Die Gräfin lebte in einer sehr schönen Wohnung. Die Raume waren alle gut
und geschmackvoll eingerichtet, wenn auch nicht gerade luxuriös. Doch
ungeachtet des zweifellosen Geschmacks, verriet alles, daß es nur für
einen zeitweiligen Aufenthalt zusammengetragen war. Es war das eben nur
eine für kurze Zeit gemietete Wohnung, denn es fehlte hier ganz jener
Prunk einer alteingesessenen Familie, deren Heim stets den Stempel der
Herrschaft trägt und sogar alle jeweiligen Launen der Einwohner
widerspiegelt. Es hieß, daß die Gräfin für den Sommer auf ihr im
Gouvernement Ssimbirsk gelegenes Gut – das über und über verschuldet und
verpfändet war – reisen und der Fürst sie dorthin begleiten würde. Ich
hatte darüber, seit ich es gehört, oft genug mit Sorgen nachgedacht und
mich gefragt: was wird Aljoscha tun, wenn Katjä mit der Gräfin verreist?
Mit Natascha hatte ich noch nicht darüber gesprochen, ich fürchtete mich
davor; doch glaubte ich, aus einigen Anzeichen zu ersehen, daß auch sie,
wie es schien, von diesem Gerücht gehört haben mußte. Sie schwieg
darüber und litt allein.
Die Gräfin empfing mich sehr liebenswürdig, reichte mir mit einem
Lächeln die Hand und bestätigte, was der Fürst mir gesagt hatte: daß sie
mich schon lange bei sich zu sehen gewünscht habe. Sie bereitete selbst
den Tee, während wir uns im Kreise um den schönen silbernen Samowar
setzten, der Fürst, ich und noch irgend ein äußerst vornehm
dreinschauender Herr mit einem Orden auf dem Frack, steifen Bewegungen
und einer viel- oder nichtssagenden Diplomatenmiene – je nachdem. Dieser
Gast wurde offenbar sehr geachtet. Die Gräfin hatte nach ihrer Rückkehr
aus dem Auslande noch keinen größeren gesellschaftlichen Verkehr finden
können, wie sie es sich gewünscht. Außer diesem Gast und mir kam niemand
mehr. Ich suchte mit den Augen Katherina Fedorowna: sie saß mit Aljoscha
im Nebenzimmer, als sie von unserem Erscheinen erfuhr, stand sie
sogleich auf und kam zu uns. Der Fürst küßte ihr liebenswürdig die Hand
und die Gräfin wies lächelnd auf mich. Da stellte mich der Fürst vor.
Ich kann nicht leugnen, daß ich sie mit großer Neugier betrachtete. Sie
trug ein weißes Kleid und war zart und blond, und von nur mittelgroßem
Wuchs. Ihr Gesicht hatte einen stillen, ruhigen Ausdruck, und ihre Augen
waren „vollkommen blau“, wie Aljoscha sich einmal ausgedrückt hatte.
Alles in allem war es nur die Anmut der Jugend, die sie verschönte,
nichts weiter. Ich hatte erwartet, eine vollendete Schönheit zu
erblicken, doch konnte man sie nicht gerade schön nennen. Sie hatte ein
zartes Gesicht, ziemlich regelmäßige Züge, allerdings sehr schönes Haar,
das sie aber ganz schlicht trug, und dazu einen ruhigen, aufmerksamen
Blick. Bei einer Begegnung auf der Straße wäre ich an ihr
vorübergegangen, ohne sie besonders zu beachten, dachte ich; doch das
schien mir nur so im ersten Augenblick, denn noch im Laufe dieses Abends
hatte ich Zeit und Gelegenheit, sie genauer zu betrachten, und da
änderte sich meine Meinung ganz. Allein schon, wie sie mir die Hand
reichte und mit angespanntem Blick mir unverwandt in die Augen schaute,
ohne dabei ein Wort zu sagen, fiel mir als etwas Seltsames auf und ich
lächelte ihr unwillkürlich zu. Wahrscheinlich empfand ich halb unbewußt
die kindliche Reinheit ihres ganzen Wesens. Die Gräfin beobachtete sie
aufmerksam. Katjä wandte sich, nachdem sie mir die Hand gereicht, mit
fast auffallender Plötzlichkeit wieder von mir fort und setzte sich mit
Aljoscha am anderen Ende des Zimmers in eine gemütliche Ecke. Bei der
Begrüßung hatte mir Aljoscha unbemerkt zugeflüstert: „Ich bleibe nur
noch einen Augenblick hier, dann fahre ich wieder hin – zu ihr.“
Der „Diplomat“ – da ich seinen Familiennamen nicht kenne, nenne ich ihn
den „Diplomaten“ – sprach ruhig und erhaben und verfocht irgend eine
seiner Theorien. Die Gräfin hörte ihm aufmerksam zu, der Fürst lächelte
zustimmend und der Redner wandte sich oft an ihn speziell, da er
augenscheinlich glaubte, in ihm einen würdigen Zuhörer zu haben. Mir
wurde Tee gereicht und dann ließ man mich vollkommen in Ruh, womit ich
sehr zufrieden war, denn so konnte ich die Gräfin ungestört beobachten.
Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, warum sie mir im ersten
Augenblick so gefiel, ja, fast sogar gegen meinen Willen gefiel.
