I.

An einem schönen Septemberabend fuhr der Personenzug in den Bahnhof

der Residenz, um unter dem prächtigen Dache des Hauptgebäudes Halt

zu machen. Die Wagen entleerten sich und ein bunter Menschenstrom

wogte an der Mauer hin, die einen zum Ausgang, wo die Erwarteten von

Bekannten und Verwandten begrüßt wurden, andere zum Packwagen, wo man

das »Passagiergut« zurück erhielt.

Unter den letzteren befand sich ein junger Mann von ungefähr

achtundzwanzig Jahren, stattlich gewachsen, in der vollen Kraft

gesunder Jugend. Eine elegante Reisetasche, etwas größer als

gewöhnlich, hing an seiner Schulter und das Haupt deckte ein

hellbrauner Sommerhut, unter welchem dunkelblonde Haare, die vielleicht

um ihrer Schönheit willen etwas länger wachsen durften, den Hinterhals

beschatteten. In anständig modischer Kleidung, die ihm gut, fast möchte

man sagen flott stand, bewegte er sich ruhig und sicher im Gedräng

weiter, besorgte sein Gepäck in den Wagen des Gasthofs, wo er zu

wohnen gedachte, und schickte sich an, zu Fuß nachzugehen.

Der Bahnhof lag am äußersten Ende der Vorstadt und der mildsonnige

Abend hatte eine ungewöhnliche Zahl Spaziergänger auf die Straße

und auf den schönen Platz vor dem Hauptbau gelockt. Der Ankömmling

schritt durch sie hindurch, mit frohen Augen Alles betrachtend, was

sich ihm darbot. Ihn schien Alles gleich lebhaft zu interessiren: die

neuen Häuser der Vorstadt und die zierlichen Gärtchen, die davor oder

dazwischen lagen, die Menge, die sich hin und her bewegte, und die

einzelnen Figuren, die sich ihm vorübergehend bemerklich machten. Er

faßte mit demselben heitern Antheil das schmucke Dienstmädchen in's

Auge, die mit einem Korb am runden Arme munter dahin schritt, und die

feine Dame, die im eleganten offenen Wagen neben Gemahl oder Papa

nachlässig hingegossen saß; den Proletarier, der mit freiem Hals und

nicht ganz reinlichem Hemd behaglich eine Cigarre rauchte, und den

Officier, der mit angenehmem Kriegerbewußtseyn ein Racepferd durch

die Straße lenkte. Ja, wenn er hie und da zurückschaute, warf er auch

in den leicht aufgewirbelten, von der Sonne vergoldeten Staub, der

allerdings die schöne Abendlichkeit des Bildes mit vollenden half,

einen vergnügten Blick, um gemüthlich seinen Weg fortzusetzen.

Ein so lebendiges Gefallen an den Außendingen setzt eine wohlwollende

Seele und gleicherweise ein begnügtes, zuversichtliches Herz voraus.

In der That hätte sich dem schärferen Beobachter auch dieses in dem

hübschen Gesicht gar wohl bemerklich gemacht. Mit der gutmüthigen

Freude, die es zunächst verschönte, sah auch ein tiefes Selbstgefühl

aus ihm, und zuweilen ging ein Stolz in ihm auf, mit dem er

lächelnd auf die Menschen sah, die für ihn wieder zu einer »Masse«

zusammengeflossen waren.

Der Grund dieser Zuversicht war ein sehr triftiger, und der Leser

wird ihn gewiß mit Vergnügen erfahren. In der Reisetasche des jungen

Mannes befand sich nicht nur eine Anzahl von Kassenscheinen, womit

einen Winter anständig zu leben war, sondern neben andern unschätzbaren

Papieren auch das stattliche Manuscript eines Trauerspiels, das in

seiner Heimath die günstigsten Urtheile erfahren hatte und das er nun

auf der Hofbühne geben zu lassen gedachte, um sich mit einemmal den

gefeiertsten Namen der gegenwärtigen Dramatik angereiht zu sehen.

Die Wirkung, die er beim Vorlesen des Stückes erzielt hatte, war so

entschieden, die Lobsprüche, die er von Männern und Frauen erhalten,

waren so empfindungsvoll betont, daß er einen durchschlagenden Effekt

auf dem Theater mit vollkommener Sicherheit erwarten zu dürfen glaubte.

Manchmal, wenn er auf der Herfahrt, in die Ecke des Coupés gelehnt,

über sein Vorhaben nachdachte, hatten ihn allerdings auch wohl

Zweifel angewandelt und sein Herz in eine nicht unbedeutende Gährung

versetzt; allein das Ueberdenken der ergreifenden Scenen, womit das

Spiel ausgestattet war, hatte ihn wieder völlig beruhigt; und wie er

nun an dem sonnigen Tag gegen die Residenz herfuhr, die ihm durch das

Seitenfenster in all ihrer Gebäudepracht entgegenglänzte, da nahm das

reinste Vertrauen in seiner Seele Platz.

Bei dem tief heitern Blick, den er über die Spaziergänger hingleiten

ließ, schien er nun zu denken: »Ihr laßt mich jetzt unbeachtet

vorübergehen, ihr guten Leute; ich bin euch nichts -- ein junger

Mensch wie jeder andere. Aber ihr werdet mich schon ansehen, wenn ich

unter allgemeinem Applaus und Zurufen meines Namens auf die Bühne

trete und euch für den Beifall danke, den ich euch durch die Gewalt

meiner Tragödie entrissen habe. Dann werde ich ein Gesicht haben für

euch und den Weg des literarischen Ruhmes fortsetzen können unter den

herzerfreuenden, ermuthigenden Zeichen der Achtung meiner Nation.«

Wenn er diese Gedanken nicht wörtlich hatte, so gewannen seine

Züge doch mehr und mehr einen Ausdruck, der ihnen entsprach. Er

strahlte in einer Mischung von Zuversicht und Selbstgefühl, die

von Selbstgefälligkeit nicht mehr zu unterscheiden war. Doch mit

einemmal, nach einer Reflexion, wie es schien, gewann das Gesicht einen

ernsteren, löblicheren Ausdruck: er sah aus wie einer, der sich freut

um der Freude willen, die er geliebten Andern zu bereiten hofft.

