Das Erzgebirge ist seinem Hauptteile nach ein Kammgebirge.
Untergegangen sind die Erinnerungen an die Wenden, bis auf einige
Ortsnamen in ihrer Sprache. Auch sind im Aberglauben noch schwache
Spuren des kleinen, schwarzhaarigen, fremdsprechenden Volkes, das im
verschwiegenen Waldthale dem wenig freigebigen Boden mühsam Nahrung
abrang, sich in selbstgewebte grobe Leinen kleidete und vielleicht mit
dem behaarten Fell des bekämpften und erlegten Waldtieres gegen das
rauhfeuchte Klima des Miriquidiwaldes schützte.
Germanen bewohnten das Gebirge erst vom 14. Jahrhundert an. Im 15.
Jahrhundert werden Neustädtel, Schlema, Grünhain außer wendisch
benannten Orten schon erwähnt. Da nur wenige zum Kamme vordrangen,
blieb das wilde Waldgebirge eine Scheidewand zwischen den Wohnplätzen
der Slaven in Böhmen und derer in Sachsen. Die Scheidewand erleichterte
die Erhaltung und Einführung des Deutschtums und damit einer höheren
Entwicklungsstufe.
Diese schützende Rolle spielte das Gebirge auch im Hussitenkriege. Die
Gebirgsmauer hinderte die Unternehmungen der Hussiten sehr, indem sie
von einem eigentlichen Besitzergreifen des Landes abgehalten wurden.
Als im 30jährigen Kriege Sachsen Kriegsschauplatz wurde, da hinderte
das Gebirge den österreichischen Kaiser, das für ihn als Wiege der
Reformation wichtige Land zu behaupten und unmittelbar Einfluß zu
gewinnen.
Wie in geschichtlicher, so ist auch in natürlicher Beziehung das
Gebirge wichtig für Sachsen. Noch heute finden wir stattliche Wälder.
Der Wald aber ist der Vermittler zwischen Luft und Erde. Den rasenden
Lauf der Stürme weiß der Wald zu besänftigen, die gefahrdrohende
Gewitterelektrizität leitet er ab, das Wasser lenkt er in die Tiefe,
aus der es in dem Seitenthale als Quelle hervorbricht, die Fluren
des Landmanns tränkt er, dem Müller treibt er die Mühle und günstige
Gelegenheit zur Ansiedlung bietet er allen denen, die der Wasserkraft
bedürfen. Solche Ansiedlungen bergen die Thäler der Mulde, der
Zschopau, der Sehma, der Chemnitz. Im Sommer dient das Gebirge als
die Sparbüchse, die bei Wassermangel noch die Not lindern kann. Außer
dem Wasser spendet das Gebirge auch dem Lande Holz, das als Brenn-
und Bauholz verwertet wird. Zu erwähnen sind besonders die auf den
Holzreichtum sich stützenden bodenständigen Gewerbe, so früher die
Glasfabrikation, jetzt die Holzschleiferei und Spielwarenfabrikation.
Auch die Eisenindustrie, die früher im Gebirge blühte, war auf den
Holzreichtum zurückzuführen. Das Erlöschen derselben folgte auf die
Verteuerung des Holzes. Wichtig sind auch die Torflager.
Aber auch im Innern birgt das Erzgebirge Schätze fürs Land. Im
steinernen Gebirgskörper schlummerten Silberadern. Die Reichtümer
verhalfen den Landesfürsten zur Hebung der Macht und des Einflusses
unseres Landes. Es entstanden neue Bergorte, die vielfach für die
Entwicklung des Landes auch in geistiger Beziehung wichtig geworden
sind: wie Freiberg, Annaberg und andere Städte.
Mit dem Erzbergbau in Verbindung stehen die Blaufarbenwerke, die von
bedeutendem Einfluß auf Handelsbeziehungen zum Auslande wurden. Ihren
eigentlichen Ursprung haben die großartigen chemischen Fabriken in den
Glashütten gehabt, die der Holzreichtum des Gebirges in Begleitung der
Bergwerke entstehen ließ. 1822 erfand in Schneeberg ~Dr.~ +Geitner+ die
Bereitung des wichtigen Argentans oder Neusilbers. Eine Grube bei +Aue+
lieferte +Böttcher+ den Stoff zu seinen Versuchen, deren Ergebnis die
Porzellanerzeugung in Sachsen wurde.
Da die Bergleute Freunde des Bergmannssohnes Luther waren, so steht
auch mit dem Bergbau in Verbindung die Einwanderung Vertriebener aus
katholischen Ländern. Die Einwanderer brachten Gewerbefleiß und neue
Beschäftigungsarten ins Gebirge. Selbst nach dem Erliegen des Bergbaues
finden wir noch die Bodenbeschaffenheit wesentlich. Die dichte
Bevölkerungszahl im Bergbaugebiete erleichterte das Entstehen der
Hausindustrie, wie der Spitzenklöppelei und der Posamentenfabrikation.
Erst in neuerer Zeit sind die Kohlen, die am Fuße des Erzgebirges
reichlich vorhanden sind, von so weittragender Bedeutung geworden. Im
Zeitalter der Dampfkraft sind Kohle und Eisen Träger und Stützen der
Industrie.
Aus alledem geht hervor, daß unser heimisches Gebirge bedeutenden
Einfluß auf die Entwicklung unseres gesamten Vaterlandes geübt hat.
Nach ~Dr.~ Jacobi.