Vielleicht war sie nicht mehr jung, doch mir schien es, daß sie nicht
über achtundzwanzig Jahre alt sein könne. Sie hatte noch so frische
Farben und man sah es ihr an, daß sie in der Jugend sehr hübsch gewesen
sein mußte. Ihr dunkelblondes reiches Haar stand ihr sehr gut; ihr
Blick, der etwas unendlich Gutmütiges hatte, verriet aber gleichzeitig
Flatterhaftigkeit, Leichtsinn, Spottlust und Schelmerei. Doch während
der Rede des „Diplomaten“ gab sie sich ersichtlich Mühe, ernst und
aufmerksam zu sein. Übrigens verriet ihr Blick auch Klugheit, aber am
meisten sprachen aus ihm doch Gutmütigkeit und ein heiteres Gemüt. Es
schien mir, daß ihre vorherrschende Eigenschaft ein gewisser Leichtsinn
sei; eine gewisse Vergnügungssucht und ein gewisser gutmütiger Egoismus,
der vielleicht sogar sehr groß war. Jedenfalls aber stand sie, wie ich
auch schon gehört hatte, ganz unter der Vormundschaft des Fürsten, der
gewiß einen großen Einfluß auf sie ausübte. Ich wußte, daß sie ein
Verhältnis hatten, auch hatte ich gehört, daß er während ihres
Aufenthaltes im Auslande ein auffallend wenig eifersüchtiger Liebhaber
gewesen sei; mir aber schien es – und es scheint mir auch jetzt noch so
– daß außer dem früheren Verhältnis sie beide noch etwas anderes
verband, etwas zum Teil Geheimnisvolles, etwas in der Art einer
gemeinsamen oder gegenseitigen Verpflichtung, die vielleicht in einer
gewissen Berechnung beruhte ... Kurz, etwas Ähnliches mußte es
jedenfalls sein. Auch wußte ich, daß sie dem Fürsten im Augenblick sehr
lästig war, trotzdem aber bestand ihr Verhältnis noch fort. Es ist
möglich, daß es gerade ihre Absichten bezüglich Katjä waren, die sie
noch verbanden. Selbstverständlich rührten alle diese Pläne vom Fürsten
her und nur auf Grund derselben hatte er der Gräfin den Gedanken an eine
Heirat – sie soll in der Tat verlangt haben, daß er sie heirate –
auszureden und sie sogar für seinen Plan, Aljoscha mit ihrer
Stieftochter zu verheiraten, zu gewinnen vermocht.[5] Wenigstens glaubte
ich das aus Aljoschas gelegentlichen Erzählungen zu erraten, denn
schließlich war Aljoscha doch nicht völlig blind. Auch schien es mir
nicht zum wenigsten nach dem, was ich von Aljoscha gehört – daß der
Fürst einen bestimmten Grund haben mußte, die Gräfin zu fürchten,
obschon er sie vollkommen beherrschte. Das hatte auch sogar Aljoscha
bemerkt. Nachher erfuhr ich, daß der Fürst die Gräfin sehr gern mit
jemandem verheiratet hätte und sie hauptsächlich deshalb beredet hatte,
auf ihr Gut im Gouvernement Ssimbirsk zu reisen, in der Hoffnung, dort
in der Provinz einen passenden Gatten für sie zu finden.
Ich saß und hörte zu, dachte aber eigentlich nur daran, wie ich es
anstellen sollte, mit Katherina Fedorowna unter vier Augen zu sprechen.
Der „Diplomat“ antwortete ausführlich auf eine Frage der Gräfin nach dem
Stand der projektierten Reformen und ob sie denn auch wünschenswert
seien. Er sprach viel und lange, ruhig und wie ein Mensch, der sich
seiner Macht bewußt ist. Seinen Gedanken entwickelte er sehr klug und
gut, doch war der Gedanke an sich widerlich. Mit besonderem Nachdruck
hob er hervor, daß dieser ganze „Geist der Reformen und Veränderungen“
nur zu bald gewisse unerwünschte Früchte zeitigen werde, daß man dann
angesichts der Früchte – freilich spät genug – wieder zur Vernunft
kommen werde und die Gesellschaft – darunter verstand er wohl nur eine
Kaste – sich nicht nur von den neuen Reformideen abwenden, sondern,
nachdem sie deren Absurdität eingesehen, sich mit doppelter Energie der
Erhaltung des Alten zuwenden werde. Ferner, meinte er, daß das
allerdings traurige Experiment nur Vorteil bringen könne, denn es werde
lehren, wie man dieses allein seligmachende Alte am besten aufrecht
erhalten könne, kurzum, es werde neue Aufschlüsse bringen; folglich aber
sei es sogar wünschenswert, daß man jetzt möglichst bald bis zur größten
Unvorsichtigkeit vorgehe.
„Ohne _uns_ kann nichts bestehen,“ schloß er selbstbewußt, „ohne uns hat
sich bisher noch keine Gesellschaft gehalten. Verlieren können wir
nichts, im Gegenteil, wir können nur gewinnen, deshalb müßte unsere
Devise im gegenwärtigen Augenblick sein: ^pire ça va, mieux ça est^!“
Der Fürst lächelte ihm wie in vollster Übereinstimmung zu, was mich
geradezu ekelhaft berührte, während der Redner vollkommen mit sich
zufrieden war. Ich war so dumm, daß ich ihm scharf widersprechen wollte,
das Blut kochte in mir. Doch ein giftig spöttischer Blick des Fürsten
hielt mich noch rechtzeitig davon ab: Dieser Blick glitt eigentlich nur
ganz flüchtig über mich hinweg, doch mir schien es, daß der Fürst gerade
irgend so einen jugendlich unüberlegten Ausfall meinerseits erwartete;
ja, vielleicht wünschte er ihn geradezu, um sich daran zu ergötzen, wie
ich mich kompromittieren würde. Außerdem war ich fest überzeugt, daß der
„Diplomat“ meine Entgegnung unfehlbar ganz übersehen würde und
vielleicht sogar noch mich dazu. Es ekelte mich geradezu, bei ihnen
sitzen zu müssen. Da erlöste mich Aljoscha.
Er trat ganz leise an meinen Stuhl und berührte mich an der Schulter.
„Nur auf zwei Worte,“ raunte er mir zu.
