Dem lieben Rechtsanwalt _Hugo Caro_
in Verehrung
Seitdem einige Tageszeitungen um mein lyrisches Gedicht: »Leise sagen«,
soviel Lärm geschlagen und mich für geisteskrank erklärt haben, hat sich
eine Partei um mich erhoben, die es sich zum Lebenszweck angedeihen
läßt, diese gefährliche Behauptung mit allen gerichtlichen Gegenbeweisen
aus der Welt zu schaffen. Das Resultat ist: Ich werde beobachtet, nicht
allein von einem Psychiater, auch von mir selbst -- (ich wollte, ich
könnte mir was dafür anrechnen --). Ich kann den ganzen Tag nicht auf
einen Namen kommen, auf den Namen meines Urgroßvaters, der Scheik in
Bagdad war. Dieser Zustand ist unsäglich unerträglich, als ob man gähnen
muß und kann nicht, als ob man in eine Posaune blasen muß und findet die
Öffnung nicht. Ich war heute schon überall, wo irgend etwas von Asien zu
spüren ist. Auch im orientalischen Seminar war ich beim Rektor, der
dachte freundlich über den Namen meines ehrwürdigen Urherrn nach, und
alle seine Schüler taten das, und Schülerschüler, Muselmänner, Chinesen,
Japaner, Studenten aus Vampur, Koreaner, Sudanesen; es dachten Siamesen,
Indier, Serben, Türken, Montenegriner, Talmudisten, Zionisten, auch die
beiden Söhne einer Kaffernfamilie dachten, und denken wahrscheinlich
jetzt noch nach. Ich habe kein Gedächtnis mehr, seitdem bei mir
Gehirnerweichung in Frage genommen ist. Rechts vom Gehirn steht mein
Heer -- links der Feind. Ich fühle seitdem auch nicht mehr richtig, ich
taste; die Sternwarte meines Herzens ist getrübt -- und mein Horizont
liegt hinter dem Rubikon -- und der Sturm -- verweht meinen Geist. Wie
soll ich mich beschäftigen? Ist mein Psychiater nicht bei mir, fahr' ich
zu ihm heraus und bringe ihm einen Kloß meines Gehirns. Ich muß immer
meckern, wenn ich bei ihm bin; er hat einen roten Ziegenbart. Ich konnte
mich schon als Kind nicht beschäftigen, meist habe ich mit Knöpfen
gespielt, aber ich habe alle verloren oder wo angenäht, und wenn der
Psychiater nicht eindringlicher mich beobachtet, werde ich es den
Redaktionen der Zeitungen mitteilen, die mich bei der Gehirnerweichung
ertappten; sie haben ihn doch für mich engagiert, und er muß seine
Pflicht tun.
Ich laufe jetzt so gern über Wiesen; Knaben gewähre ich mit Vorliebe
mein Gehirn, solange es noch einigermaßen hartköpfig ist, zur
Zielscheibe ihrer Gewehre. Das Sprechen wird mir schwer; wenn ich singen
könnte! Dann könnte ich viel besser alles sagen. Aber ich habe zu jung
gesungen, die frühe Blüte meines Kehlkopfs war noch nicht befestigt.
Sprechen lernte ich schon beim Milchtrinken, aber das Singen hätte ich
unterdrücken müssen, Talente sollte man mindestens fünfzehn Jahre im
Steckkissen herumtragen. Dabei wird man immer kleiner und schläfriger.
