Mary Krog."

Als sie den Brief fertig hatte, hörte sie einen Wagen vorfahren. Gleich

darauf wurde ihr eine Visitenkarte überbracht; darauf stand: Margrete

Röy, cand. med.

Es dauerte eine Weile, bis sie hereinkam; sie hatte ihren Reisemantel

abgenommen; es war ein kalter Tag. Das erhöhte Marys Spannung

beträchtlich, so daß sie, als die hohe, kräftige Frauengestalt mit den

guten Augen in der Tür stand, blaß wurde und zitterte. Sie merkte, was

das auf die guten Augen für einen Eindruck machte, die jetzt ihr ganzes

Mitgefühl über sie hinströmten. Als kennten sie beide sich seit vielen

Jahren, ging Mary ihr entgegen, legte den Kopf an ihre Schulter und

weinte. Margrete Röy zog das unglückliche Mädchen warm an ihre Brust.

Sie setzten sich. Sie wollte sich erkundigen, wann Mary ins Ausland

gehe. Mary war sehr erstaunt: "Habe ich darüber mit jemandem

gesprochen?"--Margrete Röy erklärte ihr, sie habe es von der Pflegerin

erfahren. "Ach," antwortete Mary, "was ich in dem Zustand gesagt habe,

weiß ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls nachher nicht wieder daran

gedacht."

"Also Sie wollen nicht fort?" Mary bedachte sich eine Weile. "Ich kann

es wirklich noch nicht sagen. Soweit bin ich noch nicht wieder zu mir

selbst gekommen." Margrete Röy wurde verlegen. Das sah Mary, oder

richtiger, sie fühlte es. "Wollen Sie etwa auch ins Ausland?" fragte

sie. "Ja. Ich wollte hören, ob ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann,

dann wollte ich meine Reise nach Ihrer einrichten."--"Wohin reisen Sie

denn?"--"Ich reise im Interesse meines Studiums und fange mit Paris an.

Die Pflegerin sagte mir, dahin wollten Sie auch", fügte sie hinzu. Sie

war ganz schüchtern geworden. Sie hatte Mary helfen wollen und kam sich

nun aufdringlich vor. "Ich weiß, Sie meinen es gut", antwortete Mary.

"Es kann ja sein, daß ich von Paris gesprochen habe. Ich erinnere mich

nicht. In Wirklichkeit habe ich noch nichts beschlossen."--"Ja, dann

müssen Sie schon verzeihen. Dann beruht alles auf einem Mißverständnis."

Fräulein Röy stand auf.

Mary hatte das Gefühl, sie müsse sie zurückhalten; aber sie hatte nicht

die Kraft. Erst an der Tür vertrat sie Fräulein Röy den Weg. "Ich möchte

in den nächsten Tagen einmal mit Ihnen sprechen, Fräulein Röy." Sie

sagte es sehr leise und blickte nicht auf. "Heute fühle ich mich nicht

kräftig genug", fügte sie hinzu.--"Das sehe ich. Das habe ich auch

angenommen. Deshalb habe ich Ihnen etwas mitgebracht, wovon Sie

vielleicht Gebrauch machen können. Es ist das beste Kräftigungsmittel,

das ich kenne."

Nein, wie sympathisch ihr ganzes Wesen Mary berührte. Sie dankte ihr

herzlich.

"Wenn ich etwas gesunder bin, komme ich also."--"Sie sollen mir

willkommen sein."--"Ja," sagte Mary errötend, "es ist Ihnen doch nicht

unangenehm, zu mir zu kommen?"--"In Ihr Haus am Markt?" fragte Margrete

Röy; sie wurde auch rot.--"In unser Haus am Markt, ja. Aber ich kann

wohl gar nicht mehr 'unser' sagen?" Ihr kamen wieder die Tränen. "Wenn

Sie mich nur verständigen, komme ich hin."

Acht Tage später kam sie.

In einem wütenden Novembersturm, wie man ihn schlimmer in jener Gegend

nie erlebt hatte. Das Wasser war noch nicht zugefroren, so daß Dampfer

verkehren konnten. Aber nur mit Not und Mühe. Und bei der Stadt mußten

sie Halt machen.

Margrete Röy war höchlichst erstaunt, als sie an diesem Tage die

Nachricht erhielt, sie möge in das Krogsche Haus am Markt kommen.

Sie kam in ein warmes behagliches Haus hinein und war doch gewohnt, es

ausgestorben mit heruntergelassenen Vorhängen zu sehen. Sie wurde eine

breite, altmodische Treppe hinaufgeführt; es war die ganze Stilart der

alten Stadthäuser zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.

Mary saß in einem roten Boudoir, das seit den Lebzeiten ihrer Mutter

unverändert geblieben war. Sie saß auf dem Sofa unter einem großen

Porträt der Mutter. Als sie aufstand in ihrem schwarzen Kleide, bleich

und mit müden Augen unter dem roten Haar, da erschien sie Margrete Röy

wie die Verkörperung des Schmerzes, die schönste, die man sich

vorstellen konnte. Es lag eine Feiertagsruhe auf ihrem Wesen. Sie sprach

so leise, wie der Sturm draußen es irgend gestattete.