Ich erriet sofort, daß Katjä ihn geschickt hatte. So war es auch. Nach
wenigen Sekunden saß ich ihr gegenüber. Zuerst betrachtete sie mich nur
sehr aufmerksam, als dächte sie bei sich: „Also so siehst du aus!“ und
im ersten Augenblick fanden wir beide nicht das richtige Wort, um ein
Gespräch anzuknüpfen. Nichtsdestoweniger war ich überzeugt, daß sie nur
anzufangen brauchte, um dann womöglich bis zum Morgen sprechen zu
können. Aljoschas einmal gemachte Bemerkung, daß er sich „_nur_ einige
fünf bis sechs Stunden“ mit ihr habe unterhalten können, kam mir in den
Sinn und ich lächelte im geheimen. Aljoscha saß bei uns und erwartete
mit Ungeduld, wie und wovon wir sprechen würden.
„Weshalb redet ihr denn nicht?“ fragte er schließlich und er sah uns mit
einem Lächeln an. „Da sitzt ihr nun beisammen und schweigt.“
„Ach, Aljoscha, wie du bist! ... Wir werden bald genug sprechen,“ sagte
Katjä. „Wir haben über so vieles zu reden, Iwan Petrowitsch, daß ich gar
nicht weiß, womit ich anfangen soll. Wir sind sehr spät miteinander
bekannt geworden ... aber ich kenne Sie ja schon längst. Und wie gern
ich Sie sehen wollte! Ich dachte sogar daran, einen Brief an Sie zu
schreiben ...“
„Weshalb das?“ fragte ich, unwillkürlich lächelnd.
„Als ob kein Grund vorhanden wäre,“ meinte sie ernst. „Nun, zum
Beispiel, wenn auch nur, um zu erfahren, ob es wahr ist, was er von
Natalja Nikolajewna sagt: daß sie sich nicht gekränkt fühle, wenn er sie
allein läßt. Nun, sagen Sie doch, kann man überhaupt so handeln wie er?
Nun, weshalb sitzt du jetzt hier, sage mir das doch gefälligst?“
„Ach, mein Gott, ich werde doch sofort hinfahren! Ich habe doch schon
gesagt, daß ich nur noch einen Augenblick hier bleiben werde, nur um
noch zu sehen, was ihr beide tut, und dann fahre ich sogleich zu ihr.“
„Ja, was tun wir denn beide? – nun, wir sitzen hier, – hast du es jetzt
gesehen? Und so ist er immer!“ wandte sie sich an mich, mit dem Finger
auf ihn weisend, während sie langsam errötete: „‚Nur einen Augenblick,
nur einen Augenblick,‘ sagte er, und eh man sich verseht ist es wieder
Mitternacht und dann ist es zu spät. ‚Sie wird mir nicht böse sein, sie
ist so gut,‘ sagt er, und das ist alles, was er denkt! Was meinst du,
ist das schön von dir, ist das hübsch?“
„Ja, aber ich werde ja sogleich hinfahren,“ sagte er ganz kläglich, „ich
wollte nur so gern noch etwas bei euch bleiben ...“
„Was hast du denn von uns? Wir aber haben sehr vieles unter vier Augen
zu beraten. Aber höre, du, sei deshalb nicht böse, das ist nämlich etwas
sehr Notwendiges, – du verstehst doch?“
„Wenn es etwas Notwendiges ist, werde ich sogleich ... weshalb sollte
ich da böse sein? Ich will nur noch auf einen Augenblick zu Ljowinka und
dann – schnell zu ihr. Nur eines noch, Iwan Petrowitsch,“ fuhr er
geschäftig fort, indem er sich bereits erhob, „Sie wissen doch, daß mein
Vater auf das Geld, das er im Prozeß von Ichmenjeff gewonnen hat,
formell verzichten will?“
„Ja, ich weiß es. Er hat es mir gesagt.“
„Ist das nicht edel von ihm gehandelt? Was? Katjä will natürlich nicht
glauben, daß es edel von ihm sei. Sprechen Sie mit ihr darüber. Auf
Wiedersehen, Katjä, und, bitte, zweifle nicht daran, daß ich Natascha
liebe. Überhaupt verstehe ich nicht, weshalb ihr mir alle diese
Bedingungen aufladet, mir beständig Vorwürfe macht, mich beobachtet –
ganz als stände ich unter eurer Aufsicht! Sie weiß es, daß ich sie liebe
und sie glaubt an mich, und ich glaube ihr, daß sie an mich glaubt. Ich
liebe sie so wie sie ist, ohne alle Verpflichtungen ... ich weiß nicht,
wie ich sie liebe. Ich liebe sie eben einfach! Und deshalb braucht mich
auch niemand ins Verhör zu nehmen wie einen Schuldigen. So frage doch
Iwan Petrowitsch, – jetzt ist er hier und kann er es dir bestätigen, daß
Natascha eifersüchtig ist, und wenn sie mich auch sehr lieb hat, so
liegt doch in ihrer Liebe viel Egoismus, denn sie will mir doch nichts
opfern.“
„Wie das?“ fragte ich verwundert – ich traute meinen Ohren nicht.
„Was fällt dir ein, Aljoscha!“ fuhr Katjä ganz entsetzt auf.
„Nun, ja; was ist denn dabei so Wunderliches? Iwan Petrowitsch weiß es
ganz gut. Sie verlangt immer, daß ich bei ihr sei. Oder wenn sie es auch
nicht gerade verlangt, so sieht man doch, daß sie es gern haben möchte.“
„Und du schämst dich nicht, du schämst dich nicht!“ rief Katjä ganz rot
vor Empörung aus.
