VIERZEHNTES CAPITEL.

Die Specificität der Zellen.

Unter den Histologen herrscht ein weit verbreitetes Dogma, das man

als „die Specificität der Zellen“ bezeichnen kann. Obwohl ich meine

entgegengesetzte Auffassung schon im sechsten und dreizehnten Capitel

dargelegt habe, sei im Hinblick auf die Wichtigkeit des Gegenstandes

das Thema auch noch in anderer Weise für sich erörtert.

Was das Dogma von der Specificität der Zellen zu bedeuten hat, darüber

haben sich ~Bard~, ~Pfitzner~, ~Hansemann~, ~Nussbaum~ in klarer

Weise und, wie ich fast glaube, im Sinne der Mehrzahl der Histologen

ausgesprochen.

~Bard~ hat in einem besonderen unser Thema behandelnden Artikel den

Satz aufgestellt: „Omnis cellula et cellula ejusdem generis.“ Der

Zusatz „+ejusdem generis+“ soll hier sagen, dass es in einem Organismus

generisch verschiedene Zellen, d. h. verschiedene Species von Zellen

gibt. +Der Begriff der Species, wie er sich durch Untersuchung des

Pflanzen- und Thierreiches ausgebildet hat, oder der naturhistorischen

Art, wie sie ~Nägeli~ genannt hat, wird auf das Verhältniss der Zellen

im Organismus übertragen.+ Wie sich das Thierreich aus verschiedenen

Species von Thieren, so setzt sich der Organismus aus verschiedenen

Species von Zellen zusammen. +Wie eine jede Thierart nur ihresgleichen

zeugt, so soll auch eine specifische Zelle oder eine Zellenspecies

nur wieder eine Zelle ejusdem generis hervorbringen können.+ Eine

Metamorphose verschiedener Gewebe in einander oder eine Metaplasie

wird daher in Abrede zu stellen oder in ihrer allgemeinen Bedeutung

wenigstens abzuschwächen versucht.

~Pfitzner~ bezeichnet es in einer kürzlich erschienenen Schrift als

„ein ganz allgemein gültiges Gesetz, dass Differenzirungsproducte eo

ipso auch Specificität erlangen“. Das Wort „Specificität“ aber definirt

er gleich noch genauer in der Weise: „Wenn Wolf und Fuchs auch einen

gemeinsamen Stammvater haben, so erzeugt doch seit der Trennung der

Wolf nur Wölfe, niemals Füchse. Muskelzelle und Nervenzelle sind

Theilungsabkömmlinge einer und derselben Zelle, aber seit sie sich

differenzirt haben, sind sie specifische Zellen, gehen nicht mehr in

einander über.“

Ueber die Specificität der Gewebe handelt in eingehender Weise auch

~Hansemann~, wobei er auf Verschiedenheiten der Mitosen grossen Werth

legt und die Hypothese ~Weismann~’s von der erbungleichen Theilung zu

demonstriren sucht:

„Wenn sich das Schleimgewebe des Foetus in Fettgewebe verwandelt, das

Schleimgewebe des Glaskörpers aber nicht, so ist das schon allein ein

Zeichen, dass man es mit zwei verschiedenen +Arten von Schleimgewebe+

zu thun hat. Dass Bindegewebe und Bindegewebe nicht überall dasselbe

ist, geht eigentlich schon aus der gewöhnlichen Betrachtungsweise

hervor, wenn man z. B. das Bindegewebe der Cutis mit dem des Ovariums

vergleicht, und die Mitosen zeigen auch hier erhebliche Unterschiede.

Ja, ich bin geneigt anzunehmen, dass +das Bindegewebe jedes Organs ein

specifisches ist+, und zwar besonders auf Grund der Formen der Mitosen.“

Nach unserer Meinung liegt hier eine Lehre vor, welche fundamentale

Vorgänge der organischen Entwicklung in einem ganz falschen Lichte

erscheinen lässt und um so gefährlicher ist, weil sie gewöhnlich als

etwas Selbstverständliches behandelt und unbesehen als eine Art von

Dogma angesehen wird.

Wir stellen ihr die These gegenüber: Der Process der Arbeitstheilung

und Differenzirung, wie er sich zwischen den Zellen eines Organismus

vollzieht, beruht auf anderen Grundlagen als der Process der

Speciesbildung im Thier- und Pflanzenreich und ist vielmehr in seinem

Wesen dem analogen Vorgang in der menschlichen Gesellschaft zu

vergleichen.

