Indem ich dieses allen Gebildeten in Niedersachsen zu bedenken gebe, bin

ich keinesweges abgeneigt, einer patriotisch-wohlmeinenden Stimme aus

ihrer Mitte Aufmerksamkeit zu schenken, welche die Ueberzeugung aͤußert,

der Gebrauch der plattdeutschen Sprache in den Familien gebildeter

Niedersachsen, welchen Einfluß er auch uͤbe auf die intellektuellen

wahren oder ertraͤumten Beduͤrfnisse, auf die verfeinerte Civilisation,

Bildung oder Verbildung der Zeit — ich schattire absichtlich diese

Ausdruͤcke mit dem bekannten Pinsel, der ohne Zweifel aus guter aber

beschraͤnkter Absicht alles was der Gegenwart und der neuesten Zeit

angehoͤrt gegen die gute alte im Schwarzen und Bedenklichen laßt — der

Gebrauch sei ein guter und treflicher in Ruͤcksicht auf den Charakter

der Hausgenossen, weil mit der Sprache der Vaͤter auch ihre alte

ehrliche und treue Sitte, ihre Herzlichkeit, Gradheit und Biederkeit

sich auf die Enkel fortpflanze.

Aufrichtig, du mir immer liebe Stimme, wenn da aus schlichtem,

patriotischem Herzen kommst, ich weiß nicht ob unsere Urgroßvaͤter so

ganz diesem schmeichelhaften Silbe glichen. Es ist sonderbar damit, man

spricht immer von der guten alten Zeit und jedes aussterbende Geschlecht

vermacht die Sage davon an das aufbluͤhende und die gute alte Zeit

selbst laͤßt sich vor keinem sterblichen Auge sehn und ist immer um

einige Stieg Jahre aͤlter, als die aͤltesten lebenden Menschen. Ich muß

laͤcheln, wenn ich an die Verlegenheit wohlmeinender Chronisten und

Geschichtschreiber denke, wenn sie, um das moralische Maͤhrchen nicht zu

Schanden werden zu lassen, sorgenvoll spaͤhende Blicke in die

Vergangenheit werfen, um auch nur einen Zipfel, einen Saum von der

Schleppe der alten Guten oder guten Alten zu erhaschen. Man gebe nur

Acht, wie listig sie sich dabei benehmen. Sie lassen ihr nie unmittelbar

ins Gesicht sehen, sie sagen nicht, nun kommt sie, oder da ist sie; im

Gegentheil wimmeln die Blaͤtter ihrer Geschichte nicht selten eben

vorher von klaͤglichen Zustaͤnden, Schwaͤchen, Lastern und

Erbaͤrmlichkeiten der menschlichen Natur, wenn sie dem Abschluß einer

auserwaͤhlten, kleinen, glaͤnzenden Periode sich naͤhern; dann aber,

wenn der Vorhang faͤllt, die grellen Farben sich schwaͤchen, die boͤsen

Beispiele nicht mehr so lebhaft der Idee von guten Sitten

entgegenarbeiten, wenn das Bild der Zeit abzieht, dann zeigen sie auf

ihren bordirten Saum und rufen dem Zuschauer wehmuͤthig zu, da geht sie,

da geht sie hin die gute alte Zeit und nun werden die jungen Zeiten

anwachsen, ihre Kinder, die sind aber sehr ausgeartet und werden alte

Zeit schlechter. Das man die Geschichte der Sitten von einem ganz andern

Standpunkt und mehr im Großen der Welterscheinungen betrachten muß, das

ahnen die guten Leute nicht.

