Was ist denn das wieder für ein Ding: Abende auf dem Gutshof bei
Dikanka? Was für »Abende« sind denn das? Und die dazu gar noch ein
Bienenzüchter in die Welt gesetzt hat! Gott bewahr' uns! Hat man etwa
noch zu wenig Gänsefedern gerupft und allzu wenig Lumpen zu Papier
verarbeitet! Hat etwa noch zu wenig Pack, haben etwa noch zu wenig Leute
von jeglichem Stand ihre Finger mit Tinte bekleckst! Da muß der Teufel
nach all dem anderen Volk auch noch einen Bienenzüchter reiten, es den
andern nachzumachen! Wahrhaftig! Es gibt doch schon so viel bedrucktes
Papier, daß man bald nicht mehr recht weiß, was alles man hineinwickeln
soll!
All diese Reden hat meine Prophetie schon gehört, schon vor einem Monat
gehört! Ich will nämlich sagen, daß es für unsereins, daß es für uns
Vorwerksbesitzer genau dasselbe ist, wenn man -- o du grundgütiger
Himmel --, die Nase aus seinem Loch in die große Welt steckt, als wenn
man in die Gemächer eines feinen Herrn tritt: alle bilden einen Kreis um
einen, und der Schabernack geht los; derartiges könnte man sich am Ende
noch von besseren Lakaien gefallen lassen, -- aber nein, irgend so ein
zerlumpter Junge, irgendein Lümmel, der sich im Hinterhof herumdrückt,
auch so einer traut sich heran. Da stampfen sie mit den Füßen und rufen
einem von allen Seiten zu: »Wohin willst du? Zu wem? Pack dich du
Bauernkerl! Scher dich zum Teufel!« ..... Ich kann euch sagen .... Aber
was sollen alle Worte! Mir fällt's wahrhaftig leichter, zweimal im Jahr
nach Mirgorod zu reisen, wo mich schon seit fünf Jahren weder der
Schreiber vom Landgericht noch seine Hochwürden zu Gesicht bekommen
haben, als zu den großen Leuten zu steigen; tu ich's aber mal, dann
heißt's, ob's dir nun paßt oder nicht, Rede und Antwort stehen.
Nichts für ungut, meine lieben Leser (und ihr nehmt's vielleicht übel,
daß ein einfacher Bienenzüchter zu euch redet wie zu seinem Gevatter
oder Ehestifter), wir Vorwerksleute haben von jeher solche Bräuche:
sowie die Feldarbeiten zu Ende sind, der Bauer übern Winter zur Ruh'
hintern Ofen kriecht und unsereins seine Bienen in den dunklen Keller
steckt; sowie es keinen Kranich mehr am Himmel und auf dem Baum keine
Birne mehr gibt, da kann man, wenn es Abend wird, sicherlich irgendwo am
Ende der Dorfstraße ein Licht blinken sehen; von ferne hört man lachen
und singen, die Balalaika klimpert, oft auch vernimmt man Geigenklänge,
lauten Schwatz und Lärmen .... Das sind die _Unterhaltungen_ unserer
_Abende_! Sie ähneln sozusagen euren Bällen, aber doch nicht ganz. Wenn
ihr auf einen Ball fahrt, so geschieht's doch nur, um herumzuspringen
und in die hohle Hand zu gähnen. Bei uns dagegen, wenn da in einer Stube
ein Haufen Mädchen mit Spinnrocken und Spindelkamm zusammenkommt, so ist
das durchaus kein Ball. O nein! -- Zuerst sieht's aus, als ob sie
ernstlich an die Arbeit gehen wollten. Die Spindeln surren, die Lieder
schwirren, und keine wagt es, zur Seite zu blicken. Kaum aber kommen die
Burschen mit dem Fiedelmann in die Stube, da beginnt ein Toben und
Schreien, es wird getanzt, und solche Streiche geschehen da oft, daß
man's gar nicht erzählen kann.
