Reineke, sagte der König: die Rede hab ich verstanden,

Habe die Worte gehört, und was du alles erzähltest.

War dein Vater so groß hier am Hofe und hat er so viele

Nützliche Taten getan, das mag wohl lange schon her sein.

Ich erinnre michs nicht, auch hat mirs niemand berichtet.

Eure Händel dagegen, die kommen mir öfters zu Ohren,

Immer seid Ihr im Spiele, so hör ich wenigstens sagen;

Tun sie Euch unrecht damit, und sind es alte Geschichten,

Möcht ich einmal was Gutes vernehmen; es findet sich selten.

Herr, versetzte Reineke drauf: ich darf mich hierüber

Wohl erklären vor Euch, denn mich betrifft ja die Sache.

Gutes hab ich Euch selber getan! es sei Euch nicht etwa

Vorgeworfen; behüte mich Gott! ich erkenne mich schuldig,

Euch zu leisten, soviel ich vermag. Ihr habt die Geschichte

Ganz gewiß nicht vergessen. Ich war mit Isegrim glücklich

Einst ein Schwein zu erjagen, es schrie, wir bissen es nieder;

Und Ihr kamt und klagtet so sehr und sagtet: es käme

Eure Frau noch hinter Euch drein, und teilte nur jemand

Wenige Speise mit Euch, so wär euch beiden geholfen.

Gebet von Eurem Gewinne was ab! so sagtet Ihr damals.

Isegrim sagte wohl: Ja! doch murmelt' er unter dem Barte,

Daß man kaum es verstand. Ich aber sagte dagegen:

Herr! es ist Euch gegönnt, und wärens der Schweine die Menge.

Sagt, wer soll es verteilen? Der Wolf! versetztet Ihr wieder.

Isegrim freute sich sehr; er teilte, wie er gewohnt war,

Ohne Scham und Scheu und gab Euch eben ein Viertel,

Eurer Frauen das andre, und er fiel über die Hälfte,

Schlang begierig hinein und reichte mir außer den Ohren

Nur die Nase noch hin und eine Hälfte der Lunge;

Alles andre behielt er für sich, Ihr habt es gesehen.

Wenig Edelmut zeigt' er uns da. Ihr wißt es, mein König!

Euer Teil verzehrtet Ihr bald, doch merkt ich, Ihr hattet

Nicht den Hunger gestillt, nur Isegrim wollt es nicht sehen,

Aß und kaute so fort und bot Euch nicht das geringste.

Aber da traft Ihr ihn auch mit Euren Tatzen gewaltig

Hinter die Ohren, verschobt ihm das Fell, mit blutiger Glatze

Lief er davon, mit Beulen am Kopf, und heulte vor Schmerzen.

Und Ihr rieft ihm noch zu: Komm wieder, lerne dich schämen!

Teilst du wieder, so triff mirs besser, sonst will ich dirs zeigen.

Jetzt mach eilig dich fort und bring uns ferner zu essen!

Herr! gebietet Ihr das? versetzt ich: so will ich ihm folgen,

Und ich weiß, ich hole schon was. Ihr wart es zufrieden.

Ungeschickt hielt sich Isegrim damals, er blutete, seufzte,

Klagte mir vor; doch trieb ich ihn an, wir jagten zusammen,

Fingen ein Kalb! Ihr liebt Euch die Speise. Und als wir es brachten,

Fand sichs fett; Ihr lachtet dazu und sagtet zu meinem

Lobe manch freundliches Wort; ich wäre, meintet Ihr, trefflich

Auszusenden zur Stunde der Not, und sagtet daneben:

Teile das Kalb! Da sprach ich: Die Hälfte gehöret schon Euer!

Und die Hälfte gehört der Königin: was sich im Leibe

Findet, als Herz und Leber und Lunge, gehöret, wie billig,

Euern Kindern; ich nehme die Füße, die lieb ich zu nagen,

Und das Haupt behalte der Wolf, die köstliche Speise.

Als Ihr die Rede vernommen, versetztet Ihr: Sage! wer hat dich

So nach Hofart teilen gelehrt? ich möcht es erfahren.

Da versetzt ich: Mein Lehrer ist nah, denn dieser mit rotem

Kopfe, mit blutiger Glatze, hat mir das Verständnis geöffnet.

Ich bemerkte genau, wie er heut frühe das Ferkel

Teilte, da lernt ich den Sinn von solcher Teilung begreifen;

Kalb oder Schwein, ich find es nun leicht und werde nicht fehlen.

