WILHELM BERNHARDT.

Washington, D.C.,

_February, 1899._

=Eingeschneit=

Es war in den Jahren, da einen[1-1] weder die Wissenschaft noch der

Geldbeutel durch ihre Schwere drücken, als sich etliche Studenten von

Erlangen[1-2] aufmachten, um die Welt zu besehen, ob sie auch wirklich

so rund sei,[1-3] wie der Herr[1-4] Professor sagte. Es[1-5] waren

ihrer[1-6] drei, die dies Experiment machen wollten. So[1-7]

verschieden sie auch sonst waren, in einem[1-8] waren sie eins: sie

waren drei wackere Musikanten. Der eine sang einen hohen Tenor und

brauchte keine Feuerleiter, um zum hohen {{C}} hinaufzuklettern; der

zweite hatte eine schöne melodische Mittelstimme, und des Basses

Grundgewalt[1-9] war dem dritten verliehen. In hübschem

»wassergeprüften«[1-10] Sacke verpackt war das Notenbuch eines jeden

umgehängt, um gleich losschießen zu können. Zwei hatten einen

ehrlichen Ranzen, der dritte aber hatte von einer »Nichte«[1-11] eine

Reisetasche, mit Blumenbouquetten verziert, erhalten und trug sie

derselben zu Ehren. Die Finanzmittel waren sehr mäßig und auf kein

»{{Hotel du Lac}}«[1-12] oder desgleichen, wohl aber auf die niedere

Tierwelt berechnet, auf »Bär« und »Ochsen,« »Hirsch« und »Schwan« und

im Notfall auch auf Heuschober und Tannenbäume. Aber die klingenden

Stimmen und die klingende und singende Brust waren mehr wert als die

klingenden Münzen. »Hat[2-1] man nichts[2-2] mehr, dann sieht man auch

nichts mehr, so[2-3] wird rechts abgeschwenkt und umgekehrt,« das war

die Reiseparole. So die drei.

* * * * *

Derweilen sie ausziehen und mit feinem Instinkt die Gassen vermeiden,

in welchen es noch etwas zu zahlen[2-4] gab, ging zu London in

Regentstreet Nr.[2-5] 86 ein großer hagerer Herr, dem man den

Engländer auf tausend Schritt ansah, in seiner Stube auf und ab. Auf

dem Tische lagen der rote Bädeker,[2-6] der auf englisch »{{Murray}}«

heißt, und Landkarten. Er hatte offenbar Reisegedanken. Und niemand

hinderte ihn daran,[2-7] weder sein Weib noch sein Geld. Denn das

erste besaß er nicht, desto mehr aber vom zweiten. Ob ihn am Fuß das

Zipperlein plagte oder im oberen Stockwerke der Spleen, oder ob er um

diese Zeit überhaupt gewohnt war, sich in London unsichtbar zu machen,

das weiß der Verfasser nicht zu sagen.--Er öffnete das Fenster und

schaute hinaus auf die wogende Straße, auf der sich in der lauen

Sommernacht die Leute herumtrieben, klopfte an sein Barometer[2-8] und

sah nach, wie viel Uhr[2-9] es darauf geschlagen,[2-10] und klingelte

zuletzt. Ein alter rotköpfiger Bedienter in herrschaftlichem Kleide

kam herein. »James, wir reisen[2-11] morgen um 10 Uhr. Du wirst[2-12]

die Koffer packen und nichts vergessen. Den Thee habe ich hier, die

Maschine ist dort. Sorge für alles, alter Junge, und für Dich

selbst. Du weckst mich früh um 6,« so befahl in weichem Tone der Herr

dem Rotkopf.--

»Gehen wir weit?« fragte dieser den Herrn, »und auf[3-1] wie lange

ungefähr?«

»Nun, James, ein paar Wochen werden uns gut thun. _Wohin_, das weiß

ich selbst noch nicht, wir gehen zuerst nach dem Kontinent, und das

andere findet[3-2] sich.«

»Immer noch der alte,«[3-3] murmelte der Rotkopf, als er draußen

war,--»man weiß nie, wohin es[3-4] geht.«

Am nächsten Morgen fuhren die beiden nach London Bridgestation und

sausten mit dem Zuge nach Dover.[3-5]

* * * * *

Derweilen aber stieg im lieben, deutschen Vaterlande ein Pärchen in

die bekränzte Hochzeitskutsche. Sie kamen vom Hochzeitsaltar und

Hochzeitsessen und hatten sich in der Stille davongemacht. Nur die

Mutter der Braut war mitgegangen und hatte dem Töchterlein das graue

Reisekleid angelegt und es[3-6] mit Thränen gesegnet. Es ist ja

freilich nur _ein_ Schritt aus dem Elternhause in die

Hochzeitskutsche, aber es ist eben nicht ein Schritt wie ein anderer.

Darum schaute ihr die Mutter noch lange nach, bis der Wagen um die

Waldecke bog und ihren[3-7] Blicken entschwand. Die zwei freuten

sich, daß sie endlich ohne Onkel und Tanten waren und fuhren fröhlich

in die Welt hinein zur Eisenbahnstation.

»Nun geht's[3-8] in die weite, weite Welt hinein, liebes Kind,« sagte

der junge Mann, »da wirst du, Sandhase,[3-9] deine blauen Wunder

sehen.«

»Ach, bei uns ist's auch schön,« meinte das junge Frauchen, »aber mit

dir fahre ich schon[4-1] in die weite Welt hinein. Es ist mir zwar

ein wenig gruselig dabei zu Mut[4-2] vor den vielen Menschen, was man

da reden soll.«

»Sag' du ihnen nur,[4-3] daß du mich lieb hast, und daß es[4-4] keinen

bessern Mann auf der Welt giebt als mich,« meinte bescheiden[4-5] der

junge Eheherr, »dann hast du gewiß nichts dummes gesagt.«

* * * * *

So fuhren die zwei von dannen und wußten nicht, daß der

Landgerichtsassessor Robert Berneck aus Buchau[4-6] im bayrischen Wald

sich bereits Jahre lang[4-7] auf eine Reise gefreut hatte. Endlich

hatte er Urlaub erhalten. Ein stiller Mondschein[4-8] lagerte sich

schon über das Haupt des Mannes, wiewohl er erst in dem Anfang der

Vierzig stand. Das Amtsleben hatte ihm das ganze bayrische[4-9]

Wappen, den Löwen mitsamt den blauweißen Weckschnitten derart

ins[4-10] Gesicht gestempelt, daß kaum noch eine Spur des eigentlichen

Menschen zu sehen war, der in früheren Jahren nicht so ganz übel[4-11]

gewesen sein mochte.--Er hatte lange zu thun, bis er seine

Siebensachen bei einander hatte. Nachgerade hatte er sich an so viele

Bedürfnisse gewöhnt, und vorsorglich für alle Zukunft wanderte[4-12]

in das Ränzlein, das er noch aus alten Tagen besaß, eine ganze

Haushaltung nebst einer Apotheke. Utensilien, wie Salben für frisch

gelaufene Blasen an den Füßen, Opodeldoc[4-13] für mögliche

Verletzungen, Kamillenthee für Leibschneiden, Storchenfett für

Entzündungen waren nicht vergessen. Eine neue graue Joppe mit grünem

Aufschlag, ein spitziger Tyrolerhut mit Gemsbart,[5-1] alles

elegant[5-2] hergestellt nach seiner Angabe, vollendeten den

Anzug. Bergschuhe, mit dicken Nägeln beschlagen, wurden angezogen, und

der Alpenstock, den er von einem Freund geerbt hatte, stand auch

bereit. Als seine Lena, die niederbayrische Haushälterin, hereintrat

und ihren Herrn so sah, schlug sie die Hände zusammen und meinte im

stillen, ihr Herr sei[5-3] wohl nicht ganz bei Trost.[5-4] Denn bisher

hatte sie ihn nur in seinem ehrbaren Landassessorrock und in der Mütze

mit der Krone[5-5] und dem »L« darunter gesehen und hatte jedesmal vor

ihm einen Knix gemacht, als ob er die »Hochwürden« des Orts wäre,[5-6]

jetzt aber war er ihr[5-7] ganz in die Abteilung »Mensch«[5-8]

heruntergesunken.

»Nun, Lena, gefall' ich dir nicht so?« meinte der

Landgerichtsassessor. »Ja,« sagte sie, »jung schaun's schon völlig

aus, aber halt a bissel verputzelt und kennen thut's Ihna koan Mensch

hier in der Gegend.«

»Das will ich gerade, Lena. Ich will Mensch sein, ganzer, voller

Mensch, und hingehen, wo mich niemand kennt und ahnt, daß ich ein

Beamter bin.«

»A Mensch will er sein,« murmelte die Lena vor[5-9] sich, »sonst hat

er als[5-10] gesagt, daß er a Aktenvieh sei.«

»Morgen geht's[5-11] fort, Lena, hier sind die Schlüssel, und wecken

thust mich auch, denn ich muß fort,[5-12] eh' mich einer von den

Herren hier sieht.«

»Da haben's völlig recht,« meinte die Lena, »denn koan Mensch thät's

Ihna für unsern gnädigen[6-1] Herrn halten.«

Des Morgens früh blies der himmelblaue[6-2] Postillon hinaus in die

frische Morgenluft. Der Postexpeditor schmunzelte, als er den

Landgerichtsassessor so »verputzelt« sah und wünschte »allerseits[6-3]

eine glückliche Reise.« Nach fünf Stunden saß die graue Joppe im

Eisenbahncoupé und that völlig fremd den Reisenden gegenüber.

