Wie man sich denken kann, hatte schon die Ankunft Arthurs und sein
Einzug in Waldfels die Bewohner der Umgegend in große Aufregung
versetzt. Als man aber bald nachher von den Vorbereitungen zu seiner
Vermählung Kunde bekam, steigerte sich die Theilnahme auf's Höchste.
Dasselbe herzliche Mitgefühl äußerte sich in allen Schichten der
Bevölkerung, und da es sich gleich von Anfang sehr entschieden
aussprach, so wurde auch von Seiten der früher geschworenen Anhänger
des Hauses Pranger kein Mißton laut, vielmehr machten sie Anstalten
sich zu bekehren.
Am meisten Vergnügen herrschte vielleicht im Dorfe Waldfels selber.
Die ererbte Anhänglichkeit der Bauern hätte sich bei diesem Anlaß
auch bewährt, wenn der Sprößling der alten Familie, der in sein Erbe
zurückkehrte, ohne persönliche Vorzüge gewesen wäre. Wie freuten sie
sich nun erst der Wiederkehr eines so liebenswürdigen und gefeierten
Herrn! Wie freuten sie sich seines Reichthums, seines Ansehens, seiner
schönen Braut! Denn das hat der Träger eines alten Namens, wenn er
ihm Ehre macht durch Eigenschaften des Geistes und Herzens, vor allen
andern einmal voraus: man findet seine Erfolge durchaus in der Ordnung
und hat selber ein Gefühl der Befriedigung, wenn er Glücksgüter
erwirbt, die seinem Rang entsprechen.
Eine eigene Tonleiter von Empfindungen sollte bei dieser Gelegenheit
der Oberst von Waldfels durchlaufen. Arthur hatte ihm seine Schicksale
in einem Schreiben mitgetheilt, das aus dem Städtchen datirt und
bestimmt war, ihn zu necken, indem das angenehme Resultat erst in
den letzten Zeilen erwähnt wurde. Bei dem Worte »Kaufmannslehrling«
und »Handlungsdiener« gerieth der alte Krieger in eine schwer zu
beschreibende Entrüstung. Seine Augen funkelten, seine Hände zitterten
und er machte eine Bewegung, als wollte er den Brief wegwerfen. Allein
die Neugierde bewog ihn fortzufahren und sein Blut begann ruhiger
zu fließen, als er von Rupien und Pfunden las. Im Ueberfliegen der
letzten Seite erhellten sich seine Züge mehr und mehr, und als er an
die Nachricht von der Wiedererwerbung des Gutes kam, stieß er einen
Freudenschrei aus. Er las noch einmal, athmete tief auf und schüttelte
dann lächelnd den Kopf, indem er sagte: »Wer hätte dem Jungen das
zugetraut? -- Zwar Verstand hat er immer gehabt und Obstination wie
ein Satan! -- Kaufmann! Verwünschter Einfall! -- Aber die Hauptsache
ist, daß er den Rupienbaum geschüttelt hat, wie die Engländer zu sagen
pflegen. So oder so! Er ist der Baron von Waldfels und -- beim Teufel!
er ist zu rechter Zeit gekommen!«
Um den letzten Ausdruck zu verstehen, muß man wissen, daß der Oberst
sich in der Zwischenzeit wieder seiner alten Passion, dem Spiel,
ergeben hatte und in seinen Finanzen sehr zurückgekommen war. Der
Gedanke, daß Arthur bei seinem bekannten Charakter ihm und namentlich
auch seinem herangewachsenen Sohn unter die Arme greifen werde, hatte
etwas sehr Tröstliches für ihn. Er konnte sich nicht enthalten, eine
gewisse Hochachtung vor dem reichen Mann zu empfinden, und war stolz,
sein Oheim zu seyn.
