Ein stofflicher Verkehr und eine dadurch bedingte wechselseitige
Abhängigkeit der Elementartheile von einander wird durch die Saftströme
herbeigeführt, die im vielzelligen Organismus circuliren. Es gilt dies
sowohl für die Pflanzen, wie für die Thiere.
Bei den Pflanzen bewegen sich in Wasser gelöste Stoffe, die von den
Wurzeln aus dem Boden aufgesaugt werden, nach den oberirdischen
Theilen, um dort bei der Blatt- und Blüthenbildung verbraucht zu
werden. Und umgekehrt werden von den oberirdischen Theilen durch den
Assimilationsprocess wieder Stoffe erzeugt, die auch zum Wachsthum
der Wurzeln dienen, welche ja selbst nicht im Stande sind, aus den
dem Boden entzogenen Stoffen organische Substanz zu erzeugen. So muss
im Pflanzenkörper beständig eine Stoffwanderung in entgegengesetzter
Richtung vor sich gehen. In Folge dessen müssen oberirdische und
unterirdische Theile sich in ihrem Wachsthum in gegenseitiger
Abhängigkeit von einander befinden. Blätter und Blüthen können nur in
dem Maasse erzeugt werden, als das Wurzelwerk im Stande ist, die dazu
nöthigen Stoffe, Wasser und Salze, zu liefern, und umgekehrt.
Viel complicirter liegen die Beziehungen im thierischen Organismus.
Verdauungssäfte werden in den Darmkanal ergossen, wo sie die
aufgenommenen Speisen chemisch verändern und resorbirbar machen;
die so entstandenen Nahrungssäfte werden von den Darmwandungen
resorbirt und in den Lymph- und Blutstrom übergeführt. Lymphe und
Blut circuliren in allen Theilen des Körpers, Stoffe aus den Geweben
aufnehmend und wieder an sie abgebend. Ihre Zusammensetzung muss sich
daher beständig ändern, da die einzelnen Organe: Speicheldrüsen,
Leber, Niere, Geschlechtsdrüsen, Muskeln, Gehirn, Knochen, einen sehr
verschiedenartigen Stoffwechsel gemäss ihrer verschiedenen Natur haben
und hier diese, dort jene Stoffe aufnehmen und abgeben. Die normale
Blutbeschaffenheit hängt daher von sehr zahlreichen Organen ab. Störung
eines Theiles, wie zum Beispiel der Leber, des Pancreas, der Niere
etc., ruft eine andere Blutmischung hervor und beeinflusst dadurch
wieder den Stoffwechsel in den verschiedensten anderen Organen.
Durch Einbringung von Arzneimitteln in den Körper, entweder in den
Darmkanal oder direct in das Blut oder in den Lymphstrom, kann man auf
dieses oder jenes Organ, auf dieses oder jenes Gewebe, je nachdem es
besondere Affinitäten zu den eingeführten chemischen Stoffen besitzt,
unmittelbar eine Wirkung ausüben. Narcotica rufen Erscheinungen am
Nervensystem hervor, Pilocarpin an den verschiedensten Drüsen, Eisen-
und Manganverbindungen in den rothen Blutkörperchen, Tuberculin in den
Geweben, wo sich Tuberkelbacillen angesiedelt haben.
Eine noch ungleich grössere Bedeutung für die Wechselbeziehungen
der Elementartheile zu einander lässt ~Darwin~ die Säfte in seiner
Theorie der +Pangenesis+ spielen. Um die Erscheinungen der Vererbung
zu erklären, lässt er von den Zellen sich kleinste organisirte
Theilchen (die Keimchen oder Pangene) ablösen und durch die Säfte zu
den Geschlechtsdrüsen geführt und in ihnen aufgespeichert werden. Der
Keimchentransport ist indessen eine höchst unwahrscheinliche Hypothese,
zu deren Gunsten sich nichts Thatsächliches vorbringen lässt. Eine
allgemeine Physiologie hat daher mit ihr nicht zu rechnen. Näheres
darüber findet sich in dem letzten Capitel, welches über die Geschichte
einzelner Vererbungstheorieen handelt.
Literatur zu Capitel IV.
+Pflanzen.+