Ich ging und beeilte mich, schnell nach Hause zu kommen: Masslobojeffs
letzte Bemerkung hatte mich stutzig gemacht. Ich muß sagen, daß mir
darob die seltsamsten Gedanken durch den Kopf fuhren ... Und ich
täuschte mich auch nicht. Zu Hause erwartete mich eine Überraschung, die
mich wie ein elektrischer Schlag erschütterte.
Vor dem Tor des Hauses, in dem ich wohnte, stand eine Straßenlaterne.
Ich war gerade im Begriff, einzutreten, als sich plötzlich vom
Laternenpfosten eine seltsame Gestalt löste und auf mich zustürzte, so
daß ich vor Schreck sogar aufschrie, als ich so plötzlich dieses
zitternde, entsetzte, halb wahnsinnige Wesen erblickte, das sich im
Augenblick wie verzweifelt an meine Arme klammerte.
Es war Nelly.
„Nelly! Was fehlt dir!“ rief ich, „was tust du hier?“
„Dort oben ... sitzt er ... bei uns!“
„Wer? Wer sitzt dort? ... Gehen wir, komm mit mir hinauf.“
„Ich will nicht, ich will nicht! Ich werde warten, bis er fortgegangen
ist ... hier im Flur ... ich will nicht!“
Mit einem seltsamen Vorgefühl stieg ich die Treppen hinauf: ich öffnete
die Tür und erblickte den Fürsten. Er saß am Tisch und las einen Roman.
Wenigstens lag das Buch aufgeschlagen vor ihm.
„Iwan Petrowitsch! Da sind Sie ja!“ rief er erfreut aus. „Es freut mich,
daß Sie endlich zurückgekehrt sind. Ich wollte soeben wieder gehen. Habe
über eine Stunde auf Sie gewartet. Ich mußte heute der Gräfin auf ihre
dringende Bitte versprechen, daß ich nicht ohne Sie bei ihr erscheinen
würde. Sie hat mich so sehr darum gebeten, denn sie will Sie unbedingt
kennen lernen. Und da ich bereits Ihr Versprechen hatte, beschloß ich,
persönlich bei Ihnen vorzusprechen, und zwar etwas früher, um Sie noch
zu Hause anzutreffen und Ihnen die Einladung der Gräfin übermitteln zu
können. Denken Sie sich meine Enttäuschung, als ich hier eintrat und
Ihre Aufwärterin mir nur sagen konnte, daß Sie ausgegangen seien. Was
sollte ich tun! Hatte ich mich doch ehrenwörtlich verpflichtet, nicht
ohne Sie bei der Gräfin zu erscheinen! So setzte ich mich denn, um etwa
eine Viertelstunde auf Sie zu warten. Und nun sehen Sie, was aus der
Viertelstunde geworden ist! Ich schlug Ihren Roman auf und vertiefte
mich in ihn. Iwan Petrowitsch! Das ist ja doch vollendet! Ich kann nur
sagen, daß man Sie dann überhaupt nicht versteht! Sie haben mich ja fast
zu Tränen gerührt, ich weinte geradezu, und das pflegt bei mir nicht oft
zu geschehen ...“
„So wünschen Sie, daß ich mit Ihnen zur Gräfin fahre? Offen gestanden,
ich habe jetzt ... wenn ich auch durchaus nicht abgeneigt bin ...“
„O, um Himmels willen, Sie müssen unbedingt! Bedenken Sie nur, was Sie
mir antun? Ich habe mich doch ehrenwörtlich verpflichtet und hier habe
ich anderthalb Stunden auf Sie gewartet! Zudem muß ich notwendig mit
Ihnen reden, – Sie können sich wohl denken, worüber. Sie sind in alle
diese Verhältnisse bedeutend besser eingeweiht als ich ... Wir könnten
vielleicht etwas Entscheidendes beschließen ... Nein, Sie dürfen die
Aufforderung nicht zurückweisen!“
Ich sagte mir, daß ich doch sowieso einmal würde hinfahren müssen. Zwar
wußte ich, daß Natascha allein war und mich erwartete, aber andererseits
hatte sie mich doch ausdrücklich gebeten, so bald als möglich Katjäs
Bekanntschaft zu machen. Außerdem war es nicht ausgeschlossen, daß ich
Aljoscha dort antraf ... Und da ich wußte, daß Natascha sich nicht eher
beruhigen würde, als bis ich ihr Nachricht von Katjä brachte, entschloß
ich mich, die Aufforderung des Fürsten anzunehmen. Doch mich beunruhigte
noch Nelly.
