3. Die Bedeutung des Erzgebirges für das Vaterland.

Das Erzgebirge ist seinem Hauptteile nach ein Kammgebirge.

Untergegangen sind die Erinnerungen an die Wenden, bis auf einige

Ortsnamen in ihrer Sprache. Auch sind im Aberglauben noch schwache

Spuren des kleinen, schwarzhaarigen, fremdsprechenden Volkes, das im

verschwiegenen Waldthale dem wenig freigebigen Boden mühsam Nahrung

abrang, sich in selbstgewebte grobe Leinen kleidete und vielleicht mit

dem behaarten Fell des bekämpften und erlegten Waldtieres gegen das

rauhfeuchte Klima des Miriquidiwaldes schützte.

Germanen bewohnten das Gebirge erst vom 14. Jahrhundert an. Im 15.

Jahrhundert werden Neustädtel, Schlema, Grünhain außer wendisch

benannten Orten schon erwähnt. Da nur wenige zum Kamme vordrangen,

blieb das wilde Waldgebirge eine Scheidewand zwischen den Wohnplätzen

der Slaven in Böhmen und derer in Sachsen. Die Scheidewand erleichterte

die Erhaltung und Einführung des Deutschtums und damit einer höheren

Entwicklungsstufe.

Diese schützende Rolle spielte das Gebirge auch im Hussitenkriege. Die

Gebirgsmauer hinderte die Unternehmungen der Hussiten sehr, indem sie

von einem eigentlichen Besitzergreifen des Landes abgehalten wurden.

Als im 30jährigen Kriege Sachsen Kriegsschauplatz wurde, da hinderte

das Gebirge den österreichischen Kaiser, das für ihn als Wiege der

Reformation wichtige Land zu behaupten und unmittelbar Einfluß zu

gewinnen.

Wie in geschichtlicher, so ist auch in natürlicher Beziehung das

Gebirge wichtig für Sachsen. Noch heute finden wir stattliche Wälder.

Der Wald aber ist der Vermittler zwischen Luft und Erde. Den rasenden

Lauf der Stürme weiß der Wald zu besänftigen, die gefahrdrohende

Gewitterelektrizität leitet er ab, das Wasser lenkt er in die Tiefe,

aus der es in dem Seitenthale als Quelle hervorbricht, die Fluren

des Landmanns tränkt er, dem Müller treibt er die Mühle und günstige

Gelegenheit zur Ansiedlung bietet er allen denen, die der Wasserkraft

bedürfen. Solche Ansiedlungen bergen die Thäler der Mulde, der

Zschopau, der Sehma, der Chemnitz. Im Sommer dient das Gebirge als

die Sparbüchse, die bei Wassermangel noch die Not lindern kann. Außer

dem Wasser spendet das Gebirge auch dem Lande Holz, das als Brenn-

und Bauholz verwertet wird. Zu erwähnen sind besonders die auf den

Holzreichtum sich stützenden bodenständigen Gewerbe, so früher die

Glasfabrikation, jetzt die Holzschleiferei und Spielwarenfabrikation.

Auch die Eisenindustrie, die früher im Gebirge blühte, war auf den

Holzreichtum zurückzuführen. Das Erlöschen derselben folgte auf die

Verteuerung des Holzes. Wichtig sind auch die Torflager.

Aber auch im Innern birgt das Erzgebirge Schätze fürs Land. Im

steinernen Gebirgskörper schlummerten Silberadern. Die Reichtümer

verhalfen den Landesfürsten zur Hebung der Macht und des Einflusses

unseres Landes. Es entstanden neue Bergorte, die vielfach für die

Entwicklung des Landes auch in geistiger Beziehung wichtig geworden

sind: wie Freiberg, Annaberg und andere Städte.

Mit dem Erzbergbau in Verbindung stehen die Blaufarbenwerke, die von

bedeutendem Einfluß auf Handelsbeziehungen zum Auslande wurden. Ihren

eigentlichen Ursprung haben die großartigen chemischen Fabriken in den

Glashütten gehabt, die der Holzreichtum des Gebirges in Begleitung der

Bergwerke entstehen ließ. 1822 erfand in Schneeberg ~Dr.~ +Geitner+ die

Bereitung des wichtigen Argentans oder Neusilbers. Eine Grube bei +Aue+

lieferte +Böttcher+ den Stoff zu seinen Versuchen, deren Ergebnis die

Porzellanerzeugung in Sachsen wurde.

Da die Bergleute Freunde des Bergmannssohnes Luther waren, so steht

auch mit dem Bergbau in Verbindung die Einwanderung Vertriebener aus

katholischen Ländern. Die Einwanderer brachten Gewerbefleiß und neue

Beschäftigungsarten ins Gebirge. Selbst nach dem Erliegen des Bergbaues

finden wir noch die Bodenbeschaffenheit wesentlich. Die dichte

Bevölkerungszahl im Bergbaugebiete erleichterte das Entstehen der

Hausindustrie, wie der Spitzenklöppelei und der Posamentenfabrikation.

Erst in neuerer Zeit sind die Kohlen, die am Fuße des Erzgebirges

reichlich vorhanden sind, von so weittragender Bedeutung geworden. Im

Zeitalter der Dampfkraft sind Kohle und Eisen Träger und Stützen der

Industrie.

Aus alledem geht hervor, daß unser heimisches Gebirge bedeutenden

Einfluß auf die Entwicklung unseres gesamten Vaterlandes geübt hat.

Nach ~Dr.~ Jacobi.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 29 / 209 题