Meine Spelunke verwandelt sich zum türkischen Café, wenn er und ich
zusammen Zigaretten rauchen und wir von den Wänden für unsere Häupter
die beiden Fez herunterholen, die auf die Griffe meiner Dolche gestülpt
sind.
Einer der Söhne des gefangenen Abdul Hamid, der begabteste jedenfalls,
ist der Maler und zur Mokkastunde der Gast meiner Palastspelunke. Wir
sprechen (in der Zeit der Abendhimmel alle seine goldenen Bilder aufs
Dach stellt) von roten, blauen, grünen und lila Dingen. Ich rate Egon
Adler: »Sie müssen immer nur Ihr Selbstbildnis malen.«
Er ist so ganz Eigen, ganz Sich, und sein Herz in einem Rahmen. Aber in
seinem Herzen liegt sein jungverstorbener Bruder begraben, und innige
Gestalt schafft des Malers Hand, wenn der Engel seiner Erinnerung
aufersteht.
Zwischen den Farben liegt er dann plötzlich -- Stern zwischen Zinnober
und Marin auf der Palette für die großen Pinsel. Alle Bilder Egon Adlers
sind Spiele, sind süß, haben großgeöffnete Augen, sind ganz in Gottes
Vaterhand und rufen.
Sein Mariengemälde holte ich mir aus einer dunklen Ecke des
Ausstellungssaals ans Licht: »Träume, säume Marienmädchen, überall bläst
der Rosenwind die schwarzen Sterne aus; wiege im Arme dein Seelchen --
alle Kinder kommen auf Lämmern zottehotte geritten, Gottlingchen sehen
und die schönen Schimmerblumen und den großen Himmel da im kurzen
Blaukleide.«
* * * * *
Aber auch die drei Könige sind gekommen; einer sitzt auf des anderen
Schulter, der höchste trägt ein Krönchen, ist des Malers Bruder und will
Mariens heiliges Spielzeug haben.
Auf Egon Adlers unvergleichlichem Schöpfungsbilde steht sein Brüderchen
verzaubert als Mantelkranich mitten auf der Wiese und macht den frechen,
kleinen Vögeln bange. Als Reiter reitet er auf dem langausschreitenden
Reiterpferd durch den Wald über die Wege aus bunten Fahnenstreifen.
Immer muß Egon Adler die Geschichte des unvergeßlichen Bruders in Farben
erzählen, der ist der Memed seines Mohammedherzens.
Hinter den Paradiesbäumen, in den Schornstein seiner Stadtbilder,
überall hat sich der kleine Bruder versteckt; er ist es, der den
Glorienschein um die Heiligenlocken der Jüngergestalten seines älteren,
malenden Bruders anzündet.
Das sich wiegende Blatt der Palme, auf dem Treibhausgemälde ist der
Kleine, seine Seele leuchtet im Stein des Ringes am Finger des
japanischen Schauspielers.
Elfjährige Kinderaugen gucken unter der Stirn des Selbstbildnisses von
Egon Adler und erhöhen es zum Selbstantlitz. Und in den Wolken tummelt
er sich als Mond.
Ewig ist Egon Adlers Malerei, ein Engel lebt in seinem Herzen und hängt
seinen Schöpfungen Flügel an.