Fuͤr jeden Einzelnen ist es freilich immer eine Sache der Pietaͤt und

ein wohlthuendes Gefuͤhl, sich seine Vorfahren als durchgaͤngig honette

Leute vorzustellen. Der dunkele Buͤrgerliche oder Baͤuerliche kann

dieser Vorstellung wenigstens ohne großen geschichtlichen Anstoß und

Widerspruch nachhaͤngen, er hat hierin einen Vortheil vor den

beruͤhmtesten Adelsfamilien voraus. So ist in hochdeutschen

buͤrgerlichen Familien die Vorstellung vom Großvater, Urgroßvater als

altdeutschen Degenknopf die herschende und die liebste. Schwaͤcher und

allgemeiner bezeichnet sind die _epitheta ornanti_ fuͤr baͤuerliche

Vorfahren, Degenknoͤpfe kann man sie schicklicherweise nicht nennen und

der Bauerwitz ist bis jetzt noch nicht auf den Einfall gekommen, etwa

die Ausdruͤcke von alten deutschen Piken, Sensen oder Messerscheiden auf

sie anzuwenden. Ueberhaupt ist zu bemerken, daß das Wort deutsch nur

hochdeutsch ist, und im originalen plattdeutsch des gemeinen Lebens

nicht vorkommt, eben so wenig, wie die fruͤherhin angefuͤhrten Woͤrter

Bildung und Verfassung, so daß die Redensart „das gebildete und

verfassungsmaͤßige Deutschland“ in plattdeutscher Sprache noch weniger

als eine Redensart und gar nichts ist.

Nach dieser vorlaͤufigen Verstaͤndigung waͤre zunaͤchst der Hauptsatz

einzuraͤumen, mancherlei alte Sitte geht durch den Gebrauch der

plattdeutschen Sprache auf die Glieder der Familie uͤber, und —

_Folgesatz_ — wird ihnen zeitlebens etwas ausdruͤcken oder anhaͤngen,

was sich nicht wol mit ihrer sonstigen Bildung vereinigen, sich nicht

fuͤr die Zeit und heutige Gesellschaft schicken will — das aber — _Nach-

und Beisatz_ — den Umgang mit dem Volk, das Einwirken auf das Volk zu

erleichtern geeignet sein mag.

Letzteres betrachte ich in der That fuͤr sein unwichtiges Moment. Man

sieht hier den Gebrauch der plattdeutschen Sprache in Prediger- und

Beamtenfamilien unter seinen natuͤrlichsten und vortheilhaftesten

Gesichtspunkt gestellt. Diese Familien, meistens selbst vom Lande und

auf dem Lande besitzen und erregen nicht selten das Vertrauen des

Landmanns und wie es andere Familien zum Beispiel in der Stadt giebt, in

deren Mitte er sich fuͤr verrathen und verkauft halten wuͤrde, so trift

er in jenen gleichsam naͤhere und entfernte Anverwandte und sieht in

deren haͤuslichem Leben wie in einen Spiegel, worin sein eigenes mit

verschoͤnerten Zuͤgen ihm vertraulich entgegentritt.

Doch ist keiner geringen Anzahl von diesen Familien die hoͤchst

dringende Warnung zu ertheilen, vor dem allmaͤhligen herabsinken auf die

baͤuerliche Stufe der Kultur auf der Hut zu sein. Da sich im

Plattdeutschen einmal nichts Gescheutes sprechen laͤßt, so nimmt die

plattdeutsche Gemuͤtlichkeit nur zu leicht den Charakter der Traͤgheit

an. Das Beduͤrfniß bedeutenderer Conversationen, zarterer Beruͤhrungen,

die nur in einer gebildeten Sprache moͤglich sind, regt sich immer

schwaͤcher, die einfache Sitte verwandelt sich in rohe, das Herzliche

ins Laͤppische, das Gerade in's Plumpe, das Derbe in's Ungeschlachte und

es tritt nur zu oft jener traurige Ruͤckschritt der Civilisation ein,

den man Verbauerung nennt. Damit ist dem Bauer auch nicht geholfen, der

Familie, den Kindern noch weniger.

