Herr Reuter antwortete umgehend, die luxemburgische Vertretung stehe
zur Verfügung des Hohen Rates.
Am 27. Mai kam die Nachricht, der Viererrat werde die Vertreter des
Großherzogtums am Mittwoch, 28. Mai, gegen 4 Uhr nachmittags empfangen.
In der Kammer ging es beim Bekanntwerden dieser Meldung wieder einmal
nicht ohne Widerstand ab.
Vorerst gelte es, so führten die beiden Linken aus, zu untersuchen,
wer das Recht habe, als Vertreter des Landes vor dem Hohen Rate zu
reden. Die Regierung nicht, jedenfalls nicht allein; denn sie vertrete
in der Kammer nur eine Partei und nur einen Teil des Landes. In der
feierlichen Stunde aber müßten in Paris sämtliche Schichten der
Bevölkerung vertreten sein.
Sie stellten also durch den Mund des Herrn Brasseur den Antrag, die
nach Paris zu entsendende Vertretung solle zusammengesetzt werden aus
Abgeordneten sämtlicher Parteien sowie aus mehreren Mitgliedern der
Regierung.
Diese Tagesordnung wurde abgewiesen mit 31 Stimmen gegen 15.
Die Rechtspartei ihrerseits schlug folgendes zur Abstimmung vor: „Die
Kammer billigt die Erklärungen der Regierung und hofft, daß es ihr
gelinge, vor der Friedenskonferenz der Stimme des luxemburgischen
Volkes Gehör zu verschaffen und die gerechten Wünsche des Landes zur
Annahme zu bringen."
43 Stimmen bei 2 Enthaltungen billigten dieses Vertrauensvotum, sodaß
die von der Regierung bezeichnete Abordnung tatsächlich doch im Namen
des gesamten Volkes reden durfte.
Wir reisten noch denselben Abend ab, Herr Staatsminister Reuter,
Geschäftsträger Staatsrat Leclère, Geschäftsträger Staatsrat Lefort
und ich. Als Sekretär ging mit Herr Regierungsrat Funck.
* * * * *
Am 28. Mai fuhren wir um die angegebene Stunde an Wilsons Quartier,
dem Haus de Croisset-Bischoffsheim an der +Place des Etats-Unis+,
vor.
Bei unserm Eintritt trat die Wache, schlanke, stramme Sammies, ins
Gewehr.
Das Haus, das sich Wilson zur Residenz ausgewählt hatte, durfte sich
sehen lassen.
Gleich auf der Treppe bleckt uns ein gefleckter Tiger aus buntem
Marmor entgegen; dem andern Tiger sollten wir in einigen Minuten
gegenüberstehen.
An der Mauer glüht in satter Farbenpracht eine mythologische
Jagdszene. Der rotgestiefelte Jägerfuß auf dem schwarzen Vorderbein
des gefällten Keilers sprüht.
Ein amerikanischer Diener leitet uns ins Vorzimmer und ersucht zum
Sitzen. Der Mann hält unentwegt eine Zigarette zwischen den Zähnen und
bläst den Rauch gottvergnügt vor sich hin. Wir sind doch in Amerika!
Unter der Zimmerdecke laufen pompejanische Friese in sanfter
Abtönung. Über der Türe blinkt die Erdkugel in Gold, zwischen zwei
kranztragenden Genien.
Drunten im Garten flutet Sonnenschein. Kastanien schatten, Goldregen
glüht, Efeu umsäumt die Beete, aus denen weiße Blumen heraufschimmern.
Wir müssen längere Zeit warten. Die Türe zum Hauptsaal steht offen.
Unser Zeremonienmeister rückt die Stühle und Sessel und dampft weiter.
Der Saal liegt im Zwielicht; aber ein Frauenbildnis leuchtet her; es
gemahnt an Velasquez. Landschaften und andere Bildnisse bekleiden die
Wände. Über dem vornehmen Kamin prangt ein Wappen mit Lilien, von zwei
Krokodilen gehalten, die birnendicke Tränen weinen.
Dieser Anblick verführt gar leicht zu einem bittern Schluß auf das
Arge, was im Zeichen bösen Mitleids in diesen Räumen vielleicht schon
an der Menschheit verbrochen wurde. Aber lassen wir die schneidende
Ironie! Und bleiben wir getrost. Unsere Schwäche ist unsere Stärke.
Heute ist es für einen Großen keine Ehre mehr, einem Kleinen weh
und unrecht zu tun. Ein erwachsener Schlingel, ein Kraftboxer, der
ein Kind quält, verfällt der Verachtung. Wilsons Botschaft hat
die Menschheit aufgeregt und er zwingt auch einen Clemenceau zu
Rücksichten. Unter seinen Augen dürfen wir uns sicher fühlen.
So harren wir der Viermänner, der Gebieter Europas, der Herren der
Erde.
Da tritt ins Zimmer ein kleiner, schlanker, weißer Herr. Erst trippelt
er zierlich, unhörbar an uns vorbei. Dann hält er an, macht kehrt und
stellt sich vor: „~Hymans!~" Herr Reuter seinerseits nennt die
Namen der Anwesenden. Herr Hymans lächelt, lispelt einige Worte und
verschwindet im Nebenzimmer.
Endlich erscheinen die Gewaltigen. Freundlicher Händedruck begrüßt
uns allerseits; Dolmetsch und Stenographen nehmen Platz. Eine
liebenswürdige Einladung von Seiten Clemenceaus: wir setzen uns. Er
ruht in einem Lehnstuhl mit hohem Rücken, Wilson auf einem Diwan; wir
andern sitzen auf niedrigen Polsterstühlen und Sesseln.
Clemenceau weist mit einem einleitenden Wort auf den Zweck der
Zusammenkunft hin und erteilt Herrn Reuter, der zu seiner Rechten
sitzt, das Wort.
Inzwischen habe ich Muße, die allmächtige Vierheit zu mustern.
~Clemenceau~ macht trotz seiner 80 Jahre einen frischen Eindruck.
