können. Das gilt besonders für das manisch-depressive

Irresein, von dem wir ja wissen, dass es sich ebenfalls wesentlich aus

krankhafter Veranlagung heraus entwickelt.« Dies scheint mir vollkommen auf

den Fall ~Weiningers~ anwendbar zu sein, bei dem ja auch im Vordergrund die

vollkommene Umwandlung der Persönlichkeit steht. In seiner Psychose lassen

sich deutlich vier Stadien abgrenzen: ein längeres Einleitungsstadium von

mehr hypomanischem Charakter mit der Entstehung der dualistischen

Persönlichkeit, etwa von Sommer 1901 bis zur Promotion, Juli 1902; daran

anschliessend ein Depressionsstadium, das Mitte Herbst 1902 wieder in ein

allmählich fast manisches Stadium überging; endlich die zweite und

schwerste Depression, die mit der Katastrophe vom 4. Oktober 1903 endigte.

~Wie bei Hysterie überhaupt häufig zeigten Verstand und Gedächtnis niemals

Störungen.~ Dagegen ist geradezu typisch das überall ausgesprochene,

unleidliche Selbstgefühl, das ~Weininger~ zeigt (er hat nur in den

manischen Stadien eigentlich produziert); stets ist er der Mittelpunkt,

fühlt sein Ich am stärksten, urteilt über alles in der schärfsten Weise.

Sein Ehrgeiz ist brennend; er will um jeden Preis berühmt werden, Aufsehen

erregen, koste es, was es wolle. Früher ausgesprochen erotisch, steht nun

im Mittelpunkt der Erkrankung eine vollkommene Sexualabneigung, ein bis zum

Fanatismus sich steigernder Hass gegen alles Geschlechtliche; das ist

ebenfalls hysterisch. Sehr klar ausgeprägt ist das Symptom der sogenannten

Spaltung der Persönlichkeit; ~Weininger~ nannte es ethischen Dualismus.

Hysterisch, und nur hysterisch, sind auch jene geradezu einzigartigen

Sensationen, die er beim Anhören von Musik empfand. Schöner könnte das

moderne degenerative Moment in einer hysterischen Psychose sich nicht

offenbaren.

[6] ~Moebius~ spricht schon: »Die Geschichte macht den Eindruck

einer hysterischen Kontrefaçon« (»Geschlecht und Unbescheidenheit«

p. 28).