Wer sich also in seiner Neigung und Vorliebe fuͤr das Plattdeutsche im

Haͤuslichen auf einen Heros der deutschen Literatur wie Johann Heinrich

Voß oder einen Pfarrer, wie Klaus Harms zu berufen gedenkt, der thut

wohl, sich zuvoͤrderst die Fragen vorzulegen: bist du des Umschwungs

deines geistigen Raͤderwerks auch so gewiß und sicher, wie jene, laͤufst

du keine Gefahr, dich fuͤr die Wissenschaft abzustumpfen, die Bewegung

der Zeit aus dem Auge zu verlieren; darfst du nicht befuͤrchten, dich

und deine Familie an den Bettelstab des Gedankens zu bringen, deinen

Kindern eine unersaͤtzliche Zeit zu rauben, sie unerzogen in die Welt zu

stoßen und mit deinem ganzen Hause an den untersten Fuß der Civilisation

herabzugleiten?

Das moͤgten doch immer Fragen sein, die einer aͤngstlich gewissenhafter

Beantwortung werth sind.

* * * * *

Aber die plattdeutsche Sprache, ist, wie erwaͤhnt, Lieblingssprache auf

allen norddeutschen Universitaͤten und das wenigstens wird ihr waͤrmster

Freund nicht gut heißen koͤnnen.

Hier tritt sie als gefaͤhrlichste Bundesgenossin aller jener

zahlreichen Uebel und Hemmnisse auf, die sich von Anfang an auf unsere

Universitaͤten verschworen zu haben scheinen, um die Humanitaͤt im Keim

zu ersticken. Hier legt sie die idyllische ehrbare Miene ab, wodurch sie

sich in laͤndlichem Pfarrhause Frau und Toͤchtern empfiehlt, zwanglos

grob, ungenirt gemuͤtlich wandert sie in den Auditorien aus und ein, den

Mund immer offen und nur pausirend, wenn der Professor spricht und der

Student Religionsphilosophie, Metaphysik, Naturlehre und andere

hochdeutsche _sublimia_ in sein Heft eintraͤgt. Zum Teufel ihr Herren

_favete linguis!_ wie kommt die Sprache Boͤotiens in Minervens Tempel.

Ihr koͤnnt freilich antworten, wie kommt Minervens Tempel zu unserer

Universitaͤt, die nur eine alte wankende Ruine aus dem Mittelalter ist.

Recht! aber wo euer Fuß hintritt, da soll Athen sein, geweihter Boden

sein — _soll_, sage ich, denn warum sonst haben die Goͤtter dem

jugendlichen Fuß die Sehne der Ungeduld und des heiligen Zorns

verliehen, die mit einem Tritt zerstampft, was das Alter mit beiden

Haͤnden nicht aus dem Wege schaffen kann, warum anders, als damit ihr

Schoͤneres, Besseres, Heiligeres aus dem Boden zaubern sollt. Ihr

versteht mich nicht? Ich verstehe euch auch nicht, ich verstehe die edle

norddeutsche Jugend nicht, die sich auf dem Musensitz einer Sprache

bedient, die dem Dunkel des Geistes, der Barbarei vergangener Zeiten

angehoͤrt. Macht es dieser Jugend Scherz, ihre eigenen Studien, das

akademische Leben, den duͤrren Scholastizismus und die Pedanterie des

akademischen Instituts zu parodiren, zu travestiren, so sehe ich

allerdings weder großen Uebermuth in diesem Scherze, noch verkenne ich,

wie sehr die plattdeutsche Sprache, ja schon ihr Klang, zu diesem Zweck

sich eignet[6]; allein Scherz muß Scherz, das heißt fluͤchtig und

wechselnd bleiben, und wenn derselbe Scherz und dieselbe Travestie drei

Jahre alt wird, so muß man ein sehr ernsthaftes und langweiliges Gesicht

dazu machen.

