VII.

Ich ging und beeilte mich, schnell nach Hause zu kommen: Masslobojeffs

letzte Bemerkung hatte mich stutzig gemacht. Ich muß sagen, daß mir

darob die seltsamsten Gedanken durch den Kopf fuhren ... Und ich

täuschte mich auch nicht. Zu Hause erwartete mich eine Überraschung, die

mich wie ein elektrischer Schlag erschütterte.

Vor dem Tor des Hauses, in dem ich wohnte, stand eine Straßenlaterne.

Ich war gerade im Begriff, einzutreten, als sich plötzlich vom

Laternenpfosten eine seltsame Gestalt löste und auf mich zustürzte, so

daß ich vor Schreck sogar aufschrie, als ich so plötzlich dieses

zitternde, entsetzte, halb wahnsinnige Wesen erblickte, das sich im

Augenblick wie verzweifelt an meine Arme klammerte.

Es war Nelly.

„Nelly! Was fehlt dir!“ rief ich, „was tust du hier?“

„Dort oben ... sitzt er ... bei uns!“

„Wer? Wer sitzt dort? ... Gehen wir, komm mit mir hinauf.“

„Ich will nicht, ich will nicht! Ich werde warten, bis er fortgegangen

ist ... hier im Flur ... ich will nicht!“

Mit einem seltsamen Vorgefühl stieg ich die Treppen hinauf: ich öffnete

die Tür und erblickte den Fürsten. Er saß am Tisch und las einen Roman.

Wenigstens lag das Buch aufgeschlagen vor ihm.

„Iwan Petrowitsch! Da sind Sie ja!“ rief er erfreut aus. „Es freut mich,

daß Sie endlich zurückgekehrt sind. Ich wollte soeben wieder gehen. Habe

über eine Stunde auf Sie gewartet. Ich mußte heute der Gräfin auf ihre

dringende Bitte versprechen, daß ich nicht ohne Sie bei ihr erscheinen

würde. Sie hat mich so sehr darum gebeten, denn sie will Sie unbedingt

kennen lernen. Und da ich bereits Ihr Versprechen hatte, beschloß ich,

persönlich bei Ihnen vorzusprechen, und zwar etwas früher, um Sie noch

zu Hause anzutreffen und Ihnen die Einladung der Gräfin übermitteln zu

können. Denken Sie sich meine Enttäuschung, als ich hier eintrat und

Ihre Aufwärterin mir nur sagen konnte, daß Sie ausgegangen seien. Was

sollte ich tun! Hatte ich mich doch ehrenwörtlich verpflichtet, nicht

ohne Sie bei der Gräfin zu erscheinen! So setzte ich mich denn, um etwa

eine Viertelstunde auf Sie zu warten. Und nun sehen Sie, was aus der

Viertelstunde geworden ist! Ich schlug Ihren Roman auf und vertiefte

mich in ihn. Iwan Petrowitsch! Das ist ja doch vollendet! Ich kann nur

sagen, daß man Sie dann überhaupt nicht versteht! Sie haben mich ja fast

zu Tränen gerührt, ich weinte geradezu, und das pflegt bei mir nicht oft

zu geschehen ...“

„So wünschen Sie, daß ich mit Ihnen zur Gräfin fahre? Offen gestanden,

ich habe jetzt ... wenn ich auch durchaus nicht abgeneigt bin ...“

„O, um Himmels willen, Sie müssen unbedingt! Bedenken Sie nur, was Sie

mir antun? Ich habe mich doch ehrenwörtlich verpflichtet und hier habe

ich anderthalb Stunden auf Sie gewartet! Zudem muß ich notwendig mit

Ihnen reden, – Sie können sich wohl denken, worüber. Sie sind in alle

diese Verhältnisse bedeutend besser eingeweiht als ich ... Wir könnten

vielleicht etwas Entscheidendes beschließen ... Nein, Sie dürfen die

Aufforderung nicht zurückweisen!“

Ich sagte mir, daß ich doch sowieso einmal würde hinfahren müssen. Zwar

wußte ich, daß Natascha allein war und mich erwartete, aber andererseits

hatte sie mich doch ausdrücklich gebeten, so bald als möglich Katjäs

Bekanntschaft zu machen. Außerdem war es nicht ausgeschlossen, daß ich

Aljoscha dort antraf ... Und da ich wußte, daß Natascha sich nicht eher

beruhigen würde, als bis ich ihr Nachricht von Katjä brachte, entschloß

ich mich, die Aufforderung des Fürsten anzunehmen. Doch mich beunruhigte

noch Nelly.

