ACHTZEHNTES CAPITEL.

Die im Organismus der Zelle enthaltenen Factoren des

Entwicklungsprocesses.

Nachdem wir zum Vererbungsproblem und einigen damit zusammenhängenden

Fragen Stellung genommen haben, sei jetzt auf die im Organismus der

Zelle selbst enthaltenen Factoren des Entwicklungsprocesses noch

etwas näher eingegangen. +Denn dieselben spielen ja schliesslich bei

Allem, was im Organismus geschieht, die Hauptrolle.+ Die Zellen sind

die in geheimnissvoller Weise wirkenden Baumeister, wenn unter dem

Einfluss von Schwerkraft oder von Zug, von Licht oder Wärme, von diesem

oder jenem chemischen Agens sich irgend ein Gebilde gestaltet: wenn

Knochenbälkchen in der Richtung von Zug- und Druckcurven entstehen,

wenn an der Pflanze Blätter sich bilden, damit das Sonnenlicht auf den

Chlorophyllapparat einwirken kann, oder Speicheldrüsen beim Thier für

die Verdauung der Stärke.

Ueberall aber, wo das Wirken der Zelle in Frage kommt -- und das

geschieht bei jedem Problem in der Biologie, wenn man es genügend

weit verfolgt -- beginnt das Gebiet, welches sich einer exacten

naturwissenschaftlichen Analyse entzieht. Denn die Kräfte, die im

Zellen-Organismus diese oder jene Lebenserscheinung hervorrufen,

entziehen sich auf dem derzeitigen Entwicklungsstadium der

Naturwissenschaften vollkommen einer physikalischen und einer

chemischen Erkenntniss.

Wir wissen nichts von der Natur und Anordnung der kleinen

Lebenseinheiten, welche den Mikrokosmus der Zelle zusammensetzen,

und zu deren Annahme uns bis jetzt nur eine logisch begründete und

berechtigte naturwissenschaftliche Hypothese hinführt. Wir befinden

uns der Organisation der Zelle gegenüber genau in der Lage wie ein

Mechaniker, dem aufgegeben wird, aus einer nach aussen hervortretenden

Wirkung ein ausserordentlich complicirt zusammengesetztes mechanisches

Kunstwerk, bei welchem alle nur erdenkbaren Mittel physikalischer und

chemischer Technik in Verwendung gekommen sind, mechanisch zu erklären,

ohne dass er in die unzähligen Structurtheile einen Einblick nehmen

kann, weil sie in ein festverschlossenes, undurchsichtiges Gehäuse

eingeschlossen sind.

Niemand vermag durch physikalisch-chemische Analysen zu beantworten,

warum an diesem oder jenem Ort unter Zug und Druck gewisse Zellen

Knochenbälkchen bilden, warum dort Zellen Speichelfermente absondern,

dort zur Empfindung von Licht oder Schall oder Geruch geeignet geworden

sind, oder gar sich zu einem Auge, einem Hör- oder Riechlabyrinth

zusammengeordnet haben. Zwar können wir überall bei den genannten

Bildungen Beziehungen zur umgebenden Natur nachweisen, die physikalisch

und chemisch als nothwendig erkannt und verstanden werden können;

der Naturprocess aber selbst, der zu ihrer Entstehung geführt hat,

die Thätigkeit der Zelle, welche alle diese zweckmässigen Bildungen

in’s Leben ruft, ist uns ebenso unverständlich wie der Process des

Empfindens und Denkens, der sich in unserem Sinnes- und Nervenapparat

abspielt.

Es zeugt daher von einem vollständigen Verkennen der Sachlage, wenn

Jemand behaupten wollte, die Entwicklung der Knochenstructur oder der

mechanischen Gewebe des Pflanzenkörpers nach mechanischen Principien

begriffen zu haben, was zur Zeit unmöglich ist. In Wahrheit hat er nur

nachgewiesen, dass der Knochen etc. nach mechanischen Principien gebaut

ist, was ja der Fall sein muss, wenn er mechanischen Zwecken dienen

soll. Er hat somit für den Knochen denselben Nachweis geliefert wie die

Physiologen vorausgegangener Jahrhunderte, als sie zeigten, dass die

Krystalllinse des Auges nach den Principien einer optisch verwendbaren

Glaslinse und das ganze Auge als eine Camera obscura eingerichtet sei,

oder dass die Membrana tympani des Ohres wie das Fell einer Trommel

in Schwingungen gerathe, oder dass der Kehlkopf wie eine membranöse

Zungenpfeife wirke.

Die Entwicklung des Auges, des Ohres, des Kehlkopfes sowohl wie des

Knochens hat noch Niemand mechanisch begriffen; und Gleiches lässt sich

von jedem Entwicklungsvorgang behaupten; denn überall treffen wir auf

den einer mechanischen Erkenntniss sich absolut entziehenden Factor,

welcher aber von allen der wichtigste ist, auf die Thätigkeit des

Zellenorganismus.

Wenn ich jetzt trotzdem auf die im Organismus der Zellen enthaltenen

Factoren des Entwicklungsprocesses etwas näher eingehe, so geschieht

es hauptsächlich deshalb, weil sie noch ein Material für einige

begriffliche Analysen darbieten. Wir wollen uns hierbei auf die Zellen

beschränken, welche bei den höheren Thieren als Ausgangspunkt für einen

neuen Entwicklungsprocess dienen können und hierfür sogar besonders

differenzirt sind, auf +Ei und Samenfaden+.

Beide haben, wie schon im ersten Buch besprochen wurde (S. 276),

keine andere Organisation als diejenige einer Zelle; sie haben daher

auch auf den Bau des aus ihrer Vereinigung entstehenden Geschöpfes

keinen anderen Bezug, als dass sie Zelleneigenschaften besitzen,

welche für eine bestimmte Species und für ein bestimmtes Individuum

derselben specifisch sind. Ferner wurde schon im ersten Buch das Axiom

aufgestellt, dass die beiden Geschlechtszellen zu den Eigenschaften des

neu entstehenden Geschöpfes gleich viel beitragen, dass im Samenfaden

die Charaktere der Species und die Besonderheiten des Individuums als

Zelleneigenschaften ebenso gut enthalten sind als im Ei.

