Seit dem denkwürdigen Abend, den ich mit dem Fürsten im Restaurant B.
zugebracht hatte, lebte ich in einer ewigen Furcht um Natascha. „Womit
bedrohte dieser gemeine Mensch sie und wodurch wollte er sich an ihr
rächen?“ fragte ich mich jeden Augenblick und erging mich in den
unmöglichsten Kombinationen. Ich kam nur immer zu dem Schluß, daß seine
Drohungen ernst gemeint waren, und daß er Natascha so lange sie noch zu
Aljoscha hielt, viel Schlechtes antun konnte. Denn er war kleinlich,
rachsüchtig, berechnend und wirklich gefährlich, das wußte ich. Es war
daher auch durchaus nicht anzunehmen, daß er die Kränkung durch Natascha
vergessen würde. In einem Punkte hatte er sich auch mir gegenüber
entschieden ganz unzweideutig ausgesprochen: er verlangte die Lösung des
Verhältnisses zwischen Natascha und Aljoscha, und erwartete von mir, daß
ich Natascha auf die nahbevorstehende Trennung vorbereite, damit es
keine sentimentalen Szenen gebe, wie er sagte. Dabei war es ihm
natürlich nur darum zu tun, daß Aljoscha mit ihm zufrieden blieb und ihn
nach wie vor für einen zärtlichen Vater hielt. Damit mußte er durchaus
rechnen, um über Katjäs Vermögen verfügen zu können. So stand ich denn
vor der Aufgabe, Natascha auf die Trennung von Aljoscha vorzubereiten.
Auch in Natascha hatte ich in letzter Zeit eine starke Veränderung
bemerkt; ihre frühere Aufrichtigkeit zu mir hatte sie ganz verloren; und
nicht nur das, sie schien sich geradezu mißtrauisch zu mir zu verhalten.
Mein Trösten quälte sie nur; meine Fragen ärgerten sie, verbitterten sie
sogar. Oft saß ich bei ihr ohne ein Wort zu sprechen. Sie ging, die
Hände über die Brust gekreuzt, im Zimmer auf und ab, düster, bleich,
abwesend, als hätte sie meine Anwesenheit ganz und gar vergessen. Fiel
dann einmal zufällig ihr Blick auf mich, so konnte sie ihr Gesicht
ungeduldig und geärgert abwenden. Ich begriff, daß sie wohl selbst über
den Ausgang der bevorstehenden Trennung nachgedacht, und konnte sie es
denn ohne Schmerz, ohne Qual tun? Daß sie aber die Trennung beschlossen,
davon war ich überzeugt, mich quälte und beunruhigte nur ihre finstere
Verzweiflung. Zudem wagte ich nicht mit ihr darüber zu sprechen und
erwartete mit Bangen, wie sich das alles entscheiden würde.
Was ihr Verhalten zu mir anbetraf, so quälte und beunruhigte es mich
sehr, doch zweifelte ich nicht an dem Herz meiner Natascha; ich sah, wie
schwer sie es hatte und wie sehr sie litt. In solchem Zustande ist das
Einmischen von nahestehenden Menschen, die in unsere Geheimnisse
eingeweiht sind, um so schmerzlicher. Doch war ich andererseits fest
davon überzeugt, daß Natascha im letzten Augenblick doch zu mir kommen
würde, um bei mir Trost und Frieden zu suchen.
Über meine Unterredung mit dem Fürsten schwieg ich natürlich, denn ich
hätte sie damit nur noch aufgeregt und gekränkt. Ich sagte ihr so
nebenbei, daß ich zusammen mit dem Fürsten bei der Gräfin gewesen wäre
und mich davon überzeugt hätte, daß er ein gemeiner Mensch sei. Ich war
sehr froh, daß sie mich auch weiter gar nicht über ihn ausfragte; um so
mehr aber interessierte sie meine Erzählung über die Begegnung mit
Katjä. Wenn sie auch nichts sagte, so bedeckte doch ihr bleiches Gesicht
eine Röte, und sie war den Tag über in erregter Stimmung. Ich
verheimlichte ihr nichts von Katjä und gestand ihr offen, daß Katjä
reizend sei und einen großen Eindruck auf mich gemacht hätte. Und wozu
sollte ich es ihr verhehlen? Natascha hätte ja doch die Wahrheit erraten
und wäre mir böse gewesen. Ich bemühte mich daher, alles so ausführlich
als möglich zu erzählen und versuchte alle ihre Fragen im voraus zu
beantworten, da ihr das Fragen in ihrer Lage nicht leicht fiel.
