Am andern Morgen reiste Heinrich ab. Der Tag war schön, und der
schmerzlich Beraubte, aber der Entsagung Fähige hatte, in der
offnen Chaise, die er für sich genommen, allein durch Feld und Wald
hinrollend, wundersame Empfindungen. Die Lerchen sangen steigend in die
sonnige Höhe -- die frohen, frischen Klänge, die ihn von allen Seiten
umtönten, übten auf das gedrückte Herz eine freundliche Wirkung. Je
weiter er von der Stadt sich entfernte, um so erleichterter fühlte er
sich. Sie versank hinter ihm, in der er so brennenden Schimpf erfahren:
die Flecken, die seiner Ehre sich angeheftet, schienen mit ihr zu
vergehen, und das stechende Leid milderte sich zu linder Trauer.
Als er der Heimath sich näherte, sprachen ihn die Landschaftsbilder
wohlthuender an, und die Poesie der Knabenjahre, der ersten Ausflüge,
deren er sich hier erinnern mußte, legte sich ihm balsamisch an die
Seele. Die Liebe, der er entgegenging, beglückte und rührte ihn in
der bloßen Vorstellung, und tief empfand er die heilige Festigkeit
des Bandes, das Eltern und Kind verknüpft. Die peinliche Erfahrung
hatte ihn selbst wieder zum Kinde gemacht, das Trost und Hülfe suchte
bei denen, welche die Natur ihm zum treuesten Beistand angewiesen;
und diesem Trost, wie sehnte er sich ihm entgegen! Als nun aber das
Städtchen selbst hervortrat, da gingen schmerzlich erregte Gefühle
durch die wohlthuenden: er bangte vor dem Moment des Geständnisses, vor
dem Unmuth und dem Schmerz der mitbeleidigten Eltern, und er mußte
alle Kraft zusammennehmen, um endlich mit gefaßter Miene vor sie zu
treten.
Die ersten zärtlichen Begrüßungen und Umarmungen belehrten ihn, daß
ein Geständniß nicht mehr nöthig sey. Die Untreue der Geliebten war
im Orte schon bekannt, und das Benehmen des Mädchens wurde namentlich
von der Mutter leidenschaftlich verurtheilt. Heinrich vernahm aus dem
Munde der guten Frau Bedauern, Anklagen und Glückwünsche nacheinander,
während der Vater schweigend oder mit ernsten, kurzen Worten zustimmte.
Er sah aber auch, wie die Freude über den öffentlichen Erfolg und den
beginnenden Ruhm des Sohnes den Verdruß über die erlittene Kränkung in
Beiden überwog, und fühlte mit tiefer Beruhigung, daß er sich mit ihnen
verständigen konnte. Wie wohl that ihm das! Gerührt sah er in die guten
Augen, aus denen die treueste Liebe glänzte.
Er wollte sich entstricken von den Erschütterungen der letzten Tage,
zu dem neuen Leben in möglichster Einsamkeit sich vorbereiten, und
mit heimlichen, wenn auch melancholischen Empfindungen richtete er
sich in dem Stübchen ein, das er seit Jahren zu bewohnen pflegte
-- still, abgelegen, mit der Aussicht auf den Garten, für ihn ein
erinnerungsreicher Boden und ganz geeignet zum Rückgang in frühere
Zeiten, zum Ueberdenken des Erlebten und zum Ausreifen neuer
Entschließungen. -- --
Es ist nicht meine Absicht, den Verkehr Heinrichs mit den Seinen und
mit den guten Freunden, deren er in dem Geburtsorte besaß, näher zu
schildern. Auch die letztern nahmen lebhaft Partei für ihn, und manche
scharfe Bemerkung fiel über das weibliche Geschlecht überhaupt, wogegen
aber eben der Geschädigte zu protestiren pflegte.
