IV.

So machen wir auf Reisen unsere schnurrigsten Erfahrungen. Gilt es jedoch

die Ansichten vorzubringen, die sich da ganz von selbst für uns ergeben, so

dünken sie uns gar zu einleuchtend und elementar, um noch erwähnt zu

werden. Aber das langweiligste ist, daß wir mit solchen Ansichten, obwohl

sie längst unausgesprochen da sind, immer noch als Vorläufer erscheinen,

und daß es immer noch keine Gemeinplätze sind; denn sie stehen noch immer

nicht in den Zeitungen, diesen Feldern des Überdrusses, diesen mit wenigen

Ausnahmen so träg geschäftigen Wiederkäuern zu oft gesagter oder

überwundener Dinge!

Oft sind es aber ganz kleine Dinge, die uns mit der Artung einer Nation

unversehens in Berührung bringen, wie ein plötzlicher Augenaufschlag, oder

der Schatten eines Lächelns uns plötzlich neue Einblicke in das Wesen eines

Menschen gewähren kann.

Zwei Pariser Episoden bleiben mir deshalb stets lebhaft in der Erinnerung.

Eines Nachmittags ging ich den Quai d'Orsay entlang und einem matten

winterlichen Sonnenuntergang entgegen.

Ich hielt einen Strauß der wundervollsten Blumen. Besonders prangte da eine

ganz erstaunliche Rose, mit der man immer wieder sich befassen mußte. Sonst

war ich eigentlich eher verstimmt. Ich kam gerade von einem déjeuner, das

mir zwar, so lange es dauerte, sehr animiert und glänzend schien, bis ich

nachträglich merkte, daß es mich gelangweilt, daß all die unnützen Dinge,

die ich vernommen oder selbst gesagt, ja selbst all die schönen saillies

und mots d'esprits mich zuletzt verdrossen hatten. Gott, und mein Nachbar

erst, wie sich der verpuffte! Es glitzerte und flickerte, jedoch das

Wässerlein war seicht, und war kein Fischlein darin.

Vielleicht ist die »Gemütlichkeit« dasjenige, was wir bei den Franzosen, ob

hoch oder niedrig, am öftesten vermissen. Und sie ist es, welche der

médiocrité allemande vor der médiocrité française, den »kleinen Leuten« vor

den »petites gens« den großen Vorzug verleiht. Bei den Franzosen hingegen

schlägt sich das Interessante ganz auf seiten der Individuen und gedeiht

sozusagen auf Kosten der Masse.

Ich steuerte indeß dem Quartier de la Madeleine zu und verfehlte dort wie

gewöhnlich meinen Weg. Der Zeitpunkt, den ich für eine Verabredung in der

Rue Montalivet getroffen hatte, war längst vorüber, und immer irrte und

eilte ich noch durch ein ganzes Strickwerk kleiner Gassen, als ein Mann,

der seinem rußigen Aussehen nach Lokomotivführer oder Tunnelarbeiter sein

mochte, plötzlich wie aus dem Erdboden vor mir stand. Indem ich nun im

Sturmschritt an ihm vorüberging, sah ich ihn stutzen, und mit einem leisen,

halbunterdrückten Ausruf des Entzückens auf meine Blumen starren. Einem

Impulse folgend hatte ich da auch schon die Wunderrose, die mir nicht

gehörte, hervorgezogen, wandte mich im Gehen schnell noch einmal um, warf

sie ihm in einem Bogen zu und eilte weiter. Auch wäre mir der kleine und so

flüchtige Vorgang kaum im Gedächtnis haften geblieben, hätte er da nicht

etwas wie ein Freudenlichtlein in mir angesteckt. Denn es hätte kein Mann

von Welt, kein Fürst den Sinn dieser zugeworfenen Rose mit bereiterem Takte

erfassen, noch mir zarter dafür danken können, als dieser zerlumpte junge

Mensch in seinem Kittel; und ich werde ihn nie vergessen, niemals, den edel

aufleuchtenden, emporgerichteten Blick, als er die Rose auffing.

Das speziell Französische dieser Szene beruhte in der Unmittelbarkeit, mit

welcher hier eine ganze Reihe von Nuancen blitzschnell und regenbogenartig

sich ergaben.