Ich glaubte, es wäre ihr nicht bekannt, daß Aljoscha auf besonderen
Befehl des Fürsten mit der Gräfin und Katjä aufs Land fahren sollte, und
ich bemühte mich daher, ihr das so schonend als möglich mitzuteilen, um
den Schlag abzuschwächen. Doch wie groß war meine Verwunderung, als
Natascha bei meinem ersten Worte darüber mich unterbrach und mir
erklärte, daß es nicht nötig sei, sie zu trösten, es sei ihr alles schon
seit fünf Tagen bekannt.
„Mein Gott!“ rief ich, „wer hat es dir denn gesagt?“
„Aljoscha.“
„Wie? Er selbst?“
„Ja, und ich habe mich zu allem entschlossen, Wanjä,“ fügte sie mit
Nachdruck hinzu, aus dem klar hervorging, daß sie eine Fortsetzung
dieses Gespräches nicht wünschte.
Aljoscha besuchte jetzt Natascha öfter, doch immer nur auf ein paar
Augenblicke; einmal nur war er während meiner Abwesenheit mehrere
Stunden bei ihr geblieben. Meist erschien er in trauriger Stimmung und
sah sie schuldbewußt und zärtlich an; doch Natascha empfing ihn dann
immer so liebenswürdig und zärtlich, daß er bald alles vergaß und heiter
wurde. Auch mich besuchte er jetzt häufig, fast jeden Tag. Er quälte
sich furchtbar und konnte daher keinen Augenblick allein sein, sondern
lief zu mir, um sich Trost zu suchen.
Was sollte ich ihm sagen? Er warf mir Gleichgültigkeit, Kälte und sogar
Bosheit ihm gegenüber vor; klagte und jammerte und ging dann schließlich
zu Katjä, wo er denn auch immer Trost fand.
An dem Tage als ich von Natascha erfuhr, daß sie von der Abreise
Aljoschas unterrichtet sei (es war eine Woche nach meinem Gespräch mit
dem Fürsten), kam er in Verzweiflung zu mir, umarmte mich, fiel mir um
den Hals und weinte wie ein Kind. Ich schwieg und wartete, was er sagen
würde.
„Ich bin ein niedriger, ein gemeiner Mensch, Wanjä,“ begann er, „rette
mich vor mir selbst. Ich weine nicht darüber, daß ich gemein und niedrig
bin, sondern daß Natascha durch mich unglücklich wird. Denn ich
überliefere sie dem Unglück ... Wanjä, mein Freund, sage du mir, wen ich
mehr liebe: Katjä oder Natascha?“
„Das kann ich nicht bestimmen, Aljoscha,“ antwortete ich ihm, „das mußt
du besser wissen als ich ...“
„Nein, Wanjä; ich würde dir doch nicht eine so dumme Frage stellen, wenn
ich’s wüßte, aber das ist es ja doch, daß ich es nicht weiß. Ich frage
mich und kann mir selbst keine Antwort darüber geben. Du aber hast alles
miterlebt, und kannst es eher wissen, als ... Und, wenn du es auch nicht
weißt, so sage mir doch wenigstens, wie es dir scheint?“
„Mir scheint es, daß du Katjä mehr liebst.“
„Das scheint dir! Aber nein, nein, das ist nicht so! Du hast es nicht
erraten. Ich liebe Natascha grenzenlos und kann sie nie und nimmer
verlassen. Ich habe es Katjä gesagt und Katjä ist durchaus damit
einverstanden. Warum schweigst du? Ich sah soeben, wie du lachtest. Ach,
Wanjä, wie hast du mich getröstet, wenn es mir zu schwer wurde ... Lebe
wohl!“
Er lief aus dem Zimmer, was einen großen Eindruck auf die verwunderte
Nelly machte, die schweigend unserem Gespräch zugehört hatte. Sie war
damals immer noch leidend, hütete das Bett und brauchte Medizin.
