So machen wir auf Reisen unsere schnurrigsten Erfahrungen. Gilt es jedoch
die Ansichten vorzubringen, die sich da ganz von selbst für uns ergeben, so
dünken sie uns gar zu einleuchtend und elementar, um noch erwähnt zu
werden. Aber das langweiligste ist, daß wir mit solchen Ansichten, obwohl
sie längst unausgesprochen da sind, immer noch als Vorläufer erscheinen,
und daß es immer noch keine Gemeinplätze sind; denn sie stehen noch immer
nicht in den Zeitungen, diesen Feldern des Überdrusses, diesen mit wenigen
Ausnahmen so träg geschäftigen Wiederkäuern zu oft gesagter oder
überwundener Dinge!
Oft sind es aber ganz kleine Dinge, die uns mit der Artung einer Nation
unversehens in Berührung bringen, wie ein plötzlicher Augenaufschlag, oder
der Schatten eines Lächelns uns plötzlich neue Einblicke in das Wesen eines
Menschen gewähren kann.
Zwei Pariser Episoden bleiben mir deshalb stets lebhaft in der Erinnerung.
Eines Nachmittags ging ich den Quai d'Orsay entlang und einem matten
winterlichen Sonnenuntergang entgegen.
Ich hielt einen Strauß der wundervollsten Blumen. Besonders prangte da eine
ganz erstaunliche Rose, mit der man immer wieder sich befassen mußte. Sonst
war ich eigentlich eher verstimmt. Ich kam gerade von einem déjeuner, das
mir zwar, so lange es dauerte, sehr animiert und glänzend schien, bis ich
nachträglich merkte, daß es mich gelangweilt, daß all die unnützen Dinge,
die ich vernommen oder selbst gesagt, ja selbst all die schönen saillies
und mots d'esprits mich zuletzt verdrossen hatten. Gott, und mein Nachbar
erst, wie sich der verpuffte! Es glitzerte und flickerte, jedoch das
Wässerlein war seicht, und war kein Fischlein darin.
Vielleicht ist die »Gemütlichkeit« dasjenige, was wir bei den Franzosen, ob
hoch oder niedrig, am öftesten vermissen. Und sie ist es, welche der
médiocrité allemande vor der médiocrité française, den »kleinen Leuten« vor
den »petites gens« den großen Vorzug verleiht. Bei den Franzosen hingegen
schlägt sich das Interessante ganz auf seiten der Individuen und gedeiht
sozusagen auf Kosten der Masse.
Ich steuerte indeß dem Quartier de la Madeleine zu und verfehlte dort wie
gewöhnlich meinen Weg. Der Zeitpunkt, den ich für eine Verabredung in der
Rue Montalivet getroffen hatte, war längst vorüber, und immer irrte und
eilte ich noch durch ein ganzes Strickwerk kleiner Gassen, als ein Mann,
der seinem rußigen Aussehen nach Lokomotivführer oder Tunnelarbeiter sein
mochte, plötzlich wie aus dem Erdboden vor mir stand. Indem ich nun im
Sturmschritt an ihm vorüberging, sah ich ihn stutzen, und mit einem leisen,
halbunterdrückten Ausruf des Entzückens auf meine Blumen starren. Einem
Impulse folgend hatte ich da auch schon die Wunderrose, die mir nicht
gehörte, hervorgezogen, wandte mich im Gehen schnell noch einmal um, warf
sie ihm in einem Bogen zu und eilte weiter. Auch wäre mir der kleine und so
flüchtige Vorgang kaum im Gedächtnis haften geblieben, hätte er da nicht
etwas wie ein Freudenlichtlein in mir angesteckt. Denn es hätte kein Mann
von Welt, kein Fürst den Sinn dieser zugeworfenen Rose mit bereiterem Takte
erfassen, noch mir zarter dafür danken können, als dieser zerlumpte junge
Mensch in seinem Kittel; und ich werde ihn nie vergessen, niemals, den edel
aufleuchtenden, emporgerichteten Blick, als er die Rose auffing.
Das speziell Französische dieser Szene beruhte in der Unmittelbarkeit, mit
welcher hier eine ganze Reihe von Nuancen blitzschnell und regenbogenartig
sich ergaben.
