I. Verkehrszustände um 1700

Der plötzliche Aufschwung, den die mechanischen Hilfsmittel für

Personenverkehr und Warenbeförderung sowie für den Gedankenaustausch

während der letzten fünfzig Jahre durch allerlei technische

Entdeckungen erfahren haben, läßt uns heutzutage schon fast vergessen,

daß vordem gerade im Verkehrswesen die denkbar primitivsten

Verhältnisse herrschten. Abgesehen von der Seeschiffahrt war vor dem

Ausbau des Eisenbahnnetzes von einer wirklichen Verkehrsorganisation,

die dem zeitweilig recht hohen Kulturstand auf anderen Gebieten

entsprochen hätte, nirgends die Rede, obwohl eine zeitgemäße Einführung

von Straßenbau und Pferdepost natürlich längst in weitestem Umfang

möglich gewesen wäre.

In Deutschland fehlten infolge der kleinstaatlichen Zersplitterung die

künstlichen Wasserwege und großen Straßenzüge fast vollständig, und

noch über Goethes Zeiten hinaus wurden die Freuden des Reisens zumeist

durch Unbequemlichkeiten und Entbehrungen, Ärger und Überteuerung mehr

als aufgehoben. Den wenigsten Zeitgenossen kam freilich zum Bewußtsein,

daß dies eigentlich auch anders sein könnte. Gegenüber der allgemeinen

Teilnahmlosigkeit vermochte also nur eine besonders weitreichende

allmächtige Faust, wie sie Napoleon besaß, den Ausbau größerer

Chausseen zu erzwingen.

Wer heute durch einen kurzen Ruf des Haustelephons seinen Kraftwagen

binnen wenigen Minuten vorfahren läßt und dann Hunderte von Kilometern

auf glatten Straßen im bequemen Polstersitz rasch und sicher durcheilt,

oder wer – in bescheidenerer Weise – die Massenbeförderungsmittel von

Eisenbahnen und Flußdampfern benutzt, vermag sich wohl kaum noch eine

wirkliche Vorstellung davon zu machen, welch ein Entschluß oder welche

Vorbereitung und Ausrüstung noch in Großvaters Zeiten zu einer einzigen

solchen Fernfahrt gehört hätte. In weit höherem Maße gilt das natürlich

für die früheren Jahrhunderte, in denen wirkliche Kunststraßen ein

unbekannter Begriff waren.

Alle älteren Reisebeschreibungen gehen entweder mit stillschweigendem

Fatalismus über das Unvermeidliche ganz hinweg oder nehmen gerade

damit einen breiteren Raum ein, als dem Zweck einer Vergnügungsfahrt

eigentlich entsprechen sollte. Körperliche Beschwerden durch harten

Sitz und schlechtgefederte Karossen, durch holprige Wege und endlose

Fahrdauer, durch Kälte und Wind, Staub und Hitze verknüpften sich mit

dem tausendfachen Ärger über unpünktliche, ungeschickte, betrunkene

und grobe Fuhrknechte, über Erpressungs- und Prellversuche, über

Paßkontrolle und Wegegelder. Vielfach kam auch noch die Angst vor der

Unsicherheit des platten Landes und das geringe Verständnis hinzu,

dem der Fremde gegenüber der Wichtigtuerei der Ortsbehörden zumeist

begegnete.

Der Reiseverkehr hielt sich deshalb selbst bei den wohlhabenden

Kreisen in allerbescheidensten Grenzen. An solchen Stellen jedoch, wo

der Verkehr über Land eine wirtschaftliche Lebensnotwendigkeit war,

mußten die Besserungsmaßregeln mit der Entwicklung des Verkehrs trotz

alledem Schritt zu halten suchen. Es nimmt infolgedessen nicht wunder,

daß der Leipziger Rat zur Förderung des Meß- und Handelsverkehrs

weit über seine Kompetenz als Stadtverwaltungsbehörde hinaus zu

allererst und in weitschauendster Weise den Gedanken eines geregelten

Postfuhrwesens in die Tat umsetzte. Unterstützt von der Großhandelswelt

ganz Deutschlands gelang es schon am Ende des vierzehnten Jahrhunderts

für Briefbeförderung ziemlich geregelte Reit- und Läuferposten bis

nach Hamburg, Augsburg, Nürnberg, Wien, Cölln (Berlin) und anderen

Handelsplätzen einzuführen. Sehr bald wurde der Dienst auch über die

Reichsgrenzen, besonders nach Italien und den Niederlanden ausgebaut,

so daß vor dem Beginn der dreißigjährigen Kriegswirren bereits ein

mustergültiger Botendienst in Leipzig zusammenlief, von dem viele Teile

des deutschen Reiches gleichfalls Vorteile bezogen.

Die Beziehungen, die zwischen den unzähligen großen und kleinen

Fürstenhöfen bestanden, lenkten die Aufmerksamkeit intelligenterer

Machthaber sehr bald auf die neue Einrichtung. Im Kurfürstentum

Sachsen verdichtete sich dieses Interesse sogar so weit, daß seit 1500

Versuche zum Betrieb einer eigenen Hofpost gemacht und statt dieses

verunglückten Unternehmens im Jahre 1613 die mustergültige Leipziger

Ratspost mit einem kurfürstlichen Postmeister besetzt, d. h. nach

heutigem Sprachgebrauch kurzerhand verstaatlicht wurde.

Die andauernde Geldverlegenheit der Fürstenhöfe brachte es dann

natürlich auch sehr bald mit sich, daß das Postregal, genau wie jeder

andere Staatsbesitz, allerwärts verpfändet oder verpachtet wurde. Die

italienische Familie der Taxis aus Bergamo machte sich dies seit dem

sechzehnten Jahrhundert zunutze und brachte nach und nach den größten

Teil des europäischen Brief- und Fahrpostverkehrs so sicher in ihre

Hand, daß ihre allerletzten Privilegien wohl erst durch die Revolution

von 1919 beseitigt worden sein dürften. Das Haus Thurn und Taxis

verdankt seinen Vorfahren neben reichen Besitztümern in allen Ländern

die Erhebung in Adels-, Grafen- und Fürstenstand, es hat sich aber

auch den Dank Europas verdient, denn ohne seine zielbewußte private

Geschäftsgewandheit wären Verkehrsbeziehungen zwischen den machtlosen,

widerstrebenden Staatsgebilden von damals kaum möglich gewesen.

Freilich mußten auch diese Bemühungen in einer gewissen Halbheit

stecken bleiben, solange der Ausbau großer Verbindungswege noch nicht

zu den Aufgaben des Kulturstaates gerechnet, sondern der Einzelsorge

anliegender Gemeinden überlassen wurde.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XI, Heft 4-6 · 第 13 / 65 题