Nun sind aber Ei und Samenfaden in ihrer Grösse, in der Quantität

und Qualität ihres Stoffes, sowie überhaupt in vielen Eigenschaften

sehr verschieden von einander. Daraus folgt, dass wir an ihnen

1. für beide gemeinsame und daher wesentliche und 2. für Ei und

Samenfaden besondere und daher mehr untergeordnete oder unwesentliche

Zelleneigenschaften als innere Factoren des Entwicklungsprocesses zu

unterscheiden haben.

I. Die in den Specialeigenschaften von Ei- und Samenzelle gegebenen

besonderen und mehr untergeordneten Factoren des Entwicklungsprocesses.

Ei und Samenfaden sind nicht bloss Träger der Erbmasse, sondern

zugleich auch für besondere Aufgaben des Befruchtungs- und

Entwicklungsprocesses in verschiedener Richtung extrem differenzirte

Elementartheile, wie gleichfalls früher (siehe „Die Zelle“ S. 218–233)

erörtert und begründet worden ist. Die Eizelle ist gleichsam ein

Nahrungsreservoir geworden, mehr oder minder reichlich gefüllt mit

Stoffen, die den Zweck haben, den sich bildenden Embryo für längere

Zeit zum Theil unabhängig von äusserer Nahrungszufuhr zu machen. Der

Samenfaden dagegen, vollständig entblösst von derartigen Stoffen,

ist die allerkleinste Zelle des Körpers geworden; mit einer Geissel

ausgerüstet und zur Fortbewegung fähig, ist sie lediglich für den Zweck

der Befruchtung differenzirt.

Ohne Frage übt die gewaltige Ansammlung von Dottermaterial in der

Eizelle auf den Ablauf des Entwicklungsprocesses, namentlich in

seinen frühesten Stadien, einen sehr tiefgreifenden Einfluss aus und

drückt ihm ein besonderes Gepräge auf. Dadurch sind viele Forscher

veranlasst worden, in dem Ei etwas mehr als eine einfache Zelle zu

sehen und es noch mit einer besonderen, gewissermaassen über die

Zelle hinausgehenden, höheren Organisation auszustatten. Ein solches

Streben macht sich auch in dem interessanten und ideenreichen Aufsatz

von ~Whitman~ geltend, zum Beispiel in den Sätzen: „Im Ei ist schon

vor aller Zellenbildung eine bestimmte Organisation vorhanden“

oder „die Organisation des Eies wird durch alle Wandlungen des

Entwicklungsprocesses hindurch als eine ungetheilte Individualität

übertragen.“

Je mehr in diesen und ähnlichen Aeusserungen ein richtiger Kern

enthalten ist, den wir sogleich herauszulösen versuchen wollen, um

so mehr ist ihnen gegenüber zu betonen, dass durch die beträchtliche

Stoffansammlung der Charakter des Eies als einer einfachen Zelle

nicht im Geringsten geändert wird, und dass auch die durch sie

hervorgerufenen Erscheinungen im Entwicklungsprocess als mehr

untergeordnete bezeichnet werden können, weil sie secundärer und

vergänglicher Art sind.

Massenzunahme einer Zelle bedingt an sich noch keine höhere Stufe der

Organisation. Das mit unbewaffnetem Auge kaum sichtbare kleine Ei des

Säugethieres hat als Anlagesubstanz denselben Werth wie das gewaltige

Straussenei. Trotz seines colossalen Wachsthums bleibt letzteres doch

nur eine Zelle, und wenn es in dieser Art auch noch weiter fortwüchse,

bis es an Volumen dem Thiere gleichkäme, zu dem es werden soll, es wäre

damit seinem Ziel, den Körper eines Straussen zu bilden, auch nicht

um eines Haares Breite näher gerückt. Das Wachsthum des Eies durch

Substanzaufnahme ersetzt nicht, was nur durch den Entwicklungsprocess,

welcher auf Zellenvermehrung und Zellendifferenzirung beruht, geleistet

werden kann. +Die Individualität des Eies als Zelle muss sich in

viele Zellenindividualitäten umwandeln+, wenn das Ziel der Entwicklung

erreicht werden soll.

Somit bleibt jetzt zu prüfen, in welcher Weise und in wie weit die

Ansammlung von Dotter in den Eizellen als ein besonderer Factor den

Ablauf des Entwicklungsprocesses beeinflusst.

Hier ist hervorzuheben, dass das sich ansammelnde Dottermaterial aus

verschiedenartigen Substanzen von ungleichem specifischem Gewicht und

von sehr verschiedenem Werth für die Lebensprocesse, aus Protoplasma

und aus Deutoplasma etc., zusammengesetzt ist. -- Protoplasma und

Deutoplasma werden nach ihrer Schwere, vielleicht auch noch nach

anderen Verhältnissen, im Eiraum ungleich vertheilt. Hierdurch erhalten

in manchen Thierclassen die Eier eine Organisation, welche man als

+polare Differenzirung+ etc. bezeichnet hat. In ihrer einen Hälfte

hat sich mehr das schwerere Deutoplasma, in der anderen das leichtere

Protoplasma angesammelt. Da in Folge dessen ihr Schwerpunkt excentrisch

zu liegen kommt, müssen die Eier, sofern nicht andere Momente der

Schwerkraft entgegenwirken, eine feste Ruhelage im Raum einzunehmen

suchen.

Ausser der polaren Differenzirung scheint sich +bei manchen Eizellen

zugleich noch eine bilateral-symmetrische Organisation auszubilden+.

Die Substanzen von ungleicher Schwere und verschiedenem physiologischem

Werth sind dann zu beiden Seiten einer +Symmetrieebene+ gleichmässig

vertheilt. Da die Symmetrieebene sich stets der Schwere nach

senkrecht einstellen wird, kommt ihr auch noch die Bedeutung einer

+Gleichgewichtsebene zu+.

Eine bilateral-symmetrische Organisation scheinen die Eier der

Amphibien zu besitzen, was sich namentlich am Ei von Rana esculenta

erkennen lässt, wenn es sich nach der Befruchtung so einstellt, dass an

einer Seite der unpigmentirte Dotter in Form eines Halbmondes zu sehen

ist.