Aljoscha sprach bei seinen Besuchen niemals mit ihr, er schenkte ihr
überhaupt keine Aufmerksamkeit.
In zwei Stunden erschien er wieder, und ich wunderte mich über sein
erfreutes Gesicht. Er umarmte mich wie vorher.
„Jetzt ist die Sache beschlossen!“ rief er. „Alle Mißverständnisse
beseitigt. Von Ihnen bin ich geradewegs zu Natascha gegangen: ich war
gequält und konnte ohne sie nicht mehr auskommen. Ich kam zu ihr, fiel
vor ihr auf die Knie und küßte ihre Füße. Ich mußte es tun, sonst wäre
ich vor Kummer gestorben. Sie weinte und umarmte mich schweigend. Da
habe ich es ihr aufrichtig gestanden, daß ich Katjä mehr liebe als sie.“
„Was sagte sie?“
„Sie antwortete mir nichts darauf, streichelte und beruhigte mich –
mich, der ich ihr das eben gesagt! Sie versteht zu trösten, Iwan
Petrowitsch! O, ich habe vor ihr all meinen Kummer ausgeweint, ihr alles
gestanden. Ich habe ihr einfach gesagt, daß ich Katjä sehr liebe, doch
wie lieb ich sie auch hätte, so könnte ich doch ohne sie, ohne Natascha,
nicht leben, sondern müßte elendiglich umkommen. Ja, Wanjä, nicht einen
Tag könnte ich ohne sie verleben! Und darum haben wir beschlossen, uns
unverzüglich trauen zu lassen; da man es aber jetzt in den großen Fasten
nicht tun kann, so müssen wir es auf den Juni verschieben, wenn ich
wiederkomme. Papa wird es erlauben, daran besteht kein Zweifel. Und
Katjä? Was soll ich tun, ich kann ohne Natascha nicht leben ... Wir
werden uns trauen lassen und dort leben, wo Katjä ist ...“
Arme Natascha! Wie mußte es ihr ums Herz sein, diesen Knaben zu trösten,
seine Bekenntnisse anzuhören und diesem naiven Egoisten zu seiner
Beruhigung noch Märchen von einer baldigen Heirat auszudenken! Aljoscha
war auch wirklich auf ein paar Tage beruhigt. Er ging doch nur zu
Natascha, weil sein schwaches Herz nicht imstande war, diesen Kummer
allein zu tragen. Als aber die Zeit der Trennung immer mehr heranrückte,
kam wieder die frühere Unruhe über ihn; wieder kam er öfter zu mir um
seinen Kummer auszuweinen. In der letzten Zeit hatte er sich so an
Natascha angeschlossen, daß er sie nicht auf einen Tag verlassen konnte,
geschweige denn auf anderthalb Monate. Doch war er bis zum letzten
Augenblick fest davon überzeugt, daß er sie nur auf anderthalb Monate
verlassen würde, um dann zur Trauung wiederzukehren. Natascha dagegen
ihrerseits begriff durchaus, daß es eine Trennung auf immer sei, und daß
es so kommen mußte!
Es kam der Tag. Natascha war krank, bleich; mit fieberglänzenden Augen
und trockenen Lippen sprach sie hin und wieder wie zu sich selbst, dann
sah sie mich plötzlich mit durchbohrenden Blicken an, weinte nicht,
antwortete nicht auf meine Fragen und erzitterte wie ein Blatt am Baume
als sie die helle Stimme des eintretenden Aljoscha hörte. Feuer übergoß
ihre Wangen, sie lief zu ihm, umarmte ihn krampfhaft, küßte ihn und
lachte ... Aljoscha sah sie erstaunt an, fragte sie beunruhigt, ob sie
auch gesund wäre und versuchte sie damit zu beruhigen, daß er bald zur
Hochzeit zurückkehren würde ... Mit ganzer Kraft suchte sich Natascha zu
bezwingen und ihre Tränen zu unterdrücken. Sie weinte nicht ...