„Weshalb soll ich mich denn schämen? Wie du wieder bist, Katjä! Ich
liebe sie doch mehr als sie glaubt, wenn sie mich aber wirklich liebte,
so wie es sich gehört, so wie ich sie liebe, dann würde sie mir
sicherlich ihr Vergnügen opfern. Es ist ja wahr, sie schickt mich selbst
fort, aber ich sehe es doch an ihrem Gesicht, daß es ihr schwer fällt,
folglich ist es für mich ebenso, als würde sie mich nicht fortlassen.“
„Nein, das stammt nicht von ihm!“ wandte sich Katjä wieder an mich und
ihre Augen blitzten vor Zorn. „Gestehe Aljoscha, gestehe sofort, daß
alles das dein Vater dir gesagt hat? Hat er es dir heute gesagt? Bitte,
versuche mich nicht zu täuschen: ich werde ja doch die Wahrheit
erfahren! Nun, sprich!“
„Ja, er sagte es mir heute,“ gestand Aljoscha ein wenig verwirrt. „Was
ist denn dabei? Er sprach so freundlich mit mir, wirklich, ganz wie zu
seinem Freunde, und von ihr sprach er nur Gutes, wirklich, er lobte sie
sehr, so daß ich mich sogar wunderte: sie hat ihn doch so beleidigt, er
aber lobt sie noch.“
„Und Sie, Sie haben ihm Glauben geschenkt,“ sagte ich, „Sie, dem Natalja
Nikolajewna alles hingegeben hat, alles, was sie nur zu vergeben hatte,
und deren einzige Sorge ist und heute noch war, daß Sie sich bei ihr
vielleicht langweilten, und wie sie es anstellen sollte, daß sie Sie
nicht von einem Besuch bei Katherina Fedorowna abhielt. Das hat sie mir
heute selbst anvertraut. Und plötzlich glauben Sie diesen falschen
Worten! Schämen Sie sich nicht?“
„Du Undankbarer! Aber wie! – er schämt sich ja nie!“ sagte Katjä mit
einer wegwerfenden Handbewegung, als sei er in ihren Augen doch ein
total verlorener Mensch.
„Ja, aber was wollt ihr eigentlich!“ fuhr Aljoscha ganz kläglich fort.
„Und immer bist du so, Katjä! Immer vermutest du in mir nur Schlechtes
... Von Iwan Petrowitsch rede ich schon gar nicht! Sie glauben, daß ich
Natascha nicht liebe. Ich habe doch nicht in diesem Sinne von ihr
gesagt, sie sei eine Egoistin. Ich wollte nur sagen, daß sie mich gar zu
sehr liebt, so daß es schon alle Grenzen übersteigt, das aber wird
sowohl für mich wie für sie bedrückend. Mein Vater aber wird mich nie
betrügen können, selbst wenn er es wollte. Ich bin nicht so dumm. Und er
hat auch das, daß sie eine Egoistin sei, durchaus nicht im schlechten
Sinne gesagt; ich habe ihn sehr gut verstanden. Er sagte genau so, wie
ich es wiederholte: daß sie mich viel zu sehr liebe, mich dermaßen
liebe, daß ihre Liebe einfach zum Egoismus wird und sie dadurch mir und
sich das Leben schwer macht, und in Zukunft wird sie es mir noch
schwerer machen. Nun, das ist doch vollkommen wahr, was er gesagt hat,
und er hat es doch nur aus Liebe zu mir gesagt und damit hat er doch von
Natascha nichts Schlechtes gesagt; er hat, im Gegenteil, nur die Größe
ihrer Liebe hervorgehoben, dieser Liebe ohne jedes Maß, der Liebe bis
zur Unmöglichkeit ...“
Doch Katjä ließ ihn nicht zu Ende reden und unterbrach ihn heftig. Sie
überschüttete ihn mit Vorwürfen und begann ihm zu beweisen, daß sein
Vater nur deshalb Gutes von Natascha gesagt habe, um ihn, Aljoscha,
durch diese scheinbare Güte für sich zu gewinnen und ihn dann heimlich
und unmerklich gegen Natascha aufzuhetzen und sie so einander zu
entfremden. Sie redete sich nach und nach in wahre Leidenschaft hinein
und erklärte ihm erstaunlich richtig, wie Natascha ihn geliebt und wie
keine Liebe das je verzeihen werde, was er ihr jetzt antue, und daß
nicht sie, Natascha, sondern er selbst, Aljoscha, hier der Egoist sei.
Aljoscha wurde sehr traurig und machte ein aufrichtig reumütiges
Gesicht: ganz niedergeschlagen saß er neben uns, blickte zu Boden,
entgegnete kein Wort mehr, und schien, nach seiner Leidensmiene zu
urteilen, sich förmlich vernichtet zu fühlen. Doch Katjä sprach
schonungslos weiter. Ich beobachtete sie mit lebhaftem Interesse, denn
ich wollte diesem seltsamen Mädchen bis auf den Grund ihrer Seele
schauen. Sie war noch ein vollständiges Kind, nur hatte dieses Kind
schon manche selbst gewonnene Überzeugung und von sehr vielen Dingen
ganz richtige Auffassungen. Und all das bei angeborener Liebe zum Guten
und zur Gerechtigkeit. Wenn man sie auch in der Tat noch ein Kind nennen
konnte, so gehörte sie doch zu der Kategorie der „nachdenklichen“
Kinder, deren es in unseren Familien eine ziemliche Menge gibt.
Wenigstens sah man, daß sie viel und auch selbständig gedacht hatte. Wie
sollte es mich da nicht interessieren, in dieses denkende Kindergemüt
hineinzuschauen und zu sehen, wie sich dort die kindlichsten Begriffe
mit vollkommen ernst durchlebten Eindrücken und Lebensbeobachtungen –
Katjä kannte bereits das Leben – und gleichzeitig mit ihr noch ganz
unbekannten Ideen vermischten, mit Ideen und Gedanken, die sie nicht
selbst entwickelt hatte, sondern die ihr, sagen wir: ganz abstrakt
aufgefallen waren. Und solcher gab es in ihr offenbar noch eine ganze
Menge, doch wahrscheinlich hielt sie sie alle für ihre eigenen
Gedankenprodukte. Ich glaube, daß ich sie an diesem Abend und auch im
Laufe unserer späteren Bekanntschaft sehr gut kennen gelernt habe. Sie
hatte einen stolzen Charakter, doch ein empfängliches Herz. Mitunter
hatte es den Anschein, als verachte sie jede Selbstbeherrschung, indem
sie nichts als Wahrheit wollte, und jede Lebensregel nur für
vereinbartes Vorurteil hielt; und offenbar war sie stolz auf diese ihre
Überzeugungen, was bei vielen stolzen Menschen sogar auch in nichts
weniger als in jungen Jahren vorkommen soll. Gerade das aber war es, was
ihr einen ganz besonderen Reiz verlieh. Denken und die Wahrheit
ergründen, damit beschäftigte sie sich viel, doch war sie darin so wenig
pedantisch und außerdem machte sie so viele kindliche Ausfälle, daß man
von vornherein ihre Originalität nett fand und sich vollkommen mit ihr
aussöhnte. Ich dachte an „Ljowinka“ und „Borinka“ und ich fand alles in
der besten Ordnung. Und seltsam: ihr Gesicht, in dem ich auf den ersten
Blick nichts besonders Schönes entdeckt hatte, wurde an diesem Abend –
wenigstens in meinen Augen – mit jeder Minute schöner und anziehender.
