III.

An diesem Tage hatte ich den ganzen Abend bei Natascha zugebracht. Als

ich zurückkehrte, schlief Nelly bereits. Auch Alexandra Ssemjonowna war

ganz schlaftrunken und erwartete mich am Krankenbette. Sie teilte mir

eilig, leise flüsternd mit, daß Nelly zuerst sehr lustig gewesen und

sogar gelacht habe, als ich aber nicht zurückgekehrt sei, sei sie

traurig, schweigsam und nachdenklich geworden. Sie habe über

Kopfschmerzen geklagt, geweint und so geschluchzt, daß Alexandra

Ssemjonowna nicht gewußt, was mit ihr anfangen. Sie habe auch mit ihr

über Natalja Nikolajewna gesprochen, doch als sie ihr nichts darauf

antworten konnte, hätte sie aufgehört, davon zu sprechen, geweint und

zuletzt sei sie dann unter Tränen eingeschlafen. „Nun, leben Sie wohl,

Iwan Petrowitsch; jetzt ist es ihr leichter, wie es mir scheint, ich muß

auch nach Haus, so hat mir Filipp Filippytsch befohlen. Ich muß Ihnen

gestehen, daß er mich diesmal nur auf zwei Stunden entlassen, und ich

bin bereits viel länger hiergeblieben. Doch, was tut’s, beunruhigen Sie

sich nicht meinetwegen, er wird es nicht wagen ... nur, mein lieber Iwan

Petrowitsch, was soll ich tun: er kommt jetzt immer betrunken nach Haus!

Er ist mit sich irgendwie sehr beschäftigt, spricht kein Wort mit mir,

macht sich Sorgen, ich weiß es, und am Abend kommt er betrunken nach

Haus ... Ich habe gedacht: wenn er nun nach Hause zurückgekehrt ist, wer

wird ihn dann dort empfangen haben? Nun, ich fahre schon, ich fahre!

Leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch. Habe mir dort Ihre Bücher angesehen:

wieviel Bücher Sie haben, und alles ernste, kluge Bücher; ich Dumme,

habe noch nie etwas gelesen ... Also, auf morgen ...“

Am nächsten Morgen erwachte Nelly finster und sprach kein Wort mit mir.

Nur ungern antwortete sie auf meine Fragen, als wäre sie mir böse. Ich

bemerkte nur hin und wieder einen ihrer Blicke, mit denen sie mich

heimlich verfolgte; in ihnen lag viel verhaltenes Herzeleid und

unterdrückte Zärtlichkeit, was sonst, wenn sie mich gerade anschaute,

nicht der Fall war. An diesem Tage spielte sich denn auch die

Arzenei-Szene mit dem Doktor ab; ich wußte nicht, was ich denken sollte.

Nellys Verhalten zu mir veränderte sich jetzt vollständig. Ihr seltsames

Wesen, ihre Launen, ja, ihr Haß gegen mich steigerten sich bis zu der

Katastrophe, die unser ganzes Zusammenleben abbrach. Doch davon später.

Es geschah übrigens, daß sie von Zeit zu Zeit, wie früher, zärtlich zu

mir war. Ihre Zärtlichkeit schien sich in diesen Augenblicken sogar zu

verdoppeln; am häufigsten aber weinte sie bitter in diesen Momenten.

Doch diese Stunden vergingen sehr schnell wieder; sie verfiel dann

wieder in ihren früheren Kummer, sah mich feindlich an, wurde launisch,

wie damals mit dem Doktor, und wenn sie bemerkte, daß irgendeiner ihrer

neuen Streiche mich unangenehm berührte, so brach sie in Lachen aus, das

dann in Tränen endete.

Selbst gegen Alexandra Ssemjonowna hatte sie sich unfreundlich benommen,

ihr gesagt, daß sie nichts von ihr brauche. Als ich ihr in Gegenwart von

Alexandra Ssemjonowna darüber Vorwürfe machte, brauste sie auf,

verstummte dann und sprach zwei Tage lang kein Wort mit mir, wollte

keine Medizin einnehmen, weder trinken noch essen, und nur der alte

Doktor verstand es noch mit ihr umzugehen.

