Übersetzt von _Alexandra Ramm_

Nikolaj Wassiljewitsch Gogol, der mit vollem Recht als einer der großen

schöpferischen Geister im Gebiete der Wortkunst anerkannt wird, hat

sich, wie bekannt, seinen Anspruch auf Unsterblichkeit nicht nur durch

die großen Qualitäten seiner Werke, sondern auch durch die entscheidende

Wirkung erworben, die er als richtunggebende Kraft auf die gesamte

Entwicklung des russischen Schrifttums ausübte. Als ein Schriftsteller,

der der Literatur unschätzbare Dienste erwies: indem er sie von der

Nachahmung befreite und sie endgültig auf die Darstellung des wirklichen

Lebens richtete, hat Gogol sich für immer einen der ersten Plätze in der

Literaturgeschichte gesichert, wie groß auch die Verdienste seiner

Nachfolger sein mögen.

Die persönlichste Note Gogols, des Menschen wie des Dichters, ist die

unbezweifelbare Eigenart seiner Erscheinung, dies Wort in seinem

höchsten Sinne genommen. Ihr hat er es zu verdanken, daß er fast allein

durch sein natürliches Temperament die hohe Vollkommenheit erreichte,

die seine Werke auszeichnet. Es ist kaum möglich, einen ähnlich

bedeutsamen Vertreter der russischen Literatur zu nennen, der in gleich

geringem Maße fremden Einflüssen verpflichtet ist.

Gogol war ein echter Kleinrusse. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der großen

russischen Dichter war er sowohl seiner Abstammung wie seiner Erziehung

nach fast gänzlich frei von jeder Beimischung fremder Einwirkungen. Mit

den frühesten Eindrücken seiner Kindheit sog er zugleich alle nationalen

Eigenheiten des Kleinrussentums ein, als er noch die Luft seiner

heimatlichen, so inniggeliebten Ukraine atmete. Immer blieb ihm

Kleinrußland, das der Gegenwart wie der Vergangenheit, teuer und er

forschte lebhaft nach seinen Ahnen, wenn auch nicht in dem Sinne

genealogischen Nachspürens. Im Gegenteil: Gogol empfand aufs tiefste den

_dichterischen_ Zauber der Erinnerung an die Ahnen, dem er in folgenden

tief gefühlten Zeilen Ausdruck gab: »O Vergangenheit, Vergangenheit!

Welch ein Jubel, welch eine Befreiung erfüllt unsere Seele, wenn wir von

dem hören, was vor langer, langer Zeit, vor Jahr und Tag einmal in der

Welt geschah! Und wenn nun noch ein Blutsverwandter, ein Großvater oder

Urgroßvater an jenen Ereignissen teilnahm, ah -- dann verstummt der

sonst so beredte Mund.« Wir wollen hier nicht die Geschichte Ostaps

erzählen, der vermutlich ein Ahne Gogols war und bemerken nur, daß diese

echt kleinrussische Familie, wenn auch nur für kurze Zeit, mit zweien

ihrer Mitglieder in die Reihen der polnischen Schlachta eingetreten war,

was eine Erklärung für den zweiten polnischen Namen liefert, dem die

Gogols dem ihren anfügten: Gogols Urgroßvater hieß Jan, nach ihm nannten

sie sich auch Janowski, und ihr Erbgut im Kreise Mirgorod,

Regierungsbezirk Poltawa, erhielt den Namen Janowschtschina (wie ein

anderes Gut, Wassiljewka, seinen Namen nach Gogols Vater Wassilij

erhalten hatte). Später war Gogol bemüht, diesen zweiten Namen

abzulegen, denn er behauptete, daß »die Polen« dieses Anhängsel erfunden

hätten.

Und doch war Gogol den Professoren und Mitschülern fast ausschließlich

unter dem Namen Janowski bekannt. Schon der Sohn Jan Gogols war

griechisch-katholisch geworden; er wurde in der Kiewer Akademie erzogen

und trat sogar in den geistlichen Stand ein; sein Enkel, der Großvater

unseres Dichters, war den Zeugnissen nach, die sich erhalten haben, ein

echter Kleinrusse. Für uns hat die Bekanntschaft mit den Ahnen Gogols

vor allem die Bedeutung, daß sie uns von der Überlieferung alle als

hochbegabte Menschen geschildert werden -- jedenfalls waren sie keine

gewöhnlichen Erscheinungen. Auch der Vater Gogols, Wassilij

Afanaßjewitsch, war ein außerordentlich begabter und herzensguter

Mensch, mit einem lebendigen und wißbegierigen Verstand, literarischen

Neigungen und einem ausgesprochenen Erzählertalent. Sorglos und geliebt

von Nachbarn und Freunden begnügte er sich mit seinem bescheidenen

Familienglück und träumte nie von dem lockenden Ruhm des Dichters. Ein

Zufall, die Übersiedelung nach dem Gute des bekannten kleinrussischen

Magnaten Troschtschinsky, einem Verwandten seiner Frau, Kibinzu,

erschloß der dichterischen Begabung Wassilij Afanaßjewitschs ein

würdigeres Feld. Dank der weitherzigen Gastfreundschaft Troschtschinskys

war dieser immer von Freunden umringt: stets standen Zimmer und ganze

Flügel für die Ankömmlinge bereit. In seinem Hause herrschte ewiger

Feiertag: man musizierte, spielte Theater, arrangierte Feste -- und

alles war immer von einer erregten Atmosphäre von Freude und Glanz

umgeben. Nicht minder hing man in diesem Schlosse geistigen Interessen

nach: selbst bloße Vergnügungen trugen das Merkmal vollendeten Taktes

und Geschmacks, und keiner widerstand dem bezaubernden Eindruck des

Ganzen. Gogols Eltern wurden hier gern gesehen, und man schien in diesem

zeitgenössischen Athen dem alltäglichen Leben ganz entrückt zu sein.