Dieses naive Doppelspiel des jungen Kindes und des denkenden Weibes,
dieses kindliche und doch im höchsten Grade aufrichtige Verlangen nach
Wahrheit und Gerechtigkeit, und der felsenfeste Glaube daran, daß sie in
ihren Bestrebungen auf dem richtigen Wege war – alles das belebte ihr
Gesicht mit einem ... ich möchte sagen: reflektierenden Licht, das ihre
ganze aufrichtige Seele sichtbar werden ließ und diesem Gesicht eine
ganz anders geartete, höhere, geistige Schönheit verlieh; und man
begriff, daß die Bedeutung dieser Schönheit, die nicht sofort jedem
gewöhnlichen, gleichgültigen Blick zugänglich war, sich nicht so schnell
ergründen ließ. Und da sagte ich mir, daß Aljoscha bald leidenschaftlich
an ihr hängen würde. Wenn er selbst auch nicht zu denken und zu urteilen
verstand, so liebte er doch gerade diejenigen, die für ihn dachten und
sogar für ihn zu denken wünschten, – Katjä aber hatte ihn schon ganz
unter ihre Vormundschaft gestellt. Sie hatte ein offenes, reines
Kinderherz, das alles Gute und Schöne begierig aufnahm, und bei ihrer
kindlichen Aufrichtigkeit hatte sie ihm natürlich schon ihr ganzes
Innenleben erschlossen. Aljoscha besaß keinen Atom von eigenem Willen,
sie aber besaß einen sehr ausgeprägten, der sich sogar bis zur
Leidenschaft begeistern konnte, und nur an einen solchen Menschen, der
ihn zu beherrschen, ihm sogar zu befehlen verstand, konnte sich dieser
Junge anschließen. Das hatte ihn in mancher Hinsicht auch an Natascha
gefesselt –, doch hatte Katjä in dieser Beziehung viel vor der anderen
voraus: sie war selbst noch ein Kind und – wird es noch lange bleiben,
dachte ich: Diese ihre Kindlichkeit aber bei all ihrem klaren Verstande,
und gleichzeitig ihr Mangel an Urteilskraft – das war es, was sie für
Aljoscha passender machte, weshalb er sich auch immer mehr zu ihr
hingezogen fühlte. Ich bin überzeugt, daß in ihren Gesprächen, wenn sie
unter sich waren, neben Katjäs ernsten Ermahnungen und Zurechtweisungen,
auch von Spielsachen die Rede war. Und deshalb mußte es Aljoscha bei
Katjä, obschon sie ihm augenscheinlich oft den Kopf wusch und ihn
überhaupt sehr im Zaum hielt, doch leichter sein als bei Natascha. Sie
paßten besser zueinander und das war die Hauptsache.
„Gut, Katjä, schon gut, hör auf; es läuft doch immer darauf hinaus, daß
du recht hast und nicht ich. Das kommt daher, daß deine Seele reiner ist
als meine,“ sagte Aljoscha, und er erhob sich, um sich zu verabschieden.
„Ich werde sogleich zu ihr fahren, zu Ljowinka aber werde ich nicht mehr
gehen ...“
„Du hast dort auch nichts zu suchen, bei Ljowinka,“ meinte Katjä, „daß
du aber jetzt gehorchst und zu ihr fährst, das ist sehr lieb von dir.“
„Und du bist mir tausendmal lieber als alle anderen,“ sagte der betrübte
Aljoscha. „Iwan Petrowitsch, ich muß Ihnen noch zwei Worte sagen.“
Wir traten zur Seite.
„Ich habe heute schmählich gehandelt,“ flüsterte er, „es war eine
Gemeinheit von mir, ich habe mich an allen versündigt, am meisten aber
an ihnen, an Natascha und an ihr. Heute machte mich mein Vater nach dem
Essen mit der Alexandrine bekannt – eine Französin, wissen Sie, ein
bezauberndes Weib. Ich ... ließ mich hinreißen und ... nun, was soll man
da reden, ich bin’s einfach nicht mehr wert, bei ihnen zu sein ... Leben
Sie wohl, Iwan Petrowitsch!“ –
„Er ist ein guter, ein ehrlicher Mensch,“ begann Katjä sogleich eilig zu
versichern, kaum daß ich mich wieder zu ihr gesetzt hatte, „doch wir
werden noch viel zu reden haben, das eilt nicht, jetzt aber zuerst eine
Frage: für was halten Sie den Fürsten?“
„Für einen sehr schlechten Menschen.“
„Ich auch. Also stimmen wir darin überein; das wird uns vieles
erleichtern. Jetzt lassen Sie uns zuerst über Natalja Nikolajewna reden
... Wissen Sie, Iwan Petrowitsch, ich saß hier wie im Dunkeln und
erwartete Sie wie das Sonnenlicht. Sie müssen mir das alles erklären,
denn gerade die Hauptsache ist mir völlig unklar, ich tappe da nur so im
Dunkeln herum und habe keine weiteren Anhaltspunkte als das, was
Aljoscha mir gelegentlich erzählt hat. Sonst aber habe ich hier doch
keine Menschenseele, von der ich etwas erfahren könnte. Sagen Sie also,
erstens – das ist das wichtigste – was meinen Sie, werden Aljoscha und
Natascha glücklich miteinander sein oder nicht? Das muß ich ganz zuerst
wissen, um mich endgültig entscheiden zu können, um genau zu wissen, was
ich zu tun habe.“
„Wie kann man so etwas mit Bestimmtheit vorher sagen? ...“
„Ach, nein, so meinte ich es ja gar nicht, das kann natürlich kein
Mensch,“ unterbrach sie mich rasch, „ich will nur wissen, wie es Ihnen
scheint, – denn ich weiß, Sie sind ein sehr kluger Mensch.“
„Mir scheint es, daß sie nicht glücklich sein werden.“
„Weshalb nicht?“
„Sie passen nicht zueinander.“
„Das habe ich mir auch gedacht.“
Und sie faltete ihre Händchen wie in tiefer Trauer.