Ein paar Tage darauf ging ich abends wieder die Rue St. Honoré hinauf,

wieder auf dem Weg zur Rue Montalivet, und war noch viel müder und

verstimmter als das erste Mal. Denn ich hatte in Paris kein Glück, und

konnte mich doch nicht davon losreißen. Statt daß aber auf französischem

Boden die französische Seite meines Wesens in Schwung gerät, geht es mir

gerade umgekehrt; unter Franzosen wird mir so deutsch zumute; Deutschland

klingt und rauscht in Frankreich durch mein Herz; wie in ein Wetterhäuschen

zieht sich Marianne tief zurück, und einsam wie eine Schildwache rückt

Michel vor.

Wie ferne, dachte ich, sind die Franzosen selbst mir, der ich schon

mittewegs zu ihnen stehe! Und im Lichte unserer immer beschleunigenden

Verkehrsmittel wollte mir die gute alte Zeit, je weiter sie zurücklag, nur

um so schlimmer, und jede, die verflossen, als abgetan erscheinen; denn

Lloyddampfer, Blitzzüge und Automobile waren im letzten Grunde

Friedensmaschinen, während die idyllischen Postkutschen, in ihrer

Unfähigkeit einen Kontakt zwischen den Ländern aufrecht zu erhalten,

Nationen und Staaten eines Stammes bis zur Unkenntlichkeit sich entfremden

ließen!

Tief in Gedanken ging ich also meines Wegs, und merkte nicht, daß die

Straßen immer leerer wurden. Mit seiner Dinerstunde nämlich läßt der

Pariser, ob Kapitalist oder Concierge, nicht gerne spaßen, und zwischen

acht und neun Uhr ist Paris am stillsten. -- Zu meinem tiefen Schrecken sah

ich jetzt plötzlich meinen Weg durch einen Arm, den unter der Türe eines

finsteren Hauses ein Mann vor mir ausstreckte, gesperrt. »Donnez-moi de

l'argent!« sagte er auffahrend, »ou achetez-moi du pain, parce que j'ai

faim.« Er hielt sich im Dunkeln und ich unterschied nur seine Größe und den

gerade ausgestreckten Arm. Ohne eine Miene zu verziehen, als hätte ich ihn

nicht vernommen, als sei ich eine wandelnde Uhr und mein Gang nur ein

Pendelwerk, ging ich an ihm vorüber. Aber an der Bewegung meines rechten

Armes konnte der Mann, wenn er mir nachkam, sehen, daß ich in die Tasche

griff. Immer im selben Takte weitergehend, fingerte ich mit der rechten

Hand, was ich an kleiner Münze spüren oder greifen konnte, hervor, und an

der Ecke der Rue de l'Elysée, drehte ich mich um. Der Mann war mir in

einiger Entfernung mitten auf der Straße gefolgt, blieb nun auch stehen und

wartete. Aber etwas Furchtbares und Verzweifeltes in der Haltung dieses

Menschen veranlaßte mich, ihm in meinem besten Salonschritt näher zu

treten, und es vollzog sich auf einmal etwas, wie eine szenische Wandlung.

Denn nicht wie einem Bettler und nicht wie in einer feuchten, glitschigen

Straße, im dürftigen Laternenschein, sondern wie auf Teppichen und unter

Kronleuchtern schritt ich auf ihn zu, und händigte ihm die elenden Sous wie

einen Brückenzoll mit einer vagen Geste ein. Der Mann machte rasch Kehrt,

und ich verfiel wieder in meine vorige Gangweise, als hätte nichts ihr

Tempo unterbrochen. Plötzlich aber, wie von einem Schlage, verdunkelte sich

mein Blick. Denn ich wurde mir bewußt, wie sehr diese Begegnung durch den

Stempel des Stolzes, den jener Unglückliche seinem kläglichen Geständnis

verlieh, mich entzückte und begeisterte!

Und Michel trat zurück und ließ Mariannen vortreten. Herrliche Kinder!

dachte ich, diese Franzosen. Aus ihren Herzen brach er hervor, jener

Gedanke tiefinnerster, reinmenschlicher Gleichheit, über dessen Adel uns

nichts hinwegtäuschen darf.

Aber Kinder hatte ich sie genannt! Und wüßten sie es doch endlich über dem

Rheine drüben, in welchem Sinne die Franzosen Kinder sind. Oder sind die

Deutschen, die keine Kinder sind, zu naiv, um es zu lernen? Denn hier liegt

der wahre Grund zu all den kontinuierlichen und unerfreulichen Gegensätzen,

die einer wahren inneren Annäherung der beiden Nationen, und wenn sie

beiderseits noch so sehnlich empfunden wäre, immer wieder im Wege liegt!