Einmal hatte er ihr gegenüber die Bemerkung gemacht, daß er ihr für die
Zeit seiner Reise Geld hinterlassen würde, und sie solle sich darüber
nicht beunruhigen, da ihm sein Vater viel Geld für die Reise
versprochen. Natascha wurde finster. Als wir darauf allein blieben,
sagte ich ihr, daß für sie auf jeden Fall hundertfünfzig Rubel bereit
ständen. Sie fragte nicht woher das Geld kam. Das war zwei Tage vor
Aljoschas Abreise, kurz vor der ersten und letzten Begegnung Nataschas
mit Katjä. Katjä hatte durch Aljoscha einen Brief geschickt, in dem sie
Natascha um die Erlaubnis gebeten, sie morgen zu besuchen; auch mir
hatte sie geschrieben und mich gebeten, bei der Begegnung zugegen zu
sein.
Ich beschloß, ungeachtet aller Hindernisse, um zwölf Uhr bei Natascha zu
sein; denn Hindernisse gab es viele. Ganz abgesehen von Nelly hatten
mich auch die alten Ichmenjeffs sehr in Anspruch genommen.
Vor einer Woche hatte ich von Anna Andrejewna einen Brief erhalten, mit
der Bitte, in einer wichtigen Angelegenheit so schnell als möglich zu
ihr zu kommen. Ich eilte zu ihr und traf sie allein zu Hause an: in
zitternder Erwartung ihres Mannes ging sie in fieberhafter Aufregung im
Zimmer auf und ab. Wie gewöhnlich, konnte ich auch diesmal nicht sofort
erfahren, was geschehen und warum sie so erschrocken war, wo es
vielleicht keinen Augenblick zu verlieren gab. Endlich nach heißen und
gar nicht zur Sache gehörigen Vorwürfen: „warum ich nicht zu ihnen
gekommen sei und sie wie Waisen in ihrem Kummer allein gelassen habe,“
so daß schon „weiß Gott was ohne mich hätte passieren können,“ erklärte
sie mir, daß Nikolai Ssergejewitsch in den letzten drei Tagen so
aufgeregt gewesen sei, „daß es unmöglich zu beschreiben wäre“.
„Er ist sich einfach selbst nicht mehr ähnlich,“ erzählte sie, „in der
Nacht schleicht er sich von mir fort, um auf den Knien vor dem
Gottesbild zu beten, im Schlaf phantasiert er, bei Tage ist er nur halb
bei Verstand: gestern aßen wir Kohlsuppe und er konnte seinen Löffel
nicht finden, der neben seinem Teller lag: frägt man ihn dies, so
antwortet er das.
„Jeden Augenblick geht er aus dem Haus: ‚immer in Geschäften,‘ sagt er,
‚um einen Advokaten zu suchen;‘ schließlich hatte er sich heute morgen
in seinem Kabinett eingeschlossen: ‚ich habe,‘ sagte er, ‚einen
Geschäftsbrief zu schreiben.‘ Nun, denke ich, ‚was wirst du für einen
Geschäftsbrief schreiben, wenn du nicht einmal deinen Löffel neben dir
auffinden kannst?‘ Ich spähte durch den Türspalt: da saß er, schrieb und
– weinte. ‚Schreibt man denn so einen Geschäftsbrief?‘ dachte ich. ‚Oder
tut es ihm so leid um Ichmenjeffka; also müssen wir unser Ichmenjeffka
doch auf immer verloren haben!‘ Plötzlich aber springt er vom Stuhl und
wirft die Feder auf den Tisch, feuerrot im Gesicht, mit blitzenden Augen
greift er nach dem Hut und stürzt zu mir hinaus. ‚Ich, Anna Andrejewna,
komme sofort wieder,‘ sagte er und ging hinaus. Ich aber habe dann auf
seinem Schreibtisch unter den vielen Papieren, die da in Stößen
herumliegen, gesucht. Wievielmal habe ich zu ihm gesagt: ‚erlaube, daß