Die »herrliche Wandlung«, die zwei Jahre vor seinem Tode begann, war

nichts als der Beginn der hysterischen Störung. Typisch sind auch die

Faxen mit der rührenden Demut, die mit dem masslosesten Grössenwahn

vereinbar war. Der Hysterie, der Umwandlung seiner Persönlichkeit,

entsprang auch sein Übertritt zum Christentum. Neben den psychischen

Erscheinungen der Hysterie scheinen sich auch körperliche

Funktionsstörungen eingestellt zu haben; die von ~Rappaport~ angegebenen

Herzkrämpfe und epileptischen Anfälle sind nichts anderes als hysterische

Krampfanfälle; der Sohn hatte beim ersten Beginn der Erkrankung das

Elternhaus verlassen; so erklärt sich auch, dass der Vater von diesen

Anfällen nichts wusste, die erst mit dem Ausbruch der Hysterie in die

Erscheinung traten. Übrigens sind sie in dem Krankheitsbilde ganz zu

entbehren, ohne dass sich an der Auffassung der Psychose das Geringste

änderte. Dass es sich nicht um Epilepsie gehandelt hat, ist sicher

auszuschliessen, wenn auch der Hysterikus wahrscheinlich Sensationen

hatte, die er einer bestehenden Epilepsie zuschrieb. Nach der Promotion

und dem Übertritt zum Christentum, welche Handlungen er echt hysterisch

an einem Tage vollzog -- folgte auf die Anstrengungen für das Examen und

die höchste Erregung nach dem Gelingen die erste Depression, in der

bereits Selbstmordgedanken laut werden. Dann aber schloss sich die

grosse, manische Periode an, in der ~Weininger~ mit graphomanischem Eifer

in etwa acht Monaten ein grosses Buch und eine Reihe kleinerer Aufsätze

niederschrieb. In dieser Spanne entwickelte sich bei ihm auch ein

richtiges Wahnsystem von durchaus hysterischem Wesen, dessen Grundlage

seine Sexualabneigung war (nicht umgekehrt, wie ich vielleicht mit

Unrecht annehme; doch ist das nicht wesentlich); er arbeitete eine

Weltanschauung aus, deren Anläufe bereits in der ersten Erregungsperiode

rudimentär sichtbar sind; er entdeckt, dass alles um ihn herum nur Symbol

ist; die veränderte Empfindung der eigenen Persönlichkeit hat sich auch

auf die Aussenwelt übertragen, die sich ihm nun anders mitteilt als

vordem. Analog Christus, der die stärkste Negation, das Judentum,

überwunden, fühlt er sich berufen, selbst auch Überwinder des Judentums,

die zweite, noch viel grössere Negation in der Welt, das Weib, zu

überwinden; er fühlt sich als Erlöser, predigt das neue Reich Gottes

durch vollkommene geschlechtliche Enthaltsamkeit und lehrt die

Präexistenz der Seele vor der Geburt. Er hält sich für einen Heiligen,

ein Genie, einen Religionsstifter; das alles ist deutlich genug in seinen

Worten ausgedrückt; er spricht überall mit absoluter Sicherheit und

Erhabenheit, auch wenn es der grösste Unsinn ist, deutet alles in sein

System um, lässt echt hysterisch in seinem Buch jeden besonderen Gedanken

dick und fett drucken, bildet sich ein, für Jahrtausende geschrieben zu

haben u. s. w.

Aber im Sommer 1903, nachdem das Buch geboren war, begann die Erregung

abzuklingen; immer lebhaftere Stimmungsschwankungen traten ein; zeitweise

erschienen direkte Hallucinationen, so die Hunde mit dem roten

Feuerschein, das dreimalige Bellen des Hundes in jener entsetzlichen

Nacht; höchst sonderbar ist auch das Gefühl vom Sterben eines Menschen,

das durch das Bellen eines Hundes angezeigt wurde[7]. Das lebhafte

Reisebedürfnis, das ihn im August (!) nach Sizilien trieb, zeigt

genügend, wie es in ihm aussah; wie krankhaft seine Verfassung war,

beweisen z. B. auch die unangenehmen Empfindungen, die ihm der Untergang

der Sonne bereitete, der für ihn eine mystisch-symbolische Bedeutung

schmerzlichster Art bekam. Das Erlösergefühl verschwand immer mehr und

machte dem Gefühl von Schuld, Sünde, Angst, Verbrechen Platz; zuletzt

empfand er alle Schuld der Welt als die eigene, meinte, alles was mit ihm

in Berührung gekommen sei, sei verflucht. Was er in diesen letzten Tagen

niederschrieb, macht fast den Eindruck, als ob ein deliranter Zustand

über ihn gekommen gewesen sei. In der Verzweiflung, über die furchtbaren

Gedanken, die ihn peinigten, beging er dann Selbstmord. Und dieser

Selbstmord in der ganzen Art seiner Ausführung bezeugt nur wieder die

Hysterie. Mit einem Knalleffekt ging er aus dem Leben; er schlich sich

nicht wie gewöhnliche Selbstmörder zur Seite, um allein zu sterben und

ohne Aufsehen, da ihnen der Tod nur Selbstzweck ist, sondern er wollte

noch im Tode die Augen der Welt auf sich ziehen; darum führte er die

Tragödie in Beethovens Sterbehaus auf; das konnte nur ein Hysterischer

thun.

[7] Eigentlich ist das dreimalige Bellen das Auffallende; bei dem

so fein organisierten Geruchsinn der Hunde wäre es nicht unmöglich,

dass sie den Todeskampf z. B. ihres Herren witterten und diesem

Gefühl durch jämmerliches Geheul Ausdruck gäben.