Aber am schönsten ist's doch, wenn alle sich zu einem Haufen
zusammentun, und man beginnt, Rätsel zu raten, oder ganz einfach -- zu
schwatzen. O mein Gott! Was wird da nicht alles erzählt! Was wird da
nicht für alter Kram ausgegraben! Was für Gruselzeug wird da nicht
herangeschleppt! Aber nirgends ward wohl soviel Wunderliches erzählt wie
an den Abenden beim Rotfuchs Panjko, dem Bienenzüchter. Warum mich die
Leute den »Rotfuchs Panjko« nennen, das vermag ich, weiß Gott, nicht zu
sagen. Auch ist ja mein Haar, sollt' ich wohl glauben, eher grau als
rot. Aber das ist bei uns nun eben, mit Verlaub zu sagen, so Sitte:
haben die Leute einem mal 'nen Spitznamen gegeben, so behält er ihn in
alle Ewigkeit. Oft kamen am Vorabend hoher Feiertage allerlei brave
Leute in die Hütte des Bienenzüchters zu Gaste, und wenn die sich erst
an den Tisch gesetzt hatten, da gab's dann was zu hören. Das waren nicht
etwa Leute aus den einfachen Ständen, nicht etwa Bauern aus einem
Vorwerk; manch einem, der mehr als Bienenzüchter ist, würde ihr Besuch
Ehre machen. Kennt ihr zum Beispiel Foma Grigorjewitsch, den Küster an
der Kirche zu Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konnte der
nicht für Geschichten erzählen! Zwei davon sollt ihr in diesem Büchlein
finden. Nie hat der einen Kittel aus Bast getragen, wie ihr ihn bei so
vielen Küstern auf dem Lande findet; ja, kamt ihr selbst an Werkeltagen
zu ihm, so empfing er euch immer in einer Joppe aus feinem Tuch von
einer Farbe wie die von kaltem Kartoffelbrei, für das er in Poltawa fast
sechs Rubel die Elle bezahlt hat. Von seinen Stiefeln wird niemand auf
dem ganzen Weiler behaupten können, sie hätten nach Teer gerochen; jeder
weiß, daß er sie mit dem allerfeinsten Schmalz geschmiert hat, das,
glaub' ich, mancher Bauer sich wohl mit Freuden in den Brei getan hätte.
Auch wird niemand zu sagen wagen, daß er sich je die Nase mit dem
Rockschoß gewischt hat, wie es manche Leute seines Standes zu tun
pflegen; nein, er zog ein weißes, säuberlich gefaltetes Tüchlein aus dem
Busen, dessen Bänder mit rotem Zwirn bestickt waren, verrichtete sein
Bedürfnis, faltete es nach seiner Gewohnheit zwölffach zusammen und barg
es wieder im Busen. Und ein anderer Gast .... je nun, das war solch ein
feines Herrchen, daß man ihn stracks zum Präsidenten oder Exekutor hätte
machen können. Er pflanzte seinen Finger vor der Nase auf, und dann
blickte er die Spitze an und erzählte so spitzfindig durch die Blume,
akkurat wie es in den gedruckten Büchern steht! Wenn ihn unsereiner
manchmal so hörte, da mußte man ja ganz nachdenklich werden. Kein
Sterbenswörtchen war zu verstehen. Wo hat der bloß solche Worte
hergenommen? Diesbezüglich hat Foma Grigorjewitsch einmal eine
treffliche Schnurre erdacht: er erzählte ihm eine Geschichte von einem
Schüler, der einst bei einem Küster zur Schule ging; als der wieder zu
seinem Vater kam, da war er ein solcher Lateiner geworden, daß er sogar
unsere rechtgläubige Sprache vergessen hatte -- alle Worte ließ er auf
»us« endigen: statt Schaufel sagte er »Schaufelus«, statt Weib »Weibus«
usw. Einmal ging er mit seinem Vater über Feld. Der Lateiner erblickt
eine Harke und fragt: »Wie nennt man das bei euch, Vater?« und dabei
sperrte er das Maul weit auf und trat der Hacke auf die Zähne. Der Vater
hatte kaum antworten können, da flog der Griff der Harke dem Sohne mit
einem Schwung gegen die Stirn. »Die verdammte Harke!« schrie der
Schuljunge, fuhr sich mit der Hand an den Kopf und sprang eine Elle hoch
in die Luft. »Der Satan soll den Mann holen, der das Harkenzeug gemacht
hat! Sie tut so weh!« »So, bist du endlich auf den Namen gekommen, mein
Täubchen?« -- Dieses Märchen wollte dem verblümten Erzähler nicht
besonders gefallen. Ohne ein Wort zu sagen, stand er von seinem Platze
auf, stellte sich breitbeinig mitten im Zimmer hin, neigte den Kopf
etwas vor, schob die Hand in die Seitentasche seines erbsengrauen
Rockes, holte seine runde lackierte Tabakdose hervor, schnippte mit dem
Finger über das draufgemalte Gesicht eines ausländischen Generals, nahm
