Die Küstenlinie des südlichen Norwegen ist häufig unterbrochen. Daran
sind die Berge und die Flüsse schuld. Das Gebirge läuft in Hügel und
Landzungen aus, denen oft Inseln vorgelagert sind; die Ströme haben
Täler gegraben und münden in Buchten.
In solch einer Bucht, dem "Kroken", lag das Gehöft. Ursprünglich hieß
der Hof Krokskog, woraus die dänischen Beamten in ihren Protokollen
"Krogskov" machten; jetzt heißt er Krogskog. Die Besitzer nannten sich
einstmals Kroken; Anders oder Hans Kroken, das waren die Hauptnamen.
Später nannten sie sich Krogh, der General vom Geniekorps sogar von
Krogh. Jetzt heißen sie recht und schlecht Krog.
Alle Leute, die auf den kleinen Dampfern von oder nach der nahen Stadt
hier vorbeikamen und an der Landungsbrücke unterhalb der Kapelle
anlegten, wußten davon zu erzählen, wie behaglich und traulich geborgen
Krogskog doch daläge.
Die Berge am Horizont nahmen sich großartig aus; hier vorn aber waren
sie niedriger. Zwischen zwei vorspringenden, bewaldeten, langgestreckten
Hügelrücken lag der Hof. So dicht drängten sich die Häuser an die Anhöhe
zur Rechten, daß es den Dampferpassagieren vorkam, als könne man vom
Dach des Hauses auf den Hügel hinüberspringen; der Westwind fand hier
keinen Einlaß; wie beim Versteckspiel konnte man zu ihm sagen: "Ein Haus
weiter!" Das gleiche konnte man auch zum Nord- und Ostwind sagen. Einzig
der Sturm von Süden her kam zu Gast, aber auch nur in aller
Bescheidenheit. Die Inseln, eine große und zwei kleine, hielten ihn auf
und stutzten ihn zurecht, bis sie ihn weiterziehen ließen. Die hohen
Bäume vor dem Hause wiegten nur gerade rhythmisch ihre höchsten Wipfel;
die Haltung verloren sie nicht.
Diese stille Bucht hatte den besten Badestrand der ganzen Gegend.
Besonders die Jugend kam im Sommer an den Samstagabenden oder Sonntags
aus der Stadt, um im Wasser auf dem sandigen Grunde herumzutollen oder
nach der Großen Insel hin und zurück zu schwimmen. Von Krogskog aus
gesehen, lag der Badestrand zur Linken, da, wo der Fluß mündete, wo die
Landungsbrücke war, und wo, ein wenig höher und dem Hügel näher, auch
die Kapelle sich befand, umgeben von den Krogschen Familiengräbern. Von
da bis hinauf zu den Häusern rechts war es ein gutes Stück. Hier oben
war kaum je der Lärm der Badenden und Spielenden zu hören. Anders Krog
aber kam gern selbst hinunter, um ihnen zuzusehen, wenn sie auf der
Sandbank oder im Walde draußen auf der Landspitze Feuer angezündet
hatten. Er kam vermutlich, um ein Auge aufs Feuer zu haben. Aber davon
hörte und merkte niemand etwas. Er war bekannt als "der höflichste Mann
der Stadt", oder "der erste Gentleman der Stadt." Seine großen,
eigentümlich leuchtenden Augen glitten wie ein freundlicher Willkommgruß
über alle Gesichter; die wenigen Worte, die er sprach, enthielten nichts
als gute Wünsche. Er selbst stieg den Hügel weiter hinan auf seinem
gewohnten, langsamen Rundgang. Seine hohe, leicht vornübergebeugte
Gestalt war oben im Wald zu sehen, und so lange blieb es still. Aber was
hatten sie hier sonst für einen Spaß. Meist waren es Arbeiter und
Handwerker aus der Stadt, Turnvereine, Gesangvereine, Kinder. Sie
scharten sich bei der Landungsbrücke und bei der Kapelle; da zogen sie
sich aus.
Die Strandstraße führte unmittelbar daran vorbei. Aber im Sommer fuhr
selten jemand dort entlang; da fuhr man lieber mit den kleinen Dampfern
oder in Booten. Wenn die Badenden oben auf dem Hügel einen Posten
aufstellten, waren sie sicher, daß keiner sie überrasche.