In dem Briefe nach Waldfels eingeladen, beeilte er sich, dem
freundlichen Ruf zu folgen. Auf dem Wege traf er durch einen eigenen
Zufall mit Seiner Excellenz dem Grafen zusammen. Dieser hatte seine
Stellung in Folge der politischen Ereignisse verloren, neuerdings aber
wieder gewonnen und war nun um so ängstlicher darauf bedacht, sie zu
behaupten. Als ihm der Oberst seine Neuigkeit mittheilte, flüsterte
ihm sein Gewissen zu, daß er in dem reich gewordenen Verwandten einen
Gegner finden könnte; er wußte sich aber zu beherrschen und drückte
mit Würde seinen freudigen Antheil aus, indem er hinzufügte, er sey
überzeugt, daß der Baron von Waldfels durch seine ausgezeichneten Gaben
die conservative Partei verstärken und eine Zierde derselben seyn
werde. Der Oberst hatte die Bosheit, Seiner Excellenz die Möglichkeit
entgegenzuhalten, daß Arthur im Auslande liberale Grundsätze eingesogen
haben könnte und daß ihn eben seine unabhängige Stellung verleiten
könnte, sie geltend zu machen. Der Graf erwiederte, er werde das von
einem Baron von Waldfels nun und nimmermehr glauben.
Das Wiedersehen zwischen Oheim und Neffen war sehr herzlich. Der
Oberst, dem graue Haare jetzt ein ehrwürdiges Aussehen gaben, schloß
den Glücklichen in seine Arme und belegte ihn mit den schönsten Namen.
Arthur richtete auch an ihn die launige Frage: »Sind Sie mit mir
zufrieden? Grollen Sie mir nicht wegen --« -- »Lieber Neffe,« fiel der
Oberst ein, »wer so viel Glück hat, wie du, der hätte Unrecht, nicht
das Sonderbarste und Tollste zu unternehmen. -- Scherz bei Seite: du
hast deine Sache gut gemacht und ich gebe dir meinen Beifall.«
Der alte Krieger lebte im Schlosse wieder ganz auf. Daß Waldfels der
Familie gesichert war, erfüllte ihn mit stets erneuter Genugthuung.
Arthur hatte sich auf eine gelegentliche Anspielung bereit erklärt,
für seinen jungen »Vetter« zu sorgen, was ihm eine große Last von
seinen Schultern nahm. In der Freude seines Herzens zeigte er gegen die
Damen von Holdingen alle Galanterie, deren er fähig war. Man hätte ihn
für ganz verwandelt halten können, wenn er die alte Kraft des Zorns
nicht zuweilen gegen irgend einen Diener bei einem wirklichen oder
vermeintlichen Fehler desselben gezeigt hätte.
Bald nach dem Oberst trat ein anderer alter Bekannter im Schlosse auf:
Herr Samuel Rosenheimer. Die Verhältnisse des Unterhändlers hatten
sich ziemlich gebessert, er fuhr mit einem Einspänner im Land herum,
wo er verschiedenartige Geschäfte mit Glück betrieb. Eben mit seinem
jüngsten Sohn im Städtchen anwesend konnte er dem Verlangen nicht
widerstehen, dem Herrn Baron seinen Besuch zu machen. Die Begrüßung
war sehr warm. »Herr Baron,« begann Rosenheimer nach den ersten
Complimenten, »ich kann Ihnen versichern, keine größere Freude hab'
ich in meinem Leben gehabt, als wie ich gehört hab', daß Sie wieder in
unserem Lande angekommen sind! -- und wie? -- Edmund,« rief er seinem
Sohn zu, »küß dem Herrn die Hand! 's ist ein großer Baron -- aber ein
noch größerer Kaufmann. Sieh dir ihn genau an, damit du weißt, wie so
ein Herr aussieht!« -- Der Junge gaffte den Belobten mit einer Mischung
von Dreistigkeit und Schüchternheit an, wobei indeß die Dreistigkeit
überwog. Arthur gab ihm die Hand und der Kleine drückte einen Schmatz
darauf.