Schaden und Schande befiel den Wolf und seine Begierde.

Seinesgleichen gibt es genug! Sie schlingen der Güter

Reichliche Früchte zusamt den Untersassen hinunter.

Alles Wohl zerstören sie leicht, und keine Verschonung,

Ist zu erwarten, und wehe dem Lande, das selbige nähret!

Seht! Herr König, so hab ich Euch oft in Ehren gehalten.

Alles, was ich besitze und was ich nur immer gewinne,

Alles widm ich Euch gern und Eurer Königin; sei es

Wenig oder auch viel, Ihr nehmt das meiste von allem.

Wenn Ihr des Kalbes und Schweines gedenkt, so merkt ihr die Wahrheit,

Wo die rechte Treue sich findet. Und dürfte wohl etwa

Isegrim sich mit Reineken messen? Doch leider im Ansehn

Steht der Wolf als oberster Vogt, und alle bedrängt er.

Euren Vorteil besorgt er nicht sehr; zum halben und ganzen

Weiß er den seinen zu fördern. So führt er freilich mit Braunen

Nun das Wort, und Reinekens Rede wird wenig geachtet.

Herr! es ist wahr, man hat mich verklagt, ich werde nicht weichen,

Denn ich muß nun hindurch, und also sei es gesprochen:

Ist hier einer, der glaubt zu beweisen, so komm er mit Zeugen,

Halte sich fest an die Sache und setze gerichtlich zum Pfande

Sein Vermögen, sein Ohr, sein Leben, wenn er verlöre,

Und ich setze das gleiche dagegen: so hat es zu Rechte

Stets gegolten, so halte mans noch, und alle die Sache,

Wie man sie für und wider gesprochen, sie werde getreulich

Solcherweise geführt und gerichtet; ich darf es verlangen!

Wie es auch sei, versetzte der König: am Wege des Rechtes

Will und kann ich nicht schmälern, ich hab es auch niemals gelitten,

Groß ist zwar der Verdacht, du habest an Lampens Ermordung

Teilgenommen, des redlichen Boten! ich liebt ihn besonders

Und verlor ihn nicht gern, betrübte mich über die Maßen,

Als man sein blutiges Haupt aus deinem Ränzel herauszog;

Auf der Stelle büßt' es Bellyn, der böse Begleiter,

Und du magst die Sache nun weiter gerichtlich verfechten.

Was mich selber betrifft, vergeb ich Reineken alles,

Denn er hielt sich zu mir in manchen bedenklichen Fällen.

Hätte weiter jemand zu klagen, wir wollen ihn hören:

Stell er unbescholtene Zeugen und bringe die Klage

Gegen Reineken ordentlich vor, hier steht er zu Rechte!

Reineke sagte: Gnädiger Herr! ich danke zum besten.

Jeden hört Ihr, und jeder genießt die Wohltat des Rechtes.

Laßt mich heilig beteuern, mit welchem traurigen Herzen

Ich Bellyn und Lampen entließ: mir ahndete, glaub ich,

Was den beiden sollte geschehn, ich liebte sie zärtlich.

So staffierte Reineke klug Erzählung und Worte.

Jedermann glaubt' ihm; er hatte die Schätze so zierlich beschrieben,

Sich so ernstlich betragen, er schien die Wahrheit zu reden;

Ja, man sucht' ihn zu trösten. Und so betrog er den König,

Dem die Schätze gefielen; er hätte sie gerne besessen,

Sagte zu Reineken: Gebt Euch zufrieden, Ihr reiset und suchet

Weit und breit, das Verlorne zu finden, das mögliche tut Ihr;

Wenn Ihr meiner Hilfe bedürft, sie steht Euch zu Diensten.

Dankbar, sagte Reineke drauf, erkenn ich die Gnade;

Diese Worte richten mich auf und lassen mich hoffen.

Raub und Mord zu bestrafen, ist Eure höchste Behörde.

Dunkel bleibt mir die Sache, doch wird sichs finden; ich sehe

Mit dem größten Fleiße darnach und werde des Tages

Emsig reisen und nachts und alle Leute befragen.

Hab ich erfahren, wo sie sich finden, und kann sie nicht selber

Wiedergewinnen, wär ich zu schwach, so bitt ich um Hilfe,

Die gewährt Ihr alsdann, und sicher wird es geraten.