Oben auf dem Hof selbst war es still, immer still. Die schönste
Vorderfront des Hauptgebäudes sah nicht einmal auf die Bucht hinaus,
sondern aufs Feld. Das Haus bestand aus zwei hohen Stockwerken mit
abgestumpften Dachecken. Ein langes, breites Haus.
Die Grundmauer vorn war ziemlich hoch; eine bequeme Treppe führte
hinauf. Das ganze Gebäude war weißgestrichen, die Grundmauer aber und
die Fenster schwarz. Die Nebenhäuser lagen näher dem Hügel zu; vom
Dampfer aus waren sie nicht zu sehen. Zu beiden Seiten des Hauptgebäudes
große Gärten. Der Garten nach der See zu stand voller Obstbäume, der
links vom Hause war ausschließlich Blumen- und Küchengarten.
Zwischen den Höhen lag ein länglicher Streifen flachen Wiesenlandes. Es
war vorzüglich bestellt. Die großen holländischen Kühe hatten es gut
hier.
Die Geschichte des Gutes und der Familie hatte der Wald vorausbestimmt.
Der Wald war groß und üppig und war glücklicherweise frühzeitig unter
holländische Pflege und Sparsamkeit geraten, damals als holländische
Kuffs die Waldbesitzer in Norwegen aufsuchten. Hier bekamen sie ihre
Holzladung und versorgten die Norweger dafür mit ihrer Kultur und deren
Erzeugnissen. Krogskog hatte besonderes Glück dabei; denn vor nun
dreihundert Jahren geschah es, daß der Besitzer eines Kuffs, der in der
Bucht lag und lud, sich in des Bauern blondhaarige Tochter verliebte.
Das Ende vom Liede war, daß er die ganze Herrlichkeit kaufte. Ein
wundervoll gemaltes Bild von ihm und ihr hängt noch in der guten Stube,
der Eckstube nach der Bucht hinaus. Das Porträt zeigt einen langen,
hageren Mann mit ungewöhnlich leuchtenden Augen. Er war dunkelhaarig und
ein wenig krummnackig. Der Stamm muß kräftig gewesen sein, denn so sehen
die Krogs noch heutigentags aus. Der erste holländische Besitzer hieß
nicht Krog; er wohnte auch nicht hier; aber der Sohn, der den Hof
übernahm, war nach seinem Großvater mütterlicherseits Anders Krog
getauft, und er nannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Hans.
Fortan wechselten die beiden Namen miteinander ab. Wenn noch mehr Söhne
da waren, hieß einer Klas und einer Jürges, woraus im Lauf der Zeit
Klaus und Jürgen wurde. Die Mischehen mit den holländischen Verwandten
setzten sich nämlich fort, so daß die Familie zu gleichen Teilen
holländisch und norwegisch war; der Haushalt wurde lange Zeit ganz
holländisch geführt.
Aber es war, als wenn sich die Rassen trotzdem nicht vermischten.
Wahrscheinlich weil das holländische Element nicht rein holländisch
war,--in diesem Falle hätte es sich leichter mit dem norwegischen
Element verschmolzen,--sondern mit spanischem Blut durchsetzt war. Das
schwarze Haar, die leuchtenden Augen, der hagere Körper vererbten sich
von Glied zu Glied bei den Männern; das blonde Element aber und die
kräftig gebaute Gestalt blieb den Frauen eigen; in ihnen floß
norwegisches Blut, vermengt mit holländischem. Selten sah man ein andres
Zugeständnis der männlichen Linie an die weibliche oder umgekehrt, als
daß helles und dunkles Haar sich in rotem fanden, oder daß die
leuchtenden Augen auch einmal auf ein Frauenantlitz übergingen.
Es war eine Eigentümlichkeit der Familie, daß in allen Ehen mehr Mädchen
als Knaben geboren wurden. Die Krogs waren schöne Menschen und
durchgehend wohlhabend; infolgedessen war die Familie weitverbreitet und
angesehen. Man sagte ihnen nach, sie hielten ihre Leute und ihre Habe
gut zusammen.