Er genas, wenn auch langsam und ohne den fröhlichen Sinn und schönen
Muth früherer Tage wiederzufinden. Zuweilen sprach er sich über Auguste
und ihr Verhalten in einer Art aus, daß man schließen mußte, er sehe
in der Lösung des Bandes ein für ihn unter allen Umständen günstiges
Geschick. Dann erblickte man ihn aber doch wieder in Aufregung,
Verwirrung und Betrübniß. Die Mutter, die am innigsten mit ihm fühlte,
tröstete ihn in solchen Momenten und meinte: er werde schon die Rechte
noch finden! Wenn er dann eigen seufzte und die Achsel zuckte, ruhte
sie nicht mit erheiternden, ja schmeichelnden Reden, bis seine Mienen
sich wieder aufhellten. Einmal entgegnete er der Trösterin mit Ernst:
»Wer eine Erfahrung gemacht hat, wie ich, der findet nicht leicht den
Muth zu einer neuen Unternehmung. Wenn man einem Scheinbild nachjagt,
sieht man sich am Ende nicht nur getäuscht, man hat vielleicht gerade
das wahre Glück, das man erlangen konnte, thöricht versäumt und auf
immer verloren! -- Nun,« setzte er mit leisem Lächeln hinzu, »immer
bleibt mir ja eine Mutter, die mich liebt, wie ich sie liebe -- und die
mir nie untreu werden wird!« -- »Das schon,« erwiederte die Gute. »Aber
das ist nicht genug! Für dich nicht, und für mich auch nicht!«
Unser Freund scheute sich, den Eltern eine letzte Eröffnung zu machen.
Er gab sich den Gefühlen hin, die sich in ihm erzeugten, rechnete mit
sich selbst und lebte ein Leben stiller Erwägungen.
Ungefähr acht Tage nach seiner Heimkehr schrieb er an den ihm so
freundlich gewogenen Rector der Handelsstadt einen Brief, der uns den
besten Blick in den Zustand seines Herzens thun läßt. Er hatte nicht
die Stimmung gefunden, den eben so braven und heitern wie gelehrten
Schulmann noch zu besuchen; aber durch die Nachricht, die ihm Hanna
mitgetheilt, war die Achtung, die er immer gegen ihn empfunden, so
vermehrt worden, daß es ihm jetzt eine wahre Genugthuung verschaffte,
gegen ihn mit aller Offenheit sich auszusprechen. Die Hauptstellen
lauteten:
»Es ist sonderbar, welche Erfahrungen wir armen Sterblichen machen und
immer wieder machen. In gewissen Dingen werden wir nicht nur nicht
durch den Schaden Anderer klug, sondern auch nicht einmal durch unsern
eigenen. Immer wieder täuschen wir uns -- weil der Trug so lieblich
ist und ein tiefes, glühendes Verlangen der Seele stillt!
Wie viel ist über die Liebe gesagt und gesungen! -- und noch immer
ist nicht recht in's Licht gesetzt, daß es zweierlei Liebe, zwei
grundverschiedene Arten von Liebe gibt. Unterschieden sind sie wohl;
aber nicht mit völliger Gerechtigkeit und siegreicher Klarheit. Die
eine ist reizender, bestrickender gemalt wie die andere; und wenn
diese auch als die bessere hingestellt worden ist, so fühlt man aus
dem Bilde das Pflichtgefühl des Malers, nicht die reine, selige
Begeisterung heraus. Was er erhöhen wollte, fand nicht auch die wahre
höhere Schönheit und muß dem Zauber weichen, der unwillkürlich in die
Spiegelung des Geringern gekommen ist.
Wir lieben am Weib die äußere Erscheinung, den Schein -- und der
Schein trügt. Es gibt eine Schönheit des Leibes, der keineswegs eine
Schönheit der Seele entsprechen muß. Die Seele hat wohl eine Fähigkeit
zur Schönheit, aber nicht so viel, daß sie schön seyn, sondern nur,
daß sie (wie unsere Sprache so treffend sagt) schön thun kann. Auch
die Seele ist also mehr zum Schein als zum Seyn ausgestattet, und mit
dem Schein täuscht sie uns; sie erscheint uns so, daß wir uns selber
täuschen, indem wir das bloße So-Thun für Seyn und Wahrheit nehmen, und
nun triumphiren, als ob wir die schönste Wahrheit selber gefunden.