* * * * *

Und wieder saßen derweilen im Zuge von Stuttgart[6-4] her eine trotz

ihrer Dreißig noch jugendlich aussehende Dame mit drei

gleichgekleideten jungen Mädchen von fünfzehn bis siebzehn

Jahren. Wer[6-5] sich einigermaßen auf Menschen zu verstehen glaubte,

dem schien es ganz klar: »Institutsvorsteherin nebst drei

Pflegebefohlenen.« Die letzteren mußten wohl von denen[6-6] sein, die

zur geringen Freude der ersteren auch die großen Ferien dableiben,

weil ihre Eltern selbst verreist sind. Anna, Lina und Elsa hießen die

drei Mädchen, die immer lachten, wenn[6-7] sie der Blick ihrer Hüterin

nicht traf. Denn alles kam ihnen lächerlich vor. Jugendlust und

Freude, Unschuld und Kindlichkeit schauten aus den[6-8] Augen, sie

schienen so froh, dem[6-9] Schulszepter entronnen zu sein, und

wären,[6-10] wenn man sie aufs Gewissen gefragt hätte, am liebsten

allein gereist. Und doch schaute die Dame nicht grämlich drein; nur

dann, wenn[6-11] das Lachen zu toll wurde, oder wenn eine aus der

wohlgefüllten Reisetasche einen allzugroßen Brocken hinunterwürgen

wollte, sah sie mahnend auf. Wenn sie aber still einmal schlief, da

zuckte es[7-1] über die schönen Züge wie Sonnenschein, als dächte[7-2]

sie ihrer eigenen schönen Jugendtage.

* * * * *

So verschieden diese sämtlichen Reisenden auszogen, keiner dachte, daß

sie sich alle an _einem_[7-8] Orte unter _einem_ Dache finden würden,

und doch geschah es so. Alle hatten dasselbe Ziel gewählt: das

Salzkammergut.[7-4] Die einen wollten von da über die Tauern[7-5]

hinuntersteigen nach Kärnthen[7-6] und von da hinab nach Italien--die

andern kamen schon daher und wollten den Weg durchs Salzkammergut

zurück.[7-7]

Die Studenten waren im Stellwagen, der von Werfen[7-8] nach Lend

fährt, bereits mit der »Institutsvorsteherin« bekannt geworden, die

mit ihren Pflegebefohlenen vorn im Coupé saß. Aber freilich nicht

so,[7-9] daß sie einander gesehen hätten. Das[7-10] geschah aber so:

Auf der Fahrt flatterte ein blauer Schleier aus dem Coupé lustig

heraus am Wagen hin, worin hinten die Studios saßen. Da dachte der

eine:[7-11] »Wer mag wohl[7-12] hinter dem blauen Schleier sein?« Er

träumte sich in den Gedanken hinein und zuletzt ward[7-13] der

Schleier bei seiner Flatterhaftigkeit[7-14] festgehalten und mittelst

einer Stecknadel ihm ein beschriebener Zettel angesteckt. Der Vers war

von den dreien in Kompagnie geschmiedet und lautete:

Blauer Schleier--blauer Himmel!

Blaue Augen--blauer See!

Mir[8-1] wird wohl im Weltgetümmel,

Wenn ich nur was[8-2] blaues seh'!

Blaue Augen! meine Wahl--

Seid gegrüßt viel' tausendmal!

Er flatterte hinüber und ward dort angehalten. Man hörte von drüben

nichts als ein Kichern und Lachen, und bald darauf flatterte der

Schleier wieder hinaus in die Luft. Ein neuer Zettel war

angesteckt. Und darauf stand:

Fehlgetroffen![8-3] Nichts von Bläue,

Weder Aug' noch sonst etwas!

Unter'm Hut ein altes Fräulein!

Sagt, Ihr[8-4] Herr'n, gefiel[8-5] Euch das?

Wieder ward der Schleier von den dreien gefangen, der Zettel

abgenommen und bald flatterte wieder ein neuer Vers hinüber:

Auch ein altes, graues Fräulein

Ist uns lieb und ehrenwert--

Ist[8-6] nur unter'm blauen Schleier

Ihr ein junges Herz beschert!--

Noch zweimal ging der Schleier hin und her; den[8-7] Studenten ging

aber allmählich die Poesie aus, und sie zogen die Liederbücher hervor

und fingen an zu singen. Im ganzen Stellwagen ward's still, als die

frischen Studentenlieder[8-8] so hinaus in die Luft schmetterten.

Als man in Lend ausstieg, wo sich der Weg teilt nach der Gastein[9-1]

durch die finstere Klamm, und nach Zell[9-2] am See dem Pinzgau[9-3]

zu--trafen die Studenten mit ihren Korrespondentinnen zusammen. Der

zweite Tenor schritt auf die »Vorsteherin« zu[9-4] und entschuldigte

sich in wohlgesetzten Ausdrücken über[9-5] die Freiheit, die sie sich

erlaubt. »Sie haben sich nicht zu entschuldigen, Sie haben uns durch

Ihre Verse und Ihren Gesang die Fahrt verschönert. Hier in der

herrlichen Natur ist auch dem Menschen mehr gestattet als in den

dumpfen Städten,« antwortete das Fräulein. Die drei jungen Mädchen

kicherten sich[9-6] wieder an, als sie die flotten Poeten sahen und

gaben verlegen Antwort auf ihre Fragen. Nach einer Stunde trennte man

sich.[9-7] Die Studenten zogen dem Pinzgau zu, das Fräulein mit ihrem

Anhang hinauf nach Gastein. Man wünschte sich[9-8] allerseits eine

glückliche Reise. Die Studenten sangen am Postwagen noch eins[9-9] von

den blauen Augen:

Meiner Liebsten blaue Augen

Sind dem schönsten Azur gleich,

Und ein Blick in diese Augen

Ist ein Blick ins Himmelreich ...

Die blauen Schleier nickten dankend und fuhren hinauf den steilen

Weg.--

* * * * *

Auf dem Pasterzengletscher,[9-10] der sich hinter dem

Fuscherthal[9-11] hinaufdehnt, schritt eine hagere Gestalt in

verwittertem[9-12] Lodenkittel, grünen, hohen Strümpfen und spitzem

Hut einem etwas behäbigen Herrn voran, der öfters stehen blieb und

sich[10-1] den Schweiß von der Stirn wischte. So sicher der Alte trotz

des schweren Ranzens und dicken Plaids einherstieg, immer schweigend

und ruhig voran, so keuchend kam der zweite hinterher. Das

Alpensteigen schien ihm ein ungewohntes Geschäft und Vergnügen zu

sein, und er machte ein so verzweifeltes Gesicht, als wollte[10-2] er

zu sich selber sagen: »Das war wieder einmal ein mordsdummer Streich

von dir, daß du dich hast da hinauf locken lassen,[10-3] du

hättest[10-4] auch die Berge von unten ansehen können.« Aber jetzt

war[10-5] nichts mehr zu machen, zurück war der Weg noch mühsamer als

hinauf, darum vorwärts über den Schnee und die Eisschrunden!

»Geben's fein Obacht, daß[10-6] nit fall'n und nit z' lang stehen

bleiben! Dös thut koan gut,« mahnte der alte Führer.

»Ja, Ihr[10-7] habt gut reden,« keuchte der Hintermann. »Ihr seid die

Sach' gewohnt, aber unsereins,[10-8] was alleweil in der Stuben sitzt,

brächt's[10-9] halt nit fertig.«

Der geneigte Leser merkt, wen er vor sich hat. Es ist unser

Landgerichtsassessor, der so keucht und spricht. Hundertmal hat er

schon den Pasterzengletscher und alle anderen Gletscher in der Welt

verwünscht und an seine Lena gedacht, die es jetzt so gut habe,[10-10]

weil ihr Herr fort sei, und er hatte sich doch[10-11] so auf die

Sommerfrische gefreut und sich einmal recht »auslaufen« wollen. Jetzt

that ihm jeder Knochen weh, und nur eins tröstete ihn: eine Rast im

Tauernhause,[10-12] die ihm in baldige Aussicht gestellt wurde.

Sie[11-1] sollte ihm eher, als er dachte, zu teil werden.

Der alte Führer stand nämlich plötzlich still, schaute nach allen

Seiten hin und witterte wie ein Gemsbock in die Luft hinaus. Er

beobachtete genau den Zug der Wolken, den Schnee unter den Füßen und

die einzelnen Bergspitzen. Der Landgerichtsassessor spitzte auch die

Ohren so hoch wie sein spitziger Tyrolerhut, aber er merkte trotz

allen Spitzens[11-2] nichts. Endlich brach der Alte das Schweigen und

sagte: »Gnädiger[11-3] Herr! Können's Ihnen nit a bissel anstrengen?

Es ist so a Schneetreiben im Anzug und gut wär's schon, wenn m'r

unterkimmet!« Das fuhr dem Assessor in die Glieder, denn er hatte in

Geschichten schauriges vom Schneetreiben gelesen. »'s ist doch[11-4]

nicht gefährlich?« sagte er halblaut.