Wie Eier mit bilateraler Symmetrie, gibt es vielleicht auch Eier,

in welchen +Protoplasma und Deutoplasma nach einem radiären Typus+

vertheilt sind, oder in welchen ein solcher sich nach den ersten

Furchungen ausbildet. Vielleicht gehören die Eier der Ctenophoren

hierher.

Bei der Ansammlung von Dotter gewinnen ausserdem die Eier je nach den

Thierarten eine kugelige oder eine ovoide oder eine tonnenförmige oder

eine cylindrische Gestalt.

Durch die in der Form des Eies und in der Differenzirung seines

Inhaltes gegebenen Verhältnisse wird ein sehr eingreifender,

gewissermaassen richtender Einfluss auf eine ganze Reihe von

Entwicklungsprocessen, am meisten aber auf die ersten Stadien,

ausgeübt; er ist schon von ~Haeckel~ in seiner Gastraeatheorie bei

der Erklärung der verschiedenen Formen der Keimblase und Gastrula in

ausgezeichneter Weise verwerthet, seitdem von vielen Forschern als

Ursache für diese oder jene Erscheinung erkannt, aber in seiner sehr

verschiedenartigen und grossen Tragweite doch nur zum Theil genügend

gewürdigt worden.

Erstens bestimmen Form und Differenzirung der Eizelle die mit einem

hohen Grade von Gesetzmässigkeit auftretenden +Richtungen ihrer

ersten Theilebenen+. Es kommen hierbei die im ersten Buch (S. 172)

auseinandergesetzten, schon im Jahre 1884 von mir formulirten Regeln

zur Geltung.

Zweitens üben die Form und die Differenzirung der Eizelle einen

Einfluss auf die Grösse und Beschaffenheit der sich entwickelnden

Embryonalzellen aus. Bei dem Furchungsprocess sind nämlich die einzigen

Stofftheilchen, welche eine Zunahme und zugleich eine Verlagerung im

Eiraum erfahren, die Kernsubstanzen. Sie ändern die Lage, weil nach

jeder Theilung die Tochterkerne in entgegengesetzter Richtung aus

einander rücken, als ob sie sich wie die gleichnamigen Pole zweier

Magnete gegenseitig abstiessen. Hiervon abgesehen, wird durch die

Zerlegung der grossen Eizelle in immer kleiner werdende Tochterzellen

die von vornherein gegebene räumliche Vertheilung der Stofftheile von

verschiedener Schwere und von verschiedenem Werth im Ganzen wenig

geändert. Daher sind bei polar differenzirten Eiern die nach unten

gelagerten Zellen auch auf späteren Entwicklungsstadien reicher an

Deutoplasma, die nach oben gelegenen dagegen reicher an Protoplasma.

Ferner hängt mit der Verschiedenheit ihres Inhalts stets auch ein

Unterschied in ihrer Grösse zusammen. Denn wie ich gleichfalls schon

im Jahre 1884 nachgewiesen habe, bewegt sich der Kern stets nach dem

protoplasmareichen Abschnitt der Zelle hin; er sucht, indem Protoplasma

und Kern ja in den mannigfachsten Wechselwirkungen stehen, wie ich

mich ausdrückte, stets die Mitte seiner Wirkungssphäre einzunehmen.

Daher rückt nach der Befruchtung der Kern im polar differenzirten Ei

nach dem animalen Pole hin und kommt excentrisch zu liegen; in Folge

dessen werden beim Amphibienei durch die dritte Theilung Zellen von

sehr ungleicher Grösse, vier kleine animale und vier grosse vegetative,

gebildet. Ausserdem wird die Ungleichheit der Zellen noch weiter

dadurch gesteigert, dass nach der von ~Balfour~ aufgestellten Regel

protoplasmareiche Zellen sich rascher theilen als protoplasmaärmere. In

Folge beider Momente müssen sich im Ei verschiedene Bezirke ungleich

grosser und mit verschiedener Geschwindigkeit sich vermehrender Zellen

ausbilden, Bezirke, welche schon vor der Theilung gewissermaassen der

Anlage nach in der beschriebenen Organisation der Eizelle angedeutet

sind. Nur werden die Ungleichheiten, die Anfangs zum Theil kaum

wahrnehmbar sind, im Laufe der Entwicklung immer schärfer ausgeprägt.

Drittens beeinflussen Form und Differenzirung der Eizelle den Ort,

an welchem innerhalb ihrer Dottermasse spätere Entwicklungsprocesse

ihren Ausgang nehmen, und die Richtung, in welcher sie sich selbst

vollziehen. So wird am meroblastischen Ei der Fische, Reptilien und

Vögel der embryonale Entwicklungsprocess auf eine kleine Stelle des

gewaltigen Eies, auf die Keimscheibe, beschränkt; von ihrem Rand geht

die Gastrulaeinstülpung aus. Ebenso vollzieht sich die Urmundbildung

am Ei der Amphibien stets an der Uebergangsstelle der animalen in die

vegetative Hälfte der Keimblase innerhalb der sogenannten Randzone etc.

Ja, es lassen sich sogar, wie es scheint, noch genauere Localisationen

vornehmen, indem der Bereich, wo die kleinsten und am raschesten sich

theilenden Embryonalzellen liegen, zum Ort der Gastrulaeinstülpung

wird. Ist dieser aber einmal gegeben, so ist über die Lage und

Richtung, in welcher sich eine Reihe anderer Organdifferenzirungen

vollziehen muss, entschieden, so über den Ort, an welchem sich die

vordere Hirnplatte und das vordere Chordaende anlegen müssen; es ist

gewissermaassen +ein fester Krystallisationsmittelpunkt für die

thierische Formbildung gegeben+. Von beiden Enden der Urmundrinne

aus setzt sich der Einstülpungsprocess continuirlich fort und zieht

einen Zellenbezirk nach dem andern in die von einer kleinen Stelle

aus eingeleitete Substanzbewegung mit allen ihren weiteren Folgen mit

hinein.

Als Beispiele für derartige Localisationen erwähne ich das Hühner- und

das Froschei. An der Keimscheibe des Hühnereies zeigen schon während

des Furchungsprocesses vordere und hintere Hälfte unterscheidende

Merkmale. Denn vorn verläuft die Furchung an der Keimscheibe etwas

langsamer als hinten. Dort findet man grössere, hier kleinere und

zahlreichere Embryonalzellen (~Oellacher~, ~Kölliker~, ~Düval~). Am

kleinzelligen Rand entsteht später die Sichelrinne, auf dem vor ihr

gelegenen Feld die Medullarplatte.