"Ich fühle, Sie ehren das Leid eines anderen Menschen. Ich bin auch

überzeugt, daß Sie verschwiegen sind."--"Das bin ich."--Es dauerte eine

Weile, bis Mary sagte: "Was für ein Mensch ist Jörgen Thiis?"--"Was für

ein Mensch er ist?"

"Aus verschiedenen Gründen nehme ich an, daß Sie mir das sagen

können."--"Da muß ich aber erst fragen: sind Sie nicht mit Jörgen Thiis

verlobt?"--"Nein."--"Man hat es gesagt."--Mary schwieg.--"Ja, sind Sie

denn auch nicht mit ihm verlobt gewesen?"--"Doch."--Da sagte Margrete

rasch und freudig: "Aber Sie haben die Verlobung aufgehoben?"--Mary

nickte.--"Das wird manchem eine Freude bereiten; Jörgen Thiis ist Ihrer

nicht würdig." Das schien Mary nicht in Erstaunen zu setzen. "Sie wissen

etwas?" fragte sie.--"Ein Frauenarzt, liebes Fräulein, weiß mehr, als er

erzählen kann."--"Aber ich glaube doch, er hat mich geliebt", sagte

Mary, um sich zu entschuldigen.--"Das haben wir alle gemerkt",

antwortete Margrete. "Er liebte Sie sicher mehr als je eine zuvor." Und

sie fügte hinzu: "Das war nicht zu verwundern ... Aber in Kristiania

habe ich ein junges, süßes Mädel gekannt, die damals seine Einzige war!

Sie war ganz aus dem Häuschen, und da sie sich nicht heiraten konnten,

gab sie sich ihm hin."--"Was tat sie?" Mary schrak auf; hatte sie recht

gehört? Es stürmte draußen so sehr, daß man einander schwer verstehen

konnte. Margrete wiederholte deutlich und mit Betonung: "Sie war ein

warmherziges Ding und glaubte, sie sei wirklich seine Einzige."--"Sie

konnten sich nicht heiraten?"--"Sie konnten sich nicht heiraten. Da gab

sie sich ihm hin."

Mary fuhr in die Höhe, blieb aber stehen. Sie hatte etwas sagen wollen,

hielt aber inne.

"Erschrecken Sie nicht so, Fräulein Krog, das ist nichts Seltenes." Bei

dieser Auslegung war es Mary, als sinke sie in eine tiefere Klasse

herab. Sie setzte sich langsam wieder hin. "Sie haben gewiß in solchen

Dingen gar keine Lebenserfahrung, Fräulein Krog."--Mary schüttelte den

Kopf.--"Dann wundert es mich, daß Sie beizeiten von Jörgen Thiis

losgekommen sind; der hat Routine."--Mary antwortete nicht. "Wir nahmen

an, Sie würden noch vor dem Herbst heiraten. Besonders als Ihr Vater und

Frau Dawes krank wurden."--"Das wollten wir auch, aber es stellte sich

als unmöglich heraus."

Margrete konnte nicht ergründen, was hinter dieser rätselhaften Antwort

steckte. Aber sie sagte mit forschenden Augen: "Da wuchs wohl seine

Begierde ganz bedeutend?"--Es bebte in Mary, aber sie zwang es nieder.

"Sie scheinen ihn zu kennen?"--Margrete bedachte sich eine Weile: "Ja,"

sagte sie, "ich bin ja älter als Sie,--auch älter als er. Aber--zu

meiner Schande sei's gesagt,--in Kristiania vergaffte ich mich auch in

ihn. Das merkte er--und versuchte sein Heil." Sie lachte.

Mary wurde bleich, sie erhob sich und trat ans Fenster. Draußen

peitschten Sturm und Regen mit wachsender Gewalt gegen die Scheiben; sie

mußten jetzt ganz laut sprechen. Mary stand eine Weile und blickte in

das Unwetter hinaus, kam dann zurück und stellte sich aufgeregt und

unruhig vor Margrete hin.

"Wollen Sie mir versprechen: niemals einem Menschen zu sagen, worüber

wir heute geredet haben?--Unter keinen Umständen?"--Margrete sah sie

verwundert an: "Ich soll niemandem erzählen, daß Sie mich nach Jörgen

Thiis gefragt haben?"--"Ich wünsche absolut, daß keiner es

erfährt."--"Auf wen geht das?"--Mary sah sie an: "Auf wen das geht?" Sie

verstand die Frage nicht. Margrete aber stand auf: "Ein Mensch kam

eigens in diese Stadt, um Ihnen zu sagen, daß Jörgen Thiis Ihrer nicht

würdig sei. Er kam zu spät. Aber mir scheint, er verdient zu erfahren,

daß Sie jetzt selbst dahintergekommen sind, was für ein Mensch Jörgen

Thiis ist."--Mary antwortete eifrig: "Dem sagen Sie's! Dem können Sie es

sagen.--So ist er deshalb gekommen?" fügte sie langsam hinzu. "Es ist

mir lieb, daß Sie mir das gesagt haben! Mein zweites Anliegen war

nämlich ... (sie hielt einen Augenblick inne); das zweite, was ich Ihnen

zu sagen hatte, war ... Sie sollen Ihren Bruder grüßen. Von mir."--"Das

will ich tun. Und ich danke Ihnen dafür! Sie wissen, was Sie meinem

Bruder sind." Marys Augen wichen ihr aus. Sie kämpfte eine Weile mit

sich. "Ich bin eine von den Unglücklichen," sagte sie, "die ihr eigenes

Leben nicht ins Lot bringen können,--nicht das, was geschehen ist. Ich

kann den Faden nicht finden. Aber mir ist, als wenn Ihr Bruder Anteil

daran habe."--Sie wollte wohl noch mehr sagen, vermochte es aber nicht.