Ich sagte bereits, daß sich zwischen ihr und dem Doktor ein merkwürdiges

Freundschaftsverhältnis entwickelt hatte. Nelly schien ihn sehr gern zu

haben und begrüßte ihn immer mit freundlichem Lächeln, wenn er kam, wie

traurig sie auch sonst vor seinem Erscheinen gewesen sein mochte. Der

Alte wiederum besuchte sie jeden Tag und manchmal sogar zweimal am Tage,

und als Nelly sich bereits in der Genesung befand, das Bett schon

verlassen hatte, schien sie ihn dermaßen bezaubert zu haben, daß er ohne

sie den Tag nicht verleben konnte, ohne ihr Lachen und ihre Scherze über

sich zu hören, die oft wirklich sehr drollig waren. Er brachte ihr

Bilderbücher, meistenteils belehrender Art, brachte ihr Süßigkeiten und

Konfekt in schönen Kästchen. Jedesmal erschien er dann mit besonders

feierlicher Miene, als gäbe es eine Namenstagfeier, so daß Nelly sofort

erriet, daß er mit einem Geschenk gekommen war. Das Geschenk zeigte er

aber nicht gleich, sondern lächelte nur pfiffig und setzte sich neben

Nelly mit der Bemerkung, daß, wenn ein junges Mädchen sich gut

aufgeführt und in seiner Abwesenheit sich Achtung erworben, daß so ein

junges Mädchen würdig einer Belohnung sei. Dabei sah er sie so gutmütig

und herzlich an, daß in den strahlenden Augen Nellys, wenn sie ihm auch

offen ins Gesicht lachte, eine aufrichtige und zärtliche Dankbarkeit

aufleuchtete. Zuletzt erhob sich dann der Alte feierlich, zog ein

Kästchen mit Konfekt aus der Tasche und händigte es Nelly ein mit der

Bemerkung: „Meiner zukünftigen und liebenswürdigen Frau Gemahlin.“

In diesem Augenblick war er sicher selbst glücklicher als Nelly.

Darauf folgten dann Gespräche über ihre Gesundheit und medizinische

Ratschläge.

„Vor allem muß man seine Gesundheit zu erhalten streben,“ sagte er zu

ihr, in dogmatischem Tone, „hauptsächlich darum, um leben zu bleiben,

immer gesund zu sein, das Glück des Lebens zu genießen. Wenn Sie, mein

liebes Kind, irgendwelchen Kummer haben, so vergessen sie ihn, oder

besser, trachten Sie, nicht an ihn zu denken. Und wenn Sie keinen Kummer

haben, dann denken Sie erst recht nicht an ihn, sondern denken Sie an

Vergnügungen und Spiel.“

„An welches Vergnügen soll ich denn denken?“ – fragte Nelly.

Der Doktor war nicht wenig verblüfft ...

„Nun, ... an irgendein unschuldiges Spiel, das Ihrem Alter ansieht; oder

so ... etwas Ähnliches ...“

„Ich will nicht spielen; ich spiele nicht gern,“ sagte Nelly. „Ich liebe

zum Beispiel neue Kleider.“

„Neue Kleider! Hm! Nun, das ist bereits weniger gut. Man muß mit seinem

bescheidenen Los im Leben zufrieden sein. Doch, übrigens ... warum nicht

... man kann auch neue Kleider lieben.“

„Und Sie, werden Sie mir viele neue Kleider kaufen, wenn ich Ihre Frau

sein werde?“

„Was für eine Idee!“ der Doktor schien ein wenig unwillig. Nelly lachte

schelmisch und vergaß sich sogar so weit, daß sie auch mir zulächelte.

„Übrigens, warum sollte ich Ihnen auch nicht schöne Kleider kaufen, wenn

Sie es durch Ihr Betragen verdienen,“ fügte er versöhnlicher hinzu.

„Und wenn ich Sie heirate, muß ich dann jeden Tag Pulver einnehmen?“

„Nein, immer brauchen Sie nicht Pulver einzunehmen.“

Jetzt lächelte auch der Doktor.

Nelly krümmte sich einfach vor Lachen. Der Alte folgte ihrem Beispiel,

er freute sich über ihre Fröhlichkeit.

„Ein launisches Köpfchen!“ sagte er, zu mir gewandt. „Doch aus alledem

spricht immer noch ein wenig Gereiztheit.“

Er hatte recht. Ich wußte wirklich nicht, was ich mit ihr anfangen

sollte. Sie wollte scheinbar überhaupt nicht mehr mit mir sprechen, als

wäre ich in irgend etwas schuldig vor ihr. Das tat mir bitter weh. Ich

ärgerte mich schließlich und sprach einmal einen ganzen Tag nicht mehr

mit ihr, doch am nächsten Tage schämte ich mich bereits darüber. Sie

weinte oft, und ich wußte wirklich nicht, womit ich sie beruhigen

sollte. Übrigens einmal brach sie doch das Schweigen mit mir.

Eines Abends kehrte ich vor der Dämmerstunde nach Haus und bemerkte, wie

Nelly unter ihrem Kissen ein Buch versteckte. Das war mein Roman, den

sie jetzt wieder in meiner Abwesenheit zu lesen schien. Wozu mußte sie

ihn vor mir verstecken? „Als schäme sie sich darüber,“ dachte ich und

tat so, als ob ich nichts bemerkt hätte. Eine Viertelstunde nachher, als

ich auf einen Augenblick in die Küche ging, sprang sie schnell aus dem

Bett und legte das Buch an seinen früheren Platz; als ich zurückkam sah

ich es auf dem Tische liegen. Plötzlich rief sie mich zu sich; in ihrer

Stimme zitterte Erregung. Seit vier Tagen hatte sie kein Wort mit mir

gesprochen.

„Gehen Sie ... heute zu Natascha?“ fragte sie mit erstickter Stimme.

