Tilla Durieux

Ich würde für sie auch im Privatleben das Eboligewand wählen, den

zackigen, weißen Kragen, der ihr Angesicht, ein Bukett von Lichtwende

und Herzschatten, wie mit einer Atlasmanschette umgibt. Frau Durieux

spielt im Theater Reinhardts die Eboli; die schlummernde Saitenspielerin

ist auferstanden aus ihrem Sarkophage. Es tut wohl, sie in

»prinzeßlicher« Wirklichkeit wiederzusehen, in ihrem eifersüchtigen

Herzen zu erleben den Kampf mit der Kabale. Den schnöden Verrat an die

Königin verabreicht sie dem lauernden Pater noch mit traumhaften

Fingerspitzen. Keineswegs hysterisch gehässig -- historisch wie ihr

Kleid wirkt das intrigante Frauenspiel in der Kapelle steinerner Nacht,

an der blutgenagelt Gottes Sohn hängt. Frau Durieux' verzweifelte

Gebärde, nachdem ihre Königin sie verstößt, erinnert an das Gemälde der

büßenden Magdalene. -- Als ich sie vor einiger Zeit in ihrem Gemach

erwartete, suchte ich unwillkürlich nach der Laute. Da kam mir entgegen

Rhodope, ihre Hände hingen herab wie Myrthen. Diese himmelweiße Syrierin

ist der Glorienschein ihrer Eingebung, das keusche Geschmeide ihrer

Begabung. Beweglich ist die Verwandlungskunst der Frau Durieux, denn wer

vermutet nach der bräutlichen, geduldigen Königin und der verwöhnten

Lautenspielerin, »Sie« in der bitteren Haut der eigensinnigen

Spielverderberin der ältlichen Schwester der Brüder im Friedensfest.

Krummrückig zum Fußaufstampfen, hartnäckig widersetzend, den Angehörigen

eine giftige Augenweide. -- In »Gott der Rache« von Schalom Asch spielte

Frau Durieux die junge Kupplerin des Bordells. Ich sehe sie noch keck in

der Mitte des Sofas sich hinflegeln mit der Frechheit einer

freigewordenen Sklavin, mit dem Machtbewußtsein, vernichten zu können je

nach Berechnung. Das scheußliche Verbrechen ihres früheren Bordellchefs

zappelt auf ihrem Knie, sie läßt es kichernd über ihrem Strumpfband

hängen, sie braucht nur den lockeren Vorhang aufzuheben. Tilla Durieux

spielte skandalös hervorragend. Hier nenne ich die Schauspielerin, die

Charakteristik ihres Zivils vergessend, kurzweg »Tilla« Durieux; aber

wer sie in ihrem Privatgemach je sah, umgeben vom Staat schützender Tore

und mächtiger Bequemlichkeiten, sie selbst zum Empfang der Gäste sich

liebenswürdig ermannend, wird mit mir empfinden, daß sie keineswegs eine

Bohèmin ist, zu treu dem Einen außerdem, auch daß ihr die seelische

Leichtigkeit der Umgebenheit fehlt, und ich nenne sie »Frau« Durieux

nicht etwa wie man die Spießerin zu nennen pflegt, aber weil sie die

Hofdame der Schauspielerinnen ist; jeder Tag muß ihr »d'or-jour« sein.

-- Auf dem Sezessionsfest im Februar teilte sich die Menge in zwei

Flittergitter, als sie den Saal betrat. Sie trug ein dunkles

Spitzenkleid und eine hängende Nelke im Haarknoten. Ich fragte den

Rektor in »Frühlingserwachen« an unserm Tisch, wer die schwarze

Leopardin mit dem Blutstropfen am Nacken sei. Prangende Schlichtheit,

geschmeidiger Charme, in ihrem Herzen blühen feine Nerven schmerzvoll

auf. Aber als es Mitternacht war, tanzte sie, auf einer Perle des Sekts

rollend, mit leuchtenden Augen im bunten Spiele der Masken. Dieses Jahr

gibt es wieder ein Fest; ich hoffe, daß Frau Durieux auf Erden weilt,

sie hält sich nämlich ab und zu mit Vorliebe oben in den Wolken

verborgen, in ihrem Luftballon, und was wird sich Prinz Karneval ärgern,

wenn sie ihm nur eine lange Nase machen wird. -- Die Maschen des Netzes,

das den Ballon umhüllt, lockerten sich schon einmal. »Ein Punkt in der

Ewigkeit« kommt man sich im Raume vor, erzählt Frau Durieux. Sie ist

ohne Furcht und Zaudern. Zwischen Leere und Leere, Vogel sein, nur Atem,

so folge ich in Gedanken den Schilderungen der Luftschifferin in die

Lüfte. Da nimmt ihr Terrierhund einen Anlauf aus salonansalongereihter

Ferne, springt mir auf die Schulter, ich falle vor Schreck aus allen

Himmeln.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 41 / 87 题