4. Geyer während des dreißigjährigen Krieges.

Mit dem Jahre 1632 begann der dreißigjährige Krieg auch seine

Schrecknisse in unser sächsisches Erzgebirge zu verbreiten. Während

die kurfürstlichen Truppen in der Lausitz und in Schlesien standen,

sandte der kaiserliche Feldherr Wallenstein den General Holk mit

seinen raub- und blutgierigen Banden über Eger und Neudeck ab, um das

sächsische Land für die Verbindung seines Fürsten mit den Schweden

zu strafen. Alles auf das Wildeste verheerend, breiteten sie sich

im August des Jahres 1632 von Schneeberg durch den sogenannten

Grund kommend auch in der Umgegend von Annaberg aus. Das Geyersche

Rittergut wurde in dieser Zeit zweimal ausgeplündert und alles Vieh

hinweggetrieben; drei Jahre lang, nämlich bis zum Jahre 1635, mußte es

in wüstem Zustande und die Felder unbestellt bleiben. Ludwig Lotter,

der damalige Besitzer des Gutes und Enkel des großen kurfürstlichen

Baumeisters und Bürgermeisters zu Leipzig, Hieronymus Lotter, ward --

wie späterhin seine Erben in ihrem Belehnungsgesuch vom 31. August 1649

dem Kurfürsten klagen -- auf seinem Rittergute öfter »mit unerhörten

Schlägen traktiert, mit Stricken um Kopf und Hals gelegt gerädelt und

so henkermäßig gepeinigt, daß sein Leben mehr als einmal nur an einem

Faden hing«.

Fehlen auch leider die genaueren Zeitangaben jener Erlebnisse, so hat

man doch besondere Nachrichten über die Schicksale der Stadt in diesen

schrecklichen Zeiten, welche zur Aufhellung und Bestätigung des obigen

mitgeteilt zu werden verdienen.

Als General Holk im August 1632, um sich den Paß nach Böhmen zu

erhalten, Schwarzenberg durch den Hauptmann Ullersdorf mit seinen

Kroaten hatte besetzen lassen, schickte sie dieser in der Umgegend weit

und breit zu Kriegsforderungen, Brandschatzungen und Plünderungen aus.

Die Orte, welche das geforderte Geld nicht brachten oder aus Armut

nicht bringen konnten, ließ er pfänden, Vieh und Menschen wegführen,

jenes wurde wieder verhandelt oder nach Böhmen getrieben, die

gefangenen Personen aber bis zur Erlangung eines stattlichen Lösegeldes

behalten. So verfuhr man zu Hermannsdorf, Thum, Ehrenfriedersdorf

u. s. w., so auch zu Geyer. Hier fielen die Kroaten am 23. August

1633 ein, brandschatzten und plünderten noch überdies, wobei sie

große Grausamkeiten verübten. Ein zweiundachtzigjähriger Greis, der

Zehntner Elias Hammann, mußte viel Schläge und Martern erdulden; der

Viertelsmeister Puzscher ward vor seiner Hausthüre erschossen. Ein

gleicher Überfall erfolgte am 25. November. Bereits war die Stadt bei

den Durchmärschen total ausplündert und die Bewohner zu entfliehen

genötigt worden, sodaß Geyer fast wüste stand und nichts liefern

konnte. Doch hatte Hauptmann Ullersdorf durch seinen Schreiber Samuel

Metzler ausgekundschaftet, wenn die Entflohenen in ihre Wohnungen

zurückkehrten. So ließ er am 25. November früh 7 Uhr eine Abteilung

Kroaten in Geyer einfallen und 3 Personen gefänglich wegführen, den

Stadtrichter Georg Klauß, den Pfarrer Johann Andrä (einen Flüchtling

aus Kaden) und einen schottischen Bergherrn Paul Northofen, ließ sie

nach Schwarzenberg bringen, um für erstere beide 1000 Thaler Lösegeld

zu erpressen, letzteren aber, weil er auf einen über Kroaten gesetzten

Leutnant geschossen haben sollte, mit einem schmählichen Tod bedrohen.