Kann man nicht heiter, gesellig, witzig, selbst wenn Lust und Laune

danach, derb und spaßhaft im Element des Hochdeutschen sein. Ist die

Sprache unserer Bauern humoristischer als die Sprache Abrahams a Sancta

Clara, Lichtenberg, Jean Pauls. O ich kenne die niedersaͤchsischen

Witze, sie stehen alle in einem kleinen grobloͤschpapiernen Buch mit

feinen Holzschnitten, das jaͤhrlich in diesem Jahre gedruckt wird. Es

tritt darin auf „der Ruͤbezahl der Luͤneburger Haide,“ der Repraͤsentant

des niedersaͤchsischen Volkshumors, der geniale Till und ruͤlpst auf die

anmuthigste Weise lauter Witze vor sich hin, die aus einer Zeit stammen,

wo das Volk nur den groben Wanst, dagegen die Ritterschaft den Arm, die

Geistlichkeit den Kopf des Staatsungeheuers repraͤsentirte.

Oder was zieht ihr vor an der plattdeutschen Sprache? Ich weiß die

Antwort nur zu gut, „sie macht uns Spaß[7]; sie ist uns gemuͤthlich.“

Chorus von Goͤttingen, Rostock, Greifswalde, Kiel, sie macht uns Spaß,

sie ist uns gemuͤthlich, es wird uns wohl dabei! Auch in Jena,

Heidelberg, Berlin, Bonn, wohin wir kommen und wo unserer zwei bis drei

beisammen sind, da ist sie mitten unter uns. Sie gehoͤrt mit zum Wesen

der norddeutschen Landsmannschaft und das waͤre kein braver Holsat oder

Meklenburger, oder Oldenburger, der nicht wenigstens drei Plattituͤden

am Leibe haͤtte, plattes (Muͤtze) auf dem Kopf, plattes (Mappe) unter'm

Arm und das liebe Platt im Munde.

O Jugend, akademische, Bluͤthe der Norddeutschen, sei nicht so duftlos.

Dufte etwas nach dem Geist der Alten — ich meine nicht deiner eigenen —

bethaue deine Bluͤthen und Blaͤtter mit etwas Naß aus der Hippokrene,

durchdringe sie mit etwas Oel aus der Lampe der Philosophie, empfinde,

fuͤhle wenigstens nur die heiße Thraͤne des Unmuts und des Schmerzes,

die der Genius deines Vaterlands auf dich herabtraͤufelt.

O Jugend, akademische, ihm ist uͤbel, wenn dir wohl ist. Mephistopheles

freilich lacht und spoͤttelt dazu und wenn er dich in Auerbachs Keller

platt und wohlbehaglich sitzen sieht so ruft er seinem Begleiter zu:

Da siehst du nun, wie leicht sich es leben läßt?

Dem Völkchen da wird jeder Tag zum Fest.

Wie hat sich seit den Tagen des Faustus die Welt veraͤndert, was ist

nicht alles in den letzten 30, in den letzten 13, in den letzten 3

Jahren geschehen und dieses Voͤlkchen ist noch immer das alte geblieben?

Wo kommt es her? Wo geht es hin?

Es gibt Ausnahmen, wie sollte es nicht. Aber ich spreche, wie immer in

dieser Schrift, vom großen Haufen, und der ist auf unsern Universitaͤten

noch immer der alte Stamm und das Plattdeutsche seine hartnaͤckigste

Wurzel.

Es hat fast den Anschein, als muͤßte der Bauer erst mit gutem Beispiel

vorangehn und die Sprache der Bildung gegen den Dialekt der Rohheit

eintauschen, ehe der Student sich dazu entschließt.

Wie noͤthig thaͤte es Manchem, um auch nur den aͤußern Schein seines

Standes im Gespraͤch und Umgang mit Gebildeten zu retten. Ich schaͤme

mich's zu sagen, welche Erfahrungen ich gemacht habe.