Ein paar Tage darauf ging ich abends wieder die Rue St. Honoré hinauf,
wieder auf dem Weg zur Rue Montalivet, und war noch viel müder und
verstimmter als das erste Mal. Denn ich hatte in Paris kein Glück, und
konnte mich doch nicht davon losreißen. Statt daß aber auf französischem
Boden die französische Seite meines Wesens in Schwung gerät, geht es mir
gerade umgekehrt; unter Franzosen wird mir so deutsch zumute; Deutschland
klingt und rauscht in Frankreich durch mein Herz; wie in ein Wetterhäuschen
zieht sich Marianne tief zurück, und einsam wie eine Schildwache rückt
Michel vor.
Wie ferne, dachte ich, sind die Franzosen selbst mir, der ich schon
mittewegs zu ihnen stehe! Und im Lichte unserer immer beschleunigenden
Verkehrsmittel wollte mir die gute alte Zeit, je weiter sie zurücklag, nur
um so schlimmer, und jede, die verflossen, als abgetan erscheinen; denn
Lloyddampfer, Blitzzüge und Automobile waren im letzten Grunde
Friedensmaschinen, während die idyllischen Postkutschen, in ihrer
Unfähigkeit einen Kontakt zwischen den Ländern aufrecht zu erhalten,
Nationen und Staaten eines Stammes bis zur Unkenntlichkeit sich entfremden
ließen!
Tief in Gedanken ging ich also meines Wegs, und merkte nicht, daß die
Straßen immer leerer wurden. Mit seiner Dinerstunde nämlich läßt der
Pariser, ob Kapitalist oder Concierge, nicht gerne spaßen, und zwischen
acht und neun Uhr ist Paris am stillsten. -- Zu meinem tiefen Schrecken sah
ich jetzt plötzlich meinen Weg durch einen Arm, den unter der Türe eines
finsteren Hauses ein Mann vor mir ausstreckte, gesperrt. »Donnez-moi de
l'argent!« sagte er auffahrend, »ou achetez-moi du pain, parce que j'ai
faim.« Er hielt sich im Dunkeln und ich unterschied nur seine Größe und den
gerade ausgestreckten Arm. Ohne eine Miene zu verziehen, als hätte ich ihn
nicht vernommen, als sei ich eine wandelnde Uhr und mein Gang nur ein
Pendelwerk, ging ich an ihm vorüber. Aber an der Bewegung meines rechten
Armes konnte der Mann, wenn er mir nachkam, sehen, daß ich in die Tasche
griff. Immer im selben Takte weitergehend, fingerte ich mit der rechten
Hand, was ich an kleiner Münze spüren oder greifen konnte, hervor, und an
der Ecke der Rue de l'Elysée, drehte ich mich um. Der Mann war mir in
einiger Entfernung mitten auf der Straße gefolgt, blieb nun auch stehen und
wartete. Aber etwas Furchtbares und Verzweifeltes in der Haltung dieses
Menschen veranlaßte mich, ihm in meinem besten Salonschritt näher zu
treten, und es vollzog sich auf einmal etwas, wie eine szenische Wandlung.
Denn nicht wie einem Bettler und nicht wie in einer feuchten, glitschigen
Straße, im dürftigen Laternenschein, sondern wie auf Teppichen und unter
Kronleuchtern schritt ich auf ihn zu, und händigte ihm die elenden Sous wie
einen Brückenzoll mit einer vagen Geste ein. Der Mann machte rasch Kehrt,
und ich verfiel wieder in meine vorige Gangweise, als hätte nichts ihr
Tempo unterbrochen. Plötzlich aber, wie von einem Schlage, verdunkelte sich
mein Blick. Denn ich wurde mir bewußt, wie sehr diese Begegnung durch den
Stempel des Stolzes, den jener Unglückliche seinem kläglichen Geständnis
verlieh, mich entzückte und begeisterte!
Und Michel trat zurück und ließ Mariannen vortreten. Herrliche Kinder!
dachte ich, diese Franzosen. Aus ihren Herzen brach er hervor, jener
Gedanke tiefinnerster, reinmenschlicher Gleichheit, über dessen Adel uns
nichts hinwegtäuschen darf.
Aber Kinder hatte ich sie genannt! Und wüßten sie es doch endlich über dem
Rheine drüben, in welchem Sinne die Franzosen Kinder sind. Oder sind die
Deutschen, die keine Kinder sind, zu naiv, um es zu lernen? Denn hier liegt
der wahre Grund zu all den kontinuierlichen und unerfreulichen Gegensätzen,
die einer wahren inneren Annäherung der beiden Nationen, und wenn sie
beiderseits noch so sehnlich empfunden wäre, immer wieder im Wege liegt!