Am 19. März 1800 wurde W. A. Gogol, das ältere von den zwei am Leben

gebliebenen Kindern, unser Dichter, geboren. Von dem ersten Tag an war

er der Abgott der Familie, vor allem der Mutter, deren Güte und

Freundlichkeit allgemein hochgeschätzt wurde. Es ist selbstverständlich,

daß der Knabe von seinen Eltern mit zartester Sorgfalt behütet wurde,

und so wuchs er mitten unter Gutsherrn und Bauern alten Schlages auf.

Schon als Kind hatte ihm die Natur eine außerordentliche

Beobachtungsgabe verliehen, und so prägte sich ihm von früher Jugend an

das Bild eines kleinrussischen Dorfes ein: unmerklich schleichen sich

die kleinrussischen Sagen, Sitten und Tänze in sein Herz. Auf dem Gute

Troschtschinskys lernt er vieles kennen, was ihm in der Enge seines

väterlichen Hauses ewig unbekannt geblieben wäre. Und hier erlebte er

seinen ersten künstlerischen Genuß: als er bezaubert den Dramen

Kotlarewskis zuschaute, die von Leibeigenen auf dem Haustheater gespielt

wurden. Mit zehn Jahren brachte man ihn nach Poltawa, um ihn dort für

sein späteres Studium vorbereiten zu lassen; bald jedoch wurde er nach

Njäschin geschickt in das »Gymnasium der höheren Wissenschaften,« wo er

vom Mai 1821 bis Juni 1828 als Schüler verblieb. In der Schule machte

der kränkliche, nicht allzufleißige Knabe, der seine geringe Zuneigung

zu den Wissenschaften durch eine innige Hingabe an allerlei kleine

Streiche und Neckereien ersetzte, weder auf seine Altersgenossen noch

auf die älteren Schüler einen besonders guten Eindruck: die einen

lachten ihn als einen Spaßmacher aus, die andern verachteten ihn als

einen Faulenzer. Der natürlichen Begabung des Knaben, die sich vorläufig

nur dadurch kundgab, daß er den Lehrern treffende Spitznamen gab und

ihre Eigenheiten geschickt nachahmte, schenkte keiner irgendwelche

ernstere Beachtung: aber die von ihm erfundenen Spitznamen werden von

den andern sogleich aufgegriffen, und alles belacht seine närrischen

Streiche, wenn auch keiner glaubt, daß sich hierin irgend etwas

ungewöhnliches ausdrückt. In dieser Zeit faßt er plötzlich eine

leidenschaftliche Hinneigung zur Malerei, wohl auch zu Büchern: aber

bald beherrscht das Theater widerspruchslos seine Sehnsucht. Er bemüht

sich, im Njäjiner Lyzeum kleine Aufführungen zu arrangieren und als

Schauspieler gelingen ihm vor allem die Rollen der komischen Alten.

Seine Leidenschaft entflammte auch seine Kameraden. Bald gibt er eine

Schülerzeitschrift heraus und träumt von seiner Zukunft, die sich in

lichten Farben vor ihm eröffnet. Als er sechzehn Jahre alt ist, stirbt

sein Vater plötzlich. Dadurch wird seine Entwicklung entscheidend in

eine andere Bahn gelenkt. Aus dem spielerischen Knaben wird unversehens

ein Jüngling. Sein und seiner Angehörigen Schicksal, dem er sich ganz

widmen will, bemächtigt sich seiner Phantasie: vor allem will er der

jüngeren Schwester den Vater ersetzen. Noch immer sind seine

Fortschritte in der Schule gering, nur für Geschichte wird ein größeres

Interesse bei ihm bemerkbar, ebenso für die Poesie, wenn ihn auch der

Literaturunterricht im Gymnasium wenig anzieht. Er macht sich über den

Professor, dessen vorsintflutliche Anschauungen noch in der »guten alten

Zeit« wurzeln und der Puschkin verachtet, lustig ... Und dann erwacht

die jugendliche Sehnsucht nach Freundschaft in ihm. Außer seiner

Knabenfreundschaft mit Danilewski, dem Sohne des Gutsnachbars, gewinnt

er noch Wyssozki und die Brüder Prokopowitsch zu Freunden. Die letzten

Jahre der Schulzeit eilen schnell vorüber; Wyssozki, der die Schule

absolviert hat, reist nach Petersburg, und Gogol, der oft mit dem

Freunde von der Hauptstadt im Norden geträumt hat, sehnt sich heiß nach

den Ufern der Newa. Seine Träume zaubern ihm das herrliche Leben in

Petersburg vor, wo die großen Ziele locken: gereizt empfindet er das

Provinzielle seiner Umgebung. Seine scharfe Beobachtungsgabe verbindet

sich mit schneidendem Humor zu bissigen Ironien. Aus den kühnen Träumen

der Jugend gestaltet sich das Idyll »Hans Küchelgarten«. Endlich naht

die Zeit der Abschlußprüfung. Gogol fühlt, daß er noch große Lücken

auszufüllen hat und beginnt angestrengt zu arbeiten. In den Briefen an

seine Mutter, die in dieser Zeit geschrieben sind, macht er der Schule

bittere Vorwürfe, daß sie ihn so lange aufgehalten hat, ohne ihm sichere

Kenntnisse beizubringen. Aber endlich besteht er die Prüfling.