In ähnlicher Weise giebt ~Oscar Schultze~ für das Froschei an, dass auf

dem Morulastadium sich zwei gegenüberliegende Bezirke in der Randzone

finden, ein Bezirk mit den kleinsten und ein Bezirk mit erheblich

grösseren Embryonalzellen. Innerhalb des ersteren beginnt sich später

der Urmund anzulegen.

Wenn man, durch äussere Momente geleitet, die Stelle erkennen kann, an

welcher am Ei des Hühnchens oder des Frosches vor Beginn der Furchung

das Protoplasma in stärkster Concentration angesammelt ist, so kann

man auch annähernd voraussagen, in welcher Gegend sich später die

erste Urmundeinstülpung zeigen wird. Denn an dieser Stelle werden

beim Furchungsprocess später die kleinsten Zellen entstehen, und

wird weiterhin die Wand der Keimblase die zur Einfaltung geeignetste

Beschaffenheit annehmen.

Daher ist auch die Möglichkeit gegeben, dass man am Froschei durch

äussere Eingriffe den Ort der Urmundbildung beeinflussen kann. Wenn

man ein Froschei zwischen zwei horizontalen Glasplatten ein wenig

comprimirt und diese dann schräg geneigt aufstellt, so kommt die

Uebergangsstelle der pigmentirten in die unpigmentirte Hälfte oder die

Randzone an einer Stelle höher als an der anderen zu liegen, und zwar

entsprechend dem nach oben gekehrten Rand der Glasplatten. In Folge

dessen sehen wir hier den Urmund sich an der höchsten Stelle des hellen

Feldes bilden. Dasselbe wird durch einfache Zwangslage der Eier in

der von ~Pflüger~ ausgeführten Weise erreicht, wie zuerst von ~Roux~

nachgewiesen worden ist. Der nach oben gekehrte Theil der Randzone ist

eben protoplasmareicher und wird sich daher rascher und in kleinere

Zellen abfurchen als ihr tiefer gelegener und daher dotterreicherer

Theil.

Wie den Ort, so nannte ich auch die Richtung, in welcher sich die

Entwicklungsprocesse vollziehen, als abhängig in gewissem Grade von der

Form der Eizelle und der Differenzirung ihres Inhaltes. Denn durch die

Zerlegung des Eikörpers in immer zahlreichere Zellen wird am Anfang der

Entwicklung weder die Form des Eies, noch die ursprünglich gegebene,

ungleiche Vertheilung seiner verschiedenen Substanzen in nennenswerther

Weise verändert, wie schon früher aus einander gesetzt wurde. Daher

müssen das ungefurchte Ei und die aus ihm hervorgehende Keimblase in

beiden Beziehungen Uebereinstimmungen aufweisen. +Die in der sich

entwickelnden Stoffmasse enthaltenen Richtungen und Unterschiede gehen

einfach von dem einen auf das nächste Stadium über. Ein ovales Ei

liefert eine ovale Keimblase; ein kugeliges, polar differenzirtes

und eventuell bilateral symmetrisches Ei geht in eine Keimblase mit

denselben Eigenschaften über. Ungefurchtes Ei und Keimblase müssen

daher annähernd auch dieselbe+ =Symmetrie-= +und+ =Gleichgewichtsebene=

+besitzen, da es für dieses Verhältniss gleichgültig ist, ob die durch

ihre Schwere unterschiedenen Substanzen den Raum einer einzigen,

grossen Zelle erfüllen oder auf den Inhalt vieler, denselben Raum

einnehmender Zellen vertheilt sind.+

Die Form der Keimblase und die ihr vom Ei überkommene ungleiche

Massenvertheilung ihrer Substanzen muss naturgemäss auch wieder auf die

nächst anschliessenden Entwicklungsstadien von Einfluss sein, auf die

Gastrula und auf die aus dieser sich entwickelnde Embryonalform, an

welcher die ersten charakteristischen Organe des Wirbelthierembryos,

Chorda und Nervenrohr, zum Vorschein kommen. Es kann daher nicht Wunder

nehmen, wenn auch diese sich in einem gewissen Grade gemäss der ersten

Organisation der Eizelle im Eiraum annähernd orientirt zeigen, und wenn

die Symmetrie- und Gleichgewichtsebene der ungetheilten Eizelle und

der Keimblase annähernd auch zur Symmetrieebene der Gastrula und des

Embryos mit den sichtbar werdenden Rückenwülsten wird.

Am deutlichsten treten solche Beziehungen an Eiern hervor, bei denen

eine Achse an Länge überwiegt. Bei den langgestreckten Insecteneiern

fällt die Längsrichtung des Embryos stets mit der langen Eiachse

zusammen, ebenso am ovalen Ei von Ascaris nigrovenosa und am ovalen

Ei der Tritonarten. Da letzteres zugleich polar differenzirt ist, und

die Längsachse nicht mit der Verticalachse zusammenfällt, so besitzt

es schon von Anfang an alle drei Hauptachsen, welche im Ganzen auch

mit den drei Achsen des Embryos in ihrer Lage später übereinstimmen.

Unter diesen Bedingungen entwickelt sich bei Triton die Längsachse der

Gastrula und weiterhin des Embryos in der Richtung der längsten Achse

des Eies.

Mit einem Wort: +Mit der anfangs gegebenen Massenvertheilung der

unentwickelten Substanz stimmt auch die Massenvertheilung der weiter

entwickelten Substanz überein.+ Ein solches Zusammenfallen wird a

priori als das natürlichste und einfachste erscheinen. Denn sollte

der spätere Längsdurchmesser des Embryos in die Richtung des anfangs

kürzesten Eidurchmessers zu liegen kommen, so müsste während der

Entwicklung die ganze Eisubstanz umgelagert werden, was jedenfalls ein

wenig zweckentsprechender Vorgang sein würde.

Bei manchen Thierarten kann man auf diese Weise vor der ersten

Theilung, wie von verschiedenen Forschern beobachtet worden ist,

dem Ei ansehen, wie später der Embryo in ihm orientirt sein wird;

man richtet sich hierbei nach der Form des Eies, nach kleinen,

äusserlich sichtbaren Unterschieden in der Substanzvertheilung, in der

Pigmentirung und nach anderen derartigen Merkmalen.