„Ja, Nelly; ich muß sie heute durchaus besuchen.“

Nelly schwieg.

„Sie lieben ... sie sehr?“ fragte sie wieder mit schwacher Stimme.

„Ja, Nelly, ich liebe sie sehr.“

„Und auch ich liebe sie sehr,“ fügte sie mit leiser Stimme hinzu.

Wieder trat Schweigen ein.

„Ich möchte zu ihr gehen und mit ihr leben,“ begann Nelly von neuem. Ein

furchtsamer Blick streifte mich dabei.

„Das ist nicht möglich, Nelly,“ antwortete ich einigermaßen verwundert.

„Hast du es denn schlecht bei mir?“

„Warum ist es nicht möglich?“ fuhr sie auf. „Sie bereden mich doch, zu

ihrem Vater zu gehen; zu ihm aber möchte ich nicht. – Hat sie eine

Magd?“

„Ja.“

„Nun, so soll sie ihre Magd fortschicken, ich werde sie bedienen. Ich

werde alles für sie tun und werde keine Belohnung von ihr annehmen; ich

werde sie lieben und ihr Essen kochen. Sagen Sie ihr das, bitte, heute.“

„Was das für Phantasien sind, Nelly? Und was denkst du eigentlich von

ihr: glaubst du denn wirklich, daß sie das zulassen würde? Wenn sie dich

schon zu sich nehmen sollte, so doch nur als gleichberechtigt mit ihr,

als ihre jüngere Schwester.“

„Nein, das will ich nicht ...“

„Warum nicht?“

Nelly schwieg. Ihre Lippen zitterten; sie wollte weinen.

„Der, den sie liebt, verläßt sie jetzt?“ fragte sie schließlich.

Ich war erstaunt.

„Woher weißt du das, Nelly?“

„Sie sagten es mir selbst vor einiger Zeit und vorgestern fragte ich den

Mann von Alexandra Ssemjonowna; er erzählte mir alles.“

„War denn Masslobojeff hier?“

„Ja, er war gekommen,“ sie schlug die Augen nieder.

„Warum hast du mir nicht gesagt, daß er da war?“

„So ...“

Ich dachte einen Augenblick nach. Gott weiß warum dieser Masslobojeff

sich hier geheimnisvoll herumtrieb, und was für Beziehungen er hier

angeknüpft haben mochte? Ich mußte ihn doch aufsuchen.

„Nun, und was dann, wenn er sie verläßt, Nelly?“

„Nun, Sie lieben sie doch sehr,“ antwortete Nelly, ohne mich anzusehen.

„Wenn Sie sie aber so lieben, so werden Sie sie doch heiraten, wenn der

andere fort fährt.“

„Nein, Nelly, sie liebt mich nicht so, wie ich sie liebe, ja und ich ...

Nein, das wird nicht sein, Nelly.“

„Ich aber würde Ihnen allen beiden dienen, und Sie würden glücklich

sein,“ sagte sie kaum hörbar, ohne mich anzusehen.

„Was ist mit ihr, was ist mit ihr?“ dachte ich und mein ganzes Innere

tat mir weh. Nelly verstummte und sprach den Abend kein Wort mehr mit

mir. Als ich fortgegangen war, weinte sie den ganzen Abend; wie

Alexandra Ssemjonowna berichtete, schlief sie wieder unter Tränen ein.

Sogar im Schlaf schluchzte sie noch und im Traum phantasierte sie.

Von dem Tage an wurde sie immer schweigsamer und verschlossener. Mit mir

sprach sie überhaupt nicht mehr. Es geschah wohl, daß ich hin und wieder

einen verstohlenen und flüchtigen Blick von ihr auffing, der voll

unsäglicher Zärtlichkeit zu mir schien. Doch waren das nur Augenblicke

und im Gegensatz zu ihnen wurde sie immer finsterer und verschlossener,

sogar der Doktor wunderte sich über diese Veränderung in ihrem

Charakter. Inzwischen hatte sie sich so weit erholt, daß sie mit

Erlaubnis des Arztes täglich ein wenig an die freie Luft gehen konnte.

Auch die Tage wurden immer heller und wärmer. Es war in der Karwoche,

als ich eines Morgens ausging; ich mußte zu Natascha gehen, hatte aber

Nelly versprochen, früh zurückzukehren, um mit ihr zusammen spazieren zu

gehen. Unterdessen war sie allein zu Hause geblieben.

Ich kann es kaum beschreiben, welch ein furchtbarer Schlag mich traf,

als ich damals nach Hause zurückkehrte! Schon draußen auf der Treppe

fiel es mir auf, daß der Schlüssel von außen in der Tür steckte. Ich

trete ein: es war niemand zu sehen. Ich erstarrte. Auf dem Tisch

erblickte ich einen Zettel mit großen unregelmäßigen Buchstaben

beschrieben:

„Ich bin von Ihnen fortgegangen und kehre nie mehr wieder. Ich liebe

Sie aber sehr.

Sämtliche Werke 19 · 第 50 / 59 题