Ihnen allen gemeinsam war ein weises Maßhalten. In Norwegen ist es ja
allgemein, daß ein Vermögen nicht durch drei Generationen besteht. Wird
es nicht in der zweiten vergeudet, dann sicherlich in der dritten. Hier
hielt es sich. Für den Hauptsitz der Familie waren die Wälder heute eine
ebensolche Quelle des Reichtums wie vor dreihundert Jahren.
Erblich in der Familie war der Hang zum Wandern. In der Bibliothek des
Hofes waren mehr Reisebeschreibungen als Werke aus anderen Gebieten, und
es wurden ihrer beständig mehr. Schon die Kinder hatten am Reisen
Interesse, d.h. sie machten Pläne nach Büchern, Bildern und Karten. Sie
spielten reisen auf den Tischen. Sie wanderten von der einen Stadt, die
aus farbigen Papierhäusern aufgebaut war, zu den andern gleicher Art.
Sie schoben Schiffe hin und her, die auch aus buntem Papier waren und
die Bohnen, Kaffee, Salz und Hölzer führten. Draußen auf der Bucht
ruderten, segelten und schwammen sie von der Landungsbrücke zu den
Inseln hinüber. Von Europa nach Amerika, von Japan nach Ceylon. Oder sie
zogen über die Hügelrücken, d.h. über die Kordilleren zu den
allerdenkwürdigsten Indianerstädten.
Kaum waren sie erwachsen, so ging es auf die Wanderschaft; es fing
meistens mit einer Reise zu den holländischen Verwandten an. So kam vor
vielleicht zweihundert Jahren ein Mann dahin, der freilich sofort mit
einem holländischen Ostindienfahrer weiterreiste, aber nach Amsterdam
zurückkehrte in dem Wunsch, Baumeister und Ingenieur zu werden, was
damals zusammengehörte. Er zeichnete sich aus und wurde später als
Lehrer in seinem Fach nach Kopenhagen berufen. Da ging er zum Heer über
und wurde schließlich General im Geniekorps. Durch Erbschaft und Arbeit
hatte er sich ein Vermögen erworben, nahm den Abschied und siedelte sich
in Krogskog an, das er einem kinderlosen Bruder abkaufte. Er nannte sich
Hans von Krogh. Er baute das jetzige Hauptgebäude aus Stein, eine wenig
gebräuchliche Bauart in einer norwegischen Waldgemeinde. Der alte
Ingenieur wollte seinen Spaß haben. Obwohl er nicht verheiratet war,
baute er es geräumig "für die Kommenden." Alle Häuser des Gehöfts baute
er um; er grub und pflanzte; er ließ einen Gärtner aus Holland kommen,
den alten Siemens, von dessen strengem Wesen und heißem Streben nach
Reinlichkeit und Ordnung noch heute berichtet wird. Für ihn baute der
General das Treibhaus und die Gärtnerwohnung.
Der General wurde sehr alt. Nach ihm geschah nichts Besonderes, bis der
Jüngere von zwei Brüdern nach Amerika ging und sich dicht am Michigansee
ansiedelte, wo damals noch Neuland war. Das wurde als ein großes
Ereignis angesehen. Er hieß Anders Krog, und es ging ihm gut da drüben.
Nur wunderte man sich, daß er sich nicht verheiratete. Er wollte einen
seiner Neffen zu sich nehmen, um ihm seinen Besitz zu überlassen. So kam
es, daß der ältere Bruder des jetzigen Eigentümers von dannen zog. Er
hieß Hans.
Aber siehe da, ein jung norwegisch Mädchen, auch eine Verwandte, kam
genau zur selben Zeit hin, und in sie verliebte sich der alternde Onkel.
Er bot seinem Neffen an, ihm die Kosten der Rückreise zu erstatten. Dem
jungen Mann aber erschien das unwürdig. Er blieb und fing ein eigenes
Geschäft an, und zwar einen Holzhandel, denn darauf verstand er sich.
Das Geschäft ging außerordentlich gut. Als er nach dem Tode seines
Vaters nach Hause sollte und den Hof übernehmen, wollte er nicht. Der
jüngere Bruder Anders war inzwischen Kaufmann geworden; er betrieb das
größte Kolonialwarengeschäft der Stadt. Jetzt mußte er auch den Hof
übernehmen.