In diesem Sinne bezeichnete ich in einer Abhandlung, in der ich auf

die oben besprochenen Beziehungen aufmerksam gemacht habe, +das eben

befruchtete Ei gewissermaassen als eine Form, welcher sich der werdende

Embryo, besonders auf den Anfangsstadien der Entwicklung, in vielfacher

Beziehung anpassen muss+; oder an einer anderen Stelle: Die in der

Form des Eies und in der Differenzirung seines Inhaltes gegebenen

Verhältnisse üben auf eine ganze Reihe von Entwicklungsprocessen einen

sehr eingreifenden, gewissermaassen richtenden Einfluss aus.

Die Anwesenheit von reichlichem Dottermaterial im Ei verändert am

meisten die ersten Stadien des Entwicklungsprocesses, kann aber auch

noch die Gestaltung des Embryos in sehr späten Embryonalperioden

beeinflussen. Denn man bedenke nur, dass hiermit die bruchsackartige

Ausstülpung des Darmkanals und der Bauchwand, der sogenannte

Dottersack, bei vielen Fischen und allen Amnioten zusammenhängt;

dass der Dottersack wieder das eigenthümliche Gefässsystem der Vasa

omphalomesenterica zur Resorption der Dotterbestandtheile bedingt, ja

dass die ganze Ausbildung der Embryonalhüllen (Amnion, seröse Hülle,

Allantois) mit dem Dottergehalt des Eies in einem gewissen ursächlichen

Zusammenhang steht.

In diesem Sinne verstanden und genauer interpretirt, haben die früher

citirten Aussprüche von ~Whitman~ und ~Rauber~, sowie die Theorie

der organbildenden Keimbezirke von ~His~ eine gewisse Berechtigung

in sich. Allerdings muss man den richtigen Kern von präformistischen

Vorstellungen, die sich leicht an ihn anhängen, reinigen. In Bezug

hierauf hebe ich noch einmal, um von vornherein keine Missverständnisse

aufkommen zu lassen, besonders hervor, was ich schon in einem anderen

Buch aus einander gesetzt habe:

Die Ungleichheiten, die man an der unbefruchteten Eizelle in der

Vertheilung von Protoplasma und Dotter beobachten kann, ebenso auch die

Ungleichheiten, welche während des Furchungsprocesses in der Grösse und

Anordnung der Embryonalzellen und in ihrem Gehalt an Dottermaterial

entstehen, haben zunächst mit der Organdifferenzirung gar nichts zu

thun. Wie beim unbefruchteten, so spricht auch beim befruchteten und

abgefurchten Ei nichts dafür, dass die Zellen der verschiedenen, am

Ei unterscheidbaren Bezirke schon die specificirten Substanzanlagen

besonderer Organe repräsentiren; +vielmehr müssen wir behaupten, dass

erst dem weiteren Gang der Entwicklung vorbehalten ist, darüber zu

entscheiden, was aus den einzelnen Zellen werden wird+.

Eine jede Störung, die wir vor oder nach dem Eintritt des

Furchungsprocesses setzen, sei es, dass wir einen Theil der Substanz

dem Ei ganz wegnehmen oder sie zerstören, oder dass wir durch Eingriffe

Lage- und Formveränderungen am entwicklungsfähigen Material vornehmen

oder durch chemische Substanzen seine Eigenschaften verändern, kann

eine vollkommen andere Verwendung, in dem einen Fall der Substanz

des ungetheilten Eies, in dem anderen Fall der schon gebildeten

Embryonalzellen, bei der Entwicklung des embryonalen Körpers

hervorrufen; ja, es kann sogar dasselbe Material durch besondere

Umstände veranlasst werden, anstatt in einen einfachen Embryo sich in

zwei oder sogar drei Embryonen umzuwandeln.

Darum, weil im gewöhnlichen Lauf der Dinge ein Stadium der Entwicklung

das nächstfolgende und so fort nach einer festen Norm und in scheinbar

strenger Nothwendigkeit aus sich entstehen lässt, dürfen wir nicht

schliessen, es =müsse= nun jedesmal so sein, und +es könne überhaupt

nicht anders hergehen+, als ob gleichsam das in ferner Zukunft

liegende Ereigniss schon im frühesten Stadium fertig vorbereitet und

eingeschlossen sei und nur der Zeit harre, um in die Erscheinung zu

treten.

Wer solche Gedankengänge hegt, verkennt, wie ich schon mehrfach

hervorgehoben habe, die Bedeutung der Umstände oder der äusseren

Ursachen für den Process der Entwicklung, und er kommt so schliesslich

nothgedrungener Weise dazu, Eigenschaften in die Eizelle hinein zu

schachteln, welche ihr ganz fremd sind.

Man darf über die Art der Causalität, die zwischen den einzelnen

Entwicklungsstadien besteht, sich keine falschen, phantastischen

Vorstellungen bilden, indem man den festen Boden der durch Anschauung

gewonnenen Erfahrungen verlässt und, über sie hinausgehend, den

einzelnen Zuständen des Eies Eigenschaften andichtet, welche sinnliche

Anschauung nicht lehrt.

Wenn z. B. die ungleiche Vertheilung von Protoplasma und

Dottereinschlüssen im unbefruchteten Ei eine der Ursachen ist,

dass später Bezirke ungleich grosser Zellen entstehen, die sich

zugleich auch durch verschiedenen Gehalt an Protoplasma und Dotter

unterscheiden, so liegt doch bei diesem ursächlichen Verhältniss auf

der Hand, dass beide Anordnungen etwas sehr Verschiedenes sind. Die

ungleiche Dottervertheilung in der einfachen Eizelle ist in jeder

Hinsicht ein ganz anderes Verhältniss als die Zusammensetzung der

späteren Embryonalform aus kleineren und grösseren, substantiell

etwas von einander verschiedenen Zellen. Daher kann man auch gewiss

nicht sagen, dass die kleineren und grösseren Zellen im Ei schon

vor Beginn des Furchungsprocesses präformirt seien, wie denn zum

Beispiel von Kernsubstanz in den später von Zellen eingenommenen

Substanzbezirken keine Spur anzutreffen ist. +Nur Ursachen für ihr

späteres Zustandekommen oder allgemeine Anlagen dafür sind in der

ganzen Organisation der Eizelle, einmal in der Eigenschaft ihrer

Vermehrbarkeit durch Theilung, zweitens in der allgemeinen Disposition

ihrer Dottersubstanzen gegeben.+

Schon das Wort „=Anlage=“, wenn man es richtig versteht, besagt ja,

dass über das, was werden kann, erst noch entschieden werden muss --

durch andere Momente und Umstände. Ein solches Moment ist hier die

Eigenschaft der Zelle, sich zu theilen, wobei der Kern die führende

Rolle spielt.