Unter den grauen Brauenbüscheln dringt aus den schräggeschnittenen
Augen ein fester Blick scharf hervor. Der hängende graue Schnurrbart
unterstreicht den mongolischen Ausdruck des Gesichts. In der massig
untersetzten Gestalt und bei der fast orientalischen Starre in
Antlitz und Haltung erinnert der mächtige Greis an einen imposanten
chinesischen Obermandarin mit der weltüberlegenen Seelenruhe eines
Buddha.
Clemenceau trägt graue Handschuhe, die er nicht ablegt. Beim Sprechen
beugt er das Haupt an die hohe Lehne zurück, legt die grauen Hände auf
die Stuhlarme und spricht bald mit geschlossenen Augen, als gehe er
innern Gefühlen nach, bald mit geradeaus gerichtetem Blick, als sehe
er über die Häupter der Anwesenden hinweg in grenzenlose Weiten. Er
spricht langsam, klar und gewählt. Die Rede ergießt sich anfangs etwas
eintönig, schwillt an, fließt lebhaft, behauptet bestimmt, entscheidet
stark, fordert mit metallischer Resonanz. Keine längere Pause
unterbricht die Satzfolge. Jedes Wort ist überlegt und findet sich
wie von selbst an seinen Platz. Die Aufmerksamkeit ist mit dem ersten
Wort gefesselt und bleibt wach. Dabei ruhen die Hände fast beständig
um die Stuhllehne; selten nur lösen sie sich zu einer kurzen,
kraftvollen Geberde. Bei einer persönlichen Wendung kann das graue
Auge ungemein freundlich aufleuchten und lächeln, und aus der Rede
plaudert einschmeichelnde Vertraulichkeit. Der kühle Berechner, dessen
Sarkasmus so rücksichtslos beißen kann, wird dann zum herzgewinnenden
Zauberer.
Der viel jüngere ~Wilson~ sieht hinter seinem Tischchen auf
dem breiten Sofa ungleich älter aus. Der schlanke Herr in Schwarz,
mit dem hagern, glatten Gesicht scheint eitel Feierlichkeit, ein
Professor, der stark an den Reverend mahnt. Müdigkeit friert über
dem Antlitz und Starre fesselt seine Haltung. Das Auge ruht glanzlos
hinter dem Glas. Von den schmalen bleichen Lippen graben sich tiefe
Furchen hinunter. Die Wangen sind grau und schlaff. Dieser Mann
scheint in den letzten Wochen Erschütterndes durchlebt zu haben.
Geheime Leiden und schlaflose Nächte haben seinen Zügen ihren scharfen
Stempel eingedrückt. Sein Antlitz trägt den fahlen Widerschein all
der Enttäuschungen, die er innerhalb weniger Wochen auf europäischem
Boden erleben mußte. In ihm wurde der Idealismus wieder einmal das
Opfer der Politik. In der Weltentfremdung seiner Gedanken entwarf sich
der Professor ein Programm, das seinen Inhalt und seine Zuversicht
schöpfte aus den amerikanischen Vorstellungen von Demokratie und
Freiheit, unter Mißachtung der Hemmnisse und Schwierigkeiten, denen
seine Verwirklichung begegnen mußte. Wie er, so kannten auch seine
nächsten Vertrauten sich nicht aus in den Mitteln und Winkelzügen der
europäischen Staatskunst. Den Meistern im Ränkespiel am grünen Tisch
war der „reine Tor" aus dem weißen Haus nicht gewachsen. Clemenceau
und Lloyd George haben seine Unschuld verstrickt und seine auf den
vierzehn Artikeln aufgebaute Welt des Völkerrechts und Völkerfriedens
untergraben. Worin Wilson eine heilige Sendung erblickte, daraus
machten diese beiden Realisten ein Geschäft im großen. Wo er
allgemeine schöpferische Gedanken vertrat und Menschheitsprinzipien
aufstellte, da verfolgten George und Clemenceau ihren nationalen
Sondervorteil, holten sich Revanche für die Vergangenheit und sorgten
rücksichtslos für die Zukunft.
Wie es diesem Manne mit allem heiliger Ernst ist, verrät seine
gegenwärtige Haltung zur Genüge. Regungslos sitzt er und horcht auf
eine Rede, deren Französisch er nicht versteht. In bestimmten Pausen
kommt der Dolmetsch zu Wort. Dann lauscht Wilson mit gespannter
Aufmerksamkeit. Man merkt: dieser Mann fühlt sich verantwortlich; er
sucht, wo das Recht ist.
Heute, wo nach einem vorzeitig tragischen Zusammenbruch seine
Körperlichkeit dahin ist (dagger 2. II. 1924), denke ich dieses
Idealisten mit noch stärkerem Mitgefühl. In jenen Tagen richteten sich
an seiner Anwesenheit Millionen auf; die Herzen und die Hoffnungen
der Nationen hingen an seinem Mund und seinen Augen. Er ist auch
schließlich meinem Land ein Retter geworden.
Unter all den Persönlichkeiten, die auf der politischen Weltbühne
der Nachkriegszeit in Paris bei der größten Tragikomödie der neuen
Geschichte fördernd und hemmend, drohend und schachernd, zersetzend
und zerstörend mithalfen, steht er als ein leidender Held.
Wilson kam Ende 1918 übers Weltmeer als der erwartete Erlöser des
alten in seinem Kern erschütterten Europas. Da er in Cherbourg ans
Land stieg, jauchzten ihm die Völker zu als dem Moses, der sie unter
Vorauftragen der Tafeln seiner Vierzehn Gebote in das gelobte Land der
Völkerverbrüderung führen sollte. Aber die dunkeln Mächte gewannen
Macht über ihn. Statt aus der Höhe Herrscherworte zu reden, wozu ihn
seine Stellung als Oberhaupt des mächtigsten Volkes befähigt hätte,
ließ er sich von dem schlauen Clemenceau hinter den Beratungstisch
bannen, gab damit die Führerstellung an diesen selbst ab, geriet, bei
seiner Unkenntnis der französischen Sprache, in manche Verlegenheiten,
machte Zugeständnisse, wurde sich untreu, sank in Scham und Schwäche.
