Rudolf Blümner

Den Mephisto spielt er jeden Abend, eine Privatvorstellung im

Freundeskreis. Ohne witzelnde Fußspitzenpose -- der Doktor hat Humor,

der im Kranichschritt mit dem Schwermutflügel einherschreitet. Wenn er

nicht kommt, sind wir alle belämmert; die gretchenblondesten

Mädchenköpfe freuen sich, wenn der Mephisto endlich doch kommt. Er

versteht Greisengesichtern lächelnde Jünglingsaugen einzusetzen, wenn er

bei Laune ist und sein Herz mit übersprudelndem Schalkwillen vorträgt.

Wehe aber, wenn er durch die Türe kommt, und sein Hut sitzt schief in

die Stirne gedrückt -- es regnete --, er konnte heute kein Luftbad

nehmen, ein paar Sätze von der Galle, mehr hören wir nicht. Aber seine

Galle ist kariert. Nie war ein Hut so mit seinem Kopf verwandt, wie

Doktor Blümners Hut. Der ist ein Mime, durchblutet mit den Eigenarten

seines Trägers. Unter Hunderten würde ich den Hut des Doktors

herausfinden, namentlich aber dann, wenn der Rand seines Panamas lacht;

er sitzt rund hinten im Genick. Etwas muß der Doktor heut' ausführen,

ich warte am liebsten mitten im Zimmer, wenn er Klavier spielt, ich kann

dann so mit seinen Späßen laufen -- er spielt eine eigenvertonte

Polonäse, er führt sie an. Seine Finger springen wie ungezogene Jungen

über die Tasten, schlagen Kobolz, zanken sich; plötzlich steht er

gravitätisch auf: »Der Schlaf erwartet mich!« Aber in Wirklichkeit steht

der Vollmond vor seinem Fenster, hinter dem Ohr einen Federkiel. Der

Doktor muß noch einen Essay schreiben. Seinen Lehrer im

Frühlingserwachen -- wer kann ihn je vergessen und die Grazie des Ricco

in Minna von Barnhelm. Er ist der Aristokrat des großen Schelmenspiels.

Aber auch sehr oft beliebt es dem Doktor, sein ernstes Wesen dem

Publikum zu schenken; es steht ihm am besten; kehrt es ein -- kommt es

hervor aus seinem tiefsten Herzensschatten. In diesem Monat hält der

Doktor wieder einen Vortrag, es sind die schönsten Abende, goldene

Atrappen mit überraschendem Inhalt. Als er die Geschichte der Schneider

von Keller vorlas, glaubte ich die drei bis zum Schluß verschwinden zu

sehn aus dem Saal. Er machte nämlich auch ein Gesicht, als ob sie ihm

weggelaufen wären. In seinem feinen Profil ist seine schöne Nase

tragisch geschnitten nach Gemmenart. Das Leben fällt gelassen vor ihm.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 43 / 87 题