Bring ich glücklich die Schätze vor Euch, so find ich am Ende

Meine Mühe belohnt und meine Treue bewähret.

Gerne hört' es der König und fiel in allem und jedem

Reineken bei, der hatte die Lüge so künstlich geflochten.

Alle die andern glaubten es auch; er durfte nun wieder

Reisen und gehen, wohin ihm gefiel, und ohne zu fragen.

Aber Isegrim konnte sich länger nicht halten, und knirschend

Sprach er: Gnädiger Herr! So glaubt Ihr wieder dem Diebe,

Der Euch zwei- und dreifach belog? Wen sollt es nicht wundern!

Seht Ihr nicht, daß der Schalk Euch betrügt und uns alle beschädigt?

Wahrheit redet er nie, und eitel Lügen ersinnt er.

Aber ich laß ihn so leicht nicht davon! Ihr sollt es erfahren,

Daß er ein Schelm ist und falsch. Ich weiß drei große Verbrechen,

Die er begangen; er soll nicht entgehn, und sollten wir kämpfen.

Zwar man fordert Zeugen von uns, was wollte das helfen?

Stünden sie hier und sprächen und zeugten den ganzen Gerichtstag,

Könnte das fruchten? er täte nur immer nach seinem Belieben,

Oft sind keine Zeugen zu stellen, da sollte der Frevler

Nach wie vor die Tücke verüben? Wer traut sich, zu reden?

Jedem hängt er was an, und jeder fürchtet den Schaden.

Ihr und die Euren empfinden es auch und alle zusammen.

Heute will ich ihn halten, er soll nicht wanken noch weichen,

Und er soll zu Rechte mir stehn; nun mag er sich wahren!

Elfter Gesang

Isegrim klagte, der Wolf, und sprach: Ihr werdet verstehen!

Reineke, gnädiger König, so wie er immer ein Schalk war,

Bleibt er es auch und steht und redet schändliche Dinge,

Mein Geschlecht zu beschimpfen und mich. So hat er mir immer,

Meinem Weibe noch mehr, empfindliche Schande bereitet.

So bewog er sie einst, in einem Teiche zu waten

Durch den Morast und hatte versprochen, sie solle des Tages

Viele Fische gewinnen; sie habe den Schwanz nur ins Wasser

Einzutauchen und hängen zu lassen: es würden die Fische

Fest sich beißen, sie könne selbviert nicht alle verzehren.

Watend kam sie darauf und schwimmend gegen das Ende,

Gegen den Zapfen; da hatte das Wasser sich tiefer gesammelt,

Und er hieß sie den Schwanz ins Wasser hängen. Die Kälte

Gegen Abend war groß, und grimmig begann es zu frieren,

Daß sie fast nicht länger sich hielt; so war auch in kurzem

Ihr der Schwanz ins Eis gefroren, sie konnt ihn nicht regen,

Glaubte, die Fische wären so schwer, es wäre gelungen.

Reineke merkt' es, der schändliche Dieb, und was er getrieben,

Darf ich nicht sagen, er kam und übermannte sie leider.

Von der Stelle soll er mir nicht! es kostet der Frevel

Einen von beiden, wie Ihr uns seht, noch heute das Leben.

Denn er schwätzt sich nicht durch; ich hab ihn selber betroffen

Über der Tat, mich führte der Zufall am Hügel den Weg her.

Laut um Hilfe hört ich sie schreien, die arme Betrogne,

Fest im Eise stand sie gefangen und konnt ihm nicht wehren,

Und ich kam und mußte mit eignen Augen das alles

Sehen! Ein Wunder fürwahr, daß mir das Herz nicht gebrochen.

Reineke! rief ich: was tust du? Er hörte mich kommen und eilte

Seine Straße. Da ging ich hinzu mit traurigem Herzen,

Mußte waten und frieren im kalten Wasser und konnte

Nur mit Mühe das Eis zerbrechen, mein Weib zu erlösen.

Ach, es ging nicht glücklich vonstatten! sie zerrte gewaltig,

Und es blieb ihr ein Viertel des Schwanzes im Eise gefangen.

Jammernd klagte sie laut und viel, das hörten die Bauern,

Kamen hervor und spürten uns aus und riefen einander.

Hitzig liefen sie über den Damm mit Piken und äxten,

Mit dem Rocken kamen die Weiber und lärmten gewaltig:

Fangt sie! schlagt nur und werft! so riefen sie gegeneinander.