In einem Zeitalter, wie dem unseren, in unserem so klein gewordenen Europa
weiß sich der Franzose das deutsche Gemüt noch immer nicht zurechtzulegen,
der Deutsche den Franzosen noch immer nicht zu behandeln! Denn für die
Mobilität, die Akuität -- ich muß bezeichnenderweise lauter Fremdwörter
gebrauchen! -- der französischen Empfindungsweise, zeigt der Deutsche wenig
Sinn. Der Franzose, der auf »Nuancen« eingerichtet ist, harrt indeß
vergebens, daß der andere, dem sie ganz entgangen sind, darauf eingeht, und
fühlt sich von ihm verletzt. Der andere borgt sich dafür bei ihm das Wort:
sensibel, denn mit der sensibilité, dieser Monnaie courante des Gemüts,
führt er nicht Haus.
Kurz: für ihr _Gefühlsleben_ finden die beiden Völker nicht den adäquaten
Austausch. Denn wahrlich, nicht der _Geist_ der zwei Nationen ist es, der
sie auseinanderhält! Der Idealismus, der geistige Ausblick des Deutschen
ist vielmehr sein mächtigster Anziehungspunkt für den Franzosen. Frankreich
hat sich mit Begeisterung deutscher Musik, mit Sehnsucht dem Einfluß
Goethes zugewandt. Denn diese »wankelmütigen« Leute, sie stehen vor sich
selbst und vor aller Welt als die Nation généreuse. Und in der Anerkennung
unserer eigenen Vorzüge legten sie ein Verständnis und eine rückhaltslose
und geniale Großherzigkeit zutage, vor der länger zurückzustehen uns weder
zum Lobe noch zum Nutzen gereichen könnte.
Hören wir einen so leidenschaftlichen Sohn seines Landes wie Maurice
Barrès, mit welch unendlich zarten und tiefen Worten er seine Betrachtungen
über Goethes Iphigenie beschließt.
»Peut-être n'est il pas permis, -- permis, ce mot si vague rend seul ma
peur un peu mystérieuse, -- que nous produisions au dehors nos pensées les
plus intimes; peut-être devons-nous protéger, voiler nos réserves, de
crainte qu'une source, dont nous avons écarté les branches, ne se dessèche
au soleil. Mais je dois reconnaître mes obligations. La destinée qui oppose
mon pays à l'Allemagne, n'a pourtant pas permis, que je demeurasse
insensible à l'horizon d'outre-Rhin: J'aime la Grecque Germanisée.«
Fand jemals eine Huldigung, in ihrer scheuen Zurückhaltung, einen so
wundervollen Ausdruck? Ich kenne mir nichts Edleres als jenes Geständnis,
das sich einem so französischen Herzen entrang: »_J'aime la Grecque
Germanisée_.«
Aber Deutschland und Frankreich scheinen mir oft dahinzuleben, wie ein sehr
männlicher Mann neben einer sehr feinen Frau, die _ihn_ schon durchschaute,
die _er_ noch nicht verstand. Gerade diesem Manne aber hat der Mangel an
Übung und Verausgabungstalent seines Empfindungsvermögens manchen Nachteil
gebracht, und manch unfreundliche Reflexe zugezogen. Wenn ihm aber der
Neid, wenn seiner Sprache das Monopol des Wortes »schadenfroh« zum
Hauptvorwurfe werden konnte, so hat er dafür ein Wort, das im Widerspruch
zu jenem anderen steht und es an Kraft weit überbietet, das Wort, das in
keiner Sprache seinesgleichen findet und einen Zug, der viel deutscher noch
ist, als sein Neid, und das ist: seine Treue. Treu aber sind die Deutschen
sich selbst, nur indem sie streben.
Zwar ist von vielen Seiten behauptet worden, seit ihrem großen Siege seien
sie in ihren sympathischen Eigenschaften weniger gefördert worden, als im
Verhältnis die Franzosen seit ihrer großen Niederlage. Nichts scheint mir
zweckloser, als darüber Worte zu verlieren, denn Glück wie Unglück liegen
hinter uns. Jede Nation hat heute die Tafeln ihrer Siege und ihrer
Niederlagen, und der Haß ist zwischen ihnen etwas Künstliches geworden. Die
Schwelle eines neuen Zeitalters ist schon überschritten, und eine neue
Stunde hat für uns geschlagen. Fluch träfe das stumpfe Auge und die
verbrecherische Hand, die den Zeiger wieder zurückstellte.