Wenn eine Zelle eine bestimmte Aufgabe innerhalb eines Organismus

übernimmt, so verliert sie nicht deswegen die übrigen Eigenschaften,

welche sie nebst den übrigen Zellen von der Stammzelle des

Organismus ererbt hat, ebensowenig wie ein Mensch, der als einseitig

functionirendes Werkzeug in den gesellschaftlichen Organismus

eingegliedert ist, etwa dadurch der allgemeinen Eigenschaften

„menschlicher Art“ verlustig wird. Die Zelle kann zwar ihrer besonderen

Function gemäss Structuren bilden, wodurch sie äusserlich von den

übrigen Zellen verschieden erscheint. Aber diese Verschiedenheit

erstreckt sich nicht tiefer, als auf die mit der besondern Function

zusammenhängende besondere Structur; sie lässt das sonstige Wesen der

Zelle im Grossen und Ganzen unberührt, unberührt die Organisation des

Idioplasmas, welches sie als Erbtheil von der Stammzelle erhalten hat.

Auch wirken ja innerhalb eines Organismus, wenn wir von den

localisirten Bedingungen absehen, welche in den Zellen die Entwicklung

einer besonderen Function hervorrufen, auf alle Zellen unzählige

Bedingungen ein, welche den Organismus im Ganzen betreffen und die

Einheit seiner Zellen fortwährend erhalten, nämlich alle äussern und

innern Factoren, welche das Leben des Organismus bestimmen. Die auf

ihrer Abstammung beruhende Artgleichheit der Zellen wird dadurch,

dass sie zu Theilen einer höheren organischen Einheit verbunden

werden, nicht zerstört, wie es die Lehre von ~Weismann~ und von der

Specificität der Zellen will, sondern befestigt und erhalten.

An der Organisation einer Zelle haben wir zwei verschiedene Seiten

zu unterscheiden: 1. eine Organisation, welche ihr kraft ihrer

Abstammung von einer Mutterzelle zukommt, welche in der micellaren

Structur des Idioplasma, der Erbsubstanz, ihren Ausdruck findet, und

deren Eigenthümlichkeit in der über unermessliche Zeiträume sich

erstreckenden Kette des organischen Entwicklungsprozesses begründet

und befestigt ist, und 2. eine Organisation, welche die Zelle durch

vorübergehende Bedingungen, unter welche sie als Theil des Organismus

geräth, zur Ausübung einer bestimmten Function erwirbt. Diese prägt

sich in Structuren aus, welche durch den Lebensprocess der Zelle

(besonders durch ihre formative Thätigkeit) jedes Mal neu geschaffen

werden. Die erste Art von Organisation macht das Wesen der Zelle aus,

ist für sie gewissermaassen ein Charakter indelebilis; im Vergleich

zu ihm erscheint die durch eine besondere Arbeitsleistung erworbene

Structur als etwas Nebensächliches und Unwesentliches.

Um uns der von ~Hansemann~ angeführten Beispiele in unserem Sinne zu

bedienen, so sind die verschiedenen Modificationen des Bindegewebes

nur der Ausdruck für die verschiedenen Bedingungen, unter denen sich

das Bindegewebe an verschiedenen Stellen des Körpers befindet und

entwickelt hat. Wenn also im Auge das Schleimgewebe des Glaskörpers

sich nicht in Fettgewebe verwandelt, während es an anderen Orten

geschieht, so hat dieser Unterschied seinen zureichenden Grund darin,

dass es sich eben im Auge unter anderen Bedingungen als anderwärts

befunden hat und befindet. Der Organismus der Zelle hat die allgemeine

Eigenschaft, unter verschiedenen Bedingungen in verschiedener Weise

zu reagiren und vermöge einer veränderten formativen Thätigkeit die

mannigfachsten Bildungsproducte zu liefern.

Die Bedingungen aber können sich im Laufe der Entwicklung oder des

Lebens einer Zelle verändern. In Folge dessen kann jede erworbene

Structur, die in ihrem Bestand an eine Bedingung geknüpft ist, bei

Veränderung derselben, wie wir es so oft sehen, von der Zelle selbst

wieder vernichtet werden. (Siehe Seite 199.)

