[Illustration]
JENA,
VERLAG VON GUSTAV Fischer.
1898.
Vorwort.
La science ne consiste pas en faits, mais
dans les conséquences, que l’on en tire.
~Claude Bernard.~
Dem im Jahre 1893 erschienenen ersten Theil meiner allgemeinen
Anatomie und Physiologie habe ich den zweiten Theil nicht so bald, als
ursprünglich beabsichtigt war, folgen lassen können, wie ich hoffe,
nicht zum Schaden des vorliegenden Buches. Denn die fünf Jahre, die
seitdem verflossen sind, zeichnen sich gerade durch fruchtbringende
Forschungen und Discussionen über Grundfragen der allgemeinen
Anatomie und Physiologie und namentlich über solche aus, welche einen
wesentlichen Inhalt dieses Buches ausmachen.
Der Umstand, dass ich selbst in die Discussionen mit verwickelt wurde,
ist die eigentliche Ursache der eingetretenen Pause gewesen. Ich
habe sie benutzen müssen, um mich in meinen „Zeit- und Streitfragen
der Biologie“ mit weit verbreiteten Ansichten auseinander zu setzen,
mit welchen nach meiner Auffassung viele fundamentale Fragen der
allgemeinen Anatomie und Physiologie nicht in Einklang zu bringen sind.
In der Schrift: „Präformation oder Epigenese? Grundzüge einer
Entwicklungstheorie der Organismen“ nahm ich Stellung zum
Neu-Darwinismus, wie man häufig die Richtung bezeichnet, welche
Weismann in zahlreichen Schriften: Ueber Vererbung, über Keimplasma,
über Allmacht der Naturzüchtung, über Germinalselection etc., vertritt.
In der zweiten Streitschrift: „Mechanik und Biologie“ ging ich auf
die Entwicklungsmechanik von Roux ein, welche die „Mosaiktheorie der
Entwicklung“ als Frucht hervorgebracht hat.
So gehören jene beiden Schriften mit zu den Vorarbeiten für den
zweiten Theil des Lehrbuchs. Mit seiner Veröffentlichung glaube
ich das Programm erfüllt zu haben, welches ich 1893 im Vorwort zur
„Zelle“ aufstellte. Ich habe als Ergänzung zu meinem Lehrbuch der
Entwicklungsgeschichte jetzt auch die +physiologische Seite des
Entwicklungsprocesses+, die Entstehung der Gewebe, überhaupt die
+physiologischen Ursachen der Gewebe- und Organbildung+ nach den
verschiedensten Richtungen erörtert.
Wer den Inhalt der einundzwanzig Capitel übersieht, wird finden,
dass das Causalitätsgesetz in seiner Anwendung auf den Organismus,
die Gesetze der Arbeitstheilung und der physiologischen Integration,
ferner die äusseren und die inneren Factoren der organischen
Entwicklung, die Frage endlich nach der Vererbung neu erworbener
Eigenschaften und das biogenetische Grundgesetz eingehend besprochen
werden. Hierbei war es überall mein Bestreben, den Organismus der
Zelle mit seinen anatomischen und physiologischen Eigenschaften
zum Mittelpunkt der Darstellung zu machen und in ihm die Grundlage
zum wissenschaftlichen Ausbau einer Entwicklungstheorie zu finden.
Daher habe ich auch im Unterschied zur Theorie der Epigenesis, der
Pangenesis, der Keimplasma- und Mosaik-, sowie der Idioplasmatheorie
meine Anschauungen, welche sich in manchen Zügen von denen anderer
Forscher unterscheiden, als die Theorie der Biogenesis bezeichnet,
um gleich mit dem Namen die centrale Stellung hervorzuheben, welche
in ihr der Organismus der Zelle als die elementare Lebenseinheit der
organischen Schöpfung einnimmt.
Eine grosse Fülle von Thatsachen, welche in den Zeitschriften der
biologischen und medicinischen Literatur zerstreut sind, habe ich hier
zum ersten Male in einer lehrbuchmässigen Darstellung zusammengefasst.
Daneben ziehen sich mannigfache theoretische Erörterungen als
leitender Faden durch alle Capitel hindurch. In Bezug auf letztere
wird vielleicht von manchen Seiten der Vorwurf erhoben werden können,
dass sie für ein Lehrbuch eine zu stark ausgeprägte subjective Färbung
erhalten haben, und dass in ihnen noch ein Hauch aus den verschiedenen
polemischen Erörterungen des letzten Jahrzehnts hindurchzieht.
Auch ich fühle dies, wenn ich als möglichst objectiver Kritiker mich
meiner Arbeit gegenüber stelle; finde es aber entschuldbar angesichts
der zur Zeit herrschenden Gegensätze, welche ihrer Natur nach nicht
zu überbrücken sind, und in Anbetracht des Umstandes, dass es sich
um Fragen von allgemeiner und grosser Tragweite handelt, über welche
eine bestimmte Meinung sich zu bilden für den biologischen Forscher
wichtig ist, welche aber zur Zeit nicht einer Beweisführung, wie viele
grundlegende Lehrsätze der Physik und Chemie, zugänglich sind. Auch
glaube ich, dass den Vorwurf, den vielleicht Manche erheben, Andere
wieder als Vorzug empfinden werden, besonders die grössere Anregung,
die eine lebhafter gefärbte Darstellung zur Beschäftigung mit den
vorliegenden Problemen gibt.
Jedenfalls aber wird, wie ich hoffe, auch der Leser, welcher den oben
besprochenen Tadel erhoben hat, auf der andern Seite anerkennen, dass
ich bei allen theoretischen Erörterungen das durch Beobachtung und
Experiment gelieferte Thatsachenmaterial als Ausgang und Grundlage
benutzt habe, dass ich auf Grund desselben mir in allen Fragen einen
eigenen Standpunkt zu bilden bemüht war, und dass ich zum ersten
Male Grundfragen der allgemeinen Anatomie und Physiologie, wichtige
Beobachtungen und Experimente, welche in andern Lehrbüchern gewöhnlich
keinen Platz finden, zum Gegenstand einer zusammenhängenden, in sich
geschlossenen, lehrbuchmässigen Darstellung gemacht habe. Mögen
hierdurch dem Studium der allgemeinen Anatomie und Physiologie, welche
viele zu kräftiger Entfaltung bereite Keime in sich trägt, Freunde und
erfolgreiche Mitarbeiter gewonnen werden.
+Berlin+, im März 1898.
=Oscar Hertwig.=
Inhalt.