Aber auch wenn dieses eine Moment in richtiger Weise eintritt, so kann

immer noch aus der Anlage etwas Verschiedenes hervorgehen, je nach den

weiteren Umständen, die noch in dieser oder jener Weise hinzutreten

können. Es kann der Furchungsprocess eines bestimmt organisirten Eies

die mannigfaltigsten, einander sehr unähnlichen Variationen darbieten,

je nachdem wir die im Ei gegebene Anlage (Disposition der verschiedenen

Substanzen) äusseren Eingriffen aussetzen. Das Kernmaterial kann

dadurch im Eiraum in der verschiedenartigsten Weise vertheilt werden;

die Zellen können andere Formen- und Grössenverhältnisse annehmen.

Trotzdem sind alle diese durch äussere Momente künstlich erzeugten

Verschiedenheiten ziemlich gleichgültig für den Fortgang und das

Product der Entwicklung, und lehren, wie ich schon hervorhob, dass

die Organisation des Eies, welche auf der Einlagerung von Deutoplasma

beruht, doch schliesslich nur ein untergeordnetes Moment von secundärer

und vergänglicher Art im Entwicklungsprocess ist.

+Das Wesentliche in den ersten Entwicklungsstadien ist nur die

Zerlegung des Eies in Zellen.+ Mag die Zerlegung in dieser oder

jener Weise vor sich gehen, in jedem Fall entsteht doch immer eine

zusammengehörige Masse von Embryonalzellen, welche die Anlage für das

nächstfolgende Stadium abgeben.

Zu dem gleichen Ergebniss führt uns auch die vergleichende Embryologie

der ersten Entwicklungsstadien bei einigem Nachdenken.

Eier von Thieren, die verschiedenen Stämmen angehören, können einen

sehr ähnlichen Furchungstypus und ähnliche embryonale Anfangsformen

darbieten, während Eier aus nahe verwandten Abtheilungen ein und

desselben Stammes sich in sehr verschiedener Weise furchen und in der

Beschaffenheit ihrer Keimblase und Gastrula ausserordentlich differiren

(Fische, Amphibien, Vögel, Säugethiere).

Die Einlagerung von Dottermaterial in das Ei drückt daher den ersten

Embryonalstadien, dem Furchungsprocess, dem Stadium der Keimblase,

Gastrula etc. etc., ein ganz charakteristisches Gepräge auf, aber auf

das Wesen der Thierart selbst und daher auch auf die Entstehung einer

besonderen Thierspecies hat es keinen Einfluss.

Denken wir uns aus dem Ei der Amphibien, Reptilien und Vögel den

Nahrungsdotter ganz entfernt, dagegen die nun klein gewordenen Zellen

in eine ihnen zusagende Nährlösung eingebettet, so würden sie sich, je

nach ihrer Art, zu genau denselben Thierformen entwickeln müssen.

Aus diesem Grunde lassen sich die im Dottermaterial enthaltenen Anlagen

der Eizelle im Hinblick auf die Endform, die erreicht werden soll, als

untergeordnete Factoren des Entwicklungsprocesses bezeichnen; somit

kommen wir auch auf diesem Wege zu demselben Resultate, zu welchem uns

schon der Vergleich des Eies und der Samenzelle geführt hatte, dass der

Samenfaden, obgleich er des Dottermateriales vollständig entbehrt, doch

ebenso gut Träger der Arteigenschaften ist als das oft viel tausend Mal

grössere Ei.

II. Ei und Samenfaden als gleichwerthige Träger der Arteigenschaften.

Das Idioplasma als innerer Factor des Entwicklungsprocesses.

Aus Gründen, die im Buch „Die Zelle“ (S. 275–286) aus einander gesetzt

worden sind, wurde einerseits von ~Nägeli~ der Begriff des Idioplasmas

als des Trägers der erblichen Eigenschaften entwickelt, andererseits

von mir nachzuweisen versucht, dass das Idioplasma in der Kernsubstanz

von Ei- und Samenzelle enthalten ist.

Für die Berechtigung solcher begrifflichen Unterscheidungen spricht

ferner sowohl die im vorausgegangenen Abschnitt angestellte

Betrachtung, als auch eine Analyse der Processe, die sich von der

Befruchtung an im Ei vollziehen.

Mit dem Beginn des Entwicklungsprocesses wird das Ei der Schauplatz

sehr complicirter chemischer Stoffumwandlungen. Die durch Verschmelzung

von Ei und Samenkern entstandene winzige Substanzmasse beginnt nach

einem gewissen Rhythmus zu wachsen und sich dabei nach einem Gesetz im

Eiraum zu vertheilen. Während das Ei nach seiner Entleerung aus dem

Eierstock als Ganzes nicht mehr wächst, beginnt mit dem Eintritt der

Entwicklung die +kleine Substanzmasse, in welcher wir das Idioplasma

~Nägeli~’s erblicken, auf Kosten der angesammelten Nährmaterialien zu

wachsen+.

Die chemische Zusammensetzung des Eies wird dadurch auf das

Gründlichste umgeändert. Um sich eine Vorstellung davon zu machen, +wie

viel Eimaterial während der Entwicklung in Kernsubstanz übergeführt

wird+, vergleiche man die ungetheilte Eizelle mit der aus der Eihaut

ausschlüpfenden Larve eines Echinoderms. Dort beträgt die Kernsubstanz

kaum einen tausendsten Theil des Eies und bei sehr dotterreichen Eiern

sogar nur einen geringen Bruchtheil eines millionstel Theils. Hier hat

sie auf Kosten des Protoplasmas so zugenommen, dass sie schätzungsweise

ein Drittel oder ein Viertel der Gesammtmasse der ursprünglichen

Eisubstanz ausmacht.