Ein eigentlicher Geschäftsmann war der junge Anders Krog nicht. Aber
seine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen und sein rücksichtsvolles Wesen
bewirkten, daß bald alle bei ihm kauften. Ein andrer hätte reich dabei
werden müssen; aber das wurde er nicht. Als er Krogskog übernahm, war
sowohl das Geschäft in der Stadt wie vor allem auch der Hof erheblich
verschuldet. Keins von beiden hatte er billig bekommen. Reisen hatte er
freilich auch müssen, aber es waren jedes Jahr nur vier Wochen gewesen,
einmal nach England, ein andermal nach Frankreich usw. Sein größter
Wunsch war allerdings, einmal bis nach Amerika zu kommen, aber dazu
hatte er denn doch nicht den Mut. Er begnügte sich damit, von dem neuen
Wunderlande zu lesen; Lesen war seine größte Freude; nach ihr kam das
Hantieren im Garten. Das verstand er besser als der Gärtner.
Dieser stille Mann mit den leuchtenden Augen war schüchtern wie ein
Mädchen von vierzehn Jahren. An jedem Werktag morgen suchte er sich
einen einsamen Platz--d.h. wenn so einer da war--auf dem kleinen
Dampfer, der ihn nach der Stadt brachte, solange die Bucht nicht
zugefroren war. Beim Aussteigen war er voll Rücksicht gegen die andern;
ehrerbietig grüßend eilte er an ihnen vorbei, wenn er an Land gekommen
war,--und war dann in seinem Hause am Markt zu finden bis zum Abend, wo
er auf die gleiche Weise heimkehrte. Das heißt: wenn er nicht radelte.
Im Winter fuhr er mit dem Wagen oder übernachtete in der Stadt, wo er in
seinem eigenen Hause zwei bescheidene Mansardenstuben bewohnte.
Er hatte das Zeug zu dem besten Ehemann, den man sich in der Stadt
vorstellen konnte. Aber seine unüberwindliche Bescheidenheit machte jede
Annäherung unmöglich,--bis die rechte kam. Da war er aber schon über
vierzig Jahr. Es ging ihm wie seinem Namensvetter, dem Onkel am
Michigansee, daß ein junges Mädchen aus seiner eigenen Familie erschien
und ihn eroberte. Und das war ausgerechnet das einzige Kind dieses
Onkels.
Er stand eines Sonntag morgens in Hemdsärmeln in seinem Küchen- und
Blumengarten an der Nordseite des Hauses, als ein junges Mädchen mit
einem großen Strohhut die beiden unbehandschuhten Hände auf das weiße
Staket legte und zwischen den großen Knaufen des Gitters
hindurchschaute.
Anders Krog, der vor einem Blumenbeet kauerte, hörte ein schelmisches
"Guten Tag" und fuhr in die Höhe. Seine Augen nahmen das Mädel wie eine
Offenbarung in sich auf. Sprachlos und unbeweglich stand er mit seinen
erdigen Händen da und starrte sie an.
Sie lachte und sagte: "Wer bin ich?" Da kam ihm die Besinnung zurück.
"Sie sind--Sie sind sicher--", er kam nicht weiter, aber sein Lächeln
hieß sie willkommen. "Wer bin ich?"--"Marit Krog aus Michigan." Er hatte
von seiner Schwester, die jenseits des linken Hügelrückens wohnte,
gehört, Marit Krog sei unterwegs. Aber er hatte nicht geahnt, daß sie
schon da war.--"Und Sie sind der Bruder meines Vaters", antwortete sie
in etwas englischem Tonfall. "Wie Ihr beide Euch ähnlich seid!--Nein,
wie Ihr Euch ähnlich seid!"--Sie stand und starrte ihn an. "Darf ich
nicht hineinkommen?"--"Ja, selbstverständlich,--aber erst--erst muß ich
doch--", er blickte auf seine Hände und auf die Hemdsärmel.--"Ich kann
ja ins Haus gehen?" sagte sie unternehmungslustig. "Das können
Sie,--selbstverständlich! Gehen Sie bitte durch die Haupttür hinein. Ich
werde das Mädchen schicken",--und er begab sich eilig nach der Küche.