Angst wie damals empfand ich noch nie, das gleiche bekennet

Gieremund auch, wir retteten kaum mit Mühe das Leben,

Liefen, es rauchte das Fell. Da kam ein Bube gelaufen,

Ein vertrackter Geselle, mit einer Pike bewaffnet;

Leicht zu Fuße, stach er nach uns und drängt' uns gewaltig.

Wäre die Nacht nicht gekommen, wir hätten das Leben gelassen.

Und die Weiber riefen noch immer, die Hexen, wir hätten

Ihre Schafe gefressen. Sie hätten uns gerne getroffen,

Schimpften und schmähten hinter uns drein. Wir wandten uns aber

Von dem Lande wieder zum Wasser und schlupften behende

Zwischen die Binsen; da trauten die Bauern nicht weiter zu folgen,

Denn es war dunkel geworden, sie machten sich wieder nach Hause.

Knapp entkamen wir so. Ihr sehet, gnädiger König,

Überwältigung, Mord und Verrat, von solchen Verbrechen

Ist die Rede; die werdet Ihr streng, mein König, bestrafen.

Als der König die Klage vernommen, versetzt' er: Es werde

Rechtlich hierüber erkannt, doch laßt uns Reineken hören.

Reineke sprach: Verhielt' es sich also, würde die Sache

Wenig Ehre mir bringen, und Gott bewahre mich gnädig,

Daß man es fände, wie er erzählt! Doch will ich nicht leugnen,

Daß ich sie Fische fangen gelehrt und auch ihr die beste

Straße, zu Wasser zu kommen, und sie zu dem Teiche gewiesen.

Aber sie lief so gierig darnach, sobald sie nur Fische

Nennen gehört, und Weg und Maß und Lehre vergaß sie.

Blieb sie fest im Eise befroren, so hatte sie freilich

Viel zu lange gesessen; denn hätte sie zeitig gezogen,

Hätte sie Fische genug zum köstlichen Mahle gefangen.

Allzu große Begierde wird immer schädlich. Gewöhnt sich

Ungenügsam das Herz, so muß es vieles vermissen;

Wer den Geist der Gierigkeit hat, er lebt nur in Sorgen,

Niemand sättiget ihn. Frau Gieremund hat es erfahren,

Da sie im Eise befror. Sie dankt nun meiner Bemühung

Schlecht. Das hab ich davon, daß ich ihr redlich geholfen!

Denn ich schob und wollte mit allen Kräften sie heben,

Doch sie war mir zu schwer, und über dieser Bemühung

Traf mich Isegrim an, der längs dem Ufer daherging,

Stand da droben und rief und fluchte grimmig herunter.

Ja fürwahr, ich erschrak, den schönen Segen zu hören.

Eins und zwei- und dreimal warf er die gräßlichsten Flüche

Über mich her und schrie, von wildem Zorne getrieben,

Und ich dachte: du machst dich davon und wartest nicht länger;

Besser laufen, als faulen. Ich hatt es eben getroffen,

Denn er hätte mich damals zerrissen. Und wenn es begegnet,

Daß zwei Hunde sich beißen um Einen Knochen, da muß wohl

Einer verlieren. So schien mir auch da das Beste geraten,

Seinem Zorn zu entweichen und seinem verworrnen Gemüte.

Grimmig war er und bleibt es, wie kann ers leugnen? Befraget

Seine Frau; was hab ich mit ihm, dem Lügner, zu schaffen?

Denn sobald er sein Weib im Eise befroren bemerkte,

Flucht' und schalt er gewaltig und kam und half ihr entkommen.

Machten die Bauern sich hinter sie her, so war es zum besten;

Denn so kam ihr Blut in Bewegung, sie froren nicht länger.

Was ist weiter zu sagen? Es ist ein schlechtes Benehmen,

Wer sein eigenes Weib mit solchen Lügen beschimpfet.

Fragt sie selber, da steht sie, und hätt er die Wahrheit gesprochen,

Würde sie selber zu klagen nicht fehlen. Indessen erbitt ich

Eine Woche mir Frist, mit meinen Freunden zu sprechen,

Was für Antwort dem Wolf und seiner Klage gebühret.