Er war gekommen, um unter den Streifen des Sternenbanners die hohe
Botschaft der Völkerrechte und des Menschheitsfriedens zu verkünden
und zu gründen. Er brachte übers Meer nach Haus den -- Friedensvertrag
von Versailles, für das 20. Jahrhundert vielleicht ein noch
schlimmeres Geschenk als es der hundert Jahre früher geschlossene
Wiener Vertrag für das 19. Jahrhundert gewesen ist. In Präsident
Wilson wurde hinter dem grünen Tisch ein neues Mal die Menschheit
betrogen.
Da ist ~Lloyd George~ ein ganz anderer Kerl, ein durchaus
quecksilberner Geselle. Untersetzt wie Clemenceau, mit einem klaren
Blick, in dem die Sicherheit glänzt, aber auch der Frohsinn, ja der
Mutwille lacht, über dem spöttisch gerafften Mund den etwas schüttern
grauen Schnurrbart, das lange, dünne Haar glatt zurückgestrichen, den
Kneifer am breiten Band, so hält er sich schweigsam im Hintergrund,
so belauscht er listig die Fremden, so schiebt er sich manchmal zu
Wilson hin und wechselt mit ihm lächelnd ein leichtes Wort; beim Gehen
schleift ein Fuß leicht nach. Von sämtlichen Anwesenden empfand ich
in jener Stunde Lloyd George als den Schläuling, der sich mit den
besondersten Gedanken trägt.
An ihm und den beiden Kollegen gemessen scheint ~Orlando~ das
leichte liebe Weltkind, das es im Leben nie ganz schwer gehabt hat und
dem nicht so rasch etwas durch die steife Hemdbrust an die Seele geht.
Wohlgepflegt, selbstzufrieden, gesund, ein gutmütiger Onkel, so sitzt
er da, tut als ob er besonnen zuhörte, läßt den goldenen Bleistift an
der Uhrkette um den Zeigefinger wirbeln und lächelt angenehm in die
Luft.
Herr ~Hymans~ darf wohl auf besondere Einladung hin als Fünfter
im Bunde thronen. Er scheint sich nicht besonders wohl zu fühlen. Dem
Gedankengang des Herrn Reuter folgt er mit spitzer Aufmerksamkeit.
Nach den ersten Worten Clemenceaus spielt in seinen Mienen eine
geheime Unruhe. Wenn des Alten Darlegung einen unvorhergesehenen
Gedankensprung macht, wird sein Gesicht zusehends länger. Bei
bestimmten Zusagen des Unberechenbaren schaut er verdrießlich, fast
betrübt. Seine ganze Person umfröstelt Kälte.
Ich sehe Herrn Hymans, ich denke zugleich seines Freundes Orts und mir
schießt durch den Sinn: „Trau ihnen nicht, sie meinen's falsch!"
Staatsminister Reuter findet mit den ersten Worten seiner längern Rede
eine natürlich sichere Haltung. Seine Sätze fließen klar und bestimmt.
Er macht sichtlich einen guten Eindruck. Clemenceau besonders folgt
seinen Worten mit ermunternder Freundlichkeit.
Über die Verhandlungen wurde ein Protokoll aufgesetzt, das ich hier
anfügen will. Dabei sind Herrn Reuters Ausführungen etwas gekürzt.
~Clemenceau~: Meine Herren, Sie haben den Wunsch ausgedrückt, von
uns gehört zu werden. Wir sind bereit, Ihnen das Wort zu geben. Im
Namen der Mächte und meiner Regierung danke ich Ihnen, daß Sie unserer
Einladung nachgekommen sind.
Reden Sie, bitte, ohne Vorbehalt. Sie stehen vor Männern, die
der Gerechtigkeit in einer friedlichen Ordnung nachstreben. Wir
werden handeln gemäß dem durch den Präsidenten Wilson festgelegten
Grundsatz: Der allgemeine Friede muß aufgebaut werden auf dem freien
Selbstbestimmungsrecht der Völker.
Ohne jeden Hintergedanken, mit dem größten Freimut werden wir
Sie fragen. Sie geben Ihre Antwort in voller Freiheit. Unsere
Unterstützung ist Ihnen gewiß.
~Reuter~: Der Rat der Mächte begreift meine Bewegung in der
Minute, da ich vor Ihnen das Wort ergreifen soll. Ich danke den hohen
Herren vorerst für die freundliche Einladung an uns, die Wünsche des
kleinen Luxemburger Volkes vor der Friedenskonferenz darzulegen.
Vor ihrer Abreise nach Paris hat die luxemburgische Regierung mit der
Kammer Fühlung genommen. Sie hat in den großen Zügen das Programm
entworfen, das sie hier zu entwickeln gedenkt und dafür bei der Kammer
einstimmige Billigung gefunden. Unsere Abordnung spricht also im Namen
unseres ganzen Volkes.
Das Luxemburger Volk wünscht vor allem sein eigenes, unabhängiges
und selbständiges Dasein in möglichst enger Freundschaft mit den
verbündeten Mächten fortsetzen zu können. In dieser Unabhängigkeit
hat es von jeher seinen kostbarsten Schatz gesehen und es hat, seiner
Ansicht nach, nichts getan, um dieses großen Gutes beraubt zu werden.
Es hat den der Friedenskonferenz übermittelten Wunsch geäußert, in
den Völkerbund aufgenommen zu werden. In seinem Namen ersuchen wir um
Kenntnisgebung der besondern Bedingungen, die Luxemburg zu diesem
Eintritt auferlegt werden können.
Die Gestaltung und die Einrichtung unserer innern Staatsform wollen
wir in Freiheit regeln. Um unsere Staatsform auf der breitesten,
festesten und demokratischsten Grundlage zu errichten, beschlossen
wir, unsern Willen mit dem feierlichen Nachdruck des Referendums
zu äußern. Die von unserer Kammer bereits genehmigte politische
Volksbefragung wird zwischen Republik und Monarchie entscheiden und
sich über die Beibehaltung der Dynastie aussprechen.
Das luxemburgische Volk wagt zu hoffen, daß die Großmächte der
so getroffenen Lösung ihre Zustimmung nicht versagen. Diese
Hoffnung stützt sich auf den Grundsatz, auf den der Präsident der
Friedenskonferenz soeben hingewiesen hat.