eine ziemlich große Prise seines mit Asche und Liebstöckelblättern
vermischten Tabaks, führte sie weit ausholend an die Nase und sog im Nu
das ganze Häufchen ein, ohne auch nur den Daumen zu streifen, und dabei
sprach er keine Silbe. Erst als er in die andere Tasche griff und ein
blaukariertes Baumwollentuch hervorholte, da murmelte er etwas vor sich
hin, wie: »_Man darf seine Perlen nicht vor die Säue werfen!_« ..... »Da
gibt's einen Krach,« dachte ich, als ich sah, wie Foma Grigorjewitschs
Finger sich zu einer Ohrfeige zusammenballten; zum Glück hatte meine
Alte die gute Idee gehabt, gebackenes Weißbrot mit Butter auf den Tisch
zu stellen. So machten sich denn alle daran; auch Foma Grigorjewitschs
Hand griff, statt dem andern eine Nase zu drehen, danach, und alle
begannen, wie üblich, die tüchtige Hausfrau zu loben. Dann gab's bei uns
noch einen, der zu erzählen verstand; aber der (nie zur Nacht sei dran
gedacht!) der erzählte so gruselige Geschichten, daß einem die Haare zu
Berge standen. Ich habe sie absichtlich nicht hier hereingebracht: die
guten Leute könnten gar noch solche Angst vor dem Bienenzüchter
bekommen, wie -- Gott bewahre mich -- vor dem Teufel. Lieber will ich,
wenn's Gott gefällt, bis Neujahr warten, und gebe dann noch ein Büchlein
heraus. Da sollen uns meinetwegen Gestalten aus jener anderen Welt
entsetzen, und Mirakel, die sich in alten Zeiten in unserem
rechtgläubigen Lande zugetragen haben. Ihr werdet darunter vielleicht
auch einige Parabeln vom Bienenzüchter selbst finden, wie er sie seinen
Enkeln erzählt hat. Ihr braucht nur die Ohren zu spitzen. Ich hab' nur
keine Lust herumzukramen, sonst könnte ich wohl noch zehn solche
Büchlein zusammenbringen.
Doch halt -- ich habe ja die Hauptsache vergessen: Wenn Ihr, lieben
Herren, zu mir fahrt, dann schlagt die gerade Poststraße nach Dikanka
ein. Ich hab' mit Fleiß den Ort an die erste Seite gestellt, damit Ihr
den Weiler schneller zu erreichen wißt. Doch Ihr habt wohl schon zur
Genüge von Dikanka gehört. Wahrlich, dort sind die Häuser stattlicher
als die Strohbude eines bescheidenen Bienenzüchters. Ganz zu schweigen
vom Garten: dergleichen findet ihr wohl nur noch in eurem Petersburg.
Wenn ihr nach Dikanka kommt, so fragt bloß den ersten besten Jungen, der
im schmierigen Hemde seine Gänse hütet: »Wo wohnt hier der Bienenzüchter
Panjko?« -- »Da hier,« wird er sagen, und zeigt's euch mit dem Finger,
und wenn ihr wollt, so bringt er euch sogar bis vors Haus. Doch bitte
ich euch, legt nur nicht zu gemächlich die Hände auf den Rücken und
springt mir nicht zu unbedacht herum, denn unsere Landstraßen sind nicht
so glatt wie die vor euren feinen Häusern. Als Foma Grigorjewitsch vor
zwei Jahren aus Dikanka hinausfuhr, geriet er mit seinem Wägelchen
mitsamt dem vorgespannten Braunen in den Graben, obwohl er selbst die
Zügel führte und sich zu seinen eignen Augen noch manchmal gekaufte
aufsetzte.
Wenn ihr nun aber doch zu Gaste kommt, so sollt ihr solche Melonen
kriegen, wie ihr sie euer Lebtage noch nicht gegessen habt; und besseren
Honig, das schwör' ich euch, werdet ihr auf keinem Vorwerk finden:
stellt euch vor, wenn man so eine Wabe hereinbringt, da strömt euch ein
Geruch durchs ganze Zimmer -- es läßt sich gar nicht ausdenken, was für
ein Geruch! Klar wie eine Träne oder wie teures Kristall, das man in den
Ohrringen trägt! Und was für Pasteten euch meine Alte vorsetzt! Was für
Pasteten! Wenn ihr das wüßtet: Zucker, der reine Zucker! Und die Butter
läuft einem beim Essen nur so über die Lippen. Es ist nicht zu glauben,
was diese Weiber alles können! Habt ihr schon je Birnenmost mit
Schlehdornbeeren gekostet, meine Herren? Oder Bier mit Rosinen und
Pflaumen? Oder Gekröse in Milch? O Gott, was es alles für Gerichte in
der Welt gibt! Man kann kaum genug bekommen. O, es ist ein Genuß: zum
Fingerablecken! Im vergangenen Jahr ..... Aber was schwatz' ich da
zusammen ..... kommt nur, kommt recht bald; ihr sollt so bewirtet
werden, daß ihr's ganz sicher weit und breit erzählen werdet.
_Rotfuchs Panjko_.
Bienenzüchter.