Ja wohl: edlen Sinn, treue Liebe, aufopfernden Muth blicken die
leuchtenden Augen und strahlt das erröthete Angesicht! Aber im
Innersten lebt das klare, kalte, berechnende Ich, das frei ist
gegen die Affecte und sich vorbehält, diese zu bestätigen oder
zurückzunehmen, je nach Befund. Davon merken wir aber nichts, wir
von dem schönen Doppelschein Betrogenen! Was uns so außerordentlich
hold anspricht, das muß nothwendig wahr seyn! Die Liebe, die mit so
wunderbarem Feuer aus den Augen in unser tiefstes Herz einglüht, kann
nur eine ewige seyn! Und nun erhebt sich unsere Liebe mit doppelter und
dreifacher Macht, in dankbarer Rührung schmelzen wir und durch keine
Verherrlichung glauben wir der Bewunderten genugthun zu können. Was wir
an lieblichen und edeln Eigenschaften nur zu denken vermögen, sehen wir
in ihr -- tragen es über in sie und sehen es wirklich und gewöhnen uns
daran: das Weib steht als eine Göttin vor uns, an der alle Wandelung
des Lebens nur ein Schönerwerden seyn kann!
Was haben wir für Mittel gegen diese vereinten Täuschungen? Gegen
die Magie, die wir wollen und miterzeugen, weil sie uns beseligt? Es
gibt nur Ein wirksames: die Enttäuschung durch die That, -- durch den
thatsächlichen Schaden, den thatsächlichen Schimpf und das Herzeleid!
-- --
Dichterische Seelen dürfen doch vielleicht auf Entschuldigung rechnen,
wenn sie der Blendung erliegen! -- Der Dichter muß gut seyn, er
muß Glauben und Liebe haben; denn er soll in Schönheit führen und
idealisiren Alles, was er sieht, -- und dazu muß er schon Alles
liebevoll und schön sehen. Der Dichter treibt nur sein Metier, wenn er
verschönert und gläubig preist und liebevoll verherrlicht; darum ist
er auch so sicher dabei und erlangt am schwersten den Scharfblick, der
hinter den Blumen der äußeren Lieblichkeit die Schlange der Selbstsucht
wahrnimmt. Ihm muß der wirkliche Sachverhalt unerbittlich _ad oculos_
demonstrirt werden, sollen es nicht länger Augen seyn, die sehen
ohne zu sehen! -- Aber auch dann -- der Zauber, an dem er so lange
gehangen hat, wirkt noch immer! Bilder ehemaligen Glücks umgaukeln
den Beraubten, Sehnsuchtgepeinigten; der schöne Schein glänzt in
unwiderstehlichen Reizen, und tiefstes Leid erfüllt seine Seele, daß
er verlieren soll, was er zu höchster Seligkeit erlangen wollte und in
entzückenden Träumen schon als erlangt sich vorgespiegelt hat! -- --
Doch, verehrter Freund, hier thu' ich mir selber Unrecht. Regungen
dieser Art hab' ich freilich; aber doch nur selten, und ich verstehe
ihnen zu antworten und sie abzuweisen. Die Wahrheit, die wahre
Schönheit, die Schönheit der Seele leuchtet mir in siegendem Glanz;
ich sehe sie immer schöner, und ihr heiliger Zauber entkräftet den
unheiligen, der die Schwäche bestrickt hat. Wenn sie vor mir lebendig
wird, dann erbleichen die Farben der täuschenden Erscheinung und diese
gewinnt durch ihr erkanntes Wesen ein mißtöniges Licht, das die letzten
Sympathien im Herzen tilgt.
Was gibt es Lieberes, als ein ehrliches Herz? Was gibt es Holderes als
die Güte, die darnach trachtet, daß sie Freude mache und Hülfe leiste,
und die keinen andern Lohn will, als das frohe Gesicht des Beglückten?
Was gibt es Schöneres und Rührenderes, als die Großmuth, die sich
selber beraubt, um Andere zu bereichern? Was gibt es Himmlischeres,
als den Blick aus dem Aug eines Weibes, deren innerstes Wesen Güte,
Großmuth ist? O, neben diesem Blick erscheint der süßeste, dessen die
Sirene in Momenten der Rührung fähig ist, oberflächlich und machtlos!