ich deine Papiere in Ordnung bringe und vom Tisch den Staub abwische.‘
Doch, daran war nicht zu denken, er winkte mit Händen und Füßen ab: so
ungeduldig, solch ein Schreier ist er hier in Petersburg geworden. So
ging ich also zum Tisch und fing an zu suchen, was er soeben
geschrieben. Denn ich wußte zu genau, daß er es nicht mitgenommen,
sondern unter die anderen Papiere gesteckt hatte. Da, mein lieber Iwan
Petrowitsch, da ist’s, da ...“
Und sie reichte mir einen Bogen Postpapier, der zur Hälfte beschrieben
und stellenweis so unleserlich beschrieben war, daß man ihn kaum
entziffern konnte. Der arme Alte! Bei den ersten Worten konnte man
erraten, an wen er gerichtet war. Es war ein Brief an seine Natascha, an
seine geliebte Natascha. Er begann warm und innig; er verzieh ihr alles
und rief sie zu sich. Nur war es unmöglich, alles zu entziffern, was er
geschrieben, die Sätze waren abgerissen und alles verwischt. Man fühlte
nur, daß er aus heißem Drang zur Feder gegriffen und die ersten Zeilen
tiefempfunden den hatte, aber auf die ersten Zeilen folgten einige
anderer Art. Er machte seiner Tochter Vorwürfe, beschrieb in grellen
Farben ihr Verbrechen, hielt ihr Eigensinn vor, beschuldigte sie der
Gefühllosigkeit, daß sie garnicht daran gedacht, was sie ihren Eltern
angetan. Für ihren Stolz aber verfluchte er sie und befahl ihr
unverzüglich ins Elternhaus zurückzukehren, dann erst würden ihre Eltern
„nach stillem, musterhaftem Leben im Schoße der Familie ihr vielleicht
Vergebung gewähren,“ schrieb er. Man sah, daß er sein erstes Gefühl für
Schwäche gehalten, sich dessen geschämt hatte und gequält und beleidigt
in seinem Stolz mit wütenden Drohungen schloß. Die Alte stand vor mir
mit zusammengelegten Händen und erwartete in Angst und Schrecken was ich
sagen würde.
Ich sagte ihr alles aufrichtig, so wie es mir schien. Nämlich: daß der
Alte nicht mehr imstand sei, ohne Natascha zu leben, und daß man wohl
annehmen müsse, daß es zu einer baldigen Versöhnung kommen werde; doch
hänge das selbstverständlich alles von den Verhältnissen ab. Auch habe
ihn der schlechte und für ihn unglückliche Ausgang des Prozesses
erschüttert und gereizt, und durch den Triumph des Fürsten wäre er in
seiner Eigenliebe empfindlich getroffen. In solchen Augenblicken sucht
die Seele nach Mitgefühl, und er sehnte sich um so mehr nach derjenigen,
die er über alles in der Welt am meisten liebte. Außerdem habe er
wahrscheinlich erfahren, (da er ja doch von allem unterrichtet ist), daß
Aljoscha sie jetzt verlassen wird. Auch aus seiner Lage heraus begreift
er, wie sehr sie Trost und Hilfe brauchte. Doch konnte er sich diesesmal
doch noch nicht ganz und gar überwinden, da er sich durch sie gekränkt
und erniedrigt fühlt. Ihm kam der Gedanke, daß nicht sie es ist, die zu
ihm kommt, und daß sie vielleicht garnicht an ihn denkt und nach seinem
Troste durchaus nicht verlangt. Darum habe er wohl den Brief nicht
beendigt, auch vielleicht aus Furcht vor neuen Beleidigungen die
Versöhnung noch länger aufgeschoben ...