Ich bat heute den Psychiater, er solle mich ein bißchen in seinem
Kinderwagen herumfahren. Er hat nämlich einen im Nebenzimmer stehen,
darin seine Frau ihre Hoffnungen spazierenfährt, schon zwei Jahre, damit
er sie nicht verstößt. Von seinem zukünftigen Sohne lasse er sich die
Fesseln der Ehe gefallen, aber nicht von seiner Frau, die geht immer in
blau, weil sie den Himmel auf Erden vermißt. Er aber hat mir ein
Rasselchen geschenkt, ich hätte viel lieber die Gummipuppe gehabt, für
in den Mund zu nehmen. Ich habe einen Brief von mir selbst von früher
gefunden, an meine britische Busenfreundin, den lese ich dem Psychiater
vor. Seitdem ich diesen Brief geschrieben habe, ist mein Herz
graumeliert, und Dr. Ziegenbart sagt: »Lesen Sie!« Dear Mabel! Manchmal
hab ich so Sehnsucht, ich säß wieder nachmittags an einem großen, runden
Tisch neben meiner Mama und so zwischen meinen Schwestern und Brüdern,
und oben sitzt mein Papa, und wir trinken zusammen um vier Uhr Kaffee
aus der silbernen Kaffeemaschine durch Filtrierpapier -- und so ganz
zusammengerückt sitzen wir, wie eine Insel, aus einem Stück. Nichts
Fremdes mehr, aber wir fließen ineinander, trotzdem wir Geschwister alle
anders waren, und fürchten uns nicht vor dem Tode, weil einer den andern
ersetzt. Das ist lange her, ich weiß auch nicht, warum ich daran so oft
denke, zumal ich doch Robinson wurde, durchbrannte in die Welt, weil ich
dem Robinson auf dem Deckel seiner Geschichte so ähnlich sah. Und ich
liebte das Abenteuer, das hat nichts mit der Stube zu tun, und wenn es
auch eine herrliche ist. Aber dreimal im Leben hatte ich eine große
Sehnsucht, wieder in einer Stube neben Mama und Papa und Geschwistern zu
sitzen. Als ich mich zum ersten Male vermählte. Aber ich fiel ins Haus
und verletzte mir die Knie, die bluten seitdem. Und das zweitemal, das
war noch trauriger; da folgte ich meinem Verlobten in seine Heimatstube.
Ich saß neben seiner Schwester; mein Verlobter saß neben seiner Mama,
und oben am Tischanfang trank sein Papa den Nachmittagskaffee, und auf
einmal sah ich, daß die fremde Mama meinem Verlobten ein großes Stück
Kuchen auf den Teller legte, ein Stück Torte mit einer Frucht darauf;
und ich bekam ein schmales Stück Torte ohne eine rote Kirsche; da war
ich plötzlich ganz klein wie zu Haus und weinte. Und zum dritten Male
überkam mich die Sehnsucht, mit meinen Verehrern in ihr Haus zu gehen.
Das erinnerte mich am wirklichsten an zu Haus. So viel Geschwister, die
sprachen wie meine Schwestern und Brüder und waren schön, aber dann kam
ein großer Hund und schnüffelte um den Tisch herum, bis er mich fand;
denn einem von den drei Brüdern hatte ich das Herz gefressen. Ich sehne
mich nun nicht mehr nach einer Stube, wo eine Mama und ein Papa und
Geschwister um den Tisch sitzen und eine Insel sind. Mein Angebeteter
verspottet mich und meint, ich ziere mich wie ein Backfisch. Ich habe
kein Verlangen mehr nach der heiligen Nachmittagsstube, und ich bin
wirklich der Robinson auf dem Deckel seiner Abenteuer. Aber ich möchte
noch die ganze Nacht so traurig erzählen. Many greetings, dein Robinson.