Wie noͤthig aber thut es Jedem, sich unablaͤssig in einer Sprache zu

bewegen, die ihm erst zu der Herrschaft uͤber sein Wissen verhelfen

soll; wie noͤthig Jedem, sich einer Sprache zu entschlagen, welche diese

Herrschaft mißgoͤnnt und streitig macht, welche wie das lichtlose dumpfe

Chaos dicht hinter seiner aufzubauenden Welt lauert.

Ohnehin fordert die hochdeutsche Sprache Uebung, viel Uebung. Sie faͤllt

Einem nicht so in den Mund, wie dem Franzosen das franzoͤsische. Das

Talent sich fertig und gelaͤufig auszudruͤcken, ist immer noch ein

selteneres, am seltensten in Nord-Deutschland. Sprache und Gedanke,

Sprache und Gelehrsamkeit stehen haͤufig im ungeheuersten

Mißverhaͤltniß. Fern sei es von mir, den bloßen Fluß der Worte, die

Geschwaͤtzigkeit als eine Tugend zu preisen. Aber diese Wortangst, diese

Wortplage, die so viele Sprechende befaͤllt, dieses Stottern, Ringen,

Raͤdern und Braͤchen, das am Ende oft doch nur etwas Verschrobenes oder

Triviales zu Tage foͤrdert, das alles deutet bei unsern Gelehrten auf

eine klaͤgliche Unangemessenheit zwischen todtem Studiren und lebendigem

Umtausch hin.

Von dieser Seite betrachtet zeigt sich der geruͤgte Uebelstand auf

norddeutschen Universitaͤten im haͤßlichsten Licht. Der tuͤchtigste Kopf

kann sich kaum vor der Masse des Fertigen, Vorgedachten, Positiven

erwehren, das so regelmaͤßig wie der Rinnenguß einer Wassermuͤhle Tag

fuͤr Tag auf ihn eindringt. Es gehoͤren elastische Denkfibern,

gluͤckliches Gedaͤchtniß (auch gluͤckliches Vergessen) und vor allem

Freundesgespraͤche dazu, um die ewige Nothwehr mit Erfolg fortzusetzen

und das heiligste Gut der Persoͤnlichkeit, das Stoffbeherrschende,

selbstbewußte, selbstdenkende Ich siegreich davonzutragen. Vor allem

Freundesgespraͤche, sage ich. Einsames Lernen, stilles Sammeln,

Betrachten, Denken sind nothwendig; aber wer nicht spricht, erstickt,

wird verwirrt, chaotisch und das eben ist der geistige Zustand der

meisten jener Gelehrten, deren Sprechen ich so eben als Sprachangst und

Sprachplage bezeichnet habe.

Mit welchen Farben soll ich den barocken, laͤcherlich traurigen

Geisteszustand einer plattdeutschen Studentenmasse schildern. _Ochsen_

nennt sie selbst die mechanische Arbeit, die sie zum Behuf des Examens

taͤglich vornimmt. Jeden Tag schiebt sie fleißig ihren Karren Pandekten,

Dogmatik u.s.w. in die Scheune ihres Gedaͤchtnisses.

Liegt da das taͤgliche Pensum zu Hauf, so spannt sie sich aus, laͤßt's

liegen, wo es liegt und — wird gemuͤthlich, plattdeutsch.

_Humaniora_, erfrischende, belebende, hoͤher hinantreibende Vortraͤge,

hoͤrt sie nicht, oder bekommt sie nicht zu hoͤren, da leider an vielen

Orten die _Humaniora_ nur als Antiquitaͤten gelesen werden.

Klingt es nicht manchmal als Ironie, wenn der Bauer seinen Sohn, oder

des Amtmanns, Schulzen, einen Studeermakergesellen nennt? — O

norddeutsche, studirende Jugend, nimm das platt aus dem Munde!

* * * * *

Bis hierher hatte ich das Niedergeschriebene einem Freunde vorgelesen.