+Diese chemische Seite des Entwicklungsprocesses ist aller Beachtung

werth.+ Denn wie ich schon in meiner 1884 erschienenen Abhandlung:

„Das Problem der Befruchtung und der Isotropie des Eies, eine Theorie

der Vererbung“ mit Nachdruck hervorgehoben habe, ist am Anfang

der embryonalen Entwicklung „das Wesentlichste und Wichtigste die

Vermehrung, Individualisirung und gesetzmässige Vertheilung der

Kernsubstanz“.

In chemischer Hinsicht lassen sich in der Entwicklung des Eies

drei verschiedene Perioden unterscheiden, welche ein durchaus

charakteristisches Gepräge tragen.

a. Erste Periode in der Eientwicklung.

Die erste Periode gehört der Vorentwicklung des Eies im Ovarium an.

Die während ihrer Dauer sich abspielenden chemischen Processe bestehen

in einer Aufnahme und Ausbildung von Nährmaterialien, durch welche bei

manchen Thierarten das Ei eine für einen Elementartheil ganz colossale

Grösse erreicht. In seinem morphologischen Charakter wird hierbei

das Ei nicht verändert, es bleibt -- mag es auch die gewaltigsten

Dimensionen annehmen -- eine einfache Zelle.

b. Zweite Periode in der Eientwicklung.

Erst mit der Reife und Befruchtung des Eies beginnt die zweite Periode,

in welcher an Stelle der früheren ganz anders geartete chemische

Processe plötzlich in den Vordergrund treten und alle Veränderungen

beherrschen.

Eine ursprünglich kleine Stoffmasse, die durch Verschmelzung von Ei-

und Samenkern gebildete Kernsubstanz, hebt jetzt plötzlich an, auf

Kosten des übrigen vorher angesammelten Stoffgemenges periodisch zu

wachsen; hierbei wird die Qualität der Eisubstanz, gleichzeitig aber

auch ihre Organisation als Zelle Schritt für Schritt verändert: durch

den Furchungsprocess, durch die Anlage der Keimblätter, durch die

ersten Organanlagen. Die zweite Periode in der Eientwicklung kann daher

auch als die Periode des Wachsthums der Kernsubstanz, gleichzeitig aber

auch als organisatorische bezeichnet werden, da die chemischen Processe

mit Zellen- und Organbildung einher gehen.

Durch das Wachsthum der Eizelle durch Stoffaufnahme (Nahrungsdotter)

vor der Befruchtung ist die zweite oder die organisatorische Periode

mit ihrem Wachsthum der Kernsubstanz so vorbereitet worden, dass nach

der Befruchtung sofort die ihr eigenthümlichen chemischen Processe

in beschleunigtem Tempo ablaufen können, weil es an dem geeigneten

Material für Kern- und Zellenbildung nicht fehlt.

Wenn wir diesen Gesichtspunkt im Auge behalten, dann scheint mir der

Schluss nicht so weit abzuliegen, dass diejenige Substanz, die wir

in der zweiten Entwicklungsperiode allein wachsen sehen, auch für

die anderen Vorgänge, die mit ihrem Wachsthum zusammenhängen, in

erster Linie verantwortlich zu machen ist, also für die Zerlegung

des Dottermaterials in Zellen, was wohl zur Zeit von Niemand mehr

bestritten werden wird, dann aber auch für die Anordnung der Zellen

und ihre Sonderung in die einzelnen Schichten und Organe, wobei die

im VIII.-XII. Capitel besprochenen äusseren und inneren Factoren des

Entwicklungsprocesses oder die Bedingungen in ihrer Art mitwirken.

So führt uns auch der eben durchgeführte Gedankengang wieder zur

Hypothese, dass in der Kernsubstanz das Idioplasma oder der als Träger

der erblichen Eigenschaften wirksamste Theil der Zelle zu suchen ist.

Als Einwand gegen unsere Auffassung hat man unter Anderem geltend

gemacht, dass sich der Kern vom Protoplasma nicht trennen lasse,

und dass er getrennt von ihm zu Grunde gehe, oder man hat dagegen

angeführt, dass Kern und Protoplasma einen beständigen Stoffaustausch

mit einander unterhalten.

Das sei Alles zugegeben, wie ich denn selbst stets hervorgehoben und

Beweise dafür zu erbringen versucht habe, dass der Kern einen Einfluss

durch seinen Stoffwechsel auf das Protoplasma ausübt und ebenso

auch auf Kosten des Protoplasmas oder der in ihm eingeschlossenen

Stoffe sich ernährt und wächst. Nur kann ich nicht hieraus, wie

~Verworn~, als etwas Selbstverständliches den Schluss ziehen, dass

dann jede Berechtigung fehle, einen +einzigen+ Zellenbestandtheil als

Vererbungsträger zu bezeichnen, und +dass dann das Protoplasma der

Zelle genau von dem gleichen Werth für die Vererbung wie der Kern sein

müsse+.

Wenn in einem centralisirten Organismus auch alle Theile zusammen

gehören und von einander getrennt nicht zu bestehen vermögen, so kann

doch jeder Theil im Organismus eine besondere Rolle spielen, welche

aufzusuchen die Aufgabe der Wissenschaft ist.

Bei den höheren Organismen verlegen wir, worüber in früheren Zeiten

ja auch sehr heftig gestritten worden ist, den Process des Denkens

hauptsächlich in das Gehirn hinein und lassen uns in dieser Ansicht

nicht dadurch stören, dass zwischen Hirn und dem übrigen Körper

ebenfalls fortwährend ein Stoff- und Kraftwechsel stattfindet,

durch welchen auch die Hirnfunctionen, wie Jedermann weiss, sehr

wesentlich beeinflusst werden. Den Drüsen legen wir die Function,

Verdauungssecrete zu bereiten, bei, obwohl doch der Blutkreislauf und

das Nervensystem bei dem Vorgang auch betheiligt sind. Oder bleiben

wir bei der Zelle stehen, so legen wir das Vermögen energischer

Zusammenziehung der quergestreiften Muskelsubstanz bei, obwohl sie von

dem Protoplasma, ferner wohl auch von dem Kern in vielen Beziehungen

beeinflusst wird, ohne welche beide sie nicht bestehen kann, durch

deren Vermittelung sie ernährt und immer wieder neugebildet wird.