»Aber sagen Sie mir, Herr Baron,« fuhr Rosenheimer mit galantem Lächeln
fort, »wie haben Sie's angefangen? Wie ist's möglich, daß man in so
kurzer Zeit ein solches Vermögen sammeln kann? -- Ja, ja,« setzte
er hinzu, »wir dürfen uns gratuliren, daß nicht mehr Herrn Barone
auf den Einfall kommen, Kaufleute zu werden. Gott soll hüten! was
würde aus uns werden?« -- Arthur konnte nicht umhin, über diese Art
von Schmeichelei zu lachen, und meinte dann, über das Glück eines
Kaufmanns sollte sich am wenigsten derjenige wundern, der nach allem,
was man sehe, selbst bedeutend vorwärts gekommen sey. -- Rosenheimer
protestirte gewaltig gegen diese Annahme. »Rückwärts, Herr Baron,
rückwärts! -- Und wie soll's anders seyn? Die Geschäfte gehen für
unser einen alle Tage schlechter. Kein Mensch will mehr bezahlen, und
wenn man jemand hilft, wär's Noth, man gäb' ihm noch Geld dafür, daß
er sich helfen läßt.« -- Er hielt ein wenig inne, dann fuhr er mit
einem gewissen Ernst fort: »Herr Baron, weil wir gerade unter uns
sind, erlauben Sie mir ein Wort. Ich habe das Glück gehabt, Ihnen
einen Dienst zu leisten. Ich hab's gern gethan und ich bin dafür
bezahlt worden, es fällt mir nicht ein, Ansprüche zu machen. Aber wahr
bleibt wahr: ich hab' doch ein klein wenig dazu beigetragen, daß Sie
jetzt wieder der Besitzer Ihres väterlichen Gutes sind, und ich bin
überzeugt, wenn Sie werden wieder Geschäfte machen, werden Sie sich
erinnern, daß es einen gewissen Samuel Rosenheimer in der Welt gibt.«
Arthur erwiederte, das Geschäftemachen habe aufgehört und er gedenke
jetzt auf seinen Lorbeeren zu ruhen. -- Rosenheimer lächelte. »Sagen
Sie das einem andern, Herr Baron! Wer einmal so gute Geschäfte gemacht
hat, wie Sie, der kann's nicht mehr lassen! -- Und wenn Sie so gewiß,
als Sie wieder Geschäfte machen, Ihren gehorsamen Diener mit Aufträgen
beehren werden, so will ich mich glücklich schätzen.« -- »Unter dieser
Bedingung,« versetzte Arthur, »haben Sie mein Versprechen.« -- »Ich
dank' Ihnen,« erwiederte der Jude. -- »Ach,« fuhr er nach einer Pause
fort, »Sie glauben nicht, wie gern ich mit solchen Herrn zu thun habe,
wie Sie! Haben sie wieder ein Geschrei gemacht gegen die Herrn von
Adel! Ich möcht' wissen! Der gemeine Pöbel, der ist stolz und hoffärtig
und anmaßend; ich will die Grobheiten nicht zählen, die ich von solchen
Leuten schon hab' verschlucken müssen. Aber die rechten vornehmen
Herrn sind freundlich und höflich. Wer Grund hätte, stolz zu seyn,
der ist's nicht, und wer keinen Grund hat, der ist's. Wie kommt das,
Herr Baron?« -- »Das ist schwer zu sagen,« versetzte Arthur erheitert.
»Vielleicht aber daher, weil es eine Art von Schwachheit ist, stolz
zu seyn und namentlich seinen Stolz merken zu lassen, und weil Leute
von Bildung es nicht lieben, für schwach zu gelten.« -- »Sie haben
Recht,« erwiederte der Jude. »Bildung! -- Siehst du, Edmund? Hab' ich
dir's nicht immer gesagt? -- Herr Baron, ich danke Ihnen nochmal und
freue mich außerordentlich auf Ihren ersten Auftrag.« -- Er fuhr sehr
befriedigt nach Hause. --
Daß dem Glücklichen gehuldigt wird, ist eine bekannte Sache. Wir
erwähnen darum nur im Vorbeigehen, daß Waldfels zu dieser Zeit eine
nicht geringe Anzahl Gäste sah, welche die Erfolge Arthurs durch ihre
Bewunderung zu illustriren suchten. Doch mögen in wenigen Fällen so
viele Gratulationen von Herzen gegangen seyn, wie in diesem.
Der Augenblick, der Arthur und Anna für immer verbinden sollte, nahte
heran. Hätten wir erwähnen sollen, daß die Verlobte schon auf der Reise
nach Waldfels ihre ganze frühere Kraft und Frische wieder erlangt
hatte? Dergleichen sagt man sich von selbst. -- Am Tage der Trauung
glänzte sie in einer Schönheit, die selbst ihrer Mutter auffiel. Die
Aufregung des Moments gab ihrem Antlitz einen bezaubernden Ausdruck;
eine wonnige Feierlichkeit sprach aus ihrem ganzen Wesen. Es war die
vollendete Schönheit, erfüllt von dem edelsten und lieblichsten Leben
der Seele. -- Wir bewohnen eine Welt der Unvollkommenheit; aber in
dieser Welt gibt es doch Geschöpfe, die von ihrer Regel ausgenommen zu
seyn scheinen; und diese Geschöpfe haben Momente, wo man sagen möchte:
Engel des Himmels müssen neben ihnen verlieren!