Wir haben also gesehen, dass es sich bei ~Weininger~ um eine angeborene

degenerative Veranlagung handelte und dass auf dieser Basis sich Mitte

oder Ende 1901 eine hysterische Geistesstörung mit manisch-depressivem

Charakter entwickelte, die vor allem ausgezeichnet war durch vollkommene

Umwandlung der Persönlichkeit, ungeheures Selbstgefühl, völlige

geschlechtliche Unempfindlichkeit, Krampfanfälle, abnorme Sensationen,

Gesichtshallucinationen, periodisch wechselnden Wahnideen der Grösse und

der Verschuldung. Was den Fall so interessant macht, ist die Reinheit der

Symptome und die eigenartige, entschieden hochbegabte Persönlichkeit des

Kranken; man darf nicht vergessen, dass er wenig über 23 Jahre alt war,

als er starb; es wird wohl wenige in seinem Alter geben, die über

gleiches Gedächtnis, gleichen Fleiss, gleiche Arbeitskraft, gleiches

Wissen verfügen wie ~Weininger~. Darum konnte sich auch ~Moebius~ trotz

alles Abscheus vor dem Buche doch des Bedauerns nicht erwehren. Traurig

ist nur, dass der Fall ~Weininger~ wieder bewiesen hat, dass alles, was

geschrieben wird, wenn es nur mit dem nötigen Applomb in die Welt gesetzt

wird, seine Bewunderer findet. Dazu bedarf es nichts als einiger

kräftiger Trommler, »den Ruhm des Schlechten zu intonieren und ihre

Stimme findet an der leeren Höhlung von tausend Dummköpfen ein

nachhallendes und sich fortpflanzendes Echo.« (~Schopenhauer~ über

~Hegel~, Satz vom zureichenden Grunde.)

Damit kann ich meine Betrachtungen über ~Weininger~ schliessen. Ich bin

vollkommen überzeugt, dass ich bei allen, die ihn als Genie verehren,

lediglich Widerspruch und heftigen Vorwurf erfahren werde: denn indem sie

ihre Kritikunfähigkeit bereits zur Genüge dokumentiert haben durch die

Verherrlichung und Bewunderung, die sie den ~Weininger~schen Elaboraten

zu teil werden liessen, werden auch meine Auseinandersetzungen für sie in

den Wind gesprochen sein. Gegen diese Schar wird nur die Zeit aufkommen.

Aber das eine möchte ich nicht unterlassen, zu sagen: es gibt eine Reihe

von Leuten, die ~Weininger~ leidenschaftlich bekämpften, die geneigt

sind, in ihm einen modernen Herostratos (übrigens auch ein Hysterikus) zu

sehen; vielleicht haben meine Darlegungen wenigstens das Gute, dass der

Unglückliche keiner litterarischen Verurteilung mehr verfällt, sondern

dass seine Gegner statt mit Hass und Verachtung den Werken ~Weiningers~

gegenüberzustehen, lediglich Bedauern empfinden mit seinem Schicksal, das

ein so glänzend veranlagtes Gehirn zum Wahnsinn getrieben.

»Was also war es, das zu ihm drang, empor zu seiner sublimen Nebelhöhe,

und dem Blitzeschleuderer den Revolver in die Hand drückte? Was war

entsetzlich und süss genug, dass es den Ragenden zwang, seinetwegen zu

sündigen und die Sünde mit dem Tode zu sühnen? Ein Schuss, der eine

Tragödie ohnegleichen beendigte. Aber ein Schuss im Nebel.« So

~Nordhausen~ in seiner Kritik von »Geschlecht und Charakter«. Eher könnte

man von einem Buch im Nebel, einem Mann im Nebel reden. Ich hoffe,

gezeigt zu haben, was es war, das empordrang zur sublimen Nebelhöhe.

Statt eines Blitzeschleuderers ein Geisteskranker, dessen Psychose durch

einen Zug von Genialität ihr individuelles Moment erhielt, statt eines

Ragenden ein Unglücklicher, der sich in einem Anfall melancholischer

Verstimmung erschoss, statt eines philosophischen Phänomens zwei Bücher,

die in die ärztliche Bibliothek einer Irrenanstalt gehören.

Sapienti sat!

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Schwankungen des Hydrobilirubingehaltes. 3. Ungenügende

Fettverdauung. 4. Fleischreste. 5. Kohlenhydratreste (Gärungs-resp.

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Der Fall Otto Weininger: Eine psychiatrische Studie · 第 3 / 6 题