Sie lief vorn vor das Gebäude und die Treppe hinauf. Sie mußte einen
ungeheuer großen Schlüssel, der wie der ganze Eisenbeschlag ein altes
Kunstwerk war, umdrehen, um in das Vorzimmer zu gelangen, das sehr viel
Licht hatte. In ihr steckte ein Stück von einem Maler, sie hatte Augen
für so etwas. Sie sah sofort, daß all diese großen und kleinen Schränke
wunderschöne holländische Arbeit waren, und daß das Zimmer größer war,
als es den Anschein hatte; denn die Möbel nahmen viel Platz ein. Eine
schöne altertümliche Treppe mit Schnitzwerk führte zu ihrer Rechten in
das zweite Stockwerk hinauf. Geradeüber mußte der Eingang in die Küche
sein; sie dachte es sich und sie roch es auch. Das bestätigte sich ihr,
als das Mädchen herauskam. Durch die offne Tür sah sie in eine Küche
hinein, deren Fußboden mit Marmorfliesen belegt war; die Wände waren mit
blaubemalten Kacheln bekleidet, und auf dem Gesims, das die Wand in zwei
Hälften teilte, stand blankgeputztes Kupfergeschirr in allen Größen.
Eine holländische Küche.
Hier im Vorzimmer stand sie auf Teppichen so dick, wie sie noch nie
welche betreten hatte. Ebenso schwer waren die Teppiche auf der Treppe,
die von Messingstangen gehalten wurden, wie sie dicker nie welche
gesehen hatte. Hier gehen die Menschen auf Kissen, dachte sie, und ihr
kam gleich das Bild in den Sinn, das Haus sei ein ungeheures Bett.
Später nannte sie es immer "das Bett." "Wollen wir jetzt nach Hause ins
Bett?" sagte sie dann lachend. Zu beiden Seiten sah sie Türen und malte
sich die Zimmer dahinter aus. Links von ihr, d. h. an der rechten Seite
des Hauses, komme erst ein kleineres Zimmer nach vorn und dahinter, nach
der Bucht hinaus, ein großer Raum über die ganze Breite des Hauses. Und
das traf zu. Zur Rechten stellte sie sich das Haus der Länge nach in
zwei Zimmer geteilt vor. Auch das stimmte. Es war nicht weiter
verwunderlich, denn ihres Vaters Haus am Michigansee war nach diesem Bau
eingerichtet. Oben dachte sie sich einen breiten Gang quer durch das
Haus und kleinere Zimmer zu beiden Seiten des Flurs. Waren aber hier
unten schon unglaublich dicke Teppiche, so waren sie da oben womöglich
noch dicker, richtige Kissen. Dies Haus ließ kein Geräusch aufkommen.
Hier lebten stille Menschen.
Das Mädchen hatte die Tür an der Seite geöffnet, die zur See hinausging.
Marit trat ein und sah sich alle Malereien und Schnurrpfeifereien im
Zimmer an; es war allerdings überladen, aber jedes einzelne Stück war
sorgfältig ausgesucht, zum Teil mit intimem Geschmack; das sah sie
sofort. Hier waren unter anderem Gemälde, die einen hohen Wert haben
mußten. Was sie aber besonders beschäftigte, war der Gedanke, daß sie
erst jetzt ihren alten Vater verstand, obwohl sie von klein an mit ihm
zusammengelebt hatte, ganz allein mit ihm; ihre Mutter hatte sie früh
verloren. Aus so viel Feinem und Kostbarem war er zusammengesetzt. Ein
bißchen bunt durcheinander und daher unbeachtet. War's nicht, als komme
er jetzt und stelle sich neben sie und lächele sein diskretes, warmes
Lächeln, weil er sich verstanden wußte?
Da kam er ja! Durch die offne Tür sah sie ihn die Treppe
herunterkommen. Jünger zwar, aber das tat nichts, die Augen waren nur
noch schöner und inniger,--er kam daher mit demselben Gang, denselben
Armbewegungen, genau so vornübergebeugt und behutsam sich nähernd. Und
wie er sie jetzt ansah und mit ihr sprach und sie willkommen hieß ...
mit den gleichen abgetönten Worten, da ahnte sie in alldem die tiefe
Achtung vor dem Individuellen, die in ihren Augen ihren Vater vor allen
auszeichnete, die sie kannte. Der Vater hatte dünneres Haar, sein
Gesicht war runzlig, der Mund hatte nicht mehr alle Zähne, die Haut war
verschrumpft ... Gerade diese Erinnerung füllte ihre Augen mit Tränen.