Eine Fettzelle kann ihr Fett wieder allmählich verlieren; Gallertgewebe

kann durch Einlagerung von Bindegewebsfasern oder von Chondrin

allmählich in faserige Bindesubstanz oder in Knorpel umgewandelt

werden; Knorpel und Knochen-Grundsubstanz kann wieder vollständig

resorbirt werden; quergestreifte Muskelsubstanz kann an Menge abnehmen

oder auch ganz verschwinden; und so sind alle Bildungsproducte der

Zellen, auf deren Anwesenheit ihre besondere Function beruht, dem

Wandel unterworfen; sie unterliegen je nach den zur Zeit vorwaltenden

Bedingungen der Atrophie und Hypertrophie, der Resorption und

Degeneration, der Metaplasie.

+Die sogenannten specifischen Charaktere eines Gewebes sind zugleich

und allein auch die unbeständigen+; dagegen brauchen die Zellen selbst

bei diesem Wechsel nicht vernichtet zu werden, sondern können unter

veränderten Bedingungen in ihren allgemeinen Eigenschaften bestehen

bleiben. Eine Zelle kann sich histologisch differenziren, das heisst

durch Ausbildung von specifischen Protoplasmaproducten secundäre

Charaktere gewinnen, aber sie wird dadurch nicht zu einer neuen

Species, einer neuen „Artzelle“ umgewandelt, sie verliert nicht ihre

primäre Organisation, welche auf dem ererbten Bau ihres Idioplasmas

beruht, und welche durch Theilung von Zelle zu Zelle übertragen

wird und allen Zellen eines Organismus trotz ihrer histologischen

Differenzirung gemeinsam ist.

+Ein ähnliches Verhältniss zwischen erworbener, secundärer,

unbeständiger Organisation einerseits und ererbter, primärer,

beständiger Organisation andererseits ist, wie bei den Zellen, auch

sonst bei Lebewesen vielfältig zu beobachten: so bei einzelligen

Organismen und bei polymorphen Thierstöcken.+

Auch unter den Einzelligen gibt es viele, die, wie manche Infusorien,

Gregarinen etc., uns unter verschiedenen, in einer regelmässigen

Folge verbundenen Formen entgegentreten. Auch hier haben wir es,

woran ja jetzt kein Forscher zweifelt, in den Verschiedenheiten mit

Anpassungscharakteren zu thun, durch deren Wechsel der +Artcharakter+,

der, auf einer beständigen Organisation beruhend, sich fort und fort

in der gleichen Weise auf immer neue Generationen von Einzelligen

vererbt, gar nicht berührt wird. Wie bei den Geweben bestehen auch die

Einzelligen aus zwei, ihrer Bedeutung nach verschiedenen Substanzen,

aus dem beständigen Idioplasma, das seine Organisation in unveränderter

Weise von Generation zu Generation überträgt und das Wesen der Art

ausmacht, und aus unbeständigen Substanzen, die im Leben der Art

einem Wechsel unterworfen sind und unter verschiedenen Zuständen als

Modificationen auftreten.

Wie ferner die Zellen im Organismus und einzelne Stadien im

Lebenscyklus eines Einzelligen verschiedene Formen annehmen, so kann

ein +Polymorphismus+ sich auch unter den +vielzelligen Individuen eines

Thierstockes+ ausbilden.

Die Polypen- und Medusenformen, welche die älteren Systematiker

wegen ihrer grösseren Verschiedenheit für mehrere Thierarten

gehalten hatten, sind nur verschiedene Zustände im Leben ein und

derselben Art, Formen, deren Verschiedenheiten durch Arbeitstheilung

hervorgerufen sind, Formen, die sich in einander umwandeln können,

und von denen die eine die andere erzeugen kann. +Die polymorphen

Individuen eines Siphonophorenstockes+, Polypen, Taster, Schwimm-

und Geschlechtsglocken, ebenso wie die Drohnen, Königinnen, Arbeiter

eines +Bienenstockes+ oder die verschiedenen Individuen der +Termiten+

(Fig. 79), sind einander +der Art nach gleich, aber in secundären

Charakteren, die theils auf Anpassung an besondere Arbeitsleistungen,

theils auf ungleiche Bedingungen während ihrer Entwicklung

zurückzuführen sind, von einander oft erheblich verschieden+.

[Illustration: =Fig. 79. Termes lucifugus.= Nach ~Leunis-Ludwig~.