Ich fragte diesen um sein Urtheil. Ich bin uͤberrascht, sagte er nach

einigem Zoͤgern: Ich habe uͤber den Einfluß der plattdeutschen Sprache

bisher nicht weiter nachgedacht, und das moͤgte wohl der Fall mit den

meisten kuͤnftigen Lesern dieser Bogen sein. Nichts destoweniger habe

ich diesen Einfluß dunkel und unangenehm empfunden; er macht, besonders

wenn man aus dem Suͤden zuruͤckkehrt, einen aͤhnlichen Eindruck, wie die

veraͤnderte Athmosphaͤre, die fahle Luft und das haͤufige Regenwetter

des Nordens. Man findet sich darein, wie in ein nothwendiges Naturuͤbel.

Allein mit der Sprache ist es wol ein Anderes. Sie haben Recht, wenn Sie

einmal fruͤher aͤußerten, man muͤsse sich selbst gegen das Nothwendige,

das der physischen oder moralischen Ordnung angehoͤrt, in Position

setzen. Sie haben mir, darf ich sagen, ordentlich die Brust erleichtert,

indem Sie mich auf einen bestimmten Landesfeind aufmerksam machen, mit

dessen Vertilgung das Feld fuͤr die norddeutsche Civilisation gewonnen

scheint. Das wird und muß nach Lesung Ihrer Schrift, das Gefuͤhl aller

Patrioten sein, denen es in dieser Zeit wie Alpdruͤcken auf dem Herzen

liegt. O wohl! o wohl! Die plattdeutsche Sprache ist das absolute

Hemmniß des oͤffentlichen Lebens, der Bildung und Humanitaͤt in

Niedersachsen. So lange diese Sprache dem gemeinen Leben angehoͤrt,

werden, wie bisher, Mastochsen, Gaͤnsebruͤste und westphaͤlische

Schinken die Hauptprodukte unserer Civilisation bleiben. Gegen die

Civilisation selbst macht die plattdeutsche Sprache nicht allein

gleichguͤltig, sondern tuͤckisch und feindselig gestimmt. Warum ist das

nicht laͤngst zur Sprache gebracht, Gegenstand des allgemeinsten und

lebhaftesten Interesses geworden.

Sie vergessen, sagte ich, daß Voß, Harms, Scheller, Baͤrmann und andere

wackere Maͤnner die Theilnahme des Publikums fuͤr diese Sprache, selbst

fuͤr eine Literatur in derselben, haben in Anspruch nehmen wollen.

Ich weiß, erwiederte er, ich habe unter andern den „_Bloottuͤgen_,“ den

Henrik von Zuͤphten vom Pastor Harms gelesen. Damals dachte ich nichts

anderes dabei, als daß so ein plattdeutsches Buch unbequem und schwer zu

lesen und wahrscheinlich noch unbequemer zu schreiben sei.