„Erzählen Sie, bitte, ausführlicher. Hören Sie: ich möchte furchtbar
gern Natascha sehen. Ich muß mich mit ihr aussprechen und ich glaube,
wir werden dann für alles die richtige Lösung finden. Jetzt versuche ich
immer mir in der Phantasie vorzustellen, wie sie ist: sie muß furchtbar
klug sein, ernst, wahrheitsliebend und sehr schön. Nicht?“
„Ja.“
„Das dachte ich mir. Nun, aber wenn sie so ist, wie hat sie sich dann in
Aljoscha, in diesen Knaben, verlieben können? Erklären Sie mir das. Ich
habe darüber schon oft nachgedacht.“
„Das läßt sich nicht erklären, Katherina Fedorowna. Es ist schwer, sich
vorzustellen, wie und weshalb man ihn so lieb gewinnen kann. Ja, er ist
ein vollständiges Kind. Aber wissen Sie denn nicht, wie man ein Kind
bisweilen liebgewinnen kann?“ Mein Herz wurde weich bei ihrer kindlichen
Ehrbarkeit, während der Blick ihrer tiefen, ernsten Augen in
erwartungsvoller Aufmerksamkeit unverwandt auf mir ruhte.
„Und je mehr Natascha selbst nicht einem Kinde gleicht,“ fuhr ich fort,
„je ernster sie selbst ist, um so eher konnte sie ihn liebgewinnen. Er
wird nie lügen, er ist von Herzen aufrichtig und überhaupt ist alles an
ihm herzlich; er ist unglaublich naiv, bisweilen hat aber auch seine
Naivität etwas Liebenswürdiges an sich. Vielleicht hat sie ihn – wie
soll man das ausdrücken? ... aus einem gewissen Mitleid liebgewonnen.
Das pflegt bei großmütigen Menschen mitunter vorzukommen ... Übrigens
fühle ich, daß ich Ihnen nichts erklären kann, dafür aber möchte ich Sie
etwas fragen: Sie lieben ihn doch?“
Ich sprach die Frage ganz ruhig aus, denn ich fühlte, daß ich weder
durch ihre Plötzlichkeit, noch durch sonst etwas die kindliche Reinheit
ihrer Seele trüben konnte.
„Bei Gott, ich weiß es noch nicht,“ antwortete sie leise und ihre klaren
Augen sahen mich dabei so ehrlich an, „aber ich glaube, daß ich ihn sehr
liebe ...“
„Nun, sehen Sie. Und können Sie es erklären, weshalb Sie ihn lieben?“
„Es ist nichts Gelogenes an ihm,“ antwortete sie nach einigem
Nachdenken. „Und wenn er mir so gerade in die Augen sieht und dabei
etwas zu mir spricht, so gefällt mir das sehr ... Hören Sie, Iwan
Petrowitsch, da spreche ich jetzt mit Ihnen davon, und ich bin doch ein
Mädchen und Sie sind ein Mann; ist das nun gut gehandelt oder schlecht?“
„Ja, was sollte denn hierbei schlecht sein?“
„Das ist es ja. Selbstverständlich: was sollte hierbei schlecht sein?
Nun, die dort aber,“ – sie wies mit dem Blick auf die Gruppe am Teetisch
– „würden sicherlich sagen, daß es nicht gut sei. Haben sie recht oder
nicht recht?“
„Nein! Sie fühlen doch in Ihrem Herzen, daß Sie nichts Schlechtes tun,
folglich ...“
„So mache ich es auch immer,“ unterbrach sie mich, – offenbar wollte sie
an diesem Abend noch über vieles mit mir reden. „Sobald ich es einmal
nicht weiß, frage ich gleich mein Herz, und wenn es ruhig ist, dann bin
auch ich ruhig. Und so muß man es auch immer machen. Und mit Ihnen
spreche ich deshalb so aufrichtig, als spräche ich mit mir selbst, weil
Sie erstens ein prächtiger Mensch sind und weil ich Ihre ganze frühere
Geschichte mit Natascha, bevor sie Aljoscha liebgewann, kenne, und ich
habe geweint als ich sie hörte.“
„Wer hat sie Ihnen denn erzählt?“
„Aljoscha natürlich, und er hatte selbst Tränen in den Augen, als er
erzählte. Das war sehr gut von ihm und das hat mir auch sehr gefallen.
Ich glaube, daß er Sie mehr liebt, als Sie ihn, Iwan Petrowitsch. Sehen
Sie, gerade diese Züge sind es, die mir an ihm gefallen. Nun, und dann
zweitens rede ich deshalb so offen mit Ihnen, weil Sie ein sehr kluger
Mensch sind und mir in vielen Dingen raten und mich belehren können.“
„Woher wissen Sie, daß ich so klug bin, daß ich Sie belehren könnte?“
„Ach, nun, wie soll ich das nicht wissen!“
Sie dachte nach.
„Ich habe ja nur so davon zusprechen begonnen; doch reden wir jetzt von
der Hauptsache. Raten Sie mir, Iwan Petrowitsch! Sehen Sie, ich weiß
doch, daß ich jetzt Nataschas Rivalin bin, was soll ich da nun tun?
