»Früher war das ein Grund mehr, zu kommen.«
»Ja, früher!« antwortet er rätselhaft und fragt dann, unbeweglich in
den blauen Rauch starrend, der seiner Zigarette entsteigt:
»Kennen Sie das, was einen nicht arbeiten und nicht ausruhen läßt, nicht
wachen und nicht schlafen, die Qual, die einen auffrißt bei lebendigem
Leib?«
»Wer kennt das nicht?« antworte ich, und dann ist's eine Weile still im
Zimmer.
Und dann frage ich: »Wissen Sie denn so genau, daß sie einen anderen
liebt?«
»Sie ist verheiratet,« sagt er leise, und da ich ihn schweigend ansehe,
fährt er hastig fort: »Ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber er ist der
Mann, und er hat das Recht, und ich kann den Gedanken nicht ertragen --«
Er steht so heftig auf, daß der kleine Tisch ins Schwanken gerät, und die
eierschalendünne Tasse klirrt.
»Und er, der Ehemann?« frage ich. »Hat er nicht mehr Grund zur
Eifersucht als Sie?«
»Der?« lacht er. »Weshalb denn? Er ist ja seiner Sache sicher; sie ist
vernünftig, denkt er, sie wird mir schon keine Dummheiten machen. Und
darin hat er recht, Gott sei's geklagt!«
Ich schweige, und es geht mir durch den Kopf, daß hier ein fundamentaler
Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Empfinden sein muß. Mag
sie lieben, wen sie will, denkt der Normalmann, wenn sie mir nur keine
Dummheiten macht! Mag er Dummheiten machen, wenn er will, denkt die
Normalfrau, wenn er nur keine andere so liebt wie mich!
Und ich will schon ein bißchen stolz auf mein eigenes Geschlecht werden,
denn unser Standpunkt scheint mir der geistigere und vornehmere zu sein,
aber ehe ich dazu komme, fallen mir schon wieder hundert Für und Wider
ein, und aus diesen Erwägungen heraus frage ich Robert Helström, der mit
langen Schritten das Muster meines Teppichs auf und ab schreitet und dabei
gewisse Ornamente ängstlich zu vermeiden scheint:
»Weshalb sagt man eigentlich, ein Mann sinkt und eine Frau fällt?«
Er steht still und sieht mich einen Augenblick zerstreut an, dann sagt
er: »Das ist doch sehr einfach. Wir Männer sind schon unten, wir leben
sozusagen im Sumpf und können nur noch tiefer sinken und versumpfen,
langsam und allmählich. Die Frau steht auf einer stolzen Höhe, aber ein
Schritt zur Seite stürzt sie in den Abgrund.«
»Kinder!« sage ich, »warum habt ihr uns nur auf ein so gräßlich
gefährliches Postament gestellt? Hat eine von uns vielleicht jemals nach
dieser schwindelnden Höhe verlangt?«
Der kleine Dichter lacht. »Meiner bescheidenen Erfahrung nach nicht. Aber
Sie haben recht, _wir_ haben die Frau auf das ehrenvolle Piedestal erhoben.
Im Manne ist eine Sehnsucht nach Reinheit, eine Andacht und Ehrfurcht vor
der Unbeflecktheit des Weibes, die ihn trotz allem der Frau gegenüber
zu dem ethisch höherstehenden Wesen macht. Bedenken Sie nur, daß selbst
guterzogene und gut veranlagte Mädchen den berüchtigten Don Juan dem
Tugendhelden vorziehen, während wir, trotz aller Verirrungen, das reine,
das jungfräuliche Weib am meisten lieben.«
»Ja, ja,« sage ich nachdenklich, »aber wie läßt sich diese
rätselhafte, höchst widerspruchsvolle Tatsache erklären, denn mit einer
höheren ethischen Veranlagung des Mannes hat sie sicher nichts zu tun.«
»Ich finde das unrecht,« schmollt er, »nicht mal das bißchen höhere
Ethik gönnen Sie uns, doch sicher einer der am wenigsten begehrten
menschlichen Vorzüge. Oder halten Sie es vielleicht für ein Vergnügen,
moralisch zu empfinden?«
»Sicher nicht,« antworte ich. »Ihr würdet euch sonst stärker damit
belasten. Aber ich glaube, ich habe des Rätsels Lösung gefunden: Aus
Egoismus liebt der Mann das jungfräuliche Weib, nicht aus Ehrfurcht vor
ihrer Reinheit, sondern aus dem rohen Verlangen heraus, der Erste zu sein,
der diese Reinheit besitzt und der sie zugleich zerstört. Und aus tief
ethischem Empfinden liebt die Frau den gesunkenen Mann, aus Opfer-
und Schmerzbereitschaft und aus dem Trieb heraus, ihn zu heben und zu
erlösen --«
Ich sehe den kleinen Dichter stolz an, aber der schüttelt baß verwundert
den Kopf.
