An Hugo Marcus.
Bagdad, den 1. Febr. 1916.
Im Jenseits.
Welche Sonne Sie in mein Zimmer gebracht haben, lieber Freund, in diesen
Tagen, wo Regen täglich sein kummervolles Haupt über die Stadt neigt,
endlos in die zerfallenen Mauern verlassener Häuser zu weinen. Sie haben
mir so hohe Worte der Liebe und der Bewunderung gesagt, und nach den
Tagen des Zweifelns und der Bedenken, die nur ungern aus Ihrer kühlen
Stirne aufstiegen, weiß ich, daß es mehr ist als die Anerkennung der
Freundschaft. Sie wissen, wie unentbehrlich mir Ihr Urteil geworden ist,
als wäre jedes Werk in seinen Zielen verfehlt, das nicht in Ihnen seinen
Widerhall fände. Wie glücklich ich bin, nichts konnte mich freudiger
stimmen, als was Sie mir über meine Briefe sagen. Sie wissen, daß ich
darin immer einen Ausdruck der Seele gesucht habe, daß sie mir als die
schönste Offenbarung tiefer Menschlichkeit gelten und daß mir dies nicht
immer gelang. Aber Sie sehen auch, wie wenig es mir um Erfolge des
Augenblicks zu tun sein kann, wenn ich andere Arbeiten um ihretwillen
beiseitelege. Auch diese scheinen mir ein Ausdruck desselben Geistes zu
sein, nicht weniger wahr und heilig, als irgendein künstlerisches
Gebilde, das unter anderem Namen vor die Augen der Welt geht. Die
bürgerliche Seele, stets eifersüchtig ihre Rechte wahrend, immer voll
Furcht, daß ihr eigenes kleines Dasein bloßgelegt werden könnte, wird es
freilich niemals begreifen, daß unser innerstes Wesen in andern Werken
nicht minder nackt zur Schau gestellt ist, als in unsern Briefen.
Aber warum sollten wir nicht stets das Beste geben, daß es denen, die
unsere Liebe verdienen, zum Trost und zum Danke wird? Und sollte es
einmal dahin kommen, daß ich selbst dazu nicht mehr imstande bin, so
möchte ich Sie bitten, dieses für mich zu tun. Dieser Brief ist ein
Vermächtnis. Denn so unglaublich es mir auch selber erscheinen mag, nun,
da ich zum zweiten Mal in diesem Lande mich von tödlicher Krankheit
erhebe, von den Erniedrigungen der Gefangenschaft und einer Summe
undenkbarer Zufälle bedroht, täglich in der Luft gifterfüllter Lazarette
von unsichtbaren Gefahren umgeben, inmitten einer Wüste, die auf endlose
Meilen den Atem ihrer Verwesung erhebt, das Aas von gefallenem Vieh und
menschliche Leichen bis vor die Tore der Stadt werfend, muß auch ich
daran denken, daß das Schicksal von tausend Hoffnungen immer nur eine
zum Ziele führt. Ich habe den Tod eines Schaffenden immer als ein
Verbrechen gegen das keimende Leben empfunden, und so oft ich in diesem
Kriege davon hörte, ergriff mich jenes widerwärtige Gefühl, das uns
stets berührt, wenn wir von der Ermordung schwangerer Frauen hören. Wie?
fragte ich mich, als man mir in den Tagen der Wiedergenesung erzählte,
daß ich in Gefahr geschwebt hätte, dieses lebendigste Leben wäre das
Rauschen des letzten Ufers gewesen? Nie habe ich mich dem Tode so ferne
gefühlt, und noch in diesen Wochen, als ich in der Wüste durch die Lager
armenischer Flüchtlinge ging und sie ihre Toten begraben sah, war mir,
als ginge ich nur hindurch als der Abgesandte einer anderen Welt, um
heimgekehrt aus der Hölle des Tages die Botschaft ewiger Liebe zu
verkünden.
Aber wie sollte die Zeit, dieses menschenfressende Ungeheuer, an dessen
knochenbedecktem Tische ich nun so lange Monate saß, zurückschrecken vor
einem Geheimnis, vor dem selbst noch die französische Revolution
gezögert hat? Und vielleicht werden Sie doch eines hellen Frühlingstages
sich auf die Bahn setzen, um in jene wälderumrauschte Stadt zu fahren,
aus der noch einen Monat vor dem Kriege so viele Blätter auf den
Schreibtisch Ihres Zimmers regneten. Und Sie werden in das Haus dieser
alten Frau treten, von der ich Ihnen oftmals erzählte und deren Augen
verklärt sind von dem zartesten Blau, das ich kenne, das auch Sie
vielleicht einmal für Sekunden erblickten, wenn im Süden am Abend nach
dem Regen eine Wolke sich teilte und das Herz des Himmels uns offen lag.