_1_ Geflügelt. Geschlechtsthier. _2_ Weibchen nach Verlust der Flügel

mit Resten derselben. _3_ Arbeiter. _4_ Soldat.]

Bei Siphonophoren, Bienen, Termiten haben wir ebenso wie bei den

Geweben eine der Art eigenthümliche, in ihrem Idioplasma gegebene,

beständige Organisation zu unterscheiden und eine secundäre

Organisation, welche auf Anpassung an besondere Arbeitszwecke beruht.

Es ist wichtig, diese Unterscheidung sich in ihrer ganzen Tragweite

klar zu machen, wenn man vom Wesen des Organismus sich eine richtige

Vorstellung bilden will. Ihre Nichtberücksichtigung hat namentlich

in der Medicin zu manchen Verirrungen Anlass gegeben. Weil die für

bestimmte Arbeitszwecke gebildeten Producte der Gewebe bei verwandten

Thieren einander ganz gleichartig aussehen, weil Muskelfasern,

Nervenfasern, Knorpel, Knochen, Blut vom Mensch, vom Hund und Kaninchen

unter Umständen für uns histologisch nicht zu unterscheiden sind, hat

man den auf einem grossen Irrthum beruhenden Fehlschluss gemacht, dass

sich +gleiche Gewebe bei zwei Organismen auch durch einander ersetzen

lassen müssten+.

Unter solchem Dogma stehend, hat man geglaubt, dass etwas Hammelblut in

menschlichen Adern zum Ersatz menschlichen Blutes würde dienen können,

da es doch auch eine gute Ernährungsflüssigkeit sei, und Blutkügelchen

vom Hammel den Sauerstoff so gut an sich ziehen und an die Gewebe

wieder abgeben wie die menschlichen. Und so hat man die +Transfusion+

als therapeutische Methode ausgebildet und einen groben Missgriff damit

begangen. Denn wenn es auch richtig ist, dass die Arbeitsleistungen

des Blutes bei verschiedenen Säugethieren dieselben sind und seine

histologischen Eigenschaften sich zum Verwechseln gleichen, so hat man

doch dabei übersehen, dass jedes Blut ein integrirender Bestandtheil

eines Organismus und mit Eigenschaften ausgerüstet ist, die sich

aus seiner Entstehung in einem bestimmten Organismus und aus seinem

beständigen Verkehr mit allen übrigen Theilen des Organismus erklären.

Daher vertragen sich zwei fremde Blutarten nicht mit einander und

zersetzen sich gegenseitig. Anstatt als Heilmittel wirkt fremdes Blut

vielmehr als ein in die Adern gebrachtes Gift.

Chirurgen haben Gewebstheile und Organstücke von einer Thierart auf

eine andere zu transplantiren versucht, in der Meinung, dass Knochen

zum Stützen, Haut zur Bedeckung von Oberflächen diene. Sie haben

auch hierbei erfahren, dass zwischen gleich functionirenden Geweben

zweier Thierarten doch auch Verschiedenheiten bestehen, welche den

Erfolg einer Ueberpflanzung verhindern, weil sich „Fremdartiges“ oder

Artungleiches nicht mit einander verbinden lässt.

So haben Fragen, welche auf den ersten Blick rein theoretischer Natur

zu sein scheinen, doch auch schon ihre praktischen Consequenzen in der

Medicin gezeitigt.

Indem ich mit aller Entschiedenheit die Lehre von „der Specificität der

Zellen“ bestreite, trete ich nicht in Widerspruch zu den Erfahrungen,

welche pathologische Anatomen und Histologen über die Vorgänge bei der

Regeneration der Gewebe gesammelt haben. (Vergleiche hierzu auch meine

Bemerkung in Zeit- und Streitfragen, Heft I S. 142.)