Sie blickte empor in seine jüngeren Augen, hörte seine frischere Stimme,
fühlte den Druck seiner wärmeren Hand. Sie konnte nicht dafür, sie
schlang beide Arme um Anders Krogs Hals, schmiegte sich an seine Brust
und weinte.
Nun, damit war es entschieden. Er stand für nichts mehr.
Nach einer Weile saßen sie beide zusammen in dem Boot, mit dem sie
gekommen war. Sie ruderte um die Landspitze herum. Teils um seiner
selbst willen, teils auch wegen der Badenden, die zusahen, hatte er ein
paar schüchterne Versuche gemacht, ihr das Ruder abzunehmen. Aber seit
dem Augenblick, da sie beide Arme um seinen Hals legte, hatte er sich
seiner Macht begeben. Er wußte im voraus, daß er so tun mußte, wie dies
reiche rote Haar es wünschte. Er saß und sah in ihr sommersprossiges
Gesicht und auf die sommersprossigen Hände, auf ihre prächtige Gestalt
und ihren frischen Mund. Er sah über dem Halskragen die feinste weiße
Haut; es war etwas in den Augen, das genau dazu paßte. Er wurde nicht
fertig, bis sie am Ziel waren. Auch auf dem Wege zum Hof der Schwester
wurde er nicht fertig, weder mit ihrer weichen Stimme, noch mit ihrem
Gang, noch mit ihren Füßen, noch mit ihrer Kleidung, noch mit den Zähnen
und dem Lächeln und am allerwenigsten mit dem, was sie da
holterdipolter erzählte,--es war etwas Verwirrendes in allem.
Am nächsten Morgen fuhr er nicht in die Stadt. Sowie der Dampfer, auf
dem er hätte sein müssen, um die Landspitze herum war, kam ihr weißes
Boot. Sie hatte eine Magd bei sich, die Wache halten sollte, denn jetzt
wollte auch sie baden.
Als sie fertig war, kam sie herauf. Sie wollte bis Mittag bleiben.
Nachher gingen sie zusammen über den Hügelsattel zurück, das Boot hatten
sie nach Hause geschickt.
Am andern Tage fuhr sie mit ihm in die Stadt. Tags darauf mußte auch die
Tante mit, aber diesmal wollte sie mit dem Wagen fahren. Und so jeden
Tag etwas Neues. Die beiden Geschwister lebten nur für sie. Sie nahm es
hin, als müsse es so sein.
Als sie drei Wochen so mit ihnen gelebt hatte, kam ein Kabeltelegramm
vom Bruder Hans mit der Nachricht, Onkel Anders sei plötzlich gestorben;
Marit solle vorbereitet werden.
Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,--über den
Hügelrücken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade
als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshäusern und
Bäumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hörte er die
Essensglocke vergnüglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustönen. Da
wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefühl, als
könne er nicht weiter. Er mußte ja hinunter und den frohen Tag morden.
Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen
Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertür hinein.
Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinnötigte.
Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere
Natur und übernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden
Augenblick kommen mußte, die Mitteilung zu machen.
Vom Hinterzimmer aus hörte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen
Aufschrei, den er nie wieder vergaß. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut
auf, konnte sich aber nicht überwinden, das Zimmer zu verlassen; ein
wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde stärker und
stärker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare
Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube
umher, bis die Schwester die Tür öffnete: "Sie möchte Dich sehen."
Da mußte er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich
dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er ließ sich kaum sehen, als sie sich
aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein
Vater."--Er eilte hin und beugte sich über sie; sie legte den Arm um
seinen Hals und drückte ihn fest an sich; er mußte hinknien.
"Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er
feierlich. Sie drückte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr
Gesicht lag feucht und glühend an seinem. "Du darfst mich nie
verlassen!"--"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die
Arme um sie.