In die Stadt selbst eingetreten setzte er seine Beobachtungen fort.

Der Anblick, der sich ihm bot, war ihm nicht ganz neu, denn er hatte

vor einem Jahrzehnt schon ein paar Tage hier verbracht, wirkte aber

wegen verschönerter Häuser und Läden mit allem Reiz der Neuheit

auf ihn. Da man ihn als Poeten kennt, so begreift man den Sinn für

charakteristische Gegenstände, die er in seiner Auffassung gleich

idealisirte und dichterisch empfand, indem ihn instinktmäßig dabei der

Gedanke leitete, das so Geschaute als Zierde in einem seiner Werke

verwenden zu können. Aus diesem Grund -- um die Physiognomie der

Residenz rein in sich aufzunehmen -- hatte er den Weg vom Bahnhof eben

zu Fuß gemacht; und die Bilder in ihrer Erfreulichkeit waren ihm jetzt

nicht nur werthvoll an sich, er nahm sie auch behaglich als günstige

Vorbedeutung. Auf einmal blieb er stehen und besann sich. Die Lage

des ihm empfohlenen neuen Gasthofs hatte er sich zu Hause beschreiben

lassen, wußte aber nun doch nicht, wie er dahin gelangen könne. Eben

kamen indeß zwei Damen gegen ihn heran, und er beschloß die ältere zu

fragen.

Es waren feine Gestalten und feine Gesichter, und die

Familienähnlichkeit verrieth ihm sogleich, daß er Mutter und Tochter

vor sich habe. Sie waren es in der That und auch abgesehen von

seinem Anliegen gar sehr der Beachtung werth. Die Mutter hatte einen

bräunlichen Teint und ihre Wangen erschienen ziemlich abgemagert; sie

machte aber den Eindruck völligen Wohlbefindens und ihr braunes Aug

zeigte anmuthig heitern Geist und alle Wärme der Herzensgüte. Das

Antlitz der Tochter glänzte in gesunder Blässe, die ein klein wenig

in's Bräunliche spielte und auf den Wangen nur von sehr zartem Roth

überflogen war. Aus ihrem gleichfalls braunen Auge leuchtete noch

mehr und schöneres Feuer, und der ganze Ausdruck des Gesichts war

eine reizende Mischung von Gutmüthigkeit, froher Ueberlegenheit und

Schalkheit.

Während unser junger Mann die Aeltere fragte, den Weg sich bezeichnen

ließ, wieder fragte, um eine nähere Explikation zu erlangen, sah ihn

die Tochter mit großer Unbefangenheit an, und bald verschönte ein

schelmisches Lächeln ihren Mund. Unser Poet verrieth den Mann der

Provinz, der seine gesellige Bildung in einer mittleren Handelsstadt

und zwei kleinen Universitätsstädten erlangt hatte, nicht nur durch den

Dialekt, der aus seinem Hochdeutsch sehr merklich herausklang, sondern

er stand auch vor der Mutter mit einer gewissen Verlegenheit, in der

sein gutmüthiges Wesen so ziemlich den Charakter der Unbeholfenheit

annahm. Gewandt und leicht auftretend, wenn er unter guten Bekannten

oder unerkannt unter den Menschen sich bewegte, konnte er die schöne

Sicherheit gar wohl verlieren, wenn er sich im geselligen Verkehr eine

bestimmte Haltung zur Pflicht machen sollte; und das war ihm jetzt

sichtlich begegnet. Der jungen Dame kam nun insbesondere noch das

ergötzlich vor, daß der Fragende steif an dem Angesicht der Mutter hing

und auf sie selber auch nicht einen Blick zu werfen sich getraute. Dieß

verrieth ihr den Ungewohnten noch mehr als alles Bisherige, und der

junge Mann begann sie zu interessiren.

Wenn sie glaubte, daß er in dieser ungalanten Theilnahmlosigkeit

verharrend sich empfehlen werde, that sie ihm doch Unrecht. Sobald

er hinlänglich unterrichtet war, sah er nach warm accentuirtem Danke

rasch auf die jugendliche Gestalt; ihre Blicke begegneten sich, und

da sie doch fühlte, daß sie ihn eigentlich auslächelte, so erröthete

sie ein wenig; indeß erheiterte sie sich gleich wieder und dankte auf

die Abschiedsverbeugung mit einer Freundlichkeit, die eben so viel

Theilnahme wie Herablassung verrieth.

Geschmack und Galanterie des Dramatikers waren gerettet, wenn auch

die Tournüre noch vieles zu wünschen übrig ließ. Hätte sie übrigens

gewußt, wie reizend sie ihm erschienen war, so hätte sie mit einem

noch günstigeren Begriff ihre Promenade fortgesetzt. Unser Poet wurde

durch Gestalt und Miene -- trotz einer entfernten Ahnung der Bedeutung

ihres Lächelns -- so lieblich getroffen, daß der Eindruck vielleicht

ein tieferer geworden wäre, hätte nicht ein übermächtiges Bild von

innen entgegengewirkt. Aber auf ihn konnte weibliche Liebenswürdigkeit

nur mehr einen leichten, flüchtig angenehmen Effekt machen; denn in

seinem Herzen thronte eine Königin, zu der er mit aller Verehrung eines

Liebenden und Dichters empor sah und der allein zu huldigen das Glück

und der Stolz seines Lebens war.