Er kehrte auf kurze Zeit in seine Heimat zurück, um dann mit seinem

treuen Kameraden Danilewski nach Petersburg zu fahren. Bald enttäuscht

die grausame Wirklichkeit die großartigen Träume der Jugend: statt in

einem großen Zimmer mit hohen Fenstern auf die Newa hinaus zu wohnen,

muß er sich mit einem Raum in einer höheren Etage in einer viel

prosaischeren Gegend begnügen; die hohen Preise machen ihn

niedergeschlagen. Die Empfehlungsbriefe, mit denen ihn die sorgliche

Mutter ausgerüstet hatte, öffnen ihm zwar die Häuser einiger angesehener

Personen, bleiben aber ohne jegliches praktisches Resultat. Er leidet

Not und muß im Winter mit einem Sommermantel herumlaufen. Er muß allen

Vergnügungen entsagen: nicht einmal das heißgeliebte Theater kann er

besuchen ... Er fühlt sich tief unglücklich und mit fieberhafter Eile

unternimmt er einen Versuch nach dem andern; aber alles mißglückt ihm.

Er erinnert sich der Erfolge, die er auf der Bühne des Schultheaters

errungen hatte und läßt sich als Schauspieler prüfen: aber sein Organ,

klar und jeder Übertreibung bar, macht auf die zeitgenössischen

Theateraristarchen einen ungünstigen Eindruck. Er selbst bemerkt es

während der Probe und entfernt sich heimlich, ohne das Resultat

abzuwarten. Dann fiel es ihm ein, sein Idyll »Hans Küchelgarten« drucken

zu lassen, aber die Kritik nahm es kühl auf, und der gekränkte Dichter

warf eiligst seinen Erstling in die Flammen. Inzwischen war ihm aber das

Interesse der Petersburger für alles Kleinrussische aufgefallen, und der

unternehmungslustige Jüngling beschäftigt sich mit dem Plan, die

Komödien seines Vaters aufzuführen. Ebenso beginnt er, mit Hilfe der

Mutter und seiner Freunde näheres Material für einige geplante

kleinrussische Erzählungen zu sammeln, die er auch wirklich

niederschreibt und die unter dem Namen »Abende auf dem Gutshof bei

Dikanka« bald eine umfassende Popularität erlangten. Über seine Stimmung

zu dieser Zeit mögen einige Zeilen Auskunft geben, die einem

gleichzeitigen Brief an seine Mutter entnommen sind: »Ist das eine ein

Mißerfolg, kann man zum andern greifen, und mißglückt das auch -- dann

zum dritten usw. Das Kleinste kann manchmal eine große Hilfe bedeuten.«

In dieser Stimmung reifte plötzlich der Plan in ihm, ins Ausland zu

reisen -- in das Ausland, von dem er seit seiner Schülerzeit zu Njäschin

geträumt hatte! Er sehnte sich nach einem phantastischen Land des Glücks

und der schöpferischen Arbeit. Aber auch diesmal enttäuschte die

Wirklichkeit die farbige Glut seiner Jugendträume. In der »Beichte des

Dichters« bekannte er, daß »er sich kaum auf dem Meere, auf dem Dampfer,

unter fremden Menschen« befand, als schon die frohen Träume von einem

glücklichen exotischen Leben in nichts zerflossen. Kaum hatte er sich

flüchtig umgesehen, kaum hatte er Lübeck, Travemünde, Hamburg kennen

gelernt, als er schon zurück nach Petersburg eilte. (Nach A. S.

Danilewskis Angabe war Gogol aus Petersburg fortgefahren, um sich in

Amerika anzusiedeln.) Bald nach seiner Rückkehr erhielt er eine Stellung

im Apanagen-Departement. So kläglich hatten seine herrlichen

Dichterträume geendet. Und gerade diesen Ausgang hatte er wie das Feuer

gefürchtet, und mit allen Kräften sträubte er sich gegen den Gedanken,

daß »das Schicksal ihm ein düsteres Heim des Ungekanntseins zugedacht

hätte«.

Inzwischen aber gediehen die »Abende auf dem Gutshof bei Dikanka«

fleißig weiter; außerdem begann Gogol seine ersten literarischen

Versuche in Zeitschriften zu veröffentlichen und Beziehungen zu

Schriftstellern anzuknüpfen. So war er endlich auf der Bahn, die zu

einer Verwirklichung seiner Träume führen konnte. Delwig, Schukowski,

Pletniew -- vor allem der letztere -- erkannten seine glänzende Begabung

und entwickelten für seine Zukunft eine geradezu väterliche Besorgnis.

Pletniew verschaffte ihm eine Stellung als Geschichtslehrer am

»Patriotischen Institut,« wo er selbst Geschichtsunterricht erteilte,

und ebenso einige Stunden in vornehmen Häusern. Er war es auch, der ihn

mit Puschkin bekannt machte. Noch ein paar Mißerfolge hatte Gogol zu

überwinden, und dann erhaschte er das Glück, das phantastische,

zauberhafte Glück ... Plötzlich fühlte er sich in die Sphäre der höheren

literarischen Welt gehoben ... aussichtsreiche Beziehungen eröffneten

sich ihm. Vor allem befreundete er sich mit dem vielumworbenen Fräulein

A. O. Rosset, der späteren Frau Smirnowa. Ihre gemeinsame heiße Liebe

zur Ukraine hatte sie zusammengeführt, und das war für ihn um so

bedeutungsvoller, als sich sein Verhältnis zur Heimat in den seelischen

Erschütterungen der letzten Jahre wesentlich verändert hatte. War es

früher seine leidenschaftliche Sehnsucht, nur schnell in die Hauptstadt

zu kommen, so sehnte er sich jetzt aus den schweren Enttäuschungen der

großen Stadt in seine geliebte Ukraine zurück, obwohl er die Bedeutung

Petersburgs für seine Zukunft wohl erkannt hatte. Im Jahre 1831 gab er

unter dem ihm von Pletniew empfohlenem Pseudonym Rudy Panjko die »Abende

auf dem Gutshof bei Dikanka« heraus. Den Sommer verbrachte er in

Zarskoje Selo, in glücklicher Gemeinschaft mit Puschkin und Schukowski.