»Ha, g'fährlich is[11-5] rechtschaffen schon, wenn wir noch auf'm Eis

sind. Aber so schnell kommt's grad nit.«

Der Assessor vergaß seine Blasen und seine nassen Füße und trieb zur

Eile. Der Alte verbiß sich das Lachen über seinen Trabanten. Sie

stiegen rüstig zu. Ringsumher ward es immer finsterer, die Bergspitzen

gingen in leichtes Grau über, und dem Assessor jagten schon einzelne

spitzige, eisharte Körner ins Gesicht. »Das ist der Anfang vom

Schneetreiben,« sagte er vor sich hin,[11-6] und vor seinem Geiste

stand die behagliche Amtsstube in Buchau, wo im Winter der Buchklotz

knallte und der Amtsdiener fragte: »'s wird[11-7] dem Herrn Assessor

doch nicht zu kalt sein?«--Nach stundenlangem Marsche, auf welchem

jeder so seine eigenen Gedanken hatte, während der Schnee immer

dichter fiel, zeigte sich in der Ferne ein Haus.

»Dös ist das Tauernhaus, gnädiger Herr, do können's Ihna ausruhen.«

»Wie weit ist's noch bis hin?«[12-1] fragte der Assessor.

»Ha, so a zwanzig Büchsenschuß[12-2] werden's[12-3] völlig sein,«

meinte der Alte. Der Assessor wußte jetzt gerade so viel wie

vorher. Denn er hatte mit Büchsenschüssen nur bei Gelegenheit von

Forstfreveln zu thun und wußte über die Tragweite des Geschosses

keinen weitern Bescheid.

Endlich erreichten sie im dicksten Gestöber das Haus. Der Alte schob

den Riegel an der Thür zurück, schüttelte den Schnee vom Lodenrock und

vom Ranzen, den er abwarf, und schritt mit seinem Herrn der Thüre

zu. Als sie dieselbe öffneten, drang ihnen ein warmer Duft entgegen,

der dem Assessor die Hitze in die vom[12-4] Schneetreiben gehörig

verarbeiteten Wangen jagte.

Eine bunte Gesellschaft saß schon an den Tischen[12-5] und wandte sich

neugierig nach dem Ankömmling um, der sofort auch vom Kopf bis zur

Fußsohle gemustert ward. Der Assessor grüßte verlegen zuerst nach den

Damen hinüber, deren[12-6] vier auf einem Klümplein bei einander

saßen, eine ältere und drei jüngere. Neben ihnen saß ein junges Paar.

Alle hatten sich's bequem gemacht. Um den großen Ofen hingen die

nassen Kleider und dampften aus, und zwölf Schuhe standen unten und

warteten aufs Trocknen. Es ist so etwas eigenes, wenn Leute sich's

schon heimisch gemacht haben in einem Gasthause, als ob sie da zu

Hause wären,[13-1] und dann einem Wildfremden, der noch dazukommt,

zuschauen, bis dieser sich auch langsam häuslich niederläßt. Die

ersteren haben das Gefühl der Sicherheit und schauen von ihrem festen

Sitze herunter auf den, der sich erst seine Unterkunft gründen

muß. Der Assessor suchte sich[13-2] eine Ecke aus, dicht unter dem

grobgeschnitzten Kruzifix,[13-3] das aus den verdorrten

Palmsonntags-Birkenzweigen hervorschaute, in die sich die Fliegen als

ihr Nachtquartier verzogen, und bestellte sich einen roten

Tyroler.[13-4] Lang saß er nicht allein, denn draußen hörte man[13-5]

Stimmen, und drei junge Leute traten dicht beschneit herein. Die drei

jungen Damen schauten auf und steckten die Köpfe zusammen und

kicherten, als sie dieselben hereinkommen sahen. »Da sind sie wieder,«

sagte die kluge Elsa, »ganz gewiß sie sind's.«[13-6] Ja, sie waren's,

die Studenten vom Werfener Stellwagen her.

»Was tausend![13-7] Bei diesem Wetter kommen Sie hier herauf, meine

Damen,« sagte der erste Tenor. »Wir wären[13-8] fast verunglückt; das

ist Ihnen[13-9] ein schauderhaftes Wetter, da sollte man keinen Hund,

geschweige denn eine Dame, herausjagen.«

»Hatten Sie keinen Führer?« fragte die Dame, über die letzte

Artigkeit[13-10] etwas lächelnd.

»Führer? {{Jamais!}}[13-11] Wir gehören zum Verein »Selbsthilfe«.

'Als[13-12] der Nase nach,'[13-13] hatte der letzte Senne gesagt, 'da

können's nit fehlen.' Und da sind wir endlich mit unsern verfrorenen

Nasen hier aufgestoßen, als wir das Licht flimmern sahen, denn von

Nasen war rein nichts mehr zu sehen, so[14-1] rot sie auch funkelten.«

Die drei standen immer noch, der Assessor verwunderte sich und

gedachte der schönen Zeit, wo auch er sich einst die Freiheit

genommen,[14-2] ohne weiteres mit wildfremden Mägdlein anzubinden. Das

Pärchen aber begriff bald den Zusammenhang der Sache und freute sich

des Wiedersehens der Fremden, denn in aller Eile hatten die

geschwätzigen drei Elstern[14-3] den jungen Eheleuten von ihrer

Begegnung mit den Studenten und von den Gedichten erzählt.

Dem dicken Tauernwirt dauerte die Sache mit der Vorstellung etwas zu

lange, und er fragte darum die drei: »Schaffen's auch einen roten

Tyroler--?«

»Ja freilich, teurer Onkel,«[14-4] rief der Baß, »roten und weißen und

grauen, wie's kommt, nur etwas nasses bei dem nassen Wetter.«

Der Assessor lachte wieder in seiner Ecke und rückte etwas näher. So

war er auch einst in eine Herberge gefallen und hatte gefragt: »Herr

Wirt! Was kostet das Mondviertel in Essig und Öl, ich zahl's.« Die

drei setzten sich zu ihm, er stellte sich vor, und bald waren sie im

tiefsten Gespräch. Der Assessor war froh, daß eine goldene Brücke von

ihm zu den Damen hinüber geschlagen war, denn er fühlte sich längst zu

irgend einer passenden Rede verpflichtet und hatte nur nicht gewußt,

wie sie anbringen. Jetzt wurde auch er durch die Studenten

vorgestellt, und die Tische rückten zusammen. Man erzählte

sich,[14-5] woher man kam. Das Pärchen, das[15-1] wir von früher

kennen und in die Hochzeitskutsche geleitet haben, kam von Italien

herauf, die Damen von Gastein kamen ebenfalls daher, die Studios

hatten sich im Pinzgau herumgetrieben und kamen den Weg des Assessors.

»Ich muß mir nur[15-2] einmal die Wirtschaft hier ansehen, Ihr Leute,«

sagte der zweite Tenor, »denn das ist immer das erste,«[15-3] und fort

war er. Nach einer starken Viertelstunde kam er von seiner

Entdeckungsreise zurück.

»Nun, wie schaut's[15-4] aus?« riefen die zwei andern Studenten.

»Wie's ausschaut? Gar nicht ausschauen thut's.[15-5] Draußen heult's

und stürmt's, und wenn's so fortmacht, so sind wir morgen alle hier

eingeschneit, daß an ein Fortkommen nicht zu denken ist. Das ist das

erste. Zum[15-6] andern: mit dem Schlafen ist's alle[15-7] für diese

Nacht. Der bessere und schönere Teil der menschlichen Gesellschaft,

diese Damen hier, werden auf Stroh schlafen. Für Mannspersonen aber

ist kein Raum in dieser Hütte. Das einzige Bett hat ein natureller

Engländer inne, und zu seinen Füßen wird sein Sancho Pansa[15-8]

schlafen, ein Rotkopf, sage ich Euch, so brennend, daß man die Pfeife

an ihm anzünden kann. Der Engländer kocht sich eben seinen Thee auf

höchsteigner Maschine, und der Rotkopf hilft ihm. Er fragte mich, da

die Thür offen stand, etwas auf englisch, und ich sagte ihm mein

einziges englisches Wort, aber fein,[15-9] {{'Yes'}} sagte ich, und

damit war's gut.[15-10]--Aber das beste habt Ihr nicht gesehen: Da

hinten[15-11] sitzt Euch[15-12] in einem Mordsqualm eine Stube voll

biedrer[15-13] Leute bei einander, alte und junge, Kerls[16-1] wie die

Gemsböcke und wie die alten Tannen mit weißem Flechtenmoos behaftet,

und dazwischen am Spinnrocken sitzt ein Mägdlein mit treuherzigen

blauen Augen. Die erzählen sich[16-2] Geschichten, aber zu verstehen

ist[16-3] kein Wort. Aber in der Küche da prasselt's,[16-4] da giebt's

Kaiserschmarren und Krapfen. Zu essen giebt's genug, das ist immerhin

anerkennenswert. Wir bleiben hier unten[16-5] und richten uns häuslich

ein für diese Nacht. So, nun wißt Ihr Bescheid, und die Verhandlung

kann beginnen. Herr Assessor--{{comment[16-6] trouvez-vous

cela?}}--sagt der Franzose, und der Deutsche fragt: »Um Vergebung, was

ist Ihre geneigte Ansicht hierüber?«

Der zweite Tenor sprach das alles in _einem_ Atemzug und so drollig,

daß alle lachten. Der Assessor war verblüfft; er hatte sich im stillen

schon auf sein Zimmer gefreut, um dort allerhand chirurgische

Operationen vorzunehmen, mit denen sein Ranzen in genauer Verbindung

stand.