Aus der kürzlich erfolgten Bekanntgabe der Friedensbedingungen
erfuhren wir, daß die Konferenz an die Abschaffung unserer Neutralität
denke, die 1914 allerdings durch eine der Garantiemächte verletzt
wurde. Das luxemburgische Volk möchte erfahren, welche Folgen
diese Aufhebung für unsere inländischen sowohl wie internationalen
Verhältnisse haben dürfte.
Hinsichtlich unserer wirtschaftlichen Orientierung wurde der
Friedenskonferenz bekannt gegeben, daß jede Beziehung zum deutschen
Zollverband endgiltig von uns gelöst ist. Aus diesem Wechsel ergibt
sich notwendigerweise eine Wendung nach den Ententemächten, wie sie
seit den ersten Tagen des Waffenstillstands in den Wünschen unserer
Regierung lag.
Die ideale Lösung dieser Frage bestände nach luxemburgischer
Auffassung in einem wirtschaftlichen Zusammenschluß mit Frankreich
und Belgien. Wir stehen zur Besprechung dieser Frage mit den beiden
Regierungen bereit.
Unsere sämtlichen Bevölkerungsklassen, Erzeuger und Verbraucher,
begrüßen in diesem Bündnis eine ideale Lösung. Eine von der Regierung
ernannte Studienkommission aber kam zu dem Schluß, daß dem Vorteil
der meisten Berufsgruppen in unserm Lande durch den wirtschaftlichen
Anschluß an Frankreich besonders gedient werde.
Diese Schlußfolgerung wurde seitdem lebhaft in Presse und Parlament
erörtert.
Wir haben die französische und die belgische Regierung von unsern
Absichten verständigt.
Belgien ließ uns wissen, es wünsche wegen eines Wirtschaftsbündnisses
mit uns zu verhandeln. Diese Besprechungen haben vor ein paar Wochen
begonnen und dauern an.
Die französische Regierung hatte uns im Monat Januar erklärt, die
allgemeine Lage scheine ihr nicht zu gestatten, schon jetzt solche
Verhandlungen anzuknüpfen; im günstigen Augenblick aber sei sie
bereit, den Antrag mit dem größten Wohlwollen zu prüfen.
Verschiedene wirtschaftliche Gruppen unseres Landes haben sich
ebenfalls mit der Frage beschäftigt. Mit einer einzigen Ausnahme
haben sich unsere Landwirtschaftsverbände für eine wirtschaftliche
Gemeinschaft mit Frankreich erklärt.
Unsere Eisenindustrie wünscht den wirtschaftlichen Bund mit beiden
Ländern; so sichert sie sich auch für die Zukunft die erforderlichen
Erze und ein möglichst weites Absatzgebiet. Bei Frankreich besonders
wird sie jedenfalls um den Vorzug nachsuchen, die Erze zu denselben
Bedingungen wie die benachbarte lothringische Eisenindustrie beziehen
zu dürfen.
Der Verband der landwirtschaftlichen Vereine erblickt in Frankreich
unsere natürliche Bezugsquelle für Kali und Sämereien. Auch dürften
die Erzeugungsverhältnisse in der luxemburgischen Landwirtschaft den
lothringischen Verhältnissen entsprechen.
Die luxemburgische Regierung bittet die Friedenskonferenz, Deutschland
zur zollfreien Einfuhr bestimmter landwirtschaftlicher Artikel zu
verpflichten, denn eine gebührenfreie Einfuhr bleibt während der
Übergangszeit für unsere Landwirtschaft eine Lebensfrage.
Wäre ein wirtschaftlicher Anschluß an die beiden Nachbarländer nicht
zu erreichen, so wünscht die Regierung unumstößlich feststellen
zu lassen, nach welcher Seite das wirtschaftliche Interesse des
Landes überwiegend neigt. Sie hat deshalb, im Einverständnis mit dem
Staatsrat, die Kammer mit einer Vorlage über die Abhaltung eines
wirtschaftlichen Referendums befaßt. Auf diesem Wege soll eine seit
Monaten im Lande erörterte Streitfrage endgiltig entschieden werden.
Unsere Bevölkerung hofft die beiden Länder, mit denen es verhandeln
möchte, durch diesen Ausdruck seines nationalen Willens leichter zur
Kundgebung ihrer Absichten zu bewegen.
Wir bitten die Konferenz, dem Großherzogtum den Weg zu Besprechungen
und Verhandlungen mit den beiden Ländern möglichst frei zu machen,
damit die Lösung dieser Frage in aller Sachkenntnis und Freiheit
getroffen werden kann.
Wir ersuchen zugleich den hohen Rat um Unterstützung unserer Ansprüche
auf Ersatz der dem Großherzogtum durch die deutsche Besetzung
verursachten Schäden. Unsere zukünftigen wirtschaftlichen Verbündeten
werden diese Ansprüche gewiß befürworten.
Ich hege die feste Zuversicht, daß die Wünsche meines kleinen Landes,
das sich beständig der Freundschaft und des Schutzes der Ententemächte
erfreuen durfte, bei den Vertretern der Großstaaten ein geneigtes Ohr
finden. Ich schmeichle mich der Hoffnung, daß der Rat der Mächte,
gemäß der so liebenswürdigen Zusicherung des Präsidenten Wilson, sein
Möglichstes tun wird, um den Wünschen des luxemburgischen Volkes zu
willfahren.
~Clemenceau~ (nach einem kurzen Seitenblick auf Herrn Hymans):
Wenn sich niemand zum Worte meldet, so will ich der luxemburgischen
Abordnung einiges zur Erwiderung sagen.
Drei Fragen wurden von ihrem Vorsitzenden gestellt.
Herr Reuter scheint vorerst darüber erstaunt, daß wir die Frage der
Neutralität aufgeworfen haben.
Die Erklärung ist einfach. Der Krieg hat bewiesen, daß die Neutralität
einen ungenügenden Schutz ausmacht. Belgien und Luxemburg haben das
erfahren. Es ist daher ganz natürlich, daß die Friedenskonferenz zu
der Ansicht kam, diese Frage müsse vorher geregelt werden. Das ist
alles, was ich über den Punkt sagen darf, und ich bin überzeugt, damit
den Gedanken meiner Kollegen auszudrücken.