Was den Henrik von Zuͤphten betrift, bemerkte ich dagegen, so scheint

mir der Verfasser einen Ungeheuern Mißgriff in der Wahl des Stoffes

gethan zu haben. Ich schaͤtze die alten Dithmarsen sehr hoch. Sie waren

ein tapferer, unbezaͤhmlicher, ordentlich nach Freiheit und

Unabhaͤngigkeit duͤrstender Menschenschlag, Bauern zu Pferde mit dem

Schwerdt in der Hand, die Schweizer des Nordens oder vielmehr Wittekinds

und seiner Sachsen ungebeugte und ungebrochene Enkel bis in's

fuͤnfzehnte und sechszehnte Jahrhundert hinein. Nur weiß ich nicht, ob

ein lutherischer Pfarrer von Heute, selbst wenn er geborner Dithmarse

ist, einer so durchaus heidnischen Mannheit Gerechtigkeit widerfahren

lassen kann; denn obwol die dithmarsische Groͤße und Freiheit in

christliche Zeiten fiel und die Verehrung der Jungfrau Maria in diesem

Lande gerade hoͤher getrieben wurde, als, wie es scheint, andeswo im

Norden, so erhielt doch der hochfahrende und kampflustige Sinn der

Einwohner durch sie nur eine sehr schwache christliche Faͤrbung und wol

schwerlich hat die Brust eines mutigen Dithmarsers aus Furcht vor dem

Himmel, der Geistlichkeit oder eigener Gewissenszartheit christliche

Demuth dem Muth uͤbergeordnet, wie man solches in den Ritterbuͤchern des

Mittelalters liest. Doch mag es damit sein, wie es will; ich muß

bekennen, daß ich uͤberhaupt keinen Geistlichen zum Geschichtschreiber

wuͤnsche, speziell nicht zum Dithmarsischen. Was mir aber auffiel, war,

daß Pastor Harms sich grade einen Moment aus der dithmarsischen

Geschichte gewaͤhlt hatte zur plattdeutschen Darstellung, der auf so

schneidende Weise mit der altvaͤterischen, derben Bonhommie, die er

dieser Sprache im Eingang nachruͤhmt, im Kontrast steht: der

Maͤrtyrertod des ersten lutherischen Predigers in Dithmarsen. Diese

kalte Wuth, dieser Hohn menschlichen Gefuͤhls, diese Spurlosigkeit alles

Barmherzigen, womit hier der arme Mann einem langsamen und

schauderhaften Tode uͤberliefert wird, macht nicht nur an sich einen

boͤsen Fleck in der dithmarsischen Geschichte aus, sondern erinnert auch

sehr zur Unzeit, daß diese beste Zucht niedersaͤchsischer Maͤnner, die

Dithmarsen, von jeher neben ihrer Tapferkeit und eisernen Sitte, mit

asiatischer Barbarei an Gefuͤhllosigkeit gegen Feind und Freund

gewetteifert haben, was den allerdings wol auf eine derbe und rohe, aber

keineswegs auf so eine „alte und gemuͤthliche“ Sprache hindeutet, wie's

so etwa von einem unserer friedlichen und gutmuͤthigen Philister

heutiger Zeit verstanden wird. — Fuͤgen Sie noch hinzu, sagte hierauf

mein Freund, daß das Dithmarsen der Gegenwart, das noch ganz und gar

plattdeutsch ist, und wo auch noch wirklich das beste platt[8]

gesprochen wird, weder in moralischer noch in gesellschaftlicher

Beruͤhrung ein sehr glaͤnzendes Lob auf dasselbe zuzulassen scheint. Die

Armuth, Trunkfaͤlligkeit, die ungeheure Zahl der veruͤbten Mordbraͤnde

in Dithmarsen deuten auf einen sehr versunkenen sittlichen und

buͤrgerlichen Zustand. Eben er, der mit herrlichem Eifer fuͤr die

Verbreitung religioͤser und moralischer Lebensflammen erfuͤllte Pastor

Harms hat in patriotischen Schriften seinen Schmerz daruͤber

ausgesprochen. Was kann er aber, sage ich jetzt mit vollster

Ueberzeugung, von der Mithuͤlfe einer Sprache erwarten, welche aller

Mittheilung unbesiegliche Schranken entgegenstellt und das wahre Grab

des hoͤheren Leben ist. Es staͤnde zu wuͤnschen, daß ein dithmarsischer

Patriot den nachteiligen Einfluß der Sprache auf die Fortschritte der

Civilsation und selbst auf die schoͤnere Humanitaͤt einer

ausgezeichneten Einzelbildung aus der Allgemeinheit Ihrer Schrift

uͤbertragen moͤge auf Dithmarsen und die Dithmarsen, wie sie sind und

was sie vermoͤge ihrer Sprache sind und nur sein koͤnnen.

