Hadit, den 30. September.
Früh ½7, im Schatten eines alten Wasserrades.
Bester Pater! Ihnen den ersten Gruß. Daß es weiter geht. Daß die Erde
sich wieder rundet. Als Sie mich bei meiner Abreise baten, Ihnen zu
schreiben, schien mir dies freilich ein Wunsch, dessen Erfüllung fern in
einer heimatlichen Schreibstube lag. Aber nun ich die ersten Tage durch
die Wüste gereist bin, sehe ich, wie sehr meine Gefühle bei Ihnen
blieben, wie fremd mir die Heimat noch ist. Dabei denke ich nicht ohne
Genugtuung daran, daß ich dieser letzten kurzen Erkrankung, die mich
nach den Anstrengungen der vergangenen Wochen zum drittenmal auf das
Lager warf, den Aufbruch zur Heimkehr verdanke, die fast noch in der
Stunde des Abschieds an dem Mangel an Wagen gescheitert wäre. Dieser
Heimkehr, die keine Heimkehr ist; denn auch meine verblutete Seele liegt
bei den Toten in der Steppe begraben und wird nie wieder in das Land
zurückkehren, das ich vor kaum zwei Jahren verließ. Wie oft muß ich mich
unserer erregten Gespräche in den verdeckten Kellern von Mesnil Schah
Bender erinnern und jener tröstlichen Worte, die ich Ihnen zurückließ:
»Meine Irrtümer sind mir lieber als Ihre Wahrheiten.« Aber ich fühle
auch, daß hinter allen Widersprüchen etwas Menschliches lag, das wieder
zu zittern anhebt. Ja, jetzt erkenne ich, wie schwer mir der Abschied
wurde, seit das letzte Wahrzeichen der Stadt verschwand, jene einsame
Grabpyramide, die halb zerfallen hinter Kazimen in der Wüste steht. Zwei
Tage sahen wir sie in der Sonne leuchten, dann löste sie sich in Rauch
auf.
Heute werden wir zum erstenmal einen Tag rasten. Die Kutscher haben die
Splinte aus den Wagen gezogen und sind in das Dorf gegangen; so habe ich
Zeit, in Geduld zu warten. Ja, das Menschliche. Wie es mich auch hier
auf allen Dörfern und Wegen der Wüste begleitet! Jener oft wiederholte
Gruß der Fellachen, jenes »Bruder, Bruder«, mit dem uns die Beduinen die
Früchte ihrer Felder reichen, der Bettler die Hand nach uns ausstreckt,
scheint mir ein tägliches Gleichnis meiner Gedanken. Oft, wenn ich in
die Gasse ihrer lehmgehärteten Hütten trete, gesellt sich ein arabischer
Junge zu mir. »Eier! Eier!« ertönt unsere Stimme vor den Türen, dann
kommen die Mädchen und Frauen aus den Höfen heraus. Ich bleibe bei den
Männern an ihren Webstühlen stehen, mit ihnen zu plaudern (sie hocken in
einem Loch in der Erde). Zutraulich legen sie mir die Hand auf die
Schulter. Ich sitze bei den Frauen auf ihren Matten, und sie
verschleiern sich nicht.
Während aus den tönernen Schaufeln des Wasserrades ein feiner Sprühregen
über mich herabfällt, blicke ich nach der schmalen Insel des Euphrat
hinüber, auf der zwischen Palmen die Hütten aneinandergedrängt stehen,
eine graue Feste. Bronzene Gestalten treten zögernd in das Wasser, das
Bündel ihrer Kleider wie einen wunderlichen Turban um den Kopf
geschlungen. Und wie ich dem Spiel ihrer Leiber zuschaue, die sich
schwer gegen die Strömung beugen, wie sie, ihre Kinder auf dem Rücken
tragend, das Ufer hinaufklettern, über das die warme Morgensonne
streicht, fühle ich wieder, wie ich trotz Tod und Tränen in dieses Land
verliebt gewesen bin.
Täglich streifen wir viele Stunden weit durch seine hungrige Weite.
Schon vor Sonnenaufgang, wenn die Pferde noch ungeschirrt an den Wagen
stehen, wandere ich zu Fuß hinter der Karawane her. Blaß hebt sich die
Staubwolke unter den Tritten der keuchenden Tiere, bis der Tag kommt,
und der Schatten ihrer spitzen Ohren deutet auf unseren Weg. Dabei bin
ich von einer so überquellenden Heiterkeit und Fülle der Gesichte
bewegt, daß es mir kaum gelingt, im Weiterschreiten auf ein
zerflattertes Papier ein paar kurze Aufzeichnungen zu machen. Welche
Veränderung ist mit mir vorgegangen! Selbst meine Uhr, die seit Monaten
still stand, begann drei Tagereisen hinter Bagdad wieder zu gehen. Oder
ich lehne in den heißen Mittagstunden im Winkel unseres schaukelnden
Pilgerwagens und träume zwischen Wachen und Dämmern von einem großen
Manifest des Friedens. Ist es Europa, dem ich mich nähere, das mich so
froh macht? Ich glaube, wenn es nach Indien oder Ägypten ginge, ich
könnte nicht glücklicher sein.
Gestern, schon in der Dunkelheit, wir waren den ganzen Tag durch
löchrigen Boden gefahren, blieb unser Wagen allein in der Steppe zurück.
Ich war auf den Bock gestiegen und hatte selbst die Zügel unserer vier
Pferde in die Hand genommen, aber die hartgewordene Krume einer
ausgetrockneten Wassermulde zersplitterte unter unseren Rädern wie Glas.
Die Pferde zogen an, zerrissen die Stränge, zitterten und blieben
stehen. Und während der Kutscher mit tränenverzerrtem Gesicht und einem
»Hilf Allah« immer wieder vergeblich auf die Pferde einschlug, ging ich
im offenen Hemd und meinen weichen Schlafschuhen allein eine Stunde weit
unter dem sternenbeglänzten Himmel, das nächste Dorf zu suchen. Wie nahe
wart Ihr mir alle, während ich still vor mich hinschritt, einsame Worte
mit Euch tauschend. Ich hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, um
das Schlagen Eurer Herzen zu fühlen. O beglückende Müdigkeit, als
endlich auch unser Wagen in den finsteren Hof der Karawanserei rollte,
spät unter dem offenen Wind zu schlafen, unter den Kaugeräuschen der
Tiere, die zwischen unsern Lagern umhergehen. Dann tönt das Donnern der
Wasserräder lauter vom Fluß, und die Glocke des Leithengstes klingt noch
lange in unsern Traum ...
Grüßen Sie Aluan, Dschafar und Achmed und die andern kleinen
Bootsjungen, mit denen wir hinab nach der Insel fuhren. Gedenken Sie der
Lebendigen und der Toten. Und wenn Sie durch jene trümmerbesäte Straße
gehen, durch die wir oft im Dunkeln stolperten, so vergessen Sie nicht,
daß ich auch diesen Staub unter Ihren Füßen noch liebte.