Sie trat statt dessen wieder ans Fenster und blieb da stehen. Das

Unwetter draußen drang mit tausendstimmiger Wut ins Zimmer. Es schrie

förmlich nach ihr. "Herrgott, was für ein Wetter", sagte Margrete mit

lauter Stimme. "Ich freue mich, in das Wetter hinauszukommen", sagte

Mary, indem sie sich mit leuchtenden Augen umwandte. "Sie wollen in

diesem Wetter hinaus?" rief Margrete. "Ich will nach Hause gehen!"

antwortete Mary. "Noch obendrein gehen?!" Mary kam heran und stellte

sich vor sie hin, als wolle sie etwas Gewaltiges, Ungestümes sagen. Sie

hielt freilich inne; aber das Unausgesprochene stürmte empor in ihre

Augen, in ihr Gesicht, in ihre Brust, daß sie die Arme in die Luft

reckte und mit einem lauten Aufstöhnen auf das Sofa ihrer Mutter

niedersank. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

Da kniete Margrete vor ihr hin. Mary ließ sich umarmen und wie ein

müdes krankes Kind an ihre Brust ziehen. Auch das Weinen brach rührend

und hilflos wie das Weinen eines Kindes aus ihr hervor; ihr Kopf sank

auf die Schulter der Freundin.

Nur einen Augenblick. Dann richtete sie sich mit einem Ruck empor. Denn

Margrete hatte ihr zugeflüstert: "Ihnen fehlt etwas. Sagen Sie es mir!"

Kein Wort als Antwort. Da wagte Margrete nichts mehr zu sagen. Sie stand

auf; sie fühlte, hier war nichts mehr für sie zu tun.

Mary tat auch nichts, um sie zurückzuhalten. Sie war auch aufgestanden,

und so sagten die beiden sich Lebewohl.

Aber als Margrete an der Tür stand, konnte sie doch nicht umhin, noch

einmal zu fragen: "Wollen Sie wirklich hinaus--?" Mary nickte, als wolle

sie sagen: "Genug davon! Das ist meine Sache."

Da ging Margrete.

* * * * *

Die Laternen brannten schon, als Mary vor ihrem Hause stand. Sie konnte

sich bei den Windstößen nur mühsam aufrechthalten, die sich von

Südwesten her zwischen den Häusern durchpreßten. Sie hatte einen

wetterfesten Mantel um mit einer Kapuze und hohe, gut schließende,

wasserdichte Stiefel. Sie ging so rasch sie konnte. Eine einzige

Vorstellung war von dem Gespräch mit Margrete Röy in ihr

zurückgeblieben. Aber die jagte sie vorwärts, die peitschte ihr mit dem

Regen zusammen in den Rücken:--Margretes entsetzte Augen und ihr

bleiches Gesicht, als sie gesagt hatte: "Ihnen fehlt etwas? Sagen Sie's

mir!" Himmlischer Vater, sie wußte es! So würden alle sie ansehen, wenn

sie es erfuhren! So tief hatte sie die Leute enttäuscht und gekränkt in

ihrem Glauben an sie. Ihr war's, als seien sie alle hinter ihr her, als

fliehe sie vor ihnen. Vor dem Krähenschwarm! Sie stürmte dahin und war

außerhalb der Stadt, ehe sie selbst es merkte. Hier draußen, wo keine

Laternen mehr standen, war es stockfinster; sie mußte eine Weile

stillstehen, bis sie den Weg sehen konnte. Aber dann ging's erst recht

vorwärts! Sie hatte den Orkan halb von hinten, halb von der Seite.

Das war der Richterspruch, der sie aus Land und Reich verjagte! Der sie

noch weitertrieb! Ihr war's von der ersten Stunde an, da ihr Klarheit

wurde über ihre Lage, gewesen, als habe sie ein Paket geschenkt

bekommen, das sie bis jetzt nicht aufgemacht hatte. Sie hatte die ganze

Zeit über geahnt, was darin war; aber eigentlich hatte sie es erst

gestern aufgemacht. In dem Paket war ein großer schwarzer Schleier, in

den sie sich und ihre Schande einhüllen konnte, der Schleier des Todes.

Aber auch der Schleier wurde ihr nur bedingungsweise geschenkt. Unter

einer Bedingung, die sie von Kind auf kannte. Damals war ihr die

Geschichte einer Großtante erzählt worden, die es hatte verheimlichen

wollen, daß sie während der Abwesenheit des Mannes schwanger geworden

und deshalb heimlich Abend für Abend mit bloßen Füßen auf dem eiskalten

Fußboden umhergelaufen war. Sie hatte den natürlichen Tod sterben

wollen, der die Folge davon sein mußte. Dann wüßte keiner, daß sie sich

das Leben genommen habe, und das Warum kam nicht heraus.

Aber irgendeiner hatte sie Nacht für Nacht so auf und ab gehen hören;

daher kam es doch heraus.

Das wollte sie jetzt besser machen!

Die Schwäche, die vor Margrete so unerwartet über sie gekommen, war

völlig geschwunden. Jetzt hatte sie Kraft zu ihrem Vorhaben.

