»Verkracht?« fragt er und strahlt geradezu teuflisch. -- »Ach, wenn's
nur das wäre,« sage ich.
»So, so, also ernstlich,« überlegt er. »War's Ihr bester?«
»Ich weiß nicht,« antworte ich, »aber ich glaube, der, den man verloren
hat, war immer gerade der beste.«
»Na ja,« brummt er, »das hat dann gleich so etwas vom verlorenen Sohn an
sich. Aber mit Freunden sollte es anders sein. Die man ohne eigene Schuld
verliert, an denen ist meistens nichts verloren. Und so streitsüchtig Sie
sind, ich nehme an, es war nicht Ihre Schuld.«
Ich muß lachen. »Ach nein,« sage ich, »ich war ganz und gar unschuldig,
der Junge hat sich verheiratet.«
»O weh, o weh!« sagt der Professor und schlenkert die Hand durch die
Luft, als habe er sich verbrannt. »Also ein fast unheilbarer Fall. Wie
konnte der Trottel nur?«
»Trottel?« sage ich empört. »Er hat sehr vernünftig geheiratet, ideal
und nützlich zugleich.«
»Also ein idealer Nützlichkeitstrottel,« nickt er. »Und er hat Ihnen
versprochen: Zwischen uns bleibt alles, wie es war, und unsere Freundschaft
besteht jede Probe, und so weiter?«
»So ähnlich,« antworte ich.
»Und Sie Schaf haben's geglaubt?«
»Lieber Professor,« sage ich, »ich bin vielleicht geistig etwas unter
dem Durchschnitt, aber für so ein Schaf dürfen Sie mich nun doch nicht
halten.«
»Na also,« sagt er, »und trotzdem beklagen Sie sich jetzt.«
»Ich glaube, ich kann Ihnen mit gutem Gewissen die ehrenvolle Anrede
zurückgeben. Denken Sie Schaf vielleicht, uns schmerzen nur die Dinge, die
wir nicht vorausgesehen haben?«
»Es war dumm, natürlich,« brummt er. »Sie haben recht. Es gibt
allerdings Menschen, denen das Vorhergewußthaben jeden Schmerz versüßt,
aber dazu gehören Sie anscheinend nicht. Wieso kam es aber zum Bruch? Hat
man Sie etwa beleidigt?«
»Es ist gar kein Bruch, und mit Absicht hat man mich wohl nicht
beleidigt,« antworte ich, »aber haben Sie nicht schon bemerkt, daß
uns die Kränkungen am tiefsten treffen, die uns unabsichtlich zugefügt
werden?«
»Natürlich,« sagt er, »die verfluchte Eitelkeit! Wir ertragen's
eher, daß man uns haßt und verabscheut, als daß man uns gleichgültig
gegenübersteht. -- Übrigens vermute ich, Sie verlieren nicht mehr viel
an dem Verkehr, denn wir waren uns ja von jeher darüber einig, daß
glücklich verheiratete Leute kein Umgang für Menschen von Geschmack sind.
Ob sie's wollen oder nicht, sie bringen ihr Familiensofa überall mit hin,
und man kann sie noch so entfernt voneinander placieren, immer hat man das
Gefühl, als säßen sie Hand in Hand. -- Ist übrigens noch kein Ersatz in
Sicht?«
»Ersatz?« wiederhole ich. »Jeder ist doch ein Mensch für sich, und
einer kann den anderen nicht ersetzen.«
»Nun,« antwortet er, »meistens ist es doch im Leben so, daß uns die
Dinge schon halb verloren sind, während wir sie noch zu halten glauben,
und während von uns ungeahnt, irgendwo aus der Flut der Erscheinungen
schon das Neue aufsteigt, das den Ersatz in sich trägt.«
Wir schweigen eine Zeitlang, und ich schaue ein wenig gedankenlos in die
kleine rosa Lampe vor mir. Endlich sage ich:
»Drollig, mir ist ein Wort im Ohr hängen geblieben, das Sie vorhin
sprachen. Vielleicht, weil's so widerspruchsvoll klingt. Was ist das, ein
idealer Nützlichkeitstrottel?«
»Na,« antwortet er, »widerspruchsvoll klingt das Wort nun ganz und gar
nicht, oder doch nur für den Trägen im Geist. Im allgemeinen drücke ich
mich allerdings höflicher aus und sage: ideale Nützlichkeitsmenschen.
Das Trottel sollte vorhin nur die weitverbreitete Trottelei des Heiratens
treffen.«
»Meine geistige Trägheit schreit wahrscheinlich zum Himmel,« antworte
ich, »aber ich kann mir auch unter der milderen Form nichts vorstellen.
Also bitte, Herr Professor --«
Er fährt sich seufzend über den, trotz seiner Jugend, schon recht kahlen
Schädel. »Gräßlich, wenn man durch die verfluchte Galanterie auch noch
außerhalb der Vorlesungen zum Dozieren gezwungen wird. Aber nun passen Sie
wenigstens auf, sonst setzt's was. Noch einmal kommen Sie nicht mit meiner
Verachtung davon, diesmal knipse ich.«
»Mein Denkapparat wird nur so rasseln,« versichere ich und verstecke die
Hände unterm Tisch.