„Einen Augenblick,“ sagte ich zum Fürsten und trat auf die Treppe
hinaus. Nelly stand nicht weit von meiner Zimmertür in einem dunklen
Winkel des Flurs.
„Warum kommst du nicht ins Zimmer, Nelly? Was hat er dir getan? ... Was
hat er dir denn gesagt?“
„Nichts. – Ich will nicht, ich will nicht ... ich fürchte mich ...“
Ich versuchte sie zu bereden, doch vergeblich. So sagte ich ihr denn,
daß sie, sobald ich mit dem Fürsten aus dem Zimmer trete, schnell durch
die Tür schlüpfen und sie von innen verriegeln sollte.
„Und daß du nicht aufmachst, wenn jemand an die Tür klopft, hörst du,
Nelly? Und wenn man dich auch noch so bittet.“
„Und Sie gehen mit ihm fort?“
„Ja, ich gehe mit ihm fort.“
Sie erzitterte und ergriff meine Hand, als wolle sie mich anflehen,
nicht mit dem Fürsten fortzugehen, doch sagte sie kein Wort. Ich nahm
mir vor, sie am nächsten Tage nach dem Grunde ihres seltsamen Benehmens
zu fragen.
Ich machte darauf beim Fürsten meine Entschuldigung und begann mich
anzukleiden. Er versicherte zwar, daß ich mich zu einem Besuch bei der
Gräfin durchaus nicht umzukleiden brauche, meinte aber schließlich, nach
einem peinlich prüfenden Blick auf mein Äußeres, daß es ja freilich
immer besser sei, gewisse gesellschaftliche Vorurteile nicht ganz außer
acht zu lassen.
„... Denn den Äußerlichkeiten wird in unseren Kreisen oft genug eine
viel zu große Bedeutung beigemessen. Das ist nun leider einmal so,“
schloß er, offenbar angenehm berührt, als er sah, daß ich einen Frack
besaß.
Wir traten hinaus. Auf der Treppe bat ich ihn aber, noch einen
Augenblick zu warten: ich kehrte ins Zimmer zurück, um mich nochmals von
Nelly, die inzwischen schon hineingeschlüpft war, zu verabschieden. Sie
zitterte vor Aufregung und ihr Gesicht war bläulich weiß, sodaß ich
förmlich erschrak; es fiel mir schwer, sie so allein zurückzulassen.
„Eine sonderbare Aufwärterin haben Sie, das muß ich sagen,“ wandte sich
der Fürst auf der Treppe an mich, während wir hinabstiegen. „Dieses
kleine Mädchen ist doch Ihre Aufwärterin?“
„Nein ... sie ist nur so ... sie lebt vorläufig bei mir.“
„Ja, sie ist sehr sonderbar. Ich glaube sogar, daß sie geistig nicht
ganz normal ist. Stellen Sie sich vor: nachdem sie mir zuerst ganz
bescheiden auf meine Fragen geantwortet, schreit sie plötzlich, wie sie
mich genauer ansieht, laut auf, erzittert am ganzen Körper, krallt sich
an meinen Überzieher, will etwas sagen – kann aber vor Erregung keinen
Laut hervorbringen. Ich muß gestehen, daß mir sogar angst und bange
wurde und ich mich bereits in Sicherheit bringen wollte, doch zum Glück
lief sie selbst von mir fort. Ich war nicht wenig verwundert. Wie haben
Sie sich nur mit ihr einleben können?“
„Sie hat epileptische Anfälle,“ sagte ich.
„Ah, also das ist es! Nun, dann wundert es mich weiter nicht ... wenn
sie überhaupt unnormal ist ...“
Da kam mir auf einmal der Gedanke, daß Masslobojeffs letzter Besuch bei
mir während meiner Abwesenheit (obschon er genau gewußt hatte, daß ich
nicht zu Hause sein konnte!), daß mein Besuch bei Masslobojeff vor
wenigen Stunden, daß Masslobojeffs trunkene und trotz der Betrunkenheit
ungern erzählte Geschichten, ferner seine Aufforderung, heute um sieben
Uhr bei ihm zu sein, sowie die Ratschläge, ihn nicht für einen Schuft zu
halten, und endlich dieser Besuch des Fürsten, der vielleicht darüber
unterrichtet war, daß ich mich bei Masslobojeff befand – kurz: daß alle
diese seltsamen Geschehnisse irgendwie miteinander in Zusammenhang
standen. Was war da natürlicher, als daß ich nachdenklich wurde?
Vor der Haustür erwartete uns das Gefährt des Fürsten.