Mondlicht

Das blasse Licht des vollen Mondes geistert

Durchs schlechtverhängte Fenster uns ins Zimmer.

Du schläfst. Die Kinder auch. Mir aber meistert

Der Magier der Nacht den Schlaf wie immer,

Und wachen Ohrs, das alles hört, ausfragt

Und deutet, lieg ich. Unsre Ältste leiht

Verworrnem Traum, der sie durch Schrecken trägt,

Angstvollen Laut, richtet sich auf und schreit

Entsetzt einmal den Namen ihrer Schwester.

Ich ruf sie an: Schlaf! Still! dir träumt! Gleich weicht

Der böse Alp von ihr. — O diese Nester

Von Nachtgespenstern, die der Mond beschleicht

Und aufstört, Nester, eingebaut

In unsrer Seelen abgelegene Ecken

Und Winkel, die uns zu betreten graut.

Wie still, unschuldig, ruht auf unsern Decken

Das Licht des Monds und ist doch voller Tücken.

Es ruht! Nein, wandelt. Dieses breite Band

Milchigen Lichtes seh ich weiterrücken,

Langsam. So tastet leise eine Hand,

Die Arges vorhat und behutsam gleitet,

Nach ihrem Raub. Nun schiebt das kalte Licht

Sich mählich auf dein Bett hinüber, breitet

Sich über deine Kissen. Dein Gesicht,

Fühlt es das Licht? Du rückst, weichst, kriegst

Ganz weg vor diesem Licht. Könnt deinen Traum

Ich jetzt belauschen. Mit der Stirne liegst

Du eingewühlt in deines Kissens Flaum,

Wie weggeduckt vor diesem bösen Licht,

Das jetzt auf deinem schwarzen Scheitel lastet,

Schwer lastet. Du, wie leblos, rührst dich nicht.

So sitzt, vom Blick der Schlange schon betastet,

Der Vogel wie erstarrt, noch eh der Schlund

Des giftigen Wurms ihn wegschluckt. Langsam lässt

Das Licht von dir. Und aus dem dunklen Grund

Des Grauens tauchst du auf. Noch geht gepresst

Dein Atem, stockend. Doch du wendest wieder

Die Stirn nach oben. Dein Gesicht ist blass,

Und einmal zucken deine feinen Lider,

Als würdest du nun wach. Du murmelst was.

Ich ruf. Ein Seufzer nur. „Annie!“ Kein Laut.

— Mich fröstelt. Wenn nur erst der Morgen graut.

Hohe Sommertage: Neue Gedichte · 第 23 / 82 题