Deshalb fragte ich Sie auch: werden sie glücklich miteinander sein?
Daran denke ich Tag und Nacht. Nataschas Lage ist so furchtbar, so
furchtbar! Er hat doch schon ganz aufgehört, sie zu lieben und mich
liebt er immer mehr. Nicht?“
„Es scheint so.“
„Und er betrügt sie doch gar nicht. Er weiß es ja selbst nicht, daß er
aufhört, sie zu lieben, sie aber wird es bestimmt wissen. Da kann man
sich denken, wie sie sich quält!“
„Was wollen Sie denn tun, Katherina Fedorowna?“
„Ich habe eine ganze Menge Projekte,“ antwortete sie ernst, „aber ich
komme mit ihnen nicht zurecht. Deshalb habe ich Sie auch so ungeduldig
erwartet, damit Sie mir helfen. Sie kennen das alles viel besser als
ich. Sie sind ja doch jetzt geradezu ein Gott für mich, von dem ich
alles erwarte. Also hören Sie: zuerst dachte ich so: wenn sie sich beide
lieben, so müssen sie glücklich werden, und deshalb muß ich mich opfern
und ihnen helfen. Nicht?“
„Ich weiß, daß Sie imstande wären, es zu tun.“
„Ja, zu Anfang, dann aber, als er öfter zu uns kam und mich immer mehr
zu lieben begann, da wurde ich nachdenklich und jetzt frage ich mich:
soll ich das Opfer bringen oder soll ich nicht? Das ist doch sehr
schlecht von mir, nicht wahr?“
„Das ist schließlich nur natürlich,“ antwortete ich, „anders wäre es
kaum denkbar ... Sie sind jedenfalls nicht schuld daran.“
„Das glaube ich nicht. Sie sagen es nur deshalb, weil Sie sehr gut sind.
Ich denke aber nun, daß mein Herz wohl nicht ganz rein ist. Wenn mein
Herz rein wäre, würde ich wissen, was ich zu tun habe. Doch – lassen wir
das! Später erfuhr ich mehr von ihren Verhältnissen, einiges vom
Fürsten, einiges von Mama, einiges auch von Aljoscha, und ich erriet,
daß sie doch nicht so ganz zueinander passen müssen, und das haben Sie
nun auch bestätigt. Da bin ich jetzt noch unentschlossen. Was nun? Denn
wenn sie beide unglücklich werden würden, so würde es doch auch für sie
nur besser sein, wenn sie sich trennen? Deshalb will ich mir nun von
Ihnen alles ganz genau erzählen lassen und dann – so habe ich
beschlossen – selbst zu Natascha fahren und mit ihr dann alles endgültig
beschließen.“
„Ja, aber wie, das ist die Frage.“
„Ich werde zu ihr einfach sagen: ‚Sie lieben ihn doch mehr als alles auf
der Welt, deshalb müssen Sie auch in erster Linie sein Glück wünschen:
folglich müssen Sie sich von ihm trennen‘.“
„Was meinen Sie, wird es ihr sehr angenehm sein, so etwas zu hören? Und
wenn sie einwilligt – wird sie auch fähig sein, es auszuführen?“
„Das ist es ja gerade, worüber ich Tag und Nacht nachdenke und ... und
...“
Und sie brach in Tränen aus.
„Sie glauben nicht, wie leid mir Natascha tut ...“ murmelte sie mit
zuckenden Lippen.
Was sollte ich sagen? Ich schwieg und hatte selbst nicht übel Lust, wie
sie zu weinen, nur so, einfach aus einem Gefühl heraus, einem Gefühl,
das so wie Liebe war. Welch ein liebes, liebes Kind sie ist! dachte ich.
Natürlich fragte ich sie nicht weiter, weshalb sie denn von sich
glaubte, daß sie Aljoschas Glück ausmachen könne.
„Sie lieben doch Musik?“ fragte sie, als sie sich ein wenig beherrscht
hatte, doch war sie noch ganz nachdenklich gestimmt von den Tränen.
„Ja,“ antwortete ich etwas verwundert.
„Wenn wir Zeit hätten, würde ich Ihnen jetzt das dritte Konzert von
Beethoven vorspielen. Ich spiele es jetzt. Dort sind alle diese Gefühle
... ganz so wie ich sie jetzt empfinde. So scheint es mir wenigstens.
Doch davon nächstens, heute haben wir noch über Wichtigeres zu
sprechen.“
Und es begannen die Beratungen, wie es anzustellen sei, daß sie mit
Natascha zusammenkäme. Sie sagte, daß sie nicht ohne Begleitung das Haus
verlassen dürfe; ihre Stiefmutter sei zwar gut zu ihr und habe sie lieb,
doch werde sie nie und nimmer erlauben, daß sie, Katjä, Natalja
Nikolajewnas Bekanntschaft mache. Daher habe sie sich zu einer List
entschlossen. An manchen Vormittagen mache sie, wenn das Wetter schön
sei, eine Spazierfahrt, doch fahre sie nie allein, sondern stets mit der
Gräfin. Wenn diese aber aus irgend einem Grunde nicht mitfahren könne,
begleite sie die Französin, die im Augenblick krank war. Das käme aber
eigentlich nur dann vor, wenn die Gräfin Migräne habe, folglich mußte
man warten, bis diese Migräne eintrat. Inzwischen aber mußte die
Französin – ein altes Fräulein, das so etwas wie eine Gesellschafterin
war – „gewonnen“ werden, was gewiß nicht schwer fallen könne, denn sie
sei sehr gut. Das Ergebnis war also, daß es ganz unmöglich sei, im
voraus zu bestimmen, wann sie Natascha ihren Besuch machen könne.