Um Missverständnissen gleich von vornherein vorzubeugen, sei dies mit

allem Nachdruck hier noch hervorgehoben. Daraus, dass alle Zellen eines

Organismus der Art nach gleich sind und Erbmasse enthalten, folgt

noch lange nicht, dass nun auch an allen Orten und bei allen Thieren

aus jeder Zelle alles Mögliche werden müsse. Wenn daher Jemand uns

vorhalten wollte, dass noch Niemand die Umwandlung einer Ganglienzelle

in eine Muskelfaser oder einer Bindegewebszelle in eine Epithelzelle

beobachtet hat etc., so ist dies kein Einwand, der unsere Theorie

berührt, da sie dergleichen Behauptungen nicht aufstellt. +Denn

es hängt ja das, wozu eine Zelle wird, unter allen Umständen von

verwickelten Bedingungen ab, welche nicht in jedem Moment und zu jeder

Zeit im Handumdrehen herzustellen sind.+

Hier kommen in Betracht nicht allein die Lagebeziehungen der Zellen

im Organismus und die verschiedenartigen Einwirkungen, welchen sie in

Folge dessen ausgesetzt sind, sondern auch die zahlreichen Zustände,

welche eine Zelle in gesetzmässiger Folge im Entwicklungsprocess

durchgemacht hat, und durch welche ihre Stellung im Organismus bestimmt

und ihr das besondere Gepräge aufgedrückt worden ist.

+Es befindet sich jede Zelle auch unter Nachwirkungen vorausgegangener

Zustände.+ (Vergleiche hierüber auch Capitel XVI, 2.) Hieraus erklärt

es sich, dass, wie die von uns nicht angezweifelten Erfahrungen

lehren, Defecte im Epithel nur wieder vom Epithel aus ersetzt werden,

und dass im Allgemeinen Bindegewebe nur Bindegewebe, Muskelgewebe

nur Muskelgewebe, oder, allgemeiner gesagt: jedes Gewebe nur das ihm

gleiche +für gewöhnlich+ wieder regenerirt. Unter allen Umständen ist

dieser Weg der nächstliegende und einfachste.

Was von uns bestritten wird, ist der Schluss, welchen viele Forscher

aus solchen Erfahrungen ziehen, dass die Zellen der einzelnen Gewebe

kraft ihrer ganzen Organisation überhaupt nicht mehr die Anlagen für

andere Verrichtungen, als sie momentan ausüben, besässen, und sich

daher überhaupt zu nichts Anderem, als was sie schon sind, entwickeln

können.

Im Gegensatz hierzu behaupten wir, dass aus dem Nichteintreten

einer Entwicklung man nicht ohne Weiteres auf das Fehlen einer

entwicklungsfähigen Substanz schliessen darf. Enthalten nicht die

jungen Ei- und Samenzellen im Eierstock und Hoden eines neugeborenen

Säugethieres Keimsubstanz? Trotzdem hat noch Niemand aus den Keimen

eines solchen Eierstockes vor der Zeit Organismen entstehen sehen.

Wir sagen, sie sind unreif; das heisst nach unserer Theorie: die

Bedingungen, unter denen sie sich zu entwickeln vermögen, sind noch

nicht erfüllt. So müssen auch für ein Gewebe mancherlei Bedingungen

erfüllt sein, ehe es sich in eine andere Form umwandeln kann.

Wenn Jemand vor zehn Jahren hätte behaupten wollen, dass die

Epithelzellen des Irisrandes unter Umständen auch einmal zu

Linsenfasern auswachsen könnten, er würde nirgends Glauben gefunden

haben. Jetzt liegen die Thatsachen (siehe Seite 185) vor, welchen

gegenüber jeder Zweifel verstummen muss.

Der Lehre von der Specificität der Zellen wird es ähnlich ergehen

wie vor Zeiten dem in der Chemie herrschenden Dogma, dass es für den

Chemiker unmöglich sei, organische Verbindungen, welche im lebenden

Körper entstehen, in der Retorte künstlich herzustellen.

Das Dogma erhielt seinen ersten Stoss, als ~Wöhler~ die künstliche

Synthese des Harnstoffes entdeckte; es ist dann bald durch die ganze

weitere Entwicklung der organischen Chemie zu Grabe getragen worden.

So ist auch jetzt das Dogma von der Specificität der Zelle im Princip

durch die Entdeckung der Linsenregeneration vom Irisepithel aus

nachhaltig erschüttert worden, und es brauchen in Zukunft nur noch

mehrere derartige Gewebsmetamorphosen auf experimentellem Wege, was

wohl nicht ausbleiben wird, hervorgerufen zu werden, damit das Dogma

auch von denjenigen verlassen wird, welche sich mehr von der Fülle der

Thatsachen als von allgemein logischen Erwägungen wollen leiten lassen.

+Zusatz+ 1.