Gieremund sagte darauf: In Eurem Treiben und Wesen

Ist nur Schalkheit, wir wissen es wohl, und Lügen und Trügen,

Büberei, Täuschung und Trotz. Wer Euren verfänglichen Reden

Glaubt, wird sicher am Ende beschädigt. Immer gebraucht Ihr

Lose verworrene Worte. So hab ichs am Borne gefunden.

Denn zwei Eimer hingen daran, Ihr hattet in einen,

Weiß ich, warum? Euch gesetzt und wart herniedergefahren;

Nun vermochtet Ihr nicht, Euch selber wieder zu heben,

Und Ihr klagtet gewaltig. Des Morgens kam ich zum Brunnen,

Fragte: Wer bracht Euch herein? Ihr sagtet: Kommt Ihr doch eben,

Liebe Gevatterin, recht! ich gönn Euch jeglichen Vorteil;

Steigt in den Eimer da droben, so fahrt Ihr hernieder und esset

Hier an Fischen Euch satt. Ich war zum Unglück gekommen,

Denn ich glaubt es, Ihr schwurt noch dazu: Ihr hättet so viele

Fische verzehrt, es schmerz Euch der Leib. Ich ließ mich betören,

Dumm, wie ich war, und stieg in den Eimer; da ging er hernieder

Und der andere wieder herauf, Ihr kamt mir entgegen.

Wunderlich schien mirs zu sein, ich fragte voller Erstaunen:

Sagt, wie gehet das zu? Ihr aber sagtet dawider:

Auf und ab, so gehts in der Welt, so geht es uns beiden.

Ist es doch also der Lauf. Erniedrigt werden die einen,

Und die andern erhöht, nach eines jeglichen Tugend.

Aus dem Eimer sprangt Ihr und lieft und eiltet von dannen.

Aber ich saß im Brunnen bekümmert und mußte den Tag lang

Harren und Schläge genug am selbigen Abend erdulden,

Eh ich entkam. Es traten zum Brunnen einige Bauern,

Sie bemerkten mich da. Von grimmigem Hunger gepeinigt,

Saß ich in Trauer und Angst, erbärmlich war mir zumute.

Untereinander sprachen die Bauern: Da sieh nur, im Eimer

Sitzt da unten der Feind, der unsre Schafe vermindert.

Hol ihn herauf, versetzte der eine: ich halte mich fertig

Und empfang ihn am Rand, er soll uns die Lämmer bezahlen!

Wie er mich aber empfing, das war ein Jammer! Es fielen

Schläg auf Schläge mir über den Pelz, ich hatte mein Leben

Keinen traurigern Tag, und kaum entrann ich dem Tode.

Reineke sagte darauf. Bedenkt genauer die Folgen,

Und Ihr findet gewiß, wie heilsam die Schläge gewesen.

Ich für meine Person mag lieber dergleichen entbehren,

Und wie die Sache stand, so mußte wohl eines von beiden

Sich mit den Schlägen beladen, wir konnten zugleich nicht entgehen.

Wenn Ihrs Euch merkt, so nutzt es Euch wohl, und künftig vertraut Ihr

Keinem so leicht in ähnlichen Fällen. Die Welt ist voll Schalkheit.

Ja, versetzte der Wolf: was braucht es weiter Beweise!

Niemand verletzte mich mehr, als dieser böse Verräter.

Eines erzählt ich noch nicht, wie er in Sachsen mich einmal

Unter das Affengeschlecht zu Schand und Schaden geführet.

Er beredete mich, in eine Höhle zu kriechen,

Und er wußte voraus, es würde mir übels begegnen.

Wär ich nicht eilig entflohn, ich wär um Augen und Ohren

Dort gekommen. Er sagte vorher mit gleisenden Worten:

Seine Frau Muhme find ich daselbst, er meinte die äffin;

Doch es verdroß ihn, daß ich entkam. Er schickte mich tückisch

In das abscheuliche Nest, ich dacht, es wäre die Hölle.

Reineke sagte darauf vor allen Herren des Hofes:

Isegrim redet verwirrt, er scheint nicht völlig bei Sinnen.

Von der äffin will er erzählen, so sag er es deutlich.

Drittehalb Jahr sinds her, als nach dem Lande zu Sachsen

Er mit großem Prassen gezogen, wohin ich ihm folgte.