(Nunmehr war er überhaupt einer »derer um Puschkin« geworden.) Erst im

Sommer 1832 benutzte er seine Ferien, um die Heimat aufzusuchen. Eine

neue Idee hatte sich um diese Zeit seiner bemächtigt: er wollte eine

Komödie schreiben, deren Stoff dem alltäglichen Leben entnommen sein

sollte. Seine eminente Beobachtungsgabe mußte einmal einen solchen

Gedanken gebären, um sich vollkommen entladen zu können: durch sie

wurden Züge seiner Umgebung hell bestrahlt, die dem gewöhnlichen Blick

für immer verborgen bleiben, obwohl sie in Wahrheit die am tiefsten

charakteristischen sind. Das zeitgenössische Repertoire bestand in der

Mehrzahl aus affektierten Dramen und Tragödien: teils waren es lärmende

Trauerspiele im pseudoklassischen Geschmack, teils anspruchslose

Komödien, die, ohne jede Bedeutung, nur der Abwechslung dienten. Es kann

nicht stark genug betont werden, daß in dieser Lage Gogols Plan geradezu

eine Offenbarung bedeutete: und wenn um Gogols schöpferischer Stellung

in der Literatur vielleicht gestritten werden kann, so kann über seine

Bedeutung für die dramatische Kunst nicht der geringste Zweifel

herrschen. Denn die Entwicklung des russischen Dramas kann selbst durch

so starke ästhetische Schöpfungen wie Puschkins »Geizige Ritter«,

»Mozart und Salieri« oder »Der steinerne Gast« nicht erklärt werden:

überall wird man der entscheidenden Einwirkung Gogols begegnen. Seine

Ansicht von der Bedeutung des Dramas, die ihm aus tiefstem Innern

zugeflossen war, war so selbstständig und neu, daß sie ihm bei einem

vorübergehenden Aufenthalt in Moskau die gerühmten Produkte der

zeitgenössischen dramatischen Literatur ganz bedeutungslos erscheinen

ließ; diesen Aufenthalt in Moskau -- übrigens auf seiner Reise in die

Heimat -- benutzte er, um literarische Beziehungen anzuknüpfen, die er

sich vorher sorgfältig ausgewählt hatte und von denen er eine Förderung

seiner dramatischen Absichten erwarten konnte, oder die ihm bei einer

praktischen Ausnutzung seiner Geschichtsstudien behilflich sein konnten.

Gogols Ansichten frappierten allgemein und selbst ein so kultivierter

Kenner des Theaters wie S. T. Aksakow war von einigen gelegentlichen

Äußerungen aufs tiefste überrascht, deren tiefe Wahrheit er trotz ihrer

scheinbaren Seltsamkeit sofort einsah. In Moskau kam Gogol mit M. P.

Pogodin und seinen Landsleuten Maximowitsch und dem Schauspieler

Schtschepkin in nähere Berührung. Seine Rückkehr in die Heimat

bereicherte ihn um viele trostlose Erfahrungen: er kehrte ja nicht mehr

als der glückliche, von lichten Träumen erfüllte Jüngling zurück, als

der er vor drei Jahren mit Danilewski fortgezogen war. In diesen drei

Jahren hatte er etwas köstliches verloren: die frohen Träume der Jugend.

Die Träume der Jugend, die voll blühender Sehnsucht die Welt als einen

Triumphpfad träumt, mit bunten Blumen überschüttet. Aber der rosa

Vorhang ist gesunken, und nackt starrt vor dem bestürzten Auge die kahle

Mittelmäßigkeit des Alltags. Und Gogol erfüllt die ernste Tragik des

Lebens, die sich unter dem grauen Einerlei des Weltlaufs verbirgt.

Alles, was ihm der Traum in verlockenden Bildern gemalt hat, was in der

Ferne ihm begehrenswert erschienen war -- alles zeigte sich noch

nichtiger und trostloser, als es ihm vor drei Jahren erschienen war. Und

in der Nähe wartete das gleiche Petersburg auf ihn: aber ohne die

magische Aureole, die es ihm vor drei Jahren verklärt hatte. Das alles

drückt sich in der veränderten Stimmung seiner nächsten Werke aus:

deutlich scheidet sich schon »Mirgorod« hierin von den »Abenden auf dem

Gutshof bei Dikanka,« die in allem die zärtliche Verklärung der Jugend

atmen. Aber kaum ist er wieder in Petersburg angelangt, als er sich

schon den Traum einer neuen glücklichen Zukunft ausmalt: er will nach

Kiew gehen, um sich dort um die Geschichtsprofessur an der eben

eröffneten Universität zu bewerben. Erfüllt von dem Gefühl seiner

reichen inneren Kräfte, durchdrungen von der Überzeugung, die im Kreise

Puschkins alle beherrschte, daß das Genie der Masse und ihrer Meinung

absolut überlegen sei -- hatte er sich nie ernste Gedanken über die

Verantwortlichkeit einer akademischen Stellung gemacht. Er war fest

überzeugt, daß allein durch die Kraft der lebendig-bildlich-bewegten

Vorstellung die Künste der »welken Schulmeister« in Schatten gestellt

würden. Nachdem er sich mit Puschkins und Schukowskis Hilfe den

Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte an der Petersburger

Universität erobert hatte, hielt er es natürlich auch nicht für nötig,

sich für die bevorstehenden Vorlesungen ernsthaft vorzubereiten: statt

dessen überläßt er sich der geliebten Arbeit des dichterischen

Schaffens. In dieser Zeit schreibt er den »Revisor.« Sein

Selbstvertrauen wächst maßlos: er denkt daran, eine Geschichte

Kleinrußlands im Mittelalter zu schreiben. Das Resultat ist nicht

anders, als man erwarten konnte: in seiner Universitätszeit entstehen

dichterische Schöpfungen von hohem Werte, würdig seines Talents -- aber

seine wissenschaftlichen Pläne scheitern jammervoll, und seine

Vorlesungen sind, wenn man von einigen wirklich glänzenden absteht,

flüchtig und mittelmäßig. Die Hörer verlieren Achtung und Vertrauen vor

ihrem Professor, und wenn sie ab und zu in sein Auditorium hineinsehen,

geschieht es nur, um sich »durch seine phantastische Diktion unterhalten

zu lassen.« Gogols Professur endete mit einem vollständigen Fiasko,

zumal er seine Vorlesungen bald aus Mangel an gelehrtem Material

ausfallen lassen mußte. Und da gerade zu dieser Zeit die Anforderungen

an die Professoren erhöht wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als

seinen Abschied zu nehmen. Kurz vorher hatte er auch die Stunden im

»Patriotischen Institut« verloren.

Nach diesen Mißerfolgen richtete er all seine Kraft auf die Aufführung

des »Revisors«. Am 19. April 1836 wurde dieses große Werk, das bis heute

noch eine hohe Zierde der russischen Bühne ist, endlich zum erstenmal

gegeben. Anders als jene Dutzendautoren, deren kühnste Hoffnung nur bis

zum freundwilligen Applaus des Publikums reicht, blickte Gogol auf die

Bühne: mit tiefer Angst und Wehmut verfolgte er das Schicksal seines

Werkes, in das er seine ganze Seele, seine edelsten Kräfte gelegt hatte.

Die Pfeile der Komödie trafen scharf ins Ziel, und im Publikum wogte

eine außerordentliche Erregung gegen das Werk. Kaiser Nilolaj

Pawlowitsch, der bei der ersten Vorstellung des Revisors anwesend war,

entschlüpften folgende denkwürdige Worte: »Das ist ein Stück! Alle haben

ihr Teil bekommen -- aber ich am meisten!« Von tiefer Anteilnahme für

die schonungslose Entblößung sozialer Schäden erfüllt, ebnete der Kaiser

durch seine Protektion dem Werk den Weg zur Bühne. Aber statt daß der

Dichter über eine so offensichtliche Wirkung erfreut ist, ist er

überrascht und niedergeschlagen und wehmütig ruft er aus: »Herrgott,

wenn nur einer oder zwei geschimpft hätten -- Gott segne sie. Aber alle

... alle!« Bitter beklagt er sich bei seinen Freunden, daß alle das Werk

schmähten und doch abends in die Vorstellung liefen. Die Aufführungen

werden durch die üblichen Schikanen und Intriguen der Theaterbehörden

immer wieder gestört: und das alles bringt den Kelch schließlich zum

Überlaufen. Von den schweren Erlebnissen der letzten Jahre gequält und

zerrüttet, reist er mit seinem unzertrennlichen Freunde Danilewski ins

Ausland, um dort Ruhe und Zerstreuung zu finden.

Trotz der vielen Mißerfolge blickt er mit unzerstörbarer Heiterkeit in

sein zukünftiges Leben. Und so reisten beide Freunde in die Welt hinaus,

jung, frei, und fortgerissen von dem Drange, sich in das lockende,

fremde, westeuropäische Leben zu stürzen. Fröhlich, als hätten sie die

Last düsterer, ewig gleicher Eindrücke für immer abgeworfen, eilten sie

einer hellen, rosigen Zukunft entgegen. Die goldenen Träume der Jugend

schwebten noch über ihnen, und vor ihnen erhob sich die Morgenröte eines

besseren poetischeren Lebens, erfüllt von Jubel und lichtem Glück.

Mit dieser Reise in das Ausland begann für Gogol eine neue Epoche seines

Lebens. Von allen Interessen der offiziellen Petersburger Welt getrennt,

gab er sich ungehemmt der ihm entgegenbrausenden neuen Welle hin. Er

schließt neue Bekanntschaften, und die Distanz zwischen ihm und seiner

Vergangenheit wird mit jedem Tage größer, entscheidender. Ein, zwei

Monate vergehen -- und er fühlte sich allen ehmaligen Sorgen und

Ärgernissen entfremdet. Nur die innige Liebe zur Heimat erwacht wieder:

und jede Erinnerung wird ihm zu einem sorgsam gehegten Schatz. Aber die

Bitterkeit, mit der sie die schönste Zeit seines Lebens erfüllt hatte,

ließ sich doch nicht ganz vergessen, und in seinen intimen Bekenntnissen

stehen neben begeisterten Hymnen auf die Heimat bittere Klagen über ihre

Schattenseiten. Beides ist gleichbezeichnend für des Dichters

unübertroffene Aufnahmefähigkeit. Mit der Hingabe eines Jünglings weiß

er die zahllosen neuen Eindrücke zu genießen, er reist von einem Land in

das andere, um sich endlich für längere Zeit in Italien niederzulassen,

das er später seine »zweite Heimat« nennt. Die Wunder der italienischen

Natur und Kunst, die große Eigenart Roms, die Lebensführung, die allem

früher Gesehenen nur allzu Gewohntem direkt widersprach -- wie stark

mußte das alles auf die empfängliche Seele des Künstlers wirken! Und

gierig schlürft Gogol den Kelch dieses erregten Lebens, oft mit seinem

Freund Danilewski, oft auch mit einem andern Enthusiasten, dem edlen und

reinen Maler A. A. Iwanow. In einer glücklichen poetischen Umgebung

geben sie sich bis zur Selbstvergessenheit dem ästhetischen Genießen der

Natur hin, und voll tiefer Seligkeit empfinden sie sich als freie

Menschen, unendlich fern von allem Kalten und Offiziellen, von allen

materiellen Ablenkungen. Hier in Italien berührten alle Dinge die Seele

unserer Einsiedler zärtlich: das stille Genießen der Kunst, der Zauber

der wundervollsten Sprachmelodie, das Ergreifende überraschender

Farbenwechsel und die mit nichts zu vergleichende Pracht des südlichen

Himmels. Jede durchkreuzte Straße dieser hingebend geliebten Stadt,

jeder unbedeutende Winkel in den dunklen und nicht immer ganz sauberen

Osterien wird ihnen teuer. Eine besondere Freude war es für Gogol, hier

in der Fremde Seelenverwandte zu treffen, und er fand ihrer viele. Mit

einem Wort: es war die glücklichste, hellste Zeit seines Lebens.

Aber wie es immer im Leben geht, diese Zeit war nicht von langer Dauer,

und ihr Glück mußte hart gebüßt werden. Das Schicksal ist nicht

freigiebig mit solchen Geschenken, und es war Gogol nicht lange

beschieden, in dieser Hochflut ästhetischer Genüsse zu leben. Allein in

dieser Zeit hatte er den ersten Band der »Toten Seelen« geschrieben,

eines Werkes, das nunmehr zu seiner Lebensaufgabe heranwächst. Das

glückliche Leben verdüsterte sich durch materielle Sorgen, und auch

Wolken anderer Art bedrohten seinen heiteren Horizont. Bald mußte er

eine kostspielige Reise nach der Heimat machen, um seine Schwestern aus

dem Institut zu nehmen und die jungen unerfahrenen Mädchen wenigstens

nach Moskau zu begleiten, und die Rückreise brachte neue Sorgen, die

eine erhebliche Anleihe verlangten. Bald vergifteten Krankheiten sein

Leben; im Jahre 1840 überstand er nacheinander in Wien und Rom zwei

schwere Krankenlager. Eine Zeitlang glaubte er sich sogar am Rande des

Grabes. Jede Genesung empfindet der von Kindheit an religiös gestimmte

Gogol als eine göttliche Erlösung von dem Tode, die ihm das Schicksal

nur gewährt hat, um durch neue Schöpfungen dem Nutzen der Menschheit in

einem höheren Sinne dienen zu können oder, wie er sich später äußerte,

»um einen Hymnus auf die göttliche Schönheit zu singen«.

Das alles geschah an der Grenze der dreißiger und vierziger Jahre. Die

sensible Natur des Künstlers hatte sich der schweren Anfechtungen zu

erwehren, die unbarmherzig auf ihn niederprasselten. Einer der

schwersten Schicksalsschläge, die ihn betroffen hatten, war der frühe

Tod des jungen Josef Wielgorski, an dem er während der letzten Monate

seines langsamen Dahinschwindens mit ganzer Seele gehangen hatte. Gogol

war für die Freundschaft aufs äußerste empfindlich, und gerade darum

blieb der Kreis seiner Freunde immer sehr klein. Aber nicht minder

zerrütteten ihn die kleinlichen Sorgen des Alltags. Fern von den

aktuellen Tagesfragen und den Interessen der zeitgenössischen

literarischen Welt, beschränkt durch seine persönlichen Beziehungen und

materiellen Verpflichtungen, konnte er seinen Freunden kaum etwas recht

tun. Unter dem Kreuzfeuer ihrer Ansprüche und gegenseitiger

Gereiztheiten geriet er unwillkürlich in eine unangenehme und unbequeme

Lage, da sie sich alle für berechtigt hielten, eine Unterstützung ihrer

zahlreichen Zeitschriften durch Arbeiten aus seiner Feder zu verlangen.

