In dem Stock, dem organischen Individuum dritter Ordnung, sind die
einzelnen Theilindividuen sofort als solche zu erkennen und zeigen
in ihren Lebensäusserungen einen hohen Grad von Selbständigkeit und
Unabhängigkeit vom Ganzen. Das Theilindividuum lässt sich abtrennen,
ohne seine Lebensfähigkeit in Folge der Isolirung zu verlieren, und
ergänzt sich nach kurzer Zeit wieder durch Vermehrung, entweder
durch Theilung oder häufiger durch Knospung, zur zusammengesetzten
Form. Die Theilindividuen sind hierbei, wie die Einzelzellen eines
Vorticellenbäumchens, entweder einander vollständig gleichartig oder
nur in geringem Maasse von einander verschieden. Beispiele solcher
Aggregate finden sich in beiden Organismenreichen in grosser Fülle.
Im Thierreich liefert solche besonders der Stamm der Coelenteraten,
Bryozoen, der Würmer und Tunikaten. Es sei an die Zusammensetzung eines
Hydroidpolypenstockes (Fig. 10) oder eines Corallenstockes, einer
Colonie von Bryozoen und von Clavellinen erinnert, die uns sofort als
Aggregate gleichartiger Theilindividuen erscheinen.
2. Stöcke von fester verbundenen und zugleich verschieden
differenzirten Personen.
Auf der andern Seite können im Aggregat die Theilindividuen so
verschiedenartig von einander werden wie die in die einzelnen
Gewebsarten sich sondernden Zellen eines Individuums zweiter Ordnung.
Es bedarf dann oft schon eines wissenschaftlich geschulten Auges und
Denkvermögens, um in richtiger Weise aus dem Ganzen die einzelnen
verschiedenen Theilindividuen heraus zu erkennen. Hand in Hand damit
geht eine gewisse Abhängigkeit der Theilindividuen voneinander; sie
wird oft so gross, dass ein einzelnes, abgelöst vom Ganzen, nicht
mehr fort zu bestehen vermag. Viele Siphonophorenstöcke (Fig. 11)
erscheinen in ihrer mannigfachen Differenzirung wie ein einheitlicher
Organismus, einer Person vergleichbar, obwohl sie aus Theilindividuen
zusammengesetzt sind. Aber letztere sind im Stock vielfach durch
Metamorphose stark abgeändert und mit besonderen Functionen betraut;
sie werden hiernach als Fresspolypen (_hy_), als Deckstücke (_ds_),
als Schwimmglocken (_sg_), als weibliche und als männliche,
medusengleiche Geschlechtsglocken (_go_) unterschieden. In bestimmten
Verhältnissen und Zahlen an einem Stamm vertheilt, functioniren sie wie
verschiedenartige Organe eines einheitlichen Individuums.
Literatur zu Capitel II.
1) =Alexander Braun.= _Das Individuum der Pflanze in seinem Verhältniss
zur Species. Abhandl. d. Berliner Akad. 1853._
2) =Victor Carus.= _System der thierischen Morphologie. 1853. II. Buch,
6. Capitel._