Das ist wahr, das übrige lügt er. Es waren nicht Affen,

Meerkatzen warens, von welchen er redet; und nimmermehr werd ich

Diese für meine Muhmen erkennen. Martin, der Affe,

Und Frau Rückenau sind mir verwandt; sie ehr ich als Muhme,

Ihn als Vetter, und rühme mich des. Notarius ist er

Und versteht sich aufs Recht. Doch was von jenen Geschöpfen

Isegrim sagt, geschieht mir zum Hohn, ich habe mit ihnen

Nichts zu tun, und nie sinds meine Verwandten gewesen;

Denn sie gleichen dem höllischen Teufel. Und daß ich die Alte

Damals Muhme geheißen, das tat ich mit gutem Bedachte.

Nichts verlor ich dabei, das will ich gerne gestehen:

Gut gastierte sie mich, sonst hätte sie mögen ersticken.

Seht, Ihr Herren! wir hatten den Weg zur Seite gelassen,

Gingen hinter dem Berg, und eine düstere Höhle,

Tief und lang, bemerkten wir da. Es fühlte sich aber

Isegrim krank, wie gewöhnlich, vor Hunger. Wann hätt ihn auch jemals

Einer so satt gesehen, daß er zufrieden gewesen?

Und ich sagte zu ihm: In dieser Höhle befindet

Speise fürwahr sich genug, ich zweifle nicht, ihre Bewohner

Teilen gerne mit uns, was sie haben, wir kommen gelegen.

Isegrim aber versetzte darauf: Ich werde, mein Oheim,

Unter dem Baume hier warten, Ihr seid in allem geschickter,

Neue Bekannte zu machen, und wenn Euch Essen gereicht wird,

Tut mirs zu wissen! So dachte der Schalk, auf meine Gefahr erst

Abzuwarten, was sich ergäbe; ich aber begab mich

In die Höhle hinein. Nicht ohne Schauer durchwandert

Ich den langen und krummen Gang, er wollte nicht enden.

Aber was ich dann fand--den Schrecken wollt ich um vieles

Rotes Gold nicht zweimal in meinem Leben erfahren!

Welch ein Nest voll häßlicher Tiere, großer und kleiner!

Und die Mutter dabei, ich dacht, es wäre der Teufel.

Weit und groß ihr Maul mit langen häßlichen Zähnen,

Lange Nägel an Händen und Füßen und hinten ein langer

Schwanz an den Rücken gesetzt; so was Abscheuliches hab ich

Nicht im Leben gesehn! Die schwarzen leidigen Kinder

Waren seltsam gebildet, wie lauter junge Gespenster.

Greulich sah sie mich an. Ich dachte: wär ich von dannen!

Größer war sie als Isegrim selbst, und einige Kinder

Fast von gleicher Statur. Im faulen Heue gebettet

Fand ich die garstige Brut und über und über beschlabbert

Bis an die Ohren mit Kot, es stank in ihrem Reviere

Ärger als höllisches Pech. Die reine Wahrheit zu sagen:

Wenig gefiel es mir da, denn ihrer waren so viele,

Und ich stand nur allein. Sie zogen greuliche Fratzen.

Da besann ich mich denn, und einen Ausweg versucht ich,

Grüßte sie schön--ich meint es nicht so--und wußte so freundlich

Und bekannt mich zu stellen. Frau Muhme! sagt ich zur Alten,

Vettern hieß ich die Kinder und ließ es an Worten nicht fehlen.

Spar Euch der gnädige Gott auf lange glückliche Zeiten!

Sind das Eure Kinder? Fürwahr! ich sollte nicht fragen;

Wie behagen sie mir! Hilf Himmel! wie sie so lustig,

Wie sie so schön sind! Man nähme sie alle für Söhne des Königs.

Seid mir vielmal gelobt, daß Ihr mit würdigen Sprossen

Mehret unser Geschlecht, ich freue mich über die Maßen.

Glücklich find ich mich nun, von solchen öhmen zu wissen;

Denn zu Zeiten der Not bedarf man seiner Verwandten.

Als ich ihr soviel Ehre geboten, wiewohl ich es anders

Meinte, bezeigte sie mir von ihrer Seite desgleichen,

Hieß mich Oheim und tat so bekannt, so wenig die Närrin

Auch zu meinem Geschlechte gehört. Doch konnte für diesmal

Gar nicht schaden, sie Muhme zu heißen. Ich schwitzte dazwischen

Über und über vor Angst; allein sie redete freundlich:

Reineke, werter Verwandter, ich heiß Euch schönstens willkommen!