Die Trauung fand in der Schloßkapelle, unter Anwesenheit nur der
nächsten Freunde statt. Der Geistliche sprach über einen Text, der
ihm Gelegenheit gab, das Heil der Prüfungen zu schildern, die über
den Menschen verhängt werden. Es waren Gedanken, die zum Theil schon
von dem Brautpaar ausgesprochen waren, die aber vor dem Altar, an die
höchsten Gründe angeknüpft und an den größten Beispielen bewiesen,
feierlich erhebend und ergreifend wirkten. Kein Auge blieb ohne Thränen
der Rührung.
Bei dem darauf folgenden Mahle fand die Baronin Gelegenheit, zu dem
Rentier zu sagen: »Ich finde, daß mit dem Bräutigam während seiner
Abwesenheit doch eine Veränderung vorgegangen ist. Er ist freilich
unterdessen ein Mann geworden -- aber das ist es nicht allein. Er hat
in seinem Benehmen etwas Eigenthümliches, was mir sehr gefällt; und
ich glaube, man kann sagen, er hat etwas --« -- »Von einem Engländer,«
ergänzte der Freund. -- »Allerdings,« erwiederte die Baronin, »und
zwar erinnert er mich an die edelsten, die ich gesehen. Doch -- das
ist begreiflich!« -- Sie sah mit einem Blick inniger Liebe auf das
Brautpaar und setzte hinzu: »Er sieht so unendlich zuverlässig aus!
Mein Kind wird glücklich seyn!« --
Nach einigen Tagen befand sich die junge Frau allein in ihrem Zimmer,
mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt. Aus einer gewissen Erregung
und einem gelegentlichen Horchen nach der Thüre hin konnte man
schließen, daß sie jemand erwartete; und so war es. Nach einer Weile
kam Arthur und lud sie zu einem Spaziergang ein. Lächelnd erhob sie
sich, denn das Ziel desselben war ihr nicht unbekannt. Sie gingen durch
den Park, jener Thüre zu, hinter welcher die Anhöhen lagen. Wie anders
war jetzt ihre Empfindung, als an jenem Pfingstmontag, wo sie unter
der süßen Last einer unausgesprochenen Liebe diesen Weg wandelten!
Aber die Erinnerung daran füllte ihre Herzen jetzt mit der reizendsten
Empfindung. Von dem Hügel sah ein zierliches Belvedere herab, das erst
vor einer halben Stunde der letzte Handwerksmann verlassen hatte, und
ein bequemer Steig führte zu ihm hinan. Arthur hatte sein Wort von
damals gehalten und Anna dankte mit einem liebevollen Blick. Am Fuße
des Hügels angekommen, lächelte die junge Frau; sie ließ den Steig bei
Seite und lief mit jugendlicher Leichtigkeit einige Schritte über das
Haidegras hin; plötzlich glitschte sie, stieß einen Schrei aus und fiel
in die Arme Arthurs, der ihr nachgeeilt war. Herzlich lachend klommen
sie Hand in Hand zu dem hübschen kleinen Gebäude empor. Anna rühmte und
bewunderte es und beide sahen von ihm schweigend in das Thal hinab, das
wieder im Glanz der Abendsonne dalag. Nach einer längeren Pause sagte
Arthur mit einem Ausdruck von Laune, durch die er den innern Ernst zu
verdecken strebte: »Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die
Fülle!« -- Und Anna erwiederte: »Wir haben in früher Jugend gewünscht,
und der Himmel hat die Gnade gehabt, uns von der Bedingung des Alters
zu dispensiren.« -- »Ja,« sagte Arthur, »er gab uns das Glück in der
besten Zeit! Aber das soll uns nicht niederschlagen; wir vertrauen
dem Geber und wollen von seinem Geschenk einen Gebrauch machen, durch
den wir die Gunst, wenn nicht abverdienen, doch nach Möglichkeit
rechtfertigen.« -- Die junge Frau reichte ihm schweigend die Hand.
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