Im Gasthof erhielt er ein kleines Zimmer im dritten Stock und auf den

Hof, was ihm gerade recht war. Er hätte allenfalls noch in's Theater

gehen können; aber man gab eine Oper von einem Meister zweiten Rangs,

die ihn nicht reizen konnte, und er wußte sich zu Hause schöner zu

unterhalten. Nachdem er einen leichten Hausrock angezogen hatte, setzte

er sich auf das Sopha, öffnete die auf den Tisch gelegte Reisetasche

und zog nicht nur das Bühnenmanuscript hervor, sondern auch eine

Anzahl Briefe, mit denen eine noch nicht ganz getrocknete, halb offene

Rose herausfiel. Sein blaues Auge leuchtete, als er diese theuren

Gegenstände erblickte. Er sog den Duft der welken Rose ein und drückte

sie an seine Lippen. Dann nahm er einen Brief, las, lächelte und las

weiter, bis sein Gesicht in einem innig glücklichen Schein erglänzte.

Deutsch ausdrucksvolle, wohlgebildete Züge; mit einer nur wenig

gebogenen Nase, gerade aufwärts gehender Stirn und stark ausgeprägtem

Vorderkopf ähnelte er dem Bild Albrecht Dürers, wie es der Meister

selbst gefertigt, nur daß aus seinem Gesicht eine subjektivere,

weltlichere Seele hervor sah. Der Treuherzigkeit und Gutmüthigkeit, die

den Grundton bildete, gesellte sich ein modern schwärmerisches Gefühl,

worin er zwar die ganze Welt liebend umfangen konnte, mit specifischer

Lust aber doch an sich selber, seinen eigensten Angelegenheiten und

Aussichten hing.

Wer mochte es ihm verdenken, wenn er dermalen, in Ihren Briefen lesend,

nur Sie vor Augen hatte und nur die Eine Hoffnung, als erfolggekrönter

Autor vor ihre Eltern treten, ihre Hand erhalten und sie heimführen

zu können? War er doch mit ihr so gut wie verlobt und bedurfte es zu

seinem höchsten Glück nichts als des Beweises, daß er der Mann war,

sie als glückliche, gefeierte, beneidenswerthe Frau durch's Leben zu

führen. Diesen Beweis hoffte er aber zu liefern; er hoffte sich zu

legitimiren als Dramatiker, als produktiver Geist, dem auch bei den

dermaligen Verhältnissen im deutschen Vaterlande Ruhm und Wohlfahrt

genügend, wo nicht überflüssig in Aussicht ständen und dem kein

verständiger Vater, keine gütige Mutter ihr Kind würde versagen wollen,

um wie viel weniger mehrjährig befreundete Verwandte die geliebte und

liebende Tochter. Die Erkorene war nämlich seine Cousine, und dieser

Umstand brachte etwas Eigenthümliches in das Verhältniß, über das der

Leser ohne Zweifel näher unterrichtet zu werden wünscht.

Heinrich Born war der Sohn eines braven Mannes, dem nach mühseligem

Ringen und Streben nicht nur die Stelle eines Oberlehrers in einem

Städtchen, sondern auch eine nicht ganz unbedeutende Erbschaft

zufiel, so daß er dem schönsten Wunsch seines Herzens nachkommen und

den einzigen begabten Sohn studiren lassen konnte. Die Preise, die

derselbe auf dem Gymnasium davon trug, erfreuten ihn außerordentlich;

er schüttelte aber sehr bedenklich den Kopf, als ihm der Studiosus im

dritten Semester erklärte, die begonnene Theologie unmöglich absolviren

zu können, sondern sein Leben und seine Geisteskraft der Literatur

-- der Dichtkunst widmen zu wollen. Er machte alle Einwendungen

eines praktischen Mannes; dem Jüngling stand aber in unbedingtem

Selbstvertrauen eine unerschöpfliche Menge von Gegengründen zu Gebote,

und als zu diesen noch Betheurungen und dringende Bitten hinzukamen,

als der junge Poet die Unwiderstehlichkeit des Triebes hervorhob,

dessen Nichtbefriedigung ihn zur Verzweiflung bringen würde, da gab der

gute Vater nach und versöhnte sich, dem Talente des Einzigen selber

vertrauend, endlich mit dem gewagten Lebensplan, indem die poetischen

Versuche, die jener ihm mittheilte, die allenfalls gesunkene Hoffnung

neu wieder anfachten.

Die dichterische Seele hatte unser Heinrich nicht von diesem schlichten

Manne, sondern von der Mutter, der er auch viel ähnlicher sah und

die ihn mit ihrer zärtlichen Liebe zum Poeten verderben half. Ihrer

Beistimmung gewiß, konnte er seinen Weg nicht nur ungehindert, sondern

auch immer wohl unterstützt fortsetzen, indem sie bei den ehelichen

Berathungen über den »Wechsel« immer einer verhältnißmäßigen Zulage

das Wort redete. Er nährte sich nun von den Wissenschaften, die ihn

reizten, machte Verse und Entwürfe zu Tragödien, die er zum Theil

ausführte, und imponirte zuletzt auch dem Vater noch ganz ernstlich,

indem er nach dem fünften Universitätsjahr mit dem Diplom eines Doktors

der Philosophie heimkehrte.

Schon als Gymnasiast und angehender Student pflegte er in den Ferien

einen Verwandten zu besuchen -- Geschwisterkind seiner Mutter -- der

in einer nahe gelegenen größeren Stadt Kaufmann war. Die bemittelte

Familie, die sich als solche fühlte, nahm den jungen hübschen Vetter

um so lieber auf, als das poetische Gemüth sich für die erwiesenen

Freundlichkeiten immer sehr dankbar zeigte und nach Kräften zur

Unterhaltung beitrug. Er war für einen Theil der Herbstferien

regelmäßig geladen, und wenn er einmal nicht kam, so erwartete man ihn

um so bestimmter im folgenden Jahr. Bald ehrte er aber die Einladung

des gastfreien Hauses so weit es schicklicherweise nur immer anging;

denn unterdeß war die älteste Tochter, die sechs Jahre weniger zählte

als er, zu einer so auffallenden Schönheit herangeblüht, daß sie beim

ersten Wiedersehen sein Herz völlig in Besitz nahm und er das Loos

seines Lebens für entschieden halten mußte.