Bald dampften die Schüsseln auf dem Tische, denn alle[16-7] hatten

sich zu einem einzigen vereint, und der Assessor saß mitten unter den

jungen Mädchen, zu seiner Rechten das ältere Fräulein. Die Studenten

teilten sich mit dem jungen Eheherrn in die anderen. Das Gespräch war

lebendig, jeder wußte von Abenteuern, von Gemsjägern und Sennerinnen

zu erzählen, und am[16-8] aufgeräumtesten war der Assessor.

Nach dem Imbiß baten die Damen, es[16-9] möchten doch die Studenten

wieder ein Lied singen, wie damals im Stellwagen. Schnell waren diese

bei der Hand, und fröhlich klangen die Terzette durch den warmen

Raum. Unvermerkt hatte sich[17-1] die Thür aufgethan, und aus der

hintern Stube waren die Insassen hergewandert, als sie vorne singen

hörten. Der alte Führer des Assessors vorndran, und zwischendrin die

flachsköpfige Spinnerin.

»Dös sollt' mi doch rechtschaffen Wunder nehma, wenn mein Herr[17-2]

singen könnt',« sagte der Alte. »Der giebt sonst koan Laut[17-3] von

sich«--und wirklich, er sang zu seinem eigenen und des Führers

Erstaunen. Er hatte ja eine herrliche Baritonstimme, aber seit Jahren

hatte er kein Lied mehr gesungen, wie er behauptete. Aber hier bei den

fröhlichen Stimmen gingen ihm Herz und Lippen auf. Zur Vorsorge hatten

die Studios noch Noten für eine vierte Stimme mit, wenn je einmal sich

noch ein Musikant unterwegs zum Quartett fände.[17-4] Es[17-5] waren

ja alte, liebe Lieder, die sie sangen, die er einst auch in jüngeren

Tagen bei Ständchen und Morgengrüßen gesungen. Fröhlich klang das alte

Quartett:

Mir ist auf der Welt nichts lieber[17-6]

Als das Stübchen, wo ich bin,

Denn da wohnt mir gegenüber

Eine schöne Nachbarin!

»Herr Assessor, Ihre schöne Nachbarin in Buchau soll[17-7] leben!«

rief der muntere zweite Tenor, »die Tochter des

Landgerichtspräsidenten.«

»Der[17-8] ist leider selbst noch ledig,« antwortete trocken der

Assessor. »Mir wohnt nichts[17-9] gegenüber als ein Schmied, dessen

Gesellen mich morgens um vier Uhr aus dem süßen Schlummer jagen, das

ist eine grausame Nachbarschaft.«

Er war eben daran, seinen Jammer näher zu beschreiben, als durch die

Hauptthüre der hochaufgeschossene Engländer mit seinem Rotkopf im

Gefolge eintrat.

»Sankt Florian[18-1]

Zünd't[18-2] Häuser an!«

sagte leise der zweite Tenor, auf den Rotkopf schauend. Die Mädchen

hielten sich die Taschentücher vor den Mund, der Eheherr griff nach

seinem roten Tyroler und steckte tief das Gesicht in das Glas. Nur die

»Institutsvorsteherin« und der Assessor hielten Balance[18-3] mit

sicherm Takte. Der Engländer aber sagte in etwas englisiertem, aber

sonst anständigem Deutsch:

»Ich haben[18-4] gehabt sehr großes Vergnügen in meinem Zimmer, zu

hören solch schönes Gesang. Ich komme zu bitten, daß ich noch mehr

höre.«

Er sagte das mit solch edlem Anstand, daß einer der Studios aufstand,

ihm seinen Stuhl anzubieten und ihn einzuladen, wenn ihm die

Gesellschaft behagte,[18-5] sich niederzulassen. Er stellte ihm alle

vor und bat ihn dann ebenfalls zu sagen, »woher[18-6] des Landes,

woher der Männer er sei.«[18-7]--»Sie sehen, ich bin Engländer, und

James ist es auch, der gute alte Junge. Der Name ist nicht

notwendig--nennen Sie mich Mr. Brown, und ich bin's zufrieden,« sagte

er lächelnd. »Wir sind heute Mittag gekommen durch

Salzkammergut--{{beautiful indeed}}--und konnten[18-8] nicht mehr

weiter. Aber singen Sie, meine Herren, singen Sie, ich

bitte.«--Schnell waren die Sänger zusammen, sprachen zuerst leise mit

einander und setzten plötzlich kräftig ein in die Weise:

Treu[19-1] und herzinniglich,

Robin Adair!

Tausendmal grüß ich dich!

Robin Adair!

Hab' ich doch[19-2] manche Nacht

Schlummerlos zugebracht,

Immer an dich gedacht,

Robin Adair!

Die Verse verklangen. Der Engländer war außer sich vor Freude, als er

die heimische Weise klingen hörte. »Das ist {{beautiful}}--, aber wo

haben Sie ein ähnliches deutsches Lied?«--Die Studios besannen sich.

»Nun, singen Sie: 'Ännchen von Tharau'!«,[19-3][E-1] sagte die

»Institutsvorsteherin.«

»Richtig, los! eins, zwei, drei, 'Ännchen von Tharau' ist's die mir

gefällt!« rief der zweite Tenor. Sie sangen frisch herunter:

Ännchen von Tharau ist's, die mir gefällt,

Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.

Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz

Auf mich gerichtet in Freud' und in Schmerz.

Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut!

Du, meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.

Käm' alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,[19-4]

Wir sind gesinnt, bei einander zu stahn:

Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein

Soll unsrer Liebe Verknotigung sein ...

»Das ist ein schönes Volkslied, das müssen Sie mir geben. Aber was

ist das »Verknotigung?««[20-1][E-2]

»Ja, wissen Sie, das ist etwas besonderes. Zum Exempel, wenn ein

Jüngling und eine Jungfrau sich so ein bißchen stark lieb haben, so

ist das »Verknotigung«. Das kommt von dem Liebesband her, und wenn

die zwei Bänder zusammenkommen und geknüpft werden, giebt's allemal

dort eine »Verknotigung«. 'Der Ausdruck ist obsolet,' sagt der

Herr Professor auf seiner Hitsche[20-2]--aber er[20-3] ist gut, sehr

gut,« sagte der zweite Tenor.

»{{O, well, Sir}}--sehr gut! ich verstehen jetzt »Verknotigung«.

Ich lieben sehr das Volkslied[20-4] der Deutschen.«

»Holla!« rief der zweite Tenor, »das können Sie hier[20-5] haben,

Mr. Brown, aus bester Quelle. Heda, ihr Mannsleut', singt's[20-6]

einmal einen Steirer![20-7] Meint Ihr denn, wir singen umsonst hier?

Jeder, wer zuhört, zahlt[20-8] einen Zwanziger Münz.[20-9] Wenn Ihr

aber selber singt, braucht's nix zu zahlen!«

Die Leute schauten sich verdutzt an, und keiner sagte ein

Wort. Endlich brach der alte Führer das Schweigen:

»Wär'[20-10] schon völlig recht, junger Herr, aber wir Leut' singen

halt anders als d' Stadtleut' und könnet's nit gar schön. Für uns is

schon völlig schön genug, draußen auf der Almen--aber für Euch nit!«

»Ach was--Ihr singt wie's[20-11] Euch ums Herz ist.«

»Habt Ihr denn keine Zither?« fragte der Assessor.

»Freilich, freilich, a Zithern is schon da bein'n Tauernwirt. Johann,

der gnädige Herr will dein Zithern haben,« rief der Alte.

Der Tauernwirt brachte sie herbei, der Assessor stimmte mit kundiger

Hand schnell das gute Instrument und spielte mit ungemeiner Fertigkeit

einen »Herzog-Maxländler«[21-1] und dann einen »Steierischen« in

{{optima forma}}.[21-2]

Im Hintergrunde bewegten sich schon die Füße; die Leute waren

elektrisiert, und vorab der Alte mit dem Gemsbarte[21-3] zog bald das

eine, bald das andere Bein hinauf und zuckte mit[21-4] den Armen wie

ein Hampelmann, den man[21-5] an der Schnur zieht. Plötzlich

klang's[21-6] aus dem Hintergrund:

Und zwoa Blattln[21-7] und zwoa Bleamle

Und a Reb'n um an Stamm,

Und was[21-8] oanonda b'stimmt is,

Dös find't sich a[21-9] z'samm!

Eine helle Stimme sang's; es war die Spinnerin. Der Assessor

begleitete sie, und bald darauf schallte es:[21-10]

B'hüat'[21-11] dich Gott, mein kleans Dioandl,

Es muß a so sein,

Mein Leb'n gehört in Koasa,

Mein Herz'l g'hört dein!