Inbezug auf den zweiten Punkt täte es mir unendlich leid, wenn
die luxemburgische Regierung eine Art Mißachtung von seiten der
französischen Regierung in der Tatsache erblickte, daß diese sich noch
nicht zu wirtschaftlichen Verhandlungen bereit gefunden hat. Ich will
mich in aller Aufrichtigkeit aussprechen und ich hoffe (mit einem
flüchtigen Blick auf Hrn. Hymans), niemand der anwesenden Herren wird
sich verletzt fühlen, daß ich so rede. Wir wünschen zum Volk und zur
Regierung Luxemburgs die besten Beziehungen zu unterhalten. Sie sind
uns wohl bekannt. Groß ist die Zahl der Luxemburger in Paris und in
Frankreich; viele haben freiwillig ihr Blut auf Seiten der Verbündeten
vergossen. Diese Tatsache können wir nicht vergessen; ich halte
darauf, das zu betonen.
Das alles aber rührt an die allgemeine Politik. Wir wollen mit dem
Volke Luxemburgs auf dem besten Fuße stehen, aber wir wünschen, es
auch mit dem belgischen Volke ähnlich zu halten. Belgien ist in den
Kampf eingesprungen mit einem opferfreudigen Eifer, dem immer neues
Lob gebührt. Wir bewahren ihm eine große Dankbarkeit und wir sind
darauf bedacht, daß der Friede die durch diese Waffenbrüderschaft
geknüpften Bande noch enger und fester ziehe. Die Freundschaft
Belgiens war uns während des Krieges von größtem Wert. Sie bleibt es
während des Krieges. Wir wünschen besonders, daß bei allen unseren
Besprechungen mit Luxemburg auch Belgien sein Wort mitreden darf.
Weil uns aber die politische Lage noch nicht genügend geklärt
erschien, weil so manche Vorurteile noch nicht gehoben waren, hielten
wir es für nützlich, die bewußten Verhandlungen aufzuschieben. Einen
andern Grund für diesen Aufschub gibt es nicht.
Nun verstehen Sie auch das Gefühl, das uns bestimmte, Sie um
die Vertagung des wirtschaftlichen Referendums zu ersuchen. Wir
erachteten es als notwendig, den Geistern Zeit zur Beschwichtigung
zu geben, sowie eine heikle Frage, an der Luxemburg, Belgien und
Frankreich gleichermaßen beteiligt sind, nach ihren verschiedenen
Seiten zu betrachten. Es hätte uns tief geschmerzt, wenn der Wille
des luxemburgischen Volkes laut geworden wäre, bevor sich über das
jüngste große Kriegsgeschehen die verschiedenen Meinungen in Ruhe und
endgiltig hätten bilden können.
Deshalb, und wenn ich das in meinem persönlichen Namen ausspreche,
so weiß ich mich nach der zwischen uns gepflogenen Aussprache in
Übereinstimmung mit meinem Kollegen, deshalb bitte ich Sie, das
wirtschaftliche Referendum aufzuschieben. (Wilson stimmt eifrig zu.
Clemenceau wirft Herrn Reuter einen freundlichen Blick zu und legt ihm
die Hand zutraulich auf den Arm.) Die wirtschaftlichen und politischen
Fragen müssen als innerlich verwandt nach ihren verschiedenen Seiten
untersucht werden; wir würden uns alle behindert fühlen, wenn diese
Untersuchung nicht vollständig wäre. Mein Land wenigstens würde damit
in Verlegenheit sein, seine Ansicht in Freiheit zu äußern. Schließlich
läge es auch nicht im Vorteil des luxemburgischen Volkes selbst,
wenn es darauf bestände sich auszusprechen, ehe sämtliche damit
zusammenhängenden Fragen erledigt wurden.
Geben Sie sich doch, bitte, Rechenschaft von den Verhältnissen,
unter denen diese Konferenz zusammentrat. Wir kommen eben aus dem
furchtbarsten und blutigsten Krieg, den die Weltgeschichte kennt;
wir kamen hieher mit einem Programm, wie es sich schwieriger noch
für keine solcher Versammlungen gestellt hat. In Europa, in Asien,
in Afrika standen alle Fragen offen. All die alten Verbrechen der
Geschichte mußten mit ihren unseligen Auswirkungen vor unsern
Schranken erscheinen. Aus dem heißen Wunsch heraus, einen Frieden
der Gerechtigkeit zu schließen, damit es ein dauernder Friede werde,
mußten wir, und damit sage ich nichts, was Sie verletzen könnte,
vorerst an brennendere Grundfragen herantreten, bevor wir uns der
luxemburgischen Frage zuwenden konnten.
Aus dieser Gesinnung heraus ersuchten wir Sie um den Aufschub.
Ich bin glücklich darüber, denn gewisse Unstimmigkeiten, gewisse
Meinungsverschiedenheiten wegen Luxemburgs, scheinen ihrer
Beschwichtigung entgegenzugehen. Dieses glückliche Ergebnis wird der
ganzen Welt und an erster Stelle Luxemburg selbst zugute kommen.
(Lloyd George lehnt wie schlafend, mit geschlossenen Augen im
Sessel. Wilson beschreibt einen schmalen Zettel und läßt ihn zu ihm
hinüberbringen. Lloyd George wird munter, liest, lächelt, geht langsam
und schleppenden Ganges zu Wilson hin; beide tuscheln miteinander und
schmunzeln; dann kehrt der Premier unauffällig zu seinem Platz zurück.)
Es bleibt nun noch der wirtschaftliche Zusammenschluß. Ihr Volk,
Ihre Eisenindustrie, Ihre Landwirtschaft besonders würden, wie
Sie erklärt haben, aus einem Zollbündnis mit Frankreich Vorteil
schöpfen. Zugleich möchten Sie, wie nicht minder auch wir, die
wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Belgien, Frankreich und
Luxemburg zusammenschließen.
