An Carl Hauptmann

Kriegslazarett Kasim Pascha,

den 3. September 1916.

Welchen Balsam haben Ihre Worte in meine Wunden getan! Wohl weiß ich,

daß jeder Brief ein Pfeil ist, der in das Ungewisse fliegt, von dem wir

nicht ahnen, in welchem Lande, zu welcher Stunde er niederfällt; der

Ihre aber traf mich mitten im Herzen. Mir ist, als erwachte ich für

Augenblicke aus tiefem Schlaf. Daß es noch eine lichtere Landschaft

gibt, als die flache Ebene dieses Daches, wo ich meinen Tisch zwischen

die Betten gestellt habe, und die flackernde Kerze, die von dem Atem der

Kranken bewegt scheint, um Ihnen zu schreiben; wo ich im Schlafkleid

unter dem hellen Mond seltsame Wache vor dem Tode halte, der unsichtbar

in den Adern der Menschen umhergeht, der jeden Tag mit weißem Gesicht

glühend am Himmel heraufsteigt und seine seltsamen Inseln, Kamel-,

Pferde- und Stierleichen, die aufgelösten Leiber toter Soldaten mitten

durch den Strom der Stadt treibt, daß wir nie vergessen, daß wir auch

hier in den Laufgräben des Krieges schlafen.

Wenn ich zurückdenke an das Leben, das ich einstmals geführt habe, an

die stille Tafelrunde der Geister, die diese Zeit so lange hungernd von

ihrer Mahlzeit scheuchte, so befällt mich oft eine stille Angst, daß

dies alles nur ein merkwürdiger Traum war, der niemals Wahrheit

besessen. Daß ich nie ein anderes Zimmer bewohnte als diesen einäugigen

Raum, dessen Scheiben mit Papier verklebt sind, in dessen Winkel an

einer aufgespannten Schnur meine Wäsche und meine Kleider hängen, in der

die Koffer geschlossen und die Teppiche in Ballen gepackt liegen, als

gelte es, jede Stunde des Aufbruchs gewärtig zu sein. Hat es auch für

mich Wandernden einmal Heimat gegeben? Wann geschah es, daß ich auf

etwas anderes blickte als gleißende Backsteinbauten oder in das sandige

Auge der Wüste? Der stille Gleichmut des Landes hat seine tröstende Hand

auch auf mich gelegt. Die Flamme des Zornes ist herabgebrannt, ich habe

lächeln gelernt, was mich noch gestern in Empörung versetzte, begreife

ich mit ergebener Anmut. Wie oft muß ich an meinen arabischen Diener

denken, der jede Frage mit einem »Warum« beantwortet. »Ist das Essen

fertig?« -- »Warum soll es nicht fertig sein?« -- »Hast du meine Stiefel

geputzt? Ist Reis, sind Tomaten da?« -- »Warum nicht, Sahib?« Und wenn

ich ihn darnach fragte, würde er nicht antworten: »Warum sollst du in

Deutschland sein? Kannst du mir sagen, weshalb diese Erde besser sein

sollte, als sie es ist? ...« Aluan wird 17 Jahre alt, ist zum zweiten

Male verheiratet und hat zwei Kinder auf dem Friedhof liegen. Seit ich

in den Tagen meiner Krankheit an seinem feindlichen Unbegreifen so oft

in hilflose Verzweiflung geriet, hatte ich nie geglaubt, daß wir

einander menschlich so nahe kämen. Wir beide haben manches von einander

gelernt.

Einmal besuchte ich ihn im Hause seines Schwiegervaters in Kazimen, lag

die heißen Stunden des Mittags in seiner ländlichen Hütte auf der besten

buntgedruckten Matratze, die er auf dem Erdboden ausgebreitet hatte, und

deren Muster ich noch immer auf der Rückseite meines Hemdes trage. An

der Wand hingen die kostbaren Frauenkleider aus grüner und roter Seide,

und während ich schlief, kamen Kälber und Eselinnen, mit kauenden

Mäulern, und berochen mit großen Augen den Gast. Bei dieser Gelegenheit

sah ich auch Aluans starke und wohlgebaute Frau, zu der er jede Nacht

eine Stunde weit von Bagdad nach Kazimen läuft, um erst im Morgengrauen

wiederzukehren.