Und mein Herzerl, dös laß ich

Dahoam in dein Haus,

Sonst traf's leicht a Kugel,

Run d' Liab alli r'aus!«

Es[21-12] sang's ein stämmiger Bursche. Aber der Alte warnte gleich

darauf mit dem Verse:

»Gescheit[22-1] sein, gescheit sein,

Nit in Oalles glei n'ein!

Es sitzt oft a Fux

In 'ren Pelzkappen d'rein!«

Der Engländer war außer sich vor Freude; das hatte er ja[22-2] schon

längst gewünscht zu hören, aber niemand hatte ihm den Gefallen gethan,

trotzdem er oft den Leuten Geld geboten hatte. Aber fürs[22-3] Geld

sangen sie wohl[22-4] drunten im Flachland, die nachgemachten Tyroler

in Glacéehandschuhen, aber da oben nicht. Aber jetzt waren die Leute

guter Dinge.[22-5] Die Studenten holten die Sängerin vor. Der

Engländer nahm sich[22-6] den Tauernwirt auf die Seite und redete mit

ihm. Der Rotkopf verschwand und kehrte mit etlichen Flaschen

zurück. Bald brodelte es[22-7] aufs neue in der Küche von

Kaiserschmarren, auf dem Tische aber dampfte eine prächtige

Bowle. Verschämt setzten sich die Leute aus der Hinterstube herein in

die Herrenstube und bekamen vollauf zu essen und frischen Tyroler zu

trinken, während die Studenten kunstgerecht den Punsch mit Hilfe des

Engländers zurecht machten. Alles war ein Geschenk von Mr. Brown, das

er anzunehmen bat, als Beitrag dafür,[22-8] daß er nicht singen könne.

Der Assessor spielte,[22-9] die drei Studenten sangen, die Bauern

hörten zu, und der Tauernwirt schmunzelte in der Ofenecke und freute

sich, daß heute Abend was[22-10] draufging, und segnete das

Schneetreiben, das ihm die Gäste in seine Klause gejagt.--Draußen

stürmte es noch lustig zu--aber was thut's,[22-11] wenn

Im Ofen hell der Kienspan blitzt,

Und jeder warm beim andern sitzt--

Da thut das Herz im schnellen Lauf

Sich fröhlicher dem Herzen auf!

So war's auch hier, die Fremden waren durchs Unwetter _eine_ Familie

geworden. Die Studenten hatten sich schnell unter die Eingebornen

gemacht,[23-1] und die kluge Elsa war ihnen nachgefolgt. Der Rotkopf

hatte sich[23-2] den Alten mit dem Gemsbart ausgewählt, den er trotz

allen Anschreiens nicht verstand. Der Engländer unterhielt sich mit

der »Vorsteherin« im feinsten Englisch. Der Assessor aber rückte zu

dem jungen Ehepaare. Die zwei andern Mädchen zog's[23-3] auch hinüber

zu der Else[E-3] und langsam rutschten sie an der Wand bis hinüber zu

ihr.

»Wie wär's,[23-4] meine Herrschaften, wenn jeder von uns eine

Geschichte aus seinem Leben erzählte?[23-5] Mit dem Schlaf

wird's[23-6] doch nicht viel werden heute Nacht, nicht wahr,

Mr. Brown, trotz Ihres hohen[23-7] Bettes, und das Stroh für Sie, mein

Fräulein,[23-8] kann warten, bis Sie sich darin verkriechen--« sagte

plötzlich der unermüdliche zweite Tenor.

»Ach ja--das wäre[23-9] schön,« meinten die Fräuleins;[23-10] denn sie

wußten sich geborgen, daß sie nichts zu erzählen brauchten, weil sie

noch nichts erlebt hatten.

»Wer fängt an?« riefen sie alle.

»Wir werden den Halm ziehen?« Sie zogen und den kürzesten zog der

junge Eheherr. Alle lachten, denn er war bis jetzt der schweigsamste

gewesen, und hatte sich nur an dem süßen Geplauder seiner Frau

erfreut.

»Nun denn, wenn es sein muß, werde ich Ihnen unsere

Hochzeitsgeschichte erzählen. Annlieschen, erschrick nicht, wenn du

dabei etliche Male vorkommst, denn sonst ist's keine

Hochzeitsgeschichte,« sagte er zu seiner Frau, »denn dazu gehören

immer zwei.«

»Ja, mach's aber nur nicht zu arg, Hans.«

»Wes Zeichens[24-1] und Standes ich bin, brauchen Sie nicht zu wissen,

noch wie wir heißen. Wo wir her[24-2] sind, merken Sie vielleicht an

unsrer Sprache, die so etwas niederrheinisch[24-3] klingt. Aber wir

sind ehrlicher Leute Kind[24-4] und haben noch keine silbernen Löffel

gestohlen.--Also so war's: Ich lebte mit einer Schwester auf einem

Dorfe und war nahe daran, ein Einsiedler zu werden. Die Schwester

wußte so gut, was _mir_ lieb war, und ich wußte, was _sie_ gerne

hatte, und so gedachte ich mein Leben still zu beschließen als

Einsiedler. Aber es[24-5] kam anders. Plötzlich kam es[24-6] wie das

Schneetreiben heute und jagte mich in den Ehestand hinein. Meine

Schwester hatte just ihr Kaffeekränzchen mit ihren Gespielinnen, in

welchem nebenbei auch gestrickt[24-7] wurde. Die Strickkörbchen

wanderten[24-8] von Kränzchen zu Kränzchen. Die Nächstfolgende nahm

die Körbchen immer mit nach Hause. Es[24-9] war die Reihe an einem

muntern, rotwangigen Mädchen. Sie nahm die Körbchen am Schluß des

Kränzchens. Es war schon spät, und ich mußte sie ehrenhalber

begleiten. Da fiel mir plötzlich ein, daß sie sich mit den Körbchen

schleppte, und ich bat: »Ach bitte, geben Sie mir doch[24-10] die

Körbchen.«[24-11] »Nein,« sagte sie, »kein einziges.« Da fuhr

mir's[25-1] durch den Sinn: Jetzt oder nie!--»Ha,« sagte

ich--»Fräulein, wirklich, Sie geben mir kein Körbchen? Dann bin ich

der glücklichste Mensch, dann geben Sie mir einen Kuß.« Und ehe sie

sich's versah, hatte ich ihr um die Straßenecke herum einen Kuß

gegeben. Sie weinte und lachte zugleich, und ich sagte: »Komm,[25-2]

wir wollen gleich umkehren und es der Schwester sagen.« Wir kehrten

Arm in Arm um und stellten uns als Braut und Bräutigam vor. Die

Schwester zog mich auf die Seite und sagte: »Sieh, Hans, die[25-3]

habe ich immer gemeint. Sie hat dich auch lieb, das weiß ich.«--Und

nun sehen Sie: das ist das Annlieschen hier, meine liebwerte,

herzallerliebste Frau.«--

Alle schauten sie lachend an; aber in ihr halbverlegenes und in ihrer

Verlegenheit um[25-4] so hübscheres Angesicht brannte[25-5] plötzlich

zum Erstaunen aller--ein kräftiger Kuß. Der kam von der

»Institutsvorsteherin,« welche die junge Frau warm umschlang. »Sie

glückliches Menschenkind!« sagte sie. Die Studenten waren ob[25-6] Kuß

und Rede höchst verwundert. In dem zweiten Tenor stieg ein leises

Ahnen und Zweifeln auf, es[25-7] möge doch am Ende mit der

»Institutsvorsteherin« nicht völlig seine Richtigkeit[25-8] haben,

denn das sei doch nicht nach Knigges[25-9] 'Umgang mit Menschen'

gehandelt und geredet. Als er ihr tief ins Angesicht schaute, ward's

ihm noch klarer. Sie deuchte ihm wirklich schön zu sein, zu schön für

eine Pensionsmutter.[25-10]

Am meisten hatte aber der Assessor mit seiner Konfusion zu

kämpfen. Die ganze Hochzeitsgeschichte kam ihm so wunderbar vor. Auch

er blickte hinüber zu der »Institutsvorsteherin« und konnte sich[26-1]

das[26-2] nicht mit der gehaltenen Würde eines »Pensionsdrachen«

vereinigen.