Über diesen Punkt fordere ich Sie nun zu einer Aussprache auf. Ich
freue mich, daß Sie gekommen sind. Ich freue mich auch, daß Herr
Hymans zugegen ist. Wenn Ihnen an einer Besprechung zu dreien wegen
der wirtschaftlichen Ordnung gelegen ist, Frankreich ist bereit, dabei
das erste Wort zu reden.
~Hymans~: Wir haben die luxemburgische Regierung wissen lassen,
daß wir bereit sind, mit ihr zu verhandeln. Wir haben mit diesen
Besprechungen begonnen; sie berühren ausschließlich wirtschaftliche
Fragen.
~Clemenceau~: Ich wünsche nichts anders. Es würde mir sehr leid
tun, wenn ich Ihnen bei Ihrer Aussprache zu zweien als Eindringling
erschiene. Ich werde mich, wenn nötig, mit der geziemenden Rücksicht
zurückzuziehen wissen. Da sich aber der Präsident der luxemburgischen
Regierung mit einer Bitte an mich gewandt hat, und zugleich mit
einem leichten Vorwurf darüber, daß ich nicht früher habe antworten
wollen, so erkläre ich, daß wir glücklich wären, zu dem Anschluß zu
dreien zu gelangen. Nichts kann zwischen der arbeitsamen Bevölkerung
Nordfrankreichs, Luxemburgs und Belgiens einen dauernderen Frieden
herbeiführen, als dieses wirtschaftliche Bündnis. (Zu Hrn. Hymans.)
Ob Sie diese Auffassung teilen, weiß ich nicht; aber es ist die meine.
Um dem Vorwurf zu entgehen, als wollten wir das in Vorbereitung
begriffene Einvernehmen zwischen Ihnen stören, haben wir eben nicht
früher antworten wollen. Wollen Sie uns aber einen dritten Sitz im
Bunde anbieten, so werden wir glücklich sein, unsere Freundschaft
darauf niederzulassen. (Lächeln. Herr Hymans blickt verlegen.)
Ich habe diesen Worten nichts anzufügen. Sie, meine Herren, sind
durchdrungen von dem Bewußtsein Ihrer Rechte, die Sie aufrechthalten
wollen. Wie die Bevölkerung Nordfrankreichs und Belgiens sind auch Sie
ein Volk des wohlgeregelten Fleißes. Das neue Europa kann sich nur
durch die Disziplin der Arbeit erhalten. Könnten diese drei Völker
dazu das Beispiel geben und mit Hintansetzung aller Eifersucht aus der
Vergangenheit zusammen eine feste wirtschaftliche Ordnung schließen,
so bedeutete das für den Frieden der Welt, bei dessen Herbeiführung
die Konferenz stolz ist mitzuhelfen, einen großen Gewinn. (Beifall der
HH. Wilson, Lloyd George und Orlando.)
~Reuter~: Die luxemburgischen Vertreter stimmen dem Vorschlag
des Präsidenten der französischen Regierung mit Freuden zu. Der
wirtschaftliche Anschluß zu dreien wäre in den Augen Luxemburgs eine
ideale Lösung und entschieden zum Vorteil der drei Länder.
Die zwischen Belgien und Luxemburg bisher gepflogenen Besprechungen
verfolgen den Zweck gegenseitiger Aufklärung. Es sollten die
Grundbedingungen für einen etwaigen Vertrag gefunden werden. Nichts
dürfte, unserer Auffassung nach, Frankreich hindern, sich an diesen
Besprechungen zu beteiligen. Luxemburg würde, im Gegenteil, seine
Anwesenheit als ein glückliches, sämtlichen Beteiligten dienliches
Ereignis begrüßen.
Der Herr Präsident erklärte auch, seiner Ansicht nach hingen
politisches und wirtschaftliches Referendum in gewisser Hinsicht
zusammen und besondere Gründe ließen den Aufschub auch des letzteren
als wünschenswert erscheinen. Da dieser innige Zusammenhang doch nicht
so ganz gebeten erscheint, wünscht die luxemburgische Regierung aufs
lebhafteste eine möglichst rasche Lösung der Frage, und es wäre diese
Lösung der innerpolitischen Gesundung des Großherzogtums äußerst
förderlich.
~Clemenceau~: Sind Sie bereit, das Referendum hinauszuschieben?
~Reuter~: Die Kammer hat uns ermächtigt, diesem Wunsch der
Großstaaten zu willfahren.
~Hymans~ (zögernd und leise): Ich habe der vornehmen Sprache
des Herrn Clemenceau mit Aufmerksamkeit gelauscht. Er empfiehlt eine
wirtschaftliche Einigung zwischen Frankreich, Luxemburg und Belgien.
Es ist das ein neuer Gedanke, der plötzlich auftaucht. Politisch wie
wirtschaftlich ist er von entscheidender Bedeutung. Ich kann mich in
diesem Augenblick nicht dazu äußern und will den Vorschlag bedenken.
~Clemenceau~ (im schlichten, klaren Tone der Entschuldigung):
Ich habe nur auf die Fragen antworten wollen, die mir von der
luxemburgischen Abordnung gestellt wurden.
~Reuter~: Die Mächte wünschen den Aufschub des wirtschaftlichen
Referendums. Doch wird unsere Kammer höchstwahrscheinlich das
Referendumsgesetz selbst verabschieden wollen.
~Clemenceau~ (wirft einen fragenden Blick auf Wilson und Lloyd
George. Nachdem Präsident Wilson verständigt worden, gibt er seine
eifrige Zustimmung. Lloyd George nickt lächelnd.): Sie regieren
bei sich, wie Sie es für gut finden. Niemand kann in Ihre Rechte
eingreifen.
~Reuter~: Auch möchte ich ein Exemplar unseres Sitzungsprotokolls
erhalten.
~Clemenceau~: Wir werden Ihnen ein Exemplar zuschicken.
~Reuter~: Wäre es mir nicht gestattet, den Bericht unserer Kammer
in geheimer Sitzung zur Kenntnis zu bringen?
~Clemenceau~ (blickt zu den Kollegen hinüber: Lloyd George zuckt
die Achsel; Wilson nickt entschlossen; Orlando lächelt in die Luft):
Aber nur unter der Bedingung, daß nichts ausgeplaudert wird. Wir
haben in dem Punkt unsere Erfahrungen mit den Journalisten und den
Parlamentariern gemacht.