Der Pfarrer löste sich mit Geld und Geschmeide von 400 Thaler an

Wert, die beiden anderen wurden gerettet durch sächsische Truppen,

die unter Oberst von Taube über Chemnitz anrückten, in Verbindung mit

dem in Zwickau liegenden Bosenschen Regimente das Schwarzenberger

Schloß eroberten und die Besatzung nebst ihrem Kommandanten Ullersdorf

gefangen nahmen. Dies geschah am 4. Dezember 1633.

Die Taubeschen und Bosenschen Regimenter besetzten nun auch die hiesige

Umgegend, in Annaberg blieben bis August 1634 4 Kompanien Reiter unter

Oberst Bodenhausen. Doch dauerten die feindlichen Streifzüge von

Böhmen aus fort, und endlich, nach dem Sieg bei Nördlingen über die

Schweden, erhielten die Kaiserlichen völlig die Oberhand in unserm

Gebirge, während die sächsischen Truppen sich auf Zschopau zurückziehen

mußten. Namentlich wiederholte der kaiserliche Oberstleutnant Schütz

von Schützky seinen schon im Mai versuchten Einfall am 28. September,

wobei er Annaberg und Umgebung mit unbarmherzigen Brandschatzungen

und Plünderungen heimsuchte, bis er, den Hauptmann Kurt Reinicke von

Kallenberg mit 30 Reitern zurücklassend, den 14. Oktober nach Zwickau

abzog. Dieser Hauptmann ließ Geyer von der angedrohten Plünderung mit

230 Thaler loskaufen und nachher dennoch plündern. Am 27. Oktober

erfolgte der Durchmarsch des kaiserlichen Obersten Schönickel, der, mit

5000 Mann auf seinem Rückzuge von Zwickau über Annaberg nach Böhmen

begriffen, in Geyer den Stadtrichter wegführen ließ und erst freigab,

als die Stadt ihn mit 37 Thaler eingelöst hatte. Diese letztere

Nachricht fand sich in einer hiesigen Gemeinderechnung; wie viel Not

und Jammer aber dabei verbreitet worden, läßt sich vermuten, wenn man

weiß, daß Schönickel, obwohl Chemnitzer von Geburt, doch fern von aller

Schonung gegen sein Vaterland war und durch Viehraub, Plünderung,

Sengen und Brennen (namentlich bei Zwickau, wo man eines Tages 15

Schadenfeuer zugleich sah) Furcht und Schrecken verbreitete.

Die heißersehnte Ruhe von solchem Ungemach trat für unser Gebirge und

das ganze Land erst ein, als der Kurfürst am 24. Juni 1635 Friede mit

dem Kaiser schloß und sich somit von den Schweden trennte.

Über die Zeit vom 24. August 1632 bis 25. Juni 1635 bemerkt erwähnte

Gemeinderechnung: »An Kontribution, Brandschatzung u. s. w. habe Geyer

2973 Thaler 4 Neugroschen 6 Pfennige aufbringen müssen, außer 200 Stück

Rindvieh, das kleine ungerechnet, 24 Pferde, 4 Gebräude Bier, die

zunichte gemacht worden.« Zwei Männer und eine Frau seien niedergemacht

worden, und wie viele verwundet oder des Ihrigen beraubt worden, sei

gar nicht zu ermessen.