Der Eheherr aber fuhr fort: »Nun hatten wir kurze

Verlobungszeit,[26-3] denn bei mir[26-4] waren, von den Eltern her,

Kasten und Schränke voll von selbstgesponnenem Flachs und

Leinen. Meine Schwester räumte bald das Feld, denn sie selber hatte

eine alte Liebe, der sie aber nicht eher nachhängen wollte, als bis

sie mich versorgt wußte. Die Hochzeit war bald, und die Hochzeitsreise

ist es, auf der wir uns befinden. Wir wußten zuerst nicht wohin[26-5]

und kamen mit der Kutsche an einen Knotenpunkt der Eisenbahn

gefahren.[26-6] »Annlieschen,« sag' ich, »wo[26-7] der erste Zug jetzt

hinfährt, ob nach Norden oder Süden, da fahren wir hin.« Annlieschen

war's zufrieden, wie sie überhaupt mit allem zufrieden ist. Also der

Zug geht nach Süden. Wir fahren nach Kassel.[26-8] Ich sage:

»Hast[26-9] du Kassel gesehen, dann siehst du auch Frankfurt[26-10] am

Main, wo die deutschen Kaiser einst gehaust.« Sagt[26-11] Annlieschen:

»Ja wohl--dahin laß mich mit dir, mein Geliebter, ziehen.«[26-12] Dort

regnet's in Strömen. Wir sitzen im Westend-Hotel und sehen uns[26-13]

den Regen an. »Anneliese,« sag' ich, »das ist langweilig--wir

gehen[26-14] nach dem schönen Heidelberg,[26-15] da ist's sonnig und

wonnig.« Aber in Heidelberg, dem Wetterloch,[26-16] war's noch

schlimmer. Sitzt[26-17] im »Ritter«[26-18] dort ein Herr, der sagt:

»Freiburg[27-1] im Breisgau--da ist's schön, herrlich!«--und Anneliese

sagt wieder: »Dahin, dahin u.s.w.«[27-2] Ich gehe mit ihr nach

Freiburg, auf den Blauen[27-3]--»da schimmert was,«[27-4] sag'

ich. »Anneliese--guck[27-5] mal[27-6]--weißt du, was das ist?« »Nein,«

sagt die Anneliese. »Siehste[27-7]--das[27-8] sind die Alpen.«

Anneliese sagt wieder: »Dahin laß uns ziehen.« Wir ziehen durch die

Schweiz nach dem Sankt Gotthard,[27-9] wo wir eingeregnet werden. Da

sitzen zwei Brautpaare in gleicher Nässe, die wollten[27-10] nach

Italien. Italien! das stach[27-11] mich wie ein Skorpion.

»Annlieschen--Italien!--Land,[27-12] wo die Citronen

blühen[27-13]--dahin laß uns ziehen!« Wir hatten zwar nichts bei uns

als einen kleinen Reisesack in der Hand zu[27-14] tragen, aber ich

sage: »Es[27-15] kennt uns niemand.« Also nach Italien! Wir waren in

Mailand [27-16] und Genua.[27-17] Ich sage: »Annlieschen--weißt du,

was da hinten liegt am blauen Meere?« »Nein,« sagt sie, »wat[27-18]

soll da liegen?« »Da liegt Rom--! Rom! Neapel--'s ist ein

Katzensprung--also »Annliese {{avanti}}!«,[27-19] womit der Italiener

so viel meint, als wenn der Deutsche »Vorwärts« sagt. Und schließlich

standen wir auf dem Vesuv.[27-20] Von dort ging's[27-21] rasch zurück

über Venedig[27-22] und nun hier herauf nach den Tauern, und da wurden

wir festgeschneestöbert.[27-23]--So, meine Herrschaften, nun wissen

Sie Bescheid, wen Sie vor sich haben.«

»{{Beautiful indeed}},« sagte der Engländer. »Sie haben großes[27-24]

Mut. Ich sehr lieben Italien.«

Die drei jungen Mädchen waren vor Vergnügen außer sich, also die[28-1]

hatten Italien gesehen, während sie selbst in Venedig umkehren mußten!

Die Frau kam ihnen nun doppelt interessant vor. Sie meinten zwar, man

müßte es den Leuten immer am Gesicht ansehen, wenn sie in Italien

gewesen,[28-2] aber Anneliese sah so rotbackig drein, und ließ es sich

so vortrefflich schmecken, und sie merkten nicht das geringste

Absonderliche. Nur daß der junge Eheherr ein Spaßvogel war, der in

trockenster[28-3] Art mit dem fettesten Pinsel malte, das leuchtete

ihnen ein.

Die Studenten aber ließen die Köpfe hängen. »Ach,« sagte der zweite

Tenor, »wenn unsereinem so etwas mal[28-4] in dem Garten[28-5] wüchse!

Da lernt man seinen Horatius[28-6] und Virgil im finstern Loch[28-7]

und sieht sein Leben[28-8] nichts davon,[28-9] nicht einmal einen

Italiener, von nahem! {{Beatus ille!«}}[28-10]

Derweilen der Studio so klagte, stimmte der Assessor die Saiten und

fing plötzlich mit schöner, tiefer Stimme das Lied zu singen an:

Kennst[28-11] du das Land, wo die Citronen blüh'n,

Im dunkeln Laub die Goldorangen glüh'n,

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,

Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?

Kennst du es wohl?[28-12]

Dahin! Dahin

Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter zieh'n!

Er sang so schön und herzergreifend, daß alles[28-13] stille ward.

»Waren Sie schon in Italien?« fragte der Engländer.

»Ja, ich war schon da, vor[29-1] Jahren,« sagte leise und ernst der

Assessor. Er schnitt damit[29-2] aber jedes weitere Gespräch ab. Man

merkte es ihm am Tone an, daß dort etwas von Bedeutung in seinem Leben

geschehen sein mußte, womit er nicht herausrücken wollte.

»Sie haben das Lied so schön gesungen,« sagte die »Vorsteherin«--»so

schön wie ich es nur einstens von einer Freundin gehört. Aber

merkwürdig ganz mit demselben Klange und derselben Auffassung. Es ist

doch eigen, wie plötzlich Erinnerungen auftauchen, die sich an irgend

ein Lied oder Wort oder einen Klang so unzerreißbar heften!«

»Und Ihre Freundin war auch in Italien?« fragte der Assessor.

»Ja--sie ist ganz dort,« entgegnete die Dame wehmütig. »Sie schläft

unter den Cypressen an der Cestiuspyramide,[29-3] auf dem Kirchhofe

der Protestanten zu Rom.«

Den Assessor durchzuckte es.[29-4] Es[29-5] kämpfte in ihm, ob er

weiter fragen sollte. Endlich fragte er doch: »In welchem Jahre war

es?«

»Es war im[29-6] Jahre 18.., am 20. Mai, daß sie entschlafen.«

Der Assessor stützte den Kopf in beide Hände und sprach kein

Wort. Alle schauten still und stumm auf ihn,--am meisten betroffen

aber war die »Vorsteherin.« »Ich habe Ihnen doch[29-7] nicht wehe

gethan?« sagte sie in weichem, mildem Tone.

Der Assessor schaute sie klar und tief mit feuchten Augen an. »Wohl

und wehe zugleich, Fräulein Milla!--denn keine andere sind Sie,

wiewohl ich Sie nie gesehen, die treueste Freundin meiner

unvergeßlichen Elsa.«--Er reichte ihr die Hand und hielt sie lange

fest.

Nun aber war das Erstaunen an ihr. Ihr Auge leuchtete und eine

durchsichtige Röte flammte über die schönen Züge. »Sie sind es,

Robert?--Und so sehen wir uns[30-1] zum ersten Mal in diesem Leben?«

Die andern im Kreise schwiegen. Jeder ehrte den Schmerz, den er doch

nicht völlig verstand.

»Sehr merkwürdig,« sagte der Engländer leise zu den andern. »Bitte,

singen Sie ein Lied, das ist das beste für die Wunden.« Schnell waren

die drei Studenten beisammen und sangen mit heller Stimme:

Es[30-2] ist bestimmt in Gottes Rat,

Daß man vom liebsten, das man hat,

Muß scheiden;

Wiewohl doch nichts im Lauf der Welt

Dem Herzen, ach! so sauer fällt

Als scheiden.

Als sie geschlossen, stand der Assessor auf, drückte jedem die Hand

und sagte: »Ich danke Ihnen von Herzen. Vergeben Sie mir den

Augenblick, wo ich mich verloren habe und Ihnen vielleicht schwach

erschienen bin.« Die »Vorsteherin« war noch immer still in sich

versunken. Endlich brach der Assessor wieder das Schweigen.

»Da Sie so unvermutet Zeugen einer gemeinsamen Erinnerung geworden, so

lassen Sie mich Ihnen auch mitteilen, was wir erlebt. Ich darf wohl

kurz sein: Es war in meinen Universitätsjahren. Ich war wie Sie, meine

Herren, ein fröhlicher Bursche, dem der Himmel voll Baßgeigen[31-1]