Die Alte hörte mir zu und weinte. Als ich ihr nun sagte, daß ich sofort
zu Natascha müßte und mich bereits durch sie verspätet hätte, zuckte sie
zusammen und erklärte mir, daß sie die _Hauptsache_ noch garnicht
erzählt hätte. Als sie nämlich den Brief unter den Papieren
hervorgezogen hatte, war das Tintenfaß umgefallen. Die eine Ecke des
Briefes war wirklich ganz mit Tinte übergossen und nun fürchtete sie
sich sehr, daß der Alte durch diesen Klecks erkennen würde, daß sie den
Brief an Natascha gelesen. Ihre Furcht war durchaus gerechtfertigt: denn
bereits der Gedanke, sie wisse sein Geheimnis, hätte ihn so in Zorn und
Wut bringen können, daß er aus Stolz bei seinem Trotz verharren würde.
Ich sah mir die Sache an und konnte die Alte insofern beruhigen, daß er
in dieser großen Erregung sich kaum dieser Kleinigkeiten erinnern
dürfte, und denken würde, er habe selbst den Fleck gemacht. Nachdem sich
nun Anna Andrejewna ein wenig beruhigt hatte, legten wir den Brief
vorsichtig an seinen früheren Platz zurück, und bevor ich fortging,
wollte ich noch einmal in der Angelegenheit Nelly ernst mit ihr reden.
Mir schien es, daß das arme verlassene Kind, deren Mutter von ihrem
eigenen Vater verflucht worden war, den Alten rühren und ihm
großmütigere Gefühle einflößen könnte. Denn alles war in ihm dazu
bereit; der Gram um seine Tochter hatte seinen Stolz und seine
beleidigte Eigenliebe überwunden. Es fehlte nur noch der Anstoß dazu und
die günstige Gelegenheit, und diese konnte vielleicht durch Nelly
gegeben werden. Die Alte hörte mir mit besonderer Aufmerksamkeit zu:
Hoffnung und Begeisterung belebten ihr Gesicht. Sie machte mir natürlich
sofort Vorwürfe, warum ich ihr das nicht bereits früher gesagt hätte,
fragte mich ungeduldig über Nelly aus, und versprach feierlich, daß sie
nun selbst Ichmenjeff bitten würde, die Waise ins Haus zu nehmen. Ja,
sie liebte Nelly bereits aufrichtig, bedauerte, daß sie krank war,
wollte mir für Nelly einen Topf Apfelmus mitgeben, lief in die
Kleiderkammer und brachte mir aus ihrer Rocktasche fünf Rubel, für den
Fall, daß ich kein Geld für den Doktor hätte, und als ich diese nicht
annahm, beunruhigte es sie sehr, ob Nelly auch Kleider und Wäsche hätte
und ob sie ihr da nicht nützlich sein könnte, woraufhin sie sofort ihren
Kleiderkasten um und um wühlte, um Sachen herauszusuchen, die sie der
armen Waise schenken könnte.
Ich aber ging zu Natascha. Als ich die Treppe zu ihrer Wohnung
emporstieg, sah ich jemand vor ihrer Tür stehen, der soeben anklopfen
wollte, doch als er meine Schritte hörte, sich abwandte. Endlich nach
einigem Zögern schien er seine Absicht aufzugeben. Er kam die Treppe
hinunter und begegnete mir auf der letzten Stufe vor dem Treppenabsatz.
Wie groß war aber meine Verwunderung, als ich in ihm Ichmenjeff
erkannte. Auf der Treppe war es auch am Abend dunkel. Er drückte sich an
die Wand, um mir Platz zu machen, und ich erinnere mich noch jetzt des
seltsamen Glanzes seiner Augen, die er fest auf mich gerichtet hatte.
Mir schien es, daß er errötete; wenigstens war er sehr verwirrt und
wußte nicht, was er sagen sollte.
„Ach, Wanjä, du bist es!“ fragte er mit unsicherer Stimme ... „Ich
suchte einen Menschen ... einen Schreiber ... in einer Angelegenheit ...
ich suche ihn überall ... er ist nicht hier, nicht da ... Hier scheint
er auch nicht zu sein. Habe mich geirrt. Lebe wohl.“
Und er ging schnell die Treppen hinunter.
