Zu Beginn der Sitzung vom 14. Januar verlas Staatsminister Reuter im
Namen der Großherzogin Maria Adelheid folgende Erklärung:
„Schloß Berg, den 9. Januar 1919.
Auf Grund des mir von der Regierung über die Unterredung, die sie
kürzlich zu Paris mit dem Minister für Auswärtige Angelegenheiten
hatte, erstatteten Berichtes, habe Ich beschlossen, der Krone des
Großherzogtums zu entsagen.
Bei der Erfüllung meiner Aufgabe war Ich stets beseelt von der Liebe
zu meinem Land und von dem Wunsch, zur Hebung seines moralischen und
geistigen Wohles beizutragen.
Ich wünsche deshalb, dem Luxemburger Volke jede Schwierigkeit,
die die von der Regierung zur Vorbereitung und Einrichtung der
wirtschaftlichen Zukunft des Landes mit der einen oder andern
Nachbarnation anzuknüpfenden Verhandlungen hemmen könnte, zu vermeiden.
Die Regierung wird Meinen Entschluß der Abgeordnetenkammer zur
Kenntnis bringen und Meine Abdankung wird durch deren Mitteilung in
der nächsten Sitzung des Parlamentes vollzogen sein.
In dem Bewußtsein der mit der Annahme der Krone des Großherzogtums und
durch den auf die Verfassung geleisteten Eid übernommenen Pflichten
beauftrage ich die Regierung, die zur Regelung der Thronfolge sowie
zur Sicherstellung der nationalen Selbständigkeit erforderlichen
Maßnahmen zu treffen.
In dem Augenblicke, wo das Ende des Weltkrieges das Großherzogtum
Luxemburg vor einen neuen Abschnitt seiner Geschichte gestellt hat,
habe ich meine Absicht bekundet, die Geschicke des Landes in die Hände
des Luxemburger Volkes zu legen.
Die Ausübung dieses, den kleinsten Völkern durch die Grundsätze des
neuen Völkerbundes gesicherten Rechtes wird es ihm ermöglichen, den
von ihm frei gewählten Einrichtungen die dauerhafte Grundlage zu
verleihen, die sich aus dem Gemeingefühl und der Verantwortlichkeit
aller Bürger ergibt.
Möge das Luxemburger Volk mit Hilfe der göttlichen Vorsehung einer
Zukunft des Friedens und Gedeihens entgegengehen! Möge es seine
nationalen Überlieferungen und den unermeßlichen Schatz seiner
Unabhängigkeit unversehrt erhalten!"
Großherzogin war nun Prinzeß Charlotte und die Kammer sollte die
Abgeordneten bezeichnen, in deren Hände die neue Herrscherin den
Verfassungseid ablegt.
Die Gegner der Dynastie beantragten, die Eidesleistung aufzuschieben,
bis zu dem Augenblick, wo eine verantwortliche Regierung imstande sei,
gestützt auf amtliche Belege, zu versichern, daß die Ententemächte
bereit seien, die Minister der Großherzogin zu empfangen und mit der
Großherzogin die diplomatischen Beziehungen in der Herzlichkeit wieder
aufzunehmen, wie es vor dem Kriege der Fall war.
Dieser von Herrn Brasseur eingebrachte und von den HH. Probst,
Pescatore, Mark, Koch unterstützte Antrag entfesselte wieder das große
Toben. Herr Reuter stellte sich mit der ganzen Kraft seiner beredten
Aufrichtigkeit hinter die ihm von meinem Bruder und mir verbürgte
Gewißheit und sprach:
„Die Zusicherungen, die wir erhalten haben, brachten uns die
Überzeugung, daß die französische Regierung keine Schwierigkeiten
erhebt, nach der Thronbesteigung der Prinzessin Charlotte die
diplomatischen Beziehungen wieder aufzunehmen."