Sie werden den breiten Schreibtisch betrachten, an dem ich gearbeitet
habe und der unbebaut liegt, wie der Boden dieses verruchten Landes.
Solche Tische haben ihre Geschichte. Auf diesem wurden einst Windeln
gelegt und Wäsche gebreitet, und auch ich selbst habe darauf gelegen.
Aber wann war es doch? Habe ich nicht schon damals aus einem Winkel
dieses Zimmers mir zugeschaut, ehe ich selbst daran saß, um gequält von
tausend feurigen Zweifeln und Begierden des Herzens das Unsagbare in
Worte zu fassen? Oh, vergessen Sie nie, daß dieses der Tisch ist, dessen
Schublade eine eifersüchtige Großmutter mit einem Nagel verschloß, um
das Geheimnis ihres Enkels zu wahren, weil sein eigener Vater zwei
Nächte in diesem Raume schlief. Und man wird Sie in das Schlafzimmer
meiner Großmutter führen, wo neben ihrem Bette jene hochwandige Kiste
steht, in der meine Papiere versammelt liegen, und die ich noch selber
beim Tischler bestellt habe, ehe ich das letzte Mal hinauszog. Und Sie
werden ein wenig verwundert vielleicht zwischen all den Zeitungen und
liegen gebliebenen Schriftstücken sitzen, in jenem Zimmer, das in die
zerflossenen Blätter eichener Bäume sieht und bei denen die geliebte
Frau jeden Tag eine Stunde der Erinnerung verbrachte, sich mit den
Resten meiner angefangenen Arbeiten zu schaffen machend, sie glättend,
ordnend, überdenkend immer von neuem beiseite zu legen, jeden Abend,
seit ich fortging in die Fremde. Sie werden darin meine Tagebücher,
eigene und fremde Briefe seit meinen Knabenjahren, französische
Zeitungen und Erinnerungen an Algier, Bilder aus der Levante und
Sizilien und kleine Andenken aus russischen Schützengräben finden, denn
ich bin Zeit meines Lebens ein Hamster gewesen und habe immer gesammelt
und gesammelt, weil ich nie genug zu haben glaubte für das Werk, dessen
weite Linien ich vor mir sah, als eine Arbeit für spätere Jahre. Dieser
Haufen Papier, mit Bleistift und Tinte unleserlich beschrieben, ist
alles, was ich hinterlasse. Ihrer liebenden Willkür vermache ich, was
Sie immer damit tun wollen, mögen Sie das Beste und Wahrhaftigste der
Gunst und dem Hasse der Menge preisgeben und geschähe es auch nur Ihnen
zuliebe. Sind doch schließlich in diesen Seiten die Dokumente eines
Dichters enthalten, wenn ich mir auch bewußt bin, daß selbst Ihnen viele
davon Noten bleiben müssen, die Sie nicht spielen können, weil ich
allein den Schlüssel besitze (o wie bedaure ich jetzt das gute
Gedächtnis), und die jenen unentzifferten assyrischen Inschriften
gleichen, die wir zuweilen auf alten Tonziegeln im Sande des Tigris
finden.
Geld habe ich keines zu vergeben. Ich bin immer ein Schuldner der andern
gewesen, und jene wenigen Sparpfennige, die meine Mutter für mich mit
rührender Geduld seit meiner Kindheit gesammelt hat, sind eine
Opfergabe, die ich mich immer gescheut habe, aus ihren Händen zu nehmen.
Schließlich bleibt meine Wohnung, dieser Tempel kindlicher
Glückseligkeit, die am Rande Berlins wie in einer Totenkammer
aufgespeichert liegt und die an meine Eltern und Brüder zurückfallen
soll. Nur mein Schlafzimmer, dieser zwiefache Schmuckkasten, möge in die
Hände jener ruhelosen Schauspielerin wandern, die wie ein Raffael ohne
Arme geboren wurde und deren Namen an dieser Stelle auszusprechen ich
mich scheue. Aber wer wird je diese Möbel so lieben und anbeten wie ich?
Wer wird so Erinnerungen in sie verweben und ihre Märchen kennen wie
ich? Nicht einmal jene kleine dämonische Seele, für die ich sie unter
Mühsal und Entbehrungen zusammensuchte und die ich nach so bitteren
Erkenntnissen der Einsamkeit und dem Begehren fremder Männer preisgab.
Von meinen zahlreichen Büchern endlich sollen Sie, lieber Freund, sich
die Werke Charles Louis Philippes nehmen, den ich so sehr geliebt habe.