Ich beschloß, Natascha einstweilen von dieser Begegnung nichts zu sagen,
es ihr aber gleich nach Aljoschas Abreise, wenn sie allein war,
mitzuteilen. Gegenwärtig war sie so abgespannt, daß, wenn sie auch die
ganze Tragweite dieses Aktes begriffen hätte, sie ihn doch nicht so in
sich hätte aufnehmen können, wie später in einem Augenblick der letzten
Verzweiflung. Dieser Augenblick war jetzt noch nicht gekommen.
Ich hätte noch am selben Tage zu Ichmenjeffs gehen können, doch tat ich
es absichtlich nicht: Dem Alten mußte jetzt eine Begegnung mit mir sehr
schwer fallen. Ich ging erst am dritten Tage zu ihm; er war sehr
niedergeschlagen, begrüßte mich aber ganz frei und sprach viel von
seinen Angelegenheiten.
„Sag doch, wen hast du denn damals besucht, so hoch oben, weißt du noch,
wo wir uns begegneten ... vor drei Tagen war’s,“ fragte er mich
plötzlich in nachlässigem Tone, obgleich er trotzdem meinen Blicken
auswich.
„Einen Freund,“ antwortete ich und blickte gleichfalls zur Seite.
„Ah! Ich suchte meinen Schreiber Astaffjeff; man hatte mir dieses Haus
angegeben ... es war ein Irrtum ... Um also auf meinen Prozeß zu kommen:
im Senate hat man entschieden ... usw. usw.“
Er errötete sogar, als er von seinem Prozeß zu sprechen begann.
Ich erzählte es noch an demselben Tage Anna Andrejewna, um die Alte zu
erfreuen, bat sie aber doch unter anderem, ihm nicht besonders ins
Gesicht zu schauen, nicht zu seufzen und keine Anspielungen darauf zu
machen, kurz durch nichts zu zeigen, daß sie davon unterrichtet war. Die
Alte war so erstaunt und erfreut, daß sie mir zuerst nicht glauben
wollte. Ihrerseits erzählte sie mir, daß sie Nikolai Ssergejewitsch von
Nelly gesprochen hätte, er aber habe geschwiegen, wo er sie doch sonst
früher immer selbst dazu überredet hatte. Wir beschlossen, daß sie ihn
morgen direkt darum bitten sollte ohne jegliche Umschweife. Doch am
nächsten Tage waren wir seinetwegen in schrecklicher Angst und Pein.
Ichmenjeff hatte am folgenden Morgen einen Beamten gesprochen, der in
seiner Sache unterrichtet war. Der Beamte hatte ihm nun erklärt, daß er
den Fürsten gesprochen, und daß dieser wohl Ichmenjeffka in Besitz
nehmen würde, doch infolge „gewisser Familienangelegenheiten“ dem alten
Ichmenjeff die zehntausend Rubel schenken würde. Nach dieser Nachricht
kam der Alte geradewegs zu mir gelaufen, aufgeregt mit wutblitzenden
Augen. Er rief mich, ich weiß nicht warum, hinaus auf die Treppe und
verlangte von mir, daß ich sofort zum Fürsten ginge und ihn zum Duell
fordere. Ich war so erschrocken, daß ich mich zuerst gar nicht zu fassen
wußte. Ich fing, glaube ich, an, ihn zu bereden. Doch der Alte geriet so
außer sich, daß ihm schlecht wurde. Ich lief nach einem Glas Wasser; als
ich zurückkam, fand ich ihn bereits nicht mehr auf der Treppe.
Am nächsten Tage ging ich zu ihm, traf ihn aber nicht zu Hause; er war
damals auf zwei Tage verschwunden.
Am dritten Tage erfuhren wir erst, was sich mit ihm ereignet hatte. Von
mir aus war er geradewegs zum Fürsten gegangen, und weil er ihn nicht zu
Hause angetroffen, hatte er ihm einen Zettel hinterlassen; in dem
Schreiben teilte er ihm mit, daß er durch diesen Beamten von seinen
Worten unterrichtet sei und sich durch sie tödlich beleidigt fühle, daß
er, der Fürst, ein gemeiner Mensch wäre, und er ihn darum zum Duell
fordere. Zum Schluß warnte er ihn noch, die Aufforderung zum Duell etwa
abzulehnen, da er dann gezwungen wäre, ihn öffentlich zu beleidigen.