Auguste Werthlieb war von stattlichem Wuchs, die Gestalt in allen

Verhältnissen untadelig, das Gesicht regelmäßig schön und die Wangen

sanft geröthet; Augen wie Haare schwarzbraun, und Hals, Nacken und Arme

nicht von jener gerühmten »blendenden Weiße,« sondern wie von einem

ätherischen Goldton angehaucht, der ihnen eine holde Wärme gab und

ihren Verehrern über alles bezaubernd erschien. Den Ausdruck der Züge

konnte man sowohl vornehm als edel nennen. In ihrem Wesen lag etwas

natürlich Selbstbewußtes, Sicheres und zum Herrschen Geneigtes; und da

sie bald im Hause und in der Stadt gefeiert wurde, so gewöhnte sie sich

etwas ruhig Gebietendes an und lernte die Artigkeiten entgegennehmen,

als ob sie sich von selber verständen. Vor dem Mißbrauch der so

rasch erlangten Macht schützte sie aber ein angeborener gesunder Sinn

und klarer Blick in's Leben, ein durch ihr Temperament begünstigter

Gleichmuth der Seele, mit dem sie immer auch bedachte, was die andern

wünschen mochten. Wenn ihre Thätigkeit im Hause eine mehr anordnende

als dienende war, so sprach sie ihre Willensmeinung doch so freundlich

aus, daß man ihr immer gern nachkam; und wenn sie von ihren Verehrern,

alten und jungen, sich huldigen ließ wie eine Fürstin, so erwiederte

sie die geleisteten Dienste mit so anmuthigem Dank, daß sich jeder

belohnt, wenn auch nicht eben vor andern ausgezeichnet fühlte.

Ein alter Verwandter, der eine Zeitlang als Gast im Hause war und

sie mit Interesse beobachtet hatte, sagte dem Vater, als er von ihm

Abschied nahm: »Zu deiner Auguste kann ich dir nur gratuliren. Sie ist

nicht nur sehr schön -- und, nebenbei gesagt, von einer dauerhaften

Schönheit -- sondern eines der verständigsten Mädchen, die mir

vorgekommen sind. Die laß nur immer gehen, und wenn's zum Heirathen

kommt, selber wählen! Ich verbürge mich dafür, sie trifft die beste

Wahl, für sich und für dich.«

Heinrich hatte sich mit dem kleinen Bäschen von ihrer ersten

Bekanntschaft an geduzt und außerdem herablassend mit ihr gespielt, wie

sich dieß bei einem um so viel älteren Jüngling von selber versteht.

Noch beim letzten Abschied von der eben Sechzehnjährigen, obwohl er für

den Reiz der werdenden Schönheit nicht ganz unempfindlich war, blieb

er ruhig und fühlte sich selbst als die höhere Persönlichkeit. Wie

er sie aber nach einem Jahr in dem Glanz vollendeter jungfräulicher

Schönheit wieder sah, da war's um ihn geschehen. Er erschrack förmlich,

als sie ihm den Willkomm bot; der Ausdruck ihres Gesichts hatte für ihn

etwas so Ernstes und Feierliches, daß ihm die frühere Leichtigkeit der

Begrüßung unmöglich wurde; seine Gedanken verwirrten sich, und erst

nach einigen ungeschickten Versicherungen, die auf den Gesichtern der

Anwesenden ein Lächeln hervorriefen, und nach erduldeter Beschämung

stellte sich der alte Ton wieder bei ihm ein.

Er war gefangen, bezaubert, und hatte nun zu dem Einen Ziel ein

zweites, das er mit jenem zusammen erreichen mußte. In dem Verkehr mit

ihr, der sich weiterhin in heiterer Gemüthlichkeit herstellte, ward es

ihm klar, daß sie die Seine werden müsse, werden sollte, daß er nur

im Bunde mit ihr den Lorbeer erreichen könnte, nach dem seine Hand

sich streckte. Sie war freundlich, ja herzlich gegen ihn, und wenn er

nicht erwarten durfte, daß sie ihn vor andern merkbar auszeichnete, so

glaubte er ihr doch mehr als irgend ein anderer zu seyn und die völlige

Gewinnung ihrer Liebe hoffen zu dürfen. Er wollte ihr dienen und sie

verdienen auf seine Weise. War doch auch das jetzige Glück in ihrem

Umgang schon unendlich; gingen doch die süßesten Gefühle durch sein

Herz und gaben seinen poetischen Phantasien einen Glanz, der ihn selber

entzückte. Er fühlte sich wie in einem Garten voll der mannigfaltigsten

Blumen, die ihn in frischester Blüthe magisch anleuchteten und deren

Wohlgerüche stromgleich in ihn einzogen. Es war eine Fülle des Lebens,

der Lust und der Poesie, daß er nur bedauerte, den wunderreichen Gehalt

nicht sogleich in die rechte Form bringen zu können, er hätte sich

damit gewiß den ersten Dichtern an die Seite gestellt. Indessen was

jetzt nicht möglich war, das geschah später -- und am Ende noch besser

als jetzt. Jetzt wollte er leben, lieben, der Wonne sich hingeben, die

Zauberbilder des Liebelebens in sich aufnehmen, um sie später in reinen

Kunstwerken zu unwiderstehlicher Wirkung vorzuführen.