»Ei du liebes Herrgöttle!« sagt er, »seit wann sind Sie denn so
begeistert weiblich gesinnt? Und wer sagt denn, daß wir partout eure
Reinheit zerstören wollen? Daß wir's tun, ist eine bedauerliche
Nebenerscheinung, aber doch nicht Zweck und Ziel. Im Gegenteil, es
stimmt uns traurig und läßt uns immer von neuem nach neuer Reinheit und
Unberührtheit suchen. Daher der Typ des Don Juan, der rastlos sucht und
der erst zur Ruhe kommen kann, wenn er das Ideal gefunden hat, die Frau,
deren Reinheit unzerstörbar ist, Mutter und Jungfrau zugleich. Denn das
ist nicht allein das Ideal der katholischen Kirche, der Madonnenkult lebt
in jedem Mann.«
»Nun,« antworte ich, »ich bin sicher, sämtliche Lebejünglinge und
-greise werden Ihnen Dank wissen, daß Sie aus ihrer Unersättlichkeit
die Sehnsucht nach einem Ideal, sozusagen also aus ihrer Not eine Tugend
gemacht haben. Wie auch alle abenteuerlustigen Backfische mir dankbar die
Hand küssen sollten, wenn ich ihre Sensationsgier in Opferfreudigkeit
umdichte. -- Denn man kann bekanntlich alle Dinge so und anders sehen, das
Gegenteil ist meistens ebenso richtig.«
Der kleine Dichter hat sich wieder an den Tisch gesetzt und raucht mit
Hingebung seine Zigarette.
»Die Weisheit der Temperamentlosen,« bemerkt er und fährt plötzlich mit
nervöser Gereiztheit fort: »Sie sollten sich nicht zu ihr bekennen.
Wer alles so und anders sehen kann, der mag sehr weise sein, aber er kann
nichts hassen und nichts lieben. Er liebt einmal hier und einmal da, und
vielleicht gibt es sogar Menschen, die hier und da zugleich lieben können.
Wer weiß es?«
»Ja, wer weiß es?« wiederhole ich und zünde mir eine Zigarette an. Und
dann, in unseren gewohnten Neckton verfallend, füge ich lächelnd hinzu:
»Kleine Dichter müssen nicht so viel fragen. Sie kennen ja bekanntlich
die Welt durch Antizipation und brauchen unsere Weisheit nicht.«
Aber er fährt in seinem heftigen Tone fort, und seine Augen blitzen mich
böse an:
»Beneidenswerte Leute, die so weise sind, daß sie über alles lächeln
können. Verspielte Leute, die das Leben zwischen ihren schmalen Händen
und spitzen Fingern halten wie ein drolliges und seltsames Spielzeug und
es hin und her drehen und lächelnd betrachten. Leute, denen alles zum
Spielzeug wird, Worte und Empfindungen und Dinge und Menschen. -- Ja,
Menschen auch!«
Er schweigt, und ich nehme seine Hand und streichle sie leise.
»Nicht schelten,« sage ich. »Lassen Sie uns spielen! Und lassen Sie uns
die Augen wegwenden von dem Abgrund, der überall neben uns klafft, wo
wir gehen und stehen, und in den wir versinken müssen, wenn wir
hinunterschauen. Lassen Sie uns am Rand spielen, wie Kinder, die von nichts
wissen.«
Wir schweigen einen Augenblick, dann sagt er leise, seine Wange an meine
Hand gelehnt:
»Wissende Kinder sind es, die die Augen vor dem Abgrund verschließen
und mit ihrem eigenen Herzen spielen wie mit der ganzen Welt. -- Aber
vielleicht ist es doch wahr, daß nichts auf Erden uns so nötig ist wie
ein Frauenlächeln, und daß nichts im Leben so ernst und so heilig ist wie
das Spiel.«
»Lieber kleiner Dichter,« sage ich und reiche ihm den Rest der Pralinés
hinüber, »weise oder nicht, für mich sind Sie ein großer Dichter.«
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
Bei direkter Rede wurden sowohl Komma als auch Punkt vereinheitlichend
jeweils vor dem schließenden Anführungszeichen angeordnet.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,
Seite 43:
"sie" geändert in "Sie"
(recht gut, und was Sie jetzt sagen)
Seite 44:
"« --" eingefügt
(optimistisch genug zu behaupten, --« --)
Seite 44:
"»" entfernt vor "Ich"
(so nennen. -- Ich will das erst beweisen)
Seite 55:
"»" entfernt vor "Aber"
(Aber Paulsen schüttelt den Kopf.)
Seite 81:
"»" eingefügt
(sagt Erich, »auf diesen liebenswürdigen Trick)
Seite 114:
"»" eingefügt
(»daß sich auch bei Ihnen einmal)
Seite 127:
"»" eingefügt
(»wir treffen uns oft des Abends im Café)
Seite 127:
"«" eingefügt
(Es wird nie zutage kommen.«) ]