Zuweilen fahre ich mit ihm nach der Insel hinaus, um zu baden. Hinter

der Stadt bildet der Strom eine breite Sandbank, auf der Fellachen ihr

Gemüse bauen. In meinem zeltüberdachten Boote versteckt, die persische

Mütze auf dem Kopf, gleite ich heimlich aus der Stadt, denn ich bin ein

scheuer Fremdling unter den Leuten des eigenen Volkes geworden. Dann

breite ich meinen Teppich auf den Sand der Insel, ziehe mein

baumwollenes arabisches Überkleid an, lese im Homer, im Herodot, im

Goethe oder der Bibel, die meine nie versagenden Tröster sind; denn ich

bin nun ganz zurückgekehrt zu den ewigen Menschheitswerken, die jenseits

alles Ruhmes und Streites dieser Zeit liegen. Neben mir, auf den Fersen

sitzend, hockt Aluan, und nachdem er lange geschwiegen hat, lächelt er

nachdenklich. »Ja, siehst du, Sahib,« sagt er zu mir, »das ist der

Unterschied. Ich habe eine Frau und kein Essen. Du hast Essen und keine

Frau.« Auch hier spricht die Stimme des Menschlichen zu mir, und mit

leiser Rührung betrachte ich die sanfte Neigung seines Kopfes, wenn er

mir zuhört, oder die zärtliche Geste, mit der er nach einem Zipfel

meines Kleides hascht, seine Lippen darauf zu drücken und mir für eine

Kupfermünze zu danken.

Aber ich habe noch andere Brüder, die heimkehrend in den Stunden des

Abends auf mich warten. Hinter der Brücke am Wasser liegt die kleine

Moschee. In den Nächten des Ramadan bin ich der Gast der alten Mollahs.

Hier ist Munir, der Erleuchtete, ich sitze zu seinen Füßen und lausche

auf seine Stimme. Einmal fragen sie mich nach meinem Namen. Ich sage

ihnen, wie ich heiße; seitdem rufen sie mich »Tarik«. Wir lesen einander

Gedichte in arabischer und deutscher Sprache vor, und obwohl keiner des

anderen Worte versteht, hören wir doch einander zu und sind voll

Andacht.

Mein arabischer Diener, die alten Gelehrten im Schatten der Moschee und

Pater Joseph, mit dem ich das Dach meines Hauses teile, sind nun meine

einzigen Freunde geblieben, vielleicht noch ein sterbender Hund, den ich

am Wasser, krank und mit Wunden bedeckt, zwischen dem Lärm der

Bootsführer und Wasserträger ganz in sich versunken, die geheimnisvolle

Arbeit des Todes verrichten sehe. Aber die Stunden sind selten, da ich

in ihrer Mitte bin. Ich habe aufgehört, mir selbst zu gehören, in eine

Reihe inhaltsloser Tage gedrängt, ein bodenloses Gefäß, das leer wurde,

noch ehe wir es zu füllen begannen. Nicht immer ohne Bitterkeit trage

ich diese Stunden und die Demütigungen, die mit meiner Arbeit verbunden

sind; denn auch hier gilt nur, wer zu töten berufen ist, und ein

liebender Menschenpfleger ist im Grunde eine verächtliche Gestalt.

Möchte mir nur die Liebe derer bewahrt bleiben, denen ich, meiner selbst

kaum mächtig, die letzte Kraft meiner Hände reiche.