Dort nur sehen wir in den Himmel, in heilig holdes Leben; wir fühlen
uns unendlich heimlich und gesichert, unser Gefühl beglückt uns nicht
nur, es erhöht und weiht uns, und nicht nur selig, sondern mit der
Besten selber gut und edel geworden erblicken wir die Gestalt und
Alles, Alles an ihr in dem Licht ewiger Schönheit!
Hat es solche Frauen nicht gegeben? Und Gott sey Dank, es gibt noch
solche! Es ist keine poetische Täuschung, wenn wir von Frauen reden,
die Engel sind! Sie wandeln auf Erden, diese schönen Wesen, sie
erweisen sich, und wehe dem Stumpfsinnigen, der nach thatsächlichem
Erweis ihre himmlische Güte noch bezweifeln könnte!
Die That und die Bewährung durch die That, daran erkennt man sie. Denn
sie geben sich nicht immer das Ansehen ihres innern Wesens und lieben
es nicht selten, den Adel ihres Denkens und Fühlens hinter Scherz und
Spiel zu verstecken. Es gibt ernste Heilige auf Erden; aber es gibt
auch heitere, die sich in lieblicher Laune gefallen und deren gütige
Seele, wenn sie sich offenbart, nur um so rührender erscheint.
Menschen haben ihre Schicksale. Das meine war, von dem Schein getäuscht
und betrogen zu werden. Hab' ich mich dadurch eines ehrlichen Herzens
unwerth gemacht, so muß ich's dulden. Aber Ein Vortheil -- Ein Ersatz
ist mir doch geworden: ich habe die wahre Schönheit erkennen lernen
auf Grund der falschen, und mein Herz lodert in Liebe zu Dem, was ewig
liebenswerth ist.«
Zwei Tage darauf erhielt er von dem alten Herrn das Antwortschreiben:
_»Aequam memento rebus in arduis
Sevare mentem!_
Diesen alten Spruch, mein lieber Freund, ruf' ich Ihnen zu, damit
Sie ihn beherzigen, wie's noth thut! Aus Ihrem freundlichen und
dichterischen Brief hab' ich zu meiner großen Beruhigung ersehen, daß
Sie sich über den Verlust der schönen Werthlieb fast schon getröstet
haben. Fahren Sie fort und bringen Sie es dahin, daß Sie sich zu diesem
Ende Glück wünschen. Sie hat uns Alle getäuscht, und auch ich hab'
mich zu schämen, daß ich sie, weil sie schön war und in ihrer stolzen
Ruhe etwas Klassisches hatte, für gut gehalten. Ja, ja, der Mammon! --
Mir will vorkommen, als ob er noch nie so der Gott der Welt gewesen
wäre, als gerade in unsern Tagen! Alles hält man jetzt für unsicher,
nichts erweckt mehr Vertrauen im Herzen der Menschen, als Geld und
Gut. Man stellt sich vor, was man Alles dafür haben kann, und trachtet
immer nach mehr, ohne zu bedenken, daß man doch nur äußere Dinge dafür
eintauscht, welche sehr häufig auch schädlich sind, und daß man oft
nicht nur die Tugend, sondern auch die edelsten Freuden dafür hingibt.
Aber das sind _nugae_ für die jetzige Zeit. Was die Moralisten aller
Jahrhunderte, Philosophen und Poeten des Alterthums so schön und
überzeugend gelehrt haben: daß das wahre Glück in der Tugend bestehe,
damit kann man heutzutag nur noch den Spott auf sich ziehen. Wo will
die Welt hin, mein lieber Freund? Und wird sie auf diesem Wege, der aus
der Bildung heraus in die Rohheit führt, endlich Halt machen und zur
Vernunft und edlen menschlichen Denkart umkehren?