-- Wer mich alles in die drei ersten Stuben geführt habe, meint der
Psychiater, sei für ihn nicht schwer zu enträtseln, aber den Angebeteten
möchte er kennen lernen, der eine Ausnahme bilde, da ich seiner Eltern
Stube nicht heimsuchte. Ich verstehe; des Doktors ironische Weise ist
mir sympathisch. Der Psychiater nickt mit dem Kopf; er ist
Schriftsteller nebenbei, und hat Momente der Psyche aufzuweisen, die bei
Doktoren ohne Drum und Dran nicht vorhanden sind. Sein Ton ist
mitleidig, wäre er eine Frau, spräche er wehleidig. Ich habe das Glück,
daß er keine Frau ist. Zwischen ihm und seiner Frau fällt ein schwarzer
Vorhang, aber über seinem Schreibtisch hängt unverschleiert, aber zahm
verblümt, ein deutscher Gelehrter mit einem Bart aus Eichenlaub; sein
früherer Universitätsprofessor; den muß er zum Aufreizen seiner Nerven
haben. Auch steht in seinem Sprechzimmer eine Lampe, deren Birne
streikt, weil sie kein Apfel ist. Der Waschtisch seiner medizinischen
Hände läuft nicht, er steht auf Plattfüßen. Mein Zimmer funktioniert
viel besser, es liegt am See, an der Waschschüssel. Und dabei spreche
ich immer vom Tigris, nicht wahr? Verhöhnt mich nur, liebwerte,
wahrhafte Leser; oh, diese Welt mit ihren Flüssen, Nebenflüssen und
Überflüssen! Es hat jemand dem Psychiater gesagt, ich sei abnorm
eifersüchtig. Das könnte allenfalls ein Symptom von Gehirnerweichung
sein. Aber was soll ich mit meinem Mann sprechen, wenn er in der Nacht
nach Haus kommt, als Eifersucht. Der Leser soll mir die Frage ganz
aufrichtig beantworten, bitte. Ich lehne an seinem Rücken wie vor einem
blinden Fenster. Übrigens ist meine Eifersucht nicht subjektiv, sie ist
eine Landeigenschaft, ein Kostüm, eine Nationaltracht der Seele. Meinem
Psychiater leuchtet die landläufige Logik wirklich ein; ich bin ein für
allemal von ihm als gesund entlassen, und brauche mich nicht mehr seinen
Beobachtungen zu unterziehen. Der Feind ist verurteilt vom hohen
Gerichtshof zu zehn Mark Schadenersatz; hätte er nicht schon Berufung
eingelegt, so hätte ich es ihm geraten, denn er soll in schlechten
Verhältnissen sein -- ich bin zu weich ...! Was soll ich nun tun, als
über den Namen meines Urgroßvaters nachdenken? Im Augenblick, wo ich
glaube, ich habe ihn, kugelt er noch schwerer als Blei in meinen Rachen
zurück. Wie ein einbalsamierter Leib. Dabei höre ich den Namen meines
Urgroßvaters auf meiner Zunge, eine Melodie, einen Psalm. Ich muß mich
zerstreuen, ich werde die Redaktionen, die so lange nun mit mir in
Konnex standen, um Verzeihung bitten; ich kann doch nicht dafür, daß ich
keine Gehirnerweichung habe! Der Psychiater glaubt doch nicht daran! Das
Leben ist was furchtbar Schmerzliches; alle meinen, daß es nur was
Enttäuschendes ist. Ich meine beides und gaukle mit Geschicken. Und wie
das Leben vom Milieu abhängt, wenigstens meins. Läge zum Beispiel das
Fenster meines Zimmers statt nach gegenüber, seitwärts mit dem Blick
nach dem Westhimmel, wo abends der Mars aufmarschiert, hätte ich Freude
am Leben gehabt und wüßte, warum ich lebe -- aber so! Ich kann mich
nicht mehr sehen, ich ertrage in den Spiegeln mein Gemälde nicht mehr,
wenn nun mein Angebeteter kommt und hat meine Augen? Und darum gerade,
wegen seiner hellen Lichter liebe ich ihn, gelbe Rosen, und wenn sie
traurig sind, fallen sie wie Goldregen. Er ist ein Sonntagskind, ich bin
ein Feiertagskind, das nicht gehalten wird; er findet keine Ruhe in mir.
Wir lieben uns, wie die verschiedenen Liebenden auf Erden und im Himmel.
Wie selige Engel mit der Pose des Flügels, wie die ersten Menschen, die
noch glühend waren, wie zwei große Blumen hinter der Hecke, die nichts
wiedersagt, wie zwei Rubinen im Reichsring eines Kaisers und manchmal
früh am Morgen wie zwei Schakale. Ich mache mir gar kein Gewissen
daraus; alle Romane der Ehe sind Unwahrheiten! In Wirklichkeit gibt es
kein Gewissen. Aber, daß ich den Namen meines Blutpächters, meines
Urgroßvaters, vergessen habe, darüber mache ich mir heftige
Gewissensbisse.