hing. Wir sangen auch, wie Sie, Quartette und weckten die Leute des

Morgens[31-2] in der Ruhe und des Abends im Schlaf mit unserm

Gesang. Da wurden wir eines Tages gebeten, auf einer Hochzeit zu

erscheinen und dem jungen Paare zu singen, dafür[31-3] sollten wir

dann auch mitfeiern. Was thut man nicht als Student, um ein gut Glas

Wein zu erjagen? Wir sangen und mischten uns unter die Gäste, die aus

allen Himmelsgegenden zusammengeflogen waren. Wir Studenten kamen

unter die Brautjungfern zu sitzen. Ich ahnte nicht, daß das die

Wendung meines ganzen Lebens werden sollte.[31-4] Wir scherzten und

sangen; aber mit meiner Nachbarin geriet ich sehr bald ins tiefste

Gespräch. Ich hörte und sah nichts mehr als nur sie. Noch nie hatte

ein Mensch im[31-5] Leben so schnell mich verstanden, und so

seelenvoll mit mir verkehrt. Ich war ja[31-6] ein Waisenkind, bei

fremden Leuten auferzogen, ohne Geschwister, und hatte nie gewußt, was

eigentlich ein fühlendes Herz sei. Die Kameraden hatten mich

wohl[31-7] aus meiner Philisterhaftigkeit und Menschenscheu

herausgejagt, aber Zutrauen zu Menschen hatte ich nicht gefaßt. Aber

dies Mädchen mit ihrer weichen Stimme, ihren seelenvollen Augen und

den geistvollen, blitzenden und doch so warm leuchtenden Gedanken

hatte mir eine Welt aufgeschlossen, die ich nicht kannte. Ich wagte

es,[32-1] ihr von meinem traurigen Leben zu erzählen. Ich weiß nicht,

was ich noch alles sagte, mir brannte der Kopf und der Boden unter den

Füßen. »Wenn sie nur meine Schwester wäre,«[32-2] so dachte ich und

sprach es ihr auch aus. Sie schaute mich dabei mit einem wunderbaren

Blicke an. Da begann eben der Tanz, ihre Mutter holte sie weg, und sie

verlor sich[32-3] in den Reihen der Tanzenden. Ich konnte nicht

tanzen, aber das Bild verlor sich nicht, ich mußte sie immer mit den

Augen verfolgen. Mit einem Male war sie fort,[32-4] verschwunden mit

ihrer Mutter. Ich hörte, daß sie plötzlich erkrankt sei. Nach dem

Tanze mußten wir noch singen; aber ich sang verkehrt, und wir warfen

beinahe um. Als die Sache zu Ende war, schlich ich still unter das

Fenster des Gasthofes, in welchem sie wohnte; es[32-5] war noch Licht

oben. Sie war krank, und ich dachte mir gleich das schlimmste. Am

folgenden Tage hörte ich, daß sie wirklich schwer vom Typhus erfaßt

sei, der wohl in ihr gelegen und den die Aufregung der Hochzeit

beschleunigt hatte. Wochen kamen und gingen. Endlich durfte[32-6] sie

wieder ins Freie. Wir Studenten benutzten den ersten Abend ihrer

Genesung, ihr ein Ständchen zu bringen. Stille öffneten sich die

Fenster in der lauen Nacht, und unser Gesang tönte hinauf. Die Mutter

lud uns mit der Familie, die damals Hochzeit feierte, bald darauf

ein. Ich sah Elsa wieder, die Züge waren unverändert, nur die leichte

Röte ihrer Wangen erschreckte mich und der starke Glanz in den

Augen. Sie reichte mir die Hand und sagte: »Sie haben gewiß das

Ständchen mir gebracht.« Ich wurde rot bis über die Ohren und

gestand. Ich sagte noch mehr; ich sagte, wie ich um sie gelitten

während dieser Zeit und jeden[33-1] Abend stundenlang unten an der

Ecke gestanden, um zu sehen, ob das Licht noch brenne.«

»Ja, ja,« sagte sie, »ich war selbst ein brennend[33-2] Licht, das

hin-[33-3] und herflackerte zwischen Leben und Tod. Merkwürdig! Ihre

Lebensgeschichte hat mich oft in den[33-4] Fieberphantasieen verfolgt;

ich sprach immer von einem Waisenknaben, der mich gebeten hätte,[33-5]

seine Schwester zu sein. Mutter fragte mich manchmal, wer es denn

sei,[33-6] aber ich kannte Ihren Namen nicht. Ich habe aber von einer

Freundin gehört, die mir erzählte, wie einer von den Sängern jeden Tag

da unten gestanden und hinaufgeschaut. Ich dachte, das ist gewiß der

»Bruder.«

»Es[33-7] flocht sich seit jener Zeit ein inniges Freundschaftsband

zwischen uns. Nach ihrer Genesung zog sie mit der Mutter weit weg,

aber ich durfte mit ihr korrespondieren. Ich lernte nun mit eisernem

Fleiß, um meine Studien[33-8] zu vollenden. Ich war nicht unbemittelt,

und wenn alles gut ging, so konnte ich ihr nach drei Jahren ein Heim

bieten. So arbeitete ich fast über meine Kräfte bei Tag und

Nacht. Mein Trost waren Elsas Briefe. Plötzlich blieben diese aus. Ich

bekam keine Antwort mehr. Auf meine dringenden Bitten an die Mutter

schrieb diese endlich, »der Gesundheitszustand Elsas sei derart,[34-1]

daß sie jede Aufregung vermeiden müsse.« Das[34-2] warf mich vollends

nieder. Ich war ohnehin schon durch übernächtige Arbeiten erschüttert,

aber das gab mir den letzten Stoß. Wochenlang lag ich zwischen Leben

und Tod. Als ein alter Mensch bin ich vom Bette aufgestanden, da fand

ich zwei Briefe--von der Hand dieses Fräuleins hier, einer nahen

Freundin Elsas, die[34-3] mir Aufschluß gaben. Die Mutter hatte

nämlich ihr und ihres Kindes Vermögen bei einem Bankhause verloren.

In ihrer Not wandte sie sich an einen Onkel Elsas, der eben so alt wie

reich war. Er half auch, aber ließ allmählich seine Absicht auf die

Hand Elsas merken. Als er deutlicher damit hervortrat, wehrte sie sich

aufs[34-4] entschiedenste. Die Mutter sah mit gramvollem[34-5] Herzen

der Sache zu. Vor Elsa stand die Möglichkeit, durch die reiche Heirat

der Mutter zu helfen. Sie liebte mich--aber es deuchte ihr zu lange,

bis ich ihr ein Heim bieten könnte, und überhaupt--ich hatte ja doch

bisher nur wie ein Bruder zu ihr gestanden. Die Mutter hatte dem Onkel

das Geheimnis unserer Liebe unbedacht verraten, und er verbot, als

Bedingung seiner weiteren Hilfe, jedes weitere Korrespondieren mit dem

jungen Manne. Elsa hatte mir dies durch ihre Freundin schreiben lassen

und wartete auf Antwort. Da eben erkrankte ich, und alle meine Briefe

blieben uneröffnet bis zu meiner Genesung. Ich öffnete den zweiten

Brief, dessen kurzer Inhalt war: Elsa konnte mein Schweigen nicht

anders auslegen, als daß ich sie vergessen. Aber sie blieb dennoch

fest und standhaft und wollte lieber alle Mittel des Onkels

ausschlagen, als einem Manne die Hand geben, den sie nicht liebte. So

arbeitete sie denn die Nächte durch,[35-1] um ihre Mutter und sich zu

erhalten. Aber die zarte Gesundheit fing an zu wanken: der Typhus

hatte damals doch eine krankhafte Reizbarkeit der Lunge[35-2]

zurückgelassen, die[35-3] jetzt wieder aufs neue sich Bahn brach.

Nach dem Lesen der Briefe wäre[35-4] ich fast wieder in Krankheit

gesunken, aber es galt ein anderes Leben als das meinige. Ich schrieb

der Freundin, mein Vermögen stehe zur Verfügung und schickte sofort

eine Summe, um Elsa und ihre Mutter zum Aufenthalte im Süden zu

bewegen. Meine Staatsprüfung machte ich halb krank und begehrte nach

meiner Anstellung sofort Urlaub, der mir aber verweigert wurde. Ich

hielt bei der Mutter um die Hand Elsas an, die derweilen nach

Nizza[35-5] gegangen. Elsa schrieb die glücklichsten Briefe, ihre

Gesundheit stärkte sich von Tag zu Tage. Ich hatte mir endlich Urlaub

beim Minister erwirkt. Elsa war nach Florenz[35-6] gegangen, in Rom

wollten wir uns treffen. Ich eilte über die Alpen, kam in Rom an und

flog zum »Hotel Minerva«. Das Stubenmädchen, das[35-7] mich melden

sollte, schaute mich groß[35-8] an und sagte: »Sind Sie ein Doktor?

Signora[35-9] ist sehr krank, o sehr krank!« Ich öffnete bebenden

Herzens[35-10] die Thüre. Ein Nachtlicht brannte durch die dämmerige

Stube. »Ist Robert noch nicht da?«[35-11] hörte ich eine weiche,

sanfte Stimme fragen. Ich fühlte mein Herz hörbar schlagen und winkte

der Mutter. »O er ist gewiß da, ich fühl' es,« sagte die Kranke. So

trat ich ans Bett. Ja, da lag sie, eine sterbende Blume. Tags zuvor

hatte sie einen heftigen Blutsturz gehabt, der ihr die letzte Kraft

nahm.--Erlassen Sie mir, das Wiedersehen zu beschreiben. Elsas Leben

flammte noch einmal auf. Sie hatte sich soweit erholt, daß sie mit uns

vor die Thore Roms fahren konnte. Wir kamen an der Cestiuspyramide am

{{Monte Testaccio}}[36-1] vorbei. »Eine Pyramide,« rief sie

leuchtend,[36-2] »laß uns zur Pyramide fahren!« Wir bogen ein. Es war

schon Abend. »Ach da ist ja ein Kirchhof,« sagte sie leise. »Wer wird

da begraben unter diesen schönen Cypressen?«--»Die deutschen[36-3]