In einem Zeitalter, wie dem unseren, in unserem so klein gewordenen Europa

weiß sich der Franzose das deutsche Gemüt noch immer nicht zurechtzulegen,

der Deutsche den Franzosen noch immer nicht zu behandeln! Denn für die

Mobilität, die Akuität -- ich muß bezeichnenderweise lauter Fremdwörter

gebrauchen! -- der französischen Empfindungsweise, zeigt der Deutsche wenig

Sinn. Der Franzose, der auf »Nuancen« eingerichtet ist, harrt indeß

vergebens, daß der andere, dem sie ganz entgangen sind, darauf eingeht, und

fühlt sich von ihm verletzt. Der andere borgt sich dafür bei ihm das Wort:

sensibel, denn mit der sensibilité, dieser Monnaie courante des Gemüts,

führt er nicht Haus.

Kurz: für ihr _Gefühlsleben_ finden die beiden Völker nicht den adäquaten

Austausch. Denn wahrlich, nicht der _Geist_ der zwei Nationen ist es, der

sie auseinanderhält! Der Idealismus, der geistige Ausblick des Deutschen

ist vielmehr sein mächtigster Anziehungspunkt für den Franzosen. Frankreich

hat sich mit Begeisterung deutscher Musik, mit Sehnsucht dem Einfluß

Goethes zugewandt. Denn diese »wankelmütigen« Leute, sie stehen vor sich

selbst und vor aller Welt als die Nation généreuse. Und in der Anerkennung

unserer eigenen Vorzüge legten sie ein Verständnis und eine rückhaltslose

und geniale Großherzigkeit zutage, vor der länger zurückzustehen uns weder

zum Lobe noch zum Nutzen gereichen könnte.

Hören wir einen so leidenschaftlichen Sohn seines Landes wie Maurice

Barrès, mit welch unendlich zarten und tiefen Worten er seine Betrachtungen

über Goethes Iphigenie beschließt.

»Peut-être n'est il pas permis, -- permis, ce mot si vague rend seul ma

peur un peu mystérieuse, -- que nous produisions au dehors nos pensées les

plus intimes; peut-être devons-nous protéger, voiler nos réserves, de

crainte qu'une source, dont nous avons écarté les branches, ne se dessèche

au soleil. Mais je dois reconnaître mes obligations. La destinée qui oppose

mon pays à l'Allemagne, n'a pourtant pas permis, que je demeurasse

insensible à l'horizon d'outre-Rhin: J'aime la Grecque Germanisée.«

Fand jemals eine Huldigung, in ihrer scheuen Zurückhaltung, einen so

wundervollen Ausdruck? Ich kenne mir nichts Edleres als jenes Geständnis,

das sich einem so französischen Herzen entrang: »_J'aime la Grecque

Germanisée_.«

Aber Deutschland und Frankreich scheinen mir oft dahinzuleben, wie ein sehr

männlicher Mann neben einer sehr feinen Frau, die _ihn_ schon durchschaute,

die _er_ noch nicht verstand. Gerade diesem Manne aber hat der Mangel an

Übung und Verausgabungstalent seines Empfindungsvermögens manchen Nachteil

gebracht, und manch unfreundliche Reflexe zugezogen. Wenn ihm aber der

Neid, wenn seiner Sprache das Monopol des Wortes »schadenfroh« zum

Hauptvorwurfe werden konnte, so hat er dafür ein Wort, das im Widerspruch

zu jenem anderen steht und es an Kraft weit überbietet, das Wort, das in

keiner Sprache seinesgleichen findet und einen Zug, der viel deutscher noch

ist, als sein Neid, und das ist: seine Treue. Treu aber sind die Deutschen

sich selbst, nur indem sie streben.

Zwar ist von vielen Seiten behauptet worden, seit ihrem großen Siege seien

sie in ihren sympathischen Eigenschaften weniger gefördert worden, als im

Verhältnis die Franzosen seit ihrer großen Niederlage. Nichts scheint mir

zweckloser, als darüber Worte zu verlieren, denn Glück wie Unglück liegen

hinter uns. Jede Nation hat heute die Tafeln ihrer Siege und ihrer

Niederlagen, und der Haß ist zwischen ihnen etwas Künstliches geworden. Die

Schwelle eines neuen Zeitalters ist schon überschritten, und eine neue

Stunde hat für uns geschlagen. Fluch träfe das stumpfe Auge und die

verbrecherische Hand, die den Zeiger wieder zurückstellte.

L'Âme aux deux patries: Sieben Studien · 第 7 / 13 题