Einen ganz besondern Reiz hatte es für ihn, aller Vorzüge, welche die

Geliebte zierten, sich bewußt zu werden und sie in Versen und Prosa

für sich wiederzugeben. Wie ein Künstler seine Geliebte immer wieder

zeichnet und malt, so wurde er nicht müde, die Erwählte in ihrer

Erscheinung, ihrem Benehmen, in dem gesteigerten Zauber besonders

holder Momente wieder und wieder zu beschreiben. Er fühlte alles an

ihr poetisch; jede Linie ihrer Gestalt, jeder Blick, jede Bewegung

entzückte ihn. Die ruhige Anmuth ihres Benehmens erschien ihm edel im

schönsten Sinne des Worts, das höhere Bewußtseyn, das nicht selten

aus ihren Zügen sprach, für eine von der Natur so verschwenderisch

ausgestattete Jungfrau durchaus geziemend; der sichere Takt und der

Verstand, den sie im Gespräch mit ihm zeigte, verrieth ihm einen

geradezu genialen Geist. Sie herrschte in ihrem Hause -- das gebührte

ihr. Nach Geist und Charakter war sie geartet, als Fürstin ein Volk zu

regieren; und wenn ihr dieses Loos nicht zufallen konnte, so war es

am Ende auch schön, als Gattin eines Dichters durch's Leben zu gehen

und als Urbild seiner schönsten Gestalten von einer Nation gefeiert zu

werden.

Daß er zum Dichter bestimmt war im vollsten Sinne, konnte das

eine Frage seyn? Wenn er bisher keine Gewißheit hatte, jetzt war

sie gegeben: mit dem glühenden Gefühl, mit dem phantasievollen,

hochstrebenden Geist, den er sich zusprechen durfte, hatte er Sie

gefunden, die alle seine Kräfte belebte, steigerte, auf die höchsten

Ziele lenkte, an der er die herrlichsten Eigenschaften des Weibes

anschaute und die ihm zugleich die ausdauerndste Anstrengung, den

reinsten Kunstfleiß zur frohen Pflicht machte, weil die Früchte davon

=sie= erquicken sollten. Jetzt hatte das Schicksal seine Hoffnung,

seinen Glauben feierlich bestätigt, ihm die Richtung und das Ziel

seines Lebens im hellsten Sonnenlicht gezeigt. Alles stimmte zusammen.

Zu der Leidenschaft und dem glühenden Ehrgeiz des Dichters kamen die

lieblichsten Geschenke der Welt und der Natur; gute Geister halfen ihm

und bereiteten ihm die Wege; ja es sollte in ihm wieder einmal ein Poet

ausreifen, der, in eigenster Seele glücklich, auch die andern beglückte

und den himmlischen Glanz der Liebe und Freude in die Seelen ergoß.

Jahre gingen hin. Das Verhältniß gedieh weiter, indem die beiden Herzen

vertrauter und in Momenten schöner Erregung die liebenden Blicke des

Dichters gar warm und hold erwiedert wurden; aber zur förmlichen

Erklärung und zum festen Beschluß kam es dennoch nicht. Der Grund lag

in der Zurückhaltung Auguste's, die in ihrer Freundlichkeit, auch bei

lebhafterer Wallung des Herzens, ein gewisses Maß nicht überschritt und

auch den Liebenden in den Schranken des Verehrers zu halten oder doch

wieder in sie zurückzuführen wußte. Außerdem war Heinrich so glücklich,

sie immer wieder sehen, mit ihr verkehren und ihr die Aufmerksamkeit

der Liebe erweisen zu können, daß er eine Aenderung, wäre es auch eine

glückerhöhende gewesen, kaum wünschte. Was er hatte, war so hold, so

voller Duft und Poesie! Und das Andere mußte ja kommen -- in schönster

Weise kommen, wenn sein Ruhm als Dichter nicht mehr eine bloße

Verheißung, sondern eine vollendete Thatsache war!

Die Liebe macht jedes Wesen klug und -- nach Möglichkeit -- praktisch,

sogar den poetischen Idealisten. Heinrich sah wohl, daß die Verwandten

ihre Tochter nur einem wohlgestellten Manne geben würden; und wenn er

sich nun durch Vorlesen klassischer Dichtungen und eigener Arbeiten

angenehm und interessant machte; wenn er bei Gelegenheit ein wirksames,

die betreffenden Personen schmeichelhaft berührendes Lied sang; wenn

er hie und da auch eine der Kritiken mittheilte, die er in Journale zu

liefern begann, so versäumte er nicht, bei natürlichen Anlässen die

Vortheile jetzt lebender Schriftsteller vor ihren ehemaligen Genossen

in's Licht zu setzen und nachzuweisen, daß ein Mann der Feder, wenn

er thätig sey, durch bloße Zeitungsartikel sich ein Einkommen zu

beschaffen im Stande wäre, das dem eines gut besoldeten Staatsdieners

gleich komme, ganz abgesehen von den möglichen Erfolgen als Lyriker

und Erzähler, und nun gar als dramatischer Dichter, der erst von den

deutschen Bühnen und dann von dem Verleger stattliche Ehrensolde zu

erlangen vermöge.

