1901
Meinem Mann und meinem Sohn.
Vorwort.
Auf Grund vieljähriger Arbeit habe ich den Versuch unternommen, die
Frauenfrage in ihrem ganzen Umfang einer Darstellung zu unterziehen.
Meinen Ausgangspunkt bezeichnet das für ihr Verständnis entscheidende
Moment der wirtschaftlichen Lage der Frau. Von welcher Seite man auch
das weitverzweigte Problem betrachte, die realen Existenzbedingungen des
weiblichen Geschlechts innerhalb der Gesellschaft bilden für die
Vergangenheit wie für die Gegenwart den orientierenden Ariadnefaden,
ohne den das Urteil fehl gehen muss. Nur indem man die ökonomischen
Thatsachen nach der ihnen zukommenden Bedeutung wertet, erschließt sich
der Zusammenhang der Frauenfrage mit der sozialen Frage, deren
integrierender Bestandteil sie ist.
Mein Buch giebt zunächst eine gedrängte Geschichte der Entwicklung der
Frauenfrage und der Frauenbewegung von den ältesten Zeiten bis zum 19.
Jahrhundert. In eingehender Darstellung behandelt es sodann die
wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, schildert die ökonomische Lage
der Frau in den wichtigsten Kulturländern, bespricht die
sozialpolitische Gesetzgebung, kritisiert sie, stellt die Grenzen ihres
Einflusses fest und wirft einen Ausblick auf die Bedingungen, unter
denen eine organische Lösung der Frauenfrage möglich ist.
Dem vorliegenden Band, der ein in sich abgeschlossenes Ganzes
bildet, wird ein zweiter folgen, der die zivilrechtliche und
öffentlichrechtliche Stellung der Frau, die psychologische und ethische
Seite der Frauenfrage zum Gegenstand hat.
Wie weit mir die Aufgabe gelungen ist, steht dahin, und wird sachkundige
Kritik entscheiden. Eines aber darf ich geltend machen: daß die
Darstellung auf einem umfassenden Studium der Litteratur, insbesondere
auch, soweit es sich um die Ermittelung der thatsächlichen Zustände
handelt, auf der Benutzung der amtlichen Statistiken, staatlichen wie
privaten Enqueten, kurz so weit als möglich auf quellenmäßigen
Untersuchungen beruht.
_Berlin_, Oktober 1901.
Lily Braun.
Inhalt.