So entzweite er sich mit dem ihm einst in Moskau (1841) sehr

nahestehenden Pogodin, der ihm Geld geliehen hatte und sich berechtigt

fühlte, Arbeiten von ihm zu verlangen. Pletniew und seinen andern

Petersburger Freunden gefiel wiederum seine Annäherung an die Moskauer

nicht, und die Aksakows mit ihrer aufrichtigen, aber wie Gogol selbst

sagte, übertriebenen Liebe zu ihm waren durch seine Anhänglichkeit an

Italien verletzt. Die Mühen, die das Erscheinen der »Toten Seelen« im

Jahre 1842 verursachte, machten in Gogol die Erinnerung an die

schrecklichen Seelenqualen lebendig, die er bei der Aufführung des

Revisors erlitten hatte. Wieder die gleichen offiziellen Scherereien,

vor allem mit der Zensur, die Meinungen äußerte wie folgende: der Titel

»Tote Seelen« schon könne nicht zugelassen werden, da die Seele

unsterblich sei! Besonders hatte die Erzählung vom Kapitän Kopeikin

darunter zu leiden. Wieder war Gogol gezwungen, durch Bitten und Besuche

hochgestellte Persönlichkeiten zu interessieren, wieder allerlei

quälende Intrigen. Und waren es früher nur die Intrigen im Theater, die

ihn marterten, so bereiteten ihm jetzt seine Freunde allerlei

Schwierigkeiten: vor den Aksakows mußte er seine Beziehungen zu

Belinski[1] verbergen, und bei Pogodin war es ihm unangenehm, daß er mit

dem von ihm erborgten Gelde dem Maler Iwanow geholfen hatte. Zu gleicher

Zeit beunruhigten ihn die finanziellen Verhältnisse seiner Familie auf

das äußerste, und er durfte nicht einmal daran denken, zu helfen, da

seine eigene materielle Lage eher alles andere als glänzend war. Noch

während seines Petersburger Aufenthaltes hatte er in dieser Beziehung

allen Boden unter den Füßen verloren. Nachdem er seinen früheren Beruf

aufgegeben hatte, war es ihm nie wieder in den Sinn gekommen, zu einer

bestimmten Tätigkeit zurückzukehren -- ausgenommen natürlich die Arbeit

an seinen Dichtungen. Wiederholt wandte er sich an die Regierung mit der

Bitte um eine Subvention, wobei er immer wieder darauf hinwies, daß es

sein heißer Wunsch sei, dem Vaterlande zu nützen, und daß er, da er sich

in keiner Stellung befände, ohne bestimmte Einnahmen sei. Gleichzeitig

befestigt sich in ihm die Überzeugung, daß er sich ganz dem heiligen

Werk der Arbeit an den »Toten Seelen« widmen müsse. Er glaubt sich von

Gott dazu berufen, in den folgenden Bänden die Ganzheit des russischen

Menschen darzustellen und die besseren helleren Seiten seiner Natur. Für

Gogol beginnt sich nunmehr die Frage nach der Fortsetzung seiner Arbeit

immer stärker mit dem Problem der Rettung seiner Seele zu verknüpfen;

und um die ihm gestellte Aufgabe würdig lösen zu können, glaubt er sich

geistig ganz neu gebären zu müssen. Er bittet Gott, ihm Kraft zu

verleihen, die ihm bevorstehende heroische Tat vollbringen zu können.