Ihr Wunsch ist der meinige, ich werde ihn, wie uͤberhaupt unser

Gespraͤch, vor's Publikum bringen, und zwar als integrirenden Theil

meines Aufsatzes. Denn, glauben Sie mir, ohne Ihr Hinzukommen wuͤrde ich

mich nie zur Herausgabe desselben bestimmt haben.

Sie scherzen, oder wollen etwas sagen, was mir nicht klar ist.

Hoͤren Sie nur und urtheilen Sie selbst. Ich habe bisher darzustellen

gesucht, daß die plattdeutsche Sprache sowol an sich unfaͤhig sei, die

Keime der Civilisation zu fassen als auch, so lange sie taͤgliche

Umgangssprache in Niedersachsen bliebe, alles Bemuͤhen zur Civilisation

durch das Mittel der hochdeutschen Sprache vereiteln muͤsse. Ich habe

diese Wahrheit nicht allein auf die unteren Kreise beschraͤnkt, ich habe

fuͤhlbar zu machen gesucht, wie ohne unterliegende allgemeine

Volksbildung, auch die hoͤhere Bildung des Einzelnen gefaͤhrdet sei und

zum Beispiel die Extreme auf der jetzigen Leiter unserer Kultur, Bauer

und Student oder Studirter, sich in demselben rohen und bildunglosen

Medium wieder beruͤhren. Habe ich, wie ich meine und getrost der

oͤffentlichen Stimme uͤberlasse, dieses mit unabweisbarer

Handgreiflichkeit nachgewiesen, so werde ich allerdings der

Uebereinstimmung aller Patrioten in der Behauptung gewiß sein, es sei

nicht wuͤnschenswerth, daß die ohnehin aussterbende und vermodernde

plattdeutsche Sprache, gehegt und gepflegt werde, es sey im Gegentheil

wuͤnschenswerth, daß sie sich je eher je lieber aus dem Reiche der

Lebendigen verliere. Und somit waͤre denn im verhofften guten Fall hie

und da eine Meinung, eine Ansicht uͤber das Wuͤnschenswerthe und nicht

Wuͤnschenswerthe in dieser Angelegenheit oͤffentlich angeregt. Aber

sagen Sie mir, was ist eine Privat-Meinung, die einen frommen Wunsch zur

Folge hat, im Angesicht eines oͤffentlichen Gegenstandes, oder

Widerstandes, der nichts meint und wuͤnscht, der nur so eben sich seiner

breiten Fuͤße bedient, um seine plumpe und gedankenlose Existenz durch

alle Meinungen hindurch zu schieben und sich trotz aller Meinungen auf

den Beinen zu behaupten, bis er etwa von selbst umfaͤllt, Meinungen und

Ansichten haben wir im Ueberfluß, vortrefliche. Woran fehlt's? Am

Korporativen der Meinung, welches die oͤffentliche Meinung ist, welche

die That mit sich fuͤhrt. Wuͤrde ich sonst, wenn ich nicht das

fruchtlose Hin- und Hermeinen des Publikums zu gut kennte, mir die

Beantwortung der ironischen Frage aufgelegt haben, ob man den

wuͤnschenswerthen Untergang der Sprache ruhig sich selbst und der Zeit

uͤberlassen oder etwas dafuͤr thun, denselben moͤglichst beschleunigen

solle? Sie sehen aber wol, daß es mir damit nicht Ernst gewesen sein

kann; denn bringt die wahre und lebhafte Darstellung eines großen Uebels

nicht unmittelbar und fuͤr sich das Gegenstreben, den Wunsch und das

Umsehen nach Mitteln zur Abstellung desselben hervor, so ist alles

weitere Reden und Zureden rein uͤberfluͤssig, falls es nicht, wie bei

manchen Maaßregeln gegen die Cholera, mit aͤußerm Zwang und

obrigkeitlichem Befehl verbunden ist.

Soll die plattdeutsche Sprache gepflegt oder ausgerottet werden? Gegen Ersteres und für Letzteres · 第 2 / 3 段