Da es galt, eine Kaufmannsfamilie zu überzeugen, so rechnete er genau

vor, was man durch Lieferung so und so vieler Bogen in politische und

literarische Journale sich erwerben könne, was Bücher einbringen,

die Auflagen erleben, und was namentlich an Tantièmen und Honorar ein

Stück abwerfe, das den Siegeszug über die Bühnen Deutschlands mache

-- der wackere Jüngling, der, während er diese Möglichkeiten sich und

Andern vorhielt, auch von der ersten einen nur äußerst mäßigen Gebrauch

machte und es für ehrenvoller und natürlicher hielt, seine Bezüge

fortgehenden Anstrengungen des Vaters zu danken. Der Vetter indeß hörte

die Darlegung mit Antheil, gewann von dem merkantilischen Sinn des

Poeten einen vortheilhaften Begriff und sprach einmal seine ernstliche

Freude darüber aus, daß nun doch auch die Schriftsteller und Dichter

wie solide Menschen zu leben vermöchten. »Freilich,« setzte er lächelnd

hinzu, »müssen ihre Gedanken auch durchgehen!« Der Jüngling, in seiner

vollkommenen Sicherheit, stimmte mit so heiterer Miene bei, daß der

Alte freundlich hinzufügte: »Nun, bei dir hoffen wir das Beste, nach

den schönen Sachen, die du uns schon vorgelesen hast....«

Die instinktmäßige Beschwichtigung eines rechnenden, in

Literaturverhältnissen aber nicht eben bewanderten Mannes diente

dem jungen Mann nachhaltig. Seine dichterischen Arbeiten wurden mit

größerem Antheil gehört, und als er am Geburtstag der Mutter ein

kleines Festspiel aufführen ließ, in welchem Auguste die Hauptrolle gab

und das einen sehr anmuthigen, deßgleichen rührenden Eindruck machte,

gratulirte man ihm auf's wärmste; Auguste dankte ihm zärtlich, die

Eltern glaubten auch auf die dramatischen Projekte des Poeten Vertrauen

setzen zu können und sagten sich, daß er am Ende doch der Mann wäre,

ihre Tochter glücklich zu machen. Unser Musensohn durfte unter den

Verehrern der gefeierten Schönheit nicht nur ungestört sich bemerklich

machen, sondern es wurde in dem Kreise allmählich auch angenommen, daß

er der Bevorzugte, der Erwählte sey, und daß man eines schönen Morgens

die Verlobungsanzeige lesen könnte.

Während einer längeren Abwesenheit nach jenem poetischen Sieg drohte

seinen Hoffnungen indeß einen Moment große Gefahr. Ein Anbeter

Auguste's bewarb sich um ihre Hand. Es war ein Beamter, der eine

bedeutende Stelle inne hatte, noch in guten Jahren stand und sich

einer ansehnlichen Gestalt erfreute. Die Eltern, geschmeichelt, wußten

die Ehre sehr zu schätzen, gaben aber die Entscheidung der Tochter

anheim; diese, in höflichen Ausdrücken, ertheilte dem Bewerber einen

Korb. Heinrich war unendlich erfreut, als ihm das Ereigniß von einem

Bekannten gemeldet wurde. Nun hatte er den vollen Beweis, daß ihr

Herz ihm gehörte, auf ewig gehörte! Und nun wollte auch er nicht

länger säumen, sondern in muthigem Anlauf sein Glück versuchen, um die

Hauptentscheidung seines Lebens herbeizuführen.

Er hatte eine historisch romantische Tragödie begonnen, die ihn bald

vor allen andern Arbeiten anzog, und wenn er sich an sie hingab, ihn

anmuthete wie eine erhabene poetische Waldlandschaft. Der Kern der

Handlung war ihm durch die sagenhafte Geschichte einer fürstlichen

Familie gegeben, die wirksamsten Momente hatte er aber selber erfunden,

indem er die Hauptpersonen zu gleicher Zeit romantisch idealisirte und

den Sinn der historischen Vorgänge vertiefte. Jeder Act schien ihm

Scenen zu enthalten, die, gut gespielt, auf die Zuschauer ergreifende,

erschütternde Eindrücke hervorbringen mußten. Es gibt eine Poesie der

Situation und der Sprache, der sich niemand entziehen kann; und diese

Poesie schien ihm in den fertigen Theilen so gelungen, daß er über

die gleichmäßige Hinausführung des Ganzen nicht mehr in Sorge zu seyn

brauchte. Denn bei poetischen Kunstwerken kommt es auf den Entwurf

und das richtige, farbensatte Treffen des Anfangs an; dieser führt

dann zum entsprechenden Fortgang und Ende mit Nothwendigkeit, indem

das Oberflächliche und Matte, das in schwächeren Augenblicken in das

Gemälde kommt, von dem überwiegend Großen und Mächtigen immer selbst

wieder ausgestoßen wird.

Reines Glück der jugendlichen Dichterseele, wenn ein wundersames,

reiches, romantisch holdes und großes Bild vor ihr steht und sie

dasselbe Zug für Zug, ja noch farbiger und mannigfaltiger, als sie es

anschaut, auf's Papier bringen zu können hofft! Wenn die Verse dem

liebenden Sinn leuchten, würzig duften und das Herz an Alles, was

erhaben, schaurig und süß in der Welt ist, dabei erinnert wird! In den

beglücktesten Momenten ist es keinem zu verdenken, wenn er glaubt,

etwas Hamlet- und Faustähnliches hervorgebracht zu haben. Und wenn

das nun, prächtig ausgestattet, von ausgezeichneten Schauspielern

dargestellt, auf die Herzen der Zuschauer eindringt? -- Der Sieg ist

unvermeidlich und die Ueberwundenen müssen Beifall jubeln!

Ein Jahr etwa vor dem Beginn unserer Erzählung brachte Heinrich das

Stück zu Ende. Er ging es kritisch genau durch und opferte manchen

Vers, der ihm an sich poetisch, aber den Gang der Handlung aufhaltend

erschien, so wie er sich überhaupt immer fragte, welchen Effekt die

wesentlichsten Scenen auf der Bühne zu machen im Stande wären. Durch

Erfahrung belehrt, wie sehr Autoren sich täuschen können, theilte

er das reingeschriebene Manuscript nacheinander zweien Freunden mit

und ließ sich von diesen zu nicht unbedeutenden Aenderungen und

Streichungen bestimmen. Endlich glaubte er einstweilen sicher zu seyn

und wollte das Werk eine erste Probe bestehen lassen, indem er es im

Hause der Geliebten vorlas.