Es ist von historischem Interesse, hervorzuheben, dass schon zu einer

Zeit, wo die Zellentheorie eben in ihren ersten Anfängen stand,

~Johannes Müller~ in sehr klarer Weise ähnliche Gedanken ausgesprochen

hat, wie sie im Capitel XIV entwickelt worden sind. Der sehr

bemerkenswerthe Passus in seinem Lehrbuch der Physiologie heisst:

„Wenn blosse Stücke einer Planaria, einer Hydra, und bei letzterer sehr

kleine Stücke, die Kraft zur Bildung eines Individuums enthalten, so

ruht diese Kraft offenbar in einer Masse von Theilchen, welche, solange

sie mit dem Stamme verbunden waren, +speciellen Functionen des ganzen

Thieres dienten+ und seinen Willenseinfluss erfuhren. In diesen Stücken

werden Muskelfasern, Nervenfasern etc. sein. Eine klare Vorstellung

dieser Thatsache führt zu dem Schluss, dass +ein Haufen thierischer

Gewebe von verschiedenen physiologischen Eigenschaften von einer Kraft

beseelt sein kann, welche von den specifischen Eigenschaften der

einzelnen Gewebe ganz verschieden ist+. Die Eigenschaften der Gewebe in

einem abgeschnittenen Stück Hydra z. B. sind Zusammenziehungskraft der

Muskelfasern, Wirkung der Nervenfasern auf die Muskelfasern etc. +Diese

Eigenschaften hängen von der Structur und dem Zustande der Materie in

diesen Theilchen ab. Jene Grundkraft hingegen ist identisch mit der,

welche den ganzen Polypen erzeugt hat, wovon das Stück abgeschnitten

wurde.+“

~Johannes Müller~ wirft bei dieser Gelegenheit auch die von uns

erörterte Frage auf: „Wie kommt es denn, dass gewisse Zellen der

organischen Körper, den andern und der ersten Keimzelle gleich,

doch nichts erzeugen können als ihres Gleichen, d. h. Zellen, aber

keineswegs der Keim zu einem ganzen Organismus werden können? Wie die

Hornzellen zwar neben sich durch Aneignung der Materie neue Hornzellen,

die Knorpelzellen neue Knorpelzellen in sich bilden, aber keine

Embryonen oder Knospen werden können?“

~Johannes Müller~ antwortet auch auf diese Frage: „Es kann davon

abhängen, dass +diese Zellen, wenngleich die Kraft zur Bildung des

Ganzen enthaltend+, doch durch eine specielle Metamorphose ihrer

Substanz in Horn und dergleichen eine solche Hemmung erfahren haben,

dass sie sowohl bald ihre Keimkraft am Stammorganismus verlieren

und, todt geworden, sich abschuppen, als auch, vom Stamm des Ganzen

getrennt, nicht wieder Ganzes werden können.“

Literatur zu Capitel XIV.

(Ausser schon in vorausgegangenen Capiteln citirten Schriften.)

1) =Bard.= _La spécificité cellulaire et l’histogénèse chez l’embryon.

Archives de physiologie tome VII. sér. 3 p. 406. Paris 1886._

2) =Hansemann.= _Studien über die Specificität, den Altruismus und die

Anaplasie der Zellen. 1893._

3) =Oscar Hertwig.= _Vergleich der Ei- und Samenbildung bei Nematoden.

Eine Grundlage für celluläre Streitfragen. Archiv f. mikrosk. Anat. Bd.

XXXVI S. 86–100. 1890._

4) +_Derselbe._+ _Zeit- und Streitfragen der Biologie. Heft I.

Praeformation oder Epigenese. Jena 1894._

5) =v. Kupffer.= _Ueber Energiden und paraplastische Bildungen.

Rectoratsrede. München 1896._

6) =Johannes Müller.= _Handbuch der Physiologie des Menschen. Bd. II.

VII. Buch von der Zeugung. Seite 591–598._

7) =Nussbaum.= _Beiträge zur Lehre von der Fortpflanzung und Vererbung.

Archiv f. mikrosk. Anat. Bd. LXI. 1893._

8) +_Derselbe._+ _Die mit der Entwicklung fortschreitende

Differenzirung der Zellen. Sitzungsberichte d. Niederrhein. Gesellsch.

f. Natur- u. Heilkunde zu Bonn. 1894._

9) =Wilh. Pfitzner.= _Das Epithel der Conjunctiva. Eine histologische

Studie. Zeitschrift f. Biologie Bd. XXXIV. 1897._

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 178 / 225 题