„Sie werden Ihren Schritt nicht bereuen,“ sagte ich. „Sie will Sie
selbst sehr gern kennen lernen, und das ist durchaus notwendig, damit
sie wenigstens weiß, wem sie Aljoscha übergibt. Im übrigen aber brauchen
Sie sich das alles gar nicht so zu Herzen zu nehmen. Die Zeit wird auch
ohne Ihre Sorgen alles entscheiden. Sie werden doch aufs Land fahren?“
„Ja, bald, vielleicht schon in einem Monat,“ sagte sie. „Ich weiß, daß
der Fürst darauf besteht.“
„Was meinen Sie, wird Aljoscha mit Ihnen dorthin fahren?“
„Das ist es, woran ich soeben dachte!“ sagte sie und sah mich unverwandt
an. „Er wird doch wohl?“
„Zweifellos.“
„Mein Gott – ich weiß nicht, was daraus noch werden soll! Hören Sie,
Iwan Petrowitsch, ich werde Ihnen alles schreiben, ich werde Ihnen sehr
oft schreiben und sehr viel. Ich bin nun einmal Ihr Plagegeist geworden.
Werden Sie uns oft besuchen?“
„Ich weiß es nicht, Katherina Fedorowna, das hängt von den Umständen ab.
Vielleicht werde ich hier überhaupt nicht wieder erscheinen.“
„Weshalb denn nicht?“
„Das wird eben von verschiedenen Fragen abhängen, doch hauptsächlich –
von meinem Verhältnis zum Fürsten.“
„Er ist ein unehrlicher Mensch,“ sagte sie überzeugt. „Aber wissen Sie,
Iwan Petrowitsch, wie wäre es, wenn ich Sie einmal besuchen würde? Wenn
ich an einem Vormittage meine Spazierfahrt mache? Wäre das gut oder wäre
das nicht gut?“
„Wie finden Sie es?“
„Ich denke, daß es gut wäre. So, ganz einfach ... ich würde Sie eben
einmal besuchen ...“ fügte sie lächelnd hinzu. „Ich sage es ja nur
deshalb, weil ich Sie nicht nur sehr achte, sondern auch sehr liebe ...
Und von Ihnen kann man vieles lernen. Und ich liebe Sie doch ... Aber
ich brauche mich doch nicht deshalb zu schämen, weil ich so mit Ihnen
spreche? ...“
„Weshalb sollten Sie sich schämen? Sie sind mir schon so lieb und wert,
als hätte ich in Ihnen eine Blutsverwandte gefunden.“
„Wollen Sie nicht mein Freund sein?“
„O, von Herzen gern!“ sagte ich.
„Nun, die dort aber würden sagen, daß ich mich schämen müßte und daß ein
junges Mädchen so nicht reden dürfe,“ bemerkte sie wieder mit einem auf
die Gruppe am Teetisch weisenden Blick.
Ich muß hier bemerken, daß der Fürst uns, wie mir schien, absichtlich
allein ließ, um uns die Möglichkeit zu geben, über Natascha und Aljoscha
unter vier Augen nach Herzenslust zu sprechen.
„Ich weiß doch sehr gut, daß der Fürst es nur auf mein Geld abgesehen
hat,“ fuhr sie fort. „Sie halten mich noch für ein vollständiges Kind,
und sagen es mir ja auch ganz offen. Ich aber denke anders. Ich bin kein
Kind mehr ... Seltsame Menschen sind es doch: sie sind ja noch selbst
die richtigen Kinder. Sagen Sie mir nur: weshalb sorgen sie sich so?“
„Katherina Fedorowna, ich vergaß, Sie zu fragen: wer sind dieser
Ljowinka und Borinka, die Aljoscha so oft besucht?“
„Das sind entfernte Verwandte von mir. Es sind sehr kluge und sehr
anständige Jungen, aber sie sprechen so viel, daß es einem denn doch zu
viel wird ... Ich kenne sie ...“
Und sie lächelte vor sich hin.
„Ist es wahr, daß Sie ihnen mit der Zeit eine Million schenken wollen?“
„Nun sehen Sie, zum Beispiel diese Million! Sie haben schon so viel
davon gesprochen, daß es einem einfach unerträglich wird. Ich gebe
natürlich gern zu allem Nützlichen, denn wozu hat man schließlich so
viel Geld, nicht wahr? Aber es wird doch noch einige Zeit dauern, bis
ich es werde tun können, sie aber tun so, als hätten sie bereits über
das Geld zu verfügen, verteilen es, philosophieren, schreien, streiten
über die beste Verwendung, ja sie geraten sich sogar in die Haare
deswegen, so daß ich mich wirklich nur wundern kann. Sie haben es doch
gar zu eilig. Aber dann sind sie doch wieder so nette Jungen, so
herzlich in allem und ... klug sind sie. Sie lernen. Das ist doch
immerhin besser als so, wie andere leben ... Nicht wahr?“
Und vieles sprachen wir noch. Sie erzählte mir fast ihr ganzes Leben und
hörte mit brennendem Interesse zu, wenn ich erzählte. Doch immer wieder
wollte sie noch Näheres von Natascha und Aljoscha hören. Es hatte schon
zwölf geschlagen, als der Fürst zu mir trat und damit das Zeichen zum
Aufbruch gab. Ich verabschiedete mich. Katjä drückte mir fest die Hand
und sah mich mit einem vielsagenden Blick an. Die Gräfin forderte mich
auf, sie auch fernerhin zu besuchen. Ich verließ das Haus zusammen mit
dem Fürsten.
Ich kann hier nicht umhin, eines seltsamen und vielleicht ganz
unpassenden Eindruckes, den ich unter anderem aus dem dreistündigen
Gespräch mit Katjä davontrug, Erwähnung zu tun: es war dies eine für
mich selbst wunderliche, doch um so festere Überzeugung, daß sie noch so
weit Kind war, daß sie das ganze Geheimnis der Beziehungen zwischen Mann
und Weib überhaupt noch nicht kannte. Das verlieh einzelnen ihrer
Äußerungen sowie dem ganzen ernsten Ton, mit dem sie von vielen äußerst
wichtigen Dingen sprach, eine unendliche unfreiwillige Komik.