Seid Ihr auch wohl? Ich bin Euch mein ganzes Leben verbunden,

Daß Ihr zu mir gekommen. Ihr lehret kluge Gedanken

Meine Kinder fortan, daß sie zu Ehren gelangen.

Also hört ich sie reden; das hatt ich mit wenigen Worten,

Daß ich sie Muhme genannt und daß ich die Wahrheit geschonet,

Reichlich verdient. Doch wär ich so gern im Freien gewesen.

Aber sie ließ mich nicht fort und sprach: Ihr dürfet, mein Oheim,

Unbewirtet nicht weg! Verweilet, laßt Euch bedienen.

Und sie brachte mir Speise genug, ich wüßte sie wahrlich

Jetzt nicht alle zu nennen; verwundert war ich zum höchsten,

Wie sie zu allem gekommen. Von Fischen, Rehen und anderm

Guten Wildbret, ich speiste davon, es schmeckte mir herrlich.

Als ich zur Gnüge gegessen, belud sie mich über das alles,

Bracht ein Stück vom Hirsche getragen, ich sollt es nach Hause

Zu den Meinigen bringen, und ich empfahl mich zum besten.

Reineke, sagte sie noch: besucht mich öfters. Ich hätte,

Was sie wollte, versprochen; ich machte, daß ich herauskam.

Lieblich war es nicht da für Augen und Nase, ich hätte

Mir den Tod beinahe geholt; ich suchte zu fliehen,

Lief behende den Gang bis zu der öffnung am Baume.

Isegrim lag und stöhnte daselbst; ich sagte: Wie gehts Euch,

Oheim? Er sprach: Nicht wohl! ich muß vor Hunger verderben.

Ich erbarmte mich seiner und gab ihm den köstlichen Braten,

Den ich mit mir gebracht. Er aß mit großer Begierde,

Vielen Dank erzeigt' er mir da; nun hat ers vergessen!

Als er nun fertig geworden, begann er: Laßt mich erfahren,

Wer die Höhle bewohnt? Wie habt Ihrs drinne gefunden?

Gut oder schlecht? Ich sagt ihm darauf die lauterste Wahrheit,

Unterrichtet ihn wohl. Das Nest sei böse, dagegen

Finde sich drin viel köstliche Speise. Sobald er begehre,

Seinen Teil zu erhalten, so mög er kecklich hineingehn,

Nur vor allem sich hüten, die grade Wahrheit zu sagen.

Soll es Euch nach Wünschen ergehn, so spart mir die Wahrheit!

Wiederholt ich ihm noch: denn führt sie jemand beständig

Unklug im Munde, der leidet Verfolgung, wohin er sich wendet;

Überall steht er zurück, die andern werden geladen.

Also hieß ich ihn gehn; ich lehrt ihn: was er auch fände,

Sollt er reden, was jeglicher gerne zu hören begehret,

Und man werd ihn freundlich empfangen. Das waren die Worte,

Gnädiger König und Herr, nach meinem besten Gewissen.

Aber das Gegenteil tat er hernach, und kriegt' er darüber

Etwas ab, so hab er es auch; er sollte mir folgen.

Grau sind seine Zotteln fürwahr, doch sucht man die Weisheit

Nur vergebens dahinter. Es achten solche Gesellen

Weder Klugheit noch feine Gedanken; es bleibet dem groben

Tölpischen Volke der Wert von aller Weisheit verborgen.

Treulich schärft ich ihm ein, die Wahrheit diesmal zu sparen;

Weiß ich doch selbst, was sich ziemt! versetzt' er trotzig dagegen,

Und so trabt' er die Höhle hinein, da hat ers getroffen.

Hinten saß das abscheuliche Weib, er glaubte, den Teufel

Vor sich zu sehn! die Kinder dazu! da rief er betroffen:

Hilfe! Was für abscheuliche Tiere! Sind diese Geschöpfe

Eure Kinder? Sie scheinen fürwahr ein Höllengesindel.

Geht, ertränkt sie, das wäre das beste, damit sich die Brut nicht

Über die Erde verbreite! Wenn es die meinigen wären,

Ich erdrosselte sie. Man finge wahrlich mit ihnen

Junge Teufel, man brauchte sie nur in einem Moraste

Auf das Schilf zu binden, die garstigen, schmutzigen Rangen!

Ja, Mooraffen sollten sie heißen, da paßte der Name!

Reineke Fuchs(#2228) · 第 8 / 10 段