Die Stoffwechselgemeinschaft verschiedener Gebilde eines Organismus

kann daher wohl nicht als Grund gegen eine Theorie angeführt werden,

durch welche dem Protoplasma und der Kernsubstanz eine verschieden hohe

Organisation und eine damit zusammenhängende verschiedene Rolle als

Träger erblicher Eigenschaften zugewiesen wird.

Auch wird damit selbstverständlicher Weise gar nicht geleugnet, dass

bei der Entstehung eines Organismus das im Ei enthaltene Protoplasma

oder soweit solches noch im Samenfaden zugegen sein sollte, auch

dieses +seine+ Eigenschaften direct vererbt. Das scheint uns

selbstverständlich, ist auch im Buch „Die Zelle“ (S. 287) ausdrücklich

erwähnt worden. Es beweist aber nichts gegen die durch viele Gründe

unterstützte Theorie, dass für die Uebertragung erblicher Charaktere in

erster Linie und zu allermeist die feinere Organisation des Idioplasmas

oder der Kernsubstanz verantwortlich zu machen ist, jener Substanz,

die durch ihren Einschluss in ein besonderes Bläschen den gröberen

Vorgängen des Stoffwechsels im Ernährungsplasma entzogen ist und durch

die complicirten Processe der Kerntheilung, ihr Verhalten bei der

Reife und Befruchtung des Eies etc. etc. schon anzeigt, dass ihr durch

ihre feinere Organisation eine besondere Rolle im Zellenleben zufällt.

(Siehe Zusatz 1.)

c. Die dritte Periode in der Eientwicklung.

Von der zweiten Periode, welche durch die Vermehrung der Kernsubstanz,

ihre gesetzmässige Vertheilung im Eiraum und die hiervon beherrschten

organisatorischen Processe in der Anordnung der Zellen gekennzeichnet

wird, ist die dritte Periode ebenfalls wieder durch die Natur

der chemischen Processe, welche in ihr die Oberhand gewinnen,

sehr wesentlich verschieden. Es werden nämlich jetzt aus dem

Eimaterial von den in verschiedene Organe gesonderten Zellen die

+sehr verschiedenartigen chemischen Producte gebildet, auf deren

Anwesenheit die specifischen Leistungen der einzelnen Organe und Gewebe

beruhen+: Mucin, Chondrin, Glutin, Ossein, Elastin etc., specifische

Drüsensecrete, die Substanz der Muskel- und Nervenfibrillen etc.

+Indem mit der Gewebebildung die Plasmaproducte immer mehr anwachsen,

treten ihnen gegenüber Protoplasma und Kernsubstanz selbst in den

Hintergrund, gleichzeitig aber gewinnt der Organismus den höchsten

Grad seiner Leistungsfähigkeit, welche an die verschiedenen Arten

der Protoplasmaproducte gebunden ist. Diese können daher als die

Arbeitsmittel des Organismus bezeichnet werden.+

Die an dritter Stelle unterschiedenen chemischen Processe sind daher

der Periode der histologischen Differenzirung und der functionellen

Thätigkeit des Organismus eigenthümlich.

Zusatz 1 zu Seite 269.

In seiner allgemeinen Physiologie (S. 526) bemerkt ~Verworn~: „Mit

dem Gedanken einer einzelnen ‚Vererbungssubstanz‘, die irgendwo in

der Zelle localisirt sein und bei der Fortpflanzung übertragen werden

soll, wird sich die physiologische Denkweise kaum jemals befreunden

können. Eine Substanz, welche die Eigenschaften einer Zelle auf ihre

Nachkommen übertragen soll, muss vor allen Dingen lebensfähig sein,

d. h. muss einen Stoffwechsel haben, und dieser ist nicht möglich

ohne ihren Zusammenhang mit den anderen, zum Stoffwechsel einer Zelle

nöthigen Substanzen, d. h. ohne die Integrität +aller+ wesentlichen

Zellbestandtheile. Dann fehlt aber jede Berechtigung, einen +einzigen+

Zellbestandtheil als Vererbungsträger zu bezeichnen“ etc.

Nach den auf Seite 268 und 269 gegebenen Erläuterungen kann ich nicht

glauben, dass zu der Vererbungsfrage die Physiologen eine wesentlich

andere Stellung als die Morphologen einnehmen sollten. Denn die

Idioplasmatheorie von ~Nägeli~, sowie die von mir und ~Strasburger~

aufgestellte Theorie, dass das hypothetische Idioplasma in den

Kernsubstanzen der Zellen enthalten sei, ist aus physiologischen

Erwägungen entsprungen, welche an Thatsachen der allgemeinen Anatomie

angeknüpft worden sind; es sind also ihrem Wesen nach physiologische

Theorieen. Der von ~Verworn~ als Gegenargument aufgestellte

„physiologische Gesichtspunkt“ des nicht trennbaren Stoffwechsels

zwischen Kern und Protoplasma trifft gar nicht den Kernpunkt der Frage,

um welche es sich in den oben genannten zwei Vererbungstheorieen

handelt.

Der von ~Verworn~ aufgestellte Satz: „Was den Charakter einer jeden

Zelle bestimmt, ist ihr eigenthümlicher Stoffwechsel“ muss wohl

richtiger in seiner zweiten Hälfte in die Worte geändert werden: „ist

die ihr eigenthümliche Organisation“.

Literatur zu Capitel XVIII.

1) =Driesch.= _Analytische Theorie der organischen Entwicklung. Seite

13. Leipzig 1894._

2) =Oscar Hertwig.= _Das Problem der Befruchtung und der Isotropie des

Eies. Eine Theorie der Vererbung. Jena 1884._

3) +_Derselbe._+ _Ueber den Werth der ersten Furchungszellen für die

Organbildung des Embryo. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. XLII. 1893._

4) +_Derselbe._+ _Die Tragweite der Zellentheorie. Die Aula, Wochenbl.

f. d. akadem. Welt. Jahrg. I. 1895._

5) +_Derselbe._+ _Zeit- und Streitfragen der Biologie. Heft 2. Mechanik

und Biologie. Seite 170–196. Jena 1897._

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 197 / 225 题