Während ich diese Zeilen schreibe, blicke ich vom Dach in den Hof auf

die lange Reihe ihrer Betten hinab, wo sie, ihrer Decken entblößt,

nebeneinander liegen, das eine Knie in die Höhe gezogen, als stiegen sie

noch im Schlaf eine unendlich mühsame Treppe hinauf. Und ich höre wieder

die Stimmen der deutschen Soldaten, die, heimgekehrt aus der Wüste, mir

von den bitteren Mühen ihres Lebens erzählen, wie sie hier, am »Hintern

der Erde«, von Hunger, Krankheit und Heimweh zernagt, der letzten Hilfe,

des Beistandes ihrer Offiziere beraubt, die sie ohne Grund in der Glut

der Mittagsstunden in der sommerlichen Wüste Schanzen werfen ließen, in

einer »türkischen Fremdenlegion« dienten. Noch gestern saß ich an dem

Bett eines sterbenden Offiziers, in dessen letzten Träumen das bittere

Gefühl versagter Freundschaft umging, die Scham und der Vorwurf gegen

die Kameraden, die, Verbrecher aus Ehrgeiz und Niedertracht, ihren

Untergebenen die Liebe verweigerten, die sie ihnen schuldig waren. Nun

tönt aus dem Schatten der Mauer die Stimme eines jungen Soldaten, der

seinen türkischen Wärter ruft: »Mustapha, Musta -- pha!« leise und

kläglich, als riefe er seine Mutter. Ich blicke auf und schaue den

schwarzen Strom hinunter, in dem die letzten Lichter der Stadt sich

spiegeln, blicke in das Wunder der fallenden Sterne, die wie glühende

Geißeln über den nächtlichen Himmel peitschen, die herabsickern, langsam

fallende Schneeflocken, silberne Tränen. Jetzt blitzen sie auf,

gewaltige lichthelle Kugeln, die eine unsichtbare Hand über die Erde

hinabwirft, zu schauen, ob der Krieg noch immer nicht das verwüstete

Lager entweihter Unschuld verließ. Sie verlöschen, und wieder wird

Nacht. Aus dem Dunkel des Flusses aber tönt die leise Stimme eines

arabischen Fischers, der in seinem Boote schlafend den Strom

hinabtreibt:

Die große Palme und der kleine Schößling sind dahingegangen,

Ich blieb allein zurück.

Mitten in all das kommt Ihr Brief, und ich fahre empor wie ein

Schlafwandelnder. Freude! Freude! Aber auch Kummer erfaßt mich. Ich sehe

die frischgelöschte Tinte Ihres Namens darunter, als wäre ich eben in

der Winterstille durch den Schnee der Berge herabgekommen, trete in das

abendliche Zimmer und sehe, wie Sie vom Tische aufstehen und aufhören zu

schreiben. Wie ich zu lesen anfange, erkenne ich verwundert, daß ich

selber es bin, an den diese Worte gerichtet wurden. Werde ich wirklich

noch einmal diese Stube schauen? Wann wird der Tag kommen, da mir und

Euch allen die Worte geschenkt sind: »Hier gebe ich Dir Armin Wegner

zurück.« Wie anders wird die Gestalt sein und die Seele, die wieder

unter die Augen der Freunde tritt. Ihr werdet die ersten weißen Haare

auf dem Haupte der Jugend schauen. Denn es ist ein Weg ohne Heimkehr,

den wir beschreiten, an dem wir wohnen wie die abgeschiedenen Seelen der

Babylonier, deren Nahrung der Staub ist, und die von ihm zurückkehren,

tun es nicht ungestraft. Andere Augen sind es, mit denen sie schauen;

sie bleiben gezeichnet für den kommenden Tag.

Dennoch glühen unter der Asche dieser Tage purpurne Flammen, die

zuweilen urplötzlich hervorbrechen, vor deren geheimer Gewalt ich

erschrecke, als wenn sie mich selber vernichten müßten! Ein unbändiges

Verlangen ergreift mich, die Schritte hinaus zu setzen, in welche Höhen

und Abgründe sie auch führen mögen, fort! fort! verkleidet in das Gewand

eines Beduinen, bettelnd, mit Aussatz bedeckt, und sei es auch, um in

der Wüste zu sterben. Aber schon höre ich die Schritte der Häscher im

Hof, die mir das Blut in den Adern erkalten lassen. Wohin? Wohin? ...

Einst sagte mir ein arabischer Wahrsager, den ich im Staub der Straße um

meine Zukunft befragte, indem er die Würfel auf eine messingne Schale

legte, in die das Zeichen des Widders und des Steinbocks gegraben war:

»Was du im Herzen trägst, wird in Erfüllung gehen.« Aber was ist es, das

ich im Herzen trage: Tod, Leben, Ruhm oder Untergang, Glück oder

Verbrechen? Auch der Gram ist nur eine Stufe der Lust; hinter den

härtesten Leiden noch gilt es zu jubilieren wie eine Lerche. Nur eines

weiß ich, daß mit mir die Liebe ist, daß sie mich weiter begleiten wird,

und sei es auch zu den Abenteuern und Ländern, die jenseits dieses

Lebens liegen. »Friede sei mit Dir!« rufen mir die Araber zu, denen ich

des Nachts in den dunklen Gassen begegne; mit mir aber geht der

Unfriede, mit meinem friedlichen Herzen die Unrast, die mich durch alle

Schmerzen der Erde von der Hölle bis zu den Sternen treibt, immer

duldend und immer voll Neugier.

Ihr Armin, genannt Tarik, das ist »der des Weges Schreitende«.

Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen · 第 28 / 38 题