An einem schönen Sommerabend, vor einer gewählten Versammlung, die

den runden Theetisch im Gartenhaus umsaß, machte er den Versuch, der

über Erwarten gelang. Die Einleitung, die er voranschicken zu müssen

glaubte, wurde noch etwas befangen gegeben, aber die Verse weckten den

Muth des Autors, und bald las er mit einer Wärme, die sich nach und

nach zur Begeisterung steigerte. Er fand den Ton der Liebe, des innigen

Ernstes, des pathetischen Schwunges, des schlagenden, zermalmenden

Ausbruchs. Die Zuhörer, erst ruhig und schweigsam, dann erfreut,

gerührt und nach den effektvollsten Stellen mit ihrem Beifall nicht

karg, waren am Schluß höchlichst erregt, und die bei den letzten Acten

nöthig gewordenen Lampen beleuchteten ernst ergriffene, gehobene,

glückliche Gesichter. Am glücklichsten war freilich der Autor. Er

empfing -- wie das nach einem derartigen Sieg der Fall zu seyn pflegt

-- von allen Seiten Lobsprüche, die noch um ein Gutes mehr besagten,

als es die Anerkennenden am andern Tage gutgeheißen hätten; sein

Antlitz, mitten im Fluß bescheidener Ablehnungen, strahlte in beinahe

mädchenhafter Wonne; und als er endlich einen Moment allein gelassen

wurde, gestand er sich, wie viel von diesen Beifallsworten auch abgehen

möchte, ein würdiger Erfolg seines Stücks auf der Bühne sey doch wohl

ganz gesichert. »Ein würdiger Erfolg?« rief eine Stimme aus den

Tiefen seiner Seele. »Das ist nicht genug! Ein durchschlagender, ein

hinreißender muß es seyn!«

Nach der Entfernung der Geladenen sahen ihn Eltern und Geliebte mit

vertrauensvolleren Blicken an. Man gratulirte nochmals, der Vater

namentlich mit bedeutungsvoller Miene, und endlich wünschte man sich

mit einer so ruhigen Freude und Zufriedenheit Gutenacht, als ob schon

Alles gewonnen, der Bund schon geschlossen wäre.

Andern Tages reiste der Glückliche nach Hause, um durch Schilderung

seines Triumphs die Mutter zu entzücken, den Vater im Glauben zu

stärken und ihn zu einer freilich bedeutenden, aber jetzt unzweifelhaft

letzten Spendung zu vermögen. Der brave Herr, mit hoffendem Lächeln,

aber auch wieder mit bedenklicher Miene, sorgte für das bereits

erwähnte Päckchen Papiergeld, das dem Sohne Muße gab, den Bühnenerfolg

an entscheidender Stelle vorzubereiten und gründlich zu erkämpfen. Mit

dem elterlichen Segen ging dieser wieder zum Vetter zurück, um allerlei

Einkäufe zu machen, ein paar Tage in der Familie zu verleben und dann

auf Postwagen und Eisenbahn dem Wahlplatz zuzueilen.

Die Verwandten halfen ihm bei seinen Besorgungen mit heiterer

Traulichkeit und einem Ausdruck von Achtung, der dem Dichter ganz

besonders wohlthat. Am Abend wußte er die Geliebte allein im Garten und

eilte, sie aufzusuchen.

Nach etwelchen alltäglichen Fragen und Antworten begann er mit einem

gewissen Lächeln: »Morgen also, liebe Auguste, geht's fort -- in's

Feld.« -- »Ich wünsche dir alles Glück dazu, Heinrich,« erwiederte sie

mit ernster Empfindung; »von ganzem Herzen.« -- »Es gehört viel Muth

zu dem Unternehmen,« fuhr der junge Mann fort, indem er sie bedeutsam

ansah; »denn für mich steht nicht weniger als Alles auf dem Spiel!«

Das Mädchen, zu Boden sehend, versetzte: »Mögest du gewinnen --

Alles gewinnen -- das ist mein Wunsch und meine Hoffnung!« -- Sie

schaute auf, ihm in's Auge; es war ein Blick der freundschaftlichsten

Theilnahme -- der Liebe, der ihn traf und entzückte.

Rasch faßte er ihre Hand und rief, sie zärtlich drückend mit

überwallender Herzlichkeit: »Ich danke dir, Auguste -- und gehe

getrost. Es muß mir ja gelingen -- wenn nicht um meinetwillen, so doch

um deinetwillen, da du so lieb und so gut bist, es zu wünschen. Wenn

nur,« setzte er mit einem eigenen Ausdruck von Sorge und Hoffnung

hinzu, »die Prinzessin gut gespielt wird!«

Auguste lächelte. Sie hatte wohl gemerkt, daß zu dieser Figur sie

gesessen und der Dichter alles aufgeboten hatte, sie darin zu

verherrlichen. »Wie mir der Doktor sagte,« bemerkte sie, »haben sie in

der Residenz gerade für diese Rolle eine sehr gute Schauspielerin!« --

»In Gottes Namen,« versetzte der Autor. »Mir,« fügte er halb lächelnd

hinzu, »wird sie freilich nicht ganz genügen können, wie gut sie's

auch machen mag, aber dafür kann sie nicht! Wenn sie nur das Publikum

ergreift und hinreißt; denn diese Rolle muß entscheiden. Nun, und wenn

ich dann wiederkehre -- mit dem Lorbeer wiederkehre --?«

Auguste war zu einem Strauch getreten, um eine eben aufbrechende Rose

zu pflücken. Indem sie ihm dieselbe bot, sagte sie, mit einem leisen

Hauch von Verlegenheit, gütig: »Zum Andenken -- an unsern Garten, wo

wir so schöne Stunden verlebten. Möge sie dir Glück -- alles Glück

bedeuten!«

Heinrich sah auf die Rose und die rosig Blühende, und wäre dieser gern

um den Hals gefallen, wenn es auf dem häuser- und fensterumgebenen

Platz nur irgend hätte gewagt werden können. Dafür ergriff er ihre

Hand, preßte sie zärtlich und rief: »Dieser Rose wird der Kranz

folgen, nach dem ich trachtete von Jugend auf; und dann, dann hoff'