Thätigkeit, Maß und gute Laune, das erhält uns jung, es verschafft
uns den Boden in der Welt, den wir brauchen, und verheißt uns ein
glückliches Alter. Mit großer Freude hab' ich von Ihrem guten Erfolg
auf der Bühne gelesen. Sie sind doch schnell zum Zwecke gekommen, und
das beweist mir, daß das Drama das Fach ist, auf das Sie mit Ihrem
Talent vorzüglich angewiesen sind. Cultiviren Sie es, und versäumen Sie
dabei nicht, die alten Autoren zu studieren, Griechen und Römer! Sie
wissen, ich bin kein Pedant und setze die Alten nicht unbedingt über
die Neuern, weil ich in ihnen zu Hause bin und meine liebsten Freuden
aus ihnen schöpfe. Aber lernen kann man sehr viel aus ihnen; und mich
will bedünken, als ob man sie gegenwärtig besonders auch zum Vortheil
der dramatischen Dichtung studieren sollte. Man ist zu bunt geworden im
Drama, wie mir scheint, -- man bringt zuviel Stoff und verliert über
den Effecten den Effect. Ein Streben nach größerer Concentration und
Harmonie thut den jetzigen dramatischen Autoren noth; und wo finden sie
da herrlichere Muster, als es die großen Tragiker der alten Griechen
sind, deren einer jetzt sogar wieder von unsern Bühnen herab die Herzen
erschüttert?
Ihnen, mein lieber junger Freund, wird das Studium der Alten noch ganz
besonders ersprießlich seyn; denn Sie -- nehmen Sie mir's nicht übel!
-- verrathen noch immer zu viel Ueberschwänglichkeit! Die Vergötterung
eines Weibes hat Ihnen Kummer eingetragen; und nun scheinen Sie
mir doch wieder nach einer andern Seite hin vergöttern zu wollen,
phantasiren sich Engel in Menschengestalt, und sind in Gefahr, sich
eine neue Enttäuschung zu bereiten. Freilich gibt es engelgute Frauen;
aber auch diese bleiben immer menschliche Wesen mit verschiedenen
menschlichen Eigenschaften, die mit dem Engelsideal oft gar sehr in
Widerspruch treten. Man muß sich das zuvor sagen und natürlich-gesunden
Sinnes nicht zuviel erwarten, wenn man nicht Beschämung und Verdruß
erleben will.
Doch darum nicht den Muth verloren, mein lieber Poeta! Es gibt gute,
brave, wohlgezogene Mädchen, und ich wünsche von Herzen, daß Sie eine
solche finden und mit ihr des Lebens froh werden mögen. Vielleicht
schwebt Ihnen bereits ein liebes Kind vor, wie ich Ihnen eines wünsche?
Sind Sie der Hauptsache gewiß, dann sehen Sie nur frisch über alles
Andere hinweg und gründen Sie mit Besonnenheit ihr Glück im Ehestand!
Denn dafür, wie ich Sie kenne, hat Sie Gott geschaffen. Ich sage Ihnen:
Ihre Phantasie wird sich nie ganz losringen von der Schönen, die so
unwürdig gegen Sie gehandelt hat, wenn Sie nicht der Gatte einer Andern
werden. Ein Engel, den Sie nur träumen, wird Sie nicht frei machen
gegen die, welche denn doch immer noch lebendig da ist, sondern nur
ein gutes braves Weib, das Sie die Freuden des Hauses kosten läßt. --
Leben Sie wohl, handeln Sie als Mann, und wenn etwas eintrifft, das
mir Freude machen kann, vergessen Sie nicht, es mir zu melden, sondern
denken Sie auch im Glück an mich!« --
Als Heinrich diesen Brief las, konnte er nicht umhin, die tröstende
Wirkung zu empfinden, die herzlicher Antheil, mit wackerm Humor
ausgesprochen, immer auf uns übt. Zuletzt schüttelte er aber doch
melancholisch den Kopf. »Uebertriebene Vorstellungen?« sagte er zu
sich; -- »phantastische Ansprüche? -- Wenn es nur das wäre!«
Er schwieg, und ein Seufzer stahl sich aus seiner Brust. »O
Verblendung,« rief er aus. »Stumpfsinn des Träumers, worüber kannst du
hinwegsehen! -- -- Aber Geschehenes ist nicht zu ändern. Ich muß einen
neuen Plan machen zum Leben und etwas versuchen! Meine Eltern sollen
mich hören, und das heute noch!«