Als solle ihr Mut sofort auf die Probe gestellt werden, tauchte neben

ihr etwas Schattenhaftes auf. Es trat ungeahnt aus dem Dunkel hervor und

so beängstigend nahe, daß sie zu laufen anfing. Das Entsetzen, als sie

durch das Toben der Elemente zu hören meinte, es komme hinter ihr

hergelaufen! Da fand sie ihre Fassung wieder und blieb stehen. Da blieb

das hinter ihr auch stehen. Sie ging weiter; da ging das Schattenhafte

auch weiter. Nein, dachte sie: wenn ich nicht den Mut habe, dieser

Sache auf den Grund zu gehen, so habe ich auch den Mut nicht zu dem

ändern. Damit drehte sie sich um und ging direkt auf das Ungeheuer zu,

das sie verfolgte: es wieherte gutmütig,--es war ein junges Pferd. Es

war gesattelt und suchte in seiner Verlassenheit den Menschen. Sie

streichelte es und sprach mit ihm. Es war doch ein Gruß des Lebens, ein

Verlassener, der eine Verzweifelte tröstete. Aber als es weiter mitging,

lieferte sie es auf dem nächsten Bauernhof ab. Sie mußte allein sein.

Die Leute waren höchlichst erstaunt. Daß jemand in dem Wetter draußen

war, und noch dazu eine Frau! Sie floh hastig aus der Helle wieder ins

Dunkel hinaus.

Das kleine Ereignis hatte sie gestärkt; sie wußte jetzt, daß sie Mut

hatte. Und rasch schritt sie vorwärts.

Sie mußte jetzt über den ersten Hügel, den der Weg durchquerte. Ob es

wirklich so war, oder ob es ihr nur so schien: der Sturm nahm beständig

zu. Er mußte doch bald seinen Höhepunkt erreicht haben. Aber für sie lag

all ihr eigener Jammer und ihre Schande darin. Gerade das gab ihr Kraft.

Nicht vor dem Tode hatte sie Furcht,--nur vor dem Leben.

Im Weiterschreiten durchdachte sie alles noch einmal. Sie wollte ihr

Kind nicht verraten, nicht sich selbst retten, indem sie das Kind töten

ließ. Es nicht zu fremden Leuten geben und dann verleugnen. Nicht leben

ohne Selbstachtung.

Wenn ein Bewerber käme--und sicher kämen jetzt genau so viele wie

früher!--sollte sie es ihm dann gestehen? Oder schamlos verschweigen? Es

gab nur eins, was sie mit Ehren tun konnte: mit ihrem Kinde zusammen

untergehen. Zu nichts anderem fühlte sie sich fähig. Aber das mußte so

geschehen, daß keiner etwas merke. Sie mußte an einer Krankheit sterben;

also hieß es, sich diese Todeskrankheit zuzuziehen.

Das war sie sich selber schuldig. Denn sie war sich heute genau so

sicher wie an jenem Abend, als sie zu Jörgen hineinging, daß sie nicht

deswegen unglücklich zu werden verdiene.

Es war ein ungeheurer Irrtum, ja;--aber daran war sie unschuldig. Es war

gewiß auch stark mit Naturtrieb verquickt gewesen,--trotzdem war es eine

Handlung, deren sie sich nicht schämte. Sie war es sich selber schuldig,

mit dem unverkürzten Mitgefühl aller zu sterben, die sie je gekannt

hatte. Sie war das auch denen die in ihr die erste von allen gesehen

hatten. Sie hatte nicht illoyal den Glauben dieser Menschen an sich aufs

Spiel gesetzt.

Jetzt war sie vorn auf der Landzunge, und der fürchterliche Kampf, der

hier begann, wurde unversehens zu einem Kampf um dies eine. Es war, als

wollten alle Mächte der Welt ihr die Selbstachtung entreißen und sie

verdammen. Hier war offnes Meer und meilenweit her rollten die Wogen in

wachsender Empörung heran. Wenn sie dann am Felsen anprallten, sprühten

sie meterhoch auf. Die allerhöchsten kamen mit den letzten, schneidenden

Spritzern bis zu ihr hinauf. "Da hast Du's! Da hast Du's!" Und der

Sturm, der gegen die zerrissene Felsenkante anraste, wollte sie durch

die Macht des Luftdrucks herunterreißen. Obschon der Regenmantel die

Kleider gut zusammenhielt, war's doch, als wolle der Sturm sie ihr vom

Leibe herunterziehen: "Steh nackt in Deiner Schande, in Deiner Schande!"

Aber das rasende Schäumen der Wogen schüchterte sie nicht ein, sich

schuldig zu fühlen, auch der Sturm konnte sie nicht bis an die

Eisenstange treiben und vielleicht gar hinüber. Sie bückte sich, ja sie

mußte bei den schlimmsten Stößen stillstehen; aber dann ging's wieder

weiter, und sie hielt ihren Weg ein. "Ich gebe meinen Ehrenkranz nicht

her,--ich will mit ihm sterben! Deshalb sollt _ihr_ mich nicht haben!"

