Prolog zur Böcklin-Gedenkfeier

der Gesellschaft hamburgischer Kunstfreunde

(Fräulein Minna Persoon gewidmet.)

Ein Großer starb: _Böcklin_. Vor wenig Tagen

Gab man der Erde ihren Anteil wieder —

Und legte Rosen auf den Hügel nieder

Und dunklen Lorbeer. Leises Flügelschlagen

Der Stunden, die die stille Stätte streifen —

Und jedem Flügelschlag entblättert sacht

Sich eine Rose, die vielleicht am Strauch

Des Lebens letzten roten Gruß gelacht

Dem, dessen Tod auch ihr Tod ward. Ein Hauch

Vergänglichkeit um dieses Grab geweht,

Um das der dauerhafte Lorbeer steht.

* * * * *

Zwei Freunde, die in Feierstunden,

Sich in Florenz zu einander gefunden,

Hatten die halbe Winternacht

Dem toten Meister nachgedacht.

Ein Maler war's und ein Poet,

Fühlten sich eines Geistes durchweht,

Gossen ihren roten Wein

Glutvoll in seinen Ruhm hinein,

Klirrten die leeren Gläser zusammen

Und schössen wie zwei Feuerflammen

Von ihrer Bank empor und gingen

Des Meisters Grab einen Gruß zu bringen,

Wollten unterm Sternenschein

Seinem Genius eine Andacht weihn.

Sprach der Maler: So ist's recht,

Hat sich am Tage so mancher erfrecht

Dem Meister sein Gloria zu schrein,

Stimmte so mit den andern ein,

Aber ist der Lärm verweht,

Er wieder alte Wege geht,

An denen, die noch malen und dichten,

Seine Torturen zu verrichten.

Wer die Marterschrauben überdauert,

Der wird dann rühmlichst eingemauert

In ein Pantheon von großen Leuten,

Die man anfangs wollte häuten.

Nun weiß man aus ihren Kleiderfetzen

Sich selbst noch ein Wams zusammenzusetzen,

Gebärdet sich als Apostel gar

Und ist in den Flicken doch nur ein Narr.

„Nicht schlecht gewettert,“ lacht der Poet,

„Doch wird es, so lange die Welt besteht,

Nicht anders, Freund. Und zuletzt, die Narren

Schmücken des Großen Ruhmeskarren

Als lustige Fratzen wider Willen;

Muss jeder seinen Zweck erfüllen.

Und wären am Ende die Teufel nicht,

Ein Engel hätt kein besonder Gesicht.“

„Du siehst wieder alles von oben an,“

Grollt der erregte Pinselmann,

„Aber steht man so mitten darinnen —“

„Freund, man muss auch das Oben gewinnen

Mit Kampf und blutenden Wunden viel.

Wäre das Leben ein Tanz und Spiel,

Wer möchte die Arme zum Himmel erheben,

Dass er ihm einen Tag länger mög geben?

Aber trotz der Widergewalten

Gelassen am eigenen Ich sich halten:

Zerrt nur, schraubt nur, Ihr reißt mir nichts los!

So ward Böcklin groß.“

So in Streit und Widerstreit

Unter des Sternfriedens Herrlichkeit

Zügelten sie das rasche Wort,

Je mehr sie dem geweihten Ort

Sich nahten, gingen schließlich nur

Schweigend auf eines Gedankens Spur,

Von einem tiefen Empfinden gewiegt,

Das alles laute Wesen besiegt.

Merkten, und merkten's auch wieder nicht:

Heller wurde der Sterne Licht,

War ein himmlischer Wunderschein,

Der hüllte alles um sie ein.

Und da stand des Meisters Gestalt,

Wie man Gott Vater abgemalt,

Der mit gelassener Gebärde

Sich runden heißt den Kreis der Erde,

Baum, Tier und Menschen stellt hinein

Und freut sich: nun kann's Sonntag sein.

Zur Seite hockt ihm gemächlich Gott Pan

Und lässt die Flöte lieblich klingen.

Bockfüßiger Faune Tanz zerstampft den Plan,

Und um die Zottelbären schlingen

Dryaden einen lustigen Reihn

Und Flügelbuben springen drein. —

Doch mählich ordnet sich das Spiel und drängt

Dem Strand zu, wo Tritonen liegen

Und Nixen, Arm in Arm gehängt,

Sich leise auf den Wellen wiegen.

Und von dem munteren Zug geleitet,

Arm traut in Arm mit Pan, so schreitet

Böcklin zum Strand hinab. Pans Flöte schweigt,

Doch aus den Muscheln der Tritonen steigt

Dröhnend ein Gruß, dass rings das Ufer bebt.

Der Gruß verhallt. Still wird's. Vom Meere schwebt

Ein Segel her, naht eine Barke sich,

Drin steht der Tod mit seiner stummen Geigen

Und bittet jenen, in das Boot zu steigen.

Der grüßt und folgt. Leis schwankt der Barke Rand.

Ein Edelbild, das nicht vom Steuer wich,

Ein göttlich Weib bietet dem Gast die Hand.

Dann ist, umspielt von jungen Nereiden,

Das selige Schiff langsam vom Strand geschieden,

Nur eine milde süße Geige klang

Noch lang im Wind, bis es die Nacht verschlang.

Und Pan? die Faune? die Dryaden? Nichts

War da, als nur ein Schimmer stillen Lichts,

Das von den Sternen um den Hügel wob. —

Und als der Maler seine Stimme hob

Und fragte: „Freund, was träumt dir? Lass uns gehn,

Des Meisters Ruhestätte anzusehn,“

Fährt jener auf aus seinem Traum und lacht:

„Hab mit der Phantasie ein Spiel gemacht,

Ich sah das ganze Bocksbeinvolk im Reigen

Dem Meister Arnold Reverenz bezeigen.

Doch komm und lass uns an den Hügel treten,

Auch uns gehört der Böcklin, uns Poeten.“

Still lag das Grab im Frieden dieser Nacht,

Der Lorbeer glänzte im Licht der Sterne,

Und aus der halbverwelkten Rosenpracht

Verlor ein letzter Duft sich in die Ferne. —

Die aber jetzt an diesem Hügel standen

Und ihrer Weihe keine Worte fanden,

Ob sie aus dieser andachtstrunknen Nacht

Wohl eine Frucht mit in den Tag gebracht?

Was kann dies Grab aus seiner Kammer geben?

Dem Starken Höchstes: Lust und Kraft zum Leben.

Hohe Sommertage: Neue Gedichte · 第 70 / 82 题