Inzwischen geht er immer mehr in sich und verschließt seine Seele vor

den andern. Er beginnt, seinen früheren Arbeiten wenig Bedeutung

beizulegen, er findet sie leer, und mit der ganzen Kraft seiner Seele

geht er in dem innig gehegten Traum auf, seinem Volke das ihm so nötige,

noch nie gesagte Wort zu verkünden. Grandiose Perspektiven eröffnen sich

vor seinem Auge, und unwillkürlich drängt sich ihm die Empfindung auf,

daß der erste Teil der »Toten Seelen« nur die Vorhalle zu einem

mächtigen, noch im Bau befindlichen Palast sei. In dieser Stimmung

schreibt er Zeilen, wie jene über Rußland, die tiefster Inspiration

entsprungen sind und die ihn den von diesem Anspruch gereizten

Zeitgenossen als mehr denn anmaßend erscheinen ließen. Tönend verkündet

er in diesen Zeilen, daß nunmehr aller Augen auf ihn gerichtet seien und

daß er der Sendbote einer anderen neuen Zeit sei, »wo aus einem anderen

Quell ein furchtbarer Sturm der Begeisterung sich erheben wird, aus

einem Haupte, das von heiligem Schrecken und strahlendem Glanz umweht

ist: und in verwirrtem Zittern wird man den erhabenen Donner anderer

Reden hören«. Gogol träumt von seiner messianischen Sendung: wenn er

auch nicht, wie es der Traum seiner Jugend war, der ganzen Menschheit

Segen bringen könne, so doch zumindest seinem geliebten Vaterlande. Er

vergißt seine Bitterkeit und die tiefen Wunden, dankbar segnet er die

Vorsehung für sein hohes, über der Ebene des gewöhnlichen Lebens

gelegenes Schicksal, und er heißt alle Prüfungen willkommen: selbst die

Armut, die er nach seinen eigenen Worten liebgewonnen hat, wie der

Liebhaber seine Geliebte. Mit starrer Entschlossenheit beschränkt er

seine Habe auf ein »Köfferchen« mit den Handschriften seiner Werke und

einigen Büchern religiösen Inhalts; und zuletzt sucht er Tröstung selbst

in den physischen Leiden, die seinen von Natur schwachen Körper mehr und

mehr untergraben. Diese Idee, an die er sich klammert und die sein

ganzes sittliches Sein erfüllt, wandelt seine moralische Persönlichkeit

vollkommen um, obschon es keine wurzelhafte Veränderung ist, vielmehr

erhalten einige Seiten seiner moralischen Konstitution, die in der

Jugend durch Sehnsucht, Lebensfrische, Gestaltungslust im Gleichgewicht

gehalten wurden, jetzt mehr und mehr das Übergewicht. Dieser Prozeß

beginnt Ende der dreißiger Jahre und erfüllt das ganze nächste

Jahrzehnt, er spiegelt sich deutlich in den Briefen dieser Periode, und

wenn er mitunter so abweichende, leidenschaftlich vertretene

Beurteilungen findet, so ist dies eine Folge der Verschiedenheit des

Gesichtswinkels, unter dem man ihn betrachtet; ob man auf das stürmische

Wachsen des inneren Menschen in Gogol achtet, der sich bis zum reinsten

Idealismus läutert, oder ob man die seelische Krise Gogols vom

Standpunkt des Ästhetikers bewertet, der ihren zerstörenden Einfluß auf

seine schöpferische Kraft betrachtet. Unter diesem ästhetischen

Gesichtspunkt ergibt sich diese Wandlung als notwendige Folge des

Zwiespaltes, in den die freie schöpferische Kraft durch ihre Bindung mit

-- wenn auch zweifellos idealen -- religiösen Motiven geraten muß. Eines

aber ist unzweifelhaft: das letzte Jahrzehnt des Dichters stellt einen

schmerzlichen und langwierigen Auflösungsprozeß seiner physischen Kräfte

dar und ihm parallel einen stetigen Niedergang seiner ästhetischen

Schöpfungskraft und eine sich bis zum Krankhaften steigernde religiöse

Ekstase. Aber trotz der hartnäckigen Gerüchte, die sich bis über seinen

Tod hinaus erhielten, hat keiner seiner Freunde je bei ihm eine geistige

Störung festgestellt. Andererseits hat jeder von der äußerst schroffen

Umwandlung Gogols während seiner letzten Jahre berichtet, und dieser

Eindruck, der von seiner Familie wie von seinem Vertrauten Danilewski

bestätigt wird, muß bei der Beurteilung dieser Epoche Gogols durchaus

mit berücksichtigt werden. Keime der mystischen Stimmung, die

Maximowitsch schon 1835 bei Gogol beobachtet hat, und nach ihm -- aber

immer noch früher als die andern Freunde -- S. T. Aksakow, sind unter

dem Eindruck der überstandenen Qualen und der ewigen Angst vor der Not

der Todesstunde schnell gereift, außerdem fanden sie auch einen

günstigen Boden in der Umgebung, in der Gogol sich während seines Lebens

im Auslande befand. Die Gesellschaft der Schukowski, Frau Smirnowas, A.

P. Tolstois und des kranken Dichters Jasykow schien geradezu auserwählt

zu sein, um Gogol, der von der Heimat getrennt und von allen Einflüssen

des westeuropäischen Lebens ganz abgeschlossen war, immer tiefer und

hemmungsloser in einen bodenlosen Mystizismus versinken zu lassen.

Gogols Umwandlung in seinen letzten Lebensjahren war eine endgültige:

mitgerissen von seelischen Entdeckungen, Prophetien, und zermarternden

Selbstbespiegelungen und bestürmt von grausamen unablässigen Leiden

zerrann ihm sein früheres Dasein in nichts. Seine Verschlossenheit und

innere Einsamkeit wuchs: seine Zuneigung zu seinen Jugendfreunden

verwandelte sich in eine mißtrauische Gespanntheit, seine dichterische

Schöpfungskraft nahm an Umfang und Wert ab. Lange noch lebte Gogol im

Ausland, mitunter auch in dem von ihm so innig geliebten Italien, aber

er ist nicht mehr der frühere Enthusiast, der sich vor der wundervollen

italienischen Landschaft begeistert. Immer ausschließlicher beschränkten

sich seine Gedanken auf das Religiöse: es zieht ihn nach Palästina, und

eine Zeitlang läßt er sogar die Arbeit an den »Toten Seelen«, um die

»Ausgewählten Stellen aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden« zu

schreiben. 1847 erscheint der Briefwechsel: es entspinnen sich

leidenschaftliche Diskussionen, und vor allem gefällt er in seiner von

der Zensur entstellten und verkürzten Gestalt dem Autor nicht. Gogol ist

bis zum Äußersten gequält und niedergedrückt.

[Fußnote 1: berühmter russischer Kritiker.]

Der bekannte Brief Belinskis und eine andere Äußerung seiner Freunde,

verstärkt durch eine Anzahl Kritiken zerrütteten Gogol endgültig. Er

fühlt sich zu einer Gegenäußerung gezwungen und schreibt die »Beichte

des Dichters«. Und Anfang 1848 gibt er seiner heißen Sehnsucht nach und

reist nach Jerusalem. Nach seiner Rückkehr bleibt er in der Heimat,

langsam nur schreitet die Arbeit an den »Toten Seelen« vorwärts. Sein

Lebensmut sinkt und allmählich unterliegt er in dem schweren Kampfe

zwischen der ungeheuren Aufgabe, die er sich gestellt hat, und seinen

immer schwächer werdenden geistigen und körperlichen Kräften. In dieser

Zeit gewinnt der Geistliche von Rschew, Pater Mathäus, einen

tiefgehenden Einfluß auf ihn, und seine strengen asketischen Worte

peinigen die kranke Seele des Dichters so, daß er die Predigt des

Geistlichen einmal mit dem Angstschrei unterbricht: »Genug, genug, es

ist furchtbar!« Hier soll bemerkt werden, daß ein starker Bestandteil

von Gogols Religiosität die Furcht vor dem Jenseits war.

Kurz vor seinem Tode verbrannte er den zweiten Teil der »Toten Seelen«.

Hartnäckig verweigert er die Annahme von Nahrung: er will sterben.

Beides, Verzweiflung und Todessehnsucht, erklärt sich aus der

peinigenden Ungewißheit des Dichters, ob seine Werke Gutes stiften

würden oder nicht: bis zu seinem Tode kämpften in Gogol flammende

Hoffnung und dumpfes Verzweifeln. Und hinzu kommt die unerträgliche

Angst vor der Qual der Todesstunde, die nur einen Wunsch gestattet, sich

so weit wie möglich auf den furchtbaren Augenblick der Abrechnung mit

dem Irdischen vorzubereiten, um die Seele vor der ewigen Verdammnis zu

retten.

Gogol starb in Moskau am 21. Februar 1852. Zu seinem Begräbnis

erschienen die Spitzen der Stadt, die Leichenfeier fand in der

Universitätskirche statt. Eine große Menge Volk hatte sich eingefunden,

um dem Dichter die letzte Ehre zu erweisen.

Die feindlichen Stimmen verstummen, und die große Bedeutung Gogols

stellt sich immer klarer, wahrnehmbarer heraus. Und in unsern Tagen wird

keiner versuchen, an der Bedeutung seiner gewaltigen Dichtungen zu

zweifeln, an diesem starken Darsteller der Wirklichkeit -- dem ersten,

den Rußland aus eigener Kraft hervorgebracht hat.

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 43 / 45 题