Neue Drangsale brachte das Jahr 1639, als die Schweden unter General

Baner das Erzgebirge heimsuchten, um mit unmenschlicher Grausamkeit

Rache an den Bewohnern für des Kurfürsten Verbindung mit dem Kaiser zu

nehmen. Aber auch die kaiserlichen Scharen, die bald als Verfolgende,

bald als Verfolgte erschienen, verfuhren nicht viel milder. Damals

erlangte Geyer wenigstens bei den schwedischen Truppen Schonung durch

den hiesigen Pfarrer Hollenhagen, der denselben, wenn sie einbrechen

wollten, entgegen zu reiten pflegte und mit seiner Fürbitte für

die Gemeinde um so leichter Gehör fand, da er früher schwedischer

Feldprediger gewesen war. Bei Annäherung der Kaiserlichen verbarg er

sich mit der Gemeinde im Walde. Nach einer andern Geschichtsquelle

wird erzählt, daß dann die Frauen aus Furcht vor dem Feinde auf Bäumen

Platz genommen hätten und hier Zäckchen u. s. w. gefertigt hätten. Ein

Zeichen, daß auch schon zur Zeit des dreißigjährigen Krieges die Frauen

von Geyer durch Handarbeit zum Erlangen des täglichen Brotes beitrugen.

Als die Kaiserlichen von der Saale her durch das Erzgebirge gegen

die in Schlesien vordringenden Schweden zogen und die Durchzüge seit

Anfang des Februars 4 Monate lang dauerten, waren die Einwohner

(wie ein Zeitgenosse, der Scheibenberger Pfarrer Lehmann, in seiner

Kriegschronik erzählt) genötigt, von Haus und Hof zu fliehen, wenn

sie nicht den übertriebenen Forderungen genügen wollten oder konnten,

nämlich sich von Plünderung loskaufen, Salvegarde lösen, Proviant

liefern, Wege bessern, Vorspann leisten u. s. w. Bei ihrer Rückkehr

fanden die Geflüchteten dann gewöhnlich ihre Häuser niedergebrannt

oder ausgeplündert, die Mobilien zerschlagen, die Kirchen erbrochen

und für Stallung der Pferde benutzt, die Feldfrüchte teils abgeweidet,

teils abgemäht und weggebracht. Menschen und Vieh, wo sich dergleichen

treffen ließ, ward mit fortgenommen, ganze Dörfer wurden wüste, so

Jahnsbach, Schönfeld, Tannenberg.

Auch Geyer muß damals einen erbarmungswerten Anblick gewährt haben,

sagt ~P.~ Blüher in seinen Aufzeichnungen, und fährt derselbe in seiner

Beschreibung der Stadt, allerdings vor den Bränden in den Jahren 1854,

1862 und 1863 fort:

Wer vom alten Schießhausplatz aus über die Schützenhofgasse herab durch

die Badergasse an der Marktschmiede vorüber bis zum Bergamtshaus ging,

der sah zur Linken und vom Bergamtshause bis zur Tannenberger Grenze

zu seiner Rechten eine fast ununterbrochene Reihe in Asche liegender

Häuser und außerdem waren 8 Brandstätten in der Zinngasse, in der

Gegend, in welcher sich der große, freie Platz der ersten aufsteigenden

Straße gegenüber sich befindet. Noch im Jahre 1661 zählte man 118

Brandstätten und nur 83 bewohnte Häuser.

Der Friedensschluß, welcher den dreißigjährigen, unerhörten Trübsalen

ein Ziel setzte, erfolgte am 14. Oktober 1648 zu Osnabrück. Ganz

Deutschland erlangte dadurch die heißersehnte Ruhe. Das Friedensfest

wurde zwischen Kaiserlichen und Schweden im großen Saale des Rathauses

zu Nürnberg gefeiert. Während die Abgesandten in der hochgewölbten,

glänzend erleuchteten Halle ein Fest abhielten, waren für die Armen der

Stadt zwei Ochsen geschlachtet und viel Brot ausgeteilt worden, und aus

einem Löwenrachen lief sechs Stunden lang weißer und roter Wein herab.

Aus einem größeren Löwenrachen waren dreißig Jahre lang im ganzen

deutschen Reich Blut und Thränen geflossen!

Hermann Lungwitz.

Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte · 第 19 / 209 题