Was mich im vorigen Winter traurig machte

_Georg Fuchs_ in Freundschaft

Blumen werden bald blühen an beiden Seiten des Reitwegs am

Kurfürstendamm. Wenn die lieblichen Reiterinnen an all dem Duft

vorbeigaloppieren werden, dann ist es zu spät, ihnen zu sagen, daß die

buntlachende Allee gesprengt wurde mit Schweiß und Blut Peitschender und

Gepeitschter. Die Pferde vornehmer Landauer tanzen, ihre schwarzen Augen

zünden vor Leuchten. Ich beginne sie mit ihren geplagten, wiehernden

Brüdern zu beneiden. Die können nicht weiter durch den Hügel an Hügel

aufgeworfenen Erdboden; ihre Hufe mußten sich selbst den Schmerzensweg

bereiten. Da gibt es kein Pardon! Auch kein Mitleid der Spaziergänger,

niemand will was mit den Fuhrleuten zu schaffen haben; in den

neumodischen, wogenden Busen der Damen pocht kein Herz. Sie verhindern

sogar ihre Männer, sich in Straßenangelegenheiten zu mischen. Manchmal

stellen sich Kinder auf zur rechten und linken Seite des Dammes. Für sie

ist es eine Unterhaltung, ein wirklicher Kientopp. Heute besah sich ein

Schutzmann den unerhörten Vorgang. Aus einem Bäckerladen schickte eine

Käuferin für die Pferde alte Semmeln. Ich sah über dem Gesicht des

uniformierten Mannes eine kräftige Freude marschieren. Und ich bat ihn,

ob er nicht eingreifen wollte. Er erklärte mir, die Fuhrleute sind nicht

so schlimm wie ihre Brotgeber. Weigert sich einer der Angestellten,

wegen der nicht genügenden Anzahl Pferde an seinem Karren loszufahren,

verliert er seine zwanzig Mark per Woche. »Da lauern schon immer genug

Brotlose vor der Türe.« Für die zwanzig Mark. -- Sie leben, sie

peitschen, sie fluchen dafür. Ihre Roheit besteht das Examen. »Dämlich

Vieh, windelweich hau ick dir, faulet Luder!« Die Wut rinnt den

Unmenschen über die Backen, den entblößten Hals hinab. Die Rücken der

Tiere bluten vor Hieben. Wie sollen sie es anders machen? Verteidigt sie

der Schutzmann. Denn es dauern ihn die Treiber ebenso wie die Pferde.

Die Treiber, die nur zwanzig Mark verdienen pro Woche und sich so plagen

müssen mit dem Vieh. »Es ist doch mal Vieh, es ist doch zum Ziehen da!«

Ein paar Bürger stimmen ein in den bequemen Sang. Röhren sollen gelegt

werden zum Ablauf des Wassers. Die Blumen, die bald auf beiden Seiten

der Allee wachsen, müssen bewässert werden. Gibt es denn keine

Maschinen, die die Erde schließlich aufwälzen können? meint ein

sechsjähriger kleiner altkluger Ingenieur. Er hält auch eine Maschine im

kleinen aus einem Spielwarengeschäft in der Hand. Die Männer toben.

Wilde Australneger sind Engel dagegen mit ihrem Schlachtgeschrei. Ich

aber fühle ebenfalls die schwere Schuld, die die Besitzer dieser

Fuhrunternehmen trifft. Vorwurfsvoll schielen seine Knechte über die

gefräßigen Pferde auf uns: Sie hätten selbst Hunger. Endlich aber

entschließen sie sich, nach all den vergeblichen Peitschenhieben, die

Pferde umzuspannen. Zu sechsen geht es doch besser über die holprige

Strecke. »Ich hab das gleich gedacht,« gesteht der Schutzmann. »Aber

sagen Sie mal was zu den Leuten!« Wenn die lieblichen Reiterinnen im

Sommer auf ihren verwöhnten Schimmeln durch die Allee des

Kurfürstendamms reiten, wird der Geranium zu ihren Seiten rot wie die

vergossenen Blutstropfen der armen Pferde blühen. Sie hatten alle

traurige Augen und ließen die Köpfe hängen.

Gesichte: Essays und andere Geschichten · 第 16 / 87 题