I.

Ich will meine Wut nicht weiter beschreiben. Obschon ich mich so

ziemlich auf alles gefaßt gemacht hatte, fühlte ich mich doch so

überrumpelt, als hätte ich das nicht von ihm erwartet und als wäre er so

überraschend wie ein Blitz aus heiterem Himmel in seiner ganzen

schamlosen Gemeinheit vor mich hingetreten. Übrigens entsinne ich mich,

daß ich mir meiner Empfindungen im Augenblick nicht ganz bewußt war: es

war mir, als sei ich zu Boden gedrückt, verletzt, geschlagen, und

schwerer, undefinierbarer Kummer bedrückte mein Herz. Ich fürchtete für

Natascha. Konnte ich mir doch denken, wieviel Qualen ihr bevorstanden,

und ich suchte halb unbewußt nach Wegen, auf denen man sie umgehen,

vermeiden könnte, und sann auf Mittel, um ihr diese letzte Zeit vor der

endgültigen Entscheidung zu erleichtern. Denn wie diese Entscheidung

ausfallen würde, war doch schon vorauszusehen. Und sie näherte sich

erschreckend schnell.

Ich gewahrte nicht einmal, wie ich den Weg nach Haus zurücklegte,

obschon der Regen mich gründlich durchnäßte. Es schlug drei, als ich ins

Haus trat. Kaum hatte ich an meine Tür geklopft, da hörte ich ein

Stöhnen und wie jemand eilig den Riegel zurückzog. Wie es schien, hatte

Nelly sich nicht zu Bett gelegt, sondern die ganze Zeit an der Tür

gewartet. Das Licht brannte auf dem Tisch. Ich blickte ihr ins Gesicht

und erschrak: es war geradezu entstellt. Ihre Augen glänzten wie im

Fieber, auf den Wangen brannten rote Flecke, und dabei sah sie mich so

wild und scheu an, als erkenne sie mich nicht. Ihre glühend heißen Hände

zitterten.

„Nelly, was fehlt dir, bist du krank?“ fragte ich, mich zu ihr

niederbeugend, und ich umfaßte sie mit meinen Armen.

Sie schmiegte sich zitternd an mich, als fürchte sie sich, und

stoßweise, dabei atemlos schnell, begann sie mir etwas zu erzählen, als

habe sie mich nur deshalb erwartet, um mir alles das zu sagen. Doch ihre

Worte waren seltsam und ganz zusammenhanglos: ich begriff nichts. Sie

aber sprach immer weiter wie im Fieber.

Ich führte sie vorsichtig zum Bett, doch war es mir unmöglich, sie zu

bewegen, sich hinzulegen und einzuschlafen: sie klammerte sich

krampfhaft an mich, immer als fürchte sie sich maßlos und bitte mich,

sie zu beschützen; und als sie dann endlich im Bett lag, griff sie

wieder nach meiner Hand und hielt sie krampfhaft fest, damit ich nur

nicht fortginge. Ich war aber von all dem Erlebten so nervös geworden,

und diese letzte Überraschung hatte mich so erschüttert, daß ich, als

ich so an ihrem Bett saß und ihr fieberglühendes Gesichtchen sah,

plötzlich zu schluchzen begann. Ich war gleichfalls krank. Als sie meine

Tränen bemerkte, sah sie mich lange Zeit unbeweglich mit krampfhaft

angespannter Aufmerksamkeit an: sie schien sich die größte Mühe zu

geben, mich zu verstehen, doch fiel es ihr augenscheinlich sehr schwer.

Endlich löste sich die Spannung in ihren Zügen, und ein Gedanke erhellte

ihr Gesicht. Ich wußte, daß sie nach einem schweren epileptischen Anfall

gewöhnlich eine Zeitlang nicht ganz zu sich kommen konnte und daher

vermochte sie auch nicht zu sprechen. Diesmal war es ebenso: sie

strengte sich vergeblich an, etwas zu sagen, doch als sie erriet, daß

ich sie nicht verstehen konnte, streckte sie nur ihre kleine Hand aus

und wischte mir die Tränen von den Wangen, dann schlang sie ihren Arm um

meinen Hals und küßte mich.

Offenbar hatte sie in meiner Abwesenheit einen epileptischen Anfall

gehabt, und zwar in einem Augenblick, als sie bei der Tür gestanden.

Nachher wird sie dann lange bewußtlos dort gelegen haben und vielleicht

war ihr dann in den Delirien irgend etwas Furchtbares erschienen, was

sie so mit Angst erfüllt hatte. Vielleicht hat sie dann auch unklar

daran gedacht, daß ich bald zurückkehren und an die Tür pochen würde,

und so blieb sie wartend dort liegen, um sich bei meinem ersten Klopfen

zu erheben.

„Aber wie kam sie denn gerade in dem Augenblick zur Tür?“ fragte ich

mich, und plötzlich bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß sie ihren

kleinen Pelz angezogen hatte. Ich hatte nämlich kurz vorher von einer

alten Händlerin, die mich bisweilen aufsuchte und mir Kredit gewährte,

dieses Mäntelchen für sie erstanden. Folglich mußte sie doch im Begriff

gewesen sein, das Zimmer zu verlassen, als der Anfall sie vor der Tür zu

Boden warf. Wohin aber hatte sie denn gehen wollen? Oder sollte sie auch

da schon im Fieber halb bewußtlos gewesen sein?

Ihre Händchen waren heiß, das Fieber mußte gestiegen sein: sie lag

bewußtlos auf dem Bett und phantasierte hin und wieder. Zweimal bereits

hatte sie in meiner Wohnung einen Anfall bekommen, doch diesmal schien

sie ernstlich erkrankt zu sein. Ich saß wohl über eine halbe Stunde bei

ihr am Bett, dann machte ich mir auf dem Diwan ein Lager zurecht und

legte mich, so wie ich war, in den Kleidern hin, um sogleich aufstehen

zu können, falls sie mich rief. Das Licht ließ ich brennen. Bevor ich

einschlief, blickte ich noch mehrere Male zu ihr hinüber: sie war

beängstigend bleich; auf ihren fieberheißen trockenen Lippen bemerkte

ich Blutspuren; aus ihrem Gesicht schwand aber selbst im Schlaf nicht

der Ausdruck von Angst und einer gewissen qualvollen Sorge. Ich

beschloß, am nächsten Morgen so früh als möglich zum Arzt zu gehn, wenn

sich ihr Zustand nicht vorher noch verschlimmerte. Ich befürchtete, sie

könnte Nervenfieber bekommen.

„Das muß der Fürst gewesen sein, der sie so erschreckt hat!“ sagte ich

mir und mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ich dachte daran, wie

er von jenem Mädchen gesprochen, das ihm ihr Geld ins Gesicht geworfen.

Sämtliche Werke 19 · 第 48 / 59 题