~Reuter~: In öffentlicher Sitzung möchte ich aber der Kammer
in gedrängter Kürze die hier ausgetauschten Gedanken und Ansichten
andeuten, denn nur so können wir unserm Volke Rechenschaft über unsere
Sendung geben. (Allgem. Zustimmung. Schluß der Sitzung.)
* * * * *
Es war halb sieben. Wir wurden in liebenswürdigster Weise entlassen.
Wir waren, da wir hinausschritten, einer schweren Sorge ledig. Wir
hatten eine bedeutsame Stunde erlebt. Luxemburg stand nicht schutzlos
da. Und wir waren den richtigen Weg gegangen.
Heute, wo von dem Großen und Guten, was damals als möglich angekündigt
wurde, noch so gar wenig zur Tatsache werden durfte, auch heute noch
lebt trotz dieser Enttäuschung in mir das hohe Gefühl von damals nach.
Bei unserer Rückkehr in den Gasthof wurde Herrn Reuter ein Telegramm
eingehändigt.
Die „+Nationalunio'n+" in Luxemburg bat die Abordnung, beim
Viererrat die Rücküberlassung der abgetrennten altluxemburgischen
Kantone Bitburg, Neuerburg, St. Vith usw. zu beantragen.
Ein böser Zufall (oder steckte vielleicht eine böse Absicht dahinter?)
ließ die Aufforderung zu spät an uns gelangen.
* * * * *
Am folgenden Tage stattete ich mit Herrn Reuter Herrn ~Hymans~
einen Besuch ab. Ich hatte persönlich zu dem Schritt geraten, um
unserseits den besten Willen zu bekunden. Besonders herzlich war der
Empfang nicht. Das am Vorabend gemeinsam Erlebte lag uns auf den
Lippen. Aber es ward uns nicht möglich gemacht, mit einem Wörtchen
daran zu erinnern; Herr Hymans tat, als ob gar nichts geschehen wäre.
Wohl aber ging die Rede von den in Brüssel gepflogenen
wirtschaftlichen Verhandlungen und deren Fortsetzung.
Ich warf mit Absicht eine Frage über die Anerkennung der Großherzogin
Charlotte ein. Der belgische Außenminister gab den ausweichenden
Bescheid, diese Anerkennung sei eine internationale Angelegenheit, an
der Belgien nicht allein beteiligt sei.
So mußten wir uns, trotz der tröstlichen Zusicherungen aus Brüssel,
immer unsere besonderen Gedanken machen.
Ehe wir nach Hause kamen, sahen wir uns auch wieder vor das Problem
Clemenceau gestellt. Nach der Ratssitzung vom 29. Mai, so wurde uns
versichert, eilte Herr Hymans zu Herrn Pichon und führte scharfe
Klage über die Herzlichkeit, mit der Clemenceau zu den Luxemburgern
gesprochen, und besonders über die ihnen eröffneten Aussichten, die so
ganz gegen die Abmachung verstießen.
Pichon seinerseits begab sich zu seinem Herrn und Meister und machte
diesem Vorwürfe über seine impulsive unpolitische Art. Schließlich riß
Clemenceau die Geduld und er sprudelte Pichon ins Gesicht: „Geben Sie
endlich Ruhe, wie! Meinetwegen können Sie den Belgiern ganz Luxemburg
überlassen, alles, Land und Leute. Es sind ja doch lauter Pfaffen und
Boches."
Sogar wenn dieser Ausfall mehr wäre als eine der gewohnten
Clemenceau-Anekdoten oder ein fauler Journalistenwitz, so büßte der
28. Mai 1919 nichts von seiner Bedeutung für Luxemburg ein. In der
Stunde wenigstens hat Clemenceau es ganz ehrlich gemeint und hat
gesprochen, wie er fühlte. Er hat überhaupt Belgien und Luxemburg
gegenüber offen geredet und klug gehandelt. Die Belgier waren nicht
immer mit ihm zufrieden. Aber wer hätte es gewagt, sogar in der Runde
der großen Friedenskonferenz und des kleineren Zehnerrates, gegen die
kalte Schroffheit des Alten aufzumucken!
An dem Tage empfanden wir für uns, was André Tardieu, Clemenceaus
Mitarbeiter und Vertrauter, über Frankreichs Verhalten gegen Belgien
und Luxemburg ein Jahr später der Welt verraten wollte. In seinem
Buche „+La Paix+" schreibt er darüber folgendes (S. 252 ff.):
„Eine letzte und heiklere Frage war die Luxemburger Frage. Sie war
heikler, denn sie konnte, wenn man nicht darauf achtgab, zu einem
wenigstens scheinbaren Konflikt zwischen dem belgischen und dem
französischen Vorteil führen. Schon am 11. Februar 1919 erklärte Hr.
Hymans, gestützt auf die Einstimmigkeit der öffentlichen Meinung
Belgiens, sein Land denke an keine Annexionspolitik, es hoffe aber auf
den Beistand der Mächte zu einer Annäherung zwischen Belgien und dem
Großherzogtum, wie sie durch die Macht der Erinnerung und die Sorge
um die Sicherheit geboten werde. In Luxemburg andererseits näherten
sich viele von denen, die eine Änderung der Vorkriegsverhältnisse
wünschten, politisch wie wirtschaftlich Frankreich und nicht Belgien.
Ihr Wunsch fand in Paris Gehör. Viele unserer Mitbürger, und besonders
viele Abgeordnete, beriefen sich auf die zahlreichen Luxemburger,
die in unseren Reihen geblutet hatten, und stellten angesichts der
belgischen Forderungen die Vorfrage. Sie verlangten, Luxemburg müsse
sich in Freiheit aussprechen dürfen und Frankreich müsse seinem
Wunsch, dessen Sinn für sie nicht zweifelhaft war, Gehör schenken.