Sie legte sich wie getröstet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde
ruhiger. Wenn die Anfälle kamen und er sich mit zärtlichen Worten über
sie beugte, wirkte es besänftigend.
Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht über da. Sie
konnte nicht schlafen, und er mußte bei ihr sitzen bleiben.
Erst am nächsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen
solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm höchst
unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu
widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu
bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie
an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und
nun beschäftigte sie das so stark, daß es sie von ihrem Schmerz
ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht
nötig.
Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begräbnis des
Onkels geordnet und erzählte, in welcher Weise. Er erbot sich, das
Geschäft und den Besitz des Onkels zu übernehmen.
Anders hatte zu seinem Bruder unbegrenztes Vertrauen; er nahm das
Angebot an, und damit wurde die Reise überflüssig. Sobald Hans einen
Überblick über den ganzen Nachlaß hatte, setzte er die Kaufsumme fest
und fragte bei dem Bruder an, ob er sich mit diesem Betrage an Hansens
Geschäft beteiligen wolle. Der Betrag, der in Bankguthaben und Aktien
bestand, wurde sofort ausgezahlt. Schon diese Summe war groß genug, um
nicht allein Anders schuldenfrei zu machen, sondern um auch Marit zu
gestatten, nach Herzenslust herumzuwirtschaften und zu reformieren. Er
wünschte, sie solle das ganze Erbe für sich behalten, aber darüber
lachte sie. Er wurde also Kompagnon seines Bruders und war für
norwegische Verhältnisse fortan ein recht wohlhabender Mann.
In ihrer Ehe ging nach einigen Monaten eine Veränderung mit Marit vor.
Sie gab sich wunderlichen Einfällen hin; die Grenzen zwischen Traum und
Wirklichkeit verwischten sich. Dabei wollte sie alles umgestalten, was
unter ihrer Aufsicht stand, sowohl in ihrem Heim hier draußen, wie in
dem Stadthause. Aus diesem Hause mußten die Mieter hinaus. Sie wollte es
für sich allein haben.
Seine Zeit war ausgefüllt von all ihren Einfällen, besonders aber von
ihr selbst. Seine Dankbarkeit fand nur kärgliche Worte, aber sie lag in
seinen Augen, in seiner Höflichkeit, die an Umfang noch zugenommen
hatte; vor allem aber lag sie in seiner sorglichen Achtsamkeit. Er hatte
Angst, das wieder zu verlieren, was so unerwartet gekommen war; oder
daß irgend etwas Schaden nehmen könne. Seiner bescheidenen Natur schien
das Glück unverdient.
Sie schmiegte sich auch immer enger an ihn. Sie hatte eine Formel
gefunden, die sie häufig wiederholte: "Du bist mein Vater--und mehr!"
Und eine andere: "Du hast die herrlichsten Augen von der Welt, und die
gehören mir." Mit der Zeit gab sie manches von dem auf, womit sie sich
beschäftigte; statt dessen wollte sie ihm vorlesen. Von klein auf hatte
sie ihrem Vater vorgelesen; das sollte wieder aufgenommen werden. Sie
las ihm englisch-amerikanische Bücher vor, besonders Verse. Sie hatte
die klangvolle Vortragsweise, in der englische Verse gesprochen werden
müssen, und machte sie wahr durch ihre eigene glaubwürdige Art. Sie
hatte eine weiche Stimme, die die Worte behutsam und still wie aus der
Erinnerung heraus anfaßte.
Als die Zeit fortschritt, mußten sie beide täglich zusammen ins
Treibhaus. Die Blumen darin waren ihr Vorboten dessen, was in ihr wuchs;
sie wollte jeden Tag nach ihnen sehen. "Ob sie wohl darüber reden?"
Und dann eines Tages, als das erste Anzeichen da war, daß der Winter
hier von der Küste weichen wollte, und sie gemeinsam oben am sonnigen
Hang das erste Grün gepflückt hatten, da merkte sie, daß sie schwach
wurde; jetzt kam ihre große Stunde. Ohne sonderliche Schmerzen vorher,
ihre Hand in seiner, gebar sie eine Tochter. Die gerade hatte sie sich
gewünscht. Aber es war ihr nicht bestimmt, das Kind aufzuziehen; denn
drei Tage später war sie tot.
* * * * *