Den Rest aber möchte ich so verteilt sehen, daß jeder meiner Freunde
etwas davon erhält.
Wenn Sie mit liebender Hand diese Dinge aus ihrer Verborgenheit heben,
werde ich freilich nicht mehr dabei sein, und ich möchte wohl, daß man
mich auf ihrem Scheiterhaufen verbrennt, denn diese Bücher sind mir
allezeit gute Freunde gewesen, immer bereite Pferde, auf denen ich in
das Land unerfüllter Hoffnungen ritt, und diese Möbel, heroische
Schicksalsgenossen, verdienten es wohl, daß man sie wie treue Frauen am
Holzstoß der gefallenen Helden an meinem Sarge verbrennt. Es wäre meinem
Leben gewiß nicht unangemessen, so auf der Wanderung zu verscheiden, und
ich möchte wohl, daß man meine Asche in alle Winde streute, daß sie ruhe
auf den vier Straßen des Lebens, auf denen ich so viele Jahre meiner
Jugend verbrachte. Nur mein Herz möge man in eine Kapsel schließen, es
noch einmal in Eure Nähe zu bringen, die ich so sehr geliebt habe.
Dieses Herz, das immer der Kompaß meines Geistes gewesen ist,
vielleicht, daß es in Euren Händen noch einmal zu schlagen begänne, wie
zuweilen der erstarrte Vogel in der Hand des Gärtners warm wird und zu
singen anhebt.
Übrigens glauben Sie nicht, daß ich aus Ihrer Mitte verschwinden werde.
Eines Tages, wenn Sie sich die Schnürsenkel binden, will ich aus der
Spitze Ihrer abgetragenen Schuhe hervorsehen. Vielleicht finden Sie mich
auf dem Pflaster des Nollendorfplatzes in einem verlorenen Hausschlüssel
wieder, der zwischen Pferdedung und von den Rädern der Wagen verbogen
auf die Steine fiel. In einem Warenhause werde ich aus dem Wassersturze
der Dinge über Sie herfallen. Vielleicht leuchte ich Ihnen in zehn
Jahren aus den Augen eines Jünglings wider, der in irgendeinem Saale
dieser maßlosen Stadt ewige Verse in eine unberührte Menge hinabwirft;
denn wie könnte ich je glauben, daß das Werk, für das ich glühte, um
dessentwillen ich Heimat und Geliebte verließ, unvollendet verloren
ginge -- oh, dann lieben Sie ihn, wie Sie mich geliebt haben, mit dem
Ernst und den Erfahrungen Ihres Alters! Wie könnte ich glauben, daß ich,
ein kosmopolitisches Känguruh, in der Wüste mit dem vollen Beutel
verfaulen sollte, in den ich so fremdartige und kostbare Schätze häufte,
daß die Sendung unerfüllt bliebe, für die auch ich nur ein Sendling war
und die der Zufall nur in eine ebenso herrische wie demütige Seele warf.
Denn ich habe immer die tiefe Überzeugung gefühlt, daß der Tod, so oft
und gern ich ihm Freund und Gefährte war, mich erst treffen würde, wenn
das Werk in sichtbarer Vollendung sich von mir gelöst hat, wenn ich nach
so langen Jahren des drohnenhaften Umherirrens, am Glücke und am Elend
des Menschen saugend, endlich das Fegefeuer dieser brennenden Zeit
durchflogen hätte, sei es auch, um aus dem Taumel seligster
Schaffenslust mit zerschmettertem Haupt auf die Erde zu stürzen, nachdem
ich den Keim in die ewige Seele der Menschheit gelegt hätte, die das
kostbare Gut in ihrem Innern bergend aus den Kampflüften der Geister
heimkehrte in das Haus des Fleißes, zu den fiebernden Brücken der
Begierde, in den schwermütigen Gesang der Arbeit.
Aber wohin verliere ich mich, Geliebter? Noch brennt die Sonne, noch
breiten vor meinem Fenster Palmen ihre stachligen Schöpfe, die, wie
grüne Raketen auseinanderfallend, in der blauen Luft erstarrt sind. Noch
zieht, von Frühlingswassern umspült, die Wüste einen blühenden Teppich
um ihre alternden Füße. Noch lebe ich, am Nabel der Welt, in die Rätsel
buntester Völker geworfen, grüßt unendliche Auferstehung den gemarterten
Leib, noch höre ich Ihre Stimme an meinem Ohr, fühle, von heiterstem
Glücke durchströmt, Ihre Hände auf meinem Herzen.
Ihre Drohne, die Lieblingsdrohne der Königin.