Für ein greises geliebtes Haupt

Die große Palme und der kleine Schößling sind

dahingegangen.

Ich blieb allein zurück.

Aus einem arabischen Liede.

Diese Briefe reden vom Tode, manche sind an Tote gerichtet. Als ich sie

schrieb, wußte ich nicht, daß ich sie einmal zu einem Buche vereinen

würde. Aber im Angesicht der Vernichtung, unter dem fahlen Horizont

einer ausgebrannten Steppe, wurde unwillkürlich der Wunsch in mir wach,

in diesen vielleicht letzten Äußerungen des Daseins über die

persönlichen Freunde hinaus einer größeren, unsichtbaren Gemeinde etwas

von dem zu sagen, das mich bewegte. Dieser Wunsch schlief auch dann

nicht ein, als ich in schwerer Stunde aus den Mauern einer auf viele

Meilen in die Einsamkeit verbannten Stadt jenen letzten Abschiedsbrief

schrieb und nach menschlichen Überzeugungen mit dem Tode rechnen mußte.

Damals wurden einige dieser Briefe in Deutschland gedruckt, wo sie

leidenschaftliche Erregung erweckten; einer, den die Zensur aufgriff,

verursachte später meine Rückberufung aus der Türkei. Dies, sowie die

empörte Anteilnahme, die mich zu jenem unglücklichen Volke zog, dessen

furchtbaren Untergang ich erleben mußte, waren der Grund, daß man mir

nach meiner Rückkehr aus Bagdad die Bitte, auch weiterhin in diesem

Lande zu verbleiben, das ich durch die Erhabenheit seiner heroischen

Landschaft, die Fülle der erfahrenen Leiden liebgewonnen hatte,

versagte. Als sich meine Abreise von Konstantinopel durch die

Schwierigkeiten der Behörden verzögerte, wurde ich durch Soldaten der

deutschen Militärmission verhaftet und bis zu meiner zwangsweisen

Abfahrt auf einem Dampfer im Goldenen Horn interniert.

So blieben diese Briefe nicht nur Angelegenheit der Wenigen, für die sie

bestimmt waren, sondern wurden zu dem Bekenntnis eines von Schmerzen

erfüllten Weges, bemüht, einen Ausdruck zu finden für die Kämpfe des

Menschen dieser Zeit, als noch der Glaube einsamer Seelen war, was viele

jetzt laut auf den Lippen tragen. Zwar: die alte Erde umgibt mich

wieder. Dennoch sollte auch ich von jener traurigen Straße, auf der ein

unbekanntes Schicksal mich verschont hatte, nicht wieder zurückkehren.

Ist es das eigene Herz, das ich verwandelt sehe? Ist es der Atem der

getöteten Heimat, die mich vergeblich nach Menschen, Gedanken, Zuständen

suchen läßt, die ich verlassen habe, um sie nie mehr zu finden?

_Berlin_, Januar 1919.

Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen · 第 7 / 38 题