IV. Verkehr der Zellen durch die im Organismus circulirenden Säfte.

Ein stofflicher Verkehr und eine dadurch bedingte wechselseitige

Abhängigkeit der Elementartheile von einander wird durch die Saftströme

herbeigeführt, die im vielzelligen Organismus circuliren. Es gilt dies

sowohl für die Pflanzen, wie für die Thiere.

Bei den Pflanzen bewegen sich in Wasser gelöste Stoffe, die von den

Wurzeln aus dem Boden aufgesaugt werden, nach den oberirdischen

Theilen, um dort bei der Blatt- und Blüthenbildung verbraucht zu

werden. Und umgekehrt werden von den oberirdischen Theilen durch den

Assimilationsprocess wieder Stoffe erzeugt, die auch zum Wachsthum

der Wurzeln dienen, welche ja selbst nicht im Stande sind, aus den

dem Boden entzogenen Stoffen organische Substanz zu erzeugen. So muss

im Pflanzenkörper beständig eine Stoffwanderung in entgegengesetzter

Richtung vor sich gehen. In Folge dessen müssen oberirdische und

unterirdische Theile sich in ihrem Wachsthum in gegenseitiger

Abhängigkeit von einander befinden. Blätter und Blüthen können nur in

dem Maasse erzeugt werden, als das Wurzelwerk im Stande ist, die dazu

nöthigen Stoffe, Wasser und Salze, zu liefern, und umgekehrt.

Viel complicirter liegen die Beziehungen im thierischen Organismus.

Verdauungssäfte werden in den Darmkanal ergossen, wo sie die

aufgenommenen Speisen chemisch verändern und resorbirbar machen;

die so entstandenen Nahrungssäfte werden von den Darmwandungen

resorbirt und in den Lymph- und Blutstrom übergeführt. Lymphe und

Blut circuliren in allen Theilen des Körpers, Stoffe aus den Geweben

aufnehmend und wieder an sie abgebend. Ihre Zusammensetzung muss sich

daher beständig ändern, da die einzelnen Organe: Speicheldrüsen,

Leber, Niere, Geschlechtsdrüsen, Muskeln, Gehirn, Knochen, einen sehr

verschiedenartigen Stoffwechsel gemäss ihrer verschiedenen Natur haben

und hier diese, dort jene Stoffe aufnehmen und abgeben. Die normale

Blutbeschaffenheit hängt daher von sehr zahlreichen Organen ab. Störung

eines Theiles, wie zum Beispiel der Leber, des Pancreas, der Niere

etc., ruft eine andere Blutmischung hervor und beeinflusst dadurch

wieder den Stoffwechsel in den verschiedensten anderen Organen.

Durch Einbringung von Arzneimitteln in den Körper, entweder in den

Darmkanal oder direct in das Blut oder in den Lymphstrom, kann man auf

dieses oder jenes Organ, auf dieses oder jenes Gewebe, je nachdem es

besondere Affinitäten zu den eingeführten chemischen Stoffen besitzt,

unmittelbar eine Wirkung ausüben. Narcotica rufen Erscheinungen am

Nervensystem hervor, Pilocarpin an den verschiedensten Drüsen, Eisen-

und Manganverbindungen in den rothen Blutkörperchen, Tuberculin in den

Geweben, wo sich Tuberkelbacillen angesiedelt haben.

Eine noch ungleich grössere Bedeutung für die Wechselbeziehungen

der Elementartheile zu einander lässt ~Darwin~ die Säfte in seiner

Theorie der +Pangenesis+ spielen. Um die Erscheinungen der Vererbung

zu erklären, lässt er von den Zellen sich kleinste organisirte

Theilchen (die Keimchen oder Pangene) ablösen und durch die Säfte zu

den Geschlechtsdrüsen geführt und in ihnen aufgespeichert werden. Der

Keimchentransport ist indessen eine höchst unwahrscheinliche Hypothese,

zu deren Gunsten sich nichts Thatsächliches vorbringen lässt. Eine

allgemeine Physiologie hat daher mit ihr nicht zu rechnen. Näheres

darüber findet sich in dem letzten Capitel, welches über die Geschichte

einzelner Vererbungstheorieen handelt.

Literatur zu Capitel IV.

+Pflanzen.+

Die Zelle und die Gewebe (Vol. 2/2) · 第 100 / 225 题