ich auf deinem Haupt einen noch schöneren zu sehen --« -- Das Mädchen,

unwillkürlich, erwiederte den Druck der Hand, erröthete tiefer und sah

den schönen und liebenden Dichter mit dem reinsten Wohlwollen an. -- --

Wird der Leser nun begreifen, daß Heinrich den ersten Abend in der

Residenz ganz dem Cultus der Geliebten widmete? Er hatte ihr lange

gedient, und ihr eigenartiges Wesen, ihr jungfräulicher Stolz hatte ihn

in ihrer Neigung sichtlich nur langsame Fortschritte machen lassen;

aber endlich hatte er das geliebte Herz gewonnen -- gewonnen für Zeit

und Ewigkeit.

Die Briefe, die er von ihr erhalten, waren aus verschiedenen Jahren.

Er hatte den ersten, den ihm die noch nicht erwachsene Cousine

schrieb, glücklicherweise nicht verloren und besaß also jede Zeile,

die sie, anfragend oder antwortend, an ihn gerichtet hatte. Auch

diese ihre Aeußerungen charakterisirte im Ganzen eine gewisse ruhige

Zurückhaltung; in denen aus der letzten Zeit herrschte aber ein

wärmerer Ton, und wenn die freundlichsten Stellen an hingebender

Empfindung auch nicht den entsprechenden in seinen Briefen gleichkamen,

so übten sie doch auch jetzt wieder eine beseligende Wirkung auf ihn.

Im übrigen war ihm alles köstlich, was er las; alles war bezeichnend

für sie und rief ihm ihr himmlisches Bild vor die Seele.

Er ging so ziemlich wieder alle ihre Briefe durch, indem er das

schwindende Tageslicht durch Kerzenlicht ersetzte. Ein Ausspruch, auf

den er traf, erinnerte ihn an eine Stelle in seiner Tragödie; er schlug

sie auf und las, indem er vorwärts und rückwärts ging. Wieder konnte er

nicht umhin, die Dichtung von Herzen zu approbiren. -- Endlich legte

er das Manuscript weg. Es waren ihm Ideen gekommen, die er sich nicht

entgehen lassen durfte; er nahm ein Heft mit der Aufschrift: »Gedanken

und Entwürfe,« schrieb, sann weiter nach, schrieb wieder, und blickte

zuletzt mit eben so innig vergnügten als selbstzufriedenen Mienen in

dem kerzenhellen Zimmer umher.

Der Dichter, wie wir hier bemerken müssen, cultivirte eine Art

Aberglauben; nicht ernstlich, vielmehr spielend und sich gelegentlich

selbst darüber belustigend, ohne indeß den angenommenen Vorzeichen alle

Einwirkung auf sein Gemüth rauben zu wollen. Früh schon wurde er sich

mit angenehmer Empfindung seines Namens »Born« bewußt, da er ihm in

seiner Kunst eine unerschöpflich quellende Frische zu verheißen schien;

und auch mit seinem Vornamen, den so gewaltige Männer, unter andern der

größte deutsche Kaiser getragen, war er sehr zufrieden. Denn im Grunde,

sollte im _nomen_ nicht dennoch ein _omen_ gegeben seyn können? Daß

jedes Zeichen, dem eine Bedeutung beigelegt wird, in der That etwas

bedeute, konnte man freilich nicht behaupten; aber das war auch noch

nicht erwiesen, daß hier immer der blinde Zufall waltete. Vielleicht

gefallen sich höhere Mächte doch darin, gewisse bevorzugte Naturen

durch entsprechende sinnliche Erscheinungen auf ernstere Ereignisse

vorzubereiten und zum Abwarten zu ermuthigen -- wer weiß es?

Dermalen vergegenwärtigte sich nun der gute Freund unwillkürlich seinen

Eintritt in die Residenz, den heitern Abend und die in ihm angeregten

frohen Gefühle; die interessante und anziehende Begegnung der beiden

Damen; das traute Zimmer im Gasthof und die seligen Eindrücke, welche

Geschenk und Briefe der Geliebten auf ihn gemacht; die Tragödie, die

ihm unwiderstehlich wieder imponirte, und endlich die Fülle neuer,

schöner Ideen. Aber noch blieb etwas übrig.

Er schlug einen kleinen Kalender auf, den er bei sich führte, suchte

den Namen des heutigen Tages, und las auf der katholischen Seite

»Justinian,« auf der protestantischen, zu seinem großen Vergnügen,

»Herkules.« Herkules! welch glorioser Patron! Und noch dazu bei

wachsendem Mond! -- Der folgende Tag war bezeichnet durch »Magnus,« der

dritte durch »Regina;« bessere Tage zum Einzug in die Stadt, wo die

große Entscheidung fallen sollte, hätte er sich offenbar nicht wünschen

können.

Wundersam erheitert und kaum über sich selbst lächelnd, erhob er sich,

um in's Speisezimmer hinunterzugehen; denn bei der idealistischen

Beschäftigung hatten sich endlich doch Hunger und Durst sehr merkbar

eingestellt. Er vollendete nun die guten Auspicien, indem er eine

bedeutende Portion Braten verzehrte, eine Flasche vom Besten ausstach,

wobei er das erste Glas für sich auf das Wohl der Geliebten leerte,

und endlich zu Bette gegangen rasch in tiefen Schlaf sank.

Novellen: Die zweite Liebhaberin; Verlust und Gewinn · 第 7 / 26 题