Schon vor dem Waffenstillstand hatte die französische Regierung den
Streit dieser beiden entgegengesetzten Strömungen verspürt. Herr
Aristide Briand hatte sich in seinem vertraulichen Rundschreiben
vom Februar 1917 über die Kriegsziele ganz allgemein und unbestimmt
ausgedrückt. Fünf Monate später aber (9. Juni 1917) erklärte der
damalige Ministerpräsident Herr Ribot dem belgischen Gesandten Baron
de Gaiffier, eine Annexion Luxemburgs liege nicht in den Kriegszielen
Frankreichs, und ermächtigte den Vertreter König Alberts, von dieser
Erklärung Gebrauch zu machen. Bei Beginn der Friedenskonferenz gab es
für die französische Politik keine andere rechtliche Unterlage als
diese verneinende Zusicherung. Trotz unserer lebhaftesten Sympathie
für das Luxemburger Volk, das 1914 von seiner Dynastie an Deutschland
ausgeliefert worden (!), seither aber den festen Willen zur Freiheit
bekundete, mußten wir unserseits naturgemäß darauf bedacht bleiben,
Belgien einen Beweis unserer Freundschaft zu geben. Während der
Verhandlungen von 1919 wurde Herr Clemenceau in verschiedenartigem
Sinn beeinflußt, aber er behandelte trotzdem diese schwierige Frage
in der einzigrichtigen Weise, d. h. durchaus ehrlich und freimütig.
Von dem ersten Tage ab sagte er den Belgiern, was er wolle und was er
tun könne. Er deutete zugleich das Einzige an, das er nicht tun könne.
Er bestätigte ohne Rückhalt das Versprechen des Herrn Ribot, indem er
sagte: „Frankreich verfolgt in Luxemburg weder offene noch versteckte
Annexionsabsichten" und fügte bei: „Frankreich wird zufrieden sein mit
jeder Abmachung, die zwischen Belgien und Luxemburg zustande kommt.
Es wird sich nicht bloß darüber freuen, sondern auch mit allen in
seiner Macht stehenden Mitteln dabei behilflich sein." Er machte nur
folgende, übrigens recht begreifliche Einschränkung: „Einigen Sie sich
mit Luxemburg, aber verlangen Sie nicht, daß ich durch eine amtliche
Handlung Sympathien abweise, die nach Frankreich neigen, und fordern
Sie nicht, daß ich die belgische Lösung aufdränge, denn diese Lösung
muß meines Erachtens aus einer freien Aussprache hervorgehen und ein
weiteres Bindemittel zwischen den drei Ländern darstellen."
Bis zu seinem Rücktritt hat Herr Clemenceau durch seine Haltung den
Belgiern die unwandelbare Aufrichtigkeit seiner Erklärungen bewiesen.
In der Frage nach der Anerkennung der luxemburgischen Regierung
weigerte er sich stets, selbst vorzugehen, weil er Belgien den
Vortritt lassen wollte. Um dem Wunsche der Belgier zu entsprechen,
ließ er am 5. März die Audienz der luxemburgischen Delegation vor dem
Obersten Rate aufschieben.
Um diese Zeit hatten sich in Luxemburg Zwischenfälle ereignet, für
welche Belgien einen französischen General verantwortlich machte:
dieser General wurde seines Amtes enthoben.
Um Belgien die vollste Handlungs- und Verhandlungsfreiheit zu sichern,
befürwortete Clemenceau zu zwei verschiedenen Malen die Aufschiebung
des politischen und des wirtschaftlichen Referendums. Als endlich
am 28. Mai der luxemburgische Staatsminister, Herr Reuter, von dem
Viererrat angehört wurde, legte der französische Regierungschef
die Sachlage folgendermaßen dar: „Wir sind Ihre Freunde und wollen
es sein. Wir wollen auch mit dem belgischen Volke, das sich mit
unvergeßlichem Heldenmut in den Kampf geworfen und sich uns dadurch
stark verpflichtet hat, auf dem besten Fuße stehen. Da die politische
Lage in Luxemburg uns nicht vollständig geklärt schien, hatten
wir vorgezogen, Sie um Aufschiebung Ihres Plebiszits und Ihres
Referendums zu ersuchen. Ich freue mich, daß wir gewartet haben.
Die Schwierigkeiten, die möglichen Mißverständnisse sind im Begriff
beigelegt zu werden. Sie wünschen eine Annäherung zwischen Frankreich,
Belgien und Luxemburg. Die Besprechungen mit Belgien haben bereits
begonnen. Wir sind bereit, daran teilzunehmen, wenn es beiderseits
gewünscht wird. Ich will mich nicht aufdrängen, aber wenn Sie unsere
Beteiligung an den Besprechungen wünschen, werden wir es mit Freuden
und in Freundschaft tun."
Unter diesen Umständen und in dieser Stimmung bearbeitete eine
Kommission, in der ich den Vorsitz führte und in der Baron de Gaiffier
Belgien vertrat, die auf Luxemburg bezüglichen Artikel 40 und 41 (des
Versailler Vertrags). Auf Grund dieser Artikel verzichtet Deutschland
auf die Vorteile aller Verträge und Abmachungen, die von 1842 bis 1902
zwischen ihm und dem Großherzogtum zustande gekommen waren. Luxemburg
trat aus dem deutschen Zollverein aus. Deutschland verzichtete auf
alle seine Rechte im Eisenbahnbetrieb und stimmte im voraus allen
Abmachungen zu, die bezüglich des Großherzogtums zwischen den Mächten
getroffen würden. Außerdem wurde Deutschland in dem 5. Zusatz zum Art.
8 verpflichtet, jedes Jahr soviele Kohlen an Luxemburg zu liefern, wie
dieses vor dem Kriege aus Deutschland bezogen hatte. Damit war die
preußische Vormundschaft endgültig erledigt und die Bahn lag frei für
den Abschluß weiterer Abmachungen .....
So wurde durch die unwandelbare Aufrichtigkeit des französischen
Regierungschefs die ruhige Behandlung einer Frage gesichert, die weder
durch Belgiens noch durch Frankreichs Schuld, aber unter dem Zwang der
Umstände, zu gewissen Zeiten Reibungen hätte hervorrufen können. Der
Weg war offen für eine endgültige und allgemeine Einigung mit unsern
Nachbarn. Das wurde kurz nachher auch amtlich festgestellt."