Ein großer kantiger Vampirflügel mit Apostelaugen schwebt Paul Leppins
Roman »Daniel Jesus« vor mir auf. Hier wandelt nicht das Werk auf Füßen,
und ich suche nicht nach seiner Erde. Paul Leppins Roman ist eine
Flügelgestalt, Himmel und Hölle schöpfen aus ihrem rauschenden Brunnen.
Hat Paul Leppin »Daniel Jesus« oder hat Daniel Jesus »Paul Leppin«
erschaffen? Die Vieraugen des großen kantigen Romans sind vom gleichen,
tiefen Wachen. Aber Paul Leppin ist gewachsen, ungekrümmt, eine Linde,
und sein Haar duftet nach dem sanften Blond ihrer Blüten, und Daniel
Jesus hat einen Buckel, und unersättlich ist sein fahler Durst. Auf
deine müde Hand, Daniel Jesus, tropft traumleise ein Goldtröpfchen;
Martha Bianca tritt barfuß aus dem Herzen durch die Paulpforte. Voll
Sonnenbangen ist Paul Leppin wie der Gipfel goldbedrängt, und er formt
schwermütig aus goldenen Träumen, die bis in die Wolken ragen, bleierne
Buckel. Mit gläubiger Gebärde aber schaufelt die Frau des Schusters das
Martyrium von Daniels Jesus Rücken ... »Prinzessin,« sagt Paul Leppin zu
mir, »wir wollen auf einen wilden Ball gehen«; wir finden nur
klingelbehangene Tanzböden. Paul Leppin sehnt sich nach der Orgie seines
Romans; die drehte sich hinter Sternenvorzeiten seiner Dichtung,
spöttisch hißte sie Satan auf Babelhöhe, Satan Daniel Jesus, Paul
Leppins Geschöpf, von dem er sich losträumte. Inmitten der Tanzenden
sitzt Daniel Jesus Paul zwischen nackten Eingeweiden, die sich
verwickeln, verknoten nach seinem Szepter. Rasende Weiber taumeln sich
im weichen, pochenden Raume und wachsen zu Lawinen über lüsterne Rücken.
Und auf dem brandigen Haupt der Schusterfrau steht eine Mauer auf, eine
leuchtende Krone, wie die des heiligen Landes -- in ihrem Riesenleib
tanzen alle die blutzerrissenen Leiber und ihre Teufel, wie in einer
weißen Hölle; denn Daniel Jesus hat sie erhoben zu seiner Rechten. Es
heißt im Buche: »Andächtig küßt sie seinen Buckel, wie ein Kruzifix.«
Paul Leppin, ich grüße dich.