»Na also,« er denkt einen Augenblick nach, »wissen Sie noch etwas von
Lessings Hamburgischer Dramaturgie?«
»Ja,« sage ich stolz, »sie handelt hauptsächlich von Laokoon.«
»Ganz recht,« lobt er. »Sie meinen zwar den Laokoon von Lessing, aber
das schadet nichts.« --
»Nein,« sage ich, »es schadet sicher nichts. Was hat es aber mit den
idealen Nützlichkeitsmenschen zu tun?«
»Komische Frage,« antwortet er, »was soll es ausgerechnet damit zu tun
haben? Ich muß morgen einen Vortrag über die Hamburgische Dramaturgie
halten und wollte mich von Ihnen inspirieren lassen.«
»Und ist es geglückt?« frage ich. -- »Vollkommen,« antwortet er, »ich
bin nun so im Zug, daß ich Ihnen meinen Vortrag sofort halten werde.«
»Ich hoffe, Sie sind nicht böse, wenn ich dabei die Augen schließe,«
frage ich, »das ist nämlich meine Gewohnheit bei Vorträgen und
vielleicht der Grund zu meiner geistigen Fortgeschrittenheit.«
»Meinetwegen,« sagt er, »es ist mir ohnedies peinlich, wenn Sie mich so
mit den Blicken verzehren und mir jedes Wort von den Lippen saugen.«
Ich überwinde einen krampfartigen Lachanfall, und er beginnt:
»Lessing war der Ansicht, daß in Hamburg das Prinzip der Nützlichkeit
das überwiegende und ausschlaggebende sei. Davon steht zwar nichts in
seiner Hamburgischen Dramaturgie, aber wir dürfen das dem Mann nicht zum
Vorwurf machen, denn warum hätte er das gerade da hineinschreiben sollen?
Er war trotzdem dieser Ansicht, und wir sind es mit ihm. Nun gibt es
sowohl in, als auch außerhalb Hamburgs verschiedene Arten von
Nützlichkeitsmenschem. =Ad= 1: Die gewöhnliche Feld-, Wald- und
Wiesenpflanze, die jeder sofort erkennt, =ad= 2: die verfeinerte Sorte,
die zwar auch nicht ganz selten ist, aber nur von Denkenden und geistig
Hochstehenden erkannt und richtig eingereiht wird.
Es sind die Glücklichen, die nie eine Überzeugung, nie eine Neigung
opfern müssen, weil ihre Überzeugung und ihre Neigung sich immer nach
dem ihnen Nützlichen dreht, wie die Magnetnadel nach Norden. So leben sie
unbeschwert von Sentiments, die nicht gerade der Augenblick in ihnen weckt,
unbeschwert vor allem von retrospektiven Störungen, denn alles ist
in ihrem Gedächtnis, oder sagen wir in dem Gedächtnis ihres Herzens
ausgelöscht, was ihnen nicht mehr nützen kann. Und man darf von ihnen als
ideal veranlagten Naturen nicht verlangen, daß sie sich nach etwas anderem
als dem Zug ihres Herzens richten.
Sie sehen denn auch mit Verachtung auf den gewöhnlichen
Nützlichkeitsmenschen herab, der der Stimme seines Herzens zuwider handelt
und sich oft erst nach hartem Kampf mit sich selbst und mit bewußter
Kraft und Rohheit das erringen muß, was ihnen eine besonders glückliche
Veranlagung schenkt. Ihre Entschuldigung, wenn sie einer bedürfen, ist,
daß sie nichts von dieser glücklichen Veranlagung wissen und ihrer
wirklichen Überzeugung nach als ideal geartete Menschen durch die Welt
gehen. -- Kapiert?«
»Jawohl,« sage ich.
»Also kurz rekapitulieren!« Er sieht mich streng an, und ich sage, die
Hände krampfhaft unterm Tisch:
»Lessings Hamburgische Dramaturgie gipfelt in der Erkenntnis, daß es
gewöhnliche und ideale Nützlichkeitsmenschen gibt. Die ersten werden zum
Beispiel nie ein armes Mädchen heiraten, die zweiten werden sich nie in
ein armes Mädchen verlieben.«
»Basta punktum!« sagt der Professor grinsend, »da hat sich's der
Weiberkopf Gott sei Dank in seine Weibersprache übersetzt. Vom Verlieben
und Heiraten muß bei euch die Rede sein, da seid ihr zu Hause und
geborgen, da könnt ihr mitschwimmen und plätschern wie ein Fisch im
Wasser.«
»Weshalb verallgemeinern Sie so?« frage ich sanft. »Sollten Ihre
dreiundvierzig Freundinnen am Ende ebenso trivial sein wie ich?« -- »Die
werden sich hüten,« antwortet er, »wer mit mir vom Heiraten spricht, hat
ausgespielt.«
»Erzählen Sie ein bißchen von den dreiundvierzig,« schlage ich vor,
um ihn wieder milder zu stimmen. »Sind sie alle sanft und bescheiden oder
sind auch Wilde und Feurige dabei oder herb Verschlossene oder
hinreißend Kluge? Daß sie alle berückend schön sind, setze ich als
selbstverständlich voraus.«
»Alles ist da,« antwortet er stolz.
»Das muß ja unglaublich interessant und spannend sein,« schmeichle ich
ihm, und er lächelt in teuflischer Verschlagenheit vor sich hin.
»Sie sind so verschwiegen,« beklage ich mich, »und ich habe Ihnen heute
schon so viel von mir erzählt, daß Sie sich freundschaftlicherweise
revanchieren dürften.«
»Ja,« sagt er nach einer kleinen Pause, »ich will Ihnen erzählen:
Sie ist sanft und feurig und schelmisch und ernst und verschlossen und
mitteilsam und stolz und bescheiden und alles zugleich. Und schön ist
sie --«
»Sie, sie!« sage ich ganz fassungslos, »ich denke, es sind
dreiundvierzig!«
»Quatschkopf!« sagt er und schnippt nach meiner Hand. »Sie wissen doch
schon lange, daß es nur eine ist.«