Sie gelangte glücklich um die Spitze herum und auf die andere Seite und

von dort in die Ebene zwischen diesem Hügel und dem nächsten. Hier war

einmal ein Bergrutsch den Hang hinunter gegangen und unten lag das

Geröll, über das jetzt der Weg führte. In diesem verwitternden Geröll

stand ganz allein dicht am Wege eine einzige schwanke Birke. An die

Birke dachte sie, als sie gerade an die Stelle kam; bei solchem Sturm

mußte sie doch gebrochen sein? Nein, sie stand. Mary blieb daneben

stehen und holte tief Atem. Die Birke beugte sich, daß Mary jeden

Augenblick dachte: jetzt bricht sie; aber sie schnellte elastisch wieder

in die Höhe. Sie selbst konnte sich nicht lange an dieser Stelle halten,

so entsetzlich scharf pfiff der Orkan gerade hier um die Ecke; die junge

Birke aber, die so hoch emporragte und eine so üppige Krone hatte und

selbst so zart und schwach war, die stand stolz da, ganz aus eigener

Kraft; an ihr prallte alles ab.

Sie wollte den Gedanken ausspinnen, als sie weiterging und in die Ebene

einbog. Aber gerade hier bekam der Sturm die Macht, ihr den Regen ins

Gesicht zu peitschen; jeder Tropfen war wie eine scharfe Nadel. Ach

nein, dachte sie, solch Gefühl wäre es, wenn ich versuchte, dem Sturm zu

trotzen, der meiner harrt.

Die Lichter auf den Höfen, das einzige, was sie sah, verkündeten

Frieden. Aber sie wußte, was der Friede ihr bringen werde.

Sie schritt auf dem Wege an der Bucht entlang weiter; aber sie wurde

allmählich müde. Sie merkte es daran, daß die Bilder überhand nahmen;

die Wirklichkeit verschwand hinter Bildern. Alte Vorstellungen aus

Büchern. Als sie auf die zweite Landzunge zustrebte, war das Meer, das

hier wieder offen vor ihr lag, gar kein Meer, sondern lauter

Seeungeheuer, die mit aufgesperrtem Rachen vor Begierde brüllten,

hunderte und aber hunderte. Und die rasenden Raubtiere in der Luft mit

den grausigen Schwingen hatten denen da unten versprochen, Mary ihnen

zuzuwerfen. Sie hielt sich mit ihrer letzten Kraft an der Felswand fest;

aber jetzt kam ein Graben, sie fiel hinein und durchnäßte ganz. Es sind

also noch mehr Feinde da, dachte sie und krabbelte wieder heraus.

Glücklicherweise war die Landzunge schmal; bald war sie an der Biegung

nach der nächsten breiten Ebene. Dann kam nur noch ein Berg. Nicht um

das Leben zu retten, wollte sie nicht hinausgeschleudert werden, nur um

die Ehre zu retten. Fand man sie in der See oder war sie ganz

verschwunden, so würden alle sagen, sie habe den Tod gesucht--und dann

auch nach dem Grunde forschen.

Jetzt aber hörte sie durch die Dunkelheit den alten Finnenhund bellen.

Ganz nahebei. Sie war schneller gegangen, als sie gedacht hatte, sie war

ja schon beim Nachbargehöft, Jetzt sah sie auch die Lichter.

Schon der Gedanke, einem Wesen zu begegnen, das an ihr hing, bewegte

sie. Sie liebte das Leben. Sie glaubte selbst nicht mehr, daß sie so

untauglich zum Leben sei. Als diese wohlbekannte Stimme aus dem Dunkel

nach ihr rief, war ihr zumut, wie einem Schiffbrüchigen, der am Ufer

Menschen sieht.

Als sie über das Gehöft ging, verließ der Hund seinen Posten und kam

kläffend, schweifwedelnd und triefend heran, um sich seine Begrüßung zu

holen. Sie strich ihm dreimal zum Abschied über den Kopf und eilte

weiter. Kurz darauf hörte sie ihn wieder bellen, aber anders, viel

heftiger. Sie mußte unwillkürlich an Jörgen denken. Wie überhaupt auf

dieser ganzen letzten Wegstrecke, die sonst nur ihrem Vater geweiht

gewesen war. Wie hundertmal war sie hier von klein auf mit ihrem Vater

gegangen und geradelt. Jetzt war auch das von Jörgen verschandelt. Sie

konnte hier nicht mehr ohne ihn gehen. Keinen Schritt in ihrem Leben

mehr ohne ihn.

Sie blickte unwillkürlich nach oben, aber Himmel war nicht zu sehen.

Ganz erschöpft rüstete sie sich, den letzten Hügelrücken zu

überschreiten. Sie passierte ihn gedankenlos, ohne das Gefühl, daß es

das letztemal war; aber auch ohne Bangen.