Ketzer,« sagte unser Vetturin, »die nicht an Madonna glauben.« Elsa

war still geworden. Ich wickelte sie fester in den Plaid, da es sehr

kalt wurde. Wir fuhren nach dem Gasthof. In der Nacht überfiel sie

ein zweiter Blutsturz, sie schaute mich mit einem großen, langen Blick

an, dann umschlang sie meinen Hals und sagte: »Leb wohl, mein guter

Bruder, mein--« da stockte ihr Atem, das Leben war entflohen.«

Nach einer Weile fuhr der Assessor fort: »Zwei Tage darauf haben wir

sie unter den Cypressen dort begraben, sie--und mein Leben mit

ihr. Achtzehn Jahre sind darüber hin.[36-4]--Ich habe mich fern vom

Treiben der Menschen still in den bayrischen Wald geflüchtet und über

der Arbeit wohl[36-5] mich, aber nicht meine Elsa vergessen. Der

Aktenstaub hat sich mir übers Herz gelagert, und ich bin nachgerade

beim philisterhaften Junggesellen angelangt. Mir[37-1] ist aber, als

wäre ich heute von einem langen Schlafe und schweren Traume

erwacht. Fräulein Milla, Sie sind schuld, und Sie, meine Herren, mit

ihren Liedern. Wissen Sie, wohin ich möchte?[37-2] Nach Rom zur

Cestiuspyramide; nur eine[37-3] Stunde will ich dort unter den

Cypressen ruhen und dann wieder heim[37-4] zum Landgericht in meine

Klause und zu der alten Lena, die so oft die Pyramide im Bilde

beschaut und mich fragt, ob das auch eine Kirche sei.«--

Der Assessor schwieg. Der treuherzige, zweite Tenor schlang den Arm um

ihn und sagte ihm als Trost ins Ohr: »Ich bin auch ein Waisenkind!«

Fräulein Milla, die »Vorsteherin«, war noch ganz in ihre Gedanken

verloren, die Vergangenheit zog an ihr vorüber. Sie hatte die

Todesnachricht ihrer Freundin von Roberts Hand empfangen, dann aber

nichts mehr gehört, da die Mutter Elsas aus Gram ihre Tochter nicht

lange überlebte.

Das Reden wurde ihr[37-5] offenbar schwer. Zuletzt aber faßte sie sich

und sagte: »Finden Sie keine Ähnlichkeit unter diesen Mädchen mit

Ihrer Elsa? Schauen Sie sie[37-6] einmal[37-7] recht[37-8] an!«

Der Assessor sagte: »Ja, die eine fiel mir schon lange auf, aber ich

traute doch nicht ganz meinem Urteil.«

»Nun ja, sie sind nicht aus der Art geschlagen. Sie wissen, daß Elsa

einen Bruder hatte, der nach dem Tode der Mutter in unserm Hause

erzogen wurde. Er heiratete später meine jüngste Schwester, und

das [37-9] sind ihre Kinder. Sie hielten mich wohl[38-1] alle, meine

Herren, für eine gestrenge Institutsdame! Ich bin es nicht, wir haben

uns nur fremden Leuten gegenüber die Maske auferlegt, um unbelästigt

durchzukommen. Ich bin die Tante der Kinder.«

Jetzt ging auch den Studios ein Licht[38-2] auf, und sie begriffen die

heitere[38-3] »Vorsteherin«. Es war derweilen Mitternacht

geworden. Der Engländer saß tief versunken da. Die Geschichte hatte

ihn wunderbar getroffen, er redete kein Wort mehr, sondern stand auf

und verbeugte sich artig gegen die Damen, schüttelte aber dem Assessor

warm die Hand, als wäre er sein bester Freund. Den Studenten dankte er

für den Gesang und rief seinen James.

»James--du räumst[38-4] unsere Stube aus, daß die Damen da schlafen

können. Wir werden das Stroh suchen.«

Trotz aller Gegenvorstellungen von Seiten Fräulein Millas

blieb's[38-5] dabei.

Die Eingeborenen hatten schon längst ihr Lager gesucht.

Draußen war's stille geworden, das Schneetreiben hatte sich gelegt.

Die Studenten schliefen bald den gesunden Jugendschlaf, aber der

Assessor blickte noch lange hinaus in die mondhelle, glänzende Nacht

und über das große Leichentuch, das der Schnee über die Matten und

Bergspitzen geworfen.

* * * * *

Der Tag graute. Die Führer waren früh auf, um dem Wetter nachzuspüren

und den Schnee zu prüfen. Mit einiger Vorsicht konnte man es schon

wagen, weiter zu ziehen. Der Assessor war schon munter und wartete auf

Fräulein Milla, sie hatten sich[39-1] ja noch so viel zu sagen! Milla

erschloß ihr Herz dem vereinsamten Freunde ihrer Elsa, und ihm

war[39-2] es, wie wenn ein lang verhaltener Strom endlich sich Bahn

brechen durfte.

Die Studenten zählten indessen »die Häupter[39-3] ihrer Lieben,«

d. h.[39-4] ihre Gulden und Kreuzer und addierten und subtrahierten

die Zeche. Da trat auch der Engländer herein. Die drei grüßten ihn

freundlich.

»Nun wohin?«[39-5]--fragte er.

»Wohin?--heim, wo wir hergekommen. Wir werden noch ein Konzert

veranstalten, ehe wir diesen Platz verlassen.«

»O nein,« sagte der Engländer, »Sie sollen nicht heim, Sie sollen

sehen Italien mit mir, wenn Sie wollen, und mir dann und wann ein Lied

singen.«

Die Studenten wußten nicht, wie ihnen geschah.

»Mr. Brown,« sagte der zweite Tenor, »das ist sehr edel von Ihnen,

aber zu teuer für Sie, denn wir sind allesamt mit einem guten Magen

behaftet.«

»Das ist gerade sehr schön, das liebt Mr. Brown sehr. Ich gehe nach

Oberitalien,[39-6] und Sie begleiten mich, und James und wir werden

viele Freude haben. Topp--eingeschlagen!«[39-7]

Die drei schlugen herzhaft ein. Über das schöne Gesicht des Engländers

zog ein Schimmer der Verklärung. So hatten sie ihn noch nicht gesehen.

Die Führer mahnten zum Aufbruch. Der alte Gemsbart[40-1] nahm das

Ränzel des Assessors.

Der junge Eheherr zog mit seiner Frau und den Damen abwärts der Ebene

zu,[40-2] die andern hinab nach Italien. Man hatte sich gegenseitig

die Namen und Adressen mitgeteilt, und alle schieden, indem[40-3] sie

das Schneetreiben segneten, das sie zusammengeweht. Der Tauernwirt

sandte allen noch einen hellen Juchzer nach, denn Mr. Brown hatte ihm

seinen[40-4] guten Kaiser Franz Joseph[40-5] in Gold als Extrageschenk

zurückgelassen. -- -- --

* * * * *

Der Verfasser könnte nun hier schließen, aber die geneigte Leserin ist

neugierig, und möchte für ihr Leben[40-6] gern wissen, wie das

schließlich noch geendet hat. Darum will er noch ein paar Worte

hinzufügen:

An einem schönen Tag, das Jahr darauf, klopft's[40-7] am Niederrhein

bei[40-8] dem jungen Eheherrn, als er gerade seinen kleinen Schreihals

herumtrug. »Annlies! {{avanti!}}« riefen draußen zwei Stimmen. Dem

Eheherrn wird's[40-9] ganz italienisch zu Mut, und er ruft: »{{Entrate

pure!}}«[40-10]--d. h. »als[40-11] herein!« Da stehen zwei vor ihm

und schauen ihn an. »Nun--wer sind wir?« fragen sie.

Der Eheherr aber rief in die Küche: »Annlies! {{avanti!}}«--ein

Hochzeitspaar!« »Milla!« rief die junge Frau--»seid[41-1] Ihr's?« Ja,

da standen sie, der Assessor und seine Frau. Sie waren auf der

Hochzeitsreise und wollten[41-2] zur Cestiuspyramide.

Der Assessor war damals bald umgekehrt, denn ihn trieb ein anderer

Gedanke nach Hause. Er war durch jenen Abend dem Leben zurückgegeben

und hatte Milla seine Hand gereicht. Alles wanderte[41-3] fort,

Blasenpflaster, Opodeldoc und Storchfetttopf, und Milla sah aus,

wie[41-4] wenn sie eben in die Zwanzig gekommen. Was die alte Lena

dazu gesagt, wird billig verschwiegen.--

Der zweite Tenor ist[41-5] schon lange ein würdiger Pfarrherr. In

seinem Hause ist's[41-6] behaglich englisch[41-7] eingerichtet. Am

Abend brummt der Theekessel, und der Pfarrherr raucht vom

feinsten[41-8] dazu.[41-9] Zu seiner Seite sitzt ein munteres Weibchen

immer vergnügt und heiter;--sie heißt Elsa mit Vornamen, die kluge

unter den drei Schwestern. Bei ihrer Hochzeit war Mr. Brown der

Brautführer und Milla die Brautmutter. Die andern zwei Studenten waren

die Ehrgesellen dabei, und der Assessor, der längst schon ein

angesehener Landgerichtsrat ist, gab ihnen den Rat, seinem[41-10]

Beispiele baldigst zu folgen. An der Hochzeitstafel klang[41-11]

»Ännchen von Tharau« noch einmal; aber Mr. Brown wußte jetzt, was

»Verknotigung« war.

Eingeschneit: Eine Studentengeschichte · 第 9 / 26 题