„Einen Augenblick,“ sagte ich zum Fürsten und trat auf die Treppe

hinaus. Nelly stand nicht weit von meiner Zimmertür in einem dunklen

Winkel des Flurs.

„Warum kommst du nicht ins Zimmer, Nelly? Was hat er dir getan? ... Was

hat er dir denn gesagt?“

„Nichts. – Ich will nicht, ich will nicht ... ich fürchte mich ...“

Ich versuchte sie zu bereden, doch vergeblich. So sagte ich ihr denn,

daß sie, sobald ich mit dem Fürsten aus dem Zimmer trete, schnell durch

die Tür schlüpfen und sie von innen verriegeln sollte.

„Und daß du nicht aufmachst, wenn jemand an die Tür klopft, hörst du,

Nelly? Und wenn man dich auch noch so bittet.“

„Und Sie gehen mit ihm fort?“

„Ja, ich gehe mit ihm fort.“

Sie erzitterte und ergriff meine Hand, als wolle sie mich anflehen,

nicht mit dem Fürsten fortzugehen, doch sagte sie kein Wort. Ich nahm

mir vor, sie am nächsten Tage nach dem Grunde ihres seltsamen Benehmens

zu fragen.

Ich machte darauf beim Fürsten meine Entschuldigung und begann mich

anzukleiden. Er versicherte zwar, daß ich mich zu einem Besuch bei der

Gräfin durchaus nicht umzukleiden brauche, meinte aber schließlich, nach

einem peinlich prüfenden Blick auf mein Äußeres, daß es ja freilich

immer besser sei, gewisse gesellschaftliche Vorurteile nicht ganz außer

acht zu lassen.

„... Denn den Äußerlichkeiten wird in unseren Kreisen oft genug eine

viel zu große Bedeutung beigemessen. Das ist nun leider einmal so,“

schloß er, offenbar angenehm berührt, als er sah, daß ich einen Frack

besaß.

Wir traten hinaus. Auf der Treppe bat ich ihn aber, noch einen

Augenblick zu warten: ich kehrte ins Zimmer zurück, um mich nochmals von

Nelly, die inzwischen schon hineingeschlüpft war, zu verabschieden. Sie

zitterte vor Aufregung und ihr Gesicht war bläulich weiß, sodaß ich

förmlich erschrak; es fiel mir schwer, sie so allein zurückzulassen.

„Eine sonderbare Aufwärterin haben Sie, das muß ich sagen,“ wandte sich

der Fürst auf der Treppe an mich, während wir hinabstiegen. „Dieses

kleine Mädchen ist doch Ihre Aufwärterin?“

„Nein ... sie ist nur so ... sie lebt vorläufig bei mir.“

„Ja, sie ist sehr sonderbar. Ich glaube sogar, daß sie geistig nicht

ganz normal ist. Stellen Sie sich vor: nachdem sie mir zuerst ganz

bescheiden auf meine Fragen geantwortet, schreit sie plötzlich, wie sie

mich genauer ansieht, laut auf, erzittert am ganzen Körper, krallt sich

an meinen Überzieher, will etwas sagen – kann aber vor Erregung keinen

Laut hervorbringen. Ich muß gestehen, daß mir sogar angst und bange

wurde und ich mich bereits in Sicherheit bringen wollte, doch zum Glück

lief sie selbst von mir fort. Ich war nicht wenig verwundert. Wie haben

Sie sich nur mit ihr einleben können?“

„Sie hat epileptische Anfälle,“ sagte ich.

„Ah, also das ist es! Nun, dann wundert es mich weiter nicht ... wenn

sie überhaupt unnormal ist ...“

Da kam mir auf einmal der Gedanke, daß Masslobojeffs letzter Besuch bei

mir während meiner Abwesenheit (obschon er genau gewußt hatte, daß ich

nicht zu Hause sein konnte!), daß mein Besuch bei Masslobojeff vor

wenigen Stunden, daß Masslobojeffs trunkene und trotz der Betrunkenheit

ungern erzählte Geschichten, ferner seine Aufforderung, heute um sieben

Uhr bei ihm zu sein, sowie die Ratschläge, ihn nicht für einen Schuft zu

halten, und endlich dieser Besuch des Fürsten, der vielleicht darüber

unterrichtet war, daß ich mich bei Masslobojeff befand – kurz: daß alle

diese seltsamen Geschehnisse irgendwie miteinander in Zusammenhang

standen. Was war da natürlicher, als daß ich nachdenklich wurde?

Vor der Haustür erwartete uns das Gefährt des Fürsten.

Sämtliche Werke 19 · 第 43 / 59 题