Das, worauf sie jetzt geradenwegs zuging, stand so fest in ihren

Gedanken wie der Weg unter ihren Füßen. Der führte über die Feldmark

von Krogskog auf die Landungsbrücke. Es war so finster, daß ihre Augen,

die sich jetzt doch an die Dunkelheit gewöhnt hatten, die weißen Mauern

der Kapelle erst dicht an der Landungsbrücke wahrnahmen. Ihre Gedanken

schweiften hinüber zu den Gräbern auf dem Kirchhof; aber gleich kamen

sie zurück, um sich zu sammeln für das Ziel ihrer Wanderung. Ohne Zögern

setzte sie den Fuß auf die Brücke und ging hinunter. Hier dräute kein

Orkan, hier peitschte ihr kein Regen ins Gesicht; die beiden waren zu

freundlich gesinnten Mächten geworden, sowie sie den Boden von Krogskog

betreten hatte. Die Höhen und die Inseln boten hier Schutz. Unter andern

Umständen hätte sie eine Erleichterung gefühlt, und vielleicht den

Frieden in dem heimischen Hafen empfunden,--jetzt war jeder Gedanke

abgestumpft. Ganz mechanisch eilte sie weiter. Mechanisch machte sie ein

paar Knöpfe ihres Regenmantels auf, um den Schlüssel herauszuholen;

mechanisch steckte sie ihn ins Schloß und öffnete die Badehaustür. Erst

als sie drinnen stand in der Stockfinsternis, kam sie zum Bewußtsein und

erschrak. Der Südwestwind, der hier noch übrig geblieben war, schlug die

Tür zu, da schauderte sie zusammen. Es war, als sei sie nicht allein.

Sie mußte sich jetzt ausziehen und die Treppe hinuntersteigen, um

eiskalt zu werden. Eis-eiskalt! Dann sich wieder anziehen und nach Hause

gehen zum Fieber und zu den andern Dingen, die hinterher kamen. Hätte

das Fieber die erwartete Wirkung nicht, dann hatte sie etwas, was

nachhalf. Sie hatte es bei Frau Dawes in einem Fach gefunden. Dann träfe

das Fieber die Schuld.

Aber nun, da sie mit dem Ausziehen anfangen wollte, war's, als krampfe

sich alles in ihr zusammen, und eine Gänsehaut überlief sie. Vor dem

Wasser, vor dem eiskalten Wasser, in das sie hineinmußte, hatte sie

Angst. Huh, hier dicht bei war gewiß schon Eis. Sie mußte mit den

nackten Füßen das Eis betreten! Sie wollte doch auf jeden Fall die

Strümpfe anbehalten; die konnte sie nachher trocknen, damit keiner

Verdacht schöpfe. Aber das eis-eiskalte Wasser ... wenn sie einen

Herzkrampf bekäme? Nein, sie wollte sich bewegen, wollte schwimmen. Aber

wenn sie sich am Eise schnitt, wenn sie wieder herauswollte? Sie mußte

auch die Unterkleider anbehalten. Aber würden die bis zum nächsten

Morgen trocknen? O doch, wenn sie sie an den Ofen hing. Sie mußte

zuriegeln, damit alles in Ordnung war, wenn das Mädchen hereinkam. Wenn

sie dann nur noch bei Bewußtsein war! Sie war nie krank gewesen; sie

wußte nicht Bescheid damit.

Als sie in diese langen Überlegungen verfiel, hatte sie den Regenmantel

aufgeknöpft. Nun, da sie die Kapuze abnehmen mußte, geschah das

Unerwartete, daß sie ganz unwillkürlich statt dessen mit dem Kleide

anfing und es oben am Halse aufknöpfte, wo das Medaillon ihrer Mutter

hing. Da zitterten ihr die Hände, und auch ihren Körper überlief ein

Beben. Sie hatte nicht an das Medaillon gedacht; nein, viele Jahre

nicht, auch jetzt dachte sie nicht daran; daher rührte das Zittern

nicht. Aber das Medaillon kam sozusagen bei dem Zittern nach oben. Sie

mußte es jetzt doch abnehmen. Wenn sie es nur nicht vergäße! Nein, sie

wollte es gleich in die Tasche stecken.

--So!--

Da kam ein neues Grauen. Ganz deutlich hörte sie feste Schritte auf der

Landungsbrücke, die näher und näher kamen. Das Zittern hörte auf;

instinktiv knöpfte sie erst das Kleid am Halse wieder zu, dann ganz,

ganz schnell auch den Mantel. Wer hatte hier etwas zu tun? Im Badehause

keinesfalls.

Doch just hierher kam es! Ein fester Griff, die Tür flog auf, eine

mächtige Gestalt im Wettermantel stand im Rahmen; der Kopf mit der

Kapuze ragte über die Türöffnung weg. Eine elektrische Taschenlaterne

leuchtete ihr gerade ins Gesicht, sie stieß einen heftigen Schrei

aus,--es war Franz Röy.

Da überkam sie eine Ohnmacht, daß sie dem Umsinken nahe war; aber sie

wurde umschlungen und hinausgetragen, alles in einem Nu. Sie hörte die

Tür ins Schloß schnappen; sie wurde auf den Arm genommen und

fortgetragen. Kein einziges Wort konnte sie sagen; auch er sagte nichts.

Aber am Ende der Landungsbrücke kam sie wieder zu sich; das merkte er.

Bald hörte er denn auch: "Das ist Gewalt!" Keine Antwort. Gleich darauf

ein heftiger Versuch, sich loszumachen, und wieder klang's nur lauter

und lebhafter: "Das ist Gewalt!"--Keine Antwort. Er schlang nur den

andern Arm zärtlich um sie. Sie fragte heftig: "Wie kommt es, daß Sie

hier sind?"--Da antwortete er: "Meine Schwester!"