Anna Andrejewna erzählte mir, er sei in solcher Aufregung zurückgekehrt,
daß er sich sofort hingelegt und auf alle ihre zärtlichen Fragen nichts
geantwortet hätte. In fieberhafter Ungeduld schien er irgend etwas zu
erwarten. Am nächsten Morgen kam ein Stadtbrief; als er ihn gelesen,
schrie er auf und faßte sich an den Kopf. Anna Andrejewna erstarrte fast
vor Schreck und Angst. Er griff sofort nach Hut und Stock und lief
hinaus.
Der Brief war vom Fürsten. Trocken, kurz und höflich erklärte er
Ichmenjeff, daß er über seine Worte, die er dem Beamten gegenüber
ausgesprochen, niemand Rechenschaft schuldig sei. Obgleich er Ichmenjeff
sehr bedaure, seinen Prozeß verloren zu haben, könne er doch trotz allem
Mitgefühl es nicht für zulässig finden, daß der Verurteilte das Recht
hätte, seinen Prozeßgegner aus Rache zum Duell herauszufordern. Was
endlich die ihm angedrohte „öffentliche Beschimpfung“ beträfe, so bäte
er Ichmenjeff, sich darum nicht zu beunruhigen, da von einer
öffentlichen Beschimpfung gar nicht die Rede sein könne, da er seinen
Brief sofort der Polizei vorlegen würde, die zur bestimmten öffentlichen
Ordnung und Ruhe die entsprechenden Maßregeln treffen muß.
Ichmenjeff stürzte, mit dem Brief in der Hand, sofort zum Fürsten. Der
Fürst war wieder nicht zu Haus; dem Alten gelang es aber durch den
Lakaien zu erfahren, daß der Fürst sich beim Grafen N. befinde. Ohne
sich zu besinnen, begab er sich sofort zum Grafen. Der Portier des
Grafen hielt ihn zurück, als er auf die Treppe hinaufsteigen wollte. Der
alte Ichmenjeff geriet in Wut und schlug mit dem Stock um sich ... Man
ergriff ihn sofort und übergab ihn der Polizei. Der Vorfall wurde dem
Grafen sofort gemeldet. Als nun der anwesende Fürst dem alten Wüstling
von Grafen mitteilte, daß der alte Ichmenjeff der Vater der Natalja
Nikolajewna sei, so begann der Graf zu lachen und sein Zorn wandelte
sich in Milde: er befahl Ichmenjeff sofort zu befreien; doch geschah das
erst in drei Tagen, wobei man (wohl auf Befehl des Fürsten) Ichmenjeff
mitteilte, daß der Fürst selbst den Grafen um Nachsicht für ihn gebeten.
Halb wahnsinnig nach Hause zurückgekehrt, warf sich der Alte aufs Bett
und lag eine ganze Stunde bewegungslos; endlich erhob er sich, und
erklärte feierlich zum Schrecken Anna Andrejewnas, daß er seine Tochter
auf immer und ewig verfluche!
Anna Andrejewna verlor fast ihre letzte Besinnung; zum Glück mußte für
den Alten gesorgt werden. Die ganze Nacht wachte sie an seinem Bette,
machte ihm Eiskompressen, und konnte daher über ihr Unglück weiter nicht
nachdenken. Er lag im Fieber und phantasierte. Ich verließ sie um drei
Uhr nachts. Am nächsten Morgen stand Ichmenjeff auf und kam zu mir wegen
Nelly. Von der Szene zwischen Nelly und ihm habe ich bereits erzählt;
diese Szene erschütterte ihn endgültig. Nach Hause zurückgekehrt, legte
er sich wieder zu Bett. Das geschah am Karfreitag, an dem Tage, an
welchem die Begegnung zwischen Katjä und Natascha stattfinden sollte, am
Tage vor Aljoschas Abfahrt aus Petersburg. Bei dieser Begegnung war ich
zugegen. Das war am Morgen von Nellys erstem Fluchtversuch.