Paul Lindau

Manchmal sitzt Paul Lindau abends im Café des Westens und freut sich

über die bunten Jünglinge und zwitschernden Mädchen. Er ist nicht

hochtrabend, er tut mit. Seines Herzens leuchtende Farbe ist nicht

eingetrocknet. Meine Eltern hatten Paul Lindau furchtbar lieb. Er war

Redakteur in der Elberfelder Stadt. Ich habe Paul Lindau eines Tages

gesagt, Herr Doktor, ich bin Else Schüler. Da meinte er, er habe meine

Eltern nicht vergessen. Und wenn wir uns nun begegnen, denken wir an ein

Haus am Wupperstrand, darin die Feste ein und aus tanzten. Paul Lindau

hat Temperament, er kann keine Maske anlegen, sie würde nicht lange

dauern vor seinem Herzen. Er ist ewig jung. Aber auf allen Tischen und

Vorsprüngen seiner Gemächer liegen antike Sammlungen, rissige Geschenke

aus allen Erdteilen. Ich muß Paul Lindau aus meinem Leben erzählen; er

versteht zuzuhören; diamantisch strahlt seine Liebenswürdigkeit. Mutter

und Großmütter, Vater und Urväter hängen eingerahmt in goldenen Rahmen

über seinem Schreibtisch; er selbst als Knabe blauäugig und

rosengelockt. Nicht viel älter war ich, als ich seinen wundervollen

Barmer-Roman las, von seinem alten Pfarroheim und den beiden süßen

Kusinen. No leckern Äppeln rukt sinne Liebesgeschechte on dat ganze Hus

von sing heelegen Onkel bis bowen op die Rompelkammer, wo die Äppels em

Wenter leegen. Ich erinnere ihn an die Sitte. Paul Lindau weiß alles

noch ganz genau. Diabolisch sind die schwarzen Täler der Schornsteine --

denkt seine ernste Stirne, aber die Sonne spielt dazu ganz bunt auf

seinen schlanken Händen.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 38 / 87 题