Die Stimme, diese Stimme legte sich zärtlich um sie. Aber sie wehrte

sich dagegen: "Wenn Ihre Schwester es gut mit mir meint und Sie auch,

dann lassen Sie mich los!" Er ging weiter: "Lassen Sie mich los, sag'

ich! Das ist unwürdig!" Sie riß sich so heftig von ihm los, daß er sie

anders fassen mußte, aber auf seinem Arm blieb sie. Mit tränenerstickter

Stimme sagte sie: "Ich lass' es mir von keinem Menschen gefallen, daß er

über mich bestimmt." Da antwortete er: "Sie mögen sich losreißen, soviel

Sie wollen,--ich trage Sie nach Hause. Wollen Sie mir nicht gehorchen,

so lasse ich Sie überwachen!" Die Worte legten sich wie ein eiserner

Reifen um sie; sie wurde ganz still: "Sie lassen mich bewachen?"--"Das

tu' ich; denn Sie sind Ihrer selbst nicht mächtig."

Etwas Törichteres hatte sie in ihrem ganzen Leben nicht gehört. Aber sie

wollte mit ihm nicht darüber disputieren. Sie antwortete nur: "Und Sie

meinen, das habe einen Zweck?"--"Das meine ich. Wenn Sie sehen, wir

wollen alles für Sie tun, was in unserer Macht steht, dann geben Sie

nach, denn sie haben ein so gutes Herz." Sie schwieg eine Weile, dann

sagte sie: "Ich kann keine Hilfe von einem Menschen annehmen, der nicht

die rechte Achtung vor mir hat,"--sie fing zu weinen an.

Da blieb Franz Röy stehen und blickte, so gut er konnte, unter seiner

Kapuze zu ihr auf. "Ich nicht die rechte Achtung vor Ihnen?! Meinen Sie,

dann trüge ich Sie? Für mich sind Sie das Feinste, das Schönste, was ich

kenne. Darum trage ich Sie. Sie mögen getan haben, was Sie wollen--ich

weiß, Sie haben es aus dem vornehmsten Gefühl heraus getan; anders

können Sie nicht handeln! Sind Sie betrogen, haben Sie sich furchtbar

geirrt,--so liebe ich Sie nur noch mehr--jetzt ist es gesagt!--dann sind

Sie doch ja auch unglücklich, meine ich! Dann kann ich Ihnen vielleicht

doch irgendetwas sein. Das wäre das schönste, was mir geschehen kann.

Ich will Sie verlassen, wenn Sie es absolut wünschen. Ich will mit Ihnen

zum Altar gehen, wenn Sie soviel Zutrauen zu mir haben. Ich will den

Schuft totschlagen, wenn Ihnen damit gedient ist. Ich will alles tun,

was Sie wollen, wenn Sie nur glücklich dadurch werden. Denn das ist für

mich das schönste."

Er hielt inne, fing aber wieder an:

"Ich habe nicht geglaubt, daß ein Mensch soviel Qual ertragen kann, wie

ich empfunden habe, als ich heute abend hinter Ihnen herging. Hier

stürzt sie sich hinunter, dachte ich. Dann muß ich mich auch

hinunterstürzen. Bei diesem Unwetter bedeutet das sicher für uns beide

den Tod; aber das hilft nichts. Das war's auch nicht, was mich peinigte.

Nein, nur daß Sie so unglücklich, so verzweifelt waren. Daß Sie sich für

unwürdig des Lebens halten konnten. Sie, die um keinen Preis der Welt je

etwas Unwürdiges tun konnte. Nie, niemals bin ich einem Menschen

begegnet, dessen ich mir in dieser Beziehung sicherer war. Und doch

konnte ich Ihnen das nicht sagen. Und durfte Ihnen nicht helfen. Ich

kannte Sie,--ich getraute mich nicht in Ihre Nähe.

"Aber nun habe ich Sie doch gerettet. Denn Sie können nicht sterben

wollen, jetzt, nachdem Sie mich angehört haben. Oder doch?" Er hatte sie

schluchzen hören; er hatte gefühlt, wie sie ihre Arme um seinen Hals

schlang, daß sie seine Worte fast erstickte. Jetzt ließ er sie langsam

zu Boden gleiten. Aber der Arm, den sie ihm um den Hals gelegt hatte,

löste sich nicht. Als sie auf der Erde stand, legte sie auch den andern

Arm um seinen Hals und barg leise schluchzend ihr Gesicht an seiner

Brust; ihr Herz schlug an seinem den Takt dazu, den raschen Takt der

Freude.--

--Oben auf dem Hof hatten sie telephonisch Nachricht bekommen, das

gnädige Fräulein sei unterwegs in dem schlimmsten Wetter, das je

dagewesen sei. Aus dem Stadthause wurde immer und immer wieder

angefragt, ob sie noch nicht da sei.

Das kleine Mädchen war schon mehrmals mit dem Hunde draußen auf der

Treppe gewesen, ohne daß der Hund gebellt hätte. Diesmal aber bellte

er,--mehr noch, er setzte im Galopp davon.

Im Hause war man in der denkbar größten Aufregung. Keiner fand etwas

Sonderbares darin, daß Unglück und Verzweiflung sie in Wetter und Sturm

hinausgetrieben hatten. Sie bedurfte dessen! Sie sehnte sich danach, ihr

Leben aufs Spiel zu setzen; sie legte keinen Wert mehr darauf. Als jetzt

das kleine Mädchen hereingestürmt kam: "Sie ist da! Sie ist da!" weinten

sie alle vor Freude. Sie hatten schon längst warme Zimmer und warmes

Essen bereit. Nun legten sie noch ein Gedeck auf, denn Nanna kam wieder

hereingestürmt und berichtete, sie sei nicht allein; die Kleine hatte

einen Mann reden hören. Da sei gewiß Jörgen Thiis endlich gekommen!

meinten sie. "Nein, es war nicht seine Stimme. Es war doch eine richtige

Männerstimme!"

Die Freude des Hundes, als er sie sah, kannte keine Grenzen. Er

winselte, er kläffte, er sprang ihr direkt ins Gesicht und wollte gar

nicht aufhören. Als Franz Röy mit ihm sprach, begrüßte er ihn wie einen

alten Bekannten, wandte sich aber gleich wieder Mary zu. Das kleine

zottige Wesen sprühte förmlich Feuer. Es verkörperte die Freude der

Heimat, sie gesund wiederzusehen. Ein Grüßen der Toten und der Lebenden.

Das war ihre Empfindung. Sie dachte, vielleicht sei er auch ein

Vorspiel zu ihrer eigenen wiedererwachenden Freude, wenn sie einmal das

ausgestandene Grauen ganz los werden konnte.

Als sie mit dem Hunde hineinkam, der wie toll vor Freude war, da standen

die sämtlichen drei Mädchen da, und die Kleine hinter ihnen. Sie hielten

in ihrem Freudenausbruch inne, als sie den riesigen Menschen hinter ihr

heraufkommen sahen; denn in seinem Wettermantel hatte Franz Röy etwas

Übernatürliches. Aber nur einen Augenblick, dann riefen sie: "Nein, daß

gnädiges Fräulein bei solchem Wetter draußen sind! Wie haben wir uns

geängstigt. Die Verwalterin im Stadthause verständigte uns! Im Dorf ist

Feuer. Alle Mannsleute sind da. Wir hätten sonst Hilfe geschickt. Gott

sei Dank, daß Sie wieder da sind!"

Mary verbarg ihre Rührung, indem sie schnell nach oben ging. Sie kam in

ihr warmes Zimmer, wo die Lampe schon angezündet war.

"Ist all diese Liebe und Fürsorge neu? Oder habe ich sie früher nur

nicht beachtet?"

Der Hund winselte solange vor der Tür, bis sie ihn einließ. Seine

Dankbarkeit war so aufdringlich, daß sie sich nur mit Mühe umziehen

konnte. Besonders schwierig wurde es, als sie die Strümpfe wechselte.

Schließlich machte sie sich das Haar zurecht, da fiel ihr das Medaillon

ihrer Mutter ein; sie holte es wieder hervor und band es um den Hals.

Sie schaute es an--zum erstenmal nach langen Jahren--und drückte und

küßte es. Darauf steckte sie ein Licht an und ging damit über den Flur

in ihres Vaters Zimmer. Sie setzte das Licht hin, beugte sich über sein

Bett und drückte einen Kuß auf sein Kopfkissen. Dann wieder hinaus; aber

vor der Tür des Fremdenzimmers stand sie still. "Hier soll er schlafen,

damit es morgen wieder geöffnet werden kann. Dann ist alles Häßliche

weg!" Zu dem Mädchen, das gerade nach oben kam, sagte sie, das

Fremdenzimmer müsse geheizt werden. Das sei schon geschehen, antwortete

das Mädchen. "Darf ich Fräuleins Lampe hineinstellen?" Sie bekam sie.

Mary stand und sah ihr nach. Waren sie wirklich immer so gewesen?

Das Mädchen blieb im Zimmer, um alles zurecht zu machen. Sie selbst ging

auf die Treppe zu. Da blieb sie wieder stehen. Der Hund, der schon unten

gewesen war, kam winselnd wieder herauf. Er wollte sie nicht wieder

verlieren. Sie streichelte ihn voll Dankbarkeit; das war gewissermaßen

eine kleine Abzahlung auf das große Dankgefühl, das sie jetzt ganz

erfüllte. "Morgen--heute bin ich zu müde--morgen sage ich Franz Röy

alles. Alles, was mir geschehen ist. Alles! Dann finde ich mich

vielleicht selbst auch heraus." Mit diesem stolzen Vorsatz ging sie die

Treppe hinunter, stand aber still, ehe sie unten angelangt war.

"Seltsam! Ganz seltsam! Mir ist, als könnte ich es der ganzen Welt

sagen."

Der Hund stand vor der Tür zu dem holländischen Zimmer; da witterte er

Franz Röy.

Sie ging und machte die Tür auf. Aber kaum stand sie selbst auf der

Schwelle, da rief Franz Röy, als sei es ihm schwer gefallen, solange zu

schweigen: "Gott im Himmel, ist das hier schön!" Als er den Hund neben

ihr sah, fügte er hinzu: "Und wie lieb man Sie hier haben muß!" Sein

Gesicht leuchtete.

"In Uniform?" fragte sie.--"Ja, ich bin nämlich direkt von einer großen

Hochzeit fortgeholt worden!" Er lachte.

Das brachte sie auf einen Gedanken. Während der Hund an ihrem Kleide riß

und zerrte, blickte sie fröhlich zu Franz Röy auf: "Hier auf Krogskog

hat früher schon einmal ein